Wochenendbeilage der jungen Welt

vom 24.10.2015  


  

»Die Linke Europas muss zum Gegenangriff übergehen«  

Gespräch mit Panagiotis Lafazanis. Über den Anpassungskurs der Regierung Tsipras in Athen, Perspektiven der neuen Organisation »Volkseinheit« und Alternativen zur Brüsseler Austeriätspolitik  

Heike Schrader/ Athen 

In: junge Welt online vom 24.10.2015 

Wochenendbeilage 

 

  Beim Referendum im Juli über das Brüsseler Kürzungs- und Privatisierungsdiktat hat eine deutliche Mehrheit der Griechen mit »Oxi«, mit Nein gestimmt. Bei den Parlamentswahlen am 20. September scheiterte die »Volkseinheit«, LAE, jedoch mit 2,9 Prozent an der Dreiprozenthürde. Wie konnte das dieser neuen Organisation, die im August als linke Abspaltung der regierenden Syriza entstanden ist, passieren? 

  Die Volkseinheit hat sich im Wahlkampf natürlich auf die 62 Prozent der griechischen Bevölkerung bezogen, die am 5. Juli gegen ein neues Austeritätsabkommen gestimmt hatten. Es war uns klar, dass wir nicht alle würden gewinnen können, denn das »Oxi« war ein politisch und ideologisch heterogenes. Wir hatten allerdings darauf gehofft, dass uns ein relevanter Teil die Stimme geben und uns zu einer starken Präsenz im neuen Parlament verhelfen würde. Dies ist nicht geschehen. 

  Die Frage nach dem Warum ist nicht kurz zu beantworten. Stark zusammengefasst lag es zum einen daran, dass wir eine sehr junge Partei sind. Wir waren gezwungen, uns mitten im Wahlkampf und innerhalb von 20 Tagen zu konstituieren, ohne finanzielle Mittel und ohne jegliche mediale Unterstützung. Im Gegenteil, wir waren dem Feuer der Medien und aller inländischen Vertreter der EU ausgesetzt. Derartigen Schwierigkeiten hat sich bisher keine andere Partei gegenübergesehen, und das hat sich natürlich negativ ausgewirkt. 

  Zum anderen haben Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Alexis Tsipras und seinem Gegenspieler Evangelos Meimarakis von der Nea Dimokratia prognostiziert. Das hat es leider vielen leicht gemacht, Tsipras und Syriza zu wählen, einfach um Meimarakis zu verhindern. 

  Hauptsächlich aber lag es daran, dass wir unsere Vorstellung von einem Austritt aus der Euro-Zone nicht hinreichend erklären konnten. Wir haben zu Recht gesagt, dass eine Annullierung der Gläubigerabkommen innerhalb der Euro-Zone nicht möglich ist. Voraussetzung dafür und für die Umsetzung unseres gegen ihre Austeritätspolitik gerichteten Programms ist ein Austritt aus dem Euro. Die Rückkehr zur nationalen Währung aber wurde vom herrschenden Block als Katastrophe dargestellt und in einer unglaublichen Kampagne regelrecht verteufelt. Selbst die Diskussion darüber wurde abgeblockt – so waren wir gezwungen, sie unter extrem ungünstigen Bedingungen zu eröffnen. Unter diesen Voraussetzungen ist es uns nicht gelungen, die Leute davon zu überzeugen, dass unser alternativer Vorschlag eines Austritts aus dem Euro tragfähig ist und eine Perspektive hat. 

  Wenn LAE deswegen letztlich nicht ins Parlament gekommen ist, heißt das jedoch nicht, dass unser Einfluss in der griechischen Gesellschaft gering ist. Erpressung und Druck auf die Bevölkerung haben verhindert, dass dies auch in Wählerstimmen Ausdruck gefunden hat. Wir lassen uns davon aber nicht entmutigen und sind überzeugt, dass unsere Positionen rasch an Unterstützung gewinnen werden. Denn die Volkseinheit ist heute die einzige politische Kraft, die einen realistischen Alternativvorschlag zu den Gläubigermemoranden zu bieten hat. 

  Insbesondere Ihnen als ehemaligem Minister aber auch anderen Parlamentariern wird zum Vorwurf gemacht, sie hätten die Regierungspolitik von Tsipras viel zu lange mitgetragen. 

  In den ersten sieben Monaten hat die Syriza-Regierung in erster Linie mit den sogenannten Institutionen verhandelt. Wenn wir während dieses Prozesses aus der Partei ausgetreten wären, hätte uns niemand verstanden oder unterstützt. Man hätte uns vorgeworfen, dass wir Tsipras und seinem Kabinett den Boden unter den Füßen wegziehen. Dass wir sie ausgerechnet in dem Moment schwächen, wo sie in harten Verhandlungen für eine tragfähige Vereinbarung kämpfen. Wir wären für jede schlechte Vereinbarung verantwortlich gemacht worden, die Tsipras unterschrieben hätte. 

  Statt dessen haben wir richtigerweise bis zuletzt versucht, die Regierung davon abzubringen, ein neues, katastrophales Austeritätsabkommen zu unterschreiben. Als dies dennoch geschah, haben wir im Parlament dagegen votiert. Tsipras hat es jedoch mit den Stimmen von Nea Dimokratia, Pasok und To Potami durchgesetzt, und danach haben sich unsere Wege getrennt. So wurde sichtbar, dass unsere Differenzen mit Syriza nicht auf ideologischem Starrsinn oder angeblichen persönlichen Fehden beruhen, sondern auf einem bedeutenden, sehr konkreten und katastrophalen Schritt für das Land und seine Bevölkerung: der Unterzeichnung einer neuen Gläubigervereinbarung über neue Kürzungsmaßnahmen. 

  Wir sind unseren Verpflichtungen, dem Mandat des Volkes, treu geblieben. 

Es ging uns auch nicht um Posten oder Abgeordnetensitze, wir haben um jeden Preis das verteidigt, was unseren Überzeugungen nach für das Land und seine Bevölkerung gut ist. Jeder Linke mit Respekt sich selbst gegenüber, seinen Überzeugungen und seinem politischen Lebensweg, hätte so handeln müssen. 

  Noch im August war vom Syriza-Zentralkomitee die Einberufung eines Parteitags für den September beschlossen worden. Statt dessen entschied sich Tsipras dann aber für Neuwahlen. Hätte ein Parteitag das Ruder noch herumreißen können? 

  Die Entscheidung für ein neues Gläubigermemorandum ist von Tsipras und einem engen Kreis um ihn herum getroffen worden. Er war von der Partei nicht dazu ermächtigt, kein einziges Parteigremium hatte vor der Unterzeichnung getagt und diese Kehrtwende des Vorsitzenden legitimiert. 

Die Entscheidung für das Memorandum wurde unter Ausschluss der Partei und ihrer Organe, unter Missachtung jedes kollektiven Verfahrens getroffen. 

  Wenn vor der Übereinkunft über ein neues Memorandum eine Sitzung des Zentralkomitees oder sogar ein Parteitag stattgefunden hätte, wäre das Abkommen mit den Gläubigern nicht zustande gekommen. Denn sowohl das Zentralkomitee als auch ein Parteitag hätten mit hoher Wahrscheinlichkeit die Unterschrift unter ein neues Memorandum abgelehnt. Weil Tsipras fürchtete, unsere Position könnte mehrheitsfähig werden, hat er die Partei ignoriert und über alle Köpfe hinweg die Entscheidung für das Memorandum getroffen. 

  Sie bezeichnen die Volkseinheit nicht als Partei, sondern als »Front«. 

Ihre Bündnispolitik erinnert dabei stark an die Anfänge von Syriza, die vor ihrer Umwandlung in eine einheitliche Partei als Bündnis verschiedener linker Organisationen begonnen hatte. Will LAE diesen Weg wiederholen? 

  Wir wollen eine Front linker, fortschrittlicher Organisationen und Bewegungen bilden, mit der Perspektive, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Eine im Volk verankerte Front, die offen ist für alle linken, fortschrittlichen Kräfte unseres Landes, mit direkter und demokratischer Beteiligung all ihrer Mitglieder. Bereits bei der Gründung im Wahlkampf wurden an so vielen Orten wie möglich Komitees gegründet. In Stadtvierteln, in Gemeinden, aber auch in Betrieben. Manche ihrer Mitglieder kommen aus Organisationen, die mit der Volkseinheit gemeinsam kandidiert haben, andere sind nirgendwo sonst organisiert, alle haben als Einzelpersonen Stimmrecht. 

  Wir sind keine Kopie von Syriza, keine Syriza II – schon deswegen nicht, weil es keine Syriza I mehr gibt. Die Regierungspartei trägt nur noch diesen Namen, sie repräsentiert aber nichts mehr von dem, was wir als Syriza kannten. Von der alten Syriza haben wir die guten Bestandteile übernommen, die einstigen radikalen programmatischen Verpflichtungen und die Praxis der Partei in der Bewegung. Aber das, was wir aufbauen wollen, ist etwas anderes. LAE soll nicht von internen Widersprüchen geprägt sein, wie das bei Syriza der Fall war, den Widersprüchen zwischen den Positionen der Linken Plattform und der Mehrheit um den Parteivorsitzenden Alexis Tsipras. Die Volkseinheit soll sich auf ein konsistentes, »rundes« und radikales Programm stützen können. Eines mit einer neuen Auffassung von Regierung und Volksmacht, eines, das eine sozialistische Perspektive aufzeigt. 

