Wochenendbeilage der jungen Welt

vom 07.11.2015  


  

»Der Euro-Ausstieg ist eine Waffe«  

Gespräch  mit Heiner Flassbeck. Über die Euro-Krise, Möglichkeiten einer linken Alternative und die fehlende, aber dringend notwendige Debatte über einen »Plan B«  

Simon Zeise 

In: junge Welt online vom 07.11.2015 

Wochenendbeilage 

 

 Die Regierung des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras hat beschlossen, die Kürzungsauflagen, die die Europäische Zentralbank, der Internationale Währungsfonds, die EU-Kommission und der Europäische Stabilitätsmechanismus einfordern, umzusetzen. Am 20. September wurde Tsipras erneut zum Ministerpräsidenten gewählt. Stimmt Sie der Wahlausgang optimistisch? 

 Nein, da kann man nicht optimistisch sein, weil die Wahl nichts an der Situation geändert hat. Ministerpräsident Alexis Tsipras wird versuchen, noch etwas herauszuholen, aber ich glaube, da braucht man keine großen Hoffnungen zu haben. Grundsätzlich wird sich das Programm nicht ändern. 

Es ist restriktiv. Meiner Einschätzung nach wird es Griechenland weiter in die Krise treiben. Die kritische Frage in einem Jahr – wenn Griechenland noch tiefer in die Rezession gerutscht sein wird – wird sein, ob Tsipras dann genug Unterstützung von Regierungen im Rest Europas findet, die sagen: Nein, so geht es nicht, wir müssen die Politik ändern. Das kann ich nicht ausschließen, und das ist wohl seine Hoffnung. Aber auch das ist überhaupt nicht sicher. 

 Welchen Fehler hat Tsipras gemacht? 

 Er hat etwas versucht, das von vornherein unmöglich war. Insofern kann man nicht sagen, er hat einen Fehler gemacht. Er war nur naiv, denn er hat nicht verstanden, dass man mit einem rein griechischen Mandat in Europa nichts erreichen kann. Zwar hat er versucht, Freunde zu finden, vor allem in Frankreich und Italien, aber die waren nicht stark genug oder bereit, sich wirklich auf seine Seite zu stellen. Die einzige Option, die er hatte, war, eine Koalition zu formen, die sich gegen Deutschland stellt und sagt: So geht es nicht. Die hat er nicht gefunden, und damit hatte er von Anfang an keine Chance. 

 Ein Alternativprogramm, wie Sie es vorschlagen, wäre, für einen Austritt aus der Gemeinschaftswährung einzutreten. 

 Ja, aber das wollen die Leute in Griechenland nicht. Es gab ja eine Partei, die »Volkseinheit«, für die habe ich selbst bis kurz vor der Wahl in Athen geworben. Sie hat aber nur 2,8 Prozent gekriegt, was zeigt, dass die Griechen keinen Ausstieg wollen. Jetzt warten die Leute mal ab und sehen, ob es Tsipras, weil er so ein geschickter Bursche ist, nicht doch irgendwie hinkriegt, es ins Positive zu wenden. Das halte ich für eine grandiose Illusion, aber die Masse der Griechen wird so gedacht haben. Das kann man ihnen auch nicht verübeln. Was sollen sie machen? Der Ausstieg aus dem Euro ist schließlich ein großer und riskanter Schritt. Ich glaube, dass die Griechen keiner Partei zutrauen, einen vernünftigen, geordneten Austritt ohne Katastrophe über die Bühne zu bringen – Punkt, aus. 

 Sie haben Anfang 2015 gefordert: Raus aus dem Euro und möglichst schnell eine informelle Parallelwährung schaffen. Und mit diesem Programm in der Hinterhand in harte Verhandlungen mit der Troika treten. 

 Man muss einen »Plan B« haben, um überhaupt verhandeln zu können. Das habe ich Tsipras auch schon vor zwei Jahren gesagt: Wenn du keine Waffe hast, brauchst du überhaupt nicht verhandeln. Dann kannst du dir sofort diktieren lassen, was die Troika will. 

 Welche Waffe wäre das? 

 Die Waffe ist der Ausstieg. Griechenland ist zwar klein, aber die einzige Waffe, die man bei den Verhandlungen auf den Tisch legt, ist: Wenn ihr das nicht macht, dann steige ich aus, habe einen Plan B und bin damit ein Vorbild für viele andere Länder, die es uns dann nachtun können. Das ist die einzige Drohung, die Griechenland hat. 

 Frankreich oder Italien sind groß und stark genug. Wenn die sagen, wir treten aus, dann kann Deutschland seinen Exportmarkt zumachen. Diese Drohung würde hierzulande sofort wirken, davon bin ich absolut überzeugt. 

Weil die deutsche Industrie dann nämlich sofort zur Kanzlerin geht und sagt: dass unsere Exportmärkte kaputtgehen, wirst du verhindern. Dann ändert Berlin seine Politik, hundertprozentig. 

 Sollte Tsipras, um den Kürzungsdiktaten zu entgehen, versuchen Kreditgeber außerhalb der EU ausfindig zu machen? Kämen Russland oder China nicht in Betracht? 

 Das ist unheimlich schwer. Russland ist selbst schwach. China könnte, aber macht so etwas nicht, weil es sich nicht in die Angelegenheiten anderer Länder oder Regionen einmischt. Es wird nicht wirtschaftlich in der Europäischen Union eingreifen. Es ist für China das größte Dogma im eigenen Land, dass niemand in die chinesischen Verhältnisse intervenieren darf. Das gilt für sie auch gegenüber dem Ausland, das würden sie nie tun. Wer ist denn sonst noch da? 

 Wäre die Entwicklungsbank der BRICS-Staaten – des Zusammenschlusses von Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – nicht eine Option? 

 Die BRICS sind selbst zu sehr zerstritten. Es wäre eine schöne Idee gewesen, aber sie hätten explizit in die Statuten der Entwicklungsbank reinschreiben müssen: Wir wollen eine andere Entwicklung, wir wollen eine andere Wirtschaftspolitik und eine völlig andere Entwicklungsperspektive. 

Aber davon steht nichts drin. Da steht nur: Wir machen alternatives Geld. 

