Wochenendbeilage der jungen Welt

vom 16.01.2016


 

»Die kubanische Revolution bleibt wachsam«

Gespräch Mit Gerardo Hernández. Über sein Leben nach der Freilassung aus der US-Gefangenschaft, Umsturzversuche des Westens in Kuba und die Bedeutung internationaler Solidarität für den politischen Kampf  

Volker Hermsdorf 

In: junge Welt online vom 16.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

Gerardo, Sie sind seit etwas mehr als einem Jahr wieder in Kuba – bei der Familie, den Freunden und Genossen. Wie geht es Ihnen heute, nach einem Jahr in Freiheit? 

Uns allen geht es gut. Unser Leben hat sich in kurzer Zeit total verändert. Antonio, Ramón und ich, die wir als letzte zurückgekehrt sind, haben das am drastischsten erlebt. Es dauerte ja nur wenige Stunden von unserer Entlassung aus dem Gefängnis bis zu unserem überwältigenden Empfang in Kuba. Der Kontrast konnte größer kaum sein. Dann folgte ein Jahr mit vielen Aktivitäten. Wir waren im ganzen Land unterwegs, um unserer Bevölkerung für die Solidarität zu danken. Danach gab es viele Einladungen aus dem Ausland. Und natürlich haben wir uns auch mit Familienangehörigen getroffen, von denen wir die jüngeren wegen unserer Inhaftierung ja noch gar nicht hatten kennenlernen können. Für mich persönlich war das glücklichste Ereignis, 20 Tage nach meiner Rückkehr die Geburt unserer Tochter Gema miterleben zu können. 

Wie haben Sie Kuba erlebt, als Sie nach über 16 Jahren wieder zurückgekommen sind? 

Mein Land hat sich in dieser Zeit in vielerlei Hinsicht verändert. Es wäre ja auch eher ein Grund zur Besorgnis und widerspräche der Dialektik, wenn Kuba in fast 20 Jahren gleichgeblieben wäre. Die meisten Veränderungen empfinde ich als positiv, auch wenn ich durchaus einiges sehe, an dem wir weiterarbeiten müssen. Aber ich habe eine Gesellschaft vorgefunden, in der Probleme nicht verschwiegen, sondern analysiert werden und nach Lösungen zum Wohl der Mehrheit gesucht wird. Es gibt ein klares Konzept und das Bewusstsein darüber, wo wir hin- und was wir nicht wollen. 

Das war früher nicht immer so ausgeprägt, doch heute haben wir eine klare Vorstellung davon, wo unsere Probleme liegen. Wir befinden uns derzeit mitten in einem langen und schwierigen Prozess, bei dem es darum geht, unser wirtschaftliches und politisches System zu erneuern. Unser Ziel ist der Aufbau eines immer mehr beteiligungsorientierten Sozialismus, der die bekannten Errungenschaften der Revolution verteidigt, aber auch ökonomisch erfolgreich ist. 

Welche Veränderungen sind Ihnen besonders aufgefallen? 

Als wir Kuba für unsere Mission verließen, begann die Zeit, die wir Spezialperiode nennen. Auch wer Geld hatte, konnte oft nicht einmal das Notwendigste kaufen. Heute hat sich das geändert. In vielen Bereichen gibt es ein wachsendes Warenangebot, es entwickelt sich ein kleiner privater Sektor mit Restaurants, Cafeterias und anderen Dienstleistungen. Im Tourismus nimmt nicht nur die Zahl internationaler Gäste zu. Auch wir Kubaner reisen mehr im eigenen Land, und einige besuchen Familienangehörige oder Freunde im Ausland. Die Medienlandschaft hat sich ebenfalls verändert, Probleme werden offener angegangen. Wir sind – trotz Blockade – zum Beispiel besser in der Lage, die Infrastruktur für den Zugang zum Internet schrittweise auszubauen. Wenn Sie durch Havanna gehen, sehen Sie, dass viele Menschen ihre Häuser und Wohnungen renovieren. Unsere Wirtschaft entwickelt sich Schritt um Schritt vorwärts. 

Außenpolitisch ist Kuba nicht isoliert, sondern hat eine bedeutende Rolle in der Welt. Es gibt zweifelsohne noch viel zu tun, doch generell hat sich das Land während der Zeit unserer Abwesenheit in fast allen Bereichen enorm weiterentwickelt. 

Welche Bedeutung haben die »Cuban Five« heute für die kubanische Gesellschaft? 

Die Rückkehr von uns »Fünf« ist ja nicht nur ein Erfolg des kubanischen Volkes, sondern auch einer der internationalen Solidarität. Uns ist bewusst, dass die Zustimmung und die Wärme, die uns überall entgegengebracht werden, nicht nur uns gelten, sondern Kuba und seiner Revolution. Unser Beispiel steht dafür, dass es möglich ist zu gewinnen, wenn man seinen Prinzipien treu bleibt. Wo immer wir hinkommen, kommen Leute zu uns und drücken ihre Bewunderung und ihren Dank aus. Diese Unterstützung hat uns geholfen, standhaft zu bleiben. Wir haben sie übrigens sogar im Gefängnis von Mithäftlingen erfahren, die Angehörige in Kuba hatten und sich bedankten, dass wir auch ihre Familien vor Terroristen geschützt haben. 

Sie haben nach Ihrer Rückkehr schon viele Länder besucht. Wie wurden Sie dort aufgenommen, was möchten die Menschen wissen? 

Wir haben Einladungen aus vielen Ländern erhalten. Einige haben wir gemeinsam in Begleitung unserer Familien besucht, in anderen Fällen, wie auf dieser Reise nach Deutschland, waren einzelne von uns allein unterwegs. 

In einigen Ländern wurden wir im Parlament und sogar vom Präsidenten empfangen. Mich bewegt es immer, wenn ich Menschen treffe, die sich mit Aktionen für uns eingesetzt und uns Briefe geschrieben haben. Hier in Deutschland habe ich viele Freunde, die mir in den vielen Jahren Karten und Fotos geschickt hatten, und lerne einige von ihnen jetzt endlich persönlich kennen. 

Welche Eindrücke haben Sie von der Rosa-Luxemburg-Konferenz und Ihrem Besuch in der Bundesrepublik? 

Die Konferenz hat mich durch ihre Themen, die Referenten, die ausgezeichnete Organisation, den Enthusiasmus vieler Teilnehmer und den solidarischen Geist, der von ihr ausging, beeindruckt. Besonders aufgefallen ist mir, dass viele junge Menschen dort anwesend waren. Ich habe die Hoffnung und bin optimistisch, dass diese jungen Leute unseren gemeinsamen Kampf fortsetzen werden. Die Atmosphäre auf der Konferenz war zudem geprägt vom Austausch der Ideen und Erfahrungen zwischen jüngeren und älteren Teilnehmern. Trotz unterschiedlicher Positionen stand das gemeinsame Ziel im Vordergrund. Ich möchte deshalb die Gelegenheit dieses Gesprächs nutzen, um den Organisatoren der Konferenz für die Einladung zu danken und sie zu deren Erfolg zu beglückwünschen. 

