Wochenendbeilage der jungen Welt

vom 09.01.2016


 

»Die Türkei ist ein Polizeistaat«  

Gespräch. Mit Ümit Sari. Über Geschichte und Gegenwart des Alevitentums, die Diskriminierung durch die AKP-Regierung in Ankara und den Widerstand gegen Unterdrückung  

Thomas Eipeldauer 

In: junge Welt online vom 09.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

 Wo immer es in den vergangenen Jahren in der Türkei zu Protesten kam, sei es während des Gezi-Aufstandes oder gegenwärtig die Demonstrationen gegen die Massaker in den kurdischen Landesteilen, waren immer überproportional viel Aleviten beteiligt. Was ist der Grund dafür? Woher kommt diese Verbundenheit der Alevitinnen und Aleviten mit dem Widerstand gegen alle möglichen Formen der Unterdrückung?  

  Dieses Phänomen hat nicht mit den Gezi-Park-Protesten 2013 begonnen, es hat einen geschichtlichen Hintergrund, der weit zurückreicht. Bereits die Celali Isyanlari, die Aufstände in Anatolien gegen das Osmanische Reich im 16. und 17. Jahrhundert, wurden von Aleviten angeführt. Unser historisches Oberhaupt, Haci Bektas, spielte hier eine Rolle und wurde bei diesem Aufstand verwundet.  

  Die Aleviten hatten schon wegen ihres Glaubens immer ein Problem mit den Herrschenden, denn sie wurden unterdrückt. Im Osmanischen Reich etwa waren Christen besser gestellt als Aleviten, weil man sie als Häretiker und Ungläubige ansah. Die Christen waren von bestimmten Steuern befreit, die Aleviten nicht. Von Mehmed Ebussuud existierte eine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, das sagt, die Aleviten sind die minderwertigsten Menschen, die es überhaupt gibt. Selbst wenn sie zum Islam konvertieren wollen, müssen sie zuerst Christ oder Jude werden, erst danach können sie Moslem werden. Was die Aleviten schlachten, soll man nicht essen, und wer das isst, wird geköpft. Solche Fatwas gibt es über Aleviten.  

  Dementsprechend waren die Aleviten nie mit den Regierungen zufrieden, weil ihr Glaube immer wieder unterdrückt wurde. Dabei steht das Alevitentum für ein friedvolles Zusammenleben aller Völker. Wir sagen nicht, alle müssen nach den Grundsätzen des Alevitentums leben, sondern jeder Mensch soll die Rechte haben, die ihm zustehen. Jeder soll so leben können, wie er oder sie möchte. Deshalb sind, wenn es Protestaktionen gegen Ungerechtigkeiten gibt, Aleviten dabei. Wenn man sich die linken Parteien in der Türkei ansieht, findet man sie häufig in zentralen Positionen.  

  Weil die Aleviten nie aufgegeben haben, ihren Widerstand zu leben, gab es auch immer wieder Massaker …  

  In der jüngeren türkischen Geschichte ist das erste das Dersim-Massaker von 1938, das ja ein Genozid an Aleviten war. 120.000 Menschen wurden hier ermordet, viele wurden aus ihrer Heimat vertrieben, Frauen wurden an türkische Soldaten »verschenkt«. 1978 ist ein weiterer wichtiger Punkt der Erinnerung in der Geschichte des Alevitentums, das Massaker von Maras. 

Schwangeren Frauen wurden Kinder aus dem Leib geschnitten, die Geschichten sind zu grausam, um sie zu erzählen. Die Verfolgung zieht sich weiter über das Corum-Massaker von 1980 über das Gazi-Massaker 1995 bis hin zu den Gezi-Protesten.  

  Eines der fürchterlichsten war das Massaker von Sivas im Jahr 1993. 

Eines der fürchterlichsten deshalb, weil die acht Stunden, in denen das Hotel überfallen und Dutzende Aleviten verbrannt wurden, in einer Livesendung im Fernsehen übertragen wurden. Damit wollten sie den Aleviten auch zeigen: Wenn ihr Widerstand leistet, werden wir euch, genau wie die Menschen in diesem Hotel, verbrennen. Auch wenn wir das Suruc-Attentat vom vorigen Jahr ansehen, zeigt sich, dass von 33 Menschen, die starben, 30 Aleviten waren. In Ankara waren es von 105 Personen 70.  

  Sie haben vorhin bereits Fatwas erwähnt, die Aleviten zu Häretikern erklären, viele der Massaker hatten eine religiöse Motivation. Auch unter Aleviten gibt es ja oft Auseinandersetzungen darüber, ob das Alevitentum eine Strömung des Islams ist oder ein eigenständiger Glaube, eine eigenständige Philosophie …  

  Meiner Auffassung nach ist das Alevitentum ein eigenständiger Glaube. 

Das, was wir Aleviten praktizieren, befindet sich mit dem Islam im Widerspruch. Bei uns gibt es keinen Unterschied zwischen Frau und Mann, es gibt keine Betonung des Geschlechterunterschieds. Wir nennen alle gleichermaßen »canlar«, Seelen. Bei uns gibt es keine Diskussionen über Frauen und Männer, weil es selbstverständlich ist, dass das, was ein Mann machen kann, auch eine Frau machen kann.  

  Wir definieren das Alevitentum als eigenständigen Glauben. Ein Beispiel, dass auch andere das so sehen: Wenn ein IS-Terrorist in Dörfern fragt, ob du Alevit bist, dann gibt es keine Diskussion, sondern man wird erschossen. 

Seit Jahrhunderten werden Aleviten als Häretiker bezeichnet. Wenn wir aufs Ganze sehen, dann haben wir mit dem Islam weder religiös, noch theologisch, noch praktisch etwas zu tun.  

  Was sind die zentralen Glaubensinhalte des Alevitentums?  

  Im Mittelpunkt steht der Mensch. Alles, was man macht, macht man für den Menschen. Die Aleviten sagen: In erster Instanz sind wir alle Menschen, danach erst haben wir unseren Glauben oder unsere politische Sichtweise. 

Das Alevitentum ist eine Lebensphilosophie, eine bestimmte Einstellung zum Leben: Beherrsche deine Hand, beherrsche deine Zunge, beherrsche deine Lenden.  

  Es gibt im Alevitentum auch keine strengen Verpflichtungen. Es gibt zum Beispiel eine Fastenzeit, aber es verhält sich so: Wenn du fasten möchtest, dann fastest du. Wenn nicht, dann nicht. Es ist eine Religion, die auf die Selbstbestimmung der Personen aufbaut. Die Gewissensfreiheit spielt eine sehr große Rolle, deine Handlungen sollten sich nach deinem Gewissen richten.  