Aber wofür dieses Geld da ist, das sagen sie nicht. Versuche, Alternativen zu entwickeln, habe ich in der Konferenz für Handel und Entwicklung bei den Vereinten Nationen, UNCTAD, immer wieder angeregt. Wenn die Entwicklungsländer, die G77, sich zusammenschlössen und sagten, wir schotten uns bis zu einem gewissen Grad ab und machen eine andere Wirtschaftspolitik, könnten sie unheimlich viel erreichen. Solche Ansätze gab es. Doch sind sie nicht kohärent genug. Man muss ja nur Indien und China zusammensetzen, dann ist es schon vorbei. Die Inder sind voll auf dem westlichen Weg, die Chinesen dagegen viel pragmatischer und haben andere Ideen. Südafrika ist auch hundertprozentig auf den Westen eingestimmt. 

Russland ist gegen den westlichen Weg, hat aber keine eigenen Ideen. Also, da kommt so schnell nichts zustande. 

 Sind Tsipras jetzt die Hände gebunden, und die griechische Regierung ist erpressbar? 

 Leider denke ich, dass es zu spät ist. Jetzt kann sich Tsipras nicht mehr gegen die Kürzungsdiktate wehren. 

 Sie selbst haben 1998 als Staatssekretär unter dem Finanzminister Oskar Lafontaine, damals noch SPD-Mitglied, versucht einer Reform des europäischen und globalen Währungssystems den Weg zu ebnen. Eigentlich sind auch Sie damals gescheitert. 

 Was heißt da »eigentlich«? Wir sind gescheitert! 

 Sie wollten 1998 die Macht der Finanzmärkte beschneiden. Die britische Zeitung The Sun hatte aus diesem Anlass sogar eine Sonderausgabe für Lafontaine gedruckt, mit dem Titel: »Ist dies der gefährlichste Mann Europas?« Wie läuft das, wenn man sich mit den Finanzmärkten anlegt? 

 Das war gar nicht der entscheidende Punkt. Es herrschte damals eine günstige Konstellation vor. Der Sozialist Lionel Jospin war Premierminister in Frankreich – einer der besten, die Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg hatte. Außerdem war Dominique Strauss-Kahn Wirtschafts- und Finanzminister, auch ein sehr guter Mann. Von daher waren es gute Voraussetzungen, nur machen wir uns nichts vor: Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder wollte mit denen nichts zu tun haben. Der war damals schon der Genosse der Bosse und wollte nichts anderes werden. Das hatten Lafontaine und ich unterschätzt. Er dachte, Schröder glaubt an seine sozialdemokratischen Werte und wird sich wie ein Sozialdemokrat verhalten, wenn es hart auf hart kommt. Aber davon war überhaupt nicht die Rede. 

Insofern war es gar nicht die Frage der Finanzmärkte. Es war innerhalb der sogenannten Sozialdemokratie schlichtweg nicht machbar. 

 Sehen Sie heute überhaupt noch eine Chance, eine keynesianische Wirtschaftspolitik europaweit zu installieren? 

 Das ist die kritische Frage. In meinen Augen gibt es schon Möglichkeiten, der Entwicklung in den nächsten Jahren eine andere Richtung zu geben. 

Angesichts der Unfähigkeit der neoliberalen Agenda, die Lage zu verbessern, wäre es leicht, ein Umdenken auch politisch durchzusetzen. Wer das anstoßen könnte, ist allerdings schwer zu sagen. Frankreichs Präsident François Hollande hätte Macht und auch noch Zeit genug, um es anzustoßen. Der ist aber zu schwach. Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi wird es auch nicht sein. Mir fehlen die Personen, die etwas ändern können. 

 Eine »neue Linkspartei« nach dem Vorbild von Syriza wird in Spanien derzeit hoch gehandelt. Zwischenzeitlich lag sie in Umfragen zu den kommenden Parlamentswahlen Ende Dezember dieses Jahres sogar vorn. Setzen Sie Hoffnungen in Podemos in Spanien? 

 Das wäre vielleicht eine Möglichkeit, aber die werden auch nicht stark genug. Die Sozialdemokraten in Spanien sind inhaltlich so schwach wie überall. Syriza hätte theoretisch einen Anstoß geben können für andere Länder, wirklich fundamental etwas zu ändern. Sie hätten das wirtschaftspolitische Denken ändern können. Derzeit halte ich eine solche Entwicklung aber für sehr unwahrscheinlich. Dennoch wird sich etwas ändern, weil Europa aus seinen Schwierigkeiten nicht rauskommt. Es befindet sich seit 2011 in einer Dauerrezession. Das will sich die Bundesregierung in Deutschland nicht eingestehen, aber in anderen Ländern wird es sehr wohl zur Kenntnis genommen. 

 Wie, denken Sie, wird sich die politische Landschaft in Europa verändern? 

 Ändern wird sich etwas. Aber die wahrscheinlichste Variante ist jetzt, ganz realistisch gesehen, dass dies den rechten Parteien vorbehalten sein wird. Weil die Linken versagen, werden die Rechten stärker, sowohl im Norden als auch im Süden. Die wesentlichen Faktoren sind Frankreich und Italien. Im Juni 2017 findet in Frankreich die Wahl zur Nationalversammlung statt, und im Oktober wird der französische Präsident gewählt. Wenn der Front National geschickt ist und seine Mehrheit im nächsten Jahr nutzt, um Propaganda für eine alternative Politik zu machen, kann es sein, dass er nicht nur die stärkste Partei wird, sondern Marine Le Pen Präsidentin. In Italien ist es genauso. Wenn die ökonomische Lage sich nicht drastisch verbessert, könnte die Lega Nord zusammen mit Beppe Grillo bei den italienischen Parlamentswahlen 2018 eine Mehrheit kriegen. Dann ist Italien auch verloren und Europa am Ende. 

 In Portugal ist es immerhin den Sozialisten, Linken und Kommunisten gelungen, sich auf ein Regierungsbündnis zu einigen ... 

 Ja schon, aber der konservative Staatspräsident Aníbal Cavaco Silva hat ihnen das Regieren untersagt. Mit der Begründung, Portugal müsse die Erfüllung der internationalen Verpflichtungen des Landes gewährleisten. 

Die Mitgliedschaft in der NATO und der Verbleib im Euro dürften nicht zur Disposition gestellt werden. Über Alternativen zur herrschenden Wirtschaftspolitik braucht man also nicht mehr nachzudenken, weil sie in Europa sowieso keine Chance haben. Die Wahlen in Portugal zeigen jedoch eine neue Wendung. Der griechischen Linken hatte man immerhin noch eingeräumt, mit der Mehrheit in der Euro-Gruppe zu verhandeln. So weit will es der Staatspräsident in Portugal gar nicht kommen lassen. Er verfälscht die Mehrheitsverhältnisse schon vorher und droht mit den europäischen Folgen. Der nächste Schritt ist, dem Wähler schon vor der Wahl zu sagen, er solle erst gar nicht auf die Idee kommen, anders als von der Euro-Gruppe gewünscht zu votieren. 

