Putin kontra Lenin 

Antikommunistische Märchen aus dem Kreml  

Von Willi Gerns | 

In: unsere zeit online vom 29. Januar 2016  

 

Am Donnerstag, dem 21. Januar, fand im Moskauer Kreml eine Sitzung des Rates für Forschung und Bildung der Russischen Föderation statt. Dabei ist es zu einem Wortwechsel zwischen Michail Kowaltschuk, dem Direktor des Kurtschatow-Instituts für Atomforschung, und Präsident Wladimir Putin gekommen. Am 23. Januar berichteten darüber sowohl die „Junge Welt" als auch die russische „Sowjetskaja Rossija". 

In der „Jungen Welt" heißt es in der Rubrik „Abgeschrieben": „Dabei zitierte der Direktor des Kurtschatow-Instituts für Atomforschung, Michail Kowaltschuk, ein Gedicht aus den 1920er Jahren von Boris Pasternak mit dem Titel ‘Die hohe Krankheit‘ über die Oktoberrevolution und einen Satz daraus über Wladimir Iljitsch Lenin: ‚Er lenkte den Gang der Gedanken und nur deshalb – das Land‘. So müsse auch Wissenschaft organisiert werden. Der russische Präsident Wladimir Putin ging darauf in seiner Schlussbemerkung ein: (…),Michail Walentinowitsch, den Gang der Geschichte lenken – das ist richtig. Wichtig ist allerdings, dass dieses Denken zum erforderlichen Resultat führt, aber nicht wie bei Wladimir Iljitsch. Auch, wenn die Idee an sich richtig ist. Im Endergebnis führte dieses Denken zum Zerfall der Sowjetunion, genau daran lag es. Es gab viele Überlegungen solcher Art: Autonomisierung und so weiter – die legten eine Atombombe unter das Gebäude, das Russland heißt, und die zerriss es dann auch. Und die Weltrevolution brauchten wir nicht. Da haben Sie eine Idee – es ist aber noch nötig, darüber nachzudenken, was für eine Idee das ist.‘ Juri Jemeljanow stellt dazu in der „Sowjetskaja Rossija" fest: „Die Erklärung Putins zeugt nicht nur von seinem Verhältnis zu Lenin, sondern auch zu den historischen Ereignissen, in denen er sich, sagen wir es so, nicht zurechtfindet." 

Erstens. Lenin war bei weitem nicht der erste, der von der sozialistischen Weltrevolution sprach. Darüber schrieben Karl Marx, Friedrich Engels, die Aktivisten der I. Internationale, die noch vor der Geburt W. Uljanows entstand. Zweitens. Lenin strebte nicht danach, die Weltrevolution ohne Berücksichtigung der objektiven Realitäten zu verbreiten. Auf dem VII. Parteitag der KPR(B) (März 1918) sagte Lenin: „Ja, wir werden die internationale Weltrevolution erleben, aber vorläufig ist sie ein sehr gutes, ein sehr schönes Märchen – ich verstehe durchaus, dass Kinder schöne Märchen lieben. Ich frage jedoch: steht es einem ernsthaften Revolutionär an, an Märchen zu glauben?" 

Obwohl das Wort ‚Autonomisierung‘ die gleichen Buchstaben enthält, wie auch das Wort ‚Atom‘, bedeutete dieser Begriff, der 1922 in der Diskussion über die Zukunft des Sowjetlands eine Rolle spielte, keineswegs, eine Atombombe unter das Gebäude des neuen Russlands zu legen. Die Idee der Autonomisierung vertrat eine gewisse Zeit der Volkskommissar für Nationalitätenfragen J.W. Stalin, der dabei gerade die Stärkung und Festigung und nicht die Absonderung der Sowjetrepubliken im Auge hatte. W.I. Lenin wandte sich gegen diesen Vorschlag, weil er berücksichtigte, dass zu dieser Zeit in den Sowjetrepubliken bereits Institute staatlicher Selbstständigkeit entstanden waren, und eine Absage daran nur die Unzufriedenheit eines Teils der Bevölkerung hervorrufen konnte. 

Die Aussage Jemeljanows über die Autonomisierungsvorstellungen Stalins geht unserer Meinung nach an deren Kern vorbei. Das ist besonders bedauerlich für Leserinnen und Leser, für die diese Problematik Neuland ist. Es ging bei Stalins Autonomisierungsvorstellungen nämlich nicht um die „Stärkung und Festigung" der nationalen Sowjetrepubliken, sondern um ihre Eingliederung in die Russische Föderative Sowjetrepublik mit dem Status von Autonomien, d.h. um die Absenkung ihrer Selbstständigkeit zugunsten der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR). Gerade darum fürchtete Lenin negative Reaktionen bei Teilen der Bevölkerung der übrigen Sowjetrepubliken, die dort die Sowjetmacht gefährden könnten. 