  Als eine solche sich auf die Bewegungen stützende und in ihren Kämpfen aktiv werdende Front hat LAE gute Chancen, ihren Einfluss zu stärken und die politischen Entwicklungen positiv zu beeinflussen. Denn die Zukunft ist nicht festgelegt, die jetzige Zusammensetzung des Parlaments spiegelt die Gesellschaft nicht wider. Sicherlich wird es sehr schnell zu neuen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft kommen, in denen LAE eine wichtige Rolle spielen können wird. 

  Im Wahlkampf war eine ausführliche Diskussion mit potentiellen Verbündeten über ein Parteiprogramm nicht möglich. Wird das jetzt nachgeholt? 

  Wir haben es im Wahlkampf kaum geschafft, auch nur bekannt zu werden. Bis zum Wahlsonntag wurden wir gefragt, was die Volkseinheit ist und was sie vertritt. Diskussionen über unsere Positionen hatte es vorher nur innerhalb von Syriza gegeben, an die Öffentlichkeit drangen sie nur spärlich. Eine echte Debatte über einen Ausstieg aus dem Euro als reale Alternative konnten wir erst im Wahlkampf beginnen. Unter extrem schwierigen Bedingungen, in den zugespitzten Verhältnissen, unter enormem Zeitdruck und unter Angriffen sogar anderer linker Kräfte. Die KKE beispielsweise hat ihren Wahlkampf hauptsächlich gegen LAE und nicht etwa gegen die Vertreter der Politik der Memoranden geführt. Darin war sie sich mit Syriza einig: Beide sahen LAE als Gegnerin, als Eindringling auf das jeweils eigene Terrain. 

  Es waren also extrem schwierige Verhältnisse, unter denen wir unsere alternative Vorstellung erläutern und überhaupt erst einmal bekannt machen mussten. Das war uns allerdings selbst nicht so klar, wir hatten angenommen, dass uns als Vertreterin des »Oxi« ein guter Teil dieser 62 Prozent umstandslos die Stimme geben würde. Das hat sich dann allerdings als nicht so einfach erwiesen. Wir hätten mehr Zeit und eine bessere Vorbereitung gebraucht, ein Programm, eine Diskussion über unsere Alternative. All dies gab es nicht, und wir hätten es auch innerhalb von 20 Tagen nicht realisieren können. 

  Diese Diskussion wollen wir im Rahmen von LAE jetzt nachholen. Dafür ist noch im Oktober eine Zusammenkunft geplant, an der alle Mitglieder über ihre jeweiligen örtlichen Komitees teilnehmen können. Dann wollen wir versuchen, die Komitees auf ganz Griechenland auszuweiten und zu vergrößern. Und in den kommenden Monaten wird ein Parteitag stattfinden, auf dem die Parteigremien und ein Vorsitzender gewählt werden. 

  Werden Sie für diesen Posten kandidieren? 

  Es ist viel zu früh, dazu etwas zu sagen, die entsprechende Diskussion hat ja noch nicht einmal begonnen. Zunächst ist es wichtig, dass wir unser Programm ausarbeiten. 

  Dieses Programm ist noch Gegenstand von Diskussionen? 

  Natürlich. Im Wahlkampf sind wir ohne Programm angetreten, nur mit einer programmatischen Erklärung. Wir werden jetzt ein detailliertes Parteiprogramm erstellen und außerdem einen präziseren Plan für einen Übergang vom Euro zu einer nationalen Währung ausarbeiten. Wir werden ein Parteistatut formulieren, die Regeln, nach denen LAE arbeiten wird. Hier müssen wir die Beteiligung von Personen aber auch von Organisationen in Einklang bringen. Vor uns liegt also in nächster Zeit ein gutes Stück Arbeit. Die Schritte, die wir gehen müssen, haben wir bereits festgelegt. 

Ich denke, wir werden es schaffen. Die Volkseinheit kann vorankommen, sie kann als Kraft im politischen Leben eine immer wichtigere Rolle spielen und dieses in den nächsten Jahren vielleicht sogar bestimmen. 

  Die Zukunft Griechenlands sind nicht die Memoranden, ist nicht das ökonomische und soziale Gefängnis der Euro-Zone. Nicht die Herrschaft des Finanzkapitals, nicht die Diktatur der Märkte, nicht die Willkür und die Abschaffung der Demokratie, deren Zeugen wir sind. Die Zukunft Griechenlands liegt in einem demokratischen, fortschrittlichen Programm, welches das Volk in die Lage versetzt, tatsächlich über seine Geschicke zu entscheiden, und es tatsächlich an die Macht bringt. Ein Programm, das nicht auf Austeritätsmaßnahmen, sondern im Gegenteil auf die Stützung von Löhnen und Renten, nicht auf den Ausverkauf öffentlichen Reichtums, sondern auf dessen Verwendung zum Nutzen der Bevölkerung zielt. Ohne die Ausplünderung der sozial schwachen und mittleren Schichten durch Steuern, ohne die Kolonialisierung unseres Landes in der Euro-Zone, aber mit der Perspektive eines unabhängigen Griechenlands, das gleichberechtigt am Aufbau eines neuen Europas teilnimmt. Eines Europas als Struktur souveräner, der Zusammenarbeit für eine bessere Zukunft verpflichteter Länder. Das Europa, wie es heute von den herrschenden Kreisen der Euro-Zone repräsentiert wird, hat keine Zukunft und keine Perspektive. 

  Die Volkseinheit hat den Einzug ins Abgeordnetenhaus verpasst, durch den Wechsel von Nikos Hountis von Syriza zu LAE ist sie allerdings auf europäischer Ebene parlamentarisch vertreten. Wie kann und wird die Partei dies nutzen? Wo wird sie sich im Europaparlament verorten? 

  Nikos Hountis ist und bleibt Mitglied in der Organisation der linken Kräfte im Europaparlament, der GUE/NGL. Die Volkseinheit will eine aktive Rolle in der europäischen Linken spielen, auf sie einwirken, sich aktiver und radikaler zu verorten. 

  Die Linke Europas muss die Hegemonie der deutsch dominierten Euro-Zone in Frage stellen. Sie muss mit aller Kraft die sozialen und gesellschaftlichen Kämpfe unterstützen, die Rechte der Lohnabhängigen verteidigen, und zwar mit einem neuen progressiven Ansatz für Aufschwung und mit sozialistischer Perspektive. Es gilt zum Gegenangriff überzugehen, und nicht der verbrauchten Sozialdemokratie nachzueifern, wie sie heute in ganz Europa repräsentiert ist und sich für den europäischen Kontinent leider als Hort der Reaktion erweist. 

  In diese Richtung wollen wir innerhalb der europäischen Linken wirken. 

Wer vertritt, dass unser vorläufiges Scheitern bei den Parlamentswahlen der Linken – oder auch der eigenen Partei, denn auch das erleben wir leider – als abschreckendes Beispiel dienen sollte, wird schnell Lügen gestraft werden. Die erzielten 2,9 Prozent spiegeln den Einfluss unserer programmatischen Vorstellungen in der griechischen Gesellschaft keinesfalls wider, es wird sich schnell zeigen, dass er viel größer ist. Unser Weg war kein Misserfolg, wir machen weiter, und es wäre gut, wenn alle Linken in Europa die Realität, die Situation in Griechenland besser studieren würden, bevor sie vorschnelle Schlüsse ziehen. 

  Das Gespräch führte Heike Schrader in Athen 

 

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Sozialisten oder Chauvinisten  

Lenin 1915: Wer in einer Unterdrückernation für die sozialistische Revolution kämpft, muss für das Recht auf Lostrennung der unterdrückten Nationen eintreten 

In: junge Welt online vom 24.10.2015 

Wochenendbeilage 

 

Der Imperialismus ist die fortschreitende Unterdrückung der Nationen der Welt durch eine Handvoll Großmächte. Er ist die Epoche der Kriege zwischen ihnen um die Erweiterung und Festigung der nationalen Unterdrückung. Er ist die Epoche des Betrugs der Volksmassen durch die heuchlerischen Sozialpatrioten, d. h. durch die Leute, die unter dem Vorwand der »Freiheit der Nationen«, des »Selbstbestimmungsrechts der Nationen«, der »Vaterlandsverteidigung« die Unterdrückung der Mehrheit der Nationen der Welt durch die Großmächte rechtfertigen und verteidigen. 

Eben deshalb muss die Einteilung der Nationen in unterdrückende und unterdrückte den Zentralpunkt in den sozialdemokratischen Programmen bilden (...). 