 Auch in der Linkspartei in Deutschland wird über den Euro debattiert. Sie hat sich insbesondere bei den letzten Wahlen zum EU-Parlament mit Kritik vornehm zurückgehalten. Müsste sie nicht offensiver gegen den Euro auftreten? 

 »Gegen den Euro« hört sich komisch an. Eine realistische Betrachtung des Euro ist wichtig. Ich glaube, dass viele nicht verstehen, wie tief die Wunde ist, die Deutschland in den Euro geschnitten hat. Die denken, wenn ich ein Pflaster drauflege, dann heilt sie wieder. Doch die Wunde heilt nicht, sie wird immer größer. 

 Wie schwer verwundet ist der Euro? 

 Die Verwundung ist tödlich. Wir haben immer noch einen zwanzigprozentigen Abstand der Lohnstückkosten zwischen Deutschland und Frankreich. Das kann einfach nicht so weitergehen. Frankreich muss wirtschaftlich überleben können. Auf Dauer kann es das so nicht. Vielleicht kann es sich noch fünf Jahre so durchschleppen, aber es kann unmöglich auf die letale Lohnsenkungspolitik setzen. 

 Weitermachen wie bisher kann es auch nicht, weil es permanent Marktanteile gegenüber Deutschland verliert. Das ist die Verletzung, die irgendwann zum Tode führt. Und das können viele auf der Linken nicht begreifen. Die denken, ja, da ist ein Kratzer. Und auf diesen Kratzer machen wir ein Pflaster drauf, und dann ist es wieder gut, und dann machen wir wieder Euro und Europa. Das ist eine falsche Einschätzung der wirtschaftlichen Lage. 

Die verstehen nicht, wie dramatisch ernst die Situation in Europa ist. Wenn man das versteht, dann muss man über Alternativen nachdenken. Wenn sich an der deutschen Wirtschaftspolitik in ganz kurzer Zeit nichts ändert, kann die Wunde nur geheilt werden, wenn einige Länder aus dem Euro ausscheiden und ihre Währung abwerten. 

 Worin liegen die Ursachen für die gegenwärtige Dauerrezession? Sehen Sie die Krise auf die Euro-Zone beschränkt, oder handelt es sich um eine Krise des gesamten Weltmarkts? 

 Beides. Wir haben zwei sich überlappende Krisen, die ähnliche Ursachen haben. Es gibt eine Lohnkrise in der ganzen Welt. Wir haben die niedrigste Lohnquote und die höchste Arbeitslosigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Das ist eine vollständige Widerlegung des neoklassischen Paradigmas. Die neoklassischen Wirtschaftstheoretiker und die neoliberalen Politiker plappern aber immer noch gebetsmühlenartig nach, dass sinkende Löhne zu mehr Beschäftigung führen und dann auch die Wirtschaft wächst. Sie wollen die Wahrheit partout nicht zur Kenntnis nehmen. Die hohe Arbeitslosigkeit führt in Wirklichkeit dazu, dass die Unternehmer weiter Druck auf die ohnehin schon niedrigen Löhne ausüben. Das ist die Lohnkrise in der Welt, die dazu führt, dass wir nicht richtig aus der Misere rauskommen. In den USA gibt es zwar eine kleine Entspannung: Der amerikanische Aufschwung ist immerhin existent, wenngleich schwach. Aber in der EU gibt es überhaupt keinen. Doch selbst der US-Aufschwung ist nichts im Vergleich zu dem, was die USA in ähnlichen Phasen in der Vergangenheit hatten. 

 Was müsste sich in Deutschland ändern, damit die Euro-Krise ein Ende findet? 

 In Deutschland müssen über viele Jahre die Löhne steigen. Nicht nur das bisschen Reallohnsteigerung, welches die Zeitungen derzeit verkünden, das ist lächerlich. Nach der Gemeinschaftsdiagnose der Institute werden die Tariflöhne in Deutschland in diesem Jahr um 2,3 Prozent steigen. Effektiv wird es noch weniger sein. Das ist lächerlich wenig. Es ist nur real ein wenig mehr, weil die Preise im Keller sind, weil wir Deflation haben. Sich darüber zu freuen, ist wirklich absurd. Wir brauchen fünf bis sechs Prozent höhere Löhne pro Jahr über einen Zeitraum von zehn Jahren, dann wäre das Problem gelöst. Aber selbst die Gewerkschaften trauen sich nicht, dergleichen zu fordern. Sie sind überhaupt nicht bereit, das Problem anzusprechen und anzugehen. 

 In dieser Hinsicht scheinen Sie der Haltung der Linkspartei nicht zu widersprechen. Ist die Lösung also so einfach? Löhne rauf und Pflaster drauf? 

 Ja gut, aber das ist doch nicht hinzukriegen. Die anderen Länder brauchen eine Handlungsperspektive. Sie können nicht warten, bis sich in Deutschland die Revolution durchgesetzt hat. Das wird niemand tun. 

Realistisch ist vielmehr: Wenn wir die Diskussion über den Ausstieg aus dem Euro nicht eröffnen, wenn wir nicht vorbehaltlos über diese Option reden – wenigstens eines temporären, auf fünf oder zehn Jahre befristet –, dann wird diese Forderung von den Rechtsradikalen aufgegriffen. Dann ist Europa tot. 

 

__________________________ 

 

Hitler will Weltkrieg  

Im Oktober 1935 verbreitete die KPD das auf ihrer »Brüsseler Konferenz« verabschiedete »Manifest« als Flugblatt in Deutschland 

In: junge Welt online vom 07.11.2015 

Wochenendbeilage 

 

Vom 3. bis zum 15. Oktober 1935 fand in Kunzewo bei Moskau eine Konferenz der KPD statt, die später als deren 13. Parteitag bezeichnet wurde. Aus konspirativen Gründen wurde als Tagungsort Brüssel angegeben. Die genaue Zahl der Delegierten ist nicht überliefert, es waren wahrscheinlich 34. 

Sie verabschiedeten eine Resolution und ein Manifest, das auf Flugblättern ab Oktober 1935 in Berlin, Göppingen, Stuttgart und anderen deutschen Orten verbreitet wurde. Hier ein Auszug: 

An das werktätige deutsche Volk! Arbeiter, Angestellte, Intellektuelle, Mittelständler, Bauern. 

