Wochenendbeilage der jungen Welt

vom 05.12.2015  


  

»Es regiert der Westberliner Filz«  

Gespräch mit Wolfgang Brauer. Über den Skandal der Berliner Staatsoper-Sanierung und die Möglichkeiten der Linken in Berlin  

Gisela Sonnenburg 

In: junge Welt online vom 05.12.2015 

Wochenendbeilage 

 

 Als Kulturpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus haben Sie tiefe Einblicke in die Probleme der Kulturmetropole. Was brennt Ihnen da am meisten unter den Nägeln?  

  Im Augenblick ist das die Situation der Kinder- und Jugendtheater in Berlin, sowohl der staatlichen als auch der vielen freien Bühnen unterschiedlichen Levels. Das fängt beim »Grips-Theater« an, das in einer gefährlichen finanziellen Situation ist, und reicht über das »Theater Strahl« und das Musikthater »Atze« bis zu vielen kleinen freien Gruppen, die nicht hinreichend bezahlbare Spielorte finden. Von den miserablen »Elendsgagen«, die die meisten sich zahlen, ganz abgesehen! Wenn man, wie ich, in der Opposition arbeitet, muss man mit ansehen, wie die regierende Kulturpolitik nach Frank Castorfs Weggang mal eben zwei bis drei Millionen Euro für die Volksbühne investieren will, für eine Konzeption, die man im Grunde gar nicht kennt, weil es sie noch gar nicht gibt. Aber für die kleinen Zuschauer, das sind die »großen Zuschauer« der Zukunft, ist nur ganz kleines Geld übrig. Da stimmt was nicht in dieser Kulturpolitik, und das bestürzt mich. Nur für »mehr Glanz in der Hütte«, wie das die frühere Kulturstaatsministerin Christina Weiss einmal ausdrückte, ist anscheinend immer Geld da.  

  Sie beschäftigen sich mit neuartigen Förderungsformen für Kultur, es schwebt Ihnen ein neuer Fonds vor.  

  Man könnte aus den Einnahmen der City-Tax zehn Millionen Euro pro Jahr für einen »Freien Kulturfonds« verwenden. Und dann die Künstlerinnen und Künstler der freien Szene selbst darüber entscheiden lassen, wer wieviel davon wofür bekommen soll. Das berührt nicht die Notwendigkeit einer weiteren stabilen Förderung, zum Beispiel von Spielstätten und Probenräumen. Aber der neue Fonds soll den Künstlerinnen und Künstlern zusätzlich zugute kommen, um vom »Gießkannenprinzip« und der üblichen Verteilung von Geldern nach Gutsherrenart wegzukommen. So etwas sehe ich als dringende Landesaufgabe.  

  Sie zitierten neulich Theodor Fontane, der 1887 feststellte: »Selbstsucht und rücksichtsloses Strebertum sind an die Stelle feinen Ehrgefühls und vornehmer Milde getreten …« Und weiter: »Dabei wird die Jugend fachmäßig dümmer.« Ihr erster Beruf war Lehrer, fallen Ihnen darum solche Vorgänge besonders auf?  

  Diese Veränderungen sind aus meiner Sicht frappant. Fontane befand sich am Ende des 19. Jahrhundert, als er seine Beobachtungen machte, aber auch heute haben wir ähnliche Zustände. Da herrscht ökonomische Kraftmeierei sondergleichen, die zudem nicht gedeckt ist. Auch in Deutschland wird auf Pump gewirtschaftet, aber die eigentlichen Werte sind total verschoben. In den Schulen wird das Kommunizieren gelehrt, es wird gelernt, sich verbal durchzusetzen – früh übt sich, wer ein »Ellenbogenmeister« werden will – aber die Gegenstände, über die kommuniziert werden sollte, fallen unter den Tisch. Der Literaturunterricht in den Schulen obliegt zum Beispiel vor allem dem persönlichen Engagement der jeweiligen Lehrer.  

  Züchten wir eine Jugend, die nur noch naturwissenschaftlich fit ist?  

  Auch in den naturwissenschaftlichen Fächern sinkt das fachliche Niveau. 

Bei aller Schulreformiererei kamen die Inhalte abhanden. Was Bildungshorizonte angeht, kann das Unternehmertum ja nicht maßgeblich sein. Das ist nicht dessen Metier. Die kulturellen Aneignungsstrukturen haben hier völlig versagt. Aber es ist ja wohl auch gar nicht vorgesehen, dass die Kinder der berühmt-berüchtigten »Cindy aus Marzahn« das Publikum der Hochkultur darstellen.  

  Werden die unteren Schichten absichtlich von Bildung ferngehalten?  

  Davon gehe ich aus. Es wird inzwischen eine ganze soziale Klasse vom Zugang zu höherer Bildung und Kultur ausgeschlossen. Der Museumsbesuch zum Beispiel wird zwar pflichtmäßig organisiert und durchgezogen – und dann abgehakt. Aber er bleibt folgenlos, da viele jugendliche Besucher heute keinen inneren Zugang mehr dazu finden können. Da fragen sich besorgte Bildungsforscher wieder, wie man mehr Arbeiterkinder ins Studium bekommen kann. Sie fürchten kommende »soziale Verwerfungen«. Das war in der DDR als Problem gelöst, immerhin.  

  Seither ist viel Wasser den Fluss hinunter geflossen. Wie sieht es denn mit der Einsichtsfähigkeit der Berliner Linken aus? Sie betrieb – zunächst noch als PDS – von 2002 bis 2011 in der rot-roten Koalition in Berlin gemeinsam mit der SPD eine Kahlschlagpolitik.  

  Da sind zweifelsohne böse Kahlschläge passiert. In der Wohnungspolitik, aber auch beim Stellenabbau im öffentlichen Dienst. Und auch in bestimmten Sozialbereichen. Da gab es heftige Einschnitte, wir haben uns oft treiben lassen und nicht genug Widerstand geleistet. Auch wenn man manche Dinge nicht wusste. Es gab eben die Koalitionsräson.  

  Auch im kulturellen Bereich fiel unter der Maßgabe des »Sparens« – nach dem Berliner Bankenskandal, der die Stadt in Schulden stürzte – viel weg.  

  Im Kulturbereich wurde bedeutend weniger weggespart, als zu befürchten war. Der Berliner PDS-Kultursenator Thomas Flierl sollte gezwungen werden, ein Opernhaus zu schließen. Unter seinen Vorgängern verschwand in jeder Wahlperiode ein Theater in Berlin. Nach Lage der Dinge hätte er die Deutsche Oper schließen sollen. Das konnten wir verhindern, aber dafür mussten die Opernhäuser auf gut 20 Millionen Euro verzichten. Das bedeutete den Garaus für zwei Ballett-Compagnien. Dann sollte Berlin aus der Rundfunkorchester und Chöre GmbH aussteigen. Das hätte mindestens ein weiteres großes Orchester gekostet – im Gespräch war das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Auch das konnten wir verhindern. Nicht verhindert werden konnte die Streichung der Zuschüsse für die Berliner Symphoniker, ein kleines, aber engagiertes und beim Publikum beliebtes Orchester mit guter pädagogischer Basisarbeit. Selbst der Auftritt der Symphoniker auf dem Bundesparteitag der PDS half da nicht. Ich spüre noch heute die zwei Meter Aktenbände mit den Protestschreiben in meinem Rücken und empfinde Scham.  

  Und auch in der Schulpolitik kann sich die PDS/Linke nicht selbst freisprechen.  