Diese Einteilung ist nicht wesentlich vom Standpunkte des bürgerlichen Pazifismus oder der kleinbürgerlichen Utopie von einer friedlichen Konkurrenz der unabhängigen Nationen unter dem Kapitalismus, aber sie ist eben das Wesentlichste vom Standpunkte des revolutionären Kampfes gegen den Imperialismus. Aus dieser Einteilung folgt unsere konsequent demokratische, revolutionäre, der allgemeinen Aufgabe des sofortigen Kampfes für den Sozialismus entsprechende Auffassung des »Selbstbestimmungsrechts der Nationen«. Im Namen dieses Rechts, seine aufrichtige Anerkennung fordernd, müssen die Sozialdemokraten der unterdrückenden Nationen für die Freiheit der Lostrennung der unterdrückten Nationen eintreten – weil widrigenfalls die Anerkennung der gleichen Rechte der Nationen und der internationalen Solidarität der Arbeiter tatsächlich nur eine hohle Phrase, nur eine Heuchelei bliebe. Die Sozialdemokraten der unterdrückten Nationen aber müssen die Forderung der Einheit und der Verschmelzung der Arbeiter der unterdrückten Nationen mit den Arbeitern der unterdrückenden Nationen als die Hauptsache betrachten – weil diese Sozialdemokraten im andern Falle unwillkürlich zu Verbündeten dieser oder jener nationalen Bourgeoisie werden, die immer die Interessen des Volkes und der Demokratie verrät, die immer ihrerseits bereit ist, Annexionen zu machen und andere Nationen zu unterdrücken. 

(...) Die Proudhonisten »verneinten« (in den 60er Jahren des 19. 

Jahrhunderts, jW) ganz und gar die nationale Frage und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, und zwar vom Standpunkte der unmittelbaren Aufgaben der sozialen Revolution. Marx verspottete den französischen Proudhonismus, zeigte seine Verwandtschaft mit dem französischen Chauvinismus (»Ganz Europa könne und müsse ruhig auf dem Hintern sitzen bleiben, bis die Herrschaften in Frankreich das Elend abschaffen ...« »Unter der Verneinung der nationalen Frage scheinen sie, ohne sich dessen bewusst zu sein, das Verschlingen der Nationen durch die französische Musternation zu verstehen«). Marx forderte die Abtrennung Irlands von England – »sollte es auch nach der Abtrennung zur Föderation kommen« –, und zwar nicht vom Standpunkte der kleinbürgerlichen Utopie des friedlichen Kapitalismus, nicht aus »Gerechtigkeit gegenüber Irland«, sondern vom Standpunkte der Interessen des revolutionären Kampfes des Proletariats der unterdrückenden, d. h. 

– der englischen Nation - gegen den Kapitalismus. Es war eben die Freiheit dieser Nation, die durch die Unterdrückung einer fremden Nation unterbunden und verstümmelt wurde. Es war eben der Internationalismus des englischen Proletariats, der eine heuchlerische Phrase bleiben musste, wenn dieses Proletariat die Abtrennung Irlands nicht forderte. Ohne jemals Anhänger der Kleinstaaterei, der staatlichen Zerstückelung im allgemeinen, des föderalistischen Prinzips zu sein, betrachtete Marx die Abtrennung der unterdrückten Nation als einen Schritt zur Föderation – folglich nicht zur Zerstückelung, sondern zur Konzentration, zur politischen und ökonomischen Konzentration, aber zur Konzentration auf der Basis des Demokratismus. (...) 

Die Mehrheit der Sozialisten der ganzen Welt gehört in unserer imperialistischen Epoche den Nationen an, die andere Nationen unterdrücken und diese Unterdrückung zu erweitern suchen. Eben deshalb wird unser »Kampf gegen die Annexionen« inhaltlos bleiben, ein für die Sozialpatrioten gar nicht gefährlicher Kampf bleiben, wenn wir nicht erklären: Der Sozialist einer unterdrückenden Nation, der im Frieden wie im Kriege die Separation der unterdrückten Nation nicht propagiert, ist kein Sozialist und kein Internationalist, sondern ein Chauvinist! Der Sozialist einer unterdrückenden Nation, der eine solche Propaganda zum Trotz gegen die Verbote der Regierungen, d. h. in einer freien, d. h. in einer illegalen Presse nicht treibt, bleibt nichts als ein heuchlerischer Anhänger der gleichen Rechte für alle Nationen. (...) 

 

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Der Schwarze Kanal: Kleines Stalingrad  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 24.10.2015 

Wochenendbeilage 

 

  Am Donnerstag veröffentlichte taz auf Seite eins unter der Schlagzeile »Wellness-Trip nach Moskau« eine Zeichnung, auf der Syriens Präsident Baschar Al-Assad und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin abgebildet sind. Sie sitzen sich in einer mit roter Flüssigkeit gefüllten Badewanne gegenüber, auf einem Wandbild sind Angela Merkel (Augen geöffnet) und Barack Obama (Augen geschlossen) zu sehen. Ähnliches hatte bereits die »sozialistische Tageszeitung« Neues Deutschland am 8. September und 6. 

Oktober gedruckt. Dort war beim ersten Datum ein von Putin gestützter Assad skizziert, der seinen Schuh gegen ein auf dem Boden liegendes Kind stellt, als ob er es wegschieben wollte. Einen Monat später druckte das ND die Zeichnung eines Düsenjägers mit rotem Stern und Putin-Kopf über angstvoll nach oben blickenden Frauen, Kindern und einem Mann, der ausruft: »Den Islamischen Staat bombardiert er nicht!«. 

  Kriegshetze mit Bildern ist Teil imperialistischer, also permanenter Kriegführung. Der US-Zeitungszar Randolph Hearst fasste das 1897 in dem Telegramm an einen für Kriegsberichterstattung nach Kuba entsandten Fotografen zusammen, der keine Bewaffneten fand: »Sie liefern die Bilder, ich liefere den Krieg«. 

  Wenig überraschend ist die Übereinstimmung beider Blätter mit der heutigen Krawall- und Kriegspresse. Bild veröffentlichte am selben Tag, als in der taz die Blutwannenzeichnung erschien, ein Foto mit Assad und Putin im Kreml und kommentierte, deren Handschlag bedeute 100.000 neue Flüchtlinge. Die taz hatte jedoch im Wettbewerb mit dem Boulevard unbestritten die Nase vorn. Das entspricht der politischen Rolle der Grünen, als deren Vereinsorgan die Zeitung fungiert. Die Partei ist spätestens seit dem Jugoslawien-Krieg 1999 das Mobilisierungszentrum für Krieg im linksliberalen Milieu der Bundesrepublik, in dem auch das ND fischt. Die Grünen und ihr Blatt sorgen dafür, dass der neuste Anlauf für einen deutschen Platz an der Sonne von Menschenrechts-, Demokratie- und Bürgerrechtsparolen begleitet wird. 

  Dementsprechend war einem Kommentar von Silke Mertins unter dem Titel »Putins Machtspiel mit dem Westen« ebenfalls auf Seite eins der taz zu entnehmen: »Zwei Autokraten, denen Demokratie und Menschenrechte so viel bedeuten wie Eiterbeulen am Allerwertesten«. Als Beleg folgte: Beide hätten in Moskau »öffentlichkeitswirksam« einander versichert, »eine politische Lösung anzustreben«. Wer Diplomatie statt Militär vorschlägt, den hält eine taz-Frau heute für jemanden, der Menschenrechte als Eiterbeulen betrachtet. 

  Der Rest des Textes enthält eine Deutung von vermeintlicher Putin-Psyche (»getrieben, Macht und Stärke zu zeigen«, »irre Wahrheitsverdrehungen«), die in die Forderung nach mehr Konfrontation mündet: Die USA und Europa sollten sich nicht nur darüber klar werden, welche Lösung sie für Syrien wollten, sie »sollten auch Konsequenzen folgen lassen, wenn die russische Luftwaffe vom Westen unterstützte gemäßigte Rebellen bombardiert – bis hin zu weiteren Sanktionen«. Frau Mertins ist eine Dritte-Weltkriegs-Schreibtischstrategin. 

  Die Ursache für den Geifer liegt auf der Hand: Die dschihadistischen Mörderbanden des Westens und der mit ihm verbündeten arabischen Feudaldiktaturen erleiden in Syrien eine strategische Niederlage. Das Vorhaben von USA und Co., den Nahen und Mittleren Osten von Afghanistan und Irak her »umzubauen«, ist militärisch und politisch gescheitert. Das russische Eingreifen hat das sichtbar gemacht. Für die Bevölkerung der Region bedeutete die Blutsäuferstrategie des Westens, also die von Frau Mertins erbetene »Lösung«, Millionen Tote und Millionen Flüchtlinge. 

Das kleine Stalingrad, das die Kriegsallianz nun erlebt, verursacht mediale Veitstänze bei jener Generation von Menschenrechtskriegern, die noch keine offensichtliche militärische Niederlage zu verdauen hatte. Für die Mehrheit der Menschen in den vom Westen zerstörten Staaten, ist es, nach allen vorliegenden Informationen, eine kleine Hoffnung. 