Obwohl die großen Medien der westlichen Länder versucht haben, den Fall der Cuban Five zu verschweigen, war er weltweit präsent. Welche Erfahrungen können wir daraus für unsere Arbeit ziehen? 

Die erste Erfahrung ist natürlich, dass es sich immer lohnt zu kämpfen, selbst dann, wenn es anfangs aussichtslos erscheint. Manche trauen sich nicht oder ermüden dabei, immer gegen den Strom zu schwimmen. Andere glauben den Falschinformationen, erschrecken vor den Angriffen der großen Medien und ergeben sich. Glücklicherweise haben sich in unserem Fall Menschen in aller Welt unermüdlich dafür eingesetzt, die Mauer des Schweigens einzureißen. Am Ende war es nicht mehr möglich, den Protest zu ignorieren, und selbst große US-Zeitungen wie die New York Times und die Washington Post berichteten darüber. Ich weiß, wieviel Arbeit die vielen kleinen Aktionen auch hier in Deutschland gemacht haben. Das war ja wie der Kampf Davids gegen Goliath. Doch das Ergebnis beweist, dass er sich gelohnt hat, und das sollte uns für die Zukunft optimistisch stimmen. Die Schlüssel zum Erfolg sind Solidarität und Einheit im Kampf. 

Mit der Freilassung der Fünf wurde der Annäherungsprozess zwischen Kuba und den USA ermöglicht. Wie sehen Sie den Normalisierungsprozess: eher als Chance, als Herausforderung oder auch teilweise als Bedrohung?  

Darin steckt ein bisschen von allem. Ich möchte zunächst darauf eingehen, dass einige Freunde mir ihre Skepsis über die Entwicklung dieses Prozesses gestanden haben. Sie fragen sich, ob die Revolution gegenüber ihren Gegnern Zugeständnisse macht. Bei solchen Überlegungen möchte ich zunächst daran erinnern, dass viele Vertreter der USA jahrzehntelang die Position vertreten haben, dass es mit Kuba keinerlei Vereinbarungen geben kann, solange die Castros, wie sie abfällig sagen, ohne die Volksmacht anzuerkennen, das Land regieren. Solange Kuba an den Prinzipien der Revolution festhält, wollten sie nichts mit uns zu tun haben. Doch jetzt verhandeln sie auf allen Ebenen mit uns, obwohl Raúl Castro unserer Präsident ist und wir den Sozialismus nicht abschaffen, sondern stärken. 

Man muss kein Wissenschaftler sein, um zu begreifen, wem die Geschichte in dieser Auseinandersetzung bisher recht gegeben hat. Trotzdem ist sie natürlich nicht beendet. Es gibt mächtige Interessengruppen in den USA, die jede Gelegenheit ergreifen werden, um zu versuchen, unsere Gesellschaftsordnung zu zerstören. Sie haben das seit mehr als 50 Jahren zwar nicht geschafft, aber uns Kubanern ist völlig klar, dass sie darin auch in Zukunft nicht nachlassen werden. Der Imperialismus verliert ja nicht seinen aggressiven Charakter, nur weil sie ein Papier zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Kuba unterschrieben haben. Das zerstörerische Wesen des Imperialismus bleibt bestehen, und seine Aggressivität zeigt sich an vielen Orten. Sie ändern vielleicht ihre Methoden, aber nicht ihre Ziele. Deshalb bleibt die kubanische Revolution wachsam und ist bereit, sich zu verteidigen. Wir sind nicht naiv. Uns ist sehr bewusst, wer unsere Freunde und wer unsere Gegner sind. 

Durch ihre Aufklärungsarbeit haben die Fünf dazu beigetragen, Anschläge zu verhindern und Menschen vor Schaden zu bewahren. Ist die von den Terrorgruppen in Miami ausgehende Gefahr heute geringer? 

Meiner Meinung nach ist diese Gefahr für Kuba seit dem 11. September 2001, als die USA selbst vom Terror getroffen wurden, etwas zurückgegangen. Bis zum Anschlag auf das World Trade Center haben die Anführer der Terrorgruppen in Miami ganz offen mit ihren Gewalttaten geprahlt. Aber nach diesem Tag mussten sie ihre Rhetorik ändern und vorsichtiger werden. Man kann nicht sagen, dass die Bedrohung verschwunden ist. Schließlich sind in den letzten Jahren ja auch weitere Terroristen in Kuba gefasst worden, die alle aus Miami kamen. Auch eine Reiseagentur in Florida, die Touren zum Besuch von Papst Benedikt XVI. in Kuba anbot, wurde mit einem Molotowcocktail angegriffen. 

Das zeigt, dass die Terroristen weiter aktiv sind. Der Massenmörder Luis Posada Carriles, der sich mit einem Bombenattentat auf ein kubanisches Flugzeug brüstet, darf dort unbehelligt herumlaufen. Es ist doch absurd, dass die USA überall in der Welt im Namen des Kampfes gegen den Terror Menschen töten und gleichzeitig zu Hause Terroristen wie Carriles gewähren lassen. Für uns gibt es deshalb keinen Grund zur Entwarnung. 

Vertreter der USA sagen ja auch selbst, dass sie weiterhin einen Systemwechsel in Kuba herbeiführen wollen. Sie versuchen vor allem, die Jugend zu beeinflussen. Wie können junge Menschen, für die alle Erfolge der Revolution heute selbstverständlich sind, für ihre Verteidigung gewonnen werden? 

Die USA geben jedes Jahr viele Millionen Dollar aus, um die sozialistische Gesellschaftsordnung in Kuba zu beseitigen. Sie haben dabei jahrzehntelang vor allem auf die Blockade, auf die Isolierung unseres Landes sowie auf Sabotage und Terror gesetzt. Das hat ihnen nichts gebracht. Sie haben daraus gelernt und den Schluss gezogen, dass sie ihre Methoden ändern müssen. Sie glauben, dass sie ihr Ziel leichter erreichen, sobald die jungen Kubaner die Verantwortung dafür tragen, dass die Revolution weiter vorankommt. Deshalb geben sie viel Geld zur Beeinflussung der jungen Leute aus. Es gibt dafür zahlreiche US-Programme, einige sind geheim, andere bekannt. 

Die USA und ihre Helfer arbeiten systematisch und mit großer Geduld zielstrebig in Sektoren unserer Gesellschaft, in denen sie sich eine größere Anfälligkeit für ihre Beeinflussungsversuche erhoffen. Uns kubanischen Revolutionären ist die Situation der heutigen Jugendlichen bewusst. Die Mehrheit der Kubaner ist nach dem Sieg der Revolution geboren und kennt das vorangegangene kapitalistische Regime nicht aus eigener Erfahrung. Unsere Jugendlichen kennen nichts anderes als ihre kostenlosen Schulen und Universitäten, die kostenlose Gesundheitsversorgung und eine Gesellschaft, in der niemand Angst vor Gewalt von Banden oder Schwerkriminalität haben muss. Wenn man in einer solchen Gesellschaft geboren wird und aufwächst, dann erscheint einem all das normal. Man musste es sich nicht erkämpfen. 