In schwerer, ernster Zeit wendet sich die Kommunistische Partei Deutschlands an Euch! Unsagbar leidet unser ganzes werktätiges Volk und seine Jugend unter den gegenwärtigen Zuständen in Deutschland, unter der faschistischen Entrechtung und Unterdrückung, unter der drohenden Kriegsgefahr, unter der Zerstörung der deutschen Kultur, unter der allgemeinen Not, die die Hitler-Diktatur über unser Land gebracht hat. 

(...) 

Schwer muss das werktätige Volk dafür büßen, dass es den Versprechungen Hitlers Glauben schenkte, dass es ihm folgte und dem Finanzkapital die Aufrichtung der faschistischen Diktatur ermöglichte. (...) 

Wir, die zu einer Reichskonferenz der illegal kämpfenden Kommunistischen Partei Deutschlands in Brüssel versammelten Männer, Frauen und Jugendlichen aus dem Lande, die täglich im Kampfe gegen die faschistische Diktatur stehen, wir Kommunisten erheben unsere Stimme zu Euch! 

Tausende von Kämpfern aus unseren Reihen wurden wegen ihres Kampfes für die Freiheit des Volkes ermordet. Kein Tag seit der Errichtung der faschistischen Diktatur war ohne unseren Kampf. Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie schwer der Kampf ist. Die faschistische Diktatur mit ihrem umfassenden Machtapparate lastet wie ein Bleigewicht auf dem deutschen Volke. Aber im werktätigen Volke ruht die Kraft, diese Last von sich abzuschütteln. 

Eines ist dafür erforderliche: Vereinigen wir uns zum gemeinsamen Kampfe! 

Wir Kommunisten unterbreiten Euch unser Kampfprogramm gegen die faschistische Diktatur, für die Freiheit, den Frieden und die Sicherung der Existenz aller Werktätigen. Wir stellen an die Spitze des Programms den Kampf für die Freiheit des werktätigen Volkes, für die Wiederherstellung demokratischer Freiheiten und Rechte – für volle Organisations-, Versammlungs- und Pressefreiheit, für Glaubens- und Gewissensfreiheit, für Gleichheit aller Staatsangehörigen, ohne Unterschied ihrer Religion oder Rasse, für die Befreiung (Ernst) Thälmanns (1886–1944, KPD-Vorsitzender, im KZ Buchenwald ermordet, jW), (Carlo) Mierendorffs (1897–1943, SPD-Reichstagsabgeordneter und Publizist, jW), (Carl von) Ossietzkys (1889–1938, Journalist, erhielt 1936 rückwirkend den Friedensnobelpreis 1935, jW) und aller anderen eingekerkerten Antifaschisten und aller wegen Verletzung der volksfeindlichen Nazigesetze in den Kerkern sitzenden Volksgenossen, für eine allgemeine Weihnachtsamnestie. (...) 

Die Hitler-Regierung treibt mit ihrer provokatorischen Außenpolitik, die besonders gegen die Sowjetunion gerichtet ist, das deutsche Volk in einen neuen Krieg, der zu einer schweren Niederlage führen muss. Alle friedliebenden Menschen in der ganzen Welt sehen in dieser Regierung den Brandstifter eines neuen Weltkrieges. Hitler will den Krieg gegen die Sowjetunion. 

Seine Friedensphrasen sollen nur das werktätige Volk täuschen. Die ungeheuren Kriegsrüstungen sprechen eine andere Sprache. (…) Die Kriegspolitik nützt nur den Kanonenkönigen, den Kriegsgewinnlern, den Krupp und Thyssen, den Finanzräubern, den ostelbischen Junkern und Bauernschindern und der ganzen Schicht der braunen Bonzen, die sich auf Kosten des Volkes mästen wie Maden im Speck. (…) 

Gemeinsam mit der Sozialdemokratischen Partei, mit der Zentrumspartei, den Demokraten und mit allen Organisationen des werktätigen Volkes muss die Volksfront gegen Hitler, gegen die faschistische Diktatur für deren Sturz geschaffen werden. (…) 

Wir Kommunisten wollen den Sieg der Sowjetmacht! (...) Wir Kommunisten wissen, dass es über dieses Kampfziel noch Meinungsverschiedenheiten im werktätigen Volke gibt, dass die Mehrheit noch nicht zum Kampfe für dieses Ziel bereit ist. Aber das darf uns jetzt im Kampfe gegen die faschistische Reaktion nicht trennen! 

(…) Zögern wir nicht länger! Tragen wir gemeinsam die großen Losungen des antifaschistischen Kampfes durch das Land! Gegen die Kriegspolitik Hitlers, die das ganze Land in die Katastrophe führt! Für die Erhaltung des Friedens! (...) 

 

__________________________ 

 

Schwarzer Kanal: Vom Nutzen der »Aufarbeitung«  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 07.11.2015 

Wochenendbeilage 

 

Im Osten, erzählt der Spiegel vom 31. Oktober, sei Fremdenfeindlichkeit »viel stärker als im Westen«, und fragt die beiden Politikerinnen Katrin Göring-Eckardt (Grüne) und Sahra Wagenknecht (Die Linke), wie sie sich das erklären. Frau Göring-Eckardt bekundet, dass sie als Kind nie DDR-Fernsehen sehen durfte und wusste, dass das Gegenteil von dem, was am Esstisch erzählt wurde, gesagt werden muss, »wenn die Haustür aufgeht«. 

Heute weiß sie, was dem Spiegel auf seine Frage erzählt werden muss: Einer der vielen Gründe sei, dass »die Zeit des Nationalsozialismus in der DDR nie richtig aufgearbeitet wurde«. Der Antifaschismus sei dort »Staatsideologie« gewesen, und daher habe es »nie eine wirkliche Debatte über die Verbrechen der Nazis« gegeben. 

Wer hätte solch schlimme Folgen durch Entzug des DDR-Fernsehens ahnen können? Wenn dort antifaschistische Filme oder gar Serien über die Verbrechen der Nazis liefen, bekam die Thüringerin das nicht mit. Frau Göring-Eckardt ist so etwas wie eine verkörperte Teilantwort auf die Spiegel-Frage. Gegen sie, die gern die »westdeutsche Nationalhymne« (Spiegel) singt, weil sie »genau für die Freiheit, dies unter anderem tun zu dürfen« im Jahr 1989 »auf die Straße gegangen« ist, hat es Sahra Wagenknecht in einer Illustrierten wie dem Spiegel schwer. Sie bietet nur Tatsachen: Zur DDR-Schulbildung gehörten die Tagebücher von Anne Frank und Besuche in früheren Konzentrationslagern. Es spreche nun wirklich nicht gegen die DDR, »dass anders als in der Bundesrepublik nach 1945 nicht zahllose Altnazis in politischen und gesellschaftlichen Schlüsselstellungen überdauern konnten«. 