 

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Indiens linke Bastion  

Im nordwestlichen Bundesstaat Tripura gibt die Regierung des Marxisten Manik Sarkar dem Riesenland ein Beispiel  

Henri Rudolph/Mumbai 

In: junge Welt online vom 24.10.2015 

Wochenendbeilage 

 

Als im Frühjahr die KP Indiens (Marxistisch) auf ihrem Parteitag das neue Politbüro wählte, befand sich unter den Mitgliedern auch der 65jährige Manik Sarkar. Er gehört dem Gremium seit 1998 an. Im selben Jahr wurde er Regierungschef – »Chief Minister« – des nur 10.500 Quadratkilometer großen, von rund 3,7 Millionen Menschen bewohnten nordöstlichen Bundesstaates Tripura. Hier regiert seit 21 Jahren eine Linksfront. 

Von Agartala, der Hauptstadt des Bundesstaates, fahren wir gen Süden nach Chabimura. Bald schlängelt sich die Straße durch dicht bewachsene Hügellandschaft. Ein Meer aus Grün. Bambus, Bananenstauden, von Palmen gesäumte Weiher, ein Teegarten, Reisfelder kurz vor der Ernte, Ashokabäume, Betel, Mango, Papaya, uralte Banyanbäume und Gummibaumplantagen wechseln sich ab. Unser Ziel ist die Devtamura-Hügelkette, in die sich der Fluss Gomti eingegraben hat. An seinen Steilufern die wohl eindruckvollste Sehenswürdigkeit Tripuras: in den Fels gehauene, mindestens 500 Jahre alte Abbildungen der Göttin Durga und der Götter Shiva, Vishnu und Skanda. 

Indigenes SelbstbewusstseinBereits am nächsten Tag in Agartala, das mit einer Reihe renovierter Gebäude einen einladenden Eindruck macht, ein Gespräch mit dem Chefminister. Er empfängt uns ganz am Ende seines langen Arbeitstages und wird anschließend noch zum routinemäßigen Joggen aufbrechen. Sarkar umreißt die Bedingungen der Region: Sie ist überwiegend bergig und bewaldet. Sie hat Grenzen mit China, Bangladesch, Bhutan und Myanmar und ist reich an Bodenschätzen. Große Ströme, der bekannteste wohl der Brahmaputra, durchfließen sie. Die geographische Lage ist einzigartig, weil sie nur über den sogenannten Flaschenhals mit Zentralindien verbunden ist. Tripura liegt sozusagen hinter Bangladesch. 

Die Bevölkerung besteht zu einem hohen Prozentsatz aus indigenen Völkern, meistens einfachen Menschen, die unterschiedlichen Kulturen und Glaubensrichtungen angehören, darunter Hindus, Christen, Muslime und Angehörige von Naturreligionen. Die Indigenen werden immer selbstbewusster und organisierter. Auch ihnen ist zu verdanken, dass die Regierung im Mai nach 18 Jahren das drakonische Antiterrorgesetz AFSPA zurücknahm. Es sollte aufständische Gruppen in die Schranken weisen, stattete die Sicherheitsorgane jedoch mit nahezu unbegrenzten Machtbefugnissen aus. 

Menschenrechtler kritisierten, dass dieses in allen indischen Krisengebieten angewandte Gesetz von Angehörigen der Streitkräfte oft missbraucht wird. 

In Tripura sahen sich besonders die indigenen Bevölkerungsgruppen als AFSPA-Zielscheibe. Manik Sarkar sagt zu dem Thema: »Wir hatten über Jahrzehnte blutige Auseinandersetzungen zwischen Ethnien, Aufstände wie in anderen Teilen des Nordostens. Seit rund sechs Jahren sind die Extremisten isoliert. Wir haben ihnen hier den Boden entzogen. Aber wir legen die Hände nicht in den Schoß, denn die Feinde versuchen von Bangladesch und Myanmar aus, unsere Entwicklung zu stören.« 

Zähes RingenBehandelt die rechte hindunationalistische Modi-Regierung in Neu-Delhi das ferne Tripura fair? Der Chefminister äußert, dass um den Anteil Tripuras am zentralen Staatshaushalt zäh gerungen werden muss. Er und seine Minister müssten ständig auf die Rechte des Bundesstaates pochen. Man leiste transparente Arbeit, um alle Vorhaben der Zentralregierung zu verwirklichen. Dazu zählt das gewaltige Projekt des Umbaus der 115 Jahre alten, 437 km langen Schmalspureisenbahnstrecke von Lunding im benachbarten Assam bis nach Agartala. Es ist die einzige Schienenverbindung Tripuras hinüber ins indische Kernland. 

Welches Geheimnis verbirgt sich dahinter, dass Tripura seit über zwei Jahrzehnten von einer Linksfront regiert wird, die zu 99 Prozent aus Mitgliedern der KPI (Marxistisch) und einem Minister der KP Indiens besteht? In Westbengalen und Kerala, den beiden anderen einstigen linken Hochburgen, sind die Linken hingegen abgewählt worden. Manik Sarkar ist für seine sprichwörtliche Bescheidenheit bekannt: »Indien ist sehr groß und vielfältig. In Tripura achten wir sehr auf die Interessen der Masse der Armen. Die Bevölkerung vertraut uns. Wir arbeiten ehrlich, zielstrebig und so transparent wie möglich. Und wir ermutigen nicht zur Korruption. 

Zudem bringt der Massenkampf Führer hervor. Ich sage nicht, dass wir meinetwegen schon so lange im Amt sind. Das ist ein Erfolg meiner Partei, ein Ergebnis kollektiven Kampfes.« 

Überall in Indien grassiert Bestechung, auch in Tripura. »Das schon«, sagt Sarkar, »doch wir gehen allen bekanntgewordenen Fällen sofort energisch nach.« Ein Journalistenkollege in Agartala bestätigt mir, dass Finanzskandale und Korruptionsfälle auf Veranlassung der Sarkar-Regierung enthüllt wurden, die dann unter schweren Beschuss der Opposition geriet. 

Dezentralisierte MachtNüchtern schätzt der Chefminister ein: »Wir haben demokratische Verhältnisse bis in die Gemeinderäte, Kooperativen und Stammesversammlungen geschaffen. Wir haben die säkulare Struktur der Gesellschaft gesichert. Es gibt keinen Zwist zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kasten und Glaubensrichtungen. Wir gewährleisten Bildung und Gesundheitsfürsorge für alle Bürger. 95 Prozent der fast vier Millionen Bewohner können lesen und schreiben. Schulbildung bis zur zwölften Klasse ist kostenlos.« 

95 Prozent aller größeren Dörfer hätten Trinkwasser und einen Stromanschluss. Tripura sei vorbildlich bei der Verwirklichung des ländlichen Arbeitsbeschaffungsprogramms MGNREGA, stellt Sakar heraus. 

Freilich bestehe eine Reihe von Entwicklungshindernissen. »Unsere Menschen sind überwiegend arm, deshalb besteuern wir sie gar nicht oder nur gering. 

Das schafft Probleme in unserem Staatshaushalt.« 

Der Erfolgsbilanz Sarkars fügt Dr. Pranab Chatterjee aus der Abteilung Gesundheitsfürsorge und Familienwohlfahrt ein paar Fakten hinzu. Tripura war als erstes Bundesland bereits vor 2004 frei von Lepra. Auch Tetanus ist ausgerottet. Von allen Bundesstaaten kann Tripura auf die meisten Blutspender verweisen. Der Chefminister geht mit gutem Beispiel voran. 87 Prozent der Geburten erfolgen in Krankenhäusern. Die Säuglingssterblichkeit liegt hier bei 26 von 1.000, während sie im indischen Durchschnitt 40 pro 1.000 beträgt. 

Bijan Dhar, Sekretär der KPI (M) für diesen Bundesstaat, lacht, als wir ihn nach dem »Geheimnis« des Erfolgs der Linken fragen: »Wir sind von allen politischen Parteien schlicht und einfach die besten. Wir setzen uns für die Ärmsten ein und lehnen uns gegen den 1991 eingeschlagenen Kurs des Neoliberalismus auf, der alle Sozialmaßnahmen abbaut und die Bourgeoisie begünstigt. Wir hingegen erweitern unser Wohlfahrtsnetz. Wir können uns auf 87.000 Parteigenossen stützen und auf zwei Millionen Mitglieder in Gewerkschaften und Massenorganisationen sowie auf unsere Parteizeitung Daily Desher Katha, die täglich in 50.000 Exemplaren erscheint.« 

Bekämpfung der ArmutNoch einmal raus aus der Hauptstadt Agartala. Mit dem Entwicklungsbeamten Ratan Bhowmik fahren wir im Jeep aufs Land, nach Milan Miah und Rajeshwarinagar im Kreis Dukli. Er will vor Ort zeigen, wie MGNREGA, der »Mahatma Gandhi National Rural Employment Guarantee Act«, funktioniert. Vor Jahren von der Regierung der Kongresspartei landesweit ins Leben gerufen, hat dieses staatliche Beschäftigungsprogramm Millionen armen Menschen in den ländlichen Gebieten für wenigstens 100 Tage im Jahr einen Job vermittelt. Sie erhalten für ihre Mitarbeit an kommunal wichtigen Projekten einen Mindestlohn. In Mian Miah leben 835 Familien. Ein paar Dutzend von ihnen heben heute mit Hacken und Spaten Erde aus. Frauen tragen auf ihren Köpfen die schwere Last in Körben weg. Es sind die Vorbereitungen für einen Fischteich, der in zehn Tagen rohbaufertig sein und der Dorfgemeinschaft Nutzen bringen soll. 