  Also ein festes Korsett an Regeln – wie im Katholizismus oder im Islam – gibt es nicht. Aber wie sieht das Glaubensleben der Gemeinde aus, was hält das Alevitentum zusammen?  

  Die erste Regel für alle ist, ein Mensch zu sein. Es gibt bei uns kein Buch, das uns Regeln vorschreibt. Wir Aleviten sagen, dass die Religion für jede Person aus ihrer Perspektive etwas anderes darstellt. Wenn wir zehn Aleviten fragten, würden wir zehn verschiedene Antworten darauf bekommen, was das Alevitentum ist. Ob wir über Mohammed, ob wir über Ali sprechen, es werden immer andere Antworten sein. Ein Glauben, den wir in ein einziges Buch hineinzwingen würden, wäre ein dogmatischer Glaube.  

  Das Alevitentum baut darauf auf, dass eine Person entscheiden kann, was für sie richtig ist. Hazreti Ali sagt: »Wenn dein Glaube mit Gewissen und Logik im Widerspruch liegt, ist es kein Glaube.« Es gibt keinen Gott, der irgendwo in den Wolken sitzt und den Menschen ständig Bücher schickt. Es gibt auch keinen Gott, der auf die Angst in der Wahl zwischen Himmel und Hölle setzt. Der Gott im Alevitentum ist die Liebe, und jeder Mensch ist für sich selbst göttlich. Wenn man etwas Gutes tut, dann handelt man selbst als Gott, dazu braucht man keinen Gott, der irgendwo im Himmel sitzt und ständig Leute bestraft und ihnen sagt: Wenn du nicht an mich glaubst, verbrenne ich dich.  

  So einen Gott haben wir im Alevitentum nicht, sondern wir sagen: Ich bin ein Bild Gottes als Mensch. Die Göttlichkeit selbst ist der Mensch selber. 

Unsere Gottesvorstellung sagt, dass der Mensch mit seinen Worten und Taten Gott ist, und wenn man weiterleben will, dann muss man versuchen, ein vollkommener Mensch zu werden. Das, ein vollkommener Mensch zu sein, soll das Bestreben jedes Menschen sein. Dazu muss man etwas Gutes hinterlassen, was der Menschheit nützt.  

  Das klingt nicht unbedingt nach einer wahnsinnig gefährlichen Ideologie, die dazu angetan ist, die Menschheit ins Unglück zu stürzen. Dennoch werden Aleviten in der Türkei nach wie vor verfolgt. Mit welchen Formen von Diskriminierung und Assimilierungsdruck sehen sie sich konfrontiert?  

  Bei der Gründung der Republik hat Mustafa Kemal Atatürk eine Erhebung durchgeführt, wer in diesem Land lebt. Er kam auf zwölf Millionen Menschen, von denen sieben Millionen Sunniten, vier Millionen Aleviten und eine Million Nichtmuslime, also Juden, Christen und so weiter, waren. Heute ist die Bevölkerung wesentlich größer, über 80 Millionen Menschen leben in der Türkei, sogar die christlichen Minderheiten sind größer geworden, aber die Zahl der Aleviten, die sich zu ihrem Glauben bekennen, liegt bei fünf bis sieben Millionen.  

  Die Assimilation ist so stark vorangetrieben worden, dass sich viele Menschen dem gesellschaftlichen Druck gefügt haben. Außerdem ist die Republik auf zwei Säulen errichtet: Alle, die hier leben, sind Türken. 

Und alle, die hier leben, sind Sunniten. Deshalb gibt es vor allem drei Dinge, die hier nicht akzeptiert und als gefährlich angesehen werden: Kurde zu sein. Kizilbas, also Alevite, zu sein. Und Kommunist zu sein. 

Diese drei Personengruppen betrachtet der Staat als gefährlich und sagt das auch ganz offen.  

  Deshalb gibt es den Zwangsreligionsunterricht, an dem jeder verpflichtet ist, teilzunehmen. Stellen Sie sich vor, sie sind Christ und werden gezwungen, an islamischem Religionsunterricht teilzunehmen oder in die Moschee zu gehen. Oder umgekehrt: Stellen wir uns vor, wir zwingen hierzulande Muslime, an christlichem Religionsunterricht teilzunehmen und in die Kirche zu gehen. Dergleichen erleben wir Aleviten tagtäglich in der Türkei.  

  Die Lehrer, wenn sie wissen, dass du Alevite bist, behandeln dich schlechter. Ich habe in vielen Regionen an Veranstaltungen teilgenommen, und es ist so, dass die Lehrer die Schüler fragen, woher sie kommen. Und wenn sie feststellen, dass sie Aleviten sind, erniedrigen sie sie.  

  In alevitischen Dörfern werden mit Zwang Moscheen errichtet. Auch wenn niemand in die Moschee geht, wird sie trotzdem gebaut. In die alevitischen Dörfer sind islamische Hocas gekommen, die die Leute denunzieren, wenn sie nicht in die Moscheen gehen, und sagen: Hier leben Ungläubige, Kafir.  

  Es gibt in der Türkei ein Gesetz über die Dörfer, das besagt: Ein Dorf, das keine Moschee hat, ist kein Dorf. Wenn Sie in ein Dorf kommen, in dem es keine ausgebauten Wege, keine Wasserversorgung und so weiter gibt, dann wissen Sie, das ist ein alevitisches Dorf. Denn wenn es keine Moschee gibt, ist es kein Dorf und bekommt keine Versorgung. Auch das ist ein Grund für die Assimilierung.  

  Ein anderer Grund etwa ist der Ramadan, die islamische Fastenzeit. Es ist eine Tyrannei, die hier stattfindet, in den Medien, in der Gesellschaft, in den Nachbarschaften, am Arbeitsplatz. Es wird immenser psychologischer Druck gemacht. Man sagt: Wir sind alle Muslime, wieso hältst du die Fastenzeit nicht ein. Im letzten Ramadan gab es etwa in Erzurum einen Fall, da hat jemand eine Zigarette geraucht, und die Leute sind zu ihm gekommen und haben ihn beschimpft: Du dreckiger Rotkopf (Kizilbas, Alevite; jW), du bringst Schande über uns. Dieser Druck führt dazu, dass die Leute gezwungen sind, diesen islamischen Brauch einzuhalten, damit sie nicht vor ihrem Nachbarn schlecht dastehen. Auch so funktioniert Assimilation.  

