Wochenendbeilage der jungen Welt

vom 28.11.2015  


  

»Eine offene Euro-Debatte könnte die Gewerkschaften zerreißen«  

Gespräch mit Martin Höpner. Über die Mängel der Gemeinschaftswährung und notwendige Alternativen, über Interessengegensätze in den Gewerkschaften und über mögliche politische Strategien zur Bewältigung der Wirtschaftskrise  

Simon Zeise 

In: junge Welt online vom 28.11.2015 

Wochemendbeilage 

 

 Warum befindet sich die EU in der Krise? Ist der Euro falsch konstruiert worden?  

  Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass man vergessen hätte, dem Euro einen stärkeren EU-Haushalt oder mehr Rechte des EU-Parlaments hinzuzufügen. 

Das Problem ist nicht, dass dem Euro ein entscheidendes Element fehlen würde. Das Problem ist der Euro selbst.  

  Das müssen Sie erklären.  

  Eine Währungsunion kann man ja als Spezialfall eines festen Wechselkursregimes ansehen. Das Instrument der Anpassung steht nicht mehr zur Verfügung, seit die Wechselkurse 1999 unwiderruflich aneinander gebunden wurden. Gibt es nun Inflationsunterschiede, können sie nicht mehr durch Auf- und Abwertungen korrigiert werden. Diese Entscheidung war gewagt und hat sich als schwerer Fehler erwiesen.  

  War die Euro-Konstruktion zu stark an der D-Mark orientiert?  

  Das ist eine interessante Frage. Nein, ich glaube nicht, dass dies das Problem ist. Stellen wir uns vor, man hätte sich stärker an den Inflationsraten orientiert, die es in Südeuropa lange Zeit gab, und der Europäischen Zentralbank damit ein höheres Inflationsziel als die derzeitigen zwei Prozent vorgegeben. Oder stellen wir uns vor, man hätte die EZB weniger nach dem Vorbild der Bundesbank aufgebaut, indem man sie weniger unabhängig gemacht hätte. Dann stünden wir heute vor demselben Problem, das darin besteht, dass wir eine Euro-Zone mit festen Wechselkursen, aber ohne Inflationskonvergenz haben. Daher denke ich auch, dass die Kritik an der Unabhängigkeit der EZB oder an der Verpflichtung auf Preisniveaustabilität zu kurz greift.  

  Es scheint, dass es derzeit eher der politischen Rechten als der Linken gelingt, eine Kritik am Euro zu formulieren. In Frankreich könnte Marine Le Pen 2017 Präsidentin werden …  

  … So ist es. Das ist einigermaßen beängstigend.  

  Wie könnte man den Rechten den Wind aus den Segeln nehmen?  

  Ich plädiere für die Entwicklung einer linken Euro-Kritik. Eine tabufreie Debatte über den Euro müsste auf seiten der deutschen Linken allerdings überhaupt erst einmal eröffnet werden. Ich finde, dass man der Partei Die Linke da ein großes Kompliment machen muss. Sie ist die einzige Organisation, die ich kenne, in der so eine Debatte derzeit ziemlich offen geführt wird. In der SPD: undenkbar. Bei den Grünen: undenkbar. In den Gewerkschaften – aus Gründen, auf die wir vielleicht noch kommen – ebenso. Gleiches gilt für die Stiftungen der genannten Organisationen. Von dieser Kritik möchte ich die Mitbestimmung, das Magazin der Hans-Böckler-Stiftung, fairerweise ausnehmen. Dieses Magazin hat vor einigen Jahren eine kontroverse Debatte über den Europäischen Gerichtshof gestartet, und auch in der Euro-Frage kommen alle Seiten zu Wort. Aber solche Ausnahmen sind selten.  

  Haben Sie keine Sorge, dass Ihre Kritik am Euro als nationalistische Wortmeldung wahrgenommen wird?  

  Nein, denn ich bin ja kein Politiker. Und wenn in der Wissenschaft mit der Nationalismuskeule argumentiert wird, kann ich das nicht ernst nehmen. 

Wenn ich zu der Überzeugung gelange, dass man auf das Instrument der Wechselkursanpassung nicht hätte verzichten sollen, dann macht mich das nicht zum europafeindlichen Zeitgenossen. Den Versuch, solche Debatten zu unterbinden, indem man Mitstreiter zu Nationalisten erklärt, finde ich ausgesprochen irritierend.  

  Wie könnten fortschrittliche Euro-Ausstiegspläne aussehen?  

  Es gibt historische Vorbilder. Einen konkreten Ausstiegsplan habe ich nicht in der Tasche. Aber mir fällt auf, dass sich die Debatte hierüber verändert. Vor einigen Jahren war noch die Meinung vorherrschend, die Umstellung müsse im geheimen vorbereitet und dann in einem großen Wurf über Nacht durchgeführt werden, jenseits einer demokratischen Öffentlichkeit …  

  … Ein Geheimplan, wie ihn der frühere griechische Finanzminister Gianis Varoufakis durchgespielt haben soll …  

  … Genau. Heute scheinen mir hingegen Stimmen zu dominieren, die sich für den langsamen, graduellen Übergang aussprechen. Ein ausstiegswilliges Land könnte eine Parallelwährung zunächst mit begrenzten Funktionen einführen und ihr dann nach und nach neue Aufgaben zuweisen.  

  Und am Ende stehen dann nationale Währungen und flexible Wechselkurse zwischen diesen?  

  Nein, flexible Wechselkurse will ich nicht. Die sind der Traum der neoliberalen Euro-Kritiker. Ich plädiere für eine Wechselkursordnung, die sich an den Parametern des Europäischen Währungssystems, des EWS, orientiert, das wir von 1979 bis 1998 hatten. Dieses System beruhte auf Verpflichtungen der Notenbanken, die Wechselkurse innerhalb definierter Bandbreiten zu halten, ließ aber Neuverhandlungen zu, wenn die Inflationsunterschiede zu groß wurden. Die Möglichkeit solcher Anpassungen würde man sich heute wünschen, aber der Euro versperrt sie.  

  Sie wollen also einen Schritt zurück machen?  

  Angesichts der großen Probleme der Euro-Zone wäre das ein Schritt nach vorn, nicht zurück. Transnationale wirtschaftliche Ungleichgewichte in dem Ausmaß, wie sie heute herrschen, blieben den EWS-Teilnehmern erspart. 

Übrigens war das EWS nie ganz weg, denn es existiert noch heute ein sogenannter Wechselkursmechanismus II. An ihm nimmt derzeit aber nur Dänemark teil. Dieser Wechselkursmechanismus könnte reaktiviert und weiterentwickelt werden. Austretende Euro-Länder könnten an ihm teilnehmen, und er könnte auch ein Integrationsangebot an Staaten sein, die dem Euro absehbar nicht beitreten wollen, zum Beispiel Polen.  

  Kommen wir auf die Gewerkschaften zu sprechen. Der Leiter des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, IMK, Gustav Horn, hatte im August die Linke-Bundestagsabgeordnete Sahra Wagenknecht als »Sozialnationalistin« bezeichnet, weil sie einen Euro-Austritt ins Spiel gebracht hatte.  

  Ja, da war ich erschüttert. So ein Vorwurf bewegt sich jenseits der Diskursethik, wenn ich so sagen darf. Wir sollten uns gegenseitig zuhören, unsere Sichtweisen sachlich austauschen und die Kraft des besseren Arguments entscheiden lassen. Ich finde solche Etikettierungen von einem hochgeschätzten Kollegen bedauerlich.  

  Es scheint Horn aber ins Mark getroffen zu haben, sonst hätte er nicht derart reagiert.  

  Da haben Sie völlig recht. Seine Überreaktion zeigt, wie schwierig das Thema für die Gewerkschaften und daher auch für die ihnen nahestehenden Forschungsinstitute ist. Würde in den Gewerkschaften eine kontroverse Euro-Debatte eröffnet und würde sich dabei ein Euro-kritischer Pol herauskristallisieren, dann könnte sie das geradezu zerreißen. Die Positionen würden sich unvereinbar gegenüberstehen. Denn für die Exportgewerkschaften IG Metall und IG BCE bedeutet der Euro, dass Deutschland in einer effektiven Unterbewertungskonstellation verharren kann. Das kommt dem Exportsektor zugute und verlangsamt die Deindustrialisierung. Hier haben wir also ein nacktes ökonomisches Interesse. Allgemein kann man sagen, dass das deutsche Exportregime mit seinem Antiinflationskonsens nicht nur praktisch alle Parteien, sondern auch die Arbeitgeber und Gewerkschaften umfasst. Und wenn sich bei letzteren eine kritischere Haltung zum Euro entwickeln sollte, dann werden ihre Träger gewiss nicht die Exportgewerkschaften sein, sondern eher die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Denn dem Binnensektor fehlt das unmittelbare Interesse an der Unterbewertungskonstellation.  