Schweigend schuften sie, die meisten von ihnen Frauen, in der stechenden Sonne. Ayesha Begum, 42 Jahre alt, stützt sich für ein paar Augenblicke auf den Schaufelstiel und berichtet: »Es ist ein harter, aber ein richtiger Job. Davor war ich als Haushaltshilfe beschäftigt und völlig von der Familie abhängig. Mal haben sie bezahlt, mal hatten sie angeblich kein Geld. Das Projekt hier hat unser Leben verändert. Wir haben jetzt ein Bankkonto, und exakt eine Woche nach Vollendung des Projekts kommt der Lohn. Das sind gegenwärtig 155 Rupien pro Tag.« Der Mindestlohn, in diesem Fall umgerechnet etwas mehr als zwei Euro, variiert von Bundesstaat zu Bundesstaat. 

Für 635.000 Beschäftigte haben sich in Tripura dank des Programms die Lebensbedingungen verbessert. Die ländliche Infrastruktur in allen acht Distrikten wurde verbessert. Gelände wird eingeebnet, Schutzwälle gegen Überflutungen werden errichtet. Fischteiche, Tanks für Regenwasser, kleine Wehre, Brücken und Straßen, Bewässerungskanäle, Baumschulen, Tee-, Maulbeer- und Gummiplantagen entstehen. Chefingenieur Tarun Kanti Debnath von der Abteilung für ländliche Entwicklung hat »keinen Zweifel, dass das Programm ein Erfolg ist. Die Leute verdienen etwas. Ihr Zugang zum Markt wird spürbar besser.« 

Durchlässige GrenzeWir machen einen Abstecher zum Zauntor Nr. 97. In Tripura steht auf 750 der 856 Kilometer langen Grenze mit Bangladesch ein fast drei Meter hoher Drahtzaun. Er soll die Migration von Bangladeschis und das Einsickern von Extremisten verhindern. Dennoch sieht man auf den Märkten in Agartala viele Tagelöhner, Händler und Gemüseverkäufer, die, offensichtlich mit Duldung der Behörden, von jenseits der Grenze kommen und am Abend wieder zurückgehen. Anders jene, die im »Transit« sind und sich mit der Absicht, hier zu siedeln, unbemerkt ins indische Hinterland begeben wollen. 

Die trifft man am Gate No. 97 natürlich nicht. Die eigentliche Grenze verläuft etwa 100 m hinter dem Zaun. Nach ein paar Schritten erreichen wird die indische Ortschaft Motinagar, passieren den Grenzstein Nr. 2033, der anzeigt, dass die Grenze hier mitten durch eine unbewohnte Hütte verläuft, und sind schon im bangladeschischen Dorf Dhajanagar. In jeder der beiden Gemeinden leben etwa 1.000 Einwohner. Vor der Aufteilung der einstigen britischen Kolonie in Indien und Pakistan, von dem der östliche Teil sich wiederum 1971/72 von der pakistanischen Herrschaft befreite und als Bangladesch unabhängig wurde, war es eine Ortschaft. 

Die Beziehungen, viele verwandtschaftlicher Art, sind geblieben. Die Schwester des früheren Dorfvorstehers Mohammed Moushumi wohnt beispielsweise in dem bangladeschischen Dorf. »Wir begegnen uns täglich,« sagt er, »und wenn es Probleme gibt, treffen sich die Dorfvorsteher beider Seiten und regeln sie friedlich.« In Motinagar bietet uns ein kleiner Tante-Emma-Laden sirupsüße Limonade aus Bangladesch an. 

Bezahlt wird mit indischen Rupien oder bangladeschischen Taka. Der Umgang miteinander scheint recht unverkrampft. Der Kommandeur am Grenztor belehrt uns eines Besseren: »Viehdiebstahl und Erntediebstahl sind an der Tagesordnung.« 

Zurück in Agartala, überrascht uns nicht, dass Vertreter der Opposition kein gutes Haar am »Sarkar-Regime« lassen. Prasenjit Chakraborty, ein Funktionär des Jugendverbandes ABVP der hindunationalistischen Indischen Volkspartei (BJP), drückt uns zuerst seine Visitenkarte in die Hand. 

Darauf prominent ein Foto von Premier Narendra Modi und dessen Spruch: »Zuerst die Nation, dann die Partei, zuletzt das Ich.« Der junge Kader kommt schnell zur Sache. Für ihn ist die KPI (M) eine »autokratische, undemokratische Partei«, die sich zumindest hier in Tripura »im Prozess des Verfalls« befinde. Die BJP biete die einzige Alternative zum »kommunistischen Gewaltregime«. Er ist sicher, dass 2018, wenn Tripura wieder seine Volksvertretung wählt, diese ans Ruder kommt. 

Dr. Ashok Sinha, der Sprecher der Kongresspartei für Tripura, formuliert seine Meinung nicht so schrill, doch ebenso unmissverständlich: Gründe für die Langlebigkeit der Linksfront? Sie habe ein »perfektes System der Manipulation und Unterdrückung« etabliert. In den Dörfern sei jeder fünfte Einwohner ein verkappter Kommunist oder Spitzel der Partei. Diese habe das Beamtentum durch Bestechung voll unter Kontrolle. Der Chefminister gelte zwar als ehrlich, aber er lebe wie ein König. Das alles könne nur geschehen, weil Politiker und Medien von Tripura keine Notiz nähmen. 

Jagdish Debbarma von der Indigenen Nationalistischen Partei Twipras, die bei jüngsten Kommunalwahlen einen beträchtlichen Stimmengewinn verbuchen konnte, behauptet, die Linksfront spare bei ihren Entwicklungsprojekten die Stammesgebiete aus, habe Migranten aus Bangladesch und aus Westbengalen die Tür geöffnet und erlaube, dass die Indigenen seit 1950 zur Minderheit von nur noch etwas über 30 Prozent Bevölkerungsanteil schrumpften. »Tripura ist unser Land«, sagt er.  Deshalb müssten ihnen alle Landrechte zugesprochen werden. 

Gegen den TrendBislang hat sich Manik Sarkar von den giftigen Anwürfen der Opposition nicht aus dem Konzept bringen lassen. Während er sich behauptet hat, schrumpfte der Einfluss der Linken in Indien, sank die Zahl linker Abgeordneter des Parlaments in Neu-Delhi. Im Unterhaus sind die Marxisten mit neun von 545 und im Oberhaus ebenfalls mit neun von 245 Abgeordneten vertreten. 

Welche Gründe sieht Tripuras Chefminister für diesen Niedergang? »Das Ergebnis der Parlamentswahl 2014 war für uns erschreckend, obwohl wir hier in Tripura unsere Aufgabe erfüllt und die beiden Abgeordnetenmandate errungen haben. Unsere Partei insgesamt hat jedoch die Auswirkungen der neoliberalen Politik unterschätzt, die Entwicklungen im Agrar- und Industriesektor verkannt. Und wir bekommen auch immer noch die negativen Folgen des Zusammenbruchs der UdSSR zu spüren.« 

Erfordert die Lage nicht ein stärkeres Zusammengehen aller linken Kräfte, vielleicht sogar den Zusammenschluß der verschiedenen kommunistischen Parteien Indiens?  »Die Regierung in Neu-Delhi vertritt die Interessen des Big Business, nicht die der einfachen Menschen. Das macht es noch zwingender, das säkulare, demokratische Gewebe der indischen Gesellschaft zu sichern. Was die verschiedenen kommunistischen Parteien betrifft, hat doch jede ihre Eigenheiten und schätzt die Entwicklungsstufen der Revolution unterschiedlich ein. Praktisch ziehen wir bei vielen Gelegenheiten an einem Strang. Aber eine Vereinigung steht nicht auf der Tagesordnung.« 

 

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Der andere Karsten Redmann 

In: junge Welt online vom 24.10.2015 

Wochenendbeilage 

 

  Ein leises Knistern und Knacken in den kleinen Boxen über unseren Köpfen. Intuitiv schaue ich nach oben, so wie ich es immer tue, wenn eine Durchsage gemacht wird, schließlich erwartet man etwas, erwarte ich etwas. 