  Diese Assimlierungsversuche sind offenkundig eine Gefahr für das Alevitentum. Wie versuchen die alevitischen Verbände und Gemeinden, ihre Traditionen und ihre Kultur zu bewahren?  

  Seit dem Sivas-Massaker wird das Alevitentum in der Öffentlichkeit mehr wahrgenommen. Denn während dieses acht Stunden andauernden Massakers und der Liveübertragung wurde die klare Botschaft gesendet: Wenn ihr nicht ruhig bleibt, verbrennen wir euch. Danach ist unter den Aleviten eine Diskussion aufgekommen, alevitische Vereine wurden in der Türkei und Europa gegründet, mit dem Ziel, der Unterdrückung unseres Glaubens ein Ende zu setzen. Es ging um die Bewahrung unserer Identität.  

  Was können wir hier in Europa tun? In Deutschland ist das Alevitentum als Glaube anerkannt worden, ebenso in Schweden, in Großbritannien, in einigen Kantonen der Schweiz. Das eröffnet uns Möglichkeiten. In Deutschland etwa kann freiwillig an Schulen alevitischer Ethik-Unterricht angeboten werden. In laizistischen Ländern wie Frankreich kann der Unterricht in den Vereinen gegeben werden. In Österreich, wo ich lebe, ist die Situation anders. Hier hat der Staat eine Vereinigung anerkannt, die sich »islamisch-alevitische« Glaubensgemeinschaft nennt. Das Alevitentum wird jedoch nicht als offizielle Religion anerkannt. Es werden diejenigen anerkannt, die uns seit Jahren unterdrücken und assimilieren wollen.  

  Dieser Verein, der anerkannt wurde, hat keinerlei Basis unter den Menschen. Er besteht aus zwei Vereinen mit etwa 300 Mitgliedern. Wir sind überzeugt, dass sich hinter dieser Vereinigung der Staat verbirgt.  

  Der türkische oder der österreichische?  

  Der türkische. Denn als sie anerkannt wurden, hat das türkische Amt für religiöse Angelegenheiten sofort danach eine Grußbotschaft in einer Livesendung des Staatssenders TRT an die »Islamisch-Alevitische Glaubensgemeinschaft Österreich« gesandt.  

  Die Auseinandersetzungen um die Anerkennung in Österreich haben eine längere Geschichte. Der »islamisch-alevitische« Verein hat den Ihren beim Verfassungsschutz denunziert. Sie haben auch gegen Ihre Nichtanerkennung geklagt. Wie ist der aktuelle Stand?  

  Der damalige Alevitische Kulturverein, der jetzt Islamisch-Alevitische Glaubensgemeinschaft heißt, war zuvor Mitglied bei uns, also in der Föderation der Aleviten-Gemeinden in Österreich (AABF). Wir haben versucht, die Gemeinsamkeiten herauszustellen und das Alevitentum so zu definieren, dass sich jeder darin wiederfinden kann. Sie haben dann unseren Anerkennungsantrag gestohlen und selbst beim Kultusamt eingereicht.  

  Dabei hat schon die Bezeichnung »islamisch-alevitisch« einen seltsamen Klang für Aleviten. Es ist ein Unwort. Und obwohl wir alle Unterstützungserklärungen der europäischen Alevitenvereine sowie der Vereine in der Türkei haben, obwohl wir die Unterstützungserklärung unserer Heiligkeit, Herrn Veliyettin Ulusoy haben, sagt der österreichische Staat: Nein, der andere Verein war als erster da, insofern haben sie das Recht auf Anerkennung. Seit sieben Jahren läuft das Verfahren, jetzt wieder beim Verwaltungsgerichtshof. In den kommenden sechs Monaten muss ein Prozess stattfinden, und wir hoffen, als eigenständige Glaubensgemeinschaft anerkannt zu werden.  

  In den vergangenen Monaten wurden in der Türkei mit Dilek Dogan und Günay Özarslan zwei Alevitinnen von Polizisten erschossen. Aus Europa ist keine Kritik daran zu vernehmen. Die politische, militärische, ökonomische Zusammenarbeit mit Ankara geht munter weiter, auch angesichts der Massaker in Kurdistan. Was fordern Sie als Aleviten im europäischen Exil von den Regierungen Europas?  

  Wann immer Recep Tayyip Erdogan in Bedrängnis kommt, steht die Europäische Union an seiner Seite. Die Europäische Union sagt zwar selbst, dass die Türkei mit demokratischen Werten nichts zu tun hat, aber gleichzeitig verfolgt sie die Leute, die gegen die Regierung in der Türkei stehen. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass auch hier in Europa der Rassismus im Aufschwung ist.  

  Was in der Türkei grade im Osten des Landes stattfindet, ist ein mit unglaublicher Gewalt durchgeführtes Massaker an der Bevölkerung. Selbst in der Westtürkei interessiert man sich schon nicht mehr dafür, was im Osten passiert. Die Leute vergießen nicht dieselben Tränen, weil sie alle gegeneinander aufgehetzt werden.  

  Ich bin erst vor zwei Tagen aus der Türkei zurückgekehrt, würde die Situation so beschreiben: Wenn die Polizei auch nur die Vermutung hat, dass du irgendwas gegen die Regierung hast, kannst du willkürlich verhaftet werden. Die Gefängnisse sind gefüllt mit Journalisten. Wenn du die Regierung kritisierst, kann dir alles mögliche passieren. Die Türkei ist ein Polizeistaat.  

  Solange die Minderheiten in der Türkei nicht zusammenkommen und sich gemeinsam wehren, wird auch der Druck der europäischen Staaten aber nichts nützen. Es ist die Verpflichtung aller Menschen in der Türkei, die gegen diesen Staat und seine Massaker sind, sich zusammenzuschließen. Ansonsten bringt auch irgendein Druck aus dem Westen nichts.  

 

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Die Regie ist aus  

Mit einem Vorwort vom 2. Januar 1916 erschien vor 100 Jahren unter dem Pseudonym »Junius« Rosa Luxemburgs Broschüre »Die Krise der Sozialdemokratie« Rosa Luxemburg 

In: junge Welt online vom 09.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

 Die Szene hat gründlich gewechselt. Der Marsch in sechs Wochen nach Paris hat sich zu einem Weltdrama ausgewachsen; die Massenschlächterei ist zum ermüdend eintönigen Tagesgeschäft geworden, ohne die Lösung vorwärts oder rückwärts zu bringen. Die bürgerliche Staatskunst sitzt in der Klemme, im eigenen Eisen gefangen; die Geister, die man rief, kann man nicht mehr bannen.  