  Im Gegensatz zum Industriearbeiter im Exportsektor, dessen Arbeitsplatz sicherer geworden sein mag, hat die Einzelhandelsverkäuferin unter dem deutschen Lohndumping gelitten. Werden dadurch Kräfteverhältnisse innerhalb der Arbeiterklasse verschoben?  

  Das ist ein interessanter Punkt. Marxistisch geschulte Mitstreiterinnen und Mitstreiter betonen die Interessengegensätze zwischen sozialen Klassen. Ich habe da auch keine Einwände. Aber sektorale Konfliktlinien sind genauso fundamental und wirkungsmächtig wie die Konfliktlinien zwischen den Klassen. Die deutsche Lohnentwicklung blieb während der ersten zehn Jahre nach der Einführung des Euros hinter den Lohnsteigerungen der Nachbarn zurück. Geben die Unternehmen die Nominallohnzurückhaltung vollständig in Form sinkender Preise an die Verbraucher zurück, dann sinkt die Binnennachfrage nicht. Aber das geschah nicht in Gänze. Ein Teil des vergleichsweise geringen Lohndrucks ging in die Preise und bewirkte Disinflationierung gegenüber den Nachbarn, das war gut für den Exportsektor und begünstigte die Entstehung und Persistenz der mittlerweile exorbitanten Leistungsbilanzüberschüsse. Der andere Teil der Nominallohnzurückhaltung blieb gewissermaßen in der Lohnquote hängen und bewirkte eine unterentwickelte Binnennachfrage. Das war schlecht für den Dienstleistungssektor. Es gab also unterschiedliche Sichtweisen auf die makroökonomische Konstellation, je nachdem, ob man dem Exportsektor oder dem Binnensektor angehörte. So etwas könnte man als sektoralen Interessengegensatz bezeichnen.  

  Aber die Euro-Krise geht doch auch an den sogenannten Exportgewerkschaften nicht spurlos vorbei. In Südeuropa werden weniger deutsche Waren gekauft, weil die Länder seit Jahren nicht auf die Beine kommen. Darunter leiden wiederum die Mitglieder der IG Metall. Müsste man den Euro dort nicht ebenfalls kritischer sehen?  

  Ich nehme davon nichts wahr. Sie etwa?  

  Die Euro-Krise ließe sich entspannen, wenn es in Deutschland eine Serie kräftiger Lohnsteigerungen und mehr Inflation gäbe. Das müsste doch auch für die IG Metall attraktiv sein.  

  Einspruch! Denn die IG Metall müsste das ja ihrer Basis vermitteln, darunter den mächtigen Betriebsräten in den Großunternehmen. Überlegen Sie mal, was das bedeuten würde: Die müssten akzeptieren, dass die Tarifpolitik auf das Ziel verpflichtet wird, die preislichen Wettbewerbsvorteile ihres Sektors zu reduzieren, um den Exportsektor wieder auf Normalmaß zu schrumpfen. Nein, das ist zu viel verlangt. Die Betriebsräte würden da nicht mitmachen, sie würden die Lohnsteigerungen im Rahmen unternehmensbezogener Pakte gegen Arbeitsplatzsicherheit tauschen. Ich habe wache Erinnerungen an den gescheiterten Streik zur Durchsetzung der 35-Stunden-Woche im Osten, im Jahr 2003 war das. Die Betriebsräte im Westen konnten damit nichts anfangen, und die Solidarität sackte in sich zusammen, sobald deren Unternehmen betroffen waren. Das war meiner Wahrnehmung nach das letzte Mal, dass die IG Metall versuchte, Tarifpolitik gegen die Interessen der starken Betriebsräte zu führen.  

  Aber dass wir uns hier nicht falsch verstehen: Ich will das gar nicht kritisieren. Die machen ihren Job, der nun mal darin besteht, die Arbeitsplätze der Kolleginnen und Kollegen zu schützen. Ich will nur darauf aufmerksam machen, dass es Ideen zur Rettung des Euro gibt, die die Rechnung ohne diejenigen machen, auf die die Tarifpolitik nun einmal angewiesen ist. Man kann die Tarifpolitik nicht für alle nur möglichen Zwecke vereinnahmen. Und wenn der Euro nur so zu retten ist, dann liegt der Fehler dort, beim Euro selbst, nicht bei der Tarifpolitik oder den Kolleginnen und Kollegen in den Unternehmen.  

  Angesichts des Kurses der Europäischen Union macht sich Ernüchterung breit. Wer könnte das Ruder Ihrer Ansicht nach herumreißen? Sie hoffen auf ver.di und Die Linke?  

  Bitte erlauben Sie mir, dass ich diese Frage umschiffe. Bevor man überlegt, wie und mit wem man ein Programm umsetzt, braucht man ja erst einmal das Programm. Von dem sind die fortschrittlichen Kräfte in Deutschland aber noch weit entfernt. Ein erster Schritt wäre, dass man aufhört, die Europäische Union und den Euro vor Kritik abzuschirmen. 

Aufhört, sie zu sakralisieren, wie Peter Wahl neulich in den Blättern für deutsche und internationale Politik treffend schrieb. In manchen Bereichen würden wir uns gewiss ein aktiveres Europa wünschen, aus anderen, wie etwa der Tarifautonomie, sollte sich Europa hingegen mehr heraushalten.  

  Wie greifen die Kommission in Brüssel und der EuGH in Luxemburg in die Tarifautonomie ein?  

  Seit 2007 hat der EuGH begonnen, seine Rechtsprechung zu den Binnenmarktfreiheiten auf Tarifverträge und Streikmaßnahmen auszudehnen. 

Das waren die berühmten Urteile zu Viking¹ und Laval, mittlerweile handelt es sich um eine gefestigte Linie der Rechtsprechung. Die Tarifautonomie wird damit zur potentiellen Binnenmarktstörung. Das ist inakzeptabel. Ähnliche Probleme finden wir im europäischen Wettbewerbsrecht vor, das auf immer neue öffentliche Sektoren ausgedehnt wird. Hier muss das Europarecht mit Stoppschildern versehen werden. All diese Probleme müssten zu Gegenständen der europapolitischen Programme fortschrittlicher Kräfte werden. Wer seinen Finger hier in die Wunden legt, ist weder Nationalist noch Antieuropäer. Derzeit befindet sich die EU inmitten einer von Großbritannien angestoßenen Reformdebatte. In diese Debatte müssten auch die Probleme eingespeist werden, die sich aus den europäischen Angriffen auf die Tarifautonomie ergeben. Wenn ich als unabhängiger Wissenschaftler dazu beitragen kann, diese Debatten zu führen, dann freut mich das.  

  Könnte die Forderung nach einem europäischen Mindestlohn Teil eines fortschrittlichen europapolitischen Programms sein?  

  Ich bin sehr dafür, die Kämpfe für anständige Löhne, insbesondere am unteren Ende der Einkommen, effektiv europäisch zu koordinieren. Von der Forderung nach einer europäischen Mindestlohnrichtlinie würde ich derzeit aber abraten. Man muss sehen, dass die skandinavischen Gewerkschaften gesetzlich verordnete Mindestlöhne nicht wollen, weil sie ein anderes Tarifmodell haben. Vor allem aber ist es ein Problem, dass man der Kommission zuerst einmal eine Kompetenz zur Vorlage von Richtlinien- und Verordnungsvorschlägen in Lohnfragen geben müsste. Derzeit ist europäische Gesetzgebung in Lohnfragen durch das europäische Primärrecht kategorisch ausgeschlossen. Was würde die Kommission mit einer Gesetzgebungskompetenz in Tariffragen anfangen? Sie hat es mit ihrem Verordnungsvorschlag mit dem Namen Monti II vorgeführt. Mit diesem Vorschlag wollte sie die EuGH-Rechtsprechung zu Viking und Laval gesetzlich kodifizieren und zudem ein europäisches Überwachungssystem für Streikmaßnahmen mit transnationalen Auswirkungen einführen. So lange die Kommission in der Tarifautonomie nichts anderes erkennt als eine potentielle Binnenmarktstörung, sollte man sie hier nicht mit neuen Kompetenzen ve rsorgen – das wäre ein Eigentor.  