Nicht immer das Schlimmste, aber eine Erwartung ist da, schwingt mit. Dann die vertraute Stimme des Piloten. Über Lautsprecher teilt sie uns die momentane Reiseflughöhe von etwas mehr als 11.000 Metern mit. Ich lege mein Buch zur Seite und schaue aus dem weiß gerahmten Fenster, blicke auf eine weite Fläche Kobaltblau. Zeit vergeht, verrinnt, ich beginne, mich zu langweilen, schaue mich um und sehe, wie mein Sitznachbar gähnt – ich sehe einen Goldzahn, obere Reihe rechts, und wende mich ab. Und wieder vergeht Zeit, so dass ich ab und an in meinem Buch lese. Die Stewardessen lächeln und zeigen ihre weißen Zahne. Ich bestelle einen Kaffee. Aus dem Augenwinkel sehe ich das Gesicht meines Sitznachbarn. Er betrachtet mich interessiert von der Seite, schnäuzt sich umständlich und fragt, was ich da gerade lese. Ich halte ihm den Buchrücken entgegen, und sein Blick wandert erst auf die Rückseite mit dem Schwarzweißfoto des Autors, dann auf den Titel. Er liest laut: »Open City« – blickt wieder auf die Rückseite des Buches mit dem Foto und nickt. Keine Ahnung, warum er das tut. Er hebt und senkt einfach den Kopf, während wir gerade über die Gipfel der Alpen fliegen, uns ein kräftiger Wind aus Nordost entgegenweht und das Flugzeug leicht schwankt. Und um mich ein wenig abzulenken, nehme ich das Buch, lege es auf meine Knie und lese weiter. 

  Den halben Flug lang hat mein Sitznachbar geschlafen, eine dunkle Seidenstoffmaske über den Augen, schnarchend. Nur ein-, zweimal ist er aufgestanden und zur Bordtoilette gegangen. »Entschuldigung«, hat er gesagt, »muss mal raus«, und ist dann den schmalen Gang entlanggestapft. 

Ich habe ihm zugesehen, wie er sich von mir entfernte und große und kleine Falten quer über seinen dunkelblauen Anzug liefen wie Wellen. Ganz anders sein Gesicht. Es war faltenlos und sah aus, als wäre jemand mit dem Bügeleisen ein paar Mal darübergegangen. 

  Erneut gähnt er mir entgegen und hält es nicht einmal für nötig, die Hand vor den Mund zu halten. Die Schlafmaske klebt auf seiner Stirn. Am dunkelblauen Revers seines Jacketts steckt eine silberne Anstecknadel. Ihr Kopf ist rund und schwarzweiß gemustert. Sieht aus wie ein Fußball. 

  Die Stewardess mit dem schiefen Mund ermahnt mich, den Gurt anzulegen. 

Beim Weitergehen streicht sie  über die Kopflehne meines Sitzes wie über ein ungeliebtes Tier. Ein Dauergrinsen, maskengleich, verhärtet sich auf ihrem Gesicht. Sie spricht kein Deutsch. Und der Mann neben mir versteht sie nicht. Wenn er etwas will, muss ich seine Worte übersetzen. Wenn er wach ist, will er Kaffee. »Mit Milch und Zucker, bitte schön«, sagt er dann und schaut mich grinsend an. 

  Dann der Landeanflug, das Rollfeld, ein kurzes Schütteln. Mein Nachbar wirkt nervös und drängt mich mit hochrotem Kopf, doch endlich aufzustehen. Er möchte nicht der letzte sein. »Ja, ja«, sage ich und lasse mir Zeit. Fluchend tippt er Nachrichten in sein Handy, aus dem Augenwinkel heraus kann ich lesen, was er schreibt. »Susi« steht da und »Essen gehen« und irgendwas mit Fußball. Aber ich lese schon nicht mehr weiter. Wenig später dann das im Zaum gehaltene Lächeln der Stewardessen, ihre Hände, behandschuht mit rotem Kunstlederstoff. Schließlich der Gang zum Gebäude, nur um es mit gleichförmigen Schritten zu durchschreiten, bis mir rote Bänder den Weg weisen, mich zur Passkontrolle führen. Der Beamte in einer kleinen Kabine mustert mein Äußeres, vergleicht es mit dem Bild auf dem Ausweis, winkt mich durch. In der Gepäckhalle nehme ich meine Koffer vom Band und gehe weiter: über Rolltreppen und Laufbänder, um Ecken. »Ausgang« steht schließlich über einer Tür, aus der ich trete und mir ein Taxi heranwinke. 

  »Heinrich-von-Kleist-Straße 38«, höre ich mich sagen, und die Ampel springt auf Grün. Ich lehne meinen Kopf gegen die Fensterscheibe, schalte meinen MP-3-Player an und sehe, wie großflächige Reklamebilder in schnellem Wechsel vorbeifliegen. »Impressions« von John Coltrane gibt den Takt vor. Nach einer halben Stunde Fahrt durch die quirlige Stadt glotzt mich der Taxifahrer an, meldet, dass wir da sind und verlangt sein Geld. 

»Aber da vorne«, sage ich, »Nummer 38, nicht 31, wären Sie …?« Er schließt die Tür wieder, fährt ein paar Häuser weiter, bleibt stehen, lässt den Motor laufen. Wieder streckt er mir seine Hand entgegen. 

»Hier«, sage ich und drücke ihm vier Scheine in die Hand. Schnell springt er aus dem Wagen und öffnet den Kofferraum, hebt mein Gepäck aus dem Wageninneren und fragt, ob er es denn zur Tür bringen solle. Ich schüttele den Kopf und gebe ihm einen weiteren Schein. Er lächelt, steckt sich eine Zigarette an, wünscht mir einen schönen Tag, steigt in sein Taxi und fährt weg. 

  Allein stehe ich, die beiden Koffer neben mir und Trompetenklänge im Ohr, vorm Eingang mit Messingschild und Gegensprechanlage. Wie zur Selbstvergewisserung lese ich meinen Namen. Auf dem Schild klebt Vogeldreck, ich schaue nach oben, aber da sind keine Vögel, nur Wolken. 

Aus einer Laune heraus drücke ich den Klingelknopf mehrere Male, klingele Sturm, und warte ab. Im Fenster des gegenüberliegenden Hauses bewegt sich etwas hinter dem Vorhang, ich sehe den Schatten auf dem Gardinenstoff, jetzt hält der Schatten inne, verharrt. Ich nehme die Koffer und bringe sie zur Tür, schließe auf. Ein schnelles Schlagzeugsolo begleitet mich ins Haus. Es riecht nach abgestandener Luft. Der AB blinkt, zwölf neue Nachrichten. Ich schalte den MP-3-Player aus und lege ihn samt Kopfhörer auf den Tisch. Dann erst höre ich den Anrufbeantworter ab. Die beiden letzten Nachrichten von meiner Freundin, verbunden mit der Frage, ob ich denn gut angekommen sei, und dass ich mich melden solle, sobald mir danach wäre. Ich beschließe, dass mir jetzt nicht danach ist und gehe ins Bad, wasche mein Gesicht vor dem Spiegel und spucke aus. 

  Im Erdgeschoss öffne ich die Fenster, frische Luft schwappt in den Raum. 

Ich wundere mich, weil die Terrassentür offen steht und sie beim Aufschieben seltsame Schleifgeräusche macht. Kurz denke ich an die Putzfrau, und dass auf sie kein Verlass ist und dass dies ärgerlich ist, weil sie schon so lange für mich arbeitet. Morgen werde ich erst die Putzfrau, dann den Tischler anrufen, nehme ich mir vor. Auf einen Zettel schreibe ich: Putzfrau und Tischler anrufen. Dann schalte ich die Musikanlage an. 0:01, 0:02, 0:03 – Kenny Dorham beginnt auf seiner Trompete »Lotus Blossom« zu spielen. Langsam komme ich an. 

  In der Küche öffne ich den Kühlschrank, überlege kurz, nehme eine angebrochene Flasche Wein und trinke im Stehen. Der Wein ist vergoren, ich schütte ihn ins Spülbecken und werfe die Flasche in den Müll. 

Schließlich gehe ich die Treppe nach unten in den Keller, um eine neue Flasche zu holen. Als ich unten ankomme, sehe ich eine Gestalt auf dem Boden liegen, gekrümmt liegt sie da. Mein Puls fährt hoch, ich versuche die Situation zu ordnen, versuche ihr einen Rahmen zu geben, was mir zunächst nicht gelingt – ich sehe Blutflecken auf dem Steinboden, Blut, das Haare verklebt, und beuge mich dann erst zu dem Liegenden herunter. Ich fixiere den rot ausfasernden Punkt am oberen Ende seiner Stirn und lasse das Erste-Hilfe-Programm ablaufen, schließlich bin ich Arzt. Den Instrumentenkoffer schnell zur Hand, stoppe ich erst den Blutfluss, sehe zu, wie der Junge langsam zu sich kommt, rolle ihm einen Verband um den Kopf, lehne seinen Oberkörper gegen die Wand und rede beruhigend auf ihn ein. Er ist jung, ich schätze ihn auf 15 oder 16, ein kleingewachsener, schmächtiger Kerl. Ich sehe, wie seine Hände zittern. Jetzt schaut er mir direkt in die Augen. »Ich bin Arzt«, sage ich und helfe ihm aufzustehen. 