  Vorbei ist der Rausch. Vorbei der patriotische Lärm in den Straßen, die Jagd auf Goldautomobile, die einander jagenden falschen Telegramme, die mit Cholerabazillen vergifteten Brunnen, die auf jeder Eisenbahnbrücke Berlins bombenwerfenden russischen Studenten, die über Nürnberg fliegenden Franzosen, die Straßenexzesse des spionenwitternden Publikums, das wogende Menschengedränge in den Konditoreien, wo ohrenbetäubende Musik und patriotische Gesänge die höchsten Wellen schlugen; ganze Stadtbevölkerungen in Pöbel verwandelt, bereit, zu denunzieren, Frauen zu misshandeln, Hurra zu schreien und sich selbst durch wilde Gerüchte ins Delirium zu steigern; eine Ritualmordatmosphäre, eine Kischineff-Luft (Im heutigen Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens, starben im April 1903 bei antisemitischen Pogromen fast 50 Juden, etwa 400 wurden verletzt. Die Vorgänge erregten weltweit Aufsehen. jW), in der der Schutzmann an der Straßenecke der einzige Repräsentant der Menschenwürde war.  

  Die Regie ist aus. Die deutschen Gelehrten, die »wankenden Lemuren«, sind längst zurückgepfiffen. Die Reservistenzüge werden nicht mehr vom lauten Jubel der nachstürzenden Jungfrauen begleitet, sie grüßen nicht mehr das Volk aus den Wagenfenstern mit freudigem Lächeln; sie trotten still, ihren Karton in der Hand, durch die Straßen, in denen das Publikum mit verdrießlichen Gesichtern dem Tagesgeschäft nachgeht.  

  In der nüchternen Atmosphäre des bleichen Tages tönt ein anderer Chorus: der heisere Schrei der Geier und Hyänen des Schlachtfeldes. 

Zehntausend Zeltbahnen garantiert vorschriftsmäßig! 100.000 Kilo Speck, Kakaopulver, Kaffee-Ersatz, nur per Kasse, sofort lieferbar! Granaten, Drehbänke, Patronentaschen, Heiratsvermittlung für Witwen der Gefallenen, Ledergurte, Vermittlung von Heereslieferungen – nur ernst gemeinte Offerten! Das im August, im September verladene und patriotisch angehauchte Kanonenfutter verwest in Belgien, in den Vogesen, in den Masuren in Totenäckern, auf denen der Profit mächtig in die Halme schießt. (...)  

  Das Geschäft gedeiht auf Trümmern. Städte werden zu Schutthaufen, Dörfer zu Friedhöfen, Länder zu Wüsteneien, Bevölkerungen zu Bettlerhaufen, Kirchen zu Pferdeställen; (…) und Hungertumulte in Venetien, in Lissabon, in Moskau, in Singapur, und Pest in Russland, und Elend und Verzweiflung überall.  

  Geschändet, entehrt, im Blute watend, von Schmutz triefend – so steht die bürgerliche Gesellschaft da, so ist sie. Nicht wenn sie, geleckt und sittsam, Kultur, Philosophie und Ethik, Ordnung, Frieden und Rechtsstaat mimt – als reißende Bestie, als Hexensabbat der Anarchie, als Pesthauch für Kultur und Menschheit –, so zeigt sie sich in ihrer wahren, nackten Gestalt.  

  Mitten in diesem Hexensabbat vollzog sich eine weltgeschichtliche Katastrophe: die Kapitulation der internationalen Sozialdemokratie. Sich darüber zu täuschen, sie zu verschleiern, wäre das Törichtste, das Verhängnisvollste, was dem Proletariat passieren könnte. »... der Demokrat« (das heißt der revolutionäre Kleinbürger), sagt Marx, »geht ebenso makellos aus der schmählichsten Niederlage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der neugewonnenen Überzeugung, dass er siegen muss, nicht dass er selbst und seine Partei den alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, dass die Verhältnisse ihm entgegen zu reifen haben.« Das moderne Proletariat geht anders aus geschichtlichen Proben hervor. Gigantisch wie seine Aufgaben sind auch seine Irrtümer. Kein vorgezeichnetes, ein für allemal gültiges Schema, kein unfehlbarer Führer zeigt ihm die Pfade, die es zu wandeln hat. Die geschichtliche Erfahrung ist seine einzige Lehrmeisterin, sein Dornenweg der Selbstbefreiung ist nicht bloß mit unermesslichen Leiden, sondern auch mit unzähligen Irrtümern gepflastert. Das Ziel seiner Reise, seine Befreiung hängt davon ab, ob das Proletariat versteht, aus den eigenen Irrtümern zu lernen. Selbstkritik, rücksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik ist Lebensluft und Lebenslicht der proletarischen Bewegung. Der Fall des sozialistischen Proletariats im gegenwärtigen Weltkrieg ist beispiellos, ist ein Unglück für die Menschheit. Verloren wäre der Sozialismus nur dann, wenn das internationale Proletariat die Tiefe dieses Falls nicht ermessen, aus ihm nicht lernen wollte.  

 

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Schwarzer Kanal: Augstein – ein Rassistenwitz  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 09.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

 Unter der Überschrift »Der schlechte Polenwitz« erklärt der als links geltende Verleger und Publizist Jakob Augstein am Montag auf Spiegel online die Gegend zwischen Elbe und Beringstraße zu einer Zone, die von in jeder Hinsicht Minderbemittelten bewohnt wird: »Erst Ungarn, jetzt Polen, Osteuropa wird Russland immer ähnlicher: autoritär, engstirnig, rassistisch.« Der platte Rassismus dieser Aussage hat Vorläufer und Parallelen nicht nur in der Naziideologie. Augsteins Kolumnistenkollege im Spiegel, Jan Fleischhauer, warf erst kürzlich AfD und deutsche Linkspartei wegen angeblichen gemeinsamen Strebens nach gesellschaftlicher »Homogenität« in einen Topf. Der Unterschied zum Schwadronieren des beurlaubten hessischen Oberstudienrates und nunmehrigen thüringischen AfD-Anführers Björn Höcke über das Reproduktionsverhalten von Afrikanern liegt nur in der Wortwahl. Beide bringen in salonfähige Form, was hierzulande wie anderswo in sogenannten zivilisierten Staaten in Krisenzeiten vom Bürgertum an Pöbelei gegen potentiell Unbotmäßige veranstaltet wird. Pogromstimmung herrscht im Internet und auf vom Staat geduldeten Rassistendemonstrationen, Wortführer wie Höcke genauso wie Fleischhauer und Co.erhalten Zugang zu Fernsehdiskussionen öffentlich-rechtlicher Sender, Zeitungen wie die FAZ nahmen in der zu Ende gehenden Woche die Vorgänge in Köln an Silvester zum Anlass, Bild bei der Hetze gegen Migranten und Flüchtlinge zu überbieten. Eine pauschale Warnung vor angeblich eingeborenem Antisemitismus in muslimisch geprägten Staaten und vor Flüchtlingen von dort wie jüngst vom Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, ist Teil des neusten Rassismus. Da gilt: Wer von »uns« mit Bomben belegt wird, muss das von Natur, Glauben oder Kultur her »verdient« haben.  