  ¹ Das finnische Fährunternehmen Viking, dessen Schiffe von Helsinki nach Tallin fahren, wollte statt der heimischen lieber niedrigere estnische Löhne bezahlen. Der EuGH wertete Streikmaßnahmen gegen die Pläne als unzulässigen Eingriff in die Marktfreiheiten. Das lettische Bauunternehmen Laval wollte eine Schule in Schweden renovieren und dafür lettische Bauarbeiter beschäftigen. Schwedische Gewerkschafter blockierten die Baustelle, um zu erzwingen, dass Laval Löhne auf dem schwedischen Niveau zahle. Der Europäische Gerichtshof entschied Ende 2007, dass die Boykottmaßnahmen gegen die EU-Entsenderichtlinie verstießen.  

 

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Krieg für den nächsten Krieg  

Im Dezember 1915 diskutierte die Gruppe »Internationale« den Entwurf Rosa Luxemburgs zu den Junius-Thesen (Teil I) 

In: junge Welt online vom 28.11.2015 

Wochemendbeilage 

 

 Seit dem 18. Februar 1915 war Rosa Luxemburg im »Berliner Weibergefängnis« für ein Jahr inhaftiert. Sie schrieb dort im Frühjahr 1915 eine Broschüre über »Die Krise der Sozialdemokratie«, die 1916 unter dem Pseudonym »Junius« erschien. Außerdem verfasste sie einen Entwurf zu Thesen, die auf der Konferenz der Gruppe »Internationale« in der SPD Anfang 1916 gebilligt und nach redaktioneller Bearbeitung als »Leitsätze über die Aufgaben der internationalen Sozialdemokratie« u.a. als Flugblatt und als Anhang zur »Junius-Broschüre« illegal im deutschen Kaiserreich verbreitet wurden. Im Dezember 1915 fand die vorbereitende Diskussion über diese Thesen in der Gruppe »Internationale« statt. Sie war aus einer Zusammenkunft von SPD-Mitgliedern, die gegen die Zustimmung zu den Kriegskrediten durch die SPD-Reichstagsfraktion waren, am 4. August 1914 in der Wohnung Rosa Luxemburgs hervorgegangen.  

  1. Der Weltkrieg hat die Resultate der vierzigjährigen Arbeit des europäischen Sozialismus zunichte gemacht, indem er die Bedeutung der revolutionären Arbeiterklasse als eines politischen Machtfaktors und das moralische Prestige des Sozialismus vernichtet, die proletarische Internationale gesprengt, ihre Sektionen zum Brudermord gegeneinander geführt und die Wünsche und Hoffnungen der Volksmassen in den wichtigsten Ländern der kapitalistischen Entwicklung an das Schiff des Imperialismus gekettet hat.  

  2. Durch die Zustimmung zu den Kriegskrediten und die Proklamierung des Burgfriedens haben die offiziellen Führer der sozialistischen Parteien in Deutschland, Frankreich und England dem Imperialismus den Rücken gestärkt, die Volksmassen zum geduldigen Ertragen des Elends und der Schrecken des Krieges veranlaßt und so zur zügellosen Entfesselung der imperialistischen Furien, zur Verlängerung des Massenmordes und zur Vermehrung seiner Opfer beigetragen, die Verantwortung für den Krieg und seine Folgen mit übernommen.  

  3. Diese Taktik der offiziellen Parteiinstanzen der kriegführenden Länder, in allererster Linie in Deutschland, dem bisherigen führenden Lande innerhalb der Internationale, bedeutet einen Verrat an den elementarsten Grundsätzen des internationalen Sozialismus, an den Lebensinteressen der Volksmassen, an den freiheitlichen und demokratischen Interessen ihrer Länder. Dadurch ist die sozialistische Politik auch in jenen Ländern zur Ohnmacht verurteilt worden, wo die Parteiführer ihren Pflichten treu geblieben sind: in Russland, Serbien und Italien.  

  4. Indem die internationale Sozialdemokratie der führenden Länder den Klassenkampf im Kriege preisgegeben und ihn auf die Zeit nach dem Kriege, auf die Zeit des Friedens verschoben, hat sie dem Feind: den herrschenden Klassen, in allen Ländern Frist gewährt, um seine Positionen auf Kosten des Proletariats wirtschaftlich, politisch und moralisch ungeheuer zu stärken.  

  5. Der Weltkrieg dient weder der nationalen Verteidigung noch den wirtschaftlichen oder politischen Interessen irgendwelcher Volksmassen, er ist lediglich eine Ausgeburt imperialistischer Rivalitäten zwischen den kapitalistischen Klassen verschiedener Länder um die Weltherrschaft und das Monopol in der Aussaugung und Auspowerung der letzten Reste der noch nicht vom Kapital beherrschten Welt. In der Ära dieses entfesselten Imperialismus kann es keine nationalen Kriege mehr geben. Die nationalen Interessen dienen nur als Düpierungsmittel, um die arbeitenden Volksmassen ihrem Todfeind, dem Imperialismus, dienstbar zu machen.  

  6. Aus der Politik der imperialistischen Staaten und aus dem imperialistischen Kriege kann für keine unterdrückte Nation Freiheit und Unabhängigkeit hervorsprießen. Die kleinen Nationen sind nur Schachfiguren in dem imperialistischen Spiel der Großmächte und werden, ebenso wie die arbeitenden Volksmassen aller beteiligten Länder, während des Krieges als Werkzeug mißbraucht, um nach dem Kriege auf dem Altar der kapitalistischen Interessen geopfert zu werden.  

  7. Der heutige Weltkrieg bedeutet unter diesen Umständen bei jeder Niederlage und bei jedem Siege eine Niederlage des Sozialismus und der Demokratie. Er führt bei jedem Ausgang – ausgenommen die revolutionäre Intervention des internationalen Proletariats – nur zur Stärkung des Militarismus und Marinismus, der imperialistischen Appetite, der internationalen Gegensätze, der weltwirtschaftlichen Rivalitäten und der Reaktion im Innern (der Agrarier, der Scharfmacher, der Kartellindustrie, des Klerikalismus, des Chauvinismus, des Monarchismus) und umgekehrt zur Schwächung der öffentlichen Kontrolle, der Opposition sowie zur Herabdrückung der Parlamente zu gehorsamen Werkzeugen des Militarismus in allen Ländern. Der heutige Weltkrieg arbeitet so letzten Endes nur auf einen erneuten Ausbruch des Krieges nach kürzerer oder längerer Friedenspause hin.  

 

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Schwarzer Kanal: Gewolltes Desaster  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 28.11.2015 

Wochemendbeilage 

 

 Die in dieser Woche beschlossene deutsche Teilnahme an zwei Feldzügen von Konquistadoren, an den abenteuerlichen Eroberungskriegen in Mali und in Syrien, garnieren Bundesregierung und Leitmedien mit dem Prädikat »Krieg gegen den Terror«. In Westafrika geht es u.a. um das Weiterlaufen der französischen Atomkraftwerke, die ohne Uran aus Niger nicht betrieben werden können. Der koloniale Zweck der Rommel-Nachfolgetruppe ist so offensichtlich, dass die sogenannten Leitmedien den Einsatzbeschluss kaum thematisieren.  

  Anders bei Syrien, da »helfen« die Attentate der vergangenen Wochen. 