Es gibt einen Spruch: Man schätzt etwas erst, wenn man es verloren hat. 

Ich will nicht sagen, dass die heutige Jugend in Kuba diese Vorteile nicht würdigt, aber es fehlt ihnen doch oft die Vorstellung davon, wie schwer es für unsere Eltern und Großeltern war, all dies zu erkämpfen. Ich bin aber trotzdem nicht pessimistisch und habe großes Vertrauen in die kubanische Jugend. Denken Sie nur an die vielen jungen Ärzte, Schwestern und Pfleger, die in Afrika gegen den Ebola-Virus im Einsatz waren. Viele unserer jungen Leute erfüllen in den Missionen in aller Welt selbstlos und mit großem Engagement schwierige Aufgaben. Das sind auch die kubanischen Jugendlichen. In Kuba selbst widmen sich Zigtausende hochmotiviert ihrem Studium oder ihrer Ausbildung. Man darf die Herausforderungen und Gefahren sicher nicht ignorieren, doch ich bin in bezug auf unsere Jugend optimistisch. 

Was halten Sie von Angeboten wie dem »Proyecto Tamara Bunke«, bei dem Jugendliche aus Deutschland mehrere Monate an der polytechnischen Universität von Havanna (CUJAE) Kurse belegen können und sich dabei mit kubanischen Jugendlichen austauschen? 

Das scheint mir eine sehr gute Initiative zu sein, von der beide Seiten etwas haben können. Wir leben alle in einer globalisierten Welt, die viele zu Opfern von Desinformation macht. Die meisten Filme, die Jugendliche sich ansehen, kommen aus den USA, aber sie zeigen nicht die Realität der dortigen kapitalistischen Gesellschaft. 

Die Möglichkeit, ohne große Formalitäten in andere Länder reisen zu können, wenn man es sich finanziell erlauben kann, ist natürlich positiv. 

Ich kenne Personen, die aus Kuba in der Hoffnung auf ein leichteres Leben ausgewandert sind und später enttäuscht wieder zurückkamen, nachdem sie mit der Realität im Kapitalismus konfrontiert wurden. Deshalb ist der direkte Austausch mit Gleichaltrigen, die nicht in der privilegierten Position von Touristen sind, eine große Chance, etwas über die wirklichen Zustände im jeweils anderen Gesellschaftssystem zu erfahren. 

Was sind Ihrer Meinung nach – angesichts der rechten Gegenoffensive in Lateinamerika und der Welt – die wichtigsten Aufgaben der Solidaritätsbewegung? 

Der Imperialismus wird den Versuch, die Welt zu beherrschen, nicht aufgeben. Deshalb dürfen die progressiven und revolutionären Kräfte in der Welt in ihrem Engagement nicht nachlassen. Wir sollten den Vertretern imperialistischer Mächte niemals trauen und müssen immer auf die Auseinandersetzung mit ihnen vorbereitet sein. 

Was Kuba angeht, zählen wir weiter auf die Solidarität unserer Freunde in aller Welt, denn die Blockade besteht noch immer, die USA halten unser Territorium in der Bucht von Guantánamo weiter besetzt, und der »Cuban Adjustment Act«, mit dessen Hilfe die USA unser Land ausbluten wollen, ist unverändert in Kraft – um nur einige Beispiele zu nennen. Unsere Solidarität sollte darüber hinaus politischen Gefangenen gelten, wie Mumia Abu-Jamal, dem puertoricanischen Unabhängigkeitskämpfer Oscar López Riviera, dem indianischen Aktivisten Leonard Peltier und anderen Genossinnen und Genossen, die in den USA und anderswo eingekerkert sind. 

Wir müssen unseren Widerstand gegen Rassismus, Kolonialismus und imperialistische Kriege verstärken und die Völker Venezuelas, Argentiniens und Brasiliens angesichts der neuen reaktionären Gegenoffensive unterstützen. All das sind wichtige Aufgaben der internationalen Solidaritätsbewegung. Wir können uns ihnen aber nur dann erfolgreich stellen, wenn die Revolutionäre in aller Welt ihre Reihen schließen und einig sind. Der Imperialismus herrscht dank seiner Waffen, seiner Lakaien und der Desinformation durch die großen Medien. Deshalb sind Zeitungen wie die junge Welt wichtige Säulen der internationalen Solidarität. 

 

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Denkbar größte Niederlage  

Mit einem Vorwort vom 2. Januar 1916 erschien vor 100 Jahren unter dem Pseudonym »Junius« Rosa Luxemburgs Broschüre »Die Krise der Sozialdemokratie« Rosa Luxemburg 

In: junge Welt online vom 16.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

Für das europäische Proletariat im ganzen sind heute von seinem Klassenstandpunkt Sieg und Niederlage jedes der kriegführenden Lager gleich verhängnisvoll. Es ist eben der Krieg als solcher und bei jedem militärischen Ausgang, der die denkbar größte Niederlage für das europäische Proletariat bedeutet, es ist die Niederkämpfung des Krieges und die schleunigste Erzwingung des Friedens durch die internationale Kampfaktion des Proletariats, die den einzigen Sieg für die proletarische Sache bringen kann. Und dieser Sieg allein kann zugleich die wirkliche Rettung Belgiens wie der Demokratie in Europa bewirken. 

In dem heutigen Kriege kann das klassenbewusste Proletariat mit keinem militärischen Lager seine Sache identifizieren. Folgt etwa daraus, dass die proletarische Politik heute das Festhalten am Status quo erfordert, dass wir kein anderes Aktionsprogramm haben als den Wunsch: Alles soll beim alten bleiben, wie es vor dem Kriege war? (…) Der frühere Zustand lässt sich gar nicht mehr retten, er existiert nicht mehr, selbst wenn die bisherigen Staatsgrenzen bestehen blieben. Der Krieg hat schon vor der formalen Liquidation seiner Ergebnisse eine gewaltige Verschiebung der Machtverhältnisse, der gegenseitigen Kräfteeinschätzung, der Bündnisse und der Gegensätze gebracht, er hat die Beziehungen der Staaten zueinander und der Klassen innerhalb der Gesellschaft einer so scharfen Revision unterzogen, soviel alte Illusionen und Potenzen vernichtet, soviel neuen Drang und neue Aufgaben geschaffen, dass die Rückkehr zum alten Europa, wie es vor dem 4. August 1914 war, ganz so ausgeschlossen ist wie die Rückkehr zu vorrevolutionären Verhältnissen auch nach einer niedergeschlagenen Revolution. 