  Das würde ich nicht mal im Ansatz versuchen! Wir haben den verpflichtenden Werteunterricht eingeführt – und zu dessen Gunsten die traditionell wertevermittelnden Fächer gerupft. Wir wollten die Gemeinschaftsschule durchsetzen. Es kam aber nur zu einem Modellversuch ohne angemessenen finanziellen Rahmen. Wir wollten die Hauptschule abschaffen – heraus kam eine Art »Volksschule 2.0«, weil die Gymnasien nicht angetastet wurden. Nein, ein Ruhmesblatt war die rot-rote Schulpolitik wirklich nicht. Inwieweit die Partei aus allen Fehlern der Vergangenheit Lehren gezogen hat, wird sich jetzt zeigen, wenn wir das neue Wahlprogramm vorstellen, das möglicherweise zur Grundlage einer neuen Koalitionspolitik werden kann.  

  Können Sie das konkretisieren? Was werden wichtige Punkte im Wahlprogramm sein?  

  Wir wollen zum Beispiel bezahlbare Mieten, ausreichenden und bei Bedarf auch barrierefreien Wohnraum für alle Einkommensklassen. Wir wollen die Armut nachhaltig bekämpfen. Wir wollen die Personaldefizite im öffentlichen Dienst der Stadt beenden und endlich wieder zu einer aktiven Industriepolitik kommen. Berlin braucht Arbeitsplätze – auch Industriearbeitsplätze in den Zukunftsbranchen. Ohne die bleibt alles Gerede von der Dienstleistungsmetropole nur Geschwätz zur Beschönigung von Dumpinglohnzuständen. Wir wollen Bildungsgerechtigkeit, nicht nur »gleiche Chancen«, die angesichts der sich weiter öffnenden sozialen Schere sowieso nur Lippenbekenntnis sind. Übrigens gebührt auch der Kultur wieder der Platz, der ihr zukommt, auch in einem linken Wahlprogramm. Da muss aber meine Partei noch a bissel dazulernen …  

  Apropos Kultur: Sie leiten den Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses zur Staatsoper Unter den Linden. Die wird scheinbar endlos saniert. Was steckt denn da hinter dem Bauzaun?  

  Hinter diesem Bauzaun steckt ein zweiter, kleinerer, Flughafenskandal. 

Allerdings kann man in diesem Fall auf keinen Dritten irgendeine Mitschuld abwälzen, also auf den Bund oder auf Brandenburg. Man muss, um die Dinge zu verstehen, mal weit zurückblicken: 1955 wurde die im Krieg stark beschädigte Staatsoper Unter den Linden in der DDR neu eröffnet. Bei ihrer letzten Sanierung zu DDR-Zeiten, also in den 80er Jahren, wurde klar, dass bald eine Grundsanierung fällig sein würde. Insofern war es keine große Überraschung, als man nach der Vereinigung der beiden Stadthälften feststellte, dass die Oper in einem bedenklichen Zustand ist. Man plante zunächst nur, die Technik wieder auf Vordermann zu bringen, den Saal zu sanieren und die Fundamente abzudichten, damit von unten kein Wasser mehr ins Haus drückt. Das wurde hochgerechnet auf 129 Millionen Euro Kosten. 

Dann wechselte, im Jahr 2006, der Technische Direktor des Hauses. Der bis heute amtierende Hans Hoffmann hatte zuvor beim Staatstheater Mainz einen Tunnel, der das Opernhaus mit seinen Werkstattgebäuden unterirdisch verband. Einen solchen Tunnel wollte Hoffmann auch in Berlin. Es wurde neu gerechnet, auch das Intendanzgebäude und das Magazin wurden mit einbezogen. Aus dem Tunnel wurde derweil ein »unterirdisches Bauwerk« mit einer beträchtlichen Ausdehnung. Plötzlich kostete das Ganze 239 Millionen Euro. Diese Summe schrieb man in die Ausschreibung und in einen Gestaltungswettbewerb. Den Wettbewerb, über den eine Jury entschied, gewann Klaus Roth mit der Idee eines modernen Saals, der eine hervorragende Akustik und gute Sicht für alle Plätze gehabt hätte. Diese Idee wurde jedoch mit Argumenten des Denkmalschutzes gekippt. Man wollte den pseudopreußischen Klimbim erhalten. Obwohl die Konditorei, der Apollo-Saal und die historische Fassade erhalten geblieben wären. Der jetzt entstehende Saal hat übrigens ebenfalls eine veränderte Decke, über die man, denkmalrechtlich betrachtet, auch nur den Kopf schütteln kann.  

  Warum wurde nicht über alles noch mal neu nachgedacht?  

  Die Eröffnung sollte laut Plan und nach dem Willen des damaligen Regierenden Bürgermeisters, Klaus Wowereit, am 3. Oktober 2013 stattfinden. Solchermaßen unter Zeitdruck stehend, begann man – und das ist ein Rechtsbruch – mit dem Projekt, ohne dass die Bauunterlagen ausreichend geprüft wurden und ohne dass bestimmte bautechnische Prüfungen abgeschlossen waren. Es gab dann immer neue Komplikationen und auch ein paar Firmeninsolvenzen. Insgesamt erhöhte sich die Kostensumme auf 440 Millionen Euro. Auch der Zeitplan lief aus dem Ruder, frühestens 2017 können wir mit einer Neueröffnung rechnen.  

  Hätte es Ihrer Meinung nach Möglichkeiten gegeben, das Fiasko zu verhindern oder zumindest deutliche Schadensbegrenzung zu betreiben?  

  Es gab zwei Möglichkeiten zur Kostenreduzierung, beide ergaben sich im Jahr 2011. Die erste wäre der Verzicht auf das »unterirdische Bauwerk« gewesen, was ich im Mai 2011 verlangte. Damals waren die Arbeiten am Tunnel noch nicht begonnen worden, aber es war absehbar, dass die Kosten explodieren werden. Klaus Wowereit meinte im Kulturausschuss nur süffisant: »Herr Brauer, wenn Sie sich so gut auskennen, dann übernehmen Sie doch die Bauleitung.« Um zu sparen, entschied Wowereit, das Magazingebäude der Staatsoper zur Hälfte und ihr geplantes Kulissenzentrallager ganz wegzukürzen. Um mehr Lagerungsplatz zu erhalten, ging man baulich in die Tiefe – und stieß auf verfaulende Holzpfähle. 

Die wären überhaupt nicht aufgefallen und unter einer Betonplatte verschwunden, hätte man den Unsinn mit dem Bauen weit unter dem Grundwasserspiegel sein lassen. Weil man aber daran festhielt, mussten die Pfähle entfernt werden. Damit ergab sich eine neue Kostenspirale.  

  Es gab also für die »Baumafia« in der Sache immer mehr zu tun.  

  Ich würde mal sagen: Die heimliche Regentschaft über die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland liegt nach wie vor in den Händen des alten Westberliner Filzes aus den Zeiten vor dem Mauerfall. Da wurde nichts dazugelernt, und es sind zum Teil dieselben Leute, die sich auch ihre Nachfolger züchten. Die vielen Berliner Bauskandale sind zwangsläufig!  

  Die Westberliner SPD hat traditionell eine enge Verbindung zur Bauwirtschaft. Damit sind wir beim nächsten Skandal, nämlich der Kulturpolitik des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller, SPD, und seines Staatssekretärs für Kultur, Tim Renner, ebenfalls SPD.  

