Wochenendbeilage der jungen Welt

vom 12.12.2015  


  

»Ein Bild ist eine Einladung zum Denken«  

Gespräch mit Karoline Müller. Über gegenständliche Kunst im Kalten Krieg, antifaschistische Vorbilder und das Westberliner Milieu  

Burga Kalinowski 

In: junge Welt online vom 12.12.2015 

Wochenendbeilage 

 

 Ihre Studienzeit, 1954 bis 1960, an der Westberliner Hochschule für Bildende Künste war begleitet von heftigen Auseinandersetzungen für und gegen figurative und abstrakte Malerei. In Berlin kam es 1955 zwischen Karl Hofer, Direktor der Hochschule, und dem Kunstkritiker Will Grohmann, Verfechter der abstrakten Kunst, zum Schlagabtausch.  

  Ich habe Hofer, seinen Stil, sehr verehrt. Er war ein Segen für die Hochschule. Mich hat die klassische Einfachheit in seinen Bildern geprägt, und vor allem sein Engagement für realistische Malerei. Unter den Nazis hatte er Berufsverbot, und seine Bilder wurden entfernt. Er ist ein wunderbarer Maler. Auf meinen Karl-Hofer-Preis bin ich wirklich stolz. Ja, dieser Streit 1955 … Hofer und Grohmann haben sich im Tagesspiegel öffentlich beharkt. Darüber ist Hofer im April 1955 gestorben. Manche sagen: daran. Und Grohmann regierte als Berliner Kunstpapst. Ein Einpeitscher: Von einem Tag zum anderen polten Presse, Kultuspolitik und die Kritiker um. Die Parole: Der Realismus ist tot.  

  Wie erklären Sie sich dieses Diktum?  

  Fast die ganze westdeutsche und Westberliner Kunstszene, eigentlich ganz Europa, war total von der amerikanischen Kunst nach dem Krieg beeinflusst, wie zum Beispiel von Jackson Pollock. Damals herrschte hier die Grundstimmung, eigentlich eine Illusion, alles hinter sich lassen zu können: Zeit, Krieg, unsere furchtbare Nazigeschichte – weg, mit allem, was war. Auch und gerade realistische Kunst. Aber die »Stunde Null« gibt es nicht, oder eben als Diktat.  

  Große Künstler wie Hofer, Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff standen zwar mit ihrer Stimme und ihrer Kunst dagegen, aber sie haben sich nicht durchsetzen können. Zeitgenössische Kunst hat ja auch was mit Mode zu tun, und die Mode war eben, alles was die Amerikaner, die Sieger, machten, war toll. Und dann kam nun noch die Krux dazu, dass der Hofer als links galt: Sofort war er in der Kommunistenecke, auch weil er für seine Studenten Lebensmittelmarken aus dem Sowjetsektor organisiert hatte. Das wurde in der Zeitung ausgeschmiert und politisch ganz böse ausgelegt.  

  Wie wurde die Kunst im Kalten Krieg instrumentalisiert?  

  Ganz einfach: Man hat die Bilder nicht mehr gezeigt, Künstler wurden nicht mehr eingeladen zu Ausstellungen, Schweigen. Ich weiß zum Beispiel von der Rita Preuss, der Malerin, dass sich zwei junge Studenten aus den letzten Semestern umgebracht haben, die gegenständlich malten und überhaupt keinen Fuß auf die Erde gekriegt haben. In dem Kunstbetrieb, der dann anfing, und in den Westberliner Bezirksämtern, die Kunst ausstellten, da bist du mit einem gegenständlichen Programm, wie gesagt, in der Kommunistenecke gelandet und dann in der DDR-Ecke oder gleich in Rotrussland, wie es damals hieß. Berlin war Frontstadt! An der Grenze zweier Systeme. Da wurde nicht nachgedacht und nicht differenziert, und der Kunstmarkt folgte brav. Maler und Bildhauer dieser »anderen Seite der Moderne« waren die Schmuddelkinder der westdeutschen Nachkriegskunst, ungeliebt und abgelehnt vom künstlerischen und politischen Establishment.  

  Mit Folgen.  

  Und ob. Der Bildhauer und Zeichner Gustav Seitz erhielt an der Westberliner Staatlichen Hochschule für Bildende Künste Hausverbot und wurde suspendiert – weil er 1949 den Nationalpreis der DDR entgegengenommen hatte und Mitglied der Akademie der Künste (Ost) wurde. 

Otto Nagel, der große Realist und Kommunist, wurde in die West-Akademie nicht aufgenommen, weil er in der DDR-Volkskammer war. Und irgendwann hatte Oskar Nerlinger die Faxen dicke mit der Verfolgung der gegenständlichen Malerei und ging 1951 an die Kunsthochschule in Berlin-Weißensee.  

  Umgekehrt war es nicht besser.  

  Ja, die Künstler aus der DDR hatten keinen ungehinderten Zugang zu abstrakter Kunst, zu Künstlern wie Paul Klee. Auf die großen Ausstellungen wie Documenta kamen sie auch nicht. Ich weiß noch, dass wir damals in der kleinen Ladengalerie eine Diskussion mit Lea Grundig dazu hatten. Nach dem Fall der Mauer habe ich in der Akte (von SED-Politbüromitglied, jW) Kurt Hager im Bundesarchiv einen Brief von Lea Grundig gefunden. Darin fordert sie für Künstler in der DDR Zugang zur abstrakten Kunst. Es ging immer um Kunst, aber es wurde auch schnell politisch und oft auch existenziell  

  Warum haben Sie 1962 dann ausgerechnet eine Galerie für gegenständliche Kunst gegründet?  

  Wir waren drei Absolventen der Hochschule: Wichart Müller, Arved Gorella und ich. Erst wollten wir sogar unsere eigenen Sachen ausstellen und verkaufen. Das haben wir aber sofort gelassen: Eine Galerie, wenn man sich richtig einsetzt, frisst einen auf. Wir gehörten zur linken Truppe und wollten Kunst für die Arbeiter. Es gab dafür großartige Vorbilder wie in den zwanziger Jahren die Assoziation revolutionärer bildender Künstler, ASSO, mit Hans Grundig und Lea Grundig, Otto Nagel, Käthe Kollwitz, George Grosz. Wir wollten keine kryptische, gegenstandslose Malerei, sondern realistische Kunst. Wir wollten wirklich den Mann auf dem Fahrrad in der Galerie haben. Deswegen ist die Galerie auch zu ebener Erde gewesen, damit die Leute mit dem Kinderwagen reinkommen. Das war das Ideal.  

  Haben Sie nur für das Ideal gelebt?  

  Aber nein, wir waren jung. Unser Leben war spannend und ganz wunderbar in dem Milieu, in dem ich mich bewegt habe. Wir haben gearbeitet, wir haben Stipendien gekriegt. Wir mussten einmal im Semester unsere Sachen vorlegen, das haben wir auch gern gemacht. Oder wir haben ein Vierteljahr lang den »Schrägen Zinnober« vorbereitet, wo sich ganz Westberlin wie Bolle auf dem Milchwagen amüsiert hat.  

  Schräger Zinnober?  

  Das ist der große Faschingsball der Hochschule, eine Riesentradition. 

Gibt es, glaube ich, gar nicht mehr. Da gab’s einen Garten, da haben wir dann alle gesessen und gefeiert und haben den Westberlinern das Geld abgenommen an den Bars. Das war vielleicht so ein Ereignis wie heutzutage der Presseball. Wir sind in jeden Film gegangen, der aus Frankreich kam. 

Das alles wurde leidenschaftlich diskutiert. Wir hatten auch Glück mit unseren Lehrern. Viele waren von den Nazis verfolgt und auf der Ausstellung »Entartete Kunst« diffamiert worden.  

  … 1937 in München.  

  Ja. Da hingen die Bilder von Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff, Max Kaus, Willy Robert Huth, der ist jetzt ziemlich vergessen, aber der hat zum Beispiel Ausweise gefälscht für Verfolgte. Solche integren Lehrer haben uns ausgebildet. Für uns gab es überhaupt kein anderes Denken. Aus diesem Zusammenhang heraus entstand auch unsere Ladengalerie.  

  Wen haben Sie ausgestellt?  

  Der Anfang war schwierig. Klar war, dass es offiziell wirklich nur gegenstandslose Malerei im Westen gab. Wir fragten uns: Wie wollen wir den Massen realistische Kunst zeigen, wenn wir keine haben? Also haben wir an Otto Nagel geschrieben und gefragt, ob er bei uns ausstellt. Und da hat der Otto Nagel auf einer kleinen Krickelkarte, die ist noch im Archiv, geschrieben: Ja, ich stelle gern in Westberlin aus. Mehrmals war Lea Grundig hier, wir hatten eine Reihe mit Künstlern aus der CSSR, Polen, Malerinnen aus Moskau stellten bei uns aus und natürlich DDR-Künstler. 

Eine lange Liste unter anderem mit Fritz Cremer, Max Lingner, Oskar Nerlinger. Oder 1969 eine Sammelausstellung: »Elf aus der DDR« mit Gerhard Rommel, Günther Brendel, Ronald Paris, auch Werken von Werner Tübke.  