Die Politik des Proletariats (…) kann nicht darin bestehen, dass die sozialdemokratischen Parteien jede für sich oder gemeinsam auf internationalen Konferenzen um die Wette Projekte machen und Rezepte für die bürgerliche Diplomatie ausklügeln, wie diese den Frieden schließen soll, um die weitere friedliche und demokratische Entwicklung zu ermöglichen. Alle Forderungen, die etwa auf die völlige oder stückweise »Abrüstung«, auf die Abschaffung der Geheimdiplomatie, auf Zerschlagung aller Großstaaten in nationale Kleinstaaten und dergleichen mehr hinauslaufen, sind samt und sonders völlig utopisch, solange die kapitalistische Klassenherrschaft das Heft in den Händen behält. Diese kann, zumal unter dem jetzigen imperialistischen Kurs, so wenig auf den heutigen Militarismus, auf die Geheimdiplomatie, auf den zentralistischen gemischt nationalen Großstaat verzichten, dass die betreffenden Postulate eigentlich mit mehr Konsequenz allesamt auf die glatte »Forderung« hinauslaufen: Abschaffung des kapitalistischen Klassenstaates. Nicht mit utopischen Ratschlägen und Projekten, wie der Imperialismus im Rahmen des bürgerlichen Staates durch partielle Reformen zu mildern, zu zähmen, zu dämpfen wäre, kann die proletarische Politik sich wieder den ihr gebührenden Platz erobern. Das eigentliche Problem, das der Weltkrieg vor die sozialistischen Parteien gestellt hat und von dessen Lösung die weiteren Schicksale der Arbeiterbewegung abhängen, das ist die Aktionsfähigkeit der proletarischen Massen im Kampfe gegen den Imperialismus. (...) 

Der Imperialismus mit all seiner brutalen Gewaltpolitik und Kette unaufhörlicher sozialer Katastrophen, die er provoziert, ist freilich für die herrschenden Klassen der heutigen kapitalistischen Welt eine historische Notwendigkeit. Nichts wäre verhängnisvoller, als wenn sich das Proletariat selbst aus dem jetzigen Weltkriege die geringste Illusion und Hoffnung auf die Möglichkeit einer idyllischen und friedlichen Weiterentwicklung des Kapitalismus retten würde. (...) 

Aber zum Vordringen und zum Siege des Sozialismus gehört ein starkes, aktionsfähiges, geschultes Proletariat, gehören Massen, deren Macht sowohl in ihrer geistigen Kultur wie in ihrer Zahl liegt. Und diese Massen werden gerade durch den Weltkrieg dezimiert. (…) Hier erweist sich aber auch der heutige Weltkrieg nicht bloß als ein grandioser Mord, sondern auch als Selbstmord der europäischen Arbeiterklasse. (...). 

Die Dividenden steigen, und die Proletarier fallen. Der Wahnwitz wird erst aufhören und der blutige Spuk der Hölle wird verschwinden, wenn die Arbeiter in Deutschland und Frankreich, in England und Russland endlich aus ihrem Rausch erwachen, einander brüderlich die Hand reichen und den bestialischen Chorus der imperialistischen Kriegshetzer wie den heiseren Schrei der kapitalistischen Hyänen durch den alten mächtigen Schlachtruf der Arbeit überdonnern: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! 

 

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Schwarzer Kanal: Glauben und Pöbeln  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 16.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

Die Stunde der Pöbler aus den höheren Ständen hat geschlagen. Aus dem Internet wandert das »gesunde Volksempfinden« nun in die »Qualitätspresse«. Ein Ausdruck dessen ist etwa der Artikel »Sie hassen uns« von dem Autor und Filmemacher Samuel Schirmbeck, den die Frankfurter Allgemeine Zeitung am Montag auf einer ganzen Seite veröffentlichte. 

Schirmbeck gehört zu denen, die sich wie der frühere Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) oder der jetzige Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) gern als Ermittler, Staatsanwalt und Richter in einer Person betätigen. 

Schily reiste im Juni 2004 einen Tag nach dem Nagelbombenattentat in der Kölner Keupstraße dorthin und bestritt zusammen mit dem damaligen Innenminister von Nordrhein-Westfalen Fritz Behrens (SPD) vor der Presse, dass der Anschlag einen terroristischen Hintergrund habe. Der Verdacht war damit erfolgreich auf die »kriminellen« Anwohner gelenkt, mit übelsten Folgen in Form jahrelanger Polizeischikanen - ungefähr wie in einer nordafrikanischen Diktatur, die sich auf den Islam beruft. Anfang dieses Jahres wiederholte Maas nach den Angriffen auf Frauen und die Diebstähle am Kölner Hauptbahnhof diese Nummer und posaunte, bevor irgendwelche Ermittlungsergebnisse vorlagen: »neue Form der organisierten Kriminalität«, »Übergriffe müssen geplant gewesen sein« etc. 

Schirmbeck bietet in der FAZ dem von der schmierlappigen Zeitschrift GQ gerade zum bestangezogenen deutschen Mann verurteilten Maas eine Art Flankenschutz. Der ist adäquat – Wutausbruch, Gejammer über eigene Erfahrungen und Gemecker über das »Lebenselixier der deutschen Linken«. 

Die drischt »seit 15 Jahren« nach Schirmbecks Meinung »auf muslimische Aufklärerinnen und Aufklärer ein, beschuldigt sie, Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten zu liefern«. Nun gibt es tatsächlich spätestens seit dem 11. September 2001 eine von den USA ausgehende rechtsradikale Propaganda, wonach die Weltpolitik wesentlich durch den Konflikt zwischen »dem« Islam und der westlichen Wertegemeinschaft geprägt sei. Die kennt seit längerem keine ökonomischen, militärischen oder sonstigen Interessen, sondern nur eine Religion als Gegner. So etwas gehört zum Kriegsgeschäft. Islam und Kultur seien, meint auch Schirmbeck, in arabischen Ländern »eine giftige Mischung« eingegangen, was ihm – siehe Tea Party, Donald Trump oder CDU/CSU, Pegida, AfD etc. – anderswo offenbar nicht auffällt. Deren Glauben spielt für ihn offenbar keine Rolle. Das ist angesichts der Morde und sonstigen Straftaten gegen Migranten, oder der Bombardierung afghanischer und jetzt syrischer Dörfer und Städte mit deutscher Hilfe, verwunderlich. Das Verhältnis von Religion und Politik interessiert Schirmbeck nur bei einer einzigen Glaubensgemeinschaft, und bei der steht das Urteil fest: »Sexuelle Übergriffe sind in islamischen Ländern die Regel und nicht Ausnahmen«, Grundeinteilung in »Gläubige« und »Ungläubige«, »Staatsislam«, »tauber Islam« etc. – Vokabeln, die auf das Staatskirchentum westlicher Prägung ebenso gut oder schlecht passen. 