Generell hieß die Parole am Freitag: »Tornados über Syrien« (FAZ) müssen sein. FAZ-Herausgeber Berthold Kohler schrieb dazu: »Diese Maschinen werden es, so der Bundestag zustimmt, den Luftwaffen Frankreichs und der anderen Verbündeten erleichtern, den ›Islamischen Staat‹ (IS) zu bekämpfen.« Das ist amüsant angesichts der Tatsache, dass in fast eineinhalb Jahren angeblichen Bekämpfens des IS durch die neueste »Allianz der Willigen« der Massenmordbande wenig passiert ist. Da war die russische Luftwaffe effektiver. Deswegen wird sie von diesem Bündnis medial und nun auch militärisch – siehe der Abschuss eines russischen Kampfflugzeuges – bekämpft. Laut Kohler ist der deutsche Teilnahmebeschluss »unausweichlich«, nachdem man einmal festgestellt hat, dass die Anschläge von Paris »uns allen galten und dass der IS mit militärischen Mitteln bekämpft werden muss«. Ein zweiter schlechter Witz. Krieg ist nicht wegen Rhetorik unausweichlich, sondern weil er beschlossen wird – aus Interessen heraus und mit Zielen. Bei Kriegen, die Kohler publizistisch betreut, heißt das dann: »Dem islamistischen Terror müssen die Demokratien des Westens geschlossen und mit aller Macht begegnen, da sie tatsächlich alle von ihm bedroht werden – und nicht nur sie.« Nun haben die Demokratien des Westens und ihre Verbündeten geschlossen und mit aller Macht den IS und andere Blutsäufertruppen aufgebaut. Er erhält reichlich Waffen und Geld für seine geschätzt weit über 100.000 Kämpfer aus befreundeten Staaten der Region und sonstwoher. 

Wer ihm diesen Sauerstoff entziehen will, wie Russland, der wird als Verfolger »gemäßigter« Dschihadisten namhaft gemacht und per Flugzeug- plus Hubschrauberabschuss auf die andere Seite der Front verwiesen.  

  Darin besteht die »Geschlossenheit« des Westens, die Kohler verlangt. 

Sie ist längst da, basierend auf der Entschlossenheit, in Damaskus einen Regime-Change herbeizuführen, und aufgrund der Feindschaft gegenüber Moskau. Da der westliche Interventionskrieg in Syrien seit 2011 aber unerklärt geführt wird, darf das in der FAZ nicht gesagt werden. Oder nur in kryptischen Kohlerschen Formulierungen: »Doch mangelt es den vielen Kriegsparteien nach wie vor an Einigkeit, zu welchem Zweck die massierte Militärmacht eingesetzt werden soll.« Die faktische Auseinandersetzung zwischen IS-Helfer Türkei und IS-Bekämpfer Russland nennt Kohler »Lufthahnenkämpfe«. In die würden die deutschen Tornados nicht geschickt. Aber wohin sonst? In Syrien geht es nicht um eine »Kriegserklärung des IS« (Kohler), sondern darum, dass nun deutsche Einheiten in eine Kriegslage geschickt werden, in der eine Konfrontation mit Russland am Dienstag bewusst herbeigeführt wurde. Ähnliches wird sich wiederholen, nämlich in dem Maß, in dem russische Luftwaffe und syrische Armee Boden gewinnen. Das Ziel des deutschen militärischen Einsatzes – ohne UN-Mandat und unter Missachtung der Souveränität Syriens – ist das gleiche wie das des westlichen Interventionskrieges: Regime-Change in Damaskus und Konfrontation mit Moskau, feindliche Berührung mit russischem Militär eingeschlossen. Das syrische Abenteuer soll ins Desaster führen. 

Ein Kohler ist da zu Recht begeistert.  

 

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Gestrandet in der Wüste  

Vom Westen abgewälztes Problem: Im tunesisch-libyschen Grenzgebiet warten etliche Kriegsflüchtlinge noch immer auf einen sicheren Bleibeort  

Florian Möllendorf, Tunis 

In: junge Welt online vom 28.11.2015 

Wochemendbeilage 

 

Schweigend raucht Bright eine Zigarette, lässt seine müden Augen durch den Raum wandern. Der 32jährige sitzt in der ehemaligen Cafeteria des Choucha-Lagers im Grenzgebiet zwischen Tunesien und Libyen. Ein Tresen und eine verstaubte Auslage aus Glas erinnern noch daran, dass in dem zerschlissenen Zelt einmal Tee, Kaffee und Snacks angeboten wurden. Aus einem Fernseher schallt ohrenbetäubender Lärm. Ein paar Männer sitzen auf Plastikstühlen um das Gerät herum. Teilnahmslos starren sie auf den Bildschirm. Auf einem Plastiktisch liegen Taschenlampen, Mobiltelefone und Rasierapparate. Fette Käfer krabbeln über den Sandboden. Es ist drückend heiß. »Schon viele Journalisten haben da gesessen, wo du gerade sitzt. 

Doch passiert ist bislang nichts. Nach viereinhalb Jahren leben wir noch immer in der Wüste«, sagt Bright schließlich resigniert. Dann verstummt er wieder. Der Nigerianer ist der Vertreter von »Voice of Choucha«, einer Gruppe von sechzig Flüchtlingen, die für ihre Aufnahme in einem sicheren Drittstaat kämpfen. Sie stammen aus Liberia, Nigeria, Ägypten, dem Sudan, Ghana, Kenia, dem Tschad, Somalia und der Elfenbeinküste. Menschen mit anerkanntem UNHCR-Flüchtlingsstatus und »Abgelehnte«. Als »Choucha« vor über zwei Jahren offiziell geschlossen wurde, blieben die Männer in der Wüste zurück. 

Rückblick: Auf einem Stützpunkt der tunesischen Nationalgarde eröffnete der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge (UNHCR) im Februar 2011 ein Zeltlager für Kriegsflüchtlinge aus Libyen. Nach Angaben des UN-Hilfswerks flohen allein in den ersten Wochen nach Beginn der Bombardierung des nordafrikanischen Landes durch Frankreich, Großbritannien und die USA über eine halbe Million Menschen in das kleine Nachbarland. Zehntausende Schutzsuchende, ethnisch vor allem aus Ländern südlich der Sahara, fanden zunächst in mehreren Auffanglagern entlang der Grenze Zuflucht. Viele Tunesier in der Region nahmen arabische Geflüchtete in ihren Wohnungen auf und unterstützten die Menschen in den Lagern mit Wasser und Lebensmitteln. 

Behandelt wie TiereIn den notdürftig errichteten Wüstencamps herrschten katastrophale Zustände. Weder gab es ausreichend Trinkwasser und Nahrungsmittel, noch wurden die Menschen angemessen medizinisch versorgt. 

Aufgrund mangelnder Hygiene grassierten Hautkrankheiten und Durchfall. 

»Das Schlimmste war die Ungewissheit. Monatelang mussten wir wie die Tiere zusammengepfercht leben, und niemand erklärte uns, was als nächstes passieren wird«, erinnert sich Bright. »Anfangs mussten wir sogar dafür kämpfen, überhaupt registriert zu werden. Sie wollten nur Somalis und Eritreer namentlich erfassen«, erklärt Bright. Zwar erzwangen Tausende Menschen mit Sitzstreiks vor dem Büro der Lagerverwaltung schließlich ihre Teilnahme am Verfahren zur Flüchtlingsanerkennung. Doch die Bearbeitung der Asylanträge zog sich in vielen Fällen über Jahre hin. 

Bright glaubt, dass die Durchführung von Asylverfahren bewusst verschleppt wurde. »Wir sollten ausgehungert werden, damit wir das Lager freiwillig verlassen«. Bereits wenige Wochen nach Eröffnung des Camps hätten sich täglich fünf bis zehn Menschen wieder auf den Weg Richtung libysche Grenze gemacht. »Denjenigen, die aus angeblich sicheren Herkunftsländern stammten, wurde von Anfang an deutlich gemacht, dass sie keine Chance auf Asyl hätten. Sie sagten: ›Es ist besser, wenn ihr der Rückführung in eure Heimat sofort zustimmt. Wenn wir erst mal weg sind, wird sich die Armee um euch kümmern‹«, so Bright weiter. Die Drohungen wirkten, denn von Beginn an waren Flüchtlinge im Choucha-Lager gewaltsamen Übergriffen durch Angehörige der Nationalgarde ausgesetzt. In dieser »Atmosphäre der Angst« entluden sich auch Spannungen zwischen verschiedenen Flüchtlingsgruppen. Am 21. Mai 2011 starben bei einem Brand im Camp vier Eritreer. Um auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam zu machen, besetzten Hunderte Flüchtlinge am folgenden Tag die Fernstraße N1, die den Grenzort Ras Dschadir mit der 35 Kilometer weiter westlich gelegenen Kleinstadt Ben Guerdane verbindet. Einem Großteil der Bevölkerung in den südöstlichen Grenzregionen Tunesiens sichert der Handel und (vor allem) Schmuggel mit Waren, die über Libyen ins Land gelangen, den Lebensunterhalt. In Ben Guerdane und Umgebung rotteten sich daraufhin Banden zusammen, um die Blockade gewaltsam zu beenden. 