  Ein Forum für DDR-Kunst ein Ort für Gespräche?  

  Ja, natürlich diskutierten wir über Bilder, über künstlerische Entwicklungen, auch über Politik. Was sonst in diesen Zeiten? Manche dieser Begegnungen wurden in West wie Ost sehr skeptisch betrachtet.  

  Nicht nur wegen unterschiedlicher ästhetischer Haltungen, auch wegen unterschiedlicher Auffassungen von Gesellschaft?  

  Ja, selbstverständlich. Wenn ein Künstler zu mir sagt, er ist nicht politisch, stimmt das natürlich nicht. Jeder ist politisch. Johannes Grützke hat immer behauptet, er sei nicht politisch, aber es gibt von ihm ein großes Georg-Elser-Bild, es gibt eine Darstellung Friedrich Heckers, des badischen Revolutionärs, der in den demokratischen Kämpfen 1848/49 eine zentrale Rolle spielte. Lea Grundig war vielleicht die einzige, die gesagt hat: »Ich bin eine Agitatorin.« Als sie eine Ausstellung in New York hatte, standen die Leute Schlange. Dass sie Kommunistin war, war den Amerikanern scheißegal. Die interessierte die Kunst.  

  Käthe Kollwitz sagte: Ich will leben in dieser Zeit.  

  Und diese Zeit auch künstlerisch ausdrücken. Dabei entsteht auch die politische Dimension. Ein Bild ist immer eine Einladung zum Denken.  

  Was brachte die »Wende« für gegenständliche Malerei?  

  Als die Mauer fiel, dachte ich, nun erhalten die Realisten auch hier ihren Platz. War aber nicht so, leider.  

  Wie erklären Sie sich das?  

  Mit Westberliner Tradition und Ignoranz gegenüber dem Menschenbild, das zum Realismus gehört und durcheinandergebracht wird mit den Vorlieben der Nazis für den »schönen Menschen«. Die Realisten sagen, die Wirklichkeit ist die Wahrheit. Und das ist manchmal unangenehm. Wir möchten uns nicht damit auseinandersetzen. Bei abstrakten Bildern kann man sagen: Das verstehe ich nicht. Das ist einfacher.  

  Abstrakte und gegenständliche Kunst – Feuer und Wasser?  

  Wenn ich es gut überlege, nein. Weil wir erst in hundert Jahren wissen, was Kunst ist. Es gibt kein Kriterium bei den Zeitgenossen zu sagen, das ist gut und das nicht.  

  Wie lebt ein Galerist damit?  

  Wir haben von Anfang an gesagt: Wie schwer es auch wird, wir machen einfach weiter. Wir konnten keine Pfründe bilden. Das ist eine ziemliche Anstrengung, und wenn man dann eine Ware hat, die auf dem Markt der Bildenden Kunst nicht so gängig ist wie die gegenständliche, dann wird es richtig schwierig, denn ein guter Galerist, sitzt mit seinen Künstlern in einem Boot: Wir gehen zusammen unter oder halten uns.  

  Und?  

  Also richtig untergegangen bin ich mal mit einer Gruppe, die hießen »Die Rixdorfer«. Wir haben die etliche Male ausgestellt, und einer konnte sich ein Schloss kaufen, die anderen sind aber verhungert. Verhungert ist der, der am gegenständlichsten war, der nicht abgerückt ist von seiner Auffassung. Wir haben ihn immer wieder ausgestellt.  

  Mit wem sind Sie durchgekommen?  

  Sehr gut durchgekommen bin ich mit Kurt Mühlenhaupt, einem Vertreter des Westberliner Realismus. Er ist auch ein Hofer-Schüler gewesen, hat das aber immer geleugnet, weil die Leute gedacht haben, der sei ein naiver Maler. Er hat gesagt: Wenn Se mir Bilder abkoofen, denn lass ick die. Dann macht det mir nischt aus, wenn ich naiv bin. – Ihn habe ich sehr gut verkauft, und die Westberliner wissen alle, wer Mühlenhaupt ist.  

  Wie ging es anderen?  

  Die Gruppe »Großgörschen 35« hat sich gut gehalten. Da gab’s jetzt auch eine Retrospektive. Aber sie sind nicht so realistisch wie die »Rote Nelke« gewesen oder wie das, was ich vertreten habe. Zu Großgörschen gehörte am Anfang Markus Lüpertz, er ist ja nun der berühmteste. Oder die Schule der »Neuen Prächtigkeit«, 1973 gegründet. 

Gegenständlich-figurative Malerei in Westberlin gegen das Dogma der Abstraktion. Die waren schrill, gesellschaftskritisch und nachdenklich. Sie wurden unter den Teppich gekehrt. Manche nennen sie Klassiker. Grützke gehört zum Beispiel dazu.  

  Fand in Westberlin Kunst von überregionaler Bedeutung statt?  

  Vom europäischen Markt waren wir weit ab. Es gab drei oder vier Ausstellungen in London, wo Westberliner immer dabei waren. Allerdings ist in dieser Westberlin-Enklave ein bestimmtes Milieu für Malerei entstanden. 

Da gehörten Manfred Beelke und Werner Mühlbrecht aus der Roten Nelke dazu. Das waren Künstler, die sich formierten in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Am Kurfürstendamm hatte die einen riesengroßen Kulturraum. Das war so ein Anlaufpunkt für Menschen, die links waren im Sinne Moskaus. Das war aber ganz anrüchig. Sie müssen sich das mal vorstellen: Im Kalten Krieg Deutsch-Sowjetische Freundschaft, fett am Kudamm. Da nützt es gar nichts, dass Curt Bois, der Schauspieler, ein Kommunist aus den zwanziger Jahren, im Vorstand war. Das war absolut tabu, da ist kein bürgerlicher Mensch hingegangen.  

  Wer gehörte zur Roten Nelke?  

  Zum Beispiel Reinhard Pods. Seine Bilder habe ich mal in Basel auf der Messe gesehen. Ich habe von ihm ein frühes Bild, eine Darstellung zweier Männer, die eine rote Fahne hochhalten. Das konnte er natürlich nicht verkaufen. Und dann ist er zu einem ganz großen Galeristen gegangen, Nothelfer in Berlin. Der hat sie eben mit auf die Messe genommen. Da war von seiner Vergangenheit keine Rede mehr. Alles Geschichte. Irene Müller hat übrigens auch gemalt.  

  Wer ist Irene Müller?  

  Sie gehörte zum Umfeld der RAF.  

  Was denken Sie, wo ihre Bilder sind?  

  Aus dem Kreis um Andreas Baader kamen mal Leute und haben sie angeboten.  

  Haben Sie die genommen?  

  Nein.  

  Warum nicht?  

  Sie passten damals nicht in unsere Galerie, in unsere Linie.  

  Gibt es »1968« in der Malerei?  

  Johannes Grützke hat ein ganz großes Bild gemalt: »Benno Ohnesorg greift zum Gewehr«. Zuerst hat das keiner gesehen und nach fünf, sechs Jahren wurde das vom Deutschen Historischen Museum gekauft. Solche Bilder sind selten. Bildende Künstler sind ja immer etwas im verborgenen. Da muss es schon ganz böse werden, dann sind sie allerdings da.  

  Dann wird Zeitgeschehen Kunst?  

  Ja, kann man sagen.  

  Wie ging es aus Ihrer Sicht mit DDR-Kunst nach der »Wende« weiter?  

  Das war doppelbödig. Mir ist aufgefallen, dass die gegenständlichen Maler zunächst einen Bonus hatten, aber nicht wegen ihrer Malerei, sondern weil sie aus der DDR waren. Das hat sich ja sehr schnell gelegt. Auffällig ist, wie abfällig DDR-Kunst behandelt wurde. Zum Beispiel diese Ausstellung »Aufstieg und Fall der Moderne« 1999 in Weimar.  

  Warum diese Häme?  

  Ein Relikt des Kalten Kriegs. Und es erspart die künstlerische und intellektuelle Auseinandersetzung. Es gibt DDR-Künstler, die auch so einen Bruch versuchen. Die waren erst realistisch, dann kam der Umbruch, jetzt arbeiten sie zum Beispiel gegenstandslos. Das finde ich schade. Willi Sitte hat das nicht gemacht. Er ist im Realismus geblieben. Ich habe eine Ausstellung mit ihm gemacht nach dem Krieg – und wurde in den »Tagesthemen« dafür angeprangert.  

  Nach der »Wende«, meinen Sie?  

  Ja. Ich sag nach dem Krieg, weil ich immer gedacht habe, jetzt ist endlich der Krieg zu Ende.  

  Ist es so?  

  Sieht nicht so aus.  

  Wo sagen Sie: Es hat sich gelohnt, was ich gemacht habe?  

  Dass ich diese Künstler hatte: Als Maler ist es der Johannes Grützke, als Grafikerin ist es Lea Grundig, und als Bildhauer ist es Fritz Cremer. 