Recht hat Jemeljanow jedoch, wenn er die Unterstellung Putins, die „Autonomisierung" habe zu den Hauptideen Lenins gehört, als geradezu lächerlich bezeichnet. Er fährt fort: „Bis heute hat uns der Reformator Putin nicht überzeugend darlegen können, warum unser Land solange es den Ideen Lenins folgte und den Sozialismus aufbaute, sich schnell entwickelte, erstarkte und zu einem der bedeutendsten Mächte der Welt wurde. Lenin zu beschuldigen, den Zerfall des Landes vorbereitet und eine ‚Atombombe‘ unter die UdSSR gelegt zu haben, das kann nur derjenige, der den gesunden Menschenverstand mit Füßen tritt. Die Initiatoren des Zusammenbruchs der UdSSR sind dem ganzen Volk bekannt, auch namentlich." 

Schließlich weist Jemeljanow noch auf den Widerspruch hin, dass Präsident Putin, Lenin der angeblichen Zerstörung der Sowjetunion beschuldigend, kürzlich mit der Eröffnung des Jelzin-Museums in Jekaterinburg gerade demjenigen höchste Ehren erwies, der die Hauptverantwortung für die Auflösung des Unionsvertrages über die Bildung der UdSSR und damit für deren Ende trägt. 

Wir wollen hinzufügen: Die eingangs zitierte Feststellung Jemeljanows, Putin „finde sich in den geschichtlichen Ereignissen nicht zurecht", scheint nach alledem zu diplomatisch formuliert zu sein. Zutreffender müsste wohl von einer antikommunistisch motivierten bewussten Entstellung der historischen Fakten die Rede sein. Aber reicht das aus, um die massive Polemik Putins gegen eine „Autonomisierung", d.h. gegen Autonomien bzw. mit Blick auf Lenin und die Sowjetunion gegen nationale Republiken mit weitgehender Selbstständigkeit im Verbund einer Föderation zu verstehen? Oder geht es Putin vielleicht zugleich darum, mit Blick auf die heutigen Strukturen der Russischen Föderation vor zu viel Föderation und Autonomie zu warnen und die Trommel für den allmächtigen Zentralstaat zu rühren? 

Abschließend soll darauf hingewiesen werden, dass – aus welchen Gründen auch immer – offenbar nicht wenige Nutzer der russischen Massenmedien, in denen über die Replik Putins auf den Direktor des Kurtschatow-Instituts berichtet wurde, über diese bzw. deren Inhalt empört sind. Jedenfalls sah sich Dmitri Peskow, der Pressesprecher des Präsidenten, zu dem Versuch gezwungen, seinen Chef zu verteidigen. Er erklärte, dass die Aussagen Putins „kaum ein Vorwand für Empörung sein" (sollten). Eher könnten diese ein Vorwand dafür sein, nicht damit einverstanden zu sein, aber es gibt keinen Anlass zur Empörung. Letzten Endes ist jeder, darunter auch der Präsident, frei in seinem Verhältnis zur Rolle dieser oder jener Persönlichkeit in der Geschichte. 

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Schlag nach bei Rosa  

Lenin, Putin und die Nationen  

Reinhard Lauterbach 

In: junge Welt online vom 29.01.2016 

 

 Wladimir Putin kann sich mit seiner Kritik an der Leninschen Nationalitätenpolitik auf eine Quelle berufen, die er natürlich nicht zitiert hat: Rosa Luxemburg. Was Putin über die »Zeitzünderbombe« sagt, die die Bolschewiki mit der Proklamierung des »Selbstbestimmungsrechts bis zur Lostrennung« unter das russische Staatswesen gelegt hätten, ist schon in Luxemburgs berühmtem Aufsatz »Zur russischen Revolution« nachzulesen: »Während Lenin und Genossen offenbar erwarteten, dass sie als Verfechter der nationalen Freiheit, und zwar ›bis zur staatlichen Absonderung‹, Finnland, die Ukraine, Polen, Litauen, die Baltenländer, die Kaukasier usw. zu ebenso vielen treuen Verbündeten der russischen Revolution machen würden, erlebten wir das umgekehrte Schauspiel: Eine nach der anderen von diesen ›Nationen‹ benutzte die frisch geschenkte Freiheit dazu, sich als Todfeindin der russischen Revolution gegen sie mit dem deutschen Imperialismus zu verbünden …«  