Die Unschärfe der Begriffe, die völlige Unfähigkeit, das mit Milliarden Petrodollars finanzierte Vordringen der von Saudi-Arabien ausgehenden, gewaltorientierten Ideologie, die keine Religion ist, auch nur darstellen, geschweige denn analysieren zu wollen, machen Schirmbecks Text zu einem repräsentativen Exemplar der neusten deutschen Ideologie. Deren mit »Kultur«kaschierter Rassismus ließ Schily und Maas sofort wissen, wer hierzulande Attentate und widerliche Straftaten begeht. Das Pegida-Pamphlet Schirmbecks besagt, wie heruntergekommen die Analysefähigkeit der bürgerlichen Kapazitäten ist: Glauben und Pöbeln statt Wissen. 

 

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Selber tun!  

Linker Jahresauftakt in der Berliner Urania: Das war die XXI. Rosa-Luxemburg-Konferenz 

In: junge Welt online vom 16.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

Lange Schlangen vor der Berliner Urania. Der Andrang zur XXI. 

Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz der jW ist gewaltig. Mehr als 2.600 Gäste und Unterstützer sind gekommen. Sie hören den Vorträgen des türkischen Revolutionärs Aydin Çubukçu und von Alpidio Alonso Grau vom ZK der Kommunistischen Partei Kubas zu. Natascha Strobl und Esther Bejarano warnen vor der immer stärker werdenden Rechten. Sahra Wagenknecht, Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, erteilt unter großem Applaus des Publikums »Rot-Rot-Grün« eine Absage – »linke Politik« sei mit der SPD einfach nicht zu machen. 

Historisch wird diese Konferenz durch den Auftritt des Kubaners Gerardo Hernández. Nach 16 Jahren in US-Gefangenschaft war er Ende 2014 freigelassen worden. Gerardo gehört zu den »Cuban Five«, die in Miami antikommunistische Terrorgruppen unterwandert hatten, um Anschläge auf ihre Heimat zu verhindern. Als er die Bühne betritt, will der Applaus kein Ende nehmen. Er dankt der Solidaritätsbewegung für den unermüdlichen Kampf um ihre Befreiung. Und er ruft dazu auf, dafür zu sorgen, dass möglichst bald auch Mumia Abu-Jamal, Oscar López Rivera und Leonard Peltier, die immer noch aus politischen Gründen in den USA inhaftiert sind, hier sprechen können. 

Riesenapplaus schließlich auch für Alexej Markow, der über Skype zugeschaltet ist. Der Gründer und Kommandeur der politischen Abteilung der kommunistischen Brigade »Prisrak« im Donbass gibt Einblicke in den Alltag der Kämpfer. Für Heiterkeit sorgen seine Anmerkungen zu den internationalen Freiwilligen: »Unsere Genossen aus Italien und Spanien leiden natürlich unter diesen heftigen Wintern, die sind sie nicht gewohnt. Aber um so leichter haben es unsere finnischen Genossen.«  

Die XXI. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz hat die Herzen angesprochen. Die politische Arbeit für das neue Jahr geht jetzt erst richtig los. (jW) 

 

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Das Kombinat  

René Hamann 

In: junge Welt online vom 16.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

Es war einer dieser klammen Februartage, ein grauer Berliner Winter, wie man ihn im Sommer vergisst, um ihn kurz darauf erneut erleben zu müssen, und ich befand mich auf dem Weg in die Redaktion, um einen neuen Auftrag entgegenzunehmen. Im Zeitungshaus ging es himmelgraue Stufen hinauf. Ein seelenloses Treppenhaus mit fleckigen, wie von Hautkrankheiten befallenen Wänden. In den breit angelegten, mit hohen Fenstern versehenen Redaktionsräumen herrschte stille Konzentration. Raumelemente, Lärmschutzwände, das Büromedium Internet. Leise schnarrten die Ventilatoren der Rechner vor sich hin. Gelegentlich quietschte ein Schreibtischstuhl. An der Trennwand zwischen der Lokalredakteurin und der Abteilung Sport hing ein Bild von Modigliani. Eine Frau mit schiefer Kopfhaltung in einem schwarzen Kleid. Ich sog etwas von der beheizten, trockenen Büroluft ein und setzte mich. 

»Du hast einen Artikel über die Modemafia geschrieben«, begann die Redakteurin. Sie war eine leicht verlebte ehemalige Draufgängerin, der zu viele graue Strähnen gewachsen waren. Die erkennbar darunter litt, an diesen Schreibtisch, oder vielmehr an ihren Sitzball, gefesselt zu sein. 

Ein Bild, das sie, wie ich mit einem flüchtigen Blick erkennen konnte, durch fast kniehohe, dunkle Stiefel zu konterkarieren versuchte. 

»Modemafia, ja«, sagte ich. 

»Der Fall zieht Kreise«, holte sie den nächsten Satz aus der Schublade. 

»Die Polizei kennt die Hintergründe nicht, die Drahtzieher, die Macher, aber ich glaube, du könntest etwas darüber herausfinden. Ich will Namen«, sagte sie und hüpfte auf ihrem Gymnastikball leicht auf und ab. 

»Namen«, dachte ich. Hatte ich nicht eben noch eine Beziehung zu einer jungen Schauspielerin für einen Artikel aufgegeben? Weil ich darin Intimes preisgegeben hatte und durchblicken ließ, woran sie gerade arbeitete? Und weil ich ihre Neurosen beschrieben hatte – die Selbstbezogenheit, den übertriebenen Eifer, ihre Macken, die von der Angst vor gelben Autos bis zu dem Umstand reichten, dass sie nur im Liegen telefonieren konnte –, ihre Fehler und Defizite, ihr im Grunde flaches Spiel, ihre mangelhaften Englischkenntnisse. Aber auch das, was ich an ihr mochte: ihre herzliche Art, ihre honigsüße Stimme, ihre Leidenschaft für schlechtes Essen. 

Einmal hatten wir in einer dieser altehrwürdigen Spelunken im Westen der Stadt einen Hackepeter verspeist. Während am Nebentisch bekannte Schauspielgrößen rotweinbefeuert den halben Laden unterhielten. Aber ja, sie war alles andere als begeistert gewesen, Details aus ihrem Liebesleben und Überlegungen zu ihren ambivalenten Verhältnissen zu Regisseur, Team und Set in der Zeitung zu lesen. Da half es auch nicht, ihr zu erklären, dass daraus meine Existenz bestünde: aus Text. Alles, was ich erlebe, ist potentielles Material, hatte ich ihr erklärt. Sie brach den Kontakt ab. 

Die Redakteurin sah mich erwartungsfreudig an. Wieder bewegte sie sich. Sie hatte sich bestimmt einmal zu oft über ihren schmerzenden Rücken beklagt. 

Und hatte dann zum Geburtstag diesen Gymnastikball geschenkt bekommen. Ein dunkel pinker Sitzball mit einer roten Schleife drum herum. Praktisch, wenn man O-Beine hat. 