»Niemals werde ich diesen Tag vergessen«, sagt Omran, ein hagerer Mittfünfziger mit schneeweißem Kinnbart. »Ich stand nicht weit von der Straße entfernt, als ich eine große Gruppe von Jugendlichen beobachtete, die aus Richtung Ben Guerdane auf die Blockade zumarschierten. Drei-, vierhundert Mann vielleicht. Vor den Protestierenden hatten sich etliche Soldaten postiert. Als die Menge die Blockade erreicht hatte, wichen die Sicherheitskräfte beiseite. Dann viel die Meute über die wehrlosen Menschen auf der Straße her. Plötzlich hörte ich Schüsse krachen. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass Soldaten damit begonnen hatten, auf die Protestierenden zu schießen. Es gab Tote und Verletzte, Panik brach aus. Auf einige Menschen feuerten sie aus nächster Nähe. Nachdem die Armee ihnen den Weg ins Camp geebnet hatte, zogen junge Männer von Zelt zu Zelt und nahmen alles mit, was von Wert war. Anschließend brannten sie etliche Unterkünfte nieder und prügelten auf die fliehenden Bewohner ein. Mindestens zwei Menschen wurden erschlagen.« Wie viele Menschen an diesem 22. Mai im Choucha-Lager ums Leben kamen, ist unklar. In verschiedenen Berichten schwanken die Zahlen der Opfer zwischen sechs und acht. »Viele von Kugeln Getroffene wurden umgehend auf die Ladeflächen von Jeeps geworfen und abtransportiert«, erklärt Bright. Noch Tage später seien in der Wüste Leichen gefunden worden. Der Lagerverwaltung habe er mitgeteilt, dass vierzehn ihm bekannte Personen festgenommen worden und spurlos verschwunden seien. Eine Auskunft über ihren Verbleib habe er nie bekommen. »Die Gewalt begann, nachdem mehrere Eritreer Papiere bekommen hatten, mit denen sie möglicherweise in den USA oder Europa Asyl erhalten. Daraufhin zündeten andere Camp-Bewohner deren Zelte an, vier Männer starben in den Flammen. Mehrere hundert Flüchtlinge zogen vor das UNHCR-Büro, das am Rande des Lagers liegt. ›Ban Ki Moon, rette uns‹, forderten sie und blockierten die Straße zur libyschen Grenze. Das provozierte die Einwohner von Ben Guerdane. Das Militär griff ein, mindestens zwei weitere Menschen starben«, fasste das UNHCR die Ereignisse knapp zusammen. Für Bright trifft das UN-Flüchtlingshilfswerk eine erhebliche Mitschuld an den Ereignissen: »Die Auslese in ›wirkliche‹ und ›falsche‹ Flüchtlinge, die vom UNHCR von Anfang an betrieben wurde, trug maßgeblich zur Entstehung und Verschärfung von Konflikten innerhalb des Lagers bei«, so Bright. Unter dem Eindruck der blutigen Gewalt verließen Tausende Menschen das Lager Richtung libysche Grenze. 

Hungerstreiks und ProtestIm Februar 2013 saßen noch immer rund tausend Menschen in der Wüste fest. Über zweihundert Flüchtlinge, deren Asylgesuche abgelehnt waren, wurden schon Wochen zuvor von den übrigen Geflüchteten separiert. Die in »Sektion E« Internierten erhielten weder Wasser noch Nahrungsmittel. Gegen die Pläne des UNHCR, das Lager zu schließen – ohne dass alle vor Krieg und Verfolgung Geflüchteten umgesiedelt werden – organisierten die Flüchtlinge Widerstand. Nach wochenlangen Hungerstreiks und Protesten Hunderter vor der Vertretung des UN-Flüchtlingshilfswerks in Tunis, gestattete die Lagerverwaltung schließlich weiteren Asylsuchenden die Weiterreise nach Europa. Eine Überprüfung der abgelehnten Asylgesuche lehnte das UNHCR hingegen ab. 

Insgesamt wurden lediglich dreitausend Menschen über ein Aufnahmeprogramm in europäische und nordamerikanische Staaten umgesiedelt. Nach langem Hin und Her durften schließlich auch knapp zweihundert Schutzsuchende ein Flugzeug Richtung BRD besteigen. Anerkannte Flüchtlinge, die aus verschiedenen Gründen keinen Platz beim sogenannten Resettlement bekommen haben, wurden in ein Integrationsprogramm vor Ort gesteckt. Alle »Abgewiesenen« sollten in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Am 30. 

Juni 2013 wurde »Choucha« offiziell geschlossen. Bulldozer walzten einen Großteil der Zelte nieder. Latrinen, Duschen und die Wasseraufbereitungsanlage wurden abmontiert, die Stromversorgung gekappt. 

Von der riesigen Zeltstadt, in der sich zeitweise über 20.000 Menschen drängten, ist nicht mehr viel übrig. Ein paar Dutzend Zelte liegen noch weit verstreut in Senken und auf flachen Hügelspitzen. Überall ragen Verpackungsreste, Plastikflaschen, alte Kleidungsstücke aus dem Wüstensand. In »Choucha« fehlt es am Notwendigsten: Fließendes Wasser gibt es nicht. Nur das »Café« und die Moschee des Lagers, die in einem geräumigen Zelt unweit der Kaserne untergebracht ist, werden mit Strom versorgt. Das Leben hier hat bei den Männern, die seit Jahren in der Wüste festsitzen, tiefe Spuren hinterlassen. Sie wirken müde und ausgezehrt. Man blickt in misstrauische, abgehärmte Gesichter; die Augen glanzlos und eingefallen. Auf Fragen reagieren viele von ihnen ablehnend, manche gar aggressiv. »Warum hat man uns vor dem Krieg in Libyen gerettet? Um uns an diesem verdammten Ort zu Grunde gehen zu lassen«, fragt ein Mann wütend. Er ballt die Fäuste und schlägt mit der rechten Hand kraftvoll auf den Tisch. Verlegene, fast entschuldigende Blicke. »Immerhin«, seine Stimme klingt plötzlich ganz ruhig. »Sie lassen uns die Wahl: Entweder ertrinken wir im Meer oder verdursten in dieser Wüste.« In ihre Heimatländer können die Männer nicht zurückkehren, weil sie dort politisch verfolgt werden. In Tunesien existiert keine Gesetzgebung zum Asylrecht und keinerlei System der Betreuung. Die Männer in Choucha erzählen von Beschimpfungen beim Einkauf auf dem Markt, behördlichen Schikanen, unbezahlten Löhnen bei der Arbeit in Fabriken und der Landwirtschaft, Gewalt und Erniedrigungen auf Polizeistationen. »Das Land ist einfach nicht darauf vorbereitet, uns dauerhaft aufzunehmen. Ich weiß, dass schon viele Flüchtlinge hier leben und Tunesien eigene Probleme hat«, so Kingsley weiter. Der Westen habe die Pflicht, den Menschen in Choucha zu helfen. »Wir sind hier, weil die NATO Libyen bombardiert hat. 

Als Kriegsflüchtlinge haben wir das Recht auf Schutz. Doch anstatt Verantwortung zu übernehmen, wälzt die EU das von ihr mitproduzierte Problem auf Tunesien ab«, empört sich der 28jährige. 

Kadil sitzt auf seinem Bett in einer Ecke des Cafés. Nervös pult er kleine Schaumstoffstücken aus einem Loch in der Matratze. Seine zwei Quadratmeter große Privatsphäre schützt er mit einem dünnen Vorhang. 

»Wohin soll ich denn zurückkehren? Nach Ghana? Unmöglich, meine Familie wird dort politisch verfolgt. Nachdem zwei Onkel von mir ermordet wurden, war ich gezwungen, meine Heimat zu verlassen«, berichtet der 32jährige. 