  Vorab eine Anmerkung hierzu: Es findet derzeit kein intellektueller Diskurs mit den beiden Berliner Regierungsparteien, der SPD und der CDU, mehr statt. Das war in den vorherigen Wahlperioden anders. Jetzt aber werden ohne inhaltliche Grundlage Entscheidungen gefällt wie diese: Der Intendant Frank Castorf, der den gegenwärtigen internationalen Ruf der Volksbühne begründet hat und nach wie vor durch große Inszenierungen auffällt – die bis zur Schmerzgrenze kapitalismuskritisch sind – wird durch einen international renommierten Ausstellungsmacher ersetzt werden. 

Dieser, Chris Dercon, braucht natürlich ein Team, das sich statt seiner im Theater- und im Filmbereich auskennt. Für das heutige Volksbühnen-Ensemble wurden die Abfindungen schon in den Haushalt eingestellt. All das ohne Diskussion darüber! Die Verwandlung des bislang immer politischen Hauses in einen »Eventschuppen«, wie fachkundige Kritiker meinen, lässt sich der Senat bis zu drei Millionen Euro zusätzlich kosten. Die fehlen dann woanders … Übrigens kriegt Herr Dercon auch für die Bespielung eines Terminals des Flughafens Tempelhof eine größere sechsstellige Summe als Budget. Nur: Da sind jetzt Flüchtlinge zusammengepfercht. Es wäre allerdings naiv anzunehmen, das Geld käme diesen Menschen in Not zugute.  

  Ein weiterer Skandal ist das Verhalten der beiden kulturpolitisch für Berlin Verantwortlichen im Zusammenhang mit dem Staatsballett Berlin.  

  Mit dem Staatsballett wurde eine üble Nummer durchgezogen: Die Tänzerinnen und Tänzer verließen sich auf ihre im Grundgesetz verbrieften Rechte und wollten sich von einer Gewerkschaft vertreten lassen, in der sie Mitglied sind und der sie aus guter Erfahrung heraus vertrauen. Das Management des Staatsballetts verweigerte sich und »verhandelte« statt dessen mit zwei sehr viel kleineren Konkurrenzgewerkschaften. Man ging sogar so weit, die von ver.di gestellten Forderungen sozusagen »unter fremder Flagge« zu akzeptieren. Das geschah mit Rückendeckung des SPD-Bürgermeisters, was viele wunderte. In der Politik gibt es aber keine Zufälle: Es ist ja eine Ähnlichkeit da zu den bundesweiten Kitastreiks in diesem Jahr. Da wurde zwar mit den »richtigen« Gewerkschaften, also ver.di und der GEW, verhandelt, aber ohne Ergebnis. Das geht schon seit Jahren so. Das ist eine Linie, die sich abzeichnet: Man will die starken Interessenvertreter der Arbeitnehmer rausdrücken aus dem Geschehen.  

  Kann Kultur in diesem skrupellosen globalen Kapitalismus überhaupt noch wirken?  

  Ich möchte mit Versen von Johannes R. Becher antworten, die aus seinem 1935/36 geschriebenen Poem »Das Holzhaus« stammen: »Nicht einen Klang geb ich euch ab, nicht eine / Der Farben wird freiwillig überlassen, / … Kein Stern, kein Sturm, kein Stillesein … / Das alles fordern wir zurück und noch / Viel Mehr: Die Luft, die euch beglückt beim Atmen.« Das ist mein kulturpolitisches Credo. Denn da wird wieder eine Konfliktlinie deutlich, die man früher als »Klassenkampf« bezeichnete. Für viele junge Linke, nicht nur in Deutschland, ist Bildung bürgerliches Zeugs. Das ist aber ein katastrophaler Irrglaube! Linke Politik, die die Kultur aufgibt, ist ihren Namen nicht wert.  

 

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Krieg dem Kriege  

Im Dezember 1915 diskutierte die Gruppe »Internationale« den Entwurf Rosa Luxemburgs zu den Junius-Thesen (Teil II) 

In: junge Welt online vom 05.12.2015 

Wochenendbeilage 

 

 Ab dem 18. Februar 1915 war Rosa Luxemburg im »Berliner Weibergefängnis« für ein Jahr inhaftiert. Sie schrieb dort im Frühjahr 1915 eine Broschüre über »Die Krise der Sozialdemokratie«, die 1916 unter dem Pseudonym »Junius« erschien. Außerdem entwarf sie Thesen, die auf der Konferenz der Gruppe »Internationale« in der SPD Anfang 1916 gebilligt und nach redaktioneller Bearbeitung als »Leitsätze über die Aufgaben der internationalen Sozialdemokratie« u.a. als Flugblatt und als Anhang zur »Junius-Broschüre« illegal im deutschen Kaiserreich verbreitet wurden. Im Dezember 1915 fand die vorbereitende Diskussion über diese Thesen in der Gruppe »Internationale« statt. Sie war aus einer Zusammenkunft von SPD-Mitgliedern, die gegen die Zustimmung zu den Kriegskrediten durch die SPD-Reichstagsfraktion waren, am 4. August 1914 in der Wohnung Rosa Luxemburgs hervorgegangen. Der erste Teil des Thesen-Entwurfs mit den Punkten eins bis sieben erschien in der jW vom 28./29. November.  

  8. Der Weltfriede kann weder durch internationale Schiedsgerichte kapitalistischer Diplomaten noch durch diplomatische Abmachungen über »Abrüstung«, über die sogenannte »Freiheit der Meere«, noch durch »europäische Staatenbünde«, »mitteleuropäische Zollvereine«, »nationale Pufferstaaten« und dergleichen utopische oder in ihrem Grunde reaktionäre Projekte gesichert werden. Imperialismus, Militarismus und Kriege sind nicht zu beseitigen und nicht einzudämmen, solange die kapitalistischen Klassen unbestritten ihre Klassenherrschaft ausüben. Die einzige Sicherung und die einzige Stütze des Weltfriedens ist der revolutionäre Wille und die politische Aktionsfähigkeit des internationalen Proletariats.  

  9. Der Imperialismus als letzte Lebensphase und höchste Entfaltung der politischen Weltherrschaft des Kapitals ist der gemeinsame Todfeind des Proletariats aller Länder, und gegen ihn muss der proletarische Klassenkampf im Frieden wie im Kriege in erster Linie konzentriert werden. 

(…) Die Schicksale des sozialistischen Endzieles hängen davon ab, ob das internationale Proletariat sich dazu aufraffen wird, gegen den Imperialismus auf der ganzen Linie Front zu machen und die Losung »Krieg dem Kriege!« unter Aufbietung der vollen Kraft und des äußersten Opfermutes zur Richtschnur seiner praktischen Politik zu machen.  

  10. Zu diesem Zwecke richtet sich die Hauptaufgabe des Sozialismus heute darauf, das Proletariat aller Länder zu einer lebendigen revolutionären Macht zusammenzufassen, es durch eine starke internationale Organisation mit einheitlicher Auffassung seiner Interessen und Aufgaben, mit einheitlicher Taktik und politischer Aktionsfähigkeit im Frieden wie im Kriege zu dem entscheidenden Faktor des politischen Lebens zu machen, zu dessen Rolle es durch die Geschichte berufen ist.  

  11. Die II. Internationale ist durch den Krieg gesprengt worden. Die Unzulänglichkeit ihrer Organisation hat sich erwiesen durch ihre Unfähigkeit, einen wirksamen moralischen Damm gegen die nationale Zersplitterung im Kriege aufzurichten und eine gemeinsame Taktik und Aktion des Proletariats in allen Ländern aufrechtzuerhalten.  