Er ist noch etwas wacklig auf den Beinen, ich muss ihn stützen. Im Wohnzimmer biete ich ihm an, sich auf das Ledersofa zu legen und drücke die Pause-Taste des CD-Spielers. Und plötzlich ist alles sehr still, der Raum scheint sich zu weiten – und es kommt mir vor, als breite sich diese ungewohnte Stille aus wie sonst nur Licht, das man anknipst und das dann da ist und den Raum ausfüllt. Ich betrachte den Lichtschalter und drücke mit dem Finger fest dagegen. Die Neonröhren über dem Sofa flackern auf. Ich frage den Jungen, wie es ihm gehe. Erst sagt er nichts, sieht mich an, betrachtet seine Hände, schüttelt den Kopf, verzieht das Gesicht, und sagt dann, dass ihm übel sei. »Du hast da ein ganz schön großes Loch in deinem Kopf!« sage ich. 

  »Was?« fragt er leise. 

  »Ein Loch«, sage ich, nehme seine Hand und führe sie an die Stelle, aus der eben das Blut sickerte. 

  »Diese Kopfschmerzen«, sagt er, »sind die Hölle« und fährt sich mit der Hand über den Verband. »Hier«, sage ich, »nimm das«, und lege ihm zwei Tabletten auf die flache Hand. »Moment«, sage ich. Ich gehe in die Küche und fülle ein Glas mit kaltem Leitungswasser. Gierig trinkt er es aus und verlangt ein zweites. Ich setze mich auf einen der Sessel, und wir blicken uns an. 

  Plötzlich erinnere ich mich an eine Szene aus einem Kriegsfilm, den ich vor einiger Zeit gesehen hatte: Da kauern zwei junge Soldaten in einem Graben, es regnet, und ihre Uniformen sind völlig durchnässt. Der eine der beiden blutet am Oberkörper, seine Augen wandern unruhig über den schwarzen Himmel, bläuliches Regenwasser vermischt sich mit Blut. Mit einer Hand hält er sich an dem anderen fest, bis die Kraft aus seinem Körper weicht und sein Kopf einknickt. Kurz darauf hört man die Flieger in der Luft, Hunderte Bomben fallen vom Nachthimmel. Die Wolkendecke flackert orange. 

  »Wer sind Sie?« fragt er, und ich kann sehen, wie seine großen Augen unter der hohen Stirn zuerst mein Gesicht und dann den Raum absuchen. »Ich bin wohl derjenige, in dessen Haus du eingebrochen bist«, sage ich. »Und du?« Er schaut mich mit großen Augen an und fasst sich wie aus Verlegenheit an den Kopf. »Ich kann mich an nichts erinnern«, stammelt er. »An rein gar nichts, nicht mal an meinen Namen.« Er hält inne und fragt: »Habe ich viel Blut verloren?« 

  »Keine Ahnung«, sage ich. »Aber warte mal«, ich stehe vom Sofa auf und fordere ihn auf, ebenfalls aufzustehen. Ich helfe ihm auf die Beine und sage, dass wir uns mal anschauen sollten, was oben los sei. Er hebt die Schultern und schaut mich verdutzt an. »Was meinen Sie?« fragt er. 

  »Du warst doch da oben«, und ich zeige in Richtung der Treppe, die weiter in den ersten Stock hinauf führt. 

  »Weiß nicht«, sagt er. Zusammen gehen wir nach oben. Dort nehme ich erste Anzeichen des Chaos wahr: Im Schlafzimmer sind sämtliche Schubladen aus den Kommoden gezogen, liegen umgedreht auf dem Boden. Manche sind aus dem Leim gegangen. Der gesamte Kleiderschrank ist ausgeräumt, meine Anzüge liegen zwischen Unterhosen und offenen Kartons. In den anderen Zimmern herrscht ebenfalls das reinste Chaos. Auf den ersten Blick sehe ich, dass im Arbeitszimmer einige Sachen fehlen. Papiere und Bücher liegen auf dem Parkettboden verstreut. Aktenordner sind ineinander verkeilt. 

  »Da hast du ja ganze Arbeit geleistet«, sage ich. »Und wo sind die Sachen jetzt?« Er schüttelt verwirrt den Kopf. »Weiß nicht, keine Ahnung.« Wir gehen wieder nach unten, und er legt sich auf mein Sofa, als wäre er zu Besuch. »Und jetzt?« 

  »Hm«, sagt er. Ich gehe auf und ab, bleibe bei der Terrassentür stehen, drehe mich wieder zu ihm um: »Was hältst du davon, wenn wir jetzt beide zur Polizei fahren? Vielleicht kann die uns ja weiterhelfen?« 

  »Nicht besonders viel«, sagt er. 

  »Und was schlägst du vor?« Er blickt mich an, abwartend. Dann kommt mir eine Idee. »Schauen wir doch mal nach, was du in deiner Tasche hast. 

Vielleicht bringt uns das ja weiter.« Der Junge greift vorsichtig in eine seiner Hosentaschen und hält ein Mobiltelefon in der Hand. »Aha!« sage ich triumphierend. »Sonst hast du nichts in deinen Taschen?« Er schüttelt den Kopf und dreht das Mobiltelefon in seiner Hand. »Gib mal her!« fordere ich ihn auf. Er zögert, legt dann das Telefon in meine Hand. »Ist das dein Telefon?« frage ich und muss jetzt selbst lachen, weil ich merke, wie absurd meine Frage ist. Wenn er nicht einmal weiß, wie er heißt, wie soll er dann wissen, ob das Telefon ihm gehört. 

  »Sind Sie wirklich Arzt?« fragt er. »Ja.« – »Und das hier gehört alles Ihnen?« Er schaut sich um. »Ja«, sage ich, während er versucht aufzustehen. »Warte, ich helfe dir.« 

  »Wollen Sie immer noch die Polizei rufen?« Ich schüttele den Kopf. Er nickt und starrt mich an. »Sie sind schwarz.« – »Ja«, sage ich, »ist das ein Problem?« Er wehrt ab und zuckt mit den Schultern. »Ich meine ja nur. Darf ich den Fernseher anmachen?« Ich schaue ihn verwundert an. 

»Wenn ich aufgeregt bin, muss ich immer Fernsehen. Das hilft – glauben Sie mir!« 

  »Okay«, sage ich, drücke ihm die Fernbedienung in die Hand. Und weil mir im Moment nichts Besseres einfällt, frage ich ihn, ob er etwas trinken möchte. »Gerne«, sagt er. 

  Ich überlege. »Tee vielleicht?« Er verzieht den Mund: »Ja«. Ich gehe in die Küche und fülle Wasser in die Glaskanne. Wasserblasen tanzen auf dem Kannenboden. »Wie lange waren Sie denn weg?« ruft der Junge und hat wohl meine beiden Koffer neben der Tür entdeckt. »Zwei Monate«, sage ich. »Und wo waren Sie?« »In Nigeria.« – »Oh«, sagt er und schaltet auf einen Sportkanal, ich höre lärmende Fans und die Stimme eines Kommentators. Und während ich die Zuckerdose suche, stellt er den Ton lauter. Ich versuche, mich an den Titel des Kriegsfilms zu erinnern, denn die Szene mit den jungen Soldaten arbeitet weiter in meinem Kopf. Doch er will mir partout nicht einfallen. Den ganzen Film könnte ich nacherzählen, aber der Titel ist weg, wie weggewischt. 

  »Wie geht es deinem Kopf?« rufe ich ins Wohnzimmer. »Hast du noch starke Schmerzen?« Es muss ein Tor gefallen sein, laute Jubelschreie dringen vom Wohnzimmer in die Küche. »Wer spielt denn?« erkundige ich mich. Keine Antwort. Ich gehe ins Wohnzimmer und sehe, dass er fort ist. 

Die Wolldecke hat er mitgenommen. Ich öffne die Haustür und sehe, wie er in einer Seitenstraße verschwindet. Ich möchte ihm etwas hinterherrufen, aber ich weiß nicht was, weiß ja nicht mal seinen Namen. Kurz bleibe ich stehen und schaue ihm nach, schließe wieder die Tür und setze mich. Der Fernseher läuft, das Fußballspiel. Frankreich spielt gegen Deutschland. 

Mit Fußball kenne ich mich aus. Eine Kamera schwenkt auf die Tribüne. 

Dort sieht man eine Reihe Anzugträger sitzen. Und dann muss ich etwas näher an den Bildschirm herangehen, und denke: das kann doch nicht wahr sein – sitzt da nicht der Typ aus dem Flugzeug, gleicher Anzug, gleicher Gesichtsausdruck? Beim genaueren Hinsehen erkenne ich, dass er es nicht ist. Dann schwenkt die Kamera nach rechts, und die Anzugträger verschwinden von der Bildfläche. Ich schalte den Ton aus und ziehe aus meiner Hosentasche das Mobiltelefon des Jungen, rufe das Menu auf, drei unbeantwortete Anrufe, drücke die Anruftaste und lausche in den Hörer. 

Während es gleichmäßig tutet, sehe ich, wie ein Spieler seinen Gegner foult, sehe, wie der Ball aus der Szene rollt und der Schiedsrichter eine rote Karte zückt. Und während ein anderer Spieler den Ball langsam auf den Elfmeterpunkt legt, meldet sich eine Jungenstimme. Sie spricht laut und aufgeregt. Mir stockt der Atem. Und ich sehe ,wie der Ball, einem Geschoss gleich, durch die Luft fliegt, sich dann im Netz verfängt und auf dem Rasen liegenbleibt. 

