Wochenendbeilage der jungen Welt

vom 02.01.2016


  

»Die Leute sind nicht mehr direkt für den Imperialismus«  

Gespräch mit Dieter Frielinghaus. Über die evangelischen Kirchen und die Politik in Bundesrepublik und DDR – Wiederbewaffnung, »Schwerter zu Pflugscharen«, Angriffskrieger  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 02.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

 Sie sind evangelischer Christ, promovierter Theologe, Pastor der reformierten Kirche, gingen von der Bundesrepublik vor fast 60 Jahren in die DDR und engagierten sich für sie. Da lässt sich fragen: Warum wird so einer Kommunist?  

  Ich hatte das Glück, dass mein Vater – ein reformierter Pfarrer – kein Nazi war. Er war kein Widerstandskämpfer, mochte aber den Hitler nicht und fluchte täglich beim Mittagessen auf ihn. In dieser Hinsicht war ich geimpft. Hinzu kamen die eigenen Erfahrungen im Krieg: Die Bombenangriffe auf Braunschweig, die Zeit als Luftwaffenhelfer – für mich war klar, dass es keinen Krieg mehr geben durfte. Und ich glaubte, das Ergebnis des Krieges sei, dass es keinen mehr geben würde. Allerdings hatte ich keinerlei politische Erfahrung.  

  Da gab es unmittelbar nach 1945 nichts Prägendes?  

  Nein, ich musste erst einmal wieder zur Schule und machte im Frühjahr 1948 Abitur. Ich interessierte mich zwar für Wahlen und war beunruhigt, weil da irgendeine Nazipartei antrat, aber ich hatte nicht die geringste Ahnung von Sozialismus. 1945 habe ich zwar das »Kommunistische Manifest« gelesen, sagte mir aber: »Ist alles ganz richtig, aber so schlimm ist der Kapitalismus auch wieder nicht.«  

  1950 trat Gustav Heinemann, der spätere Bundespräsident, als CDU-Innenminister wegen der Wiederbewaffnungspläne von Bundeskanzler Konrad Adenauer zurück. Er gründete 1952 die Gesamdeutsche Volkspartei (GVP), in der Sie als Theologiestudent in Göttingen aktiv wurden. Wie kam das auf einmal?  

  Ich musste zur Kenntnis nehmen: Adenauer wollte eine Armee. Ich hatte geglaubt, so etwas kommt nie wieder in Frage. Das war meine erste Politisierung. Dann hörte ich von der Initiative Heinemanns und erlebte ihn bei einem Vortrag in Göttingen. Andererseits war ich so ahnungslos, dass ich 1950 nicht den »Stockholmer Appell« des Weltfriedensrates zur Ächtung der Atombombe unterschrieb, deswegen schäme ich mich heute noch. 

Meine Begründung war: »Das ist doch was Kommunistisches.« Für mich war es keine Frage der Überlegung, gegen den Kommunismus zu sein. Das war einfach so.  

  Es gab in den 1950er Jahren eine breite Ablehnung der Bundeswehr.  

  Das ist eine der positiven Folgen des Zweiten Weltkrieges: Die Leute sind nicht mehr direkt für den Imperialismus. Aber dass sie etwas tun, das gibt es auch nicht.  

  Die evangelische Kirche schloss Anfang 1957 mit der Bundesregierung den Militärseelsorgevertrag. Wie haben Sie das erlebt?  

  Der war selbstverständlich, das weiß ich noch aus den Reden von Bischof Otto Dibelius, dem damaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, EKD, - der blanke Skandal. Heute ist es ebenso. Ich beziehe zwei Kirchenzeitungen, und in einer verantwortet die Militärseelsorge alle paar Wochen eine ganze Seite. Da stand zum Beispiel, dass die Militärpfarrer die für Syrien vorgesehenen »Tornados« begleiten und dass die Einheiten froh seien, sie dabeizuhaben.  

  Ist es richtig zu sagen, dass Sie heute ein ziemlich vehementer Kirchengegner sind?  

  Das ist für mich einfach eine Frage des Lesens der Bibel. In ihr steht furchtbar vieles, was ich schrecklich finde, aber das Wesentliche an ihr sind die Propheten und Jesus selbst. Bei ihnen ist völlig eindeutig, was sie wollen: Gerechtigkeit und Frieden, und dass die Leute, die Gemeinden miteinander und mit anderen zusammen dafür arbeiten, aber nicht, dass das von einer Kirche geleitet wird. Wichtig ist vor allem, ob die Kirche den Krieg befürwortet.  

  Da hat sich die evangelische Kirche durch Bischof Wolfgang Huber im Jugoslawien-Krieg 1999 sehr hervorgetan.  

  Nicht nur er als EKD-Ratsvorsitzender, alle Bischöfe. Der damalige in Greifswald war lange ruhig, und ich sagte zum hiesigen Pastor: »Eurer hier ist noch der Vernünftigste«. Eine Woche später hatte er auch ja zu diesem Krieg gesagt. Nikolaus Schneider, der EKD-Vorsitzende von 2010 bis 2014, sprach später immer von »Bauchmerzen«, die er habe, wenn es um Rüstungsexporte in den Nahen oder Mittleren Osten ging. Sie sind nicht glücklich, aber es muss ja angeblich sein. Der Bischof von Dresden sagte damals: »Wir sind für den Frieden, aber man kann sich nicht aus allem heraushalten.« Dabei hätten sie zu fragen, ob es um eine gerechte Sache geht.  

  Wer sagt, man könne sich nicht aus allem heraushalten, verzichtet auf moralische Maßstäbe, wird beliebig?  

  Richtig, sie drehen sich die Dinge zurecht. Dasselbe erleben wir jetzt mit den Flüchtlingen. Normalerweise sagen sie zu den Fluchtursachen: Das sind die Schlepper. Wenn sie ein bisschen besser sind, sagen sie: Es liegt am Krieg. Sie sagen aber nicht, woher der Krieg kommt. Dass es das Wirtschaftssystem ist, das die Leute fertigmacht, und dass es die USA sind, die diese Kriege in Gang gesetzt haben. Wer ernsthaft nach Gerechtigkeit und Frieden strebt, müsste das sagen – macht aber keiner.  

  Warum gingen Sie in die DDR?  

  Das war Anfang 1957. Die reformierten Gemeinden, die zu den lutherischen Landeskirchen gehörten, standen im Austauch. Gegen Ende meines Studiums starb ein reformierter Pfarrer in Dresden, sein Göttinger Kollege kam zu mir und sagte: »Du bist doch so für die Russen, willst du nicht nach Dresden gehen?« Wollte ich aber nicht, sondern mindestens ein Jahr in die USA, gegen die ich damals keinerlei Vorbehalte hatte. Aber der Mann war hartnäckig, kam wieder und meinte: »Wenigstens für ein paar Wochen«.  

  Was meinte er mit »für die Russen«?  

  Ich war 1954 in Moskau zu einer Tagung des Internationalen Studentenbundes gewesen. Damals hatte ich Zeit: Die GVP hatte es 1953 nicht in den Bundestag geschafft, und meine Tätigkeit in ihr war beendet. Ich war so etwas wie der GVP-Vorsitzende in Göttingen, was reichte, dass ich in der Presse und von vielen Leuten als Kommunist bezeichnet wurde. Mein Aufenthalt in Moskau lehrte mich, dass es in der Sowjetunion völlig anders war, als ich gedacht hatte. Ich lernte aufgeschlossene Studenten kennen und merkte vor allem, dass die etwas wissen, was ich nicht weiß. Ich rettete mich anfangs damit, dass ich erklärte, wir hätten eben die westliche Weltanschauung. Da fragten die: »Was ist das?« Das konnte ich aber nicht beantworten.  

  »Christliches Abendland« fiel Ihnen nicht ein?  

  Es war mir schon klar, dass das eine säuische Ideologie war, nein, ich meinte zum Beispiel amerikanisches Laisser-faire und ähnliches. Vor allem aber: Ich lernte begreifen, was es mit der »dritten Welt« auf sich hatte. 

Das war völlig neu für mich, und ich stellte fest, dass niemand aus meiner Bekanntschaft etwas darüber wusste. Das war meine wirkliche Politisierung.  

  Als ich 1957 nach Dresden kam, traf ich auf eine Gemeinde mit zwei Pastoren. Der eine war ein von der Gemeinde angehimmeltes Genie, der andere der Trottel, der nebenher mitlief. Der hatte nur darauf gewartet, dass ich kam, und war drei Wochen später mit Familie im Westen. Er hatte »herausbekommen«, dass ich für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet hätte. Ich wusste damals nicht einmal, was das ist, aber er berichtete dort, ich hätte ihn bedrängt. Geholfen hat ihm das nichts, denn die Leute, die den Kampfplatz gegen den Kommunismus verließen, mussten bestraft werden. Ich habe aber dann einem Dekan im Hessischen geschrieben, sie könnten ihn ruhig einstellen.  