  12. Angesichts des Verrats der offiziellen Vertretungen der sozialistischen Parteien der führenden Länder an den Zielen und Interessen der Arbeiterklasse, angesichts ihrer Abschwenkung vom Boden der proletarischen Internationale auf den Boden der bürgerlich-imperialistischen Politik ist es eine Lebensfrage des Sozialismus, eine neue Arbeiterinternationale zu gründen, welche die Leitung und Zusammenfassung des revolutionären Klassenkampfes gegen den Imperialismus in allen Ländern übernehmen muß.  

  Sie wird auf folgenden Grundlagen aufgebaut:  

  1. Der Klassenkampf im Innern der bürgerlichen Staaten gegen die herrschenden Klassen und die internationale Solidarität der Proletarier aller Länder sind zwei unzertrennliche Lebensregeln der Arbeiterklasse in ihrem welthistorischen Befreiungskampfe. Es gibt keinen Sozialismus außerhalb der internationalen Solidarität des Proletariats, und es gibt keinen Sozialismus außerhalb des Klassenkampfes. (...)  

  6. Die zweite dringende Aufgabe des Sozialismus ist die geistige Befreiung des Proletariats von der Vormundschaft der Bourgeoisie, die sich in dem Einfluß der nationalistischen Ideologie äußert. Die nationalen Sektionen haben ihre Agitation in den Parlamenten wie in der Presse dahin zu richten, um die überlieferte Phraseologie des Nationalismus als bürgerliches Herrschaftsinstrument zu denunzieren. Die einzige Verteidigung aller wahren nationalen Freiheit ist heute der revolutionäre Klassenkampf gegen den Imperialismus; das Vaterland der Proletarier, dessen Verteidigung alles andere untergeordnet werden muß, ist die sozialistische Internationale.  

 

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Schwarzer Kanal: Kastanien im Feuer  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 05.12.2015 

Wochenendbeilage 

 

 Es beginnt wie stets mit Lügen. Berthold Kohler schreibt in der FAZ am Freitag unter der Überschrift »In den Himmel über der Hölle«: »Die Amerikaner bombardieren den ›Islamischen Staat‹ (IS) in Syrien schon lange, die Franzosen und Briten tun es inzwischen auch.« Er befürwortet den deutschen Eintritt in den Krieg, »der uns selbst betrifft«. Richtig wäre: Washington behauptet seit September 2014, es gehe mit der Luftwaffe gegen den IS auch in Syrien vor. Den scheint das wenig beeindruckt zu haben. Die Washington Post berichtete seinerzeit, an den Angriffen seien neben den USA deren Verbündete Saudi-Arabien, Jordanien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain beteiligt gewesen – allesamt zugleich Verbündete des IS. Ihre Attacken waren derart wirkungsvoll, dass der IS das von ihm beherrschte Territorium weiter ausdehnen konnte und weitere Zehntausende Menschen zur Flucht zwang.  

  Erst als die russische Luftwaffe ein Jahr später, am 30. September 2015, mit der Bombardierung der Mordbanden begann, verstärkten die USA angeblich ihre Angriffe z. B. auf die Ölanlagen, die der IS kontrolliert. Allerdings bezifferte das russische Verteidigungsministerium am vergangenen Mittwoch die Zahl der Tanklastzüge, die für den IS syrisches und irakisches Öl immer noch in die Türkei transportieren, auf mindestens 8.500. Sie bringen demnach täglich bis zu 200.000 Barrel Öl zu den Zwischenhändlern, laut den Moskauer Angaben vor den russischen Angriffen erheblich mehr. Steve Warren, der Sprecher der US-Streitkräfte im Irak bezeichnete das umgehend als »grotesk« und wies »strikt jeden Gedanken daran zurück, dass die Türkei in irgendeiner Weise mit dem IS zusammenarbeitet«.  

  Wenn das Pentagon solchen Unfug verbreitet, wundert das nicht: Wer den IS zunächst fast zehn Jahre aufpäppelt und ihn heute gewähren lässt, kann nicht anders. Der IS bezieht seine Waffen aus Jordanien und der Türkei und liefert munter Öl dorthin. 24 Banken, die in Syrien und Irak unter IS-Kontrolle stehen, nahmen noch Anfang des Jahres laut der Arte-Dokumentation vom Januar »Die Wirtschaftsmacht der Gotteskrieger« am internationalen Zahlungsverkehr teil.  

  Wenn allerdings ein FAZ-Herausgeber einen Leitartikel schreibt, in dem er vor solchem Hintergrund zum wiederholten Mal die deutsche Kriegsteilnahme in Syrien fordert, dann folgt er treu Washingtoner Strategiespielen – etwa Gedanken über einen »Postamerikanischen Mittleren Osten«, wie der Titel des Novemberheftes der einflussreichen Zeitschrift Foreign Affairs lautet. Dort wird argumentiert, die USA sollten sich nur noch zurückhaltend in der Region engagieren, Terrormilizen nicht zu stark werden und eine regionale Vormacht nicht entstehen lassen. Öl hätten die USA derzeit genug, Israel könne sich selbst verteidigen. Im Klartext: Andere sollen die Kastanien aus dem Feuer, das die USA seit Jahrzehnten geschürt haben, holen. Die Nordamerikaner hinterlassen lediglich etwa 1,3 Millionen Tote. Das jetzige Kalkül steht in der Tradition der US-Außenpolitik seit dem Ersten Weltkrieg: Krieg zur Schwächung von Freund und Feind nutzen.  

  Kohler schreibt in der FAZ: »Warum zieht Deutschland in den Krieg? Weil er auch gegen uns geführt wird.« Richtig. Nur, von wem? Seine Antwort ist ein Wortschwall über die Untaten des IS und Gejammer: »Der Ausbreitung des Schreckenregimes wie auch seiner Unterstützung durch benachbarte Mächte sah der von den Misserfolgen im Irak und in Afghanistan ausgelaugte Westen zu lange passiv zu.« Solches Mitleid über sich selbst ist gefährlich, es könnte zu Kriegsabstinenz führen. Aber Kohler reißt sich und den außer Atem geratenen Westen einschließlich Bundesrepublik wieder hoch: Hinein in den Krieg gemeinsam mit allen Mächten, die den IS unterstützen. In Washington wird so etwas gern gelesen.  

 

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Venceremos, Viagra!  

Dirk Werner 

In: junge Welt online vom 05.12.2015 

Wochenendbeilage 

 

 Detektiv Hollmes schlug die Zeitung zu. »Die Welt geht unter«, stellte er sachlich fest, » vorher aber will ich dieses Sexluder noch zur Strecke bringen.«  

  Ein kapitaler Kommentar dazu kam von Kuno, dem Wirt vom »Hitchcock«: Es polterte in der Küche, als hätte er bei Ebay eine Dampframme ersteigert.  

  »Weltuntergang?«, schnappte ich, fast tonlos, »Sexluder?«  

  Augenblicklich nickte mein guter alter Freund: Dass er eine Liebesnacht gehabt habe mit einer der Ministerinnen aus dem Bundeskabinett, führte er aus. Ob es eine reichere an Macht oder Leibesfülle gewesen sei? Ob er eine zierlichere an Einfluss oder in ihrem Körperbau gefunden habe, ließ er offen, wie er auch keinen Namen nannte. Dabei war es zu einer Katastrophe gekommen, hinter der der Weltuntergang zunächst zurückstehen musste. Doch dass er das Techtelmechtelgefecht nur angefangen, um an Informationen für einen eventuell in Zukunft zu lösenden Fall zu kommen, stand außer Frage. 