Irrt sich Sahra Wagenknecht? Laut Göring-Eckardt jedenfalls existierte in der DDR »ein brauner Sumpf, über den gar nicht gesprochen wurde, weil es ihn offiziell nicht geben durfte«. Es habe dort keine 68er-Bewegung, sondern »gestanzte antifaschistische Parolen und ein anderes 68, in Prag mit rollenden Panzern« gegeben. »Aufarbeitung« also Fehlanzeige, das Resultat: ostdeutsche Fremdenfeinde. 

In 70 Jahren schaffte es die »Aufarbeitung« aus dem Tischlergewerbe und dem Altautohandel, zur wichtigsten Vokabel des bundesdeutschen Umgangs mit dem Faschismus zu werden. Die Prager Regierung, die 2003 Soldaten in den US-Krieg im Irak schickte, hält heute Flüchtlinge z. B. von dort in Haftlagern. Krieg und Flucht konnten 1968 immerhin aufgehalten werden. Bis zum Beispiel Frau Göring-Eckardt in der DDR auf die Straße ging, um das »Lied der Deutschen« zu singen. 

Die »Aufarbeitung« war unerlässlich, damit Exwehrwirtschaftsführer und Sklavenarbeitsausbeuter im Westen ihre Kriegsgewinne in Milliardenhöhe behalten konnten – von den Flicks bis zu den Quandts. Im Osten wurden sie glatt enteignet. Faschismus und Krieg, Besatzung Osteuropas, Versklavung von Millionen Menschen und seither »Freiheit«, »Leistung« und »Aufarbeitung« haben sich gelohnt. 

Ein paar Seiten weiter im Heft liefert der Spiegel folgerichtig eine »Aufarbeitungs«sensation über »Braune Diener des neuen Staats« ab. Er meldet: »Hohe Beamte mit Affinität zu den Nazis bestimmten die Politik« des Bundesinnenministeriums mit. Das sei »irritierend«. Nun war die Wiederherstellung der 1945 deutschen Ämter einschließlich Armee und Geheimdiensten im BRD-Grundgesetz verankert worden, was der Spiegel nicht erwähnt. Er zitiert Otto Schily (Grünen-Anthroposoph und SPD-Innenminister von 1998 bis 2005), der beschied, seine Behörde habe »keine nationalsozialistische Vergangenheit, die der Aufarbeitung bedarf«. Damit sehe er »schlecht« aus. Dabei hatte Schily recht. Der Laden war westwärts kurz nach dem 8. Mai 1945 nicht nur nach seiner Meinung in den rechtmäßigen Händen. Wer aus denen die Mordinstrumente geschlagen hatte, konnte nur im Unrecht sein. Sahra Wagenknecht muss sich also irren: Je mehr Nazis in Schlüsselstellungen, desto mehr »Aufarbeitung«, desto schwächer die Fremdenfeindlichkeit. 

 

__________________________ 

 

Winter in der Bekaa-Ebene  

400.000 Flüchtlinge im Libanon haben weniger, als für das Überleben notwendig ist  

Willi Effenberger 

In: junge Welt online vom 07.11.2015 

Wochenendbeilage 

 

In der libanesischen Bekaa-Ebene, dem Zufluchtsort für 400.000 der insgesamt 1,2 Millionen Menschen, die vor dem syrischen Bürgerkrieg in den Libanon geflohen sind, steht der Winter vor der Tür. Den letzten haben die Menschen mehr schlecht als recht überstanden. Die Schneestürme beschädigten die provisorisch errichteten Hütten aus Holzresten und Plastikplanen oft schwer oder zerstörten sie gleich ganz, es gab nicht genug Brennmaterial zum Heizen oder Bekleidung für den Winter. Seither hat sich die Situation der Flüchtlinge im Libanon kaum verbessert. Sie haben immer noch weniger als das Nötigste. Die libanesische Regierung will sie weiter nicht im Land haben, so dass es auch den Hilfsorganisationen nahezu unmöglich ist, langfristige Lösungen für die vielen Probleme zu finden. 

Zentrale Flüchtlingslager gibt es keine, statt dessen unzählige Ansammlungen von einigen Dutzend bis einigen hundert provisorischen Hütten. Diese werden von kleinen Öl- oder Holzöfen beheizt, es liegen Teppiche auf dem Boden, manchmal einige Kissen. Die Küche besteht oft nur aus einem Brett als Regal und einer Schüssel als Waschbecken. Nach dem letzten Winter hatte das Schmelzwasser die Böden aufgeweicht. Es vermischte sich mit dem Grundwasser und der Kloake – die Plumpsklos in den Camps haben keinen eigenen Abfluss.Die Geschichten der Bewohner und das ertragene Leid ähneln sich oft, ebenso wie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Alle haben Familienangehörige und Freunde verloren, allen ging es vor dem Bürgerkrieg besser, alle hoffen auf ein schnellstmögliches Ende des Gemetzels und auf eine Rückkehr in die Heimat. Die Kinder hat es jedoch am schwersten getroffen. Die Väter sind oft in Syrien geblieben, und die Mütter brauchen jede Unterstützung, die sie bekommen können, da auch die zugeteilten Hilfsgüter zum Überleben kaum ausreichen. Jeder bekommt eine sogenannte E-Card mit 19 Dollar Guthaben pro Monat. Früher waren es 30 Dollar, erzählt ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation. Aber da der Bürgerkrieg andauert, es noch andere Krisenherde gibt und die Spendenbereitschaft in der westlichen Welt sinkt, stehen immer weniger Mittel zur Verfügung. So arbeiteten die Kinder auch in diesem Sommer wieder für einen Hungerlohn von etwa 2,60 Dollar pro Tag auf den umliegenden Feldern.All das passiert eine knappe Autostunde entfernt von Beirut, dem »Paris des Nahen Ostens«, in dessen Innenstadt sich Rolex neben Louis Vuitton reiht und ein Kaffee umgerechnet vier Euro kostet. 