  Danach musste ich bleiben, denn es wäre unanständig gewesen, auch noch abzuhauen. Also bin ich hängengeblieben und führte ein ganz normales DDR-Leben. Allerdings gab es gelegentlich Krach mit der Gemeinde. Einige Leute waren der Meinung: »Jetzt haben wir einen Pastor aus dem Westen, der soll uns erlösen.« Ich wurde also andauernd gefragt, wann die deutsche Einheit kommt. Es war eine kleinbürgerliche Gemeinde, die mal ein großbürgerliches Establishment gehabt hatte. Die waren alle weg, und nun wollten die Kleinbürger die Großbürger spielen.  

  Ihre Gegnerschaft zur Kirche begründen Sie damit, dass diese Ideologie verbreite. Sie sprechen sogar von einer »Bürgerreligion«. Was heißt das?  

  Die Leute werden ununterbrochen damit berieselt: »Der liebe Gott meint es gut mit dir«. Da ist Religion nichts weiter als: Der Mensch weiß zwar selber, was er will, er schafft das aber nicht alles, und der liebe Gott wird ihm schon helfen. In der Kirche höre ich sonntags nichts anderes als dies. Schalte ich einen Gottesdienst im Fernsehen ein, höre ich dasselbe. 

Die haben lediglich eine Harfenspielerin oder einen Flötisten dabei. In den Gemeinden werden die Leute ununterbrochen damit beschäftigt, dass man einen Kirchturm bauen könnte, dass die Orgel verbessert werden muss, dass ein Altargemälde angeschafft werden sollte und vor allem Glocken, die sind besonders wichtig.  

  Das scheint mir in der nichtkirchlichen Sphäre ähnlich zu sein. An die Stelle von Gerechtigkeit und Frieden wurde dort etwa der Schutz von Minderheiten gesetzt – immer öfter mit Bomben.  

  Irgend etwas Freundliches sagen sie natürlich immer. Zwischen Kirche und Nichtkirche besteht da kein Unterschied, es ist einfach die Religion der bürgerlichen Welt. Also etwa in dem Sinn: Das Christkind kommt »alle Jahre wieder«. Aber wo ist es zwischendurch? Ich hatte in Göttingen einen Professor, der seinen Kindern das Lied »Alle Jahre wieder« verboten hat. 

Er könne ihnen nicht jedes blödsinnige Weihnachtslied verbieten, aber wenigstens dieses eine. Ich habe unserem hiesigen Pastor gesagt: »Das ist ein unchristliches Lied«. Die Leute singen es eben, aber warum ausgerechnet im Gottesdienst?  

  Die Kirchen in der DDR waren mehr oder weniger staatsfern. Bei Ihnen hat sich aber nach meinem Eindruck ein besonderer Zorn auf sie herausgebildet. 

Warum?  

  Weil es die Kirchen waren, mit denen ich zu tun hatte. Für die war einfach selbstverständlich: Die DDR darf es nicht geben. Je mehr ich aber die DDR kennenlernte, desto mehr wollte ich, dass es sie gibt, und wäre heute froh, wenn es sie gäbe. Man braucht nicht darüber zu reden, dass ich auch meinen Ärger hatte, aber es war der richtigere Weg. Das hätte die Kirche erkennen müssen, wäre sie eine gewesen. Ich habe von ihr nicht verlangt, dass sie sozialistische Propaganda macht, sondern dass sie den Leuten sagt: »Ihr lebt jetzt in diesem Land, seht zu, was ihr daraus macht.« Und das nicht mit Feindschaft von vornherein.  

  Sie sprechen in Bezug auf die DDR-Kirchen von »überwintern« oder »Westen im Osten«. Wie wichtig war das Geld aus dem Westen?  

  Ich lernte Manfred Stolpe als Präsident der Kirchenleitung, des Konsistoriums, in Berlin-Brandenburg kennen, weil ich turnusgemäß von 1984 bis 1990 Moderator der reformierten Gemeinden in der Region war. In jeder Woche gab es eine Sitzung des Konsistoriums. Ich bin seither sicher, dass Stolpe die DDR nicht weghaben wollte. Ihm hat es gefallen, dass täglich ein paar Westjournalisten mit schicken Autos vorfuhren, er mit ihnen reden konnte, vielleicht auch mal sagte, dass ihm dies oder jenes an der DDR gefiel. Das hörten die mit Interesse, brachten aber auch etwas mit. Ich glaube, dass er das behalten und sogar ausbauen wollte.  

  Bei dem Geldfluss in die DDR-Kirchen ging es offenbar um beachtliche Beträge. Gibt es dazu Genaueres?  

  Darüber ist nie offen geredet worden. Die 1991 erschienenen Erinnerungen von Ludwig Geißel, der seit 1958 für mehrere Jahrzehnte Beauftragter der westdeutschen Kirchen für die DDR war, mit dem Titel »Unterhändler der Menschlichkeit« wurden nie in einer Kirchenzeitung zitiert. Man wollte das Thema nicht.  

  Man hielt das Pulver trocken und zündete es zum gegebenen Zeitpunkt?  

  Seit Konstantin dem Großen war der sozialistische Staat der erste, der keine religiöse Weihe haben wollte. Ich habe nie verstanden, warum die Kirche das nicht als ihre eigene Chance verstanden hat. Sie hätte eine Kirche werden können, aber das wollte sie nicht.  

  Geht es nur um Macht und Geld?  

  Sie wollte mitmachen und faktisch geht es nur darum. Die Kirchenoberen wissen selbst, dass sie heute keine wirkliche Macht mehr haben, dass sie nur ein bisschen dabeisein dürfen. Sie partizipieren an der Macht, die sie über sich haben und die sie ihrerseits unterstützen.  

  Zusammenfassend hieße das: »Wir waren keine Nazis, Kommunismus geht gar nicht, ansonsten lullen wir bei jeder imperialistischen Schweinerei ein« – von der Wiederbewaffnung bis zu den heutigen Angriffskriegen.  

  Sie sind nicht für Angriffskriege, aber wenn es losgeht, heißt es: »Wir müssen leider«. Eines der erschütterndsten Dokumente der Kirchengeschichte ist das Telegramm des Geistlichen Vertrauensrates der Deutschen Evangelischen Kirche vom 30. Juni 1941 an Hitler nach dem Überfall auf die Sowjetunion. Darin heißt es: »Sie haben, mein Führer, die bolschewistische Gefahr im eigenen Land gebannt und rufen nun unser Volk und die Völker Europas zum entscheidenden Waffengange gegen den Todfeind aller Ordnung und aller abendländisch-christlichen Kultur auf.« Und weiter: »Die Deutsche Kirche ist mit allen ihren Gebeten bei Ihnen und unseren unvergleichlichen Soldaten, die nun mit so gewaltigen Schlägen daran gehen, den Pestherd zu beseitigen«. Es ist unglaublich, dass so etwas überhaupt möglich ist. Aber nie wurde jemand dafür belangt.  

  Sind Sie zum Ende der DDR hin immer radikaler geworden?  

  Das war so. 1988 merkte ich, dass alles den Bach runtergeht. Stolpe übrigens nicht. Er bat mich Anfang 1990, in der Kirchenleitung meine Meinung zur gegenwärtigen Lage zu äußern. Ich sagte damals: Es wird einmal wieder einen Sozialismus geben und der wird wissen, dass die Kirche ihn 1989/90 verlassen hat. Stolpe sagte hinterher zu mir: »Glauben Sie wirklich, dass es mit dem Sozialismus in der DDR schon zu Ende ist?«  

  Der verstorbene Theologe Hanfried Müller hat mir einmal in tiefen DDR-Zeiten über solche Kirchenleute gesagt: »Die sind für den Sozialismus, weil er siegt. Wir sind für ihn, weil er richtig ist.«  

  1990 dachten die Bundeswehrgeneräle bereits über den Schutz »unserer Handelswege und Rohstoffe« nach. Die Losung »Schwerter zu Pflugscharen« war aus den Kirchen von einem Tag zum anderen verschwunden.  

  Obwohl das eine sehr gute Losung ist. Die Sowjetunion hat nicht ohne Grund das Denkmal den Vereinten Nationen geschenkt. Aber ich wusste damals, dass die Bewegung, die es unter dieser Losung seit Anfang der 80er Jahre in Kirchen und unter Jugendlichen der DDR gegeben hatte, unter Vorantritt niederländischer Friedensfreunde in Gang gesetzt worden war. Sie kamen mit der Auffassung, jeder müsse gegen seine Armee kämpfen, das sei besonders im Osten wichtig. Die Jugendlichen, die dem folgten, wurden politisch missbraucht. Für den Staat war es schwierig, damit fertigzuwerden. Er wusste vermutlich, woher das kam, man sprach aber nicht darüber. Das hätte man aber tun müssen.  