  »Aber, der Welt-Untergang?« wollte ich dennoch wissen. »Der chinesische Drachen ...«, antwortete er kryptisch, »Europa ... Olympia ...« – Ich überlegte. »Das chinesische Europa? Oder ein olympisches Luder? Wer denn nun? Wer ist der Sexdrachen, Hollmes?!« Verrußten Gesichts sah Kuno aus der Küche. Hinter ihm sah ich statt der Dampframme einen Backofen, den er wohl gebraucht und günstig erworben hatte. 

Glückstreffer, staunte ich. Denn allein die Backröhre war so groß, dass ein Straußenvogel bequem hineinspazieren konnte.  

  »Die Katastrophe ist für mich schlimmer als der Welt-Untergang, Watzon«, sagte Hollmes. »Zacken«, stöhnte er zu meiner Verblüffung. 

»Kleine, kleine Zacken, Watzon.«  

  War es also gar keine Ministerin, sondern eine Adlige gewesen, mit einer Krone? Eine adlige Ministerin?  

  »Und Rundungen.« Das verstand ich besser als das mit den Zacken.  

  »Natürlich trägt längst nicht jede von ihnen einen Stempel, Watzon«, fuhr er fort. »Oh, nein. Längst nicht.« Ich überlegte, wie weit man in dieser Bundesregierung wohl gehen mochte, um echte von falschen Ministerinnen zu unterscheiden. Waren Stempel – auf welchem Körperteil auch immer – mit dem Datenschutz vereinbar? Kuno ging durch die Kneipe und schloss trotz starker Hitzeentwicklung aus Richtung Küche vorsichtshalber das Fenster. Es schien hier nicht nur um Staatsgeheimnisse zu gehen. In Hohenschönhausen, wo sich das »Hitchcock« befindet, hört man weitaus besser, als noch gesehen wird.  

  »Manche klebt hinten sogar noch ein bisschen, trotz des Alters«, fuhr mein Freund fort. In Gedanken rechnete ich nach, wie viele Ministerinnen es eigentlich in der gegenwärtigen Regierung gab. Rechnete man die eine, na, Sie wissen schon, dazu, dann ... »Mhm-mhm«, machte ich. Dass manche von ihnen eine schleimige Repräsentantin war, mochte angehen. Meinte er das mit »klebrig«? Ich drehte eine Runde um den Tisch. Offensichtlich war ich heute der Detektiv und Hollmes ein Klient. Hinter seinem Rücken deutete ich dem Wirt eine emotionale Katastrophe an, wobei ein in die Luft gemaltes Riesenherz noch das am wenigsten obszöne Zeichen war. Kopfschüttelnd verschwand er wieder in der Kombüse, in der möglicherweise gerade eine Feuerbrunst ausbrach.  

  Ich gab mir einen Ruck. »Halten wir fest, Hollmes: Sie ist klebrig, hat Zacken und – mhm-mhm – Rundungen, richtig? Und – sie trägt einen Stempel?!« Das hatte die Welt noch nicht gesehen: Ein Held für alle Ewigkeiten, ein Genie, ein so superlativer Supra-Super-Detektiv – dass dieser auf etwas so Profanes wie eine Politikerin verfällt. Er schwieg. 

Ehrlicherweise wusste ich aber nicht nur deshalb kaum, wie ich vorgehen sollte. Während Kuno, wieselflink zurück, an der Theke sein einziges Halbliterglas auswusch, in dem er manchmal Kaffee und Bier, gern auch zur selben Zeit, zum Gast bringt.  

  Gleichviel, welche außersexuellen Ziele der Detektiv bei der Politikerin verfolgt hatte – sie konnte die ihren bei ihm verwirklicht sehen. »Man sollte jedes Land auf der Welt teilen«, sagte ich darum, hilflos. »Nicht nur Brasilien, Chile (längs? oder quer?) – auch die Ukraine, Bulgarien oder Deutschland, Hollmes.« – »Aber nicht das ›Hitchcock‹«, wandte Kuno ein. In das eben durch die Küchenhitze getrocknete Glas sprühte er sehr ausdauernd etwas, denn nachher sollten Kaffee oder Bier darin möglichst einen Geschmack haben. Er verschwand wieder. »Jedes Land der Welt, Hollmes.« Ich hatte beschlossen, ihm von meiner jüngsten Lieblingsutopie zu erzählen, um zu beruhigen und abzulenken. »Beide, der eine wie der andere der so entstehenden Teilstaaten, wären dann verpflichtet, ein eigenes politisches wie wirtschaftliches System einzurichten – höchst originell und immer verschieden. Und einer würde immer ganz genau auf den anderen gucken, was ja bei Ländern unterschiedlicher Nation längst nicht so ist … Sozialismus? Pah! Kapitalismus? Pah! Aber, Hollmes, mal abgesehen von der Konkurrenz innerhalb dieser siamesischen Paare, die vielleicht das weltweit einheitlich so miese Umgehen mit Menschen verunmöglichen würde: Wir müssen endlich wieder was Neues ausprobieren. Vielfach, überall.«  

  Er wiegte den Kopf. Schlief er? Sein Mund öffnete sich, der Geschmacksflachmuskel zeigte sich und … Die Schwingtür zu Kunos Küche schwang. Auf einem Brett trug der breit grinsend eine Pizza herein. Ich hob die Hand, starrte auf Hollmes’ Zunge, aber der Wirt zeigte mir sein kulinarisches Wunderwerk. Er balancierte es am Fenster vorbei, das er erneut öffnete. Diese Pizza sei nur die Vorform dessen, was er eigentlich plane, erklärte er. Sie trug die Umrisse Europas. Die südlichen Regionen waren stark angebrannt, die nördlichen äußerst roh. Sofort zückte er ein breites Messer, teilte den ungelungenen Kontinent (östlich-westlich? südlich-nördlich? – das konnte ich nicht feststellen) und begann, ihn behaglich zu verspeisen. Indes Hollmes’ Zunge hing und sich zeigte: mit winzigen Zacken! Kleinsten Rundungen! Klebrig, sehr zart, bunt. Bei Kuno war gerade Island noch übrig, dann nur noch Reykjavik, als ich endlich die kleine Briefmarke als eine solche auf Hollmes’ Zunge erkannt und bewundert hatte. Der Detektiv sagte: »Außer Liechtenstein, Watzon. 

Liechtenstein wollen wir nicht teilen.«  

  Denn es war eine Briefmarke von dort, die ich ihm nun vorsichtig von der Lingua entfernte. Es war der letzte Rest seiner Altervorsorge – für später, fürs wirkliche Alter. Wegen ihr hatte er vorhin so nuschlig geklungen. Nicht als Spätfolge der intimen Begegnung, wie ich geglaubt hatte. Alle anderen Briefmarken seiner Liechtenstein-Sammlung hätte die Politikerin mitgehen lassen. »Also war sie bei Ihnen im Zimmer im Seniorenstift gewesen, Hollmes? In Hellersdorf?« Dass er die Marke nicht gespürt hatte, bewies nichts anderes, als dass er seither nichts gegessen, kaum getrunken hatte. Zärtlich betrachtete Hollmes das kleine Druckwerk, indes Kuno stolz eine zweite Pizza hereintrug. Hollmes musste jetzt aber endlich was essen: Europa, dessen nördliche Breiten diesmal schwarz verkrustet, dessen südliche Gestade jetzt äußerst zermatscht daherkamen. 