Auf einer seiner Ausstellungen in der Ladengalerie war eine kleine Bronze mit einem Gekreuzigten. Da wurde er als Kommunist sofort gefragt: Warum dieses Motiv? Es ist genug gekreuzigt worden, hat er da nur gesagt. Das hat mich sehr beeindruckt. Der hat auch so gelebt. Als die Währung sich geändert hat und man Geschäfte machen konnte mit kleinen Bronzen, bedrückte ihn das. Ich habe gesagt: Professor Cremer, jetzt ist der Kapitalismus angesagt. Jetzt geht es um Kaufen und Verkaufen. Das ist der schlimmste Krieg.  

  Alles ist Ware, auch Kunst?  

  Ja.  

 

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Kanonokratie  

Die gesamte Gesellschaft wird Gegenstand der Kriegführung: Karl Liebknecht 1915 über Antimilitarismus unter imperialistischen Verhältnissen  

Karl Liebknecht 

In: junge Welt online vom 12.12.2015 

Wochenendbeilage 

 

Unter dem Pseudonym »Implacabilis« (unversöhnlich) erschien in Heft 1 (September 1915) und 2 (Dezember 1915) der von Willi Münzenberg in Zürich herausgegebenen Zeitschrift Jugend-Internationale ein Text von Karl Liebknecht, den er im August desselben Jahres verfasst hatte.  

Die Erfahrung der Kriegszeit lehrt, in wie hohem Maße der Militarismus durch Ausschaltung und Unterbindung des Gedankenverkehrs, durch Verhinderung der Nachrichtenverbreitung, die Wirkung individueller Auffassungen und Handlungen, den Einfluss von Vorgängen, die an sich die Massen aufs stärkste erregen würden, hintan zu halten vermag. 

Die Vorausberechnung der gesellschaftlichen Wirkung eines etwaigen Verhaltens bildet das Fundament der politischen Leistung. 

Als Ziele des antimilitaristischen Abwehrkampfes kommen grundsätzlich alle Machtstellungen des Militarismus in Betracht: die militärischen im engeren Sinne wie die bürgerlichen, seine persönlichen und seine sächlichen Werkzeuge. Dazu einige Hinweise: 

Der jetzige Krieg – das ist der Krieg des vollentwickelten Imperialismus – zeigt mehr als jeder frühere die Kriegführung als eine Angelegenheit nicht nur der Armee, sondern des ganzen Staatswesens, des ganzen Wirtschaftslebens und der gesamten Bevölkerung, von deren Charakter und Leistungsfähigkeit die Heeresorganisation freilich auch im Frieden hochgradig abhängt. Wie das ganze Wirtschaftsleben zu einer Funktion des Militarismus geworden ist, so der Staat zu einer bis ins einzelne durchgebildeten Maschine, weit »vollkommener«, gewaltiger und verwickelter als selbst die vielbestaunte spartiatische, die sich neben ihr wie ein griechischer Wurfspeer neben einer Skodaschen 42-Zentimeter-Haubitze ausnehmen mag: Die Bürokratie ist zur Kanonokratie »empor gediehen«. Von der amtlichen, halbamtlichen und privatfreiwilligen Regie zur »Begeisterung« der öffentlichen Meinung für den Krieg, von der Durchführung der Heeresmobilisation, dem Transportwesen und dem Nachrichtendienst; von der finanziellen Mobilmachung und der Regelung der Produktion oder anderweitigen Besorgung der Heeresbedürfnisse (Waffen und Munition, Ausrüstung und Bekleidung, Verpflegung) bis zur laufenden Bearbeitung der Zivilbevölkerung (Monopolisierung aller Instrumente der Stimmungsmache durch Belagerungszustand usw. und mehr oder minder virtuose Benutzung dieser Instrumente zur Verhinderung unliebsamer Strömungen; materielle Versorgung der Zivilbevölkerung einschließlich der Soldatenfamilien zur Vorbeugung oder zur Beseitigung unerwünschter Regungen) hat die zivile Staatsverwaltung – selbstverständlich unter militärdiktatorischer Obhut – ein außerordentliches Betätigungsfeld. 

Wenn ihr dabei die Parlamente, nicht nur verfassungsmäßig mitwirkend – diese Mitwirkung verflüchtigt sich unter der Herrschaft der Militärdiktatur zur theatralischen Farce –, sondern auch als gefälliger Putz, als demagogische Fänger, Treiber, Einpeitscher zur Seite stehen, so bedeutet das eine wichtige Unterstützung, die von den parlamentarischen Vertretern der herrschenden Klassen natürlich im bestverstandenen Eigeninteresse geleistet wird. 

Das Wirtschaftsleben versorgt die Armee mit ihrem Bedarf. Wie das menschliche, so ist auch das sächliche Material der Kriegführung heute im Gegensatz zu einst keine einmal gegebene feste Größe, sondern ein fortgesetzt sich erneuerndes, ergänzendes, nach den jeweiligen Erfordernissen an Masse und Art wechselndes gesellschaftliches Erzeugnis. 

Bei der Vielfältigkeit und Riesenhaftigkeit des laufenden Armeebedarfs ist der mit seiner Herstellung und Zuführung beschäftigte Teil des Wirtschaftslebens schier unübersehbar. Der Begriff der Rüstungs- und gar der der Kriegsindustrie sowie der in ihrem Dienst stehenden distributiven Verrichtungen hat sich ungeahnt erweitert. Aber auch die Erzeugung und Verteilung des Bedarfs der Zivilbevölkerung, einschließlich des »geistigen« Bedarfs (»panem et circenses«, »Brot und Spiele«), gehört zu den Erfordernissen des modernen Krieges: Die Zivilbevölkerung muss – schon als Vorratsbecken für künftigen Heeresersatz und kapitalistisches Ausbeutungsobjekt und vor allem um der Armee willen (wegen ihrer Versorgung und zur Erhaltung ihres Kampfgeistes) – schlecht und recht in möglichst guter Stimmung erhalten werden. 

Die Zivilbevölkerung ist nicht nur Träger der – persönlichen und sächlichen – Heeresversorgung, sondern, als Gegenstand der stärksten Interessen, der engsten seelischen und materiellen Lebensbeziehungen der Heeresangehörigen, ein Faktor von elementarem Einfluss auf die »Moral«, den »Geist« der Armee. Die Sicherung ihrer »Moral«, ihres »Geistes« gehört zu den unbedingten Notwendigkeiten der heutigen Kriegführung. 

 

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Schwarzer Kanal: Einer kommt durch 

In: junge Welt online vom 12.12.2015 

Wochenendbeilage 

 

Fast wäre Hannover Welthauptstadt geworden. Wer in der Stadt an der Leine einmal Ministerpräsident von Niedersachsen war, kannte nur globale Aufgaben wie die Expo 2000 – jedenfalls von Gerhard Schröder über Sigmar Gabriel bis Christian Wulff. Seit dessen Rückzug mit Bundespräsidentenpension ins Klinkerhaus von Großburgwedel ist es mit den Ambitionen vorbei. Dabei gab es am Maschsee Erstklassiges: Einen herrschenden Klüngel, wie ihn wahrscheinlich Chicago zu Zeiten Al Capones nicht kannte: Sex, Crime und Geldsummen, von denen der nur träumen konnte. 

In Hannover war der Polizeipräsident eine Art Angestellter der Deutschlandfiliale des Drogen-, Schläger- und Bordellweltkonzerns »Hells Angels« und von deren Chef, Frank Hanebuth. Um dessen juristisches Wohl bemühte sich der mit ihm befreundete Anwalt Götz von Fromberg, der zu den »Frogs«, den »Friends of Gerhard«, also Kanzler Schröder, zählte. 

Mit dem bildete Fromberg einst zudem eine Anwaltsgemeinschaft. Zu den Frogs gehörte u. a. Exdrückerkolonnenboss Carsten Maschmeyer, Exbischöfin Margot Käßmann war nicht weitab. Aber Ex- sind sie inzwischen fast alle. 

Hanebuth ist nach zweijähriger Untersuchungshaft in Spanien auf freiem Fuß, darf das Land nicht verlassen und muss jeden Tag zur Polizei. 

Schröder räumt freimütig ein, dass der von ihm mit angezettelte Jugoslawienkrieg völkerrechtswidrig war und ist für Frieden mit Russland. 

Beim ihm rollt der Rubel auf jeden Fall. 

Hannover war ein Modell für fortgeschrittene kapitalistische Herrschaft durch mehr oder weniger beachtliche Kriminelle. Das ist vorbei, nur einer macht weiter, der härteste, der mit der meisten Energie, der mit der meisten Kohle. Dieser Carsten Maschmeyer nannte z. B. die Rentenkürzungen, genannt »Reformen«, die sein Freund Gerhard als Kanzler durchboxte, eine »sprudelnde Ölquelle« für seine frühere Drückertruppe AWD und die ganze Branche. Einen der für das Rentenverbrechen zuständigen Minister, Walter Riester (SPD), stellte er gern ein. Maschmeyer erfreut sich nach wie vor höchster Gunst der Medien, war jüngst in einer TV-Benefizgala zu sehen und erhielt von Bild Gelegenheit, zusammen mit seiner Ehefrau, der Schauspielerin Veronika Ferres, mit zwei Flüchtlingsfamilien, die sie in ihrer Villa in Hannover aufgenommen haben, zu posieren. Von der Rentnerabzocke zum Wohltäter. 