  Bleibt es bei der heutigen offiziellen DDR-Kirchengeschichte: Widerstand, Überstehen, Befreiung?  

  Die Geschichte mit der Staatssicherheit ist für sie ein Geschenk. Sie konnten nicht sagen: »Wer für den Sozialismus war, ist ein Verbrecher.« Das waren zu viele. Aber beim Ministerium für Staatssicherheit, mit dem MfS, können sie es machen: Gegen wen sie etwas haben, der wird wegen Arbeit für das MfS beschuldigt. Gegen wen sie nichts haben, der darf dabei gewesen sein, zum Beispiel Joachim Gauck. Der letzte DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel hat mal einen schönen Aufsatz geschrieben, in dem er fragte, ob die MfS-Akten ganz, teilweise oder gar nicht lügen? Wenn sie nicht lügen, folgerte er, war Gauck ein IM. Er passt in diese Kirche.  

  Was halten Sie vom Motto der Rosa-Luxemburg-Konferenz aus der »Internationale«: »Kein Gott, kein Kaiser, kein Tribun. Selber tun«?  

  Ich würde es anders formulieren, aber wenn ich sehe, was für einen Gott die dem Volk vorführen, kann ich nur sagen: »Bitte, verlasst euch nicht auf den«. Insofern kann ich dieses Lied singen, das macht mir nichts aus.  

 

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Rückfall in die Barbarei  

Mit einem Vorwort vom 2. Januar 1916 erschien vor 100 Jahren unter dem Pseudonym »Junius« Rosa Luxemburgs Broschüre »Die Krise der Sozialdemokratie« 

In: junge Welt online vom 02.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

Noch eine Woche vor Ausbruch des Krieges, am 26. Juli 1914, schrieben deutsche Parteiblätter: »Wir sind keine Marionetten, wir bekämpfen mit aller Energie ein System, das die Menschen zu willenlosen Werkzeugen der blind waltenden Verhältnisse macht, diesen Kapitalismus, der das nach Frieden dürstende Europa in ein dampfendes Schlachthaus zu verwandeln sich anschickt. Wenn das Verderben seinen Gang geht, wenn der entschlossene Friedenswille des deutschen, des internationalen Proletariats, der in den nächsten Tagen sich in machtvollen Kundgebungen offenbaren wird, nicht imstande sein sollte, den Weltkrieg abzuwehren, dann soll er wenigstens der letzte Krieg, dann soll er die Götterdämmerung des Kapitalismus werden. 

(Frankfurter Volksstimme) 

Noch am 30. Juli 1914 rief das Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie (Vorwärts, jW): »Das sozialistische Proletariat lehnt jede Verantwortung für die Ereignisse ab, die eine bis zum Aberwitz verblendete herrschende Klasse heraufbeschwört. Es weiß, dass gerade ihm neues Leben aus den Ruinen blühen wird. Alle Verantwortung fällt auf die Machthaber von heute. Für sie handelt es sich um Sein oder Nichtsein. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.« 

Und dann kam das Unerhörte, das Beispiellose, der 4. August 1914. 

Ob es so kommen musste? Ein Geschehnis von dieser Tragweite ist gewiss kein Spiel des Zufalls. Es müssen ihm tiefe und weitgreifende objektive Ursachen zugrunde liegen. Aber diese Ursachen können auch in Fehlern der Führerin des Proletariats, der Sozialdemokratie, im Versagen unseres Kampfwillens, unseres Muts, unserer Überzeugungstreue liegen. Der wissenschaftliche Sozialismus hat uns gelehrt, die objektiven Gesetze der geschichtlichen Entwicklung zu begreifen. Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken. Aber sie machen sie selbst. Das Proletariat ist in seiner Aktion von dem jeweiligen Reifegrad der gesellschaftlichen Entwicklung abhängig, aber die gesellschaftliche Entwicklung geht nicht jenseits des Proletariats vor sich, es ist in gleichem Maße ihre Triebfeder und Ursache, wie es ihr Produkt und Folge ist. Seine Aktion selbst ist mitbestimmender Teil der Geschichte. Und wenn wir die geschichtliche Entwicklung so wenig überspringen können, wie der Mensch seinen Schatten, wir können sie wohl beschleunigen oder verlangsamen. (…) 

Friedrich Engels sagte einmal: Die bürgerliche Gesellschaft steht vor einem Dilemma: entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei. Was bedeutet ein »Rückfall in die Barbarei« auf unserer Höhe der europäischen Zivilisation? Wir haben wohl alle die Worte bis jetzt gedankenlos gelesen und wiederholt, ohne ihren furchtbaren Ernst zu ahnen. 

Ein Blick um uns in diesem Augenblick zeigt, was ein Rückfall der bürgerlichen Gesellschaft in die Barbarei bedeutet. Dieser Weltkrieg – das ist ein Rückfall in die Barbarei. Der Triumph des Imperialismus führt zur Vernichtung der Kultur – sporadisch während der Dauer eines modernen Krieges, und endgültig, wenn die nun begonnene Periode der Weltkriege ungehemmt bis zur letzten Konsequenz ihren Fortgang nehmen sollte. (…) 

»Jetzt stehen wir vor der ehernen Tatsache des Krieges. Uns drohen die Schrecken feindlicher Invasionen. Nicht für oder gegen den Krieg haben wir heute zu entscheiden, sondern über die Frage der für die Verteidigung des Landes erforderlichen Mittel … Für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Sieg des russischen Despotismus, der sich mit dem Blute der Besten des eigenen Volkes befleckt hat, viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. Es gilt, diese Gefahr abzuwehren, die Kultur und die Unabhängigkeit unseres eigenen Landes sicherzustellen. Da machen wir wahr, was wir immer betont haben: Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich. Wir fühlen uns dabei im Einklang mit der Internationale, die das Recht jedes Volkes auf nationale Selbständigkeit und Selbstverteidigung jederzeit anerkannt hat, wie wir auch in Übereinstimmung mit ihr jeden Eroberungskrieg verurteilen … Von diesen Grundsätzen geleitet, bewilligen wir die geforderten Kriegskredite.« 

Mit dieser Erklärung gab die Reichstagsfraktion (der SPD, jW) am 4. August die Parole, welche die Haltung der deutschen Arbeiterschaft im Kriege bestimmen und beherrschen sollte. Vaterland in Gefahr, nationale Verteidigung, Volkskrieg um Existenz, Kultur und Freiheit – das war das Stichwort, das von der parlamentarischen Vertretung der Sozialdemokratie gegeben wurde. Alles andere ergab sich daraus als einfache Folge: die Haltung der Parteipresse und der Gewerkschaftspresse, der patriotische Taumel der Massen, der Burgfrieden, die plötzliche Auflösung der Internationale – alles war nur unvermeidliche Konsequenz der ersten Orientierung, die im Reichstag getroffen wurde. (…) 

 

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Schwarzer Kanal: Doppelte Heimsuchung  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 02.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

Bange blickt Alfons Kaiser am Silvestertag in der FAZ in die Zukunft, die mit dem Satz »Wir schaffen das« von der Regierungschefin angekündigt wird, und stellt Angela Merkel der Ewigkeit gegenüber: »Wer hat schon sein Schicksal im Griff? Und wäre das nicht wiederum ein schlimmes Schicksal, seine Bestimmung unter Kontrolle zu haben?« Egal, woher was kommt – Unbegriffenes von sonstwo oder »Kontrolle« seiner selbst – es bleibt für immer schlecht. Denn: »Geschichte wird nicht gemacht. Sie macht uns.« Das ist zwar nicht mehr das kläffend-großdeutsche »Männer machen die Geschichte« des Heinrich von Treitschke (1834–1896), aber nach Weltkriegen und »Erfolgen« wie in Jugoslawien 1999 oder in Afghanistan und mit einer Frau an der Regierungsspitze herrscht der Krisenkatzenjammer vor. Außerdem heißt das »sie macht uns«: Wäre ja noch schöner, wenn Deutsche für die Teilnahme an Krieg und Vertreibung von Millionen Menschen verantwortlich gemacht würden. Das sind vielmehr »die inneren und äußeren Unwägbarkeiten, von denen sich die Deutschen 2015 heimgesucht sahen«. Das deutsche Bürgertum war bei früheren Abmärschen ins Feld fröhlicher. 

Außerdem ist die Lage nicht ganz so fatal. Selbst in die Rue de la Cac, in die politische Scheißgasse, kommt von irgendwoher ein Lichtlein – von Pegida-Fackeln, von AfD-Lichtgestalten oder von Josef Joffe. Das alte Schlachtross transatlantischer Realsatire macht in der Zeit vom 30. 