  Das sozialliberale Milieu der Bundesrepublik verändert sich zur Kenntlichkeit. Augstein kommt nicht mit Abseitigem wie »Homogenität« oder Biologismus, er setzt auf »Kultur«: »In Wahrheit ist zwischen Ost und West ein Kulturkampf im Gange. Und es ist Zeit für eine bittere Erkenntnis: den westlichen Werten Liberalismus, Toleranz, Gleichberechtigung stehen östliche Unwerte gegenüber – Rassismus, Ignoranz, Engstirnigkeit.« Wer sich aber »in Europa« nicht den westlichen Liberalismus zum Vorbild nehme, »sondern Putins Autoritarismus«, dürfe keinen Platz in der EU haben. Und um das Klischee komplett zu machen: »Die Polen halten es da jedoch wie mancher gelernte DDR-Bürger: Sie nehmen zwar gerne westliches Geld, wollen aber bitte von den westlichen Werten verschont bleiben.« Denn seit der Flüchtlingskrise könne es »am gesellschaftlichen Modernisierungsrückstand weiter Teile der östlichen Landeshälfte keinen Zweifel mehr geben«. Deutschland könne die Rassisten in Sachsen und Brandenburg gerade noch ertragen, aber: »Kann Europa die Ausländerfeinde in Polen, Ungarn und der Slowakei aushalten?« Laut Augstein gehören »die Polen eher nicht dazu«.  

  Abgesehen von der grotesk-großdeutschen Besoffenheit des schreibenden Millionärs: Offenbar ist der wegen östlicher Undankbarkeit nicht bereit, eine durch allgemeine Wahlen zustande gekommene Regierung zu akzeptieren. 

Die in Warschau folgt einer auch in Westeuropa verbreiteten katholisch-nationalistischen Programmatik. Eine ihrer ersten Maßnahmen ist, wie am Freitag bekannt wurde, die Entlassung sämtlicher Angestellter der staatlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten. Sie macht dasselbe, was z.B. Vorkämpfer für westliche Werte à la Augstein 1990 in der DDR durchzogen. Die Begründung – Beseitigung des Kommunismus – war dieselbe. Augsteins Wechsel zum »Kulturkampf« bringt nach 25 Jahren Klarheit: Auch damals ging es allein um das Recht des neuen deutschen Imperiums auf Diktatur – hierzulande, in der EU und anderswo. Damals blieb »der Osten« ruhig.  

 

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Stark und unentbehrlich  

Der kubanische Fotograf Roberto Chile hat Fidel Castro jahrzehntelang begleitet  

Volker Hermsdorf 

In: junge Welt online vom 09.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

 Mit wenigen Worten lässt sich der frühere kubanische Präsident Fidel Castro kaum charakterisieren. Guerillero, Rebell, Revolutionär, Freiheitskämpfer, Politiker, Staatsmann, Internationalist und Humanist – er war und ist all das und vieles mehr. Deshalb kann auch die längste Aufzählung seine Bedeutung und all die Facetten seiner Persönlichkeit nicht erfassen. Wer und was ist Fidel? Sein Bruder Raúl Castro, der ihn länger und besser kennt als jeder andere, sagte einfach: »Fidel ist Fidel.« Der Name, zugleich Substantiv und Adjektiv, reicht.  

  Der Dokumentarfilmer und Fotograf Roberto Chile, der Fidel Castro über 25 Jahre lang mit seiner Kamera auf Reisen im In- und Ausland begleitete, hat mit seinen Mitteln versucht, einen Beitrag zur Beschreibung dieses Mannes zu leisten. Aus unzähligen Bildern hat er etwas mehr als 30 für eine Ausstellung ausgewählt, die ab 14. Januar in der jW-Ladengalerie zu sehen ist. Ihr Titel: »Fidel es Fidel«. In den Momentaufnahmen ist der Revolutionsführer mal umringt von einer Menschenmenge, mal im Gespräch oder in Gedanken versunken, niemals aber allein. Fidel ist präsent, auch wenn nur seine Hände oder die olivgrüne Mütze mit dem goldfarbenen Stern zu sehen sind. Dem Fotografen ist es gelungen, einen Eindruck von der Persönlichkeit eines Mannes zu vermitteln, der sich wie kein anderer seit seiner Jugend für die »Verdammten dieser Erde« einsetzt und die Geschichte unseres Planeten positiv beeinflusst hat.  

  Ein 52seitiger Bildband zur Ausstellung wird – exklusiv in deutscher Sprache – an diesem Samstag auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz vorgestellt. 

Das Buch, dem auch eine DVD mit Aufnahmen des Künstlers zu Stationen aus dem Leben Fidels beiliegt, ist ein Zeitdokument und Teil des Porträts eines Mannes, dessen Wirken und Einfluss seine Zeit überdauern werden. 

Roberto Chiles Fotos wirken wie die Visualisierung der bekannten Zeilen Bertolt Brechts: »Die Schwachen kämpfen nicht. Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde lang. Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre. 

Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang. Diese sind unentbehrlich.«  

 

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Kollektiver Kapitalismus?  

Die Industrie-4.0-Ideologie und die Realität  

Werner Seppmann 

In: junge Welt online vom 09.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

 Der Fortschritt der Informationstechnologien verändert unser Leben grundlegend. Arbeitswelt, Konsum, Kultur und Kommunikation wandeln sich dramatisch. Mit einem Text von Evgeny Morozov haben wir in der Ausgabe vom 27./28. Juni 2015 an dieser Stelle eine Debatte über die Chancen und Risiken der digitalen Revolution eröffnet. Die Texte erscheinen in loser Folge auf den Seiten 6/7 der Wochenendbeilage. Sie können nachgelesen werden in unserem Dossier »Digitale Revolution«. (jW)  

  Ein Gespenst bewegt sich durch das Unterholz des bundesdeutschen Medienwalds und hat große Aufmerksamkeit gefunden: Die Bundeskanzlerin hat es gesichtet, und auch die meisten Gewerkschaftsfunktionäre reden darüber. Die bürgerlichen Gazetten thematisieren diese »Entdeckung« ebenso wie die Autoren marxistischer Zeitschriften. Erstaunlicherweise gibt es in den Kernpunkten große Übereinstimmungen in den Äußerungen aus allen Lagern. Bemerkenswert an diesem Medienhype ist auch, dass die (meist positiv gestimmten) Berichterstatter um so klarer über den technologischen Charakter und die sozio-ökonomische Wirkungsweise des Gespenstes zu fabulieren wissen, je weniger sie Zuverlässiges über dessen Konturen zu berichten haben.  