Am Mittwoch kleckerte nun das Handelsblatt mit etwas Dreck: Der Herr spannte demnach 2008 einige Freunde ein, die für ihn Aktien eines Konkurrenzunternehmens, des Heidelberger Finanzdienstleisters MLP, aufkauften. Josef Ackermann, damals Chef der Deutschen Bank, war beim »Projekt Renaissance« ebenso beteiligt wie der seinerzeitige Chef des Energiekonzerns RWE, Jürgen Großmann. Maschmeyer halluzinierte, er wolle »den größten unabhängigen Finanzdienstleister der Welt« schmieden. 

Hannover eben. Leider sind konzertierte Aktionen dieser Art nach bürgerlichen Regeln verboten. Das Geheime blieb nicht geheim, und Maschmeyer soll bereits neben 2,9 Millionen Euro an die Staatsanwaltschaft noch 1,5 Millionen Euro an Dividende zurückgezahlt haben, um einen öffentlichen Prozess zu vermeiden. MLP war das nicht genug, man reichte jetzt eine »Auskunftsklage« ein, um zu erfahren, wie Maschmeyer 2008 an die Aktien kam. Da dürfte Stimmung im hannoverschen Froschteich herrschen. 

Dem niedersächsischen Sittengemälde fehlten zur Fertigstellung ohnehin einige Farben: Geldgier, Verschwörung, Betrug etc., was das bürgerliche Leben an Tugenden so kennt. Die führen, wusste schon der schottische Ökonom Adam Smith im 18. Jahrhundert, am Ende unbewusst, durch die »unsichtbare Hand« des Marktes, zur Wohltat, z. B. Flüchtlingen in Maschmeyers Villa. Was ist schon ein Einbruch in eine Bank, gegen die Gründung eines Freundeskreises in Hannover? 

 

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Verborgenes Grauen  

Ein Ort des europäischen Gedenkens: Vor 75 Jahren entstand in Frankreich das KZ Natzweiler-Struthof  

Florence Hervé 

In: junge Welt online vom 12.12.2015 

Wochenendbeilage 

 

Eine idyllische Landschaft. Herbstgelbe Rebhänge, dunkle Berge, Tannen- und Laubwälder, lichte Hügel, Burgen und Klöster wechseln sich mit Äckern und Weide ab, zwischendurch mit Blick auf die Rheinebene. Dort oben auf dem Berg thront die heilige Odile, Schutzpatronin des Elsasses, die Goethe zu seiner dem Leben entsagenden Ottilie inspirierte. Heute ein Wallfahrtsort. Ein Dutzend Kilometer vom Odilienberg entfernt, östlich von Strasbourg und in der Nähe des Dorfes Natzwiller, wurde früher Ski gelaufen. Der »Struthof« auf 800 Metern Höhe samt Bauernhof und Gaststätte war beliebt bei den Touristen. In dieser malerischen Vogesenlandschaft wurde vor bald 75 Jahren das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof errichtet. Von 1941–1945 war es eine Stätte des Schreckens, der Zwangsarbeit und grausamer Morde.  

Bei klarem Wetter konnten die Inhaftierten auf die Berge schauen oder ins Tal und damit in die Freiheit: Häuser der Stadt Schirmeck mit den großen Sanatorien am Hang, in denen sich während des Krieges Lazarette befanden. 

Nur wenige Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Hier Pflege zum Zweck der Gesundung von Menschen, da geplanter Massenmord. Natzweiler-Struthof war das einzige deutsche Konzentrationslager im annektierten Elsass und in ganz Frankreich. Heute ist es weitgehend unbekannt. Welcher das Elsass liebende Tourist aus Deutschland ist schon auf dem Struthof gewesen? »Seid ihr schon einmal auf dem Struthof gewesen?« fragt die elsässische Dichterin und Musikerin Sylvie Reff: »Heilige Odilie, die das Elsass schützt, und du, liebe Hildegard von Bingen, seid ihr schon einmal auf dem Struthof gewesen? Dort hat Frau Zeit Haar und Zähne verloren, seither schaut sie kein Mann mehr an.«  

Der waldige Weg vom ehemaligen Konzentrationslager zum Mont Louise führt nach einem Kilometer zu dessen Ursprung: Dort findet sich der begehrte rosa Granit. Im Herbst 1940 wählten hohe SS-Führer den Steinbruch in der Nähe des »Struthofs« zum Abbau des Granits aus, für die Monumentalbauten des Nazireichs. Auch dessen Oberarchitekt Albert Speer soll an dieser Entscheidung beteiligt gewesen sein. Zu dem gigantischen SS-Imperium gehörten mehrere Wirtschaftsunternehmen. So auch die »Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH«. Im Mai 1941 trafen etwa 300 Häftlinge im Bahnhof Rothau ein.  

 Idylle und Horror »Draußen das Geschrei der Soldaten, Schiebetüren, die geöffnet werden. Pfiffe. Das Bellen der Hunde. Und dann geht es weiter. 

Kreischende Schienen. Wir sagten, sie weinen. Wegen uns vielleicht«, erzählt Franck Balandier in »Das Schweigen der Schienen«, der Geschichte eines homosexuellen Deportierten im KZ Natzweiler-Struthof. Die Häftlinge begannen mit dem Bau der Wege, Straßen und des Barackenlagers. Die Idylle wurde zum Horror. Viele erlebten die »Eröffnung« des Lagers nach einem Jahr nicht mehr.  

Dorthin, oben auf den nun verfluchten Berg, wurden Widerstandskämpfer und NN (sog. Nacht-und-Nebel-Gefangene) fast aller europäischen Nationalitäten verschleppt und zur Sicherung von Profiten für Rüstungsbau und SS-Wirtschaftsunternehmen ausgebeutet. Hier fand eine »industrielle Rationalisierung im Dienst des Terrors« statt, stellt Frédérique Neau-Dufour, die Leiterin des Europäischen Zentrums des deportierten Widerstandskämpfers, fest. Hier wurden die Deportierten erschlagen, erhängt, erschossen, zu Tode gequält. SS-Kommandant Kramer sah den Hinrichtungen am Galgen gern persönlich zu, rauchte dabei eine dicke Zigarre und machte Witze.  

Natzweiler-Struthof war Knotenpunkt in einem ganzen »Netzwerk des Terrors«, so der Historiker und Autor des gleichnamigen Standardwerks, Robert Steegmann: Über das Stammlager hinaus unterhielt es 70 Nebenlager und Außenkommandos jenseits und diesseits des Rheins (vor allem in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz). Es war eines der mörderischsten Konzentrationslager. Unter den 52.000 Häftlingen forderte es 22.000 Tote, die Todesrate lag bei über 40 Prozent. Nicht nur bei extremen Witterungsverhältnissen, eisigen Winden und Schneegestöber führten Unterernährung, dürftige Bekleidung, Zwangsarbeit, furchtbare Misshandlungen und Strafen (vom Prügelbock bis zum Galgen) zur Vernichtung von Menschenleben.  

»Grausamkeit, Barbarei, Sadismus, nenn’ es, wie Du willst. Es ist schwer zu glauben, und doch ist es so. Wer bin ich? Ein Paket aus Knochen, ein menschlicher Abfall, eine einfache Nummer. Oder das alles zusammen, das heißt null plus null, also null.« So beschreibt der ehemalige Deportierte Eugène Marlot in seinem Buch »Sac d’os«, was das KZ aus einem Menschen machte. Und der slowenische Schriftsteller Boris Pahor, ebenfalls ein ehemaliger Deportierter: »Ich glaube, dass kaum jemand versteht, was das heißt, nur noch aus Hunger zu bestehen, nur noch aus dem Magen zu denken, nur noch Magen zu sein. Das ist die physische und moralische Zerstörung des Menschen.«  

Fluchten waren aufgrund der doppelten Stacheldrahtumzäunung unter Hochspannung nicht möglich. Eine einzige war erfolgreich. Außerhalb des Lagerzauns führt der waldige Weg am einstigen Wohnhaus des Lagerkommandanten vorbei, einer stattlichen Villa mit Garten und Schwimmbad. Der Weg windet sich, es sind noch etwa 15 Minuten durch den Buchen- und Tannenwald bis zur ehemaligen Gaststätte. Ihr gegenüber wurde 1943 die Gaskammer eingerichtet, im früheren Tanzsaal. Sie diente nun den pseudomedizinischen Menschenversuchen des berüchtigten SS-Arztes August Hirt sowie des Biologen Otto Bickenbach und des Bakteriologen Niels Eugen Haagen. Hirt, der vom IG-Farben-Konzern früh finanziell gefördert wurde, ab Oktober 1941 Professor für Anatomie an der »Reichsuniversität Straßburg«, hatte das besondere Vertrauen des Reichsführers SS Heinrich Himmler, der zugleich Präsident der rassenideologischen »Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe« war. Für deren wahnwitzige Projekte und für wehrwissenschaftliche Untersuchungen zur »Verbesserung« der Kriegsführung konnten Hirt und seine Mitarbeiter Häftlinge wie Laborratten benutzen. Hirt wollte eine »jüdisch-bolschewistische Schädelsammlung« schaffen. Dafür wurden im August 1943 86 Häftlinge jüdischer Abstammung vergast. Danach wurden die Leichen in Alkoholwannen des Strasbourger Anatomischen Instituts gelegt. Die Überreste wurden nach der Befreiung entdeckt: 16 vollständige Leichen, Körperteile, abgetrennte Köpfe und Präparate. 2004 gelang es dem Wissenschaftler und Journalisten Hans-Joachim Lang, die Leichen zu identifizieren und den ihnen zugeordneten Nummern ihre Namen zurückzugeben. Im Juli 2015 wurden weitere Überreste jüdischer Opfer im Straßburger Rechtsmedizinischen Institut gefunden: Glasbehälter mit Hautfragmenten sowie zwei Reagenzgläser mit Magen- und Darminhalt.  