Es verstrichen ein paar eigenartige Minuten, in denen niemand etwas sagte. 

»Die Namen also«, sagte ich endlich. »Ich tue mein Bestes.« 

»Davon gehe ich aus«, sagte sie. 

Die Menschen in der U-Bahn atmeten schwer unter den Klamottenbergen, die sie sich aufgeladen hatten: Winterjacken aus Daunen, aus Wolle, aus Fellimitat, darunter mehrere Textilschichten, dazu Schals, Handschuhe, Mützen. Es war kurz vor Mittag, der Grad an Vernunft und Stille noch relativ hoch. Man ließ sich schaukeln, döste vor sich hin, checkte Kurznachrichten, spielte Jelly Splash, tinderte, träumte. Von anderen Dingen als denen, die sie erwarteten. Auf der Arbeit. Oder in Wartezimmern. 

Ich sah einen Mann mit einem Jutebeutel, auf dem ein Standbild aus dem Computerspiel Pong abgebildet war. Eine brünette Studentin mit Nasenstecker und umarmtem Rucksack las in einer aus der Stadtbibliothek geliehenen Ausgabe »Der Ekel« von Sartre. An der nächsten Station betrat ein Mann in dunklen, abgetragenen Stoffhosen und einer verschlissenen Lederjacke den Wagon und begann umstandslos, aus einem Leitzordner vorzulesen. Die Leute zogen wie automatisch ihre Geldbörsen. Der junge Mann, Anfang Zwanzig, seit drei Tagen unrasiert, las aber keine Poesie, sondern Tabellen vor. Namen, dann Zahlen. Börsennotationen. Handelswerte. 

Dabei legte er den Ernst und die Mimik eines Bühnenschauspielers an den Tag. Die Leute warteten, immer noch zu Spenden bereit, auf das Ende der Lesung. Aber als sich die Türen öffneten, klappte der junge Mann nur den Aktenordner zu und stieg aus. 

Ich weiß nicht, was genau der Plan war. Es bedeutete, dass ich irgendwo anfangen musste, irgendwo in den Nebel stochern; und wo anfangen, wenn nicht hier, in diesem nach außen unscheinbaren Neubau aus den fünfziger Jahren, dieser versteckten Schaltzentrale, in der es um Kontakte, um Telefonnummern, um Oberflächen ging: Das Kombinat. Ein erwartungsvoller Parkplatz, ein zugeschnürtes Gebäude im Osten der Stadt. In den Katakomben puderten sich die Vorführfrauen vor verstaubten Spiegeln; das Publikum saß noch auf den Holzstühlen der Innenstadtcafés und schaute in die Tiefen seiner Tassen, Gläser und Flaschen. Mein erster Ansprechpartner war Jason, der als Fotograf arbeitete und alles schon gesehen hatte, hier und anderswo, das Nackte, das Verhüllte, ob ein Objektiv griffbereit war oder nicht. Er stand vor dem Eingang, um zu rauchen, mit Blick auf einen leeren Hof, der auf weiße Kastenwagen wartete, auf cremefarbene Taxis, auf dunkle Limousinen. Die Stichworte, die ich lieferte, ließ er an sich abprallen. Modemafia, sagte er, so etwas gibt es nicht. Es sei alles eher ein undurchdringliches Gewirr, sagte er, ein Knäuel, von dem es kaum lose Enden gab. Dabei zog er dramatisch an seiner Kippe, die er hielt, als ob er in einem Kriegsfilm mitspielen würde, als ob das Blättchen nicht halten würde. Es geht auch nie um eine konkrete Person, um irgendeine Figur, jedenfalls nicht auf den mittleren Ebenen, fuhr er fort. Alles ist auf Effizienz angelegt, auf schnelles Geld, auf schnelles Handeln, wer da genau dahinter stecke, sei unwichtig. Höchstens die an der Spitze, die bekommt man da so schnell nicht weg, aber auch das sei keinesfalls sicher, der Markt sei schließlich in ständiger Bewegung. 

Zwei ältere Subalterne kamen aus dem Gebäude und steckten sich ebenfalls Zigaretten an. Ein Mann mit eingefallenem Gesicht und alten Kleidern und eine Frau mit gefärbten roten Haaren und einer Halbmondbrille, die sie wie eine aus den fünfziger Jahren zugereiste Schreibkraft aussehen ließ. Der Mann, vielleicht der Hausmeister, lächelte zweideutig. Die Frau zog sich eine Strähne in den Mund und kaute nachdenklich darauf herum. Beide atmeten kleine Wölkchen aus. Jason störte das alles nicht. 

»Ich möchte vom Leben gut behandelt werden«, sagte ich. 

»Das möchten wir alle«, meinte er. 

Er hatte sich vor zwei, drei Tagen mit seiner Exfrau getroffen, erzählte er nach einem Gedankensprung, er schwankte im Urteil, ob das ein Fehler war oder nicht. Schon für den vorbereitenden Anruf hatte er Tage gebraucht. 

Jedenfalls, jetzt hatten sie sich getroffen, in einer dunklen Bar am Rande des Zeitungsviertels. 

»Das erste, was mir auffiel, war ihr Minirock. Emine im Minirock, das hatte ich schon lange nicht mehr gesehen.« 

Ich wusste nicht, dass Jason verheiratet gewesen war. 

»Wir haben auch eine Tochter«, sagte er. Seine Exfrau schilderte er als klein, wohlgeformt und lebhaft. Vielleicht etwas nervös. 

»Neurasthenisch«, so lautete sein Ausdruck. »Sie arbeitet auch in der Branche«, erklärte er, als Kolumnistin für diverse Modezeitschriften. 

Ihr Name sagte mir nichts. In dieser Bar, am besagten Abend, hatte sie sich auf einen Hocker gesetzt, einen Drink bestellt und zwei, drei Worte über ihre gemeinsame Tochter und die Situation in der Schule verloren. »Aber das war nicht das, was sie auf dem Herzen hatte, das zumindest spürte ich noch«, sagte er, »wenn ich auch sonst nicht mehr viel spüre, was mit ihr zu tun hat.« 

Jason warf seine Kippe auf die unteren Stufen des Aufgangs, an dem wir standen. »Mir schien sie ziemlich durcheinander zu sein. Sie rutschte auf ihrem Hocker herum und beugte und streckte sich immer wieder, als ob sie starke Rückenschmerzen hätte«, sagte er. Ich musste fast lachen. »Aber was wirklich merkwürdig war«, fuhr er unbeirrt fort, »war, dass sie dann zu weinen begann. Ich wollte sie trösten und startete den Versuch, sie zu umarmen, während sie gerade an ihrem Drink – einem Manhattan natürlich, was anderes trank sie nicht – nippte, was sich ganz schön hilflos anfühlte. Absolut hilflos.« 

Pause. Über uns zog ein Flugzeug völlig geräuschlos einen Kondensstreifen hinter sich her. Die Wolkendecke hatte sich verzogen. 