  Es geht um das sogenannte Industrie-4.0-Konzept. Eingebunden ist dessen Thematisierung in die allgemeine Diskussion über die Konsequenzen einer zunehmenden Digitalisierung der Arbeitswelt und deren Auswirkungen auf die Situation der Lohnabhängigen: »Sind die Arbeitsplätze durch die Computerisierung bedroht?« ist eine naheliegende Frage, die oft gestellt wird.  

  In der Regel wird mit Hilfe des (Ober-)Begriffs einer angeblich vierten Industriellen Revolution der Eindruck erweckt, dass es bei den Industrie-4.0-Erzählungen und der wachsenden Bedeutung von Informatik, Sensorik und Robotik in der Arbeitswelt um identische Sachverhalte ginge. 

Tatsächlich sind beide Komplexe miteinander verbunden und weisen auch große inhaltliche Schnittmengen auf. Jedoch gibt es eine entscheidende Differenz: Die Digitalisierungsprozesse sind Realität, also verallgemeinernd gesagt, ist die Arbeitswelt durch einen fortschreitenden Computereinsatz und informationstechnologisch organisierte Lenkungsprozesse geprägt, die nicht selten negative Konsequenzen für die Beschäftigten haben, weil der Einsatz von IT-Systemen im betrieblichen Alltag mit stärkerer Überwachung und in der Regel einer beständigen Leistungsverdichtung verbunden ist.  

  Im Gegensatz zu dieser Realitätsebene Arbeitswelt, ist jedoch das Industrie-4.0-Konzept kaum mehr als ein Propagandacoup des BRD-Wirtschaftsministeriums in Allianz mit Einflussagenturen der IT-Industrie. Gedacht ist es als eine propagandistische Anschubinitiative zur Förderung einer informationstechnologischen »Gründerzeit« in der Bundesrepublik und der EU. Wenn auch unausgesprochen, soll die europäische Position im internationalen Konkurrenzgeflecht der Computer- und Informatikindustrien verbessert werden. Im Endeffekt handelt es sich um eine (zunächst konzeptionelle) Positionierung gegen die Vormachtstellung der US-amerikanischen Internetkonzerne, die ja selbst wiederum das industrielle Terrain als Basis für neue Geschäftsstrategien entdeckt haben.  

  Digitale Vernetzung   Wird von der Industrie-4.0-Perspektive geredet, geht es also vorrangig um Projektionen und Programme. Die Zielsetzung ist ambitioniert und umfasst mehr, als gegenwärtig durch die Computersteuerung industrieller Abläufe bewirkt wird: Auf eine Formel gebracht sollen alle Ebenen des wirtschaftlichen Geschehens miteinander verknüpft werden. Sogar Konsumentenwünsche sollen unmittelbar mit der Planung, der Produktion und der Warendistribution verbunden werden.  

  Aber zunächst geht es um eine effizientere Gestaltung betrieblicher Abläufe und die Vernetzung mit deren »Peripherie«. Es ginge, so heißt es in einem Papier des Bundeswirtschaftsministeriums um die ressourceneffiziente Modernisierung der Industrie durch die »digitale Verfeinerung der Produktionstechnik«. Industrielle Prozesse sollen auf Basis vernetzter sogenannter Cyber-physischer Systeme (CPS) »anpassungsfähiger« und »dynamischer« gestaltet werden. Eingesetzt werden sollen »intelligente Maschinen«, die alle Ebenen von Planung, Konstruktion, Produktionsvorbereitung, Zulieferung, Produktion und Distribution miteinander vernetzen, beispielsweise die Maschineneinrichtung und -steuerung, aber auch die Werkstückzufuhr und die Lagerhaltung »selbsttätig« im Modus »dezentraler Selbstorganisation« gestalten. Basis dieser programmatischen Äußerungen sind reduktionistische Vorstellungen über technologische Entwicklungen als autonome und neutrale Prozesse. Die Frage nach den Interessen und Machtdominanzen bleibt ausgeklammert.  

  Intendiert ist durch internetvermittelte Organisation produktiver Abläufe jedoch auch, die Flexibilität und die Produktivität der Arbeitenden zu steigern. Eine solche Intensivierung der Ausbeutung stand auch schon in den 90er Jahren im Zentrum des Konzepts einer »Atmenden Fabrik«. Aber beabsichtigt ist nun auch die elektronisch vermittelte Integration von Zulieferern, Dienstleistern und ebenfalls von sogenannten Solounternehmern (die zur Bewältigung einzelner Aufgaben herangezogen werden und nicht immer, aber sehr häufig einen prekären Status haben) in die unmittelbaren Organisationsstrukturen des Produktionsprozesses. Um im traditionellen Bild zu bleiben, geht es um eine »Atmende Wirtschaft« in ihrer Gesamtheit und letztlich auch darum, durch den Einsatz der kombinierten Datenverarbeitungs- und Informationstechnologien, die »Kern-« und »Randbelegschaften« mit neuer Intensität gegeneinander ausspielen zu können.  

  Realisiert werden soll das Programm durch eine Vernetzung und Automatisierung der Kommunikation, die weitgehend zwischen den Maschinen und den Rechnern aller Beteiligten stattfindet: Durch dieses sogenannte Internet der Dinge solle beispielsweise der Materialfluss dadurch optimiert werden, dass den Lieferanten automatisch signalisiert wird, welche Rohstoffe und Komponenten auf Basis der eingegangenen Bestellungen als nächstes benötigt werden und bildlich gesprochen durch von außen kommende digitale Impulse, die Maschinen in und Logistik-Infrastruktur der Zulieferer in Gang gesetzt werden.  