 Menschen als Material Adélaïde Hautval, eine deportierte Ärztin aus dem Nachbarort Le Hohwald, die sich in Auschwitz weigerte, an medizinischen Experimenten teilzunehmen, berichtet in ihrem Tagebuch »Medizin gegen die Menschlichkeit«, wie ein Verfechter der Rassentheorien im Mai 1943 das »Material« im Lager auswählte, indem er nackte Frauen jeden Alters vor sich paradieren ließ. »Eines Tages ließ man diese Frauen wissen, sie hätten das außerordentliche Glück, ausgewählt zu werden, sie würden Auschwitz verlassen und in ein hervorragendes Lager irgendwo in Deutschland kommen. Sie glauben es, so froh darüber, diese Hölle und die ständige Aussicht auf die Gaskammer verlassen zu können. Voller Freude sagten sie uns adieu. Keine hatte den Mut, sie zu enttäuschen … Unsere Überzeugung war, dass sie bald in einem Museum des großen Reichs ausgestopft als Zeugen für eine Rasse dienen würden, die es nicht wert sei zu leben und die dank der klugen Maßnahmen des Nationalsozialismus vernichtet worden sei. Wir haben nie wieder etwas von ihnen gehört.« Die Frauen wurden ins Stammlager Natzweiler-Struthof gebracht und vergast.  

Vor den anrückenden Truppen der Alliierten wurden die übriggebliebenen Häftlinge im September 1944 ins Innere des Nazireiches »evakuiert«, in tagelangen Todesmärschen, bei denen Tausende Häftlinge durch Misshandlungen, Hunger, Krankheit und Erschöpfung zugrunde gingen. Das letzte Nebenlager wurde im April 1945 aufgelöst.  

Und danach? Was geschah mit den Tätern? Nach dem Ende des Naziregimes fanden in Frankreich einige Prozesse in Sachen Natzweiler-Struthof statt. 

So in Metz in den 50er Jahren. Die Strafen wurden zum Teil in Frankreich vollstreckt. Die in Abwesenheit Verurteilten jedoch wurden wegen des Auslieferungsverbots im Grundgesetz nicht nach Frankreich überstellt. Erst ab 1974 waren die bundesdeutschen Gerichte für Verfahren gegen diese Täter zuständig – verurteilt wurden sie nicht.  

Der Philosoph Emmanuel Lévinas schreibt von seinem Entsetzen, das ihn bei der Lektüre der Protokolle von Metz ergriff: »Der Struthof-Prozess hat mit acht Jahren Verspätung stattgefunden. Dennoch ist es richtig, dass unter dem fröhlichen oder geschäftigen Lärmen der Straße, im Murmeln der linden Nachtwinde oder im Liebesgeflüster die Menschen des Jahres 1954 von neuem die indiskreten Schreie gequälter Menschen vernommen haben. Ein kleiner Pole schreit: ›Mama!‹ Das Vergessen ist das Gesetz, das Glück und die Voraussetzung des Lebens. Aber hier hat das Leben unrecht.«  

Täter gingen frei aus In der Bundesrepublik wurde das Vergessen zum Gesetz. Es gab wenige Ermittlungsverfahren, diese zogen sich häufig über zehn Jahre hin. Manche wurden wegen Verjährung eingestellt, Hauptverfahren wegen »Verhandlungsunfähigkeit« nicht eröffnet. Fast alle Täter und Gehilfen, auch die wegen mehrfachen Mordes Verurteilten, waren Mitte der 50er Jahre, spätestens 1960 wieder auf freiem Fuß. So zum Beispiel die Täter im weißen Kittel Otto Bickenbach und Niels Eugen Haagen, die im Dezember 1952 vom Militärgericht in Metz zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt worden waren. Haagen, der die Typhusversuche im KZ Natzweiler und im Sicherungslager Schirmeck geleitet hatte, arbeitete danach bei der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere in Tübingen und wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.  

Die Justiz brachte keine Gerechtigkeit. Es bleibt, im Gedenken nicht nachzulassen. »Vollendet wird die Vernichtung der Opfer erst durch das Vergessen. Lebendig macht das Entdecken zwar niemanden, aber es hält die Ermordeten in lebendiger Erinnerung«, schreibt der Autor des Buchs »Die Namen der Nummern« über die in Natzweiler-Struthof Vergasten und zu Tode Gequälten, Hans Joachim Lang.  

Mit der Erinnerung tat man sich von offizieller Seite auch in Frankreich schwer. Erst 1960 wurde auf dem Struthof vom Präsidenten der Republik, General Charles de Gaulle, eine Gedenkstätte eingeweiht, im November 2005 folgte schließlich die Eröffnung des Europäischen Zentrums des deportierten Widerstandskämpfers (CERD). Frédérique Neau-Dufour, Politikwissenschaftlerin und Historikerin, die Biographien u. a. über die Widerstandskämpferin und Ravensbrück-Deportierte Geneviève de Gaulle-Anthonioz geschrieben hat, erklärt es auch damit, dass das KZ-Natzweiler leer war, als die alliierten Soldaten hier eintrafen. Somit gab es zunächst keine Hinweise auf das schreckliche Geschehene. Bei der Befreiung gab es keinen Schock wie angesichts der Leichen in Bergen-Belsen oder Auschwitz. Am Anfang stand hier nur eine Vermutung, bis man schließlich den Kremationsofen, die Gaskammer und die Folterinstrumente entdeckte. Außerdem, so Neau-Dufour, war es »ein kleines Lager«, und es sei schwierig gewesen, im Elsass das Gedenken zu organisieren. Das Elsass war von 1940–45 Deutschland angegliedert. Die Elsässer fürchteten, das Lager dort bestätige das Bild von ihnen als angebliche Nazis, während es für Frankreich insgesamt seine Selbstdarstellung gefährdete, wonach eigentlich alle Franzosen den Widerstandsgruppen der Résistance angehört hatten.  

Zeichen gegen das Vergessen setzen heute Gedenkstätten jenseits und diesseits des Rheins sowie Organisationen von ehemaligen Widerstandskämpfern und Deportierten wie die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer FIR. 180.000 Menschen aus ganz Europa besuchen jährlich das ehemalige Konzentrationslager und das vor zehn Jahren am »Struthof« gegründete CERD, darunter etwa 20.000 Schüler und Schülerinnen. »Alle Schulklassen aus dem Elsass waren hier«, sagt Frédérique Neau-Dufour, die 2015 den Preis des Presseklubs Strasbourg-Europe für ihre Arbeit erhielt. Ein Besuch hier sei nicht leicht, denn »die Wirklichkeit ist schwer zu ertragen«.  

Es ist still auf dem Struthof an diesem feuchten, nebelverhangenen Novembertag. Es wird einem noch kälter beim Besuch des ehemaligen KZ. Doch zu einer Zeit, in der Revisionisten und Leugner des Holocausts weiterhin aktiv sind, sei es gerade wichtig, so die CERD-Leiterin, diesen Ort des Gedenkens und des Mahnens zu besuchen. Er soll an die vielen unbekannten Häftlinge erinnern, die »im Schatten« der Geschichte stehen, und zugleich das Gedenken gegen den »Identitätswahnsinn« pflegen. Er ist ein europäischer Gedenkort: »Vergessen wir nicht, dass Europa auch in den Lagern geboren wurde. Die ersten Bemühungen um ein friedlich vereintes Europa gehen auf die Deportierten zurück.« So wird die Erinnerung an die europäische Widerstandsbewegung, verbunden mit der Perspektive eines antifaschistischen Europas, auch zu einem Erinnern für die Gegenwart und für die Zukunft.  

 

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Wieder scheitern, besser scheitern  

Ken Merten 

In: junge Welt online vom 12.12.2015 

Wochenendbeilage 

 

Seidel zählte an seinen Fingerknöcheln die Monate ab. Überraschend für ihn war der Juni einen Tag kürzer. Er hörte Freds Kauen. Der Junge, der neben ihm saß, griff wieder in den kleinen Eimer mit Marzipankartoffeln. 

Das tat er schon seit Chemnitz. Seidel hatte einmal kosten dürfen und war mit Fred ins Gespräch gekommen. Während der Bus in eine Schnellstraßenbeuge fuhr, an die sich eine langgezogene Gradiente anschloss, fanden beide heraus, dass sie jeder gestern zu Abend Kartoffelbrei gegessen hatten. Soße und ein braunes Bratenfleisch dazu. 