  Dass in der Epoche des Nationalismus die Nationalitätenfrage die Achillesferse Russlands war, hatte nicht nur Rosa Luxemburg erkannt. Ihr ging es um Russland als Standort der Revolution, Russlands kapitalistischen Kriegsgegnern um Russland als Staat. Daran hat sich bis zu Zbigniew Brzezinski nicht viel geändert. Was Putin bei seiner Kritik freilich nicht erörtert, ist die Frage, ob es für die Bolschewiki 1918 eine Alternative dazu gegeben hätte, Balten, Polen und Finnen ziehen zu lassen. Rosa Luxemburg deutet es an, wenn sie die Verbeugungen der Bolschewiki vor dem »Selbstbestimmungsrecht der Nationen« als Ausdruck einer »Opportunitätspolitik« kennzeichnet: Lenin und seinen Mitkämpfern war damals das Hemd näher als der Rock. Als sie politisch und militärisch gefestigter dastanden, sammelten sie die »russische Erde« wieder ein: Anfang der 20er Jahre im Kaukasus, 1940 im Baltikum. Aber: die Sowjetunion hat es sich anders als die kapitalistischen Metropolen Milliarden kosten lassen, die nichtrussischen Gebiete zu entwickeln, um ihren Völkerschaften das Gefühl zu vermitteln, der Verbund mit Russland lohne sich auch für sie. Der zivilisatorische Unterschied zwischen Kasachstan und dem Kongo zeigt es noch heute. Dass die Kalkulation der Bolschewiki nicht aufgegangen ist, weiß man heute. Hätte man es damals wissen können? Putin tut so. 

Was er verschweigt: Es war sein Förderer und Vorgänger Boris Jelzin, der 1990 die »Parade der Souveränitäten« ausgerufen hatte. Jelzin war es, der die Multinationalität zum Sprengsatz umbaute, nicht Lenin, der ihr als Tatsache Rechnung trug. Ihm zu unterstellen, er habe die Bombe gelegt, ist mindestens unredlich.  

  Soweit – aber auch nur soweit – hat Kommunistenchef Gennadi Sjuganow gegenüber Putin recht. Was er ansonsten zur Verteidigung Lenins und Stalins anführt, ist Küchengeschwätz der »weißgardistischen« Emigranten: »Immerhin« hätten die Bolschewiki Russland gerettet. Als wäre das ein Wert an sich. Mehr fällt Lenins politischem Erben anscheinend nicht mehr ein. Da ist sogar Putin weiter. Der erkennt, bei aller Kritik am Sozialismus, den zivilisatorischen Fortschritt der Sowjetunion gegenüber dem Zarenreich an.  

 

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Kommunismus gefällt mir  

Antworten Wladimir Putins auf Fragen zu Lenin, der Sowjetunion und ihren Zerfall 

In: junge Welt online vom 29.01.2016 

 

 Bei einer Tagung der »Gesamtrussländischen Volksfront« im südrussischen Stawropol wurde der russische Präsident Wladimir Putin am Montag nach seinem Verhältnis zum Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin, zu einer möglichen Umbettung von dessen Leiche aus dem Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau und zum Sozialismus befragt. Anlass war eine Äußerung Putins auf einer Sitzung des russischen Rates für Wissenschaft und Bildung vom Donnerstag vergangener Woche, Lenin habe eine »Atombombe« unter Russland gelegt (siehe jW vom 23./24. Januar, Seite 8). Die Formulierung erregte in der russischen Öffentlichkeit Aufsehen, die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF) kritisierte sie scharf. In Stawropol erklärte Putin:  

  Was die Umbettung und vergleichbare Fragen angeht, muss man sehr behutsam herangehen, um nichts zu unternehmen, was unsere Gesellschaft spalten könnte. Im Gegenteil, es geht darum, sie zusammenzuschweißen. Das ist das Wichtigste.  

  (...) Sie wissen, dass ich, ebenso wie über 20 Millionen andere sowjetische Bürger, Mitglied der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) war, und zwar nicht nur ein einfaches Mitglied. Ich habe fast 20 Jahre in einer Organisation gearbeitet, die sich Komitee für Staatssicherheit der UdSSR (KGB) nannte. Und diese Organisation war die Nachfolgerin der Tscheka, die man die bewaffnete Formation der Partei nannte. Wenn jemand aus irgendwelchen Gründen aus der KPdSU ausgetreten ist, wurde er sofort auch aus dem KGB entlassen. Ich war keines dieser Parteimitglieder aus Notwendigkeit; ich kann auch nicht sagen, dass ich ganz besonders von der Idee des Kommunismus eingenommen war, aber ich habe mich zu dieser Idee mit großem Respekt verhalten. (...)  