Dezember die halbe Kassandra: Düstere Warnung, aber völlig unantiker guter Schluss. Das Düstere beim Scherzautomaten der Atlantikbrücke kommt doppelköpfig daher: »Der Siegeszug des IS und der neue Imperialismus Russlands beherrschten die Weltpolitik. Unaufhaltsam scheint die Doppeloffensive gegen die Staatenordnung zu sein – hier das ›Kalifat‹, das Nahost unterwerfen will, dort die gewaltsame Verschiebung der Grenzen in Europa – zum ersten Mal seit 1945.« Den glorreichen Sieg über Jugoslawien 1999 und die Gründung einer Kolonie namens Kosovo für organisierte Kriminelle unter deutscher und US-Aufsicht verdrängt so einer wie Joffe rückstandslos. 500 deutsche Luftwaffeneinsätze, Bomben auf Belgrad zwecks gewaltsamer Schaffung neuer Grenzen? Nie gesehen, nie gehört. 

Joffe bangt wie Kaiser angesichts von dschihadistisch-russischem Doppelschlag: »Ist das die Zukunft?« Weil ein Joffe die aber schafft, heißt es bei ihm: »Die Antwort ist Nein.« Für den IS, doziert der Stratege, drehe sich jetzt »die Kriegsgunst«. Denn eine Koalition sei angetreten, die »sich nur mit dem Anti-Hitler-Bündnis vergleichen« lasse, allerdings sei es eine »Allianz merkwürdiger Bundesgenossen«. 

Wohl wahr: Die Kriegsverursacher geben vor, mit Krieg aufhören zu wollen, zumindest diesem einen. Entsprechend hasserfüllt ist ihre Propaganda gegen ihren tatsächlichen Feind, gegen Russland, das wiederum die Koalition erst erzwang. 

Feind bleibt Feind, auch für Joffe: »Putins Russland: Der Mann regiert das strategische Schachbrett seit Ausbruch des syrischen Krieges.« Denn auch der »brach aus«, er wurde nicht etwa von außen angezettelt und angeheizt, und findet auf einem Schachbrett statt, das ein Mann regiert. 

Von Treitschke zu Joffe war es ein langer Weg, der Wille zum Krieg blieb gleich, das »Begründungs«durcheinander ist komplett. Denn bei Joffe beherrscht der Moskowiter zwar alles auf dem Spielbrett, dennoch bricht da ein Krieg ohne sein Zutun aus, und gleichzeitig ist der Russe laut Joffe so etwas von gestern, dass er den preußisch-deutschen Hofhistoriker noch persönlich gekannt haben muss: »Putin ist das 19. Jahrhundert, der IS das 17. Jahrhundert.« Langfristig könnten beide nicht bestehen, im 21. haben sie es mit Joffe und Co. zu tun. Die schlagen die Doppeloffensive von Leuten mit und ohne Bart zurück, Joffe siegt, Kaiser wird es noch schaffen: Ihre Texte werden auch das Jahr 2016 heimsuchen. 

 

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Fremde Mütter  

In Hongkong arbeiten zahlreiche Haushaltshilfen aus den Philippinen und Indonesien. Ihre Kinder wachsen wie Halbwaisen auf  

Thomas Berger 

In: junge Welt online vom 02.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

Jeden Sonntagmorgen verwandelt sich die Gegend um die Bahnstation Central im Herzen von Hongkong in eine kleinere Ausgabe der Philippinen. Erst Hunderte, im Laufe der Zeit Tausende von Filipinas treffen ein, um irgendwo hier im Umkreis ihren freien Tag zu verbringen. Grüppchenweise lassen sie sich in der Unterführung des Gebäudes der HSBC-Bank nieder, in zwei kleinen Parkanlagen und in den Gängen des Brückensystems von Fußgängerwegen. Kartonpappen werden ausgebreitet. In der Regel wird eine solche Fläche von fünf bis acht Frauen belegt: Ihre Schuhe haben sie an die Seite gestellt, aus ihren Taschen Verpflegung für den Tag geholt. Es wird geredet, gegessen und getrunken, gespielt und versucht, sich ein wenig zu erholen. Und natürlich hat jede dritte oder vierte Frau gerade ihr Handy in der Hand – für ein Telefonat nach Hause. Ein Zuhause, das im Durchschnitt anderthalbtausend Kilometer entfernt liegt.  

Auch Norelyn Damian (37), Heidi Damian (32) und einige ihrer Kolleginnen haben sich in einer Ecke des Statue Square, einem der Parks unmittelbar am Bankenviertel, niedergelassen. Ein paar Meter entfernt plätschert munter ein Springbrunnen, ein paar Bäume und Sträucher spenden Schatten in der Hitze. Jeden Sonntag treffen sie sich hier, sagt Norelyn, Woche für Woche. 

Es ist ein Fixpunkt – eine Möglichkeit zum Auftanken der inneren Batterien für die nächsten sechs Tage, eine Chance, wenigstens für acht oder zehn Stunden etwas anderes um sich zu haben als die engen vier Wände, die sonst ihren Arbeitsplatz, der zugleich Lebensmittelpunkt ist, markieren.  

Bereits seit sechs Jahren ist Norelyn, deren Heimatort auf der Inselgruppe der Visayas im zentralen Teil der Philippinen liegt, in der südchinesischen Sieben-Millionen-Metropole Hongkong als Haushaltshilfe tätig. Über ihre »Arbeitgeber«, die im Norden der Stadt wohnen, will sie nichts Schlechtes sagen. Zwar muss sie waschen und putzen und auch sonst im Haushalt helfen. »Kinderhüten entfällt aber in meinem Fall«. 

Der Nachwuchs der Familie sei schon älter und besuche die Uni. Norelyn lächelt dabei, doch wenn sie von ihren eigenen Kindern erzählt, bekommt ihr Gesicht einen schmermütigen Audruck. Sieben und neun Jahre alt seien die beiden, erklärt sie, »und ich vermisse sie sehr«. Erst zweimal war sie in den vergangenen sechs Jahren für wenige Wochen auf Heimatbesuch. 

Ansonsten muss sie den Kontakt mit den beiden über die modernen Kommunikationsmittel halten. »Wir telefonieren und skypen regelmäßig«, doch natürlich reiche das nicht aus. »Und ziemlich oft fragen sie mich auch, wann ich denn zurückkomme.«  

 Ungewisse Zukunft Eine Frage, auf die Norelyn Damian keine rechte Antwort hat. »Wie lange ich noch hierbleibe, weiß ich nicht – vermutlich, solange mich meine Arbeitgeber behalten«, sagt sie und setzt ergänzend hinzu: »Noch reicht das Geld nicht.« Der Verdienst, von dem sie einen Großteil monatlich nach Hause schickt. Zwar hat auch ihr Mann, der sich in ihrer Abwesenheit um die Kinder kümmert, ein Einkommen, fährt mit dem Motorrad Güter aus. Das würde allein aber nicht reichen, um über die Runden zu kommen.  

Ihre Geschichte ähnelt den Schicksalen der anderen Frauen, die hier versammelt sitzen. Auch dem von Heidi neben ihr. Die beiden sind verwandt, »unsere Ehemänner sind Cousins«, wie die geringfügig Jüngere berichtet. Sie ist seit drei Jahren hier, und zu ihren Pflichten bei der Familie, für die sie arbeitet, gehört neben Kochen vor allem, sich um das etwa einjährige Baby zu kümmern. Dennoch betont Heidi, dass sie es vergleichsweise gut getroffen hat mit ihrer Anstellung. »Es sind nette Leute. Andere Arbeitgeber setzen ihre Hausmädchen sonntags zwangsweise für eine bestimmte Stundenzahl vor die Tür, ganz egal, ob es draußen schüttet oder die Sonne brennt. Ich dagegen bekomme von ihnen sogar Essen für den Tag mit.« Garantiert werde sie noch einige Jahre in Hongkong bleiben, um weiter Geld zu verdienen. Geld, das die Zukunft ihrer Kinder sichern soll. Auch sie hat zwei Kinder, Sohn und Tochter, sechs und zwölf Jahre alt. In den drei Jahren ihres Aufenthalts in Hongkong kam sie auf zwei Heimatbesuche. Jedes Mal fiel der Abschied schwer: »Die Kinder wollten immer, dass ich bleibe.« Doch nun haben sie wieder nur das Telefonieren, so oft wie möglich, während ihr Mann, der als Taxifahrer arbeitet, ihr Fehlen, so gut es geht, ersetzen muss.  