»Früher gab es keine Milch im Kartoffelbrei«, palaverte Seidel. 

»Sondern nur Wasser. Mit Milch hieß das Mauke. Gab’s so gut wie nie. 

Und man hat hier auch nie Kartoffeln gesagt. Immer von Erdäpfeln gesprochen.« 

»Achso.« Fred zog klackernd seine Kopfhörer aus dem Wanderrucksack, den er sich zwischen die Beine geklemmt hatte, griff in seinen Marzipaneimer und der Geruch der Süßigkeit blieb Seidel in den üppigen Nasenhaaren hängen, die in seinen Nüstern grau nachwuchsen. Er schniefte. Den Kopf im Nacken, folgte sein Blick der Schlaufe seiner Reisetasche in der Kopfablage, die gedehnte Achten zog und in scharfen Linkskurven einen Scheitelpunkt erreichte, dass Seidel bang wurde, die Tasche würde in den Gang geworfen. Er fürchtete um Frau Störr, seine Kollegin, die auf der Bank neben ihm im E-Reader einen Krimi las; er hatte Angst um die Unversehrtheit seiner Reiseapotheke. Mit Augentropfen im Glasfläschchen und Diabetikerbesteck. 

Fred sah nicht auf, als Seidel sich wieder zu ihm setzte. Freds Gesicht klebte am Fenster, was ihm die Lippen verknautschte. Einzelne blonde Bartstoppeln versanken in einer Kuhle, dort, wo sonst sein Grübchen saß. 

Er war gestern in die Dresdner Elbe gestoßen worden. Stand verträumt am Ufer und soll gesagt haben, er sehe zwar »nicht so gut aus«, wie er es »auf Fotos« tue, dafür »aber auch nicht so schlecht«, wie er »im Spiegel ausschaut«. Hatte einem aus der Gruppe seine triefende Fujifilmkamera an den Wangenknochen geschleudert und saß seitdem vorn im Bus bei den LehrerInnen. 

Zwischen zwei Roggenfeldern, die sich über eine sanfte Kuppe dehnten, von der aus man durch einen Grauschleier auf böhmische Höhen des Krusné hory schauen konnte, zog die Kolonne SiebtklässlerInnen. An Spitze und Ende je zwei Lehrkräfte, die die SchülerInnengrüppchen zwischen sich hielten. 

Nur Fred blieb zurück. Er und Seidel unterhielten sich mit Frau Störr über Sitten und Gebräuche im Erzgebirge. Denn Fred sei mit seinen Eltern manchmal im Advent schon hier gewesen. Habe sich den Weihnachtsmarkt angesehen. Die Bergparaden geliebt. 

»Ich bin mir sicher, Fred, dass das hier nicht immer so ist«, hatte Frau Störr gesagt, während sie sich die Riemen ihres Turnbeutels mit den Daumen nach vorn zog, als würde sie so besser Schritt halten können, als ziehe sie selber sich vorwärts. »Sobald der Schnee weg und Weihnachten in weiter Ferne ist. Dann leben die hier auch in der Gegenwart. Die Leute rennen hier ja nicht vor der Realität weg, Fred.« 

Seidel drehte beim Aufsetzen die Sohlen seiner Kunststoffmokassins im Steinsplitt, dass Knirschen und kleine, bleiche Sicheln entstanden: 

»Weißt du, Fred, früher hat man hier alte Tageszeitungen in Streifen geschnitten. Hat Klopapier draus gemacht. Auch meine Eltern haben das damals. Die hat man dann auf ein Brett mit einem Nagel gespießt. Und neben den Donnerbalken damit! Einmal…« 

Fred machte zwei große Sätze nach vorn, äffte Seidels Brummen nach und die KlassenkameradInnen kicherten mit ihm. Dann drehte Fred sich zu Seidel und Frau Störr um, griff nach der Hand des Mädchens neben ihm. Und redete wieder halblaut, während er den anderen etwas in den Vorgärten zeigte, an denen sie vorbeikamen. 

»Einmal…?«, wiederholte Frau Störr. Ihre Stirn strahlte. Darüber hing der brünette Pony in Zwirbeln, von denen sich fast die Schweißtröpfchen lösten, die das Haar bis vor ihre Augenpartie zogen. Sie schmunzelte. 

»Jetzt sag’ schon!« 

Seidel räusperte sich. Öffnete einen weiteren Knopf seines Karohemdes. 

»Also einmal, als wir klein waren. Mein Bruder, der noch kleiner war als ich, war damals erst drei. Der ist auf den Klorand geklettert, weil er nach einer bunten Kernseife wollte.« 

Im ersten Vorgarten, an dem sie vorbeikamen, kniete eine Frau Anfang ihrer Sechziger in Bikini und Arbeitshandschuhen vor ihrem Rasenmäher, den sie auf die Seite gehievt hatte. Sie roch nach frisch gemähtem Gras. 

Achselhaar und Diesel. 

»Dann ist er abgerutscht. Mit dem Kopf auf den Nagel. Genau durch den Gehörgang ist der.« 

Die Frau wickelte Schuppenschlauch und bläuliches Fleisch der totgefahrenen Höllenotter aus den Rotorblättern. Schleuderte die gehäutete Schlange auf den Kompost. 

Frau Störr strich mit dem Handrücken über Seidels Wange. Der Dreitagebart zog feine Kratzer durch ihre Sommersprossen. Sie schreckte zurück, als der Rasenmäher gurgelte, während ihn seine Besitzerin per Seilzug startete und dabei der Schulklasse einen Gruß zunickte. 

»Sowas kannst du doch keinem Schüler erzählen, Friedrich, hör’ mal!« 

»Grad sag’ ich’s ja nur dir…«, antwortete Seidel. 

Die Honigbiene strampelte, stemmte sich mit vier ihrer Beine gegen den Unterarm des Jungen, an dem fingernagelbreite, graue Würstchen vom Abhäuten des ersten Sonnenbrandes klebten. Dann riss sie sich den Stachel samt pulsendem Giftsack aus und flog verendend davon. Den Stachel kratzte Seidel mit dem Bart seines Autoschlüssels ab. Frau Störr strich währenddessen dem Schüler über den Haaransatz hinter den Ohren. Ihr angedeutetes Doppelkinn streifte seinen Seitenscheitel. 

Die Schulleiterin hatte die Klasse für einen Rundgang in der Schauwerkstatt angemeldet. An der Drehbank drechselte eine Frau in verschlissnem Blaumann Räuchermannleiber. Stotternd erklärte sie die Abläufe. Etwa, dass es auch über Motoren und Kurbelwellen betriebene Drehbänke gäbe. Und dass solche Teile heutzutage manchmal in Serie und vollautomatisch gefräst würden. An der Daumenkuppe, die dem rotierenden Holz am nächsten kam, hatte sie einen Fingerhut aus Leukoplast. Born to Bear mit einem Kugelschreiber darauf geschrieben. 

Der Drehmeißel rundete das Holzstück. Von einem zum anderen Ende formte Stahl den butterweichen Ziegel, während sie mit einem Bein in die Pedale trat, als wären es die Schaukelkufen einer Wiege. Späne flogen im Bogen auf das Linoleum und bildeten zuerst Flaumtupfer, dann einen beigen Teppich und später Haufen, die mit einem Gewerbestaubsauger abgesaugt wurden. 

Einige der Kinder beschwerten sich über die Luft in der Schauwerkstatt. 

Manche husteten gekünstelt. Eines rotzte am Rande der dichtgedrängten Gruppe zu Boden. Fred fragte die Drechslerin bescheiden, ob er auch dürfe, wurde abgewiesen, bekam aber das Schaustück, das noch warm war und angesengt roch. 

Frau Störr, die eben noch in der ersten Reihe stand und die SchülerInnen um Aufmerksamkeit bat, trat neben Seidel, der in seiner Hosentasche mit einem Inhalator dallte. Er redete gegen die sonnverbrannten Nacken der Kinder: 

»Kann man sagen was man will: Die harzige Note in der Luft ersetzt das teuerste Deodorant. Was für eine Erlösung es gewesen sein muss, für die Lungen der Bergmänner! Keine verbrauchte Luft voller Tiefquarz mehr, als die Erzadern erschöpft waren und sie hier angefangen haben, ganztags Holzspielwaren zu drehen. Um 1850 hat sich das Bergamt dann aufgelöst. 

Danach Sägewerke, Manufakturen, Heimarbeit und Verlagskapitalismus, bis 1945. Der Miriquidi, der dichte Finsterwald, gab die Ressourcen.« Mit der anderen Hand zupfte er am Pflegeetikett von Frau Störrs Halstuch. »Das Erzgebirge hat sich immer länger zurückgehalten als die große Welt da draußen. Aber weder die Rote Armee, noch später die Scheißwende haben sich drum geschert, wie weit weg man hier von allem war.« Seidel seufzte. 

»Ist irgendwann dann eingeholt worden, das Erzgebirge. Nicht wie beim Wettrennen, eher wie beim Angeln. Sagt man Ins Boot geholt dazu? Ich denke schon…« 

In der Etage, wo die Einzelteile vor dem Zusammenstecken per Hand lackiert werden, klopfte jemand Seidel auf die Schulter. Der fuhr herum und sah einem alten Volleyballkumpane in die Augen. 