  Wir werden nie erfahren, wie seine Liechtenstein-Sammlung entstand. Als er kauend davon erzählen wollte, fiel ihm der Wirt sofort ins Wort. Dass das Briefmarkentum im Zwergstaat auf eine wechselvolle, lange Geschichte zurückschaue, mit Schweizer und mit österreichischen Marken, die zeitweise auch im Fürstentum Geltung besaßen, mit zahlreichen Fehldrucken, mit der Veröffentlichung von Marken, die nie herausgegeben hätten werden dürfen, mit den Liechtensteiner Europa- und Olympiamarken also, und mit philatelistischen Koproduktionen – mit China etwa: der gewaltige rote chinesische Drache, eingeschlossen von einem spießigen Zackenzaun aus der Monarchie. »Hollmes’ Sammlung war demnach eine gewaltige Menge ehemaliger, jetziger und zukünftiger Spekulationsobjekte?« fragte ich: »Mit entsprechenden Aussichten auf dem Markt?« Beide nickten. Seine Altersvorsorge, die jetzt verschwunden war.  

  »Woher wissen Sie das alles?« und »Wie kamen die Marken abhanden?« Die eine Frage ging an Kuno, die andere an Hollmes. Sie antworteten gleichzeitig, wobei ich nur »durchzechte Nacht« und »sie aufs Laken niedergeworfen« verstand. Ich schickte Kuno erst einmal Leitungswasser in seinem schönen Halbliterglas holen, das sich in Verbindung mit dem Gesprühten von vorhin vielleicht aufs Beste in Limonade verwandeln würde. 

Unterwegs rief er: »In einer durchzechten Nacht hat Hollmes mir alles über seine Marken erzählt.«  

  Die er der Frau – männlich-philatelistisch-eitel – bei der amourösen Begegnung hervorgekramt. Welche dann kunterbunt auf dem Laken gelegen hatten, denn Hollmes war derart in einen Rausch geraten, dass ihm die Vorsorge für die Vorsorge, abhandengekommen war. Irgendwann in der Nacht klebten alle seine Marken an ihr. So dass er sich in sie verliebt hätte, wäre er nicht, tja … eingeschlafen. Beim Aufwachen keine Spur mehr von ihr: Die Frau glänzte durch Abwesenheit, wie das eben nur Ministerinnen können. »Watzon könnte doch zu ihr hingehen und versuchen, sie zu verführen«, schlug Kuno vor. »Er soll nachschauen, was von den Marken noch existiert, also hier und da an ihr noch festklebt.« Die beiden sahen mich an. Ich musste plötzlich zur Toilette. Aber nicht wegen des Vorschlags, wirklich nicht. Draußen quietschten Reifen, und seit einigen Jahren löst dieses Geräusch in mir starken Harndrang aus.  

  Als ich von der Toilette zurückkam, fand ich die Situation völlig verändert. Nicht nur, dass die Hitze inzwischen auch im Gastraum, trotz des offenen Fensters, unerträglich war – drei Fremde waren hinzugekommen, während Kuno nicht mehr zu sehen war. In der Frau erkannte ich sofort eine Politikerin. Und – war es nicht genau jene?! Zwei Männer in fremden Uniformen begleiteten sie. Die sahen übel aus. Am übelsten von allen aber hatte es Hollmes getroffen. Leblos wirkte er, mitleiderregend mit seinem teigigen Gesichtsausdruck. Es stank nach verbranntem und rohem Europa in der ganzen Bude.  

  Die Männer waren von der Fürstlich-Liechtensteiner Briefmarkenpolizei. 

Auf eine Anzeige hin eben dieser Frau hier seien sie gekommen und müssten nun ihres Amtes walten. Waltern, hatte ich erst verstanden und an Ulbricht gedacht. Aber es stand ernster. – Diese Frau also hatte ihn aufs Kreuz geworfen. Bildlich gesprochen. Vielleicht hatte Hollmes vor der fraglichen Nacht statt seiner Seniorenheim-Abendmedizin versehentlich zwei oder drei Viagra eingenommen. Sonst wäre es gar nicht zu der Begegnung gekommen, wer weiß. Oder zu den Folgen der Begegnung. Von Anfang an jedenfalls hatte sie bei ihm einen Ankerplatz für ihren Widerhakenwillen gesucht. Wurde jetzt durch ihre flammende Rede in Kunos beinahe brennender Hütte deutlich. Sie suchte bei Hollmes nach einer Schwäche und sie fand sie – trotz des Potenzmittels: die Liechtensteiner Marken.  

  Er selbst sagte nichts. Er schien in sich zusammenzusacken. Ich betrachtete derweil seine Füße. Die schwarz wie Kohle waren. Warum trug er dann keine Schuhe? Ich schämte mich für ihn. Aber möglicherweise hatten sie’s in der Nacht auch zu dolle getrieben. Er würde Monate brauchen, seinen Anzug wieder auszufüllen.  

  Das Outfit der Liechtensteiner Philateliepolente hingegen erinnerte an DDR-Kampfgruppen-Uniformen. Fesch irgendwie – wenn man sich an den Anblick gewöhnt hatte. – Ganz im Ernst: Vor über dreißig Jahren boykottierte das Fürstentum die Olympischen Spiele in Moskau. Mangels Sportlern in dem kleinen Land, möchte man meinen. Jedoch fast der ganze Westen machte es so, da die Russen damals gerade in Afghanistan einmarschiert waren. Die schon vorher von den Fürstlichen in Auftrag gegebenen und gedruckten Olympia-Marken sollten sämtlich ins Feuer. In den Jahren danach fanden sich indes einige von ihnen stets auf Versteigerungen, wurden Kult- und Wertgegenstände: wahre Schätze; ganz klein immerdar, dem lokalen wie allen Fürsten ins Gesicht zu lachen. Bis die Liechtensteiner darauf verfielen, allen, die noch immer solche Marken besaßen, nachzustellen. Die Idee einer philatelistischen Eingreiftruppe war geboren, wie sie nun, anzugsweise, in Kunos guter Stube stand. Alle noch im geheimen vorhandenen Marken mussten unweigerlich kleben bleiben, da die Temperaturen den Schweiß selbst noch durch die Poren der Kampfanzüge trieben.  

  Aber weshalb sagte Hollmes nichts zu diesem Ministeriumsmiststück? Ich selbst stand wie unter Schock. Da half auch nichts, dass es ein Erweckungssignal gab: einen gut hörbaren Knacks im sich weiter verdichtenden Pizzadunst. Hollmes fiel der Kopf auf die Brust. Von dort rutschte das Haupt weiter Richtung Körpermitte. Einer der Beamten trat hinzu, um ihm am Handgelenk den Puls zu fühlen. Umgehend zog er die Fingerspitzen zurück. Er blies daran. »Der ist hinüber«, erklärte – wohl – sein Vorgesetzter. Die internationale Truppe unter deutschem Oberkommando zog ab.  

  Ich indes wagte nicht, Hollmes anzusehen. Ich tat es dann doch. Als sich die Küchentür öffnete und er, nur mit einem Geschirrtuch bekleidet, heraustrat. Mein guter alter Freund! Er lachte sein laut- und zahnloses Lachen. »Es geht also«, sagte hinter ihm Kuno. »Mit dem Ofen kann man Pizzas in Detektivgröße backen. Auch in nachdenklichen Formen, wie bei Rodin.«  

  »Zu viel Unterhitze.« Noch in der Absence wies ich mechanisch auf die Füße der Plastik. Indes das Original gut aussah. Wahrhaft schön gebräunt kam er aus der Küchensauna. – »Warum«, fragte ich endlich. 