 

__________________________ 

 

Weltoffener Odin-Kult  

Skandinaviens neue Heiden distanzieren sich von rechter Ideologie  

Ruben Wickenhäuser 

In: junge Welt online vom 07.11.2015 

Wochenendbeilage 

 

Ein Mann in wikingerzeitlich anmutenden Gewändern schreitet voran, gefolgt von Menschen mit Trommeln und Rasseln. Auf einem Tisch stehen stabförmige Holzfiguren, Trinkhorn, Klangschale und weitere Utensilien. Die Feiernden versammeln sich drum herum. Es ist das Frühlingsfest einer Glaubensgemeinschaft, die zu Odin, Thor und Freja betet. Ganz neu ist dies nicht: Anfang des Jahres ist in Island bereits die erste Kirche der »Ásatrúarfélagidh«, der Anhänger jenes Glaubens, eingeweiht worden. 

Nun kam die Meldung des Kirchenbaus aus einem Land, das auch wegen seiner »Elfenbeauftragten« durch die deutsche Presse gegangen ist. Urlauber berichten häufig von einer besonders intensiven Ausstrahlung der isländischen Landschaft, angesichts derer das Vorhandensein mythischer Kräfte nicht mehr abwegig erscheinen würde. 

Doch nicht nur auf der Insel der Geysire und schroffen Natur lebt der Glaube an eigentlich längst zu Märchengestalten gewordene Gottheiten auf. 

In ganz Skandinavien haben sich entsprechende Gruppen gebildet. Auf der einen Seite gibt es esoterisch orientierte Richtungen, die mit schamanistischen Ritualen oder Runenmagie an New Age-Religionen erinnern, beispielsweise die »Sejdare«, die sich auf die als »Seidhmenn« überlieferten Schamanen beziehen. Auf der anderen Seite gibt es Glaubensgemeinschaften, bei denen esoterische Aspekte ausdrücklich keine größere Rolle spielen. 

Die Feiernden mit ihren Trommeln und Rasseln beispielsweise gehören dem »Samfundet Forn Sed« an, der seit rund zwanzig Jahren in Schweden besteht. Der Samfundet ist nicht so tief in der Gesellschaft verankert wie sein isländisches Pendant, ist aber nichtsdestotrotz aktiv und zelebriert mehrmals im Jahr Feste. Wiewohl hier der Glaube an die alten Götter Thor, Odin, Freja und allerlei Naturgeister ins Auge springt, legt Henrik Hallgren, gewissermaßen der Hohepriester des Samfundet, Wert auf die Feststellung, dass »der formelle Glaube nicht so zentral für uns ist. 

Hingegen sind wir der Ansicht, daß es Rituale bedarf, die Natur und den Lauf des Jahres und Lebens zu ehren.« 

Nicht die Götter stehen im Zentrum, sondern die Glaubensausübung: »Für mich bedeutet Forn Sed, in einem guten Verhältnis zwischen Menschen, Natur und den Naturkräften zu leben. Die Lebenskraft zu stärken, die Harmonie der Welt zu erhalten, wird durch den Weltenbaum Yggdrasil repräsentiert«, erläutert er. Die inzwischen rund 400 Mitglieder rekrutieren sich nicht etwa überwiegend aus Kreisen mit höherer Bildung, sondern, wie der Autor und Experte für Heidentum an der Universität Linköping Fredrik Gregorius feststellt, aus allen Schichten der Gesellschaft. 

Neuheidentum und RechteThor und Odin, Runen, der Thorshammer, Wikingersymbolik: In Deutschland fühlt man sich unwillkürlich an Motive der rechtsextremen Szene erinnert. Deren Gruppen sind auch in Skandinavien aktiv, und sie nutzen Runen und Thorsbezug. Nicht zuletzt bediente sich ihrer ein Vorläufer der heute erfolgreichen rechtspopulistischen Partei der Schwedendemokraten. Auch unter den weniger politischen Verehrern der alten Gottheiten finden sich solche, die nationalistisch-rassistisch orientiert sind. Jedoch treten sie selten in den Vordergrund, da jede Form der Diskriminierung in der schwedischen Öffentlichkeit auf sehr starke Ablehnung stößt. Deshalb machen die Schwedendemokraten ihren Mitgliedern Vorgaben, wie sie sich öffentlich äußern sollen. Nicht den Eindruck zu erwecken, nach »Rasse« oder Geschlecht zu diskriminieren, ist gewissermaßen eine Grundvoraussetzung für die öffentliche Anerkennung selbst rechtspopulistischer Parteien in Schweden. 

In der Kommentarspalte einer einschlägigen Webseite wird hingegen kein Blatt vor den Mund genommen. Von »einem Haufen feiger Linker« ist da die Rede, die »haschrauchend« den alten Glauben »mit Schande überziehen« würden. Sympathie wird dem Samfundet von rechter Seite nicht entgegengebracht. 

Samfundet Forn Sed distanziert sich nicht nur von rechtem Gedankengut. Es wird darüber hinaus deutlich Stellung für Toleranz bezogen. Dies ist gewiss auch darauf zurückzuführen, dass vergleichbare Gruppen in den USA dadurch auffallen, dass sie Herkunft und »Rasse« in den Vordergrund stellen. Und da ein guter Teil der Tradition des Samfundet Forn Sed in den Darstellungen des sogenannten Asatro aus den USA und hier speziell des Autors Steven Flowers wurzelt, besitzt eine klare Abgrenzung besondere Bedeutung. 

»Der Begriff Asatro ist eine nationalromantische Konstruktion. Wir verwenden ihn daher nicht mehr in unserem Namen«, erläutert Hallgren. 

Während der Samfundet durchaus mit anderen vergleichbaren Gemeinschaften im skandinavischen Raum und auch in Deutschland und England zusammenarbeitet, ist das Verhältnis zu Vereinigungen in den USA eher ambivalent. 

Der Gedanke der Gleichberechtigung und Toleranz ist ein wesentliches Merkmal der Glaubensgemeinschaft. Er ist in den Statuten verankert und wird im Verhalten der Mitglieder bestätigt. Zugleich wendet sich Samfundet Forn Sed dagegen, sich nur die besten Stücke herauszupicken und damit eine »Wohlfühlreligion« zu basteln. Man orientiere sich mehr oder weniger streng an der Überlieferung. Allerdings ist die Quellenlage mangels ausgeprägter Schriftsprache zur Wikingerzeit schlecht. Letztere verbreitet sich erst infolge der späteren Christianisierung. Dementsprechend steht manches historische Zeugnis im Verdacht christlichen Einflusses. Dazu zählen Werke des 1241 verstorbenen isländischen Dichters und Chronisten Snorri Sturluson, der mit der Prosa-Edda und Teilen der Heimskringla einer der bekanntesten zeitgenössischen Autoren ist. 