»Fritz Seidel, na wenn der mal nicht wirklich vor mir steht!« Er tippte Seidel auf die Brust. »Dabei ist der ja in Berlin bei den Preußen. Zeigt da den kleinen Preußenkindern, wo die Länder liegen, in die sie schon einmarschiert sind und die, in die sie noch reinrocken werden, wenn sie groß sind.« 

Zwischen den Lackdämpfen ein Hauch von Kräuterlikör. Seidel flaute der Magen. Er gab seiner alten Bekanntschaft die Hand. Die hieß Walter, wurde Ecke genannt, selbst bis ins jüngste Familienglied. War mal mit Seidel in einer Grundschulklasse gewesen. Später gingen sie den halben Weg zum Training miteinander. Eckes Service flatterte unberechenbar, vor allem in der Turnhalle. Bei Windstille auch auf Asche. Ecke hielt die Hände, als bäte er um Almosen. 

»Kalkablagerungen in den Pfoten, Fritz. Krieg’ die nicht mehr richtig grade, die Finger. Kann man nur vom Chirurgen aufmachen und die Sehnen mit dem Spachtel abschaben lassen. Aber das zahlt doch keine Kasse mehr in unserm Alter.« 

Einer der Lackierer wies auf die markante Maserung des Fichtenholzes hin, während er, sich selbst unterbrechend im Sprechen, die gelenklosen Nußknackerarme zuerst mit einem breiten Pinsel anstrich und dann ein fleckiges Tuch nahm und die Farbe wieder abrieb, die nicht sofort eingezogen war. Er machte dabei auf die Holzteile kleine Tupfer, mit dem Schweiß, der aus seinen Gummihandschuhen perlte. 

Seidel und Frau Störr hatten sich später aus der Jugendherberge verabschiedet, um Eckes Einladung anzunehmen und mit ihm auf seinem Balkon zu grillen. 

»Extra für die Touristen gebaut, als ich vor Jahren zur Ferienwohnung aufgerüstet hab’«, erklärte Ecke. »Die nutzen den Balkon so gut wie nie. Naja, im Sommer gehen die eben abends in den Biergarten oder glotzen auf ihrem Zimmer Günther Jauch. Denk’ dran, Fritz, wenn du wieder hierherziehst: Lass’ den Scheiß mit Balkon und Terrasse und Wintergarten und Schnickschnack! Sorg’ lieber dafür, dass der Fernseher flach, das Bad von oben bis unten schwarz gekachelt ist und die Küche halb aus Edelstahl und sonst so wenig wie möglich aus Kalk besteht! Mehr interessiert die nicht. Oder zieh’ gleich gar nicht wieder her!« 

Ecke hatte drei Kabeljaufilets mit Basilikum und Zitronengras gewürzt und sie mit Mozzarellascheiben und Babyzwiebeln in Alufolie gewickelt. Er schenkte sich vom trocknen Rotwein nach, den er in den Kühlschrank gestellt hatte. Der deswegen ganz ausgehöhlt Seidels Gaumen passierte. Nur noch mehr Durst machte. 

»Ich weiß, passt nicht viel zusammen hier. Aber das war grad da. Und wenn ich bei dem Wetter nichts Kaltes trinken kann, dann geh’ ich krachen! Hat sich nich’ viel geändert, Fritz.« 

Vom Balkon aus sah man aus dem Tal heraus auf eine Anhöhe: Ein himmelblauer Tellerschlepplift führte in die bewaldete Kuppe. Auf der Straße, die auf Dreiviertel der Höhe zu einem unbewohnten Bauerngut führte, lagen ausgedörrte Erdklumpen. In zwei Spuren, wabenförmig wie die Profile der Landmaschinen, die am Vortag Vieh zum Weiden und danach eine mobile Tränke auf den Hang gebracht hatten. Das Grasmahlen der Zähne, das Tasten der Klauen nach festem Untergrund und der beharrliche Ausfluss des Weidefasses kamen bis an Seidel heran. 

»Ich dachte immer, dein Elternhaus wäre abgebrannt«, sagte Frau Störr, während Ecke ins Haus ging, um nach einer neuen Flasche Wein zu suchen. 

»Ist es auch. Zweitausend. Mein Vater war gestorben, als meine Mutter zu ihrer Schwester gezogen ist. Das Haus stand keinen Monat leer. Da wächst jetzt seit Jahr und Tag nur Löwenzahn, aber spärlich. Und davor ist eine mannshohe Brennnesselinsel, wo der zugeschüttete Gänseteich ist. In den sind mal Abwässer geleitet worden. Da waren im Winter die Abflussrohre zugefroren.« 

»Also kaufst du dir ein Haus?« 

Frau Störrs Zungenrücken war bläulich vom Wein. Sie ließ den Mund spaltbreit offen, als sie nach dem Fisch roch. Ihr Magen knurrte. 

»Natürlich. Bauen würde viel zu lange dauern und wäre mehr Mühe als ich jetzt haben mag", sagte Seidel mit der Nase im Glas. »So ein Bauernhaus wie das da, vielleicht. Zur Ferienpension aufpeppen. Fertig.« 

Eine Kuh, die einen einzigen weißen Fleck auf der Stirn besaß, entleerte ihren Darm. Der Kotfladen pappte sich an die kahlgefressene Weide. Das Kalb neben ihr versuchte es der Mutter nachzutun. Es furzte langgezogen und feucht. Ecke bekam fast einen Lachkrampf, als er im gleichen Moment auf den Balkon trat. Er hielt zwei eingestaubte Weißweinflaschen gegen das Licht, krümmte sich dann nochmals vor Lachen. Sagte gedrungen: 

»Ok, die Melodie ist mir neu… Aber hier: die zwei Hübschen standen noch im Keller. Kurz in den Froster und ab geht er, der Peter!« 

In der Küche fluchte Ecke etwas Unverständliches, weil das Kühlfach verstellt war und er einen Beutel Cordon Bleu in die Spüle werfen musste, um Platz zu schaffen. 

»Du und Pension, Friedrich? Dir steht doch selbst die Schule schon bis hier«, setzte Frau Störr wieder an. 

»Ist doch nur der Finanzierungsplan. Den halt’ ich der Bank hin. Mit dem Kredit mach’ ich mir das Haus fit. Warte drauf, dass du mir ab und an besuchst, wa!? In den Ferien und an den Wochenenden.« 

Frau Störr ging zum Grill und wendete den Fisch, schielte dabei auf Seidel, der angetrunken schien. Er prüfte, ob die Mayonnaisetube vor ihm bereits angebrochen war. 

»Ich bin doch vergeben, Friedrich. Begreif’ das doch!« Mit der Grillzange in der Hand kam sie zurück zum Tisch. »Überhaupt: Was soll das mit dem Kredit? Hast du jetzt vollkommen den Verstand verloren??« 

»Nee, ich will nur mein’ Alterssitz beziehn. Ohne Stau einkaufn fahrn. 

Ein Buch schreibn, vielleicht. Ein’ Gartn habn, und eine dicke Katze, die dich zwingt, sitzenzubleibn, wenn sie auf deinem Schoß liegt. Was schert mich der Kredit, wenn ich ihn einmal hab’?« 

Seidel suchte Frau Störrs Augen, doch die hatte einen Weberknecht entdeckt, der auf dem Knoblauchbrot krabbelte. Sie griff nach ihm, ließ ihn zu Boden fallen und trat ihn tot. Seidel öffnete eine Erdnussflipstüte und hielt sie Frau Störr hin, während er weiterlallte: 

»Solln sich meine Kinder mit rumschlagn. Wenn ich mal nicht mehr bin. Ich mein’, ich kenn’ sie ja eigentlich kaum. Zweieinhalb Jahrzehnte her. 

Überhaupt, was sind schon solche Schulden für mein Alter? Kann doch die Welt wenigstens einmal aus Gnade zu spät komm.« 

Salbe auf die verzweigten OP-Narben in seiner Handinnenfläche verteilend, stand Ecke vor seinen Gästen: 

»Die Flundern sind doch gleich fertig, ihr Flöten! Und ihr mümmelt schon das Flockenzeug. Mag ich eigentlich überhaupt nicht. Aber hat meine Frau gekauft.« Er griff nach der Tüte. »Was soll das eigentlich, dass dieser Fraß in so fester Verpackung verkauft wird!? Gibt’s nichts Wichtigeres? Schaut’s euch an! Mehro reinste Zeltbahnen sind das. Dafür!? Kann uns ja gar nicht so schlecht gehen, wenn ich das so seh’. Wenn ich’n Fritz richtig versteh’, hatter schon recht.« 

Seidel zog etwas Rotz hoch, weil er feuchte Augen bekommen hatte. Er nickte dankbar und hielt seinen Teller Ecke hin, damit sein alter Volleyballkumpan, der Frau Störr mit Augenzwinkern und Knicks um die Grillzange gebeten hatte, Seidel einen dampfenden Fisch geben ließ. 

»Von Krise keine Spur«, sagte Ecke dabei. 