»Warum wollte die Sextante Sie erledigen?«  

  Hollmes schwieg lachend. Zahnlücke um Zahnlücke blitzte im Halbdunkel seines Mundes. »Mensch, Watzon«, knurrte Kuno, der Pizzator. »Er ist doch einer der wichtigsten Köpfe der APO, der Außerparlamentarischen Option. Viele, die meinen, in diesem Lande etwas zu sagen zu haben, hat er schon zur Strecke gebracht. Mochten sie auch noch so sehr im Skandalsumpf untertauchen.«  

  »Wer weiß, nächstes Mal sind Sie dran«, setzte Holmes hinzu. »Man vergisst Ihnen nicht, dass Sie mein unersetzlicher Assistent und Freund sind, Watzon.« Stolz reckte ich mich. »Wir hätten des Quietschens der Reifen nicht geachtet, hätte nicht Ihre Blase so aufmerksam reagiert«, fuhr er fort. »Allersofortens waren wir am Fenster und …«  

  »Ich habe die Detektivpizza rechtzeitig in Hollmes’ Anzug geschoben.« Kuno wies seine verbrannten Finger vor. Ich mochte dem Heldenepos nicht mehr folgen und dachte beklommen daran, was wäre. Wenn nun tatsächlich so eine Eregierungsbeamtin darauf verfiele, meinen Schwachpunkt zu entdecken? Der wäre schnell gefunden. Hatte ich doch die letzte Ration Viagra, die man monatlich in meinem Seniorenwohnheim Marzahn erhält, mit anderen, vorherigen Portionen, und Wasser längst zu einem Brei verrührt. An den entsprechenden Stellen aufgetragen, konnte man alten, wackligen Möbeln damit wieder entschieden mehr Standfestigkeit verleihen. Die liebe Schwester Marianne hatte mich darauf gebracht.  

  Hollmes hatte jetzt aber auch einen Hunger. Er aß Hollmes. Und wir halfen ihm dabei. Vorher aber war er zur Toilette, sich die passenden Zähne einzusetzen. Heutzutage besitzt man ja zwanzig künstliche Gebisse. 

Für jede Gelegenheit eines. Der Typ »Italienische Krisenkauer«, passend zum Menü, stand Hollmes hervorragend. »Lassen Sie uns für eine Weile die Identität tauschen«, sagte er zu mir. »Ich – Watzon, Sie – Hollmes.« In Tarnung und verdeckter Ermittlung sind wir Meister. »Ich würde dann für Sie die nächste sexuelle Attacke abwehren.« Aus seiner Westentasche holte er zwei Pillen und warf sie in den Ring. Äh, auf den Tisch. Ich atmete hörbar aus. Aber eine Sorge plagte mich noch. »Und der Weltuntergang?«  

  Kuno sah Hollmes an. Der winkte ab. »Ich mein doch die Bonner Die Welt. 

Extremst regierungsnah. Derart Blätter halten sich nicht mehr lange. 

Oder?« Derweil Kuno sein einziges Halbliterglas herumreichte. Aus dem es noch nach dem vierten Füllen mit Hohenschönhausener Wasser aromatisch schmeckte.  

 

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Für Wissen und Fortschritt: Über Western  

Reinhard Jellen 

In: junge Welt online vom 05.12.2015 

Wochenendbeilage 

 

 Während Howard Hawks das Western-Genre in »Rio Bravo« (1959) und »El Dorado« (1966) von der Lustspielseite her anging, war Regiekollege John Ford für das Tragische zuständig. Hawks drehte die beiden Filme als Reaktion auf den Western »High Noon« (1952, Regie: Fred Zinnemann), zu dem Carl Foreman (der in Hollywood auf der schwarzen Liste stand) das Drehbuch verfasst hatte. Darin kündigt sich in einer amerikanischen Kleinstadt am Hochzeitstag des von Gary Cooper gespielten Sheriffs mit einer Quäkerin ein Bandenführer mit seinen Kompagnons an, der vom Sheriff einst in den Knast gesteckt wurde. Die ganze Stadt wendet sich von Cooper ab, er muss alleine gegen die Banditen kämpfen. Seine Frau rettet ihm das Leben, indem sie einen Banditen erschießt. Am Ende wirft Cooper den Sheriffstern auf den Boden. Dieser Film wurde von einem Kommunisten geschrieben, war aber auch ein Favorit von Ronald Reagan, vermutlich, weil hier ein rechtschaffenes Individuum für das nur noch oberflächlich funktionierende Gemeinwesen die Kastanien aus dem Feuer holt.  

  Der konservative Hawks fand den Film, der relativ offen das Versagen der amerikanischen Zivilgesellschaft während der Kommunistenhatz und McCarthy anprangerte, hingegen »unamerikanisch« und drehte mit John Wayne jene zwei Western, die eine ähnliche Grundkonstellation haben: Ein Sheriff muss sich in einer Kleinstadt einer großen Übermacht von Gesetzlosen stellen. 

Diesen Kampf muss er aber nicht alleine ausfechten, sondern er hat ein paar Außenseiter auf seiner Seite, z.B. einen Säufer, einen alten Mann, einen mit Schusswaffen unerfahrenen Jungspund und eine emanzipierte junge Frau mit zweifelhaftem Ruf. Deren spezielle Fähigkeiten werden je nach Situation wirkungsvoll kombiniert, die Schwächen des einzelnen damit ausgeglichen. Hawks machte also aus der dramatischen Situation eine optimistische Komödie, in der kollektivistisch agiert wird. So hat sich ausgerechnet der konservative Hawks dem Kommunismus genähert, indem er zeigte, welches Potential ein kleines, aber solidarisches und entschlossenes Kollektiv in sich birgt.  

  Während es Hawks, als er den Blick auf die demokratischen Tendenzen des amerikanischen Gründungsmythos richtete, gewissermaßen um die Zukunft in der Gegenwart zu tun war, versenkte sich der Demokrat John Ford in dessen gewalttätige und rassistische Vergangenheit: Mit »The Searchers« (1956) drehte er einen Western, in dem die archaischen und reaktionären Sedimente der amerikanischen Geschichte ans Licht und gegen die USA in Stellung gebracht werden: In diesem äußerst düsternen Western-Epos nimmt ein ehemaliger Soldat der Südstaaten die Verfolgung eines Comanchen-Stammes auf, der seinen Bruder samt Familie abgeschlachtet und die beiden Tochter entführt hat. Anfangs nur vom Motiv blindwütiger Rache getrieben, entreißt er den Indianern am Ende einer Jahre währenden Odyssee die mittlerweile längst zur Squaw gewordene jüngere Tochter des Bruders und bringt sie nicht um, wie es sich über lange Zeit im Film angedeutet hat.  

  Der brutale Wayne-Charakter und sein nicht minder archaischer Gegenspieler, der Indianerhäuptling Scar (der ebenfalls auf Rache aus ist, seit die Weißen zwei seiner Söhne ermordet haben) müssen sich gewissermaßen aneinander abarbeiten, um der Zivilisation den Weg zu ebnen, wobei der Indianer getötet und der andere als lebendiges Gespenst einer vergangenen Welt davon nichts mehr haben wird. Bereits hier deuten sich Bezüge zu Hegelscher Drama- und Geschichtsphilosophie an, deren Darstellung fünf Jahre später in meinem Lieblingswestern, »Der Mann, der Liberty Valence erschoss«, zur vollen Blüte gelangen wird.  