Zu dem Grüppchen hat sich inzwischen auch Eunice Blanco gesellt, die erst seit kurzem hier ist. Drei Monate, da gilt sie unter den Kolleginnen noch als Neuankömmling. Und obgleich sie betont, sich in Hongkong noch richtig einleben zu müssen, ist die 39jährige in Sachen Haushaltshilfe im Ausland ein alter Hase: »Vorher habe ich 15 Jahre auf diese Weise in Singapur gearbeitet.« Dort habe es ihr sehr gefallen, »alles sauber, auch sehr nett«. Ihre Lage war geradezu extrem gut: »Ich habe dort für ein australisches Paar gearbeitet und konnte dreimal pro Jahr nach Hause reisen.« Eine Besuchsfrequenz, um die sie fast alle der ringsum sitzenden Frauen beneiden würden. Doch um später einmal nach Europa zu kommen, sei Hongkong ein besserer Ausgangspunkt als der Stadtstaat. Dafür nimmt Eunice sogar Verdiensteinbußen hin, denn auch ihr Lohn in Singapur sei höher gewesen. Doch mit der hiesigen Familie habe sie es gut getroffen. »Ich habe einige Freiheiten«. Übermäßig belastend sei die Arbeit auch nicht. 

Im wesentlichen müsse sie kochen, putzen und auf den Sohn aufpassen.  

 Fern der Familie Eunices eigene Kinder sind bereits erwachsen, 18 und 20 Jahre alt. Nun bringen sie für ihre Mutter weit mehr Verständnis auf als früher. Ganz offen spricht Eunice, die aus der Provinz Isabela im Nordosten der philippinischen Hauptinsel Luzon stammt, davon, dass sie natürlich ein Opfer bringe. »Was ich tue, tue ich nicht für mich, sondern für meine Kinder. Damit sie es einmal besser haben. Jetzt brauchen wir das Geld für ihr Studium: Mein Sohn will Ingenieur werden, meine Tochter ein wirtschaftliches Fach belegen.«  

Seit Jahren wachsen in dem Inselstaat – ebenso in Indonesien – Millionen von Kindern gewissermaßen als Halbwaisen auf, obwohl ihre Mütter am Leben sind. Doch was heißt es für die Betroffenen, sich nur alle ein bis drei Jahre für zwei oder drei Wochen wiederzusehen, weil das Geld für häufigere Heimflüge nicht reicht oder die Frauen in der sie beschäftigenden Familie »unabkömmlich« sind? Am schwersten fällt es wohl jenen mit kleinen Kindern. Wie Mildred Dulinayan (30), deren jüngster Sohn kaum ein halbes Jahr alt war, als sie ihn in der Obhut ihres Mannes und ihrer Mutter zurücklassen musste. Jetzt ist er gut zwei, doch die Entwicklung des Kleinen konnte sie nur anhand von Bildern und den Schilderungen ihrer Angehörigen verfolgen. Die älteren Geschwister, ein Mädchen und ein Junge, sind mittlerweile acht und vier. Auch sie können noch nicht verstehen, warum ihre Mutter nur in großen Abständen vorbeikommt wie eine entfernte Tante. Die Familie, bei der Mildred angestellt ist, behandle sie zwar prinzipiell gut, sei aber auch fordernd. 

Das betreffe sowohl die Betreuung der beiden Kinder von zwei und neun Jahren als auch ihren eigentlich arbeitsfreien Sonntag: »Bevor ich hierher kommen konnte, musste ich erst noch wie üblich die Wohnung saubermachen«, erzählt sie.  

Sehr unterschiedliche Erfahrungen mit ihren »Chefs« hat eine 36jährige gemacht, die nur ihren Spitznamen Chir-im genannt haben möchte. »Bei meinen jetzigen Arbeitgebern ist es auszuhalten, obwohl sie auch ziemlich launisch sein können. Doch bei früheren Stellen waren die Leute teilweise sehr herrisch, haben mich mächtig rumkommandiert«, erzählt sie. Dennoch hat sie immer wieder die Zähne zusammengebissen und durchgehalten, inzwischen schon acht Jahre lang. Chir-im weiß, dass sie ihrem 13jährigen Sohn einiges abverlangt, indem er auf sie verzichten muss. Wie auch sie ihn sehr vermisse. Ihre Familie lebt in Banaue, einem ländlichen Ort einige Stunden nördlich Manilas im zentralen Bergland, auch im Ausland manchem ein Begriff wegen der weltberühmten Reisterrassen. Von dem atemberaubenden Panorama allein können die Menschen dort jedoch nicht leben.  

An diesem Sonntag verwandelt sich das Parkgelände in Zentral-Hongkong in eine Kulturstätte. Die Abra Tinguian Ilocano Society (ATIS) feiert ihren 23. Geburtstag. Sie ist eine von diversen Vereinigungen, die die Filipinas auf Basis ihrer regionalen Herkunft – in diesem Fall die Provinz Abra ganz im Norden des Landes –in Hongkong gegründet haben. Jede Menge Tanzgruppen in farbenfrohen Gewändern und Sängerinnen mit instrumentaler Begleitung zeigen ihr Können. Zehn Frauen von Mageng Tribe Luba bewegen sich in der schwülen Hitze anmutig nach einer einstudierten Choreografie. 

Die Treffen im Domizil der Organisation im Stadtteil Kowloon zwei-, dreimal im Monat dabei würden helfen, nicht zu vereinsamen und von der Arbeit abzuschalten, sagt Rowena Basingan, eine der Tänzerinnen. »Wir haben Talentwettbewerbe in Tanzen, Singen und Sport.« Ihre Kulturgruppe unter dem Dach von ATIS gebe es schon fast so lange wie die Organisation selbst. 

Rowena kam mit ihr in Kontakt, nachdem sie vor vier Jahren und vier Monaten ihre Arbeit in Hongkong aufnahm – bis heute bei derselben Familie. Jetzt freut sie sich auf ihre nächste Heimreise in wenigen Wochen. Dann wird sie nach mehr als zwei Jahren ihren siebenjährigen Sohn wieder in die Arme schließen können, der bei der Oma lebt. Rowena ist alleinerziehend, was die Situation noch schwieriger macht.  

Jener Auftritt im ATIS-Bühnenprogramm, der alle ringsum von den Plätzen reißt, ist allerdings kein Tanz, sondern eine Art musikalisches Szenenspiel. Das Team von Towa-Tineg zeigt darin den Alltag der Haushaltshilfen. Eine der Darstellerinnen bügelt, eine andere wäscht – während die »Arbeitgeberin« nur schreit, schubst, herumkommandiert. Eine andere junge Frau mit Verletzungen wird derweil von einer Krankenschwester behandelt. Am Ende halten zwei Mitglieder der Gruppe Plakate hoch, auf denen geschrieben steht: »End slavery«. Ein Slogan, den auch die Moderatorinnen aufgreifen. »We are workers not slaves!« (Wir sind Arbeiterinnen, keine Sklaven), hallt es im lauten Sprechchor über den Platz. Die Szenen auf der Bühne sind keineswegs übertrieben, betont Elaine Ferras, eine der beiden Sängerinnen der Truppe: »Bei einer früheren Anstellung habe ich Ähnliches erlebt, bin unheimlich rumkommandiert und beschimpft worden.« Dass es nur bei verbalen Attacken blieb, hat sie anderen voraus, die sogar körperliche Übergriffe erleiden mussten.  

 Ausweisung droht Besserer Schutz vor Misshandlungen ist einer der Punkte, für die sich ATIS, die mitveranstaltende Mission for Migrant Workers (MFMW) und diverse andere Vereinigungen engagieren. Eine weitere Forderung stellt Mary Anne Casia auf einem selbstgebastelten Schild zur Schau: »Against two week rule«. Die sogenannte Zwei-Wochen-Regelung besagt, dass migrantische Arbeitskräfte, die in dieser kurzen Zeitspanne keine neue Anstellung finden, ausgewiesen werden. Ein Skandal, findet nicht nur Mary Anne, die bereits seit fast zwei Jahrzehnten in Hongkong ist – bis auf die ersten anderthalb Jahre bei derselben Familie. Schon länger gehört sie zu den Aktivistinnen, die sich in den Verbänden um Hilfe für jene kümmern, die unter schlechten Bedingungen zu leiden haben. »Wir bieten Notunterkünfte, helfen beim Stellenwechsel oder auch der Organisation einer Heimreise aus besonderen Gründen«, zählt sie auf. Gegen bestimmte gesetzliche Vorgaben komme man aber nicht an – da müsse politischer Druck her.  