Verhältnis zum ChristentumGregorius ist der Ansicht, dass die Svenska kyrkan, die größte schwedische Kirche, Forn Sed nicht weiter beachtet. 

Die evangelisch-lutherische Svenska kyrkan war bis zur Trennung von Kirche und Staat im Jahr 2000 die Staatskirche Schwedens. Hingegen würden die evangelischen Freikirchen Forn Sed um so mehr angreifen: »Sie sehen Forn Sed als Gegenstand einer verwirrten Generation an, die mangels Traditionen haltlos geworden ist«, erklärt er. Auch das Vorhandensein von Teufeln und anderer negativer Wesenheiten in der Vorstellungswelt der Freikirchen stütze die massive Ablehnung. 

Die Svenska kyrkan zeigt sich gegenüber dem Samfundet Forn Sed grundsätzlich positiv. »Wir nehmen keine offizielle Position gegenüber Forn Sed ein. Ich lese jedoch, dass sie unsere Prinzipien in einer vielfältigen Gesellschaft teilen, nämlich Religionsfreiheit, Rechte von Minderheiten und den Wert des Menschen. Zudem stellen sie sich als demokratische Gemeinschaft auf humanistischer Grundlage dar«, erklärt Jakob Wirén, theologischer Sekretär des erzbischöflichen Amtes. Es gäbe daher kein Problem damit, zu heiraten oder ein Kind zu taufen, selbst wenn beispielsweise ein Partner in der Svenska kyrkan und der andere Anhänger von Forn Sed wäre, da die Mitgliedschaft von Partnern in unterschiedlichen Glaubensgruppierungen inzwischen ganz normal sei. Mehr noch: »Auch wenn es ungewöhnlich wäre, bin ich der Auffassung, dass rein formell eine Mitgliedschaft sowohl in der Svenska kyrkan wie im Samfundet möglich wäre«, erklärt Jakob Wirén. Hier klingt der Sekretär ähnlich tolerant wie Hallgren – Offenheit erscheint mehr als schwedischer Wesenszug denn als Besonderheit einer einzelnen Glaubensbewegung. 

Der Abteilungssekretär Rainer Refsbäck der schwedischen Siebenten-Tags-Adventisten zeigt ebenso wenig Ablehnung. Er erläutert, dass man zwar eine grundlegend verschiedene Auffassung habe, ja Forn Sed »auf der Karte der Religionen am entgegengesetzten Ende zum Christentum« stehe. Dass aber Samfundet Forn Sed durchaus zu respektieren sei, da der Samfundet ebenfalls die Grundwerte der Religionsfreiheit und der demokratischen Mitbestimmung ernst nehme. Und »persönlich finde ich es sympathisch, dass der Samfundet das Recht zur Eheschließung ausdrücklich dem Staat überlässt«, sagt Refsbäck, »und dass man Wert auf den Einklang mit der Natur legt, auch wenn sich die Praxis sehr stark von der unsrigen unterscheidet. Für uns sind nicht Naturphänomene Gegenstand der Verehrung, sondern einzig der Schöpfer.« 

Dies schließt natürlich nicht aus, dass es in bestimmten Kreisen der Freikirche Vorbehalte gibt, von denen Gregorius berichtet hat. Aber von offizieller Seite wird der Samfundet sowohl von der ehemaligen Staatskirche wie von der Freikirche der Adventisten respektiert. Allerdings hat es entsprechend der geringen Mitgliederzahl im Samfundet bislang nur wenig Berührungspunkte im Alltag gegeben. Es handelt sich um mehr oder weniger theoretische Stellungnahmen. 

Ungewisse ZukunftSamfundet Forn Sed stellt sich als ungewöhnliche Glaubensgemeinschaft dar. Es handelt sich um eine Religion, die anstelle eines Gottesideals das Individuum und seine Umwelt in den Mittelpunkt stellt. Durch ihre Statuten und die Orientierung an der Überlieferung ist sie bemüht, nicht beliebig zu sein. Dank ihrer theologischen Offenheit vermittelt sie den Eindruck einer toleranten Wertegemeinschaft; in wieweit dies dem Prinzip einer Glaubensgemeinschaft widerspricht, sei dahingestellt. Es ist ein Gemeinplatz, dass festgefügte Götterbilder ebenso wie Dogmen keine Voraussetzungen für Religionsgemeinschaften sind. 

Dass dies dazu verführen kann, sich eine beliebige »Wohlfühlreligion« zu erschaffen, ebenso. Die Bewegung befindet sich in den Kinderschuhen. Mit Voraussagen über die Zukunft des Samfunds ist Gregorius zurückhaltend. Im durch und durch säkularen Schweden sei es schwierig, Menschen für eine Religion zu gewinnen. 

 

__________________________ 

 

Für Wissen und Fortschritt. Über Strahlen  

Reinhard Jellen 

In: junge Welt online vom 07.11.2015 

Wochenendbeilage 

 

Die oberbayerische Kreisstadt Wolfratshausen zieht ihre touristisch-historische Daseinsberechtigung aus dem Umstand, dass Goethe seinerzeit auf seiner Reise nach Italien eine Nacht im hiesigen Posthof zugebracht haben soll. Dennoch ist der Ort heutzutage als Wohnstätte Edmund Stoibers bekannt, der gerüchteweise von seinen parteiinternen Gegnern auch »die rote Susi« genannt werden soll. 

Den wissenschaftlichen Nachweis, dass sich in dem verschlafenen Provinzstädtchen noch andere Politiker aus der Kreisklasse tummeln, die mental mit dem ehemals blonden Fallbeil mental mithalten können, lieferte nun der Grünen-Stadtrat Dr. Hans Schmidt mit seinem Vorhaben, im Ort das soeben eingeführte freie WLAN abschaffen zu wollen. Außerdem hat der Psychotherapeut eine Petition lanciert, die nicht nur in Wolfratshausen, sondern bundesweit dem Mobilfunkstandard LTE den Garaus machen soll. In einem offenen Brief an den Bürgermeister hat Schmidt angekündigt, bei Beibehaltung des Funknetzes in der Wolfratshauser Innenstadt nicht mehr einkaufengehen zu wollen, ein Ansinnen, das immerhin 43 Menschen mit ihrer Unterschrift unterstützt haben. Die Unterzeichner fühlen sich durch die Strahlen in Wohlbefinden und Gesundheit »massiv beeinträchtigt«. Sie geben zu bedenken, dass »dieser ›Kollateralschaden‹ des öffentlichen WLAN (…) allen Verantwortlichen zu denken geben« sollte. 