Neun Jahre schuftete der Ghanaer auf Baustellen in der libyschen Hauptstadt Tripolis, bevor er 2011 auf der Flucht vor den Bomben der NATO von Milizen verschleppt und schließlich in der Nähe des Flughafens einem Team der UN übergeben wurde. » Ich habe nicht daran geglaubt, dass ich überleben werde. Nie wieder kehre ich nach Libyen zurück«, so Kadil weiter. Nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen wurden schwarze Libyer und Arbeiter aus afrikanischen Staaten südlich der Sahara nach Beginn der bewaffneten Auseinandersetzungen massenhaft Opfer von Übergriffen und Lynchmorden durch von der NATO unterstützte Rebellen. 

Am nächsten Morgen treffe ich Ibrahim. Mit einem Bekannten hockt der Sudanese im Schatten seines Zeltes in der ehemaligen »Sektion E« des Lagers. Über einen Schlauch läuft Urin durch seine Bauchdecke in einen Beutel, den er im Schoß zu liegen hat. Neben dem Sudanesen lehnt eine Krücke an der Zeltwand. Drei verpfuschte Rückenoperationen in einem Krankenhaus im tunesischen Sfax haben Ibrahim zum Invaliden gemacht. Seit der letzten vor über zwei Jahren ist sein rechtes Bein teilweise gelähmt. 

Nachdem sein Antrag auf Asyl abgelehnt wurde, stellte das UNHCR die medizinische Versorgung ein. Ibrahim ist abgemagert, hat eingefallene Wangenknochen. »Wenn sich die anderen nicht um mich kümmern würden, wäre ich längst tot«. Ibrahim ist kein Einzelfall. Andere Männer, denen das UN-Flüchtlingshilfswerk seit Jahren dringend benötigte Hilfe verweigert, leiden an Hepatitis-Erkrankungen, Diabetes, den Langzeitfolgen von Misshandlungen und Folter. Wie viele Flüchtlinge in Choucha, beklagt auch Ibrahim, kein ordentliches Verfahren zur Feststellung seines Flüchtlingsstatus bekommen zu haben. 

Auch das Institut für Fluchtstudien der britischen Oxford-Universität bescheinigt dem UNHCR gravierende Mängel im Choucha-Lager. Demnach habe das UN-Flüchtlingswerk in vielen Fällen nicht sichergestellt, dass die Verfahren »fair und unvoreingenommen« abliefen. So seien Befragungen aus Mangel an qualifizierten Dolmetschern häufig nicht in der Muttersprache des jeweiligen Antragsstellers, sondern in Englisch durchgeführt worden. 

Asylanträge seien ohne Angabe von Gründen abgelehnt und die Betroffenen vielfach nicht auf ihr Einspruchsrecht hingewiesen worden. 

Mehr AbschottungNach dem Terroranschlag im tunesischen Badeort Sousse im vergangenen Juni hat die Regierung Tunesiens mit dem Bau einer 168 Kilometer langen Sperranlage an der libyschen Grenze begonnen. Die BRD hat der tunesischen Polizei dafür 50 hochwertige Wärmebildkameras zur Verfügung gestellt. Zusätzlich hat die Bundespolizei ein Projekt zur Hilfe bei der Grenzüberwachung in dem nordafrikanischen Land begonnen. Zum Schutz vor grenzüberschreitendem Terrorismus, wie es offiziell heißt. 

Ahmad winkt ab. »So lange es Menschen nicht möglich ist, in ihrer Heimat in Sicherheit und Frieden zu leben, werden auch weiterhin Tausende versuchen, nach Europa zu gelangen. Zwölf Jahre habe ich in Libyen in einer Autowerkstatt gearbeitet. Ich hatte ein festes Einkommen und konnte ein anständiges Leben führen. Nun guck mich an«, sagt der 46jährige. 

Seit Stunden steht Ahmad an der Straße Richtung libysche Grenze und winkt den Reisenden in ihren Autos mit einer leeren Plastikflasche entgegen. Der Inhalt der Tüte, die er neben sich im Straßengraben deponiert hat, ist überschaubar: Ein Glas Oliven, Kuchen, Shampoo, eine Tüte Waschmittel. 

Ahmad zuckt mit den Schultern. »Seit Jahren stehen wir schon hier und betteln. Früher gaben vor allem die Libyer mehr. Doch ihr Land ist vollkommen zerstört, es herrscht immer noch Krieg. Sie müssen selber schauen, wo sie bleiben«, meint er. Fotografieren lässt Ahmad sich nur ungern. »Es wäre mir unangenehm, wenn meine Familie wüsste, was ich hier tue.« 

 

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Der Gang durch Pjöngjang ... 

... oder Ich wäre gern Kulturminister in Thüringen  

Jan Decker 

In: junge Welt online vom 28.11.2015 

Wochemendbeilage 

 

 Nach Durchsicht meiner Werke bin ich am Ende. Habe ich in zwölf Jahren wirklich nur Mist geschrieben? Plötzlich kommen mir alle Texte aus meiner Feder, die ab der zweiten Fassung eine Tastatur ist, schal und abgestanden vor. Ich gebe zu: Mich hat eine Schreibkrise erwischt. Eine Schreibkrise, die ich hier öffentlich kurieren möchte. Es kann peinlich werden. Der Gang nach Canossa bleibt mir nicht erspart: Eine schmerzhafte Pilgerfahrt zu den Anfängen meines Schreibens, um erneut Einlass zu begehren.  

  Ich möchte aber keine wissenschaftliche Abhandlung über die Schreibkrise liefern, kein ABC des gescheiterten Autoren, sondern schnell zum Ziel der Pilgerfahrt kommen. Ich habe einen kuriosen Wunsch: Ich wäre gern Kulturminister in Thüringen. So hätte ich jeden Tag wichtige Vorgänge auf meinem Schreibtisch liegen und sonntags auch mal eine Festrede zu halten. Noch dazu in einem nicht allzu großen Bundesland der BRD.  

  Es geht mir um die kürzeste Strecke von A nach B, um den Schnellzug nach Canossa (mir liegt jede blumige Romantik fern): Warum will ich, von Freunden und Kollegen gern als produktiver Autor bezeichnet, plötzlich nicht mehr schreiben? Die Vermessung dieser Strecke könnte ein langes Lamento über das Leben als Autor werden. Spannend, ergreifend, mit einigen Enthüllungsmomenten. Nur: Mich hat niemand gebeten, Autor zu werden. Und: Mein Bewerbungsschreiben als Kulturminister in Thüringen, das dieser Text ist, soll mich nicht als den ungeeigneten Kandidaten präsentieren.  

  Deshalb ist mein Gang nach Canossa doch ernst gemeint. Ich will die Ursache aufdecken, die mir alles von mir Geschriebene plötzlich fruchtlos erscheinen lässt, und mich von dieser Ursache aus neu schreiben. Es macht ja keinen Sinn, wenn ich hier öffentlich verkünde: Das ist mein letzter Text, es wird keine weitere Zeile von Jan Decker geben. Ich habe genau genommen keine andere Möglichkeit, als weiterzuschreiben: Der Posten des Kulturministers in Thüringen ist besetzt, ich muss zwei Kinder ernähren, und das Schreiben von Texten macht mir immer noch Spaß.  

  Natürlich ist der Einsatz bei diesem Gang nach Canossa hoch. Nicht jeder Autor sendet gern Rauchzeichen aus dem Höllenschlund der Schreibkrise, bevor diese ihn endgültig erstickt. Aber jetzt ist noch Zeit, mit ein paar Brandwunden davonzukommen, die man nachher Freunden und Kollegen durchaus mit Stolz präsentieren kann. Klopfen wir den Patienten also ab. Ich bin vielleicht nur müde vom Schreiben. Zu viele Texte in zu kurzer Zeit. 

Schön, wenn es so einfach wäre. Ein kurzes Lamento, und die Sache wäre gegessen. Aber nein, was macht der Patient gerade? Tippt fröhlich einen Essay ein.  

  Ist er demnach wie eine dünne Brotscheibe in den Händen des Literaturbetriebs zerquetscht worden? Aber nein, die Geschäfte laufen gut. 