Mehr als 300.000 Frauen arbeiten derzeit als Haushaltshilfen in Hongkong – 49 Prozent davon Filipinas, fast ebenso viele aus Indonesien. Hinzu kommen einige aus Thailand, die aber weniger als 1,5 Prozent der Gesamtzahl ausmachen. Vergangenes Jahr hatte die Mission for Migrant Workers eine Umfrage unter 3000 Frauen gestartet. Die Ergebnisse, als Statistik aufbereitet, zeichnen ein erschütterndes Bild der Lage. Mehr als jede zweite Teilnehmerin der Umfrage hat demnach schon verbale Misshandlungen erlebt, 18 Prozent Tätlichkeiten wie Ohrfeigen, Tritte und Prügel. Von sexuellen Übergriffen berichteten sechs Prozent – eine Zahl, die womöglich noch höher liegt, weil selbst im geschützten Rahmen manches aus Scham verschwiegen wird, denn viele der Frauen kommen aus besonders traditionell geprägten ländlichen Gebieten.  

Was tun, wenn einen beispielsweise der Bruder des Hausherrn vergewaltigt? Die Organisationen und Beratungsstellen können zwar Anwälte oder eine vorübergehende Bleibe vermitteln. Doch auch in solchen Fällen greift die Zwei-Wochen-Regel. Selbst wenn sich fristgerecht eine andere Stelle auftreiben lässt, ist der juristische Kampf gegen die Peiniger einer mit ungewissem Ausgang. Den Filipinas und Indonesierinnen fehlt es hierfür häufig an ausreichenden Sprachkenntnissen, und ein solcher Prozess kann sich viele Monate hinziehen. Zudem steht im Gerichtssaal häufig das Wort einer unvermögenden Hausangestellten, die nur selten Zeugen aufbieten kann, gegen das einer »respektablen« Familie, die gegen alle Anschuldigungen zusammenhält.  

Umgekehrt sehen sich manche Frauen völlig unberechtigten Unterstellungen ausgesetzt. In mindestens einem Fall endete das tödlich: Am 19. August stürzte sich eine 47-jährige Filipina im nördlichen Teil von Kowloon aus dem 16. Stock, wo die Wohnung ihrer Arbeitgeber lag. Diese hatten sie beschuldigt, in der Handtasche einer Freundin der Familie gewühlt und diese bestohlen zu haben. Die herbeigerufene Polizei war gerade dabei, die Sache fallenzulassen, weil das Fehlen von Geld nicht festzustellen war. Die Familie aber ließ es nicht dabei bewenden, sondern feuerte ihre Angestellte. Noch in Anwesenheit der Polizisten nebenan stürzte sich die Frau dieser »Schande« wegen aus dem Fenster ihres Schlafzimmers.  

Nicht immer endet es gleich tragisch – aber Arbeitstage von 14, 16 und gar 18 Stunden sind keine Seltenheit. Ebenso das Fehlen eines richtigen Schlafplatzes, so dass sich die Frauen nachts irgendwo in einer Küchenecke oder auf den Fliesen im Bad hinlegen müssen. Selbst jene, die es meinen, gut getroffen zu haben, leiden unter dem Druck, der auf ihnen lastet. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für ihre Söhne und Töchter in der Ferne bezahlen sie teuer.  

 

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Anschubsen als Ideologie  

Die Anhänger des »Nudging« betrachten die Gesellschaft wie eine Benutzeroberfläche  

Michael Zander 

In: junge Welt online vom 02.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

Der Fortschritt der Informationstechnologien verändert unser Leben grundlegend. Arbeitswelt, Konsum, Kultur und Kommunikation wandeln sich dramatisch. Mit einem Text von Evgeny Morozov haben wir in der Ausgabe vom 27./28. Juni 2015 an dieser Stelle eine Debatte über die Chancen und Risiken der digitalen Revolution eröffnet. Die Texte erscheinen in loser Folge auf den Seiten 6/7 der Wochenendbeilage. Sie können nachgelesen werden in unserem Dossier »Digitale Revolution«. (jW) 

Seit 2007 findet in Berlin alljährlich die re:publica statt, laut Webseite »eines der weltweit wichtigsten Events zu den Themen der digitalen Gesellschaft.« Gefördert wird die Konferenz durch das Bundesforschungsministerium, IT-Konzerne, Medien und Stiftungen. Es diskutieren dort »VertreterInnen der digitalen Gesellschaft« über die »Weiterentwicklung der Wissensgesellschaft«. Ihnen geht es auch um Politik und keineswegs nur um Netzpolitik. So wurde in diesem Jahr die Situation von Flüchtlingen, die Zunahme von Islamophobie oder die gesellschaftliche Inklusion von behinderten Menschen thematisiert. 

Weniger spektakulär, dafür umso merkwürdiger nahm sich ein Vortrag des Buchautors Holm Friebe aus. Er trug den Titel: »Nudge! Nudge! Was Design von Verhaltenspsychologie lernen kann«. Wer würde hinter dem lustig klingenden Anglizismus – zu Deutsch »Anstoß« oder »Schubs« – etwas Politisches vermuten? Im Tonfall eines Entertainers kündigte der Referent ein »neues Designparadigma« an. »Ihr seid alle nicht so rational wie Ihr denkt«, rief er dem Publikum zu, deshalb müsse man »das Denken in die Gegenstände auslagern.« Nudging sei eigentlich eine »alte Kulturtechnik«, etwa der Knoten im Taschentuch, der als Erinnerungshilfe dient, oder der Hotelschlüssel, dessen klobiger Anhänger dafür sorgt, dass man ihn nicht in der Tasche vergisst. Als Beispiel für einen politischen Nudge nannte Friebe unterschiedliche Regelungen zur Organspende. So sei die Spendenbereitschaft in den Ländern, in denen Menschen einer Spende aktiv widersprechen müssen (»opt out«) deutlich höher als dort, wo diese der Zustimmung der Spender bedürfen (»opt in«). Wie immer man zur Organspende steht: Politisches Nudging, so kann man zusammenfassen, baut also insbesondere auf die Bequemlichkeit und die Schwäche von Menschen, um ein tatsächlich oder vermeintlich wünschenswertes Ziel zu erreichen. 

RegierungsprojektDieser von Friebe enthusiastisch beworbene Ansatz ist mittlerweile in die staatliche Politik vorgedrungen. So rühmte Justizminister Heiko Maas (SPD) das »Nudging« als »klugen Mittelweg zwischen staatlicher Bevormundung und Tatenlosigkeit, zwischen Überregulierung und Laissez-faire.« Es sei »ein zutiefst freiheitliches Modell«, das darauf hinauslaufe, »demokratisch legitimierte Ziele einer Politik ohne Zwang und Verbote durchzusetzen« (Tagesspiegel online, 16.3.2015). Maas warb mit seinem Beitrag implizit für ein neues Projekt der Regierung. Beim Bundeskanzleramt waren einige Monate zuvor drei Stellen ausgeschrieben worden. Gesucht wurden Bewerber mit »hervorragenden psychologischen, soziologischen, anthropologischen, verhaltensökonomischen bzw. verhaltenswissenschaftlichen Kenntnissen« (Welt online, 12.3.2015). 

Vorbild für das Projekt ist das vom konservativen britischen Premierminister David Cameron 2010 gegründete und mittlerweile privatisierte »Behavioral Insights Team« (BIT), das im Vereinigten Königreich umgangssprachlich auch als »Nudging Unit« bekannt ist. Das BIT führt unter der Leitung des Psychologen David Halpern hauptsächlich soziale Feldexperimente durch, um die Wirksamkeit bestimmter Maßnahmen zu belegen. Beispielsweise legte man Erwerbslosen per SMS nahe, an Jobmessen teilzunehmen, Aufforderungen zum Bezahlen der Kraftfahrzeugsteuern versah man mit einem Foto des Wagens, säumigen Steuerzahlern teilte man mit, dass die Mehrheit ihre Steuern schon bezahlt habe, und Bürger bekamen persönliche Mails und Süßigkeiten verbunden mit dem Vorschlag, Geld für wohltätige Zwecke zu spenden. Im Ergebnis konnte das BIT auf Zahlen verweisen, die bei der jeweiligen Experimentalgruppe günstiger ausfielen als bei der Kontrollgruppe, der geringfügigere oder gar keine Maßnahmen zuteil wurden. 

Wie sehr die Aktivitäten des BIT auf eine Verschmelzung von Wissenschaft und Politikberatung für Regierungen hinausläuft, zeigte jüngst die »Behavioral Exchange – International Behavioral Insights Conference«, die am 2. und 3. September 2015 in London stattfand. An ihr beteiligten sich Vertreter britischer Verwaltungsbehörden und der Polizei, außerdem Mitarbeiter der Weltbank, der OECD, des Weißen Hauses sowie von Google und seiner Konzernschwester Nest Labs, wo man sich mit dem »Internet der Dinge« befasst. Prominente akademische Redner neben dem BIT-Chef Halpern waren die Psychologen Daniel Kahneman und Steven Pinker sowie der US-Ökonom Richard Thaler. 

Letzterer hat 2008 gemeinsam mit Cass Sunstein das einflussreiche Buch »Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth, And Happiness« (dt. 

»Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt«, 2011) veröffentlicht. 

Darin erläutern die Autoren in populärwissenschaftlichem Stil die Grundlagen ihres Ansatzes. Ihr Ausgangspunkt ist die Anordnung von Speisen auf dem Tresen einer Schulcafeteria, durch die Kinder und Jugendliche zur Wahl gesunder Gerichte veranlasst werden sollen. Sie betonen in diesem Zusammenhang, dass sie niemanden zu etwas zwingen wollen: »Unter Nudge verstehen wir also alle Maßnahmen, mit denen Entscheidungsarchitekten das Verhalten von Menschen in vorhersagbarer Weise verändern können, ohne irgendwelche Optionen auszuschließen oder wirtschaftliche Anreize stark zu verändern. Ein Nudge muss zugleich leicht und ohne großen Aufwand zu umgehen sein. (…) Das Obst in der Kantine auf Augenhöhe zu drapieren zählt als Nudge. Junkfood aus dem Angebot zu nehmen hingegen nicht.« 

Um die Notwendigkeit von Nudges im großen Maßstab zu begründen, legen Thaler und Sunstein ihr Menschen- und Gesellschaftsbild dar. Es sei offensichtlich, so die Ökonomen, dass Menschen nicht immer rationale Entscheidungen treffen. Als Beispiel nennen sie starkes Übergewicht, das in den USA weit verbreitet ist. Dieser Unvernunft trage die Wirtschaftswissenschaft nicht Rechnung und unterstelle statt dessen Menschen ohne Schwächen. »Schaut man sich ökonomische Lehrbücher an, dann liest man dort, dass dieser Homo oeconomicus denkt wie Albert Einstein, Informationen speichert wie IBMs Supercomputer »Big Blue« und eine Willenskraft hat wie Mahatma Gandhi.« Das menschliche Verhalten sei jedoch oft unzulänglich. Reguliert werde es einerseits durch ein »reflektierendes System«, das kontrolliert, angestrengt, langsam und bewusst funktioniere, andererseits durch ein »automatisches System«, das das genaue Gegenteil ist, also unkontrolliert, mühelos, schnell und unbewusst. Die Autoren führen etliche Beispiele für fehlerhafte Einschätzungen an, die vom »automatischen System« bestimmt sein und zu problematischen Entscheidungen beitragen sollen. Unter anderem berufen sie sich auf Studien aus den 1970er Jahren. Darin zeigen die israelischen Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky, dass Menschen oft unabsichtlich zu bestimmten Vereinfachungen, sogenannten Urteilsheuristiken greifen, wenn sie Sachverhalte einschätzen, über die sie nicht genug Informationen haben. Demnach hängt etwa die Schätzung der Einwohnerzahl einer bevölkerungsreicheren Stadt von der Größe des eigenen Wohnorts ab, weil man diese zum Ausgangspunkt für die Schätzung nimmt (»Verankerung«). Gefahren über die viel berichtet wird, hält man irrtümlich für wahrscheinlicher, z. B. Mord für verbreiteter als Suizid (»Verfügbarkeit«). Für die Zuordnung einer Person zu einer Gruppe stützt man sich stärker auf eine Personenbeschreibung statt auf die tatsächliche statistische Wahrscheinlichkeit (»Repräsentativität«). 

Aus diesen und ähnlichen Befunden ziehen Thaler und Sunstein weitreichende Schlüsse. Sie plädieren für großangelegte »Entscheidungsarchitekturen«, die es Menschen erleichtern, vorteilhafte Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie von ihrem »automatischen System« gesteuert werden. Dazu gehört etwa, dass Menschen automatisch Mitglieder betrieblicher Pensionsfonds sind, statt ihnen eigens beitreten zu müssen. 

Ferner, dass die Webseite der US-Krankenversicherung so umgestaltet wird, dass auch Arme und wenig Gebildete den für sie günstigsten Tarif erhalten, und schließlich offengelegt wird, wieviel schädliche Stoffe Unternehmen und Individuen produzieren. 

Ihre weltanschauliche Position bezeichnen die Autoren als »libertären Paternalismus«: Zum einen könnten Menschen von ihren »Freiheitsrechten« Gebrauch machen; zum anderen sei es »für Entscheidungsarchitekten legitim (…), dass Verhalten der Menschen zu beeinflussen, um ihr Leben länger, gesünder und besser zu machen (…) – und zwar gemessen an ihren eigenen Maßstäben.« Thaler und Sunstein argumentieren gegen reine »Liberalisten«, die in Nudges eine Bevormundung von Bürgern und eine Beeinträchtigung der freien Marktkräfte sehen. Sie betonen, dass der »freie Markt« versagen kann, wenn es um Umweltschutz oder das Gesundheitssystem geht. Außerdem führen sie an: »In vielen Fällen ist es schlichtweg unmöglich, nicht irgendeine Art von Nudge zu geben. Darum ist es weltfremd, vom Staat zu verlangen, sich einfach herauszuhalten. 

Genauso wie es kein Gebäude ohne Architektur gibt, gibt es auch keine Entscheidung ohne Kontext.« 

BevormundungAndere Gegner als »Liberalisten« scheinen die Verfasser nicht zu kennen. Dabei liegt das eigentliche Problem ihres Ansatzes woanders. 

Gerd Gigerenzer, Psychologe und leitender Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, unterzieht den »libertären Paternalismus« einer umfassenden Kritik (vgl. Review of Philosophy and Psychology, September 2015). So überschätze dieser systematisch die angebliche »Irrationalität« von Menschen. Die von ihm unterstellten »wohlwollenden Entscheidungsarchitekten« seien nicht vor Irrtümern geschützt. Gigerenzer verweist hier auf problematische Nudge-Praktiken im Zusammenhang mit Grippeimpfungen und Brustkrebsvorsorge. Und schließlich gebe es ein empirisch bewährtes und viel zuverlässigeres Mittel, Entscheidungskompetenzen zu fördern und gesundheitsschädliches Verhalten zu begrenzen: umfassende Bildung. Einkommenssicherheit und geringe soziale Ungleichheit, so lässt sich hinzufügen, sind ebenfalls wichtige Faktoren, die in den Industrienationen statistisch ein relativ langes, gesundes und zufriedenes Leben begünstigen (vgl. »Gesundheitsrisiko Ungleichheit« jW, 3.5.2011). Für entsprechende grundsätzliche Änderungen in ihrem Land plädieren die US-Verhaltensökonomen nicht. 

»Nudging« ist ein politisches Konzept, das von den wesentlichen politischen Fragen ablenkt. Statt die Lebensbedingungen zu verbessern, etwa das Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen, wollen Thaler und Sunstein das Verhalten manipulieren. Dabei stellen sie – wenn auch nur auf dem Papier – Nudges in den Dienst zweifelhafter Ziele wie die Privatisierung von Sozial- und Rentenversicherungen. Ihr Politikverständnis ist rein instrumentell. Sie fragen, ob im Rahmen bestimmter gesellschaftlicher Vorgaben eine Nudge-Maßnahme funktioniert oder nicht. Argumentativ verlagern sie die Aufmerksamkeit von den Fehlern des gesellschaftlichen Systems auf das angeblich irrationale Gehirn des Individuums. 

Informationstechnologien spielen für den »libertären Paternalismus« eine wichtige Rolle, siehe die bereits erwähnten SMS an Erwerbslose, die Umgestaltung von Webseiten oder die Konfrontation von Individuen mit Daten zur Umwelt- oder Steuermoral in der Nachbarschaft. In Fachkreisen spekuliert man bereits über weiterreichende Projekte. Durch »Big Data«, heißt es, könne man viel genauer ermitteln, was Individuen wirklich wollen und was sie im Vergleich zu anderen täten. James Guszcza, wissenschaftlicher Mitarbeiter des internationalen Beratungsunternehmens Deloitte, schwärmt über künftige Möglichkeiten. Üblicherweise sammelten Konzerne und Regierungen individuelle Daten, um Menschen auszuforschen oder sie einem Marktsegment zuzuordnen. In einer Welt schnell umlaufender Daten, digitaler Geräte und des »Cloud Computing« könne man digitale Produkte verkaufen, die Individuen in die Lage versetzen, ihre Präferenzen, Risikoprofile, gesundheitlichen Bedürfnisse und ihre finanziellen Verhältnisse besser einzuschätzen (vgl. Deloitte Review, 2015). Anders gesagt, man zapft bei Nutzern Daten ab, verkauft sie ihnen zurück und setzt sie damit einem Druck zur Selbstoptimierung aus. 