 

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Pol & Pott: Kesselgulasch  

Ina Bösecke 

In: junge Welt online vom 05.12.2015 

Wochenendbeilage 

 

 Schluckauf ist nicht nur Schluckauf, nicht unbedingt jedenfalls. Ernst Lubitsch hat gezeigt, dass es sich um eine körperliche Reaktion auf Tieferliegendes handeln kann, zum Beispiel eine Ehekrise. Jill (Merle Oberon) aus Lubitschs Film »Ehekomödie« (USA 1941) möchte das erst mal nicht wahrhaben. »Alles in Ordnung«, erklärt sie einer Freundin auf Nachfrage, gibt dann aber doch zu, dass ihre Ehe längst nicht das ist, was sie erhofft hat, nämlich ein Mysterium. Statt Aufregung bietet ihr Mann Larry (Melvyn Dougles) Langeweile und blöde Kiekse (er kiekst sie ständig in die Seite und lacht sich tot). Es gibt sicherlich Schlimmeres im Eheleben. Aber es ist auch verständlich, dass die Frau enttäuscht ist. 

Sie hat ja sonst nichts zu tun, als sich den lieben langen Tag nach der Liebe ihres Ehemannes zu sehnen.  

  Es wird nun bald aufregender. Im Wartezimmer eines Psychologen (dahin gehen reiche Ehefrauen mit Schluckauf-Problemen) trifft sie Sebastian (Burgen Meredith), einen schlechtgelaunten Pianisten, der sämtliche Gegenstände der Einrichtung mit einem »Pfui« bewertet. Die beiden gehen in eine Galerie und später zu ihr nach Hause. Der Ehemann erwartet gerade ungarische Geschäftsleute. Es riecht nach Gulasch im Haus. Damit glaubt Larry, die Ungarn erfreuen zu können. Tatsächlich wird das von seinen Angestellten zubereitete Gulasch von allen gelobt. Später werden die lieben Gäste aber von den eher atonalen Musikeinlagen des Pianisten am Klavier zum Aufbruch gezwungen. Nur Jill ist begeistert von Sebastian. Sie nennt ihn Mozart. Eine Affäre beginnt, die Scheidung wird eingereicht.  

  Kann ein schlechtgelaunter, selbstverliebter Künstler eine verwöhnte Dame aus der oberen Mittelschicht auf Dauer beglücken? Kann überhaupt jemand eine verwöhnte Dame aus der oberen Mittelschicht auf Dauer beglücken? Nur Männer mit Geld kommen in Frage. Die Rückeroberung des Ehemannes ist ähnlich lustig wie sein Verlust.  

  Bäuerliches Kesselgulasch vom Rind mit Paprika und Kartoffeln: 800 g Rindfleisch von der Wade oder Schulter in drei Zentimeter große Würfel schneiden. Drei Zwiebeln schälen, grob würfeln. Eine Möhre, eine Petersilienwurzel schälen, in kleine Würfel schneiden. Eine rote Paprikaschote halbieren, entkernen, in Steifen schneiden. Eine Knoblauchzehe schälen, fein hacken. Vier El Schweineschmalz in einem großen Schmortopf erhitzen, Zwiebeln darin goldbraun anbraten. Zwei El edelsüßes Paprikapulver, ein El Tomatenmark dazugeben und kurz anrösten. 

Mit einem Viertel Liter Wasser ablöschen. Möhre, Petersilienwurzel und Fleisch hinzufügen, mit Knoblauch, Salz, Pfeffer, ein Tl Kümmel, ein Tl Majoran würzen. 30 Minuten zugedeckt schmoren. Vier große Kartoffeln waschen, schälen, in zwei Zentimeter große Würfel schneiden. In einen Topf geben, knapp mit Wasser bedecken, salzen und nicht ganz gar kochen. 

Kartoffeln abgießen, dabei das Kochwasser auffangen. Kartoffeln beiseite stellen. Paprika zum Fleisch geben, zwei Schöpfkellen Kartoffelkochwasser dazugeben. Bei kleiner Hitze zirka 30 Minuten köcheln lassen. Kartoffeln untermischen. Köcheln lassen, bis das Fleisch weich ist.  

 

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Durch Schnee und Eis  

Eine Tragödie unserer Zeit: Flüchtlinge, die die deutsch-österreichische Grenze passieren. Der Empfang in einem kalten Land  

Michael Merz 

In: junge Welt online vom 05.12.2015 

Wochenendbeilage 

 

 In den letzten Tagen sind deutlich weniger Flüchtlinge in der BRD angekommen als noch vor zwei Wochen. Manch einen wird diese Nachricht zunächst beruhigt haben. Aber ist das ein Grund zur Erleichterung? Nein. 

Millionen Menschen vegetieren in türkischen oder libanesischen Lagern, die Odyssee übers Mittelmeer können sie aufgrund schlechter Wetterbedingungen vorerst nicht mehr antreten. Auf dem Balkan versperren Grenzzäune den Weg. 

Hier geht es weiter ums nackte Überleben. Und in der Heimat der meisten Migranten erlischt derweil das letzte Fünkchen Zivilisation – in Afghanistan wird der Krieg mit deutscher Beteiligung im nächsten Jahr mit unverminderter Härte weitergeführt werden, über den Schlachtfeldern in Syrien kreisen künftig auch Bundeswehr-Tornados.  

  Unsere Fotoreportage zeigt Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze und in einem bayerischen Erstaufnahmelager. Sie haben es bis zu uns geschafft. Sie trotzen den Temperaturen um den Gefrierpunkt in unzureichender Kleidung und hoffen, dass das Ende ihrer Strapazen in greifbare Nähe rückt. Diese Menschen betreten ein Land, in dem auf ihrem Rücken ein falsches Spiel ausgetragen wird. Der Kanzlerin wird ein temporär gezeigtes Mindestmaß an Realismus als Schwäche ausgelegt, währenddessen die nächste Asylrechtsverschärfung aus der Feder ihrer Regierung schon in der Schublade liegt. Ein Koalitionskrach verzögert das Festklopfen von noch inhumaneren Gesetzen. In den warmen Büros und Konferenzräumen Berlins debattieren CDU, CSU und SPD, inwieweit Familien zerrissen werden oder welche Form medizinischer Versorgung der Staat den Migranten zubilligt. Ob es »Obergrenze« oder »Kontingentlösung« heißen soll, wenn Menschen künftig vor dem Schlagbaum abgewiesen werden. 

Mit ihrer Entscheidung haben die verantwortlichen Politiker gerade die im Blick, die sich »Asylkritiker« nennen. Vor überfüllten Massenunterkünften stehen diese und empfangen Neuankömmlinge mit »Abschieben, Abschieben«. »Patrioten« verwehren sich dagegen, mit militanten Neonazis in einen Topf gesteckt zu werden, welche Brandsätze auf Flüchtlingsheime werfen. Ihrer Zündelei können sie heutzutage auch im Internet genüsslich und ohne Konsequenzen zu fürchten nachgehen.  

  Ein bedeutender Teil der Bevölkerung hilft tatkräftig und bereitet den Flüchtlingen ein menschenwürdiges Willkommen: Aktivisten, Helfer, etliche Kommunalpolitiker und auch Polizisten. Sie sind es, die den Laden zusammenhalten, der ohne ihr Zutun längst kollabiert wäre. Sie sind es, die im alltäglichen Geschrei viel zu wenig Gehör finden.  

 

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