Fakt ist: Es lastet kein wirklicher Schmerz auf mir. Ich bilde mir die Schreibkrise wahrscheinlich nur ein. Richtig: Der Autor hat seine Schreibkrise zuerst im Bereich des Psychiatrischen zu suchen. Und da scheint eine schnelle Ursachenfindung unmöglich zu sein. Richtig? Nein!  

  Die direkteste Form der Einbildung ist die Halluzination. Und tatsächlich halluziniere ich ständig einen anderen Text. Ich schreibe ständig Texte vor dem Hintergrund eines anderen Textes, den ich nicht schreibe. Eines anderen Textes, der nun meine restlichen Texte gefressen hat. Dieser nicht geschriebene Text ist schmerzhaft in den Vordergrund getreten. Ich muss ihn aus dem Reich der Halluzinationen in die Wirklichkeit holen. Denn er lebt parasitär und benimmt sich vulgär.  

  Der ungeschriebene Text lastet wie eine Hypothek auf mir. Er ist die Urschuld, die ich abtragen muss. Angenommen, ich hätte ihn als meinen ersten Text geschrieben, hätte mir unmittelbar danach die Schreibkrise gedroht, vermutlich bis heute. Andersherum läuft es viel häufiger. Wir schreiben den ersten Text nicht, um dann alle folgenden Texte zu schreiben. 

So kann am Ende ein ganzes Werk entstehen, das sich einem einzigen ungeschriebenen Text verdankt. Das Werk hat sozusagen einen dunklen Hintergrund. Ich möchte nicht Platon bemühen, aber der Vergleich drängt sich auf. Wenn Texte Schatten von idealen Texten sind, dann rede ich von Schatten von Schatten von idealen Texten.  

  Daran können auch die schlimmsten Literaturbetriebsumstände nicht schuld sein (und ich habe die schlimmsten Literaturbetriebsumstände erlebt): Dass ich schreibend den Eindruck habe, nicht zu schreiben. Welches Gebilde aus Buchstaben zieht mich da in die Tiefe? Was lässt mich den Autorenberuf, den ich ausüben wollte, seit ich 18 Jahre alt war, an den Nagel hängen und ein höheres Kulturamt in Thüringen anstreben?  

  Ich glaube, und damit sind wir wieder beim Gang nach Canossa, es ist tatsächlich der Urtext, der meine Schreibkrise ausgelöst hat. Es ist der erste Text, den wir schreiben, gemeint als der erste Text, den wir halluzinieren. Er führt zurück zu den Anfängen des Schreibens. Er hat die Macht, uns zu stürzen, wenn wir glauben, die Zügel fest im Griff zu halten. Er ist der vertuschte Königsmord, der verheimlichte Goldraub, der verwehrte Todesschmerz.  

  Das Textverarbeitungsprogramm Word kennt eine Datei, die sich ähnlich verhält. Es ist jene Datei, die die Gestalt aller anderen Dateien definiert, sich selbst aber versteckt im Hintergrund aufhält – wie der Urtext. Wer Normal.dotm ändert, ändert alle Dateien, so läuft das Spiel. 

Da ist sie, die Diagnose meiner Schreibkrise: Mein Urtext hat alle Texte, die ich geschrieben habe, umformatiert. Und typisch für Normal.dotm: Ich habe nichts davon gemerkt.  

  Ich muss endlich offenlegen, was für ein Text das ist, der mich in eine Schreibkrise stürzt, wenn er mich nicht schreiben lässt. Nicht, dass er sich löschend mich mitlöscht, und zwar so gründlich, dass ich für jedes höhere Kulturamt unbrauchbar bin. Man sieht: Nicht die Einbildung hängt vom Autor ab, sondern der Autor hängt von seiner Einbildung ab. Ohne Halluzinationen läuft dieses Geschäft nicht. Es ist vielleicht das einzige, das Halluzinationen geschäftsfördernd zulassen muss. Treten wir die schwere Hypothek also an!  

  Mein erster Text sollte »Der Gang durch Pjöngjang« heißen. Hier und da habe ich bereits Auskunft über ihn gegeben. Das Entscheidende an ihm: Ich habe ihn nie geschrieben. Und hier fangen vermutlich die Probleme an, auch wenn es grundsätzlich besser war, ihn nicht zu schreiben. Ich war Zivildienstleistender in einer Einrichtung für geistig und körperlich behinderte Menschen, ich wohnte in einem Zimmer auf dem Gelände der Einrichtung, ich hatte den Wunsch, Autor zu werden. Es war keine bloße Einbildung. Seit Jahren hatte ich Texte für Bands geschrieben, schließlich ein Theaterstück als Facharbeit für das Gymnasium.  

  Aber das waren Vorarbeiten. Ich wusste an jenem Tag in meinem Zimmer, was mich erwartete: Ich musste den Urtext schreiben. Ich hatte zwei Kerzen angezündet, ein weißes Blatt Papier zurechtgelegt und gleich gewusst, wie der Text heißen würde: »Der Gang durch Pjöngjang«. Die Handlung sollte einfach sein. Ein Ich-Erzähler spaziert durch Pjöngjang, die Hauptstadt Nordkoreas. Das war Anlass und Stoff genug für eine kurze Erzählung, meinte ich. Doch ein schriftstellerisches Problem hatte ich übersehen: Ich wusste gar nichts über Pjöngjang. Oder war gerade das die Herausforderung, die ich suchte? Wollte ich vielleicht die Einbildung töten, beschwor ich sie herauf, um sie gleich wieder zu vernichten? Ich brachte jedenfalls keine Zeile zu Papier.  

  Der nicht geschriebene Urtext rächt sich, das haben wir herausgefunden, fast 20 Jahre später an mir. Schon damals ließ er mich, noch bevor ich eine ordentliche Zeile zu Papier gebracht hatte, in eine mittelschwere Schreibkrise stürzen. Mittelschwer, weil sie zwar monatelang anhielt, aber ich eben noch nichts zu verlieren hatte. Keine Autorenlaufbahn, keinen Ruf im Literaturbetrieb, keine Ambitionen, keine lockenden Einnahmen. Und beenden konnte ich diese erste Schreibkrise dann mit meinen ersten Prosatexten, die bis heute gern nachgedruckt werden. Mein Problem hat sich allerdings inzwischen verschärft: Der Urtext kommt mir heute wie eine komplette Farce vor, unmotiviert, unerzählbar, unlesenswert. Ich werde ihn niemals schreiben, ich möchte ihn ungeschrieben machen, obwohl er ja nie geschrieben wurde. Ich möchte ihn sogar uneingebildet machen – und damit fangen die Probleme wahrscheinlich richtig an. »Man kann«, sagt mein Finanzberater, »eine Hypothek nicht einfach kündigen«.  

  Aber hängt man als Autor wirklich so stark von der eigenen Schreibvergangenheit ab? Unbedingt, möchte ich sagen. Zum Beispiel ähneln sich die Muster der Ablenkungsstrategien. Damals lenkte ich mich vom Schreiben des Urtextes ab, indem ich Stings CD »Ten Summoner’s Tales« auf dem E-Bass begleitete. Eine besonders perfide Form der Schreibkrise. 

Und heute? Flüchte ich zum Schachcomputer und erledige fiktive Gegner wie Ruby oder Quinn. Das mag ehrenwert klingen, immerhin gilt Schach als das Spiel der Könige, aber es ist und bleibt ein Ausweichen vor dem Urtext.  

  Nein, dann lieber nichts tun! Wobei dieses Nichtstun Größe hat (ich bin ihm in den letzten Tagen nachgegangen): Schon meine erste Schreibkrise kurierte ich durch monatelange Spaziergänge aus, nur schauend, nichts halluzinierend, und brachte dann die Früchte meiner ersten Prosatexte mit nach Hause. Hörte richtigen Jazz statt Sting, spielte Schach gegen Menschen, ließ mich mit Denise amourös ein, anstatt gegen Ruby oder Quinn zu gewinnen. Ich vermute, die Schreibkrise will mich zurück in diese spannende Zeit ziehen, die ich aber heute als zweifacher Familienvater und Autor in Lohn und Brot nicht einfach wiederholen kann (es blieb ja nicht bei Denise, und Schachspielen macht auch nicht satt).  