  Das hört sich für manche Ohren sehr vielversprechend an – jedoch haben diese Konzepte industriell-digitaler Vernetzung noch nirgends das Planungs- und Experimentierstadium hinter sich die gelassen! Davon ist allerdings in der überwiegenden Zahl der Berichterstattungen und interpretierenden Stellungnahmen nicht die Rede. Kaum ein Hinweis darauf, dass es bis zu einer möglichen Realisierung des Industrie-4.0-Konzeptes noch ein weiter Weg ist und es viele Hindernisse für die Realisierung einer umfassenden Vernetzung der industriellgesellschaftlichen Abläufe gibt. Vieles spricht beispielsweise dafür, dass der prognostizierte baldige Wechsel zu einem sich »selbstorganisierenden« Produktions- und Logistiksystem alleine schon aufgrund des gegenwärtigen technologischen Entwicklungsstandes unrealistisch ist. Denn wie gesagt, das Konzept einer digitalisierten Gesamtwirtschaft ist in wesentlichen Teilen über die Ebene der Grundlagenforschung noch nicht hinausgekommen.  

  Durchgängig erzeugen die Mediendarstellungen jedoch den Eindruck, dass das Industrie-4.0-Konzept schon für viele Bereiche der Arbeitswelt realitätsprägend wäre – oder es bald werden würde. Vernetzungs- und Automatisierungsvorgänge nach diesem Konzept funktionieren zwar, aber meist nur im Rahmen experimenteller Kontexte. In der betrieblichen Praxis wird die angestrebte Prozessstabilität so gut wie nie erreicht. Experten auf diesen Forschungsfeldern schließen auch ein grundsätzliches Scheitern nicht aus. Nicht nur aus technologischen Gründen, denn die angestrebte Vernetzung setzt eine bisher kaum vorstellbare Öffnung der Betriebe voraus, die eine regelrechte Einladung für Industriespionageaktivitäten durch die Konkurrenten bedeuten würde.  

  Kooperation und Konkurrenz   Bei vielen Industrie-4.0-Erörterungen bleibt (neben vielen anderen Problemen) vor allem die konstitutive Rolle des Konkurrenzverhältnisses zwischen den wirtschaftlichen Akteuren unberücksichtigt. Tatsächlich aber stellt es eine wesentliche Barriere für die angestrebte universelle Vernetzung der wirtschaftlichen Aktivitäten dar. Denn zur irreversiblen Notwendigkeit des wirtschaftlichen Handelns unter kapitalistischen Verwertungsbedingungen gehört die Abschottung der relevanten betrieblichen und technischen Wissensressourcen gegenüber den Konkurrenten. Was heute an konzernüberschreitenden Vernetzungen auf digitaler Grundlage existiert oder zumindest in der Planungsphase ist, hat deshalb meist nur den Charakter eines Just-in-Time-Lieferungssystems auf einer höheren Stufe. So wird gegenwärtig beim Industriegase-Lieferanten Linde ein digitales Ventil erprobt: Geht der Vorrat im Gastank eines Kunden zu Ende, soll via Internet automatisch der Lieferungs- und Nachfüllprozess in Gang gesetzt werden.  

  Wenn es zur Verallgemeinerung miteinander kommunizierender Netzwerke aus Maschinen, Lagersystemen, Produkten und Menschen kommen sollte, dann mit großer Wahrscheinlichkeit nur unternehmensintern oder in Kooperation mit einem kleinen Kreis ausgewählter Lieferanten und Zulieferer. Einer firmenübergreifenden Vernetzung, von der im Windschatten der Industrie-4.0-PR-Innitiativen in einer kaum mehr zu überbietenden Naivität sowohl bei den wirtschaftspolitischen Ideologen, jedoch auch in linken Publikationen die Rede ist, stehen die ganz elementaren Funktionsprinzipien des Kapitalismus, vorrangig also die Konkurrenzorientierung und die Orientierung an den je spezifischen Eigeninteressen aller ökonomisch Handelnden, entgegen.  

  Das Programm einer sich selbst organisierenden und vernetzten Produktion über den betrieblichen Rahmen hinaus, wird von vielen Unternehmen als sehr riskant eingestuft, denn die kapitalistischen Akteure leben mit dem Bewusstsein, dass selbst dominante Marktpositionen in kürzester Zeit verlorengehen können, wenn auf die Abschottung gegenüber Konkurrenten verzichtet wird. Die Befürchtung ist nicht unbegründet. Die Erfahrungen lehren, dass durch den leichtfertigen Umgang mit den eigenen Entwicklungs-, Wissens- und Fertigkeitspotentialen auch gegenwärtig schon bei Kooperationen eine Gefährdung der eigenen Position innerhalb der Konkurrenzfiguration existiert.  

  Durch weitergehende Vernetzungen würde sich auch die Verletzlichkeit betrieblicher IT-Systeme durch Attacken von »außen« potenzieren. Schon heute existiert eine Anfälligkeit für Hacker-Angriffe, weil die Organisation von Produktionsabläufen und Vertriebsprozessen an die Netzanbindung gekoppelt ist und es zwischen internen und externen Systembestandteilen kaum noch wirksame Barrieren gibt. Deshalb konnten die Steuergeräte eines Hochofens in einem deutschen Stahlwerk von Hackern so manipuliert werden, dass er sich nicht mehr herunterfahren ließ und die Anlage schwer beschädigt wurde. In einem anderen Fall hatte ein Hacker einen Angriff auf ein deutsches Energieversorgungsunternehmen sogar angekündigt – und konnte dennoch alle »Schutzwälle« überwinden. Die Probleme der Computersicherheit werden mittlerweile von vielen Unternehmen als dramatisch eingestuft, obwohl die elektronische Vernetzung aller betrieblichen Abläufe mit externen Kooperationspartnern noch Zukunftsmusik ist.  

  Realkapitalistische Grenzen   Aber selbst bei einer hinreichenden Lösung der Sicherheitsprobleme wären einer digitalen Megastruktur schon deshalb Grenzen gesetzt, weil es auch innerhalb betrieblicher Organisationen nicht selten unterschiedliche Zielvorstellungen und Tätigkeitspräferenzen gibt, die nur mit großem Aufwand homogenisierbar wären. Zuerst müsste die Fragmentierung der betrieblichen Einheit durch das Profit-Center-Prinzip, nach dem jede Abteilung und jedes Organisationssegment auf »eigene Rechnung« und in Konkurrenz zu den anderen internen Akteuren zu arbeiten hat, wieder beseitigt werden. Auch in zentralen Punkten betrieblicher Organisation müßte wieder »zurückgerudert«, müssten die zellularen Strukturen mit sich weitgehend selbst steuernden Einheiten, die an Stelle einer horizontalen und vertikalen Arbeitsteilung mit ihren zentralen Elementen Kontrolle und Weisung installiert wurden, wieder entscheidend revidiert werden. Es wären also viele Hindernisse zu beseitigen, um eine mit Automatisierungseffekten verbundene Digitalisierung der betrieblichen Abläufe realisieren zu können.  