Unfassbar kalt war es aber immer noch. 

Inzwischen kam Leben auf den Parkplatz. Aus einem cremefarbenen Wagen stiegen Frau C. und ein junges Mannequin und grüßten uns in einer vollkommenen Nachlässigkeit, noch bevor sie ihren Ausstieg vollendet hatten (Damenschuhe mit hohen Absätzen, die langsam auf Asphalt aufsetzten, immer eine Mondlandung im kleinen). Frau C. war ebenfalls noch recht jung, vielleicht Anfang Dreißig, eine fesche Designerin, die heute das Kleid einer alten Dame trug, Schuhe mit Keilabsatz und einen königlichen Ohrring. Jason schaute nur kurz auf, die Subalternen verschwanden im Gebäude, aus dem etwas Warmluft kam. 

»Natürlich wollte ich wissen, was los ist«, fuhr Jason fort. »Und da rückte sie mit dieser Story heraus: Ihr neuer Freund war verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt, Emine hatte schon überlegt, ob sie nicht die Polizei rufen sollte, eine Vermisstenanzeige aufsetzen oder so etwas, aber dann hat sie ihn zufällig wiedergesehen, ein paar Tage vor unserem Treffen. In einer Seitenstraße in einem ganz anderen Viertel, in das es sie aus beruflichen Gründen verschlagen hatte. Ihr Typ saß in einem rostroten Auto und küsste eine andere. Nach einem endlos langen, pervers innigen Kuss hatten ihr Freund und diese Frau friedlich und still in dem Auto gesessen, während Emine noch mit sich kämpfte, ob sie einschreiten sollte oder nicht. Sie hatte gerade erfahren, dass sie wieder schwanger war«, sagte Jason. »Sie sah todmüde aus, als sie das erzählte.« 

»Warum hattest du sie eigentlich angerufen?« 

»Das hatte ich in dem Moment wieder vergessen. Ich glaube, ich hatte gedacht, es gäbe noch was zu klären. Aber ab diesem Moment war das alles furchtbar egal.« 

»Was ist weiter passiert?« 

»Nicht viel. Ich nahm ihr den Drink ab, bestellte ihr ein Wasser und ein Taxi, in das ich sie schließlich verfrachtet habe. Zweimal aufs Dach geklopft und los. Ich hatte keine Lust, ihr irgendeinen Ratschlag zu geben. 

Ich war ziemlich bedient.« 

Das Model von Frau C. hieß Ondine, wahrscheinlich ein Deckname. Ich fand sie in der Großgarderobe vor einem Spiegel, sie sollte als erstes ein griechisch anmutendes weinrotes Abendkleid tragen. Nervös schien sie nicht zu sein. Im Gegenteil, sie hatte den professionell leeren Blick drauf, den man von Models kannte, und es schien, als ob sie den auch nicht groß üben musste. Sie war trotz der Narben auf den Oberarmen ein Naturtalent, eine junge Frau, die wahrscheinlich schon als Neugeborene von der Welt und ihrer eigenen Geburt gelangweilt war. 

Eine Lady in Weinrot, die um ihre Attraktivität wusste. Die Arroganz der Schönheit, die typische Arroganz einer attraktiven Frau in der großen Stadt. Alles, was nicht gewollt wird, muss demonstrativ abgewehrt werden. 

Es muss fühlbar gemacht werden, dass schon der unausgesprochene Antrag eine Unverschämtheit darstellt. »Bitte belästigen Sie mich nicht mit Ihrem Begehren, danke.« Kann man andererseits verstehen. Tout Berlin konnte eine Belästigung sein. Die ganze Gesellschaft. Die ganze verrottete Stadt. 

Ich setzte mich zu ihr, um ihr ein paar Fragen zu stellen. Sie drehte sich in meine Richtung und streckte mir ein Bein entgegen. Ich nahm den sich anbietenden Fuß auf mein Knie und übte mich in einer Reflexzonenmassage, während ich mir eine bescheuerte Frage nach der anderen ausdachte. Sie verzog keine Miene, lutschte gelangweilt auf ihrem Zungenpiercing herum, betrachtete sich weiter im Spiegel und gab ein paar einsilbige Antworten von sich. Es war nicht so, dass sie mich nicht mochte. Sie war nur völlig mit ihren Schutzmechanismen im Einklang. Aber tief in ihrem Inneren fühlte sie sich auch verbraucht, ausgenutzt und unterbezahlt. Ausgenutzt, ausgebeutet, immer in der Gefahr, nach einer Weile und zu vielen Giften ausgebrannt zu sein. 

»Kein Ende der Arbeit, man entkommt der Tretmühle nicht. Aber Spaß macht es irgendwie doch.« Bei dieser Bemerkung wurde sie ganz leise am Ende des Satzes. 

Abends saß ich an der Rampe und schaute herumstolzierenden Beinen zu. 

Rundliche Beine, schlanke Beine, Beine bis zum Hals, gedrungene Beine. Die Schönheit der Linien. Die Darstellung der mit Kleidern behängten Körper. 

Eine äußerst beunruhigende Kunst. In der Halle hing ein aufdringlicher Geruch nach Schweiß und Puder, nach Ruhmsucht und Rauschmitteln, nach leeren Hotelzimmern und Schönheitschirurgie. Aber es war wenigstens warm. 

Eine seltsam psychedelische Musik lief während dieser bizarren Kostümparade, erst leise, dann anschwellend, Formen und Schnitte, Schritte und Blicke. Der totale Lookism, dachte ich; und die Annahme, dass innere Schönheit mehr zähle als äußere, wird hier ein ums andere Mal widerlegt, vielleicht sogar endgültig, bis die Fassaden bröckeln und die letzten Mittel auch nicht mehr zusammenhalten können, was auseinanderzufallen droht. Es geht ums Flachlegen, es geht immer auch ums Flachlegen, betonte Jason, während er ein eben geschossenes Foto auf dem Display seiner Kamera musterte. 

»Ums Flachlegen und ums Flachgelegtwerden«, ergänzte ich. 

»Richtig, sehr richtig.« 

Sämtliche Beziehungen waren geschäftlicher Natur. Nach Dienstschluss wartete die Einsamkeit. Einsam in Hotelzimmern, einsam in Straßencafés. 

Neben mir saß eine mir unbekannte Frau mit goldener Perücke und einem kurzen Rock und sah mich von der Seite an, traute sich aber kein Wort zu sagen. In ihrem Ausschnitt konnte ich ein blinkendes Kreuz erkennen, es wirkte fehlplaziert. Sie räusperte sich und sah mich noch einmal an. Jetzt konnte ich sehen, dass sie dunkle Augen hatte. Eine Frau mit haselnussbraunen Augen. Mit einem schief hängenden Blick, als ob sie einem nur auf den Mund schauen würde. 

»Was für ein Gerät«, flüsterte ich Jason auf der anderen Seite zu. 