  Deshalb bewerbe ich mich hiermit um den Posten des Kulturministers in Thüringen. Dann könnte ich Pjöngjang einmal auf offiziellem Weg besuchen. Ich könnte vor Ort ausgiebig recherchieren und anschließend meinen Urtext schreiben. Die Hypothek könnte ich abtragen. Und dann könnte ich als Autor weiterarbeiten. Denn mein Urtext würde mich, und das ist die Pointe, den Posten des Kulturministers in Thüringen kosten.  

 

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Für Wissen und Fortschritt: Über Paul McCartney  

Reinhard Jellen 

In: junge Welt online vom 28.11.2015 

Wochemendbeilage 

 

 »Ebony and ivory live together in perfect harmony / Side by side on my piano, keyboard / Oh lord why don’t we?«  

  (Paul McCartney & Stevie Wonder 1982)  

  Während die Texte von John Lennon ab Mitte der 60er Jahre eine leicht idiosynkratische und ätherisch-beschwingte, drogeninduzierte Wende nahmen (»I am he / as you are he / as you are me / and we are all together«) und George Harrison sich in seinen Liedern darüber beschwerte, dass die Beatles zu viele Steuern zahlen müssten (in der Tat war der damalige Steuersatz von 95 Prozent nicht bescheiden zu nennen), bemühte sich Paul McCartney um Bodenhaftung und sozialen Realismus.  

  Mit drei Singles versuchte der Bassist der Beatles damals, Einfluss auf das politische Geschehen zu nehmen: 1968 sollte mit »Ob-La-Di-Ob-La-Da« die heftige Einwanderungsdebatte im britischen Parlament musikalisch konterkariert werden. Der Konservative Enoch Powell hatte in seiner berühmten »Rivers of Blood«-Rede ein apokalyptisches Bild von der Zukunft Englands entworfen und mit Verweis auf die Zuwanderung von Menschen aus dem Commonwealth die Herrschaft des schwarzen Mannes über die weiße Rasse prophezeit. McCartney reagierte darauf, indem er in seinem Lied auf die damalige jamaikanische Ska-Welle in England positiv Bezug nahm und eine glückliche Liebesgeschichte zwischen Molly (ein typisch britischer Name) und Desmond (ein typisch karibischer) trällerte. Der Mitklatsch-Schunkler wurde ein Nr.-1-Hit und, was soll man sagen, England ist nicht in Strömen voll Blut ertrunken.  

  1972 forderte McCartney mit seiner neuen Band The Wings »Give Ireland Back To The Irish« und wurde daraufhin von der BBC boykottiert. 

Nichtsdestotrotz erreichte der Song die englischen Top 20 und wurde ein Chart-Topper in Irland und Spanien. Über eine Erweiterung des politischen Bewusstseins bei ehemaligen Beatles-Fans liegen keine empirischen Daten vor.  

  Rund zehn Jahre später verfolgte McCartney eine Fernsehshow mit dem irischen Komiker Spike Milligan, in welcher dieser versuchte, »segregiertes Piano«, also jeweils ein Lied nur mit schwarzfarbigen (auf englisch: ebony) bzw. weißfarbigen (ivory) Tasten zu spielen. Dies scheiterte und Macca kam auf die Idee, ein Lied darüber zu schreiben.  

  Um die antirassistische Haltung des Liedes noch herauszustellen, nahm der Motown-Fan den Song im Duett mit Stevie Wonder auf (der seinerseits ein großer Verehrer der Fab Four ist). Das in Südafrika verbotene Liedlein konnte sich zu einem der größten Hits des Jahres 1982 mausern, aber es dauerte auch nicht lange, bis es wegen seiner naiven Botschaft Gegenstand bissiger Parodien wurde. Eddie Murphy sang es beispielsweise als Stevie Wonder verkleidet in der Fernsehshow »Saturday Night Live« im Duett mit dem als Frank Sinatra ausstaffierten Joe Piscopo, der seinerseits die schönen Textzeilen schmetterte: »You are black and I am white / You’re as blind as a bat and I have sight.«  

  Alle drei Lieder sind etwa so fürchterlich wie die zeitgenössischen Politschnulzen von John Lennon: Völlig zurecht wurde »Ob-La-Di-Ob-La-Da« vom Blenders Magazine zu einem der 50 schlimmsten Lieder der Musikgeschichte erkoren und »Ebony & Ivory« von der Zuhörerschaft der BBC zum schlechtesten Duett aller Zeiten gewählt. Das hinderte eines der schlechtesten Beatles-Lieder aber vermutlich nicht daran, seinen aufklärerischen Zweck zu erfüllen.  

 

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Pol & Pott. Eier im Näpfchen  

Ina Bösecke 

In: junge Welt online vom 28.11.2015 

Wochemendbeilage 

 

 Für immer jung sein, den Wunsch gibt es seit dem Altertum. Meistens geht es dabei um frische Haut, einen wohlgeformten Körper und einen gewissen Elan. Kleopatra hat in Eselsmilch gebadet, um schön zu bleiben, Madonna unterwirft sich einer strengen makrobiotischen Diät, um schlank zu bleiben. Nicht so leicht, ständig die Esel anzukarren oder auf Brot und Nudeln zu verzichten. Wieviel einfacher wäre es doch, ein Mittelchen zu erfinden, welches man nur einnehmen müsste, woraufhin sich Jugend und Schönheit von ganz allein einstellten. Genau daran arbeitet Dr. Barnaby Fulton (Cary Grant) intensiv in dem Film »Liebling ich werde jünger« (USA 1952) von Howard Hawks. Sein ganzes Streben richtet sich auf die Erfindung eines ewig verjüngenden Mittels. Aber erst als er sich an einer heißen Suppe die Lippe verbrennt, weiß er, wie er vorzugehen hat: Die Mixtur, die er zusammengemischt hat, muss einfach erhitzt werden, um zu wirken!  

  Tatsächlich scheint das Mittelchen nun endlich den lang ersehnten Effekt zu zeitigen. Fulton, der es zuerst an sich selbst ausprobiert, braucht plötzlich keine Brille mehr, lässt sich beim Friseur einen flotten Haarschnitt verpassen und brennt für ein paar Stunden mit der hübschen Sekretärin (Marilyn Monroe) des Unternehmens, für das er arbeitet, durch. 

Was keiner weiß: Ein Affe aus dem Versuchslabor hat die Mixtur neu gemischt und in den großen Trinkbehälter gekippt, als Fulton kurz sein Labor verließ. Nicht das Mittelchen verjüngt, sondern das vom Affen angereicherte Wasser aus dem Trinkbehälter. Auch Fultons Ehefrau (Ginger Rogers) verändert sich nach Einnahme der Mixtur, genau wie später die anwesenden Kollegen. Es entstehen Probleme. Zum einen verwandeln sich die Leute zu verschiedenen Zeitpunkten (irgendwann wird man immer müde, muss schlafen und ist dann wieder so alt wie vorher). Zum anderen werden die Leute nicht nur jung, sie werden auch kindisch. Das Mittel wirft sie um Jahrzehnte zurück. Es gibt extrem lustige Szenen im Film. Zum Beispiel, wenn Fulton mit einer Gruppe von Kindern im »Indianerkostüm« mit Kriegsbemalung seinen ehemaligen Kontrahenten an einen Marterpfahl bindet, um ihn zu skalpieren. Oder wenn Fultons Ehefrau neben einem Baby aufwacht und denkt, es wäre Fulton. Gegessen werden neben oben erwähnter Suppe noch ein paar Eier.  

  Eier im Näpfchen mit Porree: 600 Gramm Porree längs halbieren, dann in dünne Scheiben schneiden. 50 Gramm Butter in einem kleinen Topf zerlassen, den Porree darin bei niedriger Temperatur unter gelegentlichem Rühren fünf Minuten weichdünsten. Mit Salz, Pfeffer und Muskatnuss würzen. Drei EL Wasser einrühren und abgedeckt bei niedriger Temperatur 20 Minuten garen. Inzwischen den Backofen auf 180 Grad vorheizen und vier Ramequin-Formen mit Butter einfetten. Den Porree auf die Formen verteilen, in jede ein Ei schlagen und vier Minuten garen. Den Herd abschalten, die Ramequin-Formen mit einem Stück Alufolie abdecken und noch zwei Minuten in den Ofen stellen. Die Eier mit etwas Pfeffer bestreuen und servieren.  

 

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