  Jenseits allen Wechsels in den Moden der Managementkonzepte und ihren konkreten Umsetzungsformen, sind Koordination und Abstimmung eine permanente Notwendigkeit auch innerhalb von Betrieben und Konzernen – und diese sind in der Regel nur ohne digitalisierte Automatismen zu leisten, weil die realen Konflikte und Interessen an konkrete Personen gebunden sind. Ein reibungsloser und kontinuierlicher Informationsfluss dürfte auch im betrieblichen Kontext jedenfalls schwieriger zu organisieren sein, als es die Industrie-4.0-Mythologie unterstellt.  

  Nur äußerst geringe Kooperations- und Vernetzungsmöglichkeiten gibt es zwischen den verschiedenen Konzernen bei der Mehrwertrealisierung. Der schon seit mindesten zwei Jahrzehnten intensivierte »Einsatz der I&K-Technologien in den wesentlichen Sektoren hat zwar bewirkt, dass die Unternehmen ihre Produktivität, Qualität, Logistik und betriebliche Wertschöpfung optimieren; aber es gibt keine Einbeziehung der Absatzmärkte, der Veränderung beim Kaufverhalten etc., so dass den Wertschöpfungsketten von dieser Seite immer wieder Schranken gesetzt werden. Unter den Bedingungen verschärfter Konkurrenz lässt sich die Idee einer Integration aller Marktdaten auch nicht realisieren.« (Joachim Bischoff)  

  Vor allem bei den unmittelbar marktbezogenen Aktivitäten ist die Möglichkeit eines kooperativen Handelns zwischen den konkurrierenden Wirtschaftsakteuren also stark eingeschränkt. Eine universale Vernetzung würde deshalb sehr schnell an ihre realkapitalistischen Grenzen stoßen. 

Denn nicht zuletzt zwischen multinationalen Konzernen herrscht ein erbarmungsloser Wettbewerb, der auf vielen Ebenen geführt wird. Angesichts einer Hyperkonkurrenz beim Kampf um Marktpositionen ist es unwahrscheinlich, dass ausgerechnet durch die Digitalisierungsprozesse und eine intensivierte Netzvermittlung ein »kollektiver Kapitalismus« entsteht, durch den die konkurrenzgeprägten Abschottungsbedürfnisse und Überbietungsstrategien neutralisiert werden könnten. Um so weniger gibt es einen plausiblen Grund für die Gewerkschaften, sich dem Kapital, wie es in der gegenwärtigen Digitalisierungsdebatte manchmal geschieht, als »verständiger« Partner zur Sicherung eines angeblich »erfolgreichen kooperativen Industriemodells« (Detlef Wetzel) anzudienen.  

 

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Pol & Pott. Meereshäppchen  

Ina Bösecke 

In: junge Welt online vom 09.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

In »Hannah und ihre Schwestern« (USA 1986) erzählt Woody Allen in 16 kurzen Episoden die Geschichte von drei Schwestern und ihren Männern, die allesamt in New York leben und mehr oder weniger erfolgreich sind, im Beruf und in der Liebe. Eher weniger, wie zu erwarten bei Allen. Holly (Dianne Wiest) zum Beispiel, eine der drei Schwestern, und ihre Freundin April (Carrie Fisher) sind Schauspielerinnen, aber leider ohne Engagement. Sie beschließen, einen Partyservice zu eröffnen, den sie nach dem russischen Theaterreformer Konstantin Sergejewitsch Stanislawski benennen. 

 In einer Szene lernen wir ihre Kunst der Häppchenherstellung kennen, die wir als Anregung verstehen sollten. »Stroganoff ist fertig!« ruft April. 

»Wir sind ein voller Erfolg!« jubelt Holly. »Was das hier angeht, sind wir ein voller Erfolg«, meint April. »Gestern habe ich vorgesprochen, für ›Come Back Little Sheba‹. Da war ich kein so großer Erfolg.« Während Holly sie tröstet und ihr Mut zuspricht, kommt der Architekt David (Sam Waterston) in ihre Küche und fragt nach mehr Muschelhappen, die wären so lecker, er könne ihnen nicht widerstehen, meint er. Die Mädels sind geschmeichelt. Erst recht, als David sagt, sie wären viel zu hübsch für einen Partyservice (als ob es keine hübschen Leute beim Catering geben würde). Holly verrät, dass sie eigentlich Schauspielerinnen sind. 

»Sie sind Schauspielerinnen mit einer enormen Begabung für Krabbenpastetchen«, fasst David zusammen, nachdem er auch diese probiert hat. »Nein, die Krabbenpastetchen sind von Holly«, meint April. »Ich mache die Crepes caviar.« 

 Nach der Party fährt David, der mit einer schizophrenen Frau verheiratet ist, mit den beiden Schauspielerinnen durch New York und zeigt ihnen die von ihm entworfenen oder restaurierten Fassaden. Beide Frauen wollen ihn. 

Er entscheidet sich für April. Vorläufig. Kurze Zeit später darf Holly mit ihm in die Oper gehen. Die Frauenfreundschaft ist futsch. Der Stanislawski-Partyservice ebenfalls. Nur die Rezepte leben weiter. 

 Muschelhappen: Zehn Jakobsmuscheln öffnen – sofern man keine tiefgefrorenen verwendet –, das Fleisch herausnehmen, die schwaren Teile entfernen. In Scheiben schneiden – am einfachsten mit einer scharfen Küchenschere. Die Scheiben mit dünnen Streifen von ca. 150 g Räucherspeck umwickeln. Zehn große Champignons kurz mit heißem Wasser abbrühen, halbieren; jeweils eine Muschelscheibe und zwei halbe Pilze auf einen Spieß stecken, mit etwas Salz und Pfeffer würzen und in Butter von allen Seiten goldbraun anbraten. 

 Crepes caviar: 125 g Mehl, zwei Eier, ein Viertel Liter Wasser und ein Achtel Liter Milch zu einem geschmeidigen Teig verrühren, mit Salz würzen und stehenlassen. Ein Achtel Liter süße Sahne mit einer Prise Salz und zwei EL Zitronensaft steif schlagen. Etwas Butter in einer Pfanne erhitzen und etwa 12 dünne Crepes ausbacken, warm stellen. Je ein EL Zitronensahne und etwas Kaviar in die Mitte jedes Crepes geben und mit Dillspitzen bestreuen. Die befüllten Crepes zusammengerollt servieren. 

 

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