Jetzt versteht man, warum jemand wie Holm Friebe gern über Nudging spricht. Friebe, der den Begriff der »digitalen Bohème« mitgeprägt und sich vom Autor der Jungle World in die Spalten der Welt und des Evonik-Unternehmensmagazins hochgeschrieben hat, ist ein Prominenter in der netzaffinen Gemeinde. Auf der re:publica plädierte er dafür, Gesellschaften im Sinne des Nudging zu »designen« und »Nachbarschaftstechnologien« zu entwickeln. Großen Teilen seines Publikums könnte er damit aus dem Herzen gesprochen haben. Für viele scheint die Vorstellung attraktiv, sie könnten als »Entscheidungsarchitekten« das Verhalten der Bevölkerung beeinflussen und Sozialstrukturen gestalten wie die Benutzeroberfläche eines Rechners. 

 

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Für Wissen und Fortschritt: Über »Star Wars«  

Reinhard Jellen 

In: junge Welt online vom 02.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

»Während die anspruchsvollen Regisseure der Siebziger (…) Genres dekonstruierten, schlug Lucas, so wie Spielberg, den genau entgegengesetzten Weg ein, indem er diskreditierte Genres der Vergangenheit entstaubte und aufpolierte (…). Lucas wußte, dass Genres und Kinokonventionen auf einem Konsens beruhten, auf dem Netz gemeinsamer Vorstellungen, das in den Sixties zerrissen war. Er schuf diese Werte neu und bekräftigte sie, und Star Wars, mit seinem manichäischen moralischen Fundamentalismus, seinen weißen und schwarzen Helmen, ließ abgedroschene Werte wie Heroismus und Individualismus in neuem Glanz erstrahlen.« (Peter Biskind: »Easy Riders, Raging Bulls. Wie die Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll Generation Hollywood rettete«, Hamburg 2000, S. 596) 

Ende der 60er Jahre erlebte Hollywood einen drastischen Zuschauerschwund. 

Nur aus diesem Grund bekam eine Reihe ambitionierter Jungregisseure die Chance, von der Selbstzensur der Studios einigermaßen unbehelligt ihre Filme drehen zu können, schreibt der Journalist Peter Biskind in seiner Kinogeschichte »Easy Riders, Raging Bulls«. Inspiriert vom jungen europäischen Kino und der Gegenkultur der 60er lieferten Filmemacher wie Francis Ford Coppola, Martin Scorsese, Peter Bogdanovich, Arthur Penn und William Friedkin Werke ab, die im Vergleich zu den kommerziellen Pendants des alten Star-Kinos eine neue, realistische Sichtweise auf die amerikanische Gesellschaft eröffneten, die deren mannigfaltige Krisenerscheinungen künstlerisch thematisierte. 

Einige dieser Filme wie »Der Pate« und »Der Exorzist« wurden zu weltweiten Kassenschlagern. Sie lieferten die Blaupause für den Ausweg aus der Krise der Studios: das Blockbuster-Kino, das seit »Der weiße Hai« (1975) und »Star Wars« (1977) unsere Sinne quält. Verantwortlich für diese Konterrevolution in Hollywood waren Steven Spielberg und George Lucas, die künstlerisch unambitioniertesten, aber kommerziell ehrgeizigsten Regisseure der Rebellenriege. 

Von der Idee angetrieben, dass allein mit Science-Fiction-Spielzeug mehr Reibach als mit Kinobesuchern zu machen sei, wandte sich George Lucas Mitte der Siebziger der Science-Fiction-Ästhetik von Schundfilmen der 30er Jahre zu, widmete sich der populären Märchen- und Mythenwelt, dem Buddhismus, den esoterischen Lehren des kalifornischen Drogen-Gurus Carlos Castaneda und studierte mit ziemlicher Sicherheit auch die Schriften von Michel Foucault. Fatalerweise passte sein Kalkül, die Zuschauer durch seine schwarzweiße Märchenwelt zu infantilisieren, wie die Faust aufs Auge in die Gemütswelt des amerikanischen Publikums, welches sich, durch die gesellschaftliche Dauerkrise überfordert, nach den naiven und unterkomplexen Sichtweisen und Werten aus der Kindheit sehnte. 

Seitdem geistern Laserschwert schwingende Ritter, kleinwüchsige Schamanen mit Sprachfehler, Soldaten, die mit ihren Waffen auf die Entfernung von fünf Metern kein Scheunentor treffen, und eine Prinzessin, welche die lustig geringelte Kölner Bratwurst zum Vorbild für ihre Frisur erkoren hat, durch die Multiplex-Kinos. Um die Filme der »Star Wars«-Reihe zeigen zu dürfen, mussten die Kinos übrigens das vom geschäftstüchtigen Lukas entwickelte, nicht ganz billige Soundsystem THX erwerben. Trotz der teilweise kritischen Absicht (unter anderem sollten dargestellt werden: der Nixon-Skandal, der Vietnamkrieg und die Regentschaft von George W. Bush) bedeutet »Star Wars« die Wiedereinsetzung des theologischen Weltbildes im Hollywood-Kino. 

 

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Pol & Pott: Mandel-Cupcake  

Ina Bösecke 

In: junge Welt online vom 02.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

 Girls« (Regie, Drehbuch, Produktion: Lena Dunham) ist eine US-amerikanische Serie des Senders HBO, die seit 2012 ausgestrahlt wird. 

Sie zeigt vier Frauen um die 25 Jahre, die in Brooklyn (New York City) versuchen, »sie selbst zu werden«, was nicht leicht ist. Hannah (Lena Dunham) zum Beispiel hält sich für eine vielversprechende Schriftstellerin, deren erstes Werk allerdings noch geschrieben werden muss. Zwei Jahre nach dem College-Abschluss befindet sie sich in einem Langzeitpraktikum, ihre Eltern möchten nicht länger für sie zahlen, am Anfang der Serie rechnet sie durch, wie lange ihr Geld noch reicht, wenn sie nichts mehr zu Mittag isst. Erfüllter ist ihr Sexleben, zumindest glaubt sie es oder will es glauben, möglicherweise ist es das sogar. Nur ihre Freundinnen kommen nicht damit klar, dass der Typ, mit dem sie schläft, ein Soziopath ist, der sich immer wieder neue Stellungen ausdenkt, sonst aber nichts von seiner Bettgenossin wissen möchte.  

  Die anderen Frauen haben natürlich auch Probleme. Marnies (Allison Williams) Freund ist zu nett, Shoshanna (Zosia Mamet) ist mit 22 Jahren noch Jungfrau und weiß nicht, wie sie aus diesem Dilemma rauskommt. Jessa (Jemima Kirke) macht auf welterfahren, scheint mit ihrem Job als Babysitterin aber auch nicht sehr glücklich. Die Frauen sind cool, aber ganz und gar nicht perfekt. Sie blamieren sich, sie machen Fehler, sie leiden, und manchmal haben sie Glück. »Girls« entzaubert gnadenlos das hippe Großstadtleben, das zum Beispiel die Serie »Sex and the City« in den Nullerjahren vermittelte. Da hatten die Protagonistinnen auch Probleme, den richtigen Mann und den besten Sex zu bekommen, sie arbeiteten aber alle in gutbezahlten Jobs und trugen die teuersten Schuhe und Kleider der Stadt. 

In »Girls« werden Eltern angefleht, weiter die Miete zu bezahlen, oder Jobs gemacht, zu denen man gar keine Lust hat. Figurprobleme gibt es auch, zumindest bei Hannah. Es wackelt beeindruckend das Bauchfett beim Sex. Sie isst gern Cupcakes.  

  Mandel-Cupcake mit Lavendel-Creme: 50 g gemahlene Mandeln goldbraun anrösten. Backofen auf 180 Grad vorheizen. Ein Muffin-Backblech mit passenden Papierförmchen auslegen. 50 g Butter, 140 g Zucker und ein Päckchen Vanillezucker mit den Quirlen des Handrührers gut verrühren. 

Zwei Eier nacheinander unterrühren. 200 g Mehl und ein TL Backpulver zusammen sieben, geröstete Mandeln und einen halben TL Meersalz untermischen. Mehlmischung und 150 Milliliter Milch im Wechsel nach und nach unter die Butter-Ei-Mischung rühren, damit ein glatter Teig entsteht. 

Teig in die vorbereiteten Papierförmchen geben, im Backofen etwa 25 Minuten goldbraun backen. Herausnehmen, auf einem Kuchengitter ganz abkühlen lassen. Für die Lavendel-Creme 120 g Puderzucker sieben. 

Puderzucker, 75 g Butter, 175 g Doppelrahm-Frischkäse, eine Prise Salz mit den Quirlen des Handrührers zu einer glatten Creme verrühren. Zwei EL Lavendelblüten (getrocknet) fein hacken, unter die Butter-Frischkäse-Creme rühren. Im Kühlschrank fest werden lassen, dann auf die Cakes spritzen. Mit Zuckerperlen bestreuen.  

 

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