 

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Für Wissen und Fortschritt. Über Western (2)  

Reinhard Jellen 

In: junge Welt online vom 12.12.2015 

Wochenendbeilage 

 

In dem John-Ford-Western »Der Mann der Liberty Valance erschoß« (1962) zieht der junge, idealistische Ostküstenanwalt Ransom Stoddard (James Stewart) in eine verrufene Gegend des Wilden Westens, in der mächtige Viehbarone und von ihnen ausgehaltene Banditen die Bevölkerung in Angst und Schrecken halten. Schon auf der Reise dorthin darf er die Peitsche von Liberty Valance (Lee Marvin), dem schlimmststem aller bösen Wichte, schmecken. Sein Leben rettet ihm der Cowboy Tom Doniphon (John Wayne), der weit und breit der einzige ist, der mit seinem Schießeisen ähnlich flink wie der sadistische Lump umzugehen weiß. Stoddard wird in die Kleinstadt Shinbone gebracht, wo er von einem Restaurantbesitzer, dessen Frau und der Kellnerin Hallie gesund gepflegt wird, wofür er sich revanchiert, indem er in der Küche aushilft und kellnert. Außerdem gründet er eine Schule und bringt der Bevölkerung (auch Hallie) das Lesen bei und impft den Menschen obendrein Staats- und Rechtsbewusstsein ein. Dadurch gewinnt er mehr und mehr das Herz der Kellnerin. 

Nicht von Erfolg gekrönt sind jedoch seine Bestrebungen, Liberty Valance mit dem Gesetzbuch beizukommen. Doniphon ist der einzige, der ihm helfen könnte, ist aber Stoddrad gegenüber reserviert, weil er in Hallie verliebt ist. Er weiß, dass er sie endgültig verlieren wird, falls Stoddard in der Auseinandersetzung gewinnt. 

Beim Showdown sieht es so aus, als hätte der mit Waffen völlig unerfahrene Pazifist den Banditen am Ende erschossen, aber in Wahrheit war es Doniphon, der Valance aus einem Hinterhalt umgenietet hat. In derselben Nacht brennt er seine Farm nieder, auf der er mit Hallie einen Haushalt gründen wollte. Stoddard wird berühmt, weil er der Mann ist, »der Liberty Valance erschoss« und ein mächtiger Politiker. Fünfundzwanzig Jahre später stirbt der vereinsamte Doniphon und der erfolgreiche Stoddard kommt mit seiner Ehefrau Hallie zur Beerdigung. Er erzählt einem Journalisten die wahre Geschichte, und Hallie findet auf Doniphons Farm eine blühende Wüstenrose und pflanzt sie auf sein Grab. Der Journalist zerreißt am Ende mit der Bemerkung seine Notizen, die durchaus die Meinung des Regisseurs wiedergeben könnte : »Hier ist der Westen, Sir. Wenn sich die Wahrheit über die Legende herausstellt, drucken wir trotzdem weiter die Legende.« 

Wir haben es bei diesem Film mit dem einzigartigen Fall zu tun, dass die Theorie der tragischen Kollision bei Hegel mit dessen Konzept der »List der Vernunft« verbunden wird. In den Charakteren von Stoddard und Valance lassen sich die Merkmale zweier unterschiedlicher Gesellschaftssysteme und Epochen erkennen: Während Ersterer für Demokratie, Gleichberechtigung und Zivilisation einsteht, repräsentiert Valance das gewalttätige und vorbürgerliche Amerika (na ja, eigentlich ist er ein korruptes, gewalttätiges Schwein und ein hundsgemeiner Faschist, weswegen ihn auch Doniphon ohne großen Skrupel wegpustet). Es stehen sich also das Neue und das Alte feindlich gegenüber, wobei das Neue mit Notwendigkeit gewinnt, weil es ein rationaleres Modell von Vergesellschaftung repräsentiert. In diesem Konflikt schiebt sich aber Doniphon dazwischen, der zwar politisch auf Seiten von Stoddard steht, aber von seinem Charakter her immer noch mit den Merkmalen der alten Gesellschaft behaftetet ist. Dieser reibt sich in dem gewalttätigen Konflikt an Stelle von Stoddard an dessen Widersacher auf und geht unter, während dieser sich ungestört seiner politischen Mission (und Hallie) widmen kann. 

Allerdings sind auch zwei Abweichungen vom hegelschen List-Schema zu verzeichnen: Nach Hegel hat das welthistorische Individuum, welches die Arbeit der Vernunft verrichtet, dies gar nicht vor, sondern setzt nur seine besonderen Interessen um. Stoddard hat aber keine persönliche Zwecke, er wirkt als blinder Idealist, ganz für die Sache, während Doniphon, der solche Interessen wegen Hallie besitzt, gegen diese im Sinne des Weltgeists handelt. Beide sind also in einem gewissen Sinne entsagende Charaktere, wobei ausgerechnet der, welcher dies gar nicht möchte, am Ende gezwungen ist genau das zu tun. 

Der Film ist hegelsche Geschichtsphilosophie und am Ende haben wir obendrein noch zwei wichtige Dinge gelernt. Erstens: Cowboys müssen einsam sein. Zweitens: In der Liebe ist es nicht selten der Verlierer, der am Ende gewinnt. 

 

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Pol & Pott. Roastbeef-Sandwich  

Ina Bösecke 

In: junge Welt online vom 12.12.2015 

Wochenendbeilage 

 

Sein Mädchen für besondere Fälle« (USA 1940) von Howard Hawks wird diejenigen Männer bestätigen, die fest daran glauben, dass man nicht zu nett zu einer Frau sein sollte. Ausgerechnet der feinmanierliche Cary Grant spielt den zwar charmanten und redegewandten, aber hauptsächlich an sich und seine Arbeit denkenden Redakteur Walter Burns, der seine Ex-Frau Hildy (Rosalind Russell) nicht in die Provinz ziehen lassen möchte, wo sie an der Seite eines freundlichen Gatten (Ralph Bellamy) Kinder zu bekommen gedenkt. »Du bist Journalistin mit Leib und Seele«, suggeriert ihr Burns und liegt damit auch nicht daneben. Tatsächlich liebt Hildy ihre Arbeit an der Schreibmaschine, allerdings sieht sie das Zeitungswesen auch kritisch. 

Zum einen gibt es kaum ein Privatleben. Zum anderen gehen Zeitungsleute für eine besondere Schlagzeile auch über Leichen. Oder sie machen sie aus einer Mücke einen Elefanten, damit es sich besser liest. Hawks lässt die Branche nicht gerade im goldenen Licht erscheinen. 

Eigentlich wollte Hildy nur kurz noch einmal bei der Redaktion vorbeigehen und ihrem geschiedenen Ehemann Lebewohl sagen (und ihm bei dieser Gelegenheit vom neuen Mann erzählen). Der Zug in die Provinz war für den späten Nachmittag geplant. Aber dann schleppt Burns die beiden frisch Verliebten ins nahe gelegene Restaurant (wo sie alle drei ein Roastbeef-Sandwich verspeisen, mit extra Senf) und schlägt ihnen vor, eine Versicherung abzuschließen (Hildys Neuer ist Versicherungsvertreter) und so lange dies dauert, soll Hildy noch ein letztes Mal ein Interview führen und einen Artikel schreiben und zwar über den zur Zeit spektakulärsten Fall der Stadt: Ein Mann hat auf einen Polizisten geschossen und soll dafür gehenkt werden – obwohl er wahrscheinlich nur aus Versehen geschossen hat. Erstaunlich, was in dieser Zeit alles passiert und wie oft die Abreise in die Provinz verschoben wird – bis, das ist ja eh klar, Hildy nicht mehr fahren will. Schöner Film. 

Roastbeef-Sandwich: Eine Gewürzgurke, einen halben, kleine Apfel fein würfeln. Mit 100 g Mayonnaise, zwei EL Joghurt, zwei TL Meerrettich, etwas Salz verrühren. 100 g Salatgurke in dünne Scheiben schneiden. Zwei flache Vollkornbrötchen im Toaster aufbacken, mit der Mayonnaise-Joghurt-Meerrettich-Gewürzgurken-Apfel-Mischung bestreichen. 

Mit 100 g hauchfeinem Roastbeef und ein paar Gurkenscheiben belegen. Mit Kresse bestreut servieren. Lecker ist auch dieser Thai-Salat mit Roastbeef: 300 g gemischten Salat (z. B. Spinat, Rucola, Sprossen) putzen, waschen, abtropfen lassen, in mundgerechte Stücke zerteilen. Für das Dressing zwei rote Chilischoten putzen, entkernen, waschen, fein schneiden. Eine Knoblauchzehe schälen , fein hacken. Chilischoten und Knoblauch mit sechs EL Zitronensaft, sechs EL Olivenöl, ein TL Sesamöl, ein TL Sojasauce, ein TL Fischsauce, ein TL Zucker, ein TL fein geriebener Ingwer verrühren, mit Salz und Pfeffer würzen. 200 g Roastbeef in Streifen schneiden, mit den Salatzutaten vermischen. Salatdressing darüber geben, ebenfalls vermischen. 100 g Cashewkerne in einer Pfanne ohne Fett rösten, grob hacken. Salat damit bestreuen. 

 

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