»Frauen lauern überall. But there is always someone cooler than you.« 

Die Lady in Weinrot stolzierte vorbei, sie beachtete mich nicht, oder kaum, dabei war ich ein Prinz. Vielleicht nicht ihrer, und mein Königreich war schmal, aber ein Prinz war ich trotzdem. Ich hatte mit Attentaten zu kämpfen. Ich wurde mehrmals ins Exil geschickt. Ich strandete auf einer Insel. Ich wurde eingekerkert. Aber hier war ich, ein Prinz, der eine Lady in Weinrot anstarrte. 

Aber Moment, dachte ich, wollte ich wieder in diesen Erotikstress? Wollte ich wirklich Dominique Strauss-Kahn werden? Nein, ich wollte resilient werden, resilient wie ein amerikanischer Soldat. 

Die Modenschau ging zu Ende. Bald würde sie an einem anderen, aber strukturell völlig ähnlichen Ort stattfinden. Nur die Modi änderten sich. Den Auftrag hatte ich mehr oder minder aufgegeben. Ich würde etwas Atmosphäre beschreiben, etwas Klatsch verbreiten, die Verdachtsmomente auflösen oder, was meine Spezialität war, ins Mysteriöse verschieben: Alles war etwas seltsam, das Blitzlichtgewitter, die Arbeitsbienen, die den Betrieb aufrecht hielten, die Macherinnen und Macher, die Preise, die Profiteure. Die großen Zusammenhänge, da hatte Jason ganz recht, waren längst im Anonymen verschwunden. Im System selbst. Denn niemand versuchte hier, gegen den Finanzstrom zu schwimmen. Das Kapital floss ab. Es kam irgendwo her und floss irgendwohin. 

Am Ende gab es Applaus, der dem Anlass entsprach. Das Licht wurde heller. 

Ein Buffet wurde eröffnet. Aber ich war müde, und kalt war mir immer noch. Die Frau in Gold stand mit einer Sektflöte am Rand und wartete, ob noch eine Anmache kam. Aber ich machte keine. Statt dessen fing ich Ondine vor der Garderobe ab und bat sie, mir ihre Nummer auf den Arm zu schreiben. 

Aber ich ahnte, dass ich sie verlieren würde, die Nummer jetzt, denn sie würde bald vom Schweiß verwischt sein. Jason stand wieder an einer Ecke, nicht draußen, sondern drinnen, und rauchte, als ob davon sein Leben abhinge. Vielleicht war es auch so. 

»Was war denn da? Irgend etwas war da doch.« 

»Nein, da war nichts.« 

»Wirklich nicht? Ich meine, da muss etwas gesehen worden sein.« 

Eine Sucht, die die andere sucht. Eine Menge Wind. Sonst nichts. 

Am Ende des Tages leuchteten Knöpfe. Im Aufzug stand ein Geruch nach Metall. Ich war verdammt froh, als das Erdgeschoss erreicht war und ich aus dem silbernen Blechkasten nach draußen springen konnte. Ich ließ sie alle hinter mir, rauschte durchs Foyer und eilte auf die Straße. 

 

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Pol & Pott. Eierpunsch  

Ina Bösecke 

In: junge Welt online vom 16.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

Nirgends kommen die Reichen und Schönen so gut weg wie bei den Screwball-Komödien Hollywoods der 30er und 40er Jahre. Wie kleine verspielte Kinder tummeln sie sich da an ihren jeweiligen Schauplätzen und machen aus Langeweile allerhand Dummheiten. Zum Beispiel lassen sie sich scheiden, damit mal wieder etwas Aufregendes in ihrem Leben passiert (neben Autorennen, Partys, Pferderennen und Segeltouren). In dem Film »Die schreckliche Wahrheit« (USA 1937) von Leo McCarey haben die Eheleute nun tatsächlich Gründe vorzulegen für ihre Scheidung. Beide verdächtigen sich, fremdgegangen zu sein. Ob es so war, ist selbst für die Zuschauer nicht eindeutig zu erkennen, scheint aber auch gar nicht so wichtig. 

Hauptaugenmerk wird hier auf die dezent bis überkandidelt versuchte Rückeroberung des Eheglücks gelegt. Sie sind ja auch erst gerade geschieden worden und natürlich neu liiert. 

Jerry (Cary Grant) hat es hier eindeutig leichter. Lucy (Irene Dunne), seine Ex, hat sich den zwar sehr gutmütigen, aber auch ziemlich einfach geschnitzten Provinzler Dan (Ralph Bellamy) ausgesucht, mit dem sie nun den Rest ihres Lebens verbringen möchte. Der singt gern mit ihr am Klavier und tanzt beherzt wie ein Tanzbär durch die eleganten Partyräume New Yorks – sehr zum Leidwesen von Lucy. Nur Jerry hat neben Dan seinen Spaß an diesen Tanzeinlagen, weil es ihm zeigt, dass Lucy nun gar nicht mehr so verliebt ausschaut, wie sie vorgab zu sein. 

Später ist Lucy an der Reihe, der neuen Frau ihres Ex die Augen über diesen Mann zu öffnen. Sie bedient sich unlauterer Methoden und lügt ihr einfach die Taschen voll. Sie tut so, als sei sie die Schwester von Jerry, gibt sich ordinär, trinkt vor versammelter feiner Gesellschaft den Whiskey, als ob es Wasser wäre, singt und tanzt nach damaligen Vorstellungen vulgäres Zeug und erzählt in ihrem stockbesoffenen Zustand Sachen, die niemand hören möchte. Diese Szene ist herzallerliebst anzuschauen, wie so manch andere im Film. Nur in Sachen Ernährung gibt es keinen goldenen Punkt zu vergeben. Man schenkt sich am Anfang der Geschichte Eierpunsch in die Gläser. So etwas wird hierzulande eher in der Adventszeit konsumiert, und zwar warm. Die Amis trinken es kalt und zur Frühstückszeit: 

Einen halben Liter Weißwein mit einem Päckchen Vanillezucker, zwei Zitronenscheiben einer unbehandelten Zitrone und etwas Zimt in einen kleinen Kochtopf füllen und erhitzen, aber nicht kochen lassen. Drei Eier aufschlagen und in zwei Schüsseln trennen. Das Eiweiß mit den Quirlen vom Handrührgerät steif schlagen, dabei eine Prise Salz einrieseln lassen und 40 g durchgesiebten Puderzucker untermischen. Vier EL Rum und ein Paket »Vanillesaucenpulver ohne Kochen« mit dem Eigelb glatt verrühren. 

Eischnee mit einem Schneebesen locker unter die Eigelbmasse heben. Die Zitronenscheiben aus dem Weißwein nehmen. Den warmen Weißwein langsam in die Eimischung gießen und dabei mit dem Schneebesen kräftig aufschlagen. 

Eier Punsch in hitzebeständige Gläser mit Henkel füllen und nach Belieben mit einer Zimtstange servieren. 

 

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