Wir hingegen freuen uns über derlei Erich-von-Däniken-haftes Gewese, weil wir dann beispielsweise in der Internetmagazin Telepolis folgenden Leserkommentar dazu lesen dürfen: »Endlich! Endlich geschieht was! Schon so lange Zeit warte ich! Ich habe so viele Mails geschrieben! An den Bundestag, Bundeskanzlerin, Bundespräsidenten. Sogar an UNO, UNESCO und sogar an Obama. Aber nie habe ich es geschafft jemanden zu erreichen, der nicht von der Strahlung bereits verseucht war. Man kann regelrecht sehen, wie die Menschen durch die Bestrahlung verändert werden. Wie der Blick stumpf wird und sie ganz logischen Argumenten nicht mehr zugänglich sind. 

Ich verlange nicht, dass sie so konsequent sind wie ich (lebe seit 3 Jahren im Wald, Kleidung nur im Winter). Aber warum gefährden die Machthaber die Menschen? Sogar Frauen und Kinder! Strahlung tötet! Das weiß jeder, der schon mal eine Maus oder kleine Katze in die Mikrowelle gesteckt hat. Es (ist, jW) ein qualvoller Tod, der aber gnädig ist zum langen Siechtum, ausgelöst durch Todesstrahlen, wie W(eh)-LAN und Handystrahlung. 

Das sind Massenvernichtungsmittel, die von Menschen erfunden worden sind, die ganz andere Pläne haben, als die Menschen denken. Pläne die Tausende von Jahren alt sind und nun ihr Ziel erreichen, durch Mutation eine neue Rasse von ›Menschen‹ zu erzeugen! Das muss gestoppt werden! Von daher bin ich froh, dass der grüne Bürgermeister die Menschen aufklärt und gegen die Massenvernichtung und Mutation ankämpft! Danke!« 

 

__________________________ 

 

Pol - Pott. Mexikanisches Sandwich  

Ina Bösecke 

In: junge Welt online vom 07.11.2015 

Wochenendbeilage 

 

Blow« (USA 2001) von Ted Demme erzählt die Geschichte von George Jung, dem größten Drogendealer der USA in den siebziger Jahren. Jung wirkt ziemlich sympathisch im Film. Kann daran liegen, dass Johnny Depp ihn spielt. Kann aber auch daran liegen, dass er einfach so ein sympathisch verpeilter Typ war, wie Depp ihn spielt. Die Motivation von Jung kann man auch nachvollziehen. Als Kind sieht er, wie sich sein Vater als Heizungsmonteur Tag für Tag von morgens bis abends abschuftet und immer noch zu wenig Geld nach Hause bringt. Er schwört sich, niemals so leben und arbeiten zu wollen. Also was tun, wenn man nicht zu den oberen Zehntausend gehört und trotzdem steinreich werden will? 

Ans Dealen gerät Jung mehr oder weniger durch Zufall. Mit seinem Freund Tuna (Ethan Suplee) zieht er nach Kalifornien, wo alle Menschen schön sind, am Strand liegen und Gras rauchen. Jung fängt auch an, Gras zu rauchen, bald dealt er ein bisschen, um Geld zu verdienen, seine Freundin Barbara (Franka Potente) bringt ihn mit einem schwulen Friseur zusammen, der im größeren Stil dealt, die Crew fängt an, in noch größerem Stil zu dealen und reist nach Mexiko, um an mehr Stoff zu kommen. Schon bald hat Jung ein schönes großes Haus mit Swimmingpool und so. Da wird viel gefeiert und Gras geraucht, alle scheinen mächtig viel Spaß zu haben. 

Das Geschäft aber wird knallhart, als Jung anfängt, mit Kokain, der Droge für die Schüchternen und Wahnsinnigen, zu dealen. Die Geschäftsverbindungen reichen jetzt bis nach Kolumbien, wer nicht spurt, wird abgeknallt, zumindest handhabt das Pablo Escobar (Cliff Curtis) so, mit dem Jung nun auch zusammenarbeitet. Er verdient damit unvorstellbar viel Geld, von dem er am Ende gar nichts haben wird. Eine Pointe wie aus dem sozialpädagogischen Lehrbuch der Polizei. 

Es gibt eine bezeichnende Szene, in der Jung am Küchentisch sitzt, wie einst sein Vater, und von seiner Frau hysterisch angeherrscht wird, warum er kein Geld mit nach Hause bringt? Für das gemeinsame Kind, die über alles geliebte Tochter, will er zum letzten Mal einen großen Deal landen, wird aber von ehemaligen Freunden verraten. Verrückt vor Sehnsucht nach seiner Tochter verbringt er Jahrzehnte im Gefängnis, das Mädchen besucht ihn nie, heißt es im Abspann. Kinder können so grausam sein. 

Wir essen etwas aus Mexiko, in Erinnerung an die Zeiten, als Jung noch Gras geraucht hat und die Dealer noch nett waren. Mexikanisches Sandwich mit Bohnenpüree und Käse: 450 g getrocknete Bohnen in einem Topf mit zwei Litern Wasser zum Kochen bringen, bei kleiner Hitze sieben Minuten köcheln lassen. Vom Herd nehmen, eine Stunde quellen lassen. Bohnen abgießen, kalt abspülen. Zwei rote Zwiebeln und zwei Knoblauchzehen schälen, hacken. 

Zwei Ancho Chilischoten halbieren, entkernen, hacken. Alles mit den Bohnen in einem Topf mit 1,5 Litern Wasser aufkochen, bei geringer Temperatur etwa eine Stunde köcheln. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Abgießen, dabei Kochsud auffangen. 180 g Butterschmalz in einer großen Pfanne erhitzen, Bohnenmischung hineingeben, darin zerstampfen. Etwas Kochsud dazugeben, bis eine geschmeidige Masse entsteht. Zwei EL gehackten Koriander unterrühren. 

Vier runde Brötchen aufschneiden, jede Seite mit Bohnenpüree bestreichen. 

Mit 150 g geriebenem Manchego bestreuen, unter dem heißen Grill überbacken. 

 

__________________________