    

  Karsten Redmann, geboren 1973 in Neunkirchen (Saar), lebt als freier Schriftsteller in Bremen. 

  Am 25.7.2015 erschien von ihm an dieser Stelle die Geschichte »Cem«. 

  www.karstenredmann.de 

 

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Für Wissen und Fortschritt. Über Anpassung und Widerstand  

Reinhard Jellen 

In: junge Welt online vom 24.10.2015 

Wochenendbeilage 

 

  »Was den kategorischen Imperativ (...) vor allem auszeichnet, ist seine Geltung a priori, also vor und unabhängig von aller Erfahrung. Genau aber hier liegt die Crux. Je souveräner sich Kant über die empirischen, d.h. 

politischen und geschichtlichen Bedingungen erhebt, desto mehr liefert er sich diesen aus.« (Konrad Lotter) 

  In seinem Essay »Anpassung oder Widerstand?«, der in der Zeitschrift Aufklärung und Kritik veröffentlicht wurde, stellt der Philosoph Konrad Lotter die unterschiedlichen Ethiktypen von Sokrates, Kant, Hegel und Karl Marx vor. Entgegen den Annahmen der bürgerlichen Philosophie, dass die Art von Moral, die in unserer Gesellschaft vorherrscht, zu allen geschichtlichen Epochen gültig und in jeder Situation anwendbar wäre, kommt Lotter zu einem anderen Schluss und zeigt auf, dass verschiedene geistige und gesellschaftliche Ausgangssituationen auch unterschiedliche Ethiken hervorbringen, die wiederum für Anpassung oder Widerstand ungleich geeignet sind. 

  Als erste Ethik stellt Lotter die sokratische vor. Sokrates wurde in Athen wegen Gottlosigkeit und Verführung der Jugend hingerichtet. Nach Lotter ist der geistige Hintergrund dieses Urteils in der sokratischen Einführung eines neuen Typus von Moral zu suchen: Er lehrte der Jugend, sich nicht einfach den Geboten und Lehren der Erwachsenen und des Staates zu unterwerfen, also nicht mehr bedingungslos den durch Religion und Tradition legitimierten Verhaltensweisen zu folgen, sondern dem Logos und dem eigenen »Dämon« Folge zu leisten, also »alle Gesetze und Sitten auf den Prüfstand zu stellen und sich gegen sie zu stellen, wenn Logos und Dämon es erfordern«. 

  Demgegenüber ist Kants Ethik für Lotter eine, die es den Individuen leicht macht, sich den jeweils herrschenden Umständen anzupassen. Kants berühmter kategorischer Imperativ »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde« ist nicht mehr als ein aufgemaltes Sprüchlein, das so manche Bürgerbirne ziert. Gerade das Unabdingliche und Apodiktische ist für Lotter das systematische Fundament der Anpassung, insofern Kant nicht berücksichtigt, unter welchen konkreten Umständen derlei geschehen soll. 

Der subjektive Akt des individuellen Handelns wird über die Empirie gestellt und rein formalistisch, also ohne Inhalt und Richtung des Inhalts, hinsichtlich seiner Verallgemeinerungsfähigkeit betrachtet. Für den ahistorisch denkenden Kant eignet sich das zur Verallgemeinerung, was was bereits allgemein ist, sich also in der Empirie durchgesetzt hat. 

  Hegel kritisiert den Standpunkt Kants und hebt ihn auf, indem er die moralische Sphäre von der Ebene der Sittlichkeit (d.h. geistigen, kulturellen und gesellschaftlichen Verkehrsformen einer Epoche) unterscheidet, wobei die Moral Sittlichkeit voraussetzt und durch diese bestimmt wird: Verschiedene geschichtliche Epochen haben unterschiedliche Formen von Sittlichkeit und daraus folgend divergente Arten von Moral hervorgebracht, aus deren Zusammenstoß Hegel seine Theorie über die Tragödie entwickelt. Die Anpassung an die Umstände als das höchste Gebot zu betrachten, ist für Hegel nicht möglich. Für ihn gibt es geschichtliche Konstellationen, in denen sich im individuellen Aufbegehren und in der Weigerung, nach den tradierten Werten zu leben, eine höhere Form von Sittlichkeit ankündigt, die eben weil sie neu ist, noch nicht allgemein sein kann. 

  Marx und Engels übernehmen diesen Gedanken, indem sie den Kapitalismus nicht von einer übergeschichtlichen Warte aus kritisieren, sondern aufzeigen, dass er aus einer bestimmten geschichtlichen und ökonomischen Situation heraus entstanden ist. Und dass er Widersprüche produziert, die einerseits unter der Oberfläche die gesellschaftliche Entwicklung vorantreiben und andererseits im praktischen Interesse der Bevölkerungsmehrheit aufgehoben werden müssen. Dies Neue im Alten aufzuzeigen ist die Aufgabe dialektischer Kritik. 

 

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pol & pott. Apfel-Curry-Suppe  

Ina Bösecke 

In: junge Welt online vom 24.10.2015 

Wochenendbeilage 

 

  Es ist die uralte Frage: Hält die Liebe, wenn einen nichts als die Liebe verbindet? Max und Norma begehren sich in dem Film »Frühstück bei ihr« (USA 1990 von Luis Mandoki), passen aber, zumindest auf den ersten Blick, nicht zueinander. Er ist reich, sie schuftet in einem Burger-Restaurant. Er hört Oper, sie liebt Fernsehen. Er ist 27, sie 44 Jahre alt. Alle jungen, reichen und sauberen Mädchen wollen ihn haben, keiner versteht, warum die ältere Lady, die permanent qualmt und gern einen hebt, ihn bekommt. Max selbst versteht es auch nicht so recht. Er fühlt sich zu ihr hingezogen, traut sich aber nicht, sie seinen Freunden zu zeigen. 

  Neben der körperlichen Liebe verbindet die beiden der Tod. Nora hat ihren 14jährigen Sohn verloren, an Leukämie, wie sie sagt. Später erfährt man, dass er sich mit Drogen zugedröhnt hat. Max war einmal mit dem schönsten Mädchen der Stadt liiert. Sie hatte einen tödlichen Unfall. Auch das bietet Explosionsstoff. Einerseits weil sie gelogen hat, andererseits weil er (noch) an der schönen Toten hängt. 

  Es explodiert dann auf einer Thanksgiving-Party, zu der Max eingeladen ist, und Nora kommt zum ersten Mal mit zu seinen Freunden. Warum die Reichen und Hässlichen immer so strunzdumm, ignorant und gemein sind, in der Fiktion wie in der Wirklichkeit, ich habe es nie verstanden. Natürlich wird Nora blöd angeschaut, wegen ihrer Klamotten belächelt, nicht angenommen im Kreis der Betuchten. »Hol sie zurück, sie ist doch auch nur ein Mensch«, ruft der Hausherr Max zu, nachdem Nora wutentbrannt das Schickimicki-Haus verlassen hat. Trennung liegt in der Luft. Max findet Nora weder zu Hause noch bei der Arbeit. Aus der Traum? 

  James Spader als Max und Susan Sarandon als Nora sind großartig anzuschauen. Ohne sie wäre der Film nur halb so gut. Sarandon hat für ihre Rolle Preise gewonnen, Spader hätte sie unbedingt auch verdient. Was wird gegessen? Burger zum Beispiel, aber das ist natürlich kein Thema für uns. Der ewige Thanksgiving-Braten, der ständig in US-amerikanischen Filmen vorkommt, hängt einem auch schon aus dem Hals raus. Besser wir konzentrieren uns auf die Suppe, die Max mit Nora und deren Schwester einmal isst. Könnte eine Apfel-Curry-Suppe mit Rote-Bete-Sprossen und gebratener Entenbrust sein, wie wir sie jetzt im grauen Herbst dringend brauchen: 

  600 g Äpfel (Boskop oder Elstar), eine Zwiebel, 200 g Kartoffeln schälen, in Würfel schneiden. Äpfel und Zwiebeln in Olivenöl andünsten. Ein TL Currypulver darunterrühren, mitdünsten. Kartoffeln unterheben, mit Gemüsebrühe aufgießen, weichkochen. 300 g Entenbrust mit einem scharfen Messer auf der Hautseite kreuzweise einritzen, auf dieser Fettseite in einer beschichteten Pfanne bei mittlerer Temperatur braten. 

Wenn die Brust schön kross ist, wenden, die andere Seite in dem Entenfett braten. Suppe pürieren, in Tellern auf einem Rote-Bete-Sprossen-Nest (zwei Handvoll) anrichten. (Alternativ kann man einen Viertel Radicchiokopf in feine Streifen schneiden). Entenbrust mit Salz und Pfeffer würzen, in dünne Scheiben schneiden, jeweils in die Suppenschüssel auf die frisch eingeschenkte Suppe legen. 

 

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