  Die Ideen des Sozialismus und Kommunismus haben mir immer sehr gefallen und tun es immer noch. Wenn wir das »Gesetzbuch des Erbauers des Kommunismus« betrachten, das in der Sowjetunion weit verbreitet war, dann erinnert es sehr an die Bibel. Das ist kein Witz von mir, es ist tatsächlich eine Zusammenfassung aus der Bibel. Die Ideen sind gut: Gleichheit, Brüderlichkeit, Glück. Aber die praktische Verwirklichung dieser wunderbaren Ideen in unserem Land war sehr weit entfernt von dem, was die utopischen Sozialisten (Henri de) Saint-Simon und (Robert) Owen dargelegt hatten. Unser Land war der Sonnenstadt nicht sehr ähnlich.  

  Alle warfen dem Zarenregime dessen Repressionen vor. Aber womit begann die Sowjetmacht ihre Existenz? Mit Massenrepressionen. Ich will mich jetzt gar nicht über deren Maßstab äußern, aber ich gebe Ihnen ein schlagendes Beispiel: die Vernichtung und Erschießung der Zarenfamilie einschließlich ihrer Kinder. Natürlich konnte man noch vom Standpunkt der sozialistischen Idee argumentieren, dass man, sozusagen, mögliche Thronanwärter präventiv habe beseitigen müssen. Aber warum ist dann der Leibarzt, Dr. (Jewgeni) Botkin, erschossen worden? Warum das Gesinde, Leute proletarischer Herkunft immerhin. Zu welchem Zweck? Um das Verbrechen zu vertuschen.  

  Wir haben früher über dieses Thema nie nachgedacht. O. k., wir haben gegen Leute gekämpft, die mit der Waffe in der Hand gegen die Sowjetmacht gekämpft haben. Aber warum haben wir dann die Geistlichen vernichtet? Allein im Jahre 1918 wurden 3.000 Geistliche erschossen, 10.000 im Verlauf von zehn Jahren. Am Don haben sie sie zu Hunderten unter die Eisschollen gestoßen. Wenn man beginnt, darüber nachzudenken, wenn man neue Informationen darüber bekommt, dann bewertet man auch viele Dinge anders.  

  Es gibt eine Stelle in einem Brief von Lenin, ich glaube an (Wjatscheslaw) Molotow. Das genaue Zitat weiß ich nicht mehr, aber es ging darum, dass es umso besser sei, je mehr reaktionäre Vertreter von Bourgeoisie und Geistlichkeit wir erschießen. Wissen Sie, so eine Herangehensweise verbindet sich nicht besonders eng mit unseren früheren Vorstellungen über das Wesen der Sowjetmacht.  

  Bekannt ist auch die Rolle der bolschewistischen Partei bei der Zersetzung der russischen Front im Ersten Weltkrieg. Und was haben wir davon gehabt? Wir haben gegen ein Land verloren, das ein paar Monate später selbst kapituliert hat. Und wir waren die Unterlegenen der Verlierer - eine in der Geschichte einmalige Situation. Und wofür das alles? Um des Kampfes um die Macht willen. Wie müssen wir heute die damalige Situation bewerten, die zu unendlichen Verlusten für das Land geführt hat?  

  (…) Die Planwirtschaft hat ihre Vorteile: Sie erlaubt es, alle volkswirtschaftlichen Ressourcen auf die Lösung der wichtigsten Aufgaben zu konzentrieren. So wurde zum Beispiel die Frage der Gesundheitsvorsorge gelöst, und das ist ein unzweifelhaftes Verdienst der Kommunistischen Partei jener Zeit. So wurde das Bildungsproblem gelöst - auch ein unzweifelhaftes Verdienst der Kommunistischen Partei. So wurden die Probleme der Industrialisierung gelöst, was die Rüstungswirtschaft betrifft. Hätte es diese Konzentration aller staatlichen und volkswirtschaftlichen Ressourcen nicht gegeben, hätte sich die Sowjetunion nach meiner Auffassung nicht auf den Krieg gegen Nazideutschland vorbereiten können. Die Niederlage der Sowjetunion wäre höchst wahrscheinlich gewesen mit allen katastrophalen Folgen, die das für unsere Staatlichkeit gehabt hätte, für das russische Volk und die anderen Völker der Sowjetunion. All das sind unzweifelhafte Verdienste der Sowjetunion. Aber schließlich hat fehlende Sensibilität des Sowjetsystems für Veränderungen, für technologische Revolutionen und neue technologische Möglichkeiten dazu geführt, dass die Wirtschaft zusammenbrach.  

  Jetzt komme ich zum wichtigsten Grund, warum ich gesagt habe, dass man auf das Denken des damaligen Führers des sowjetischen Staates, das Denken von Wladimir Iljitsch Lenin, heute anders schauen muss: Wovon war die Rede, was habe ich gesagt? Dass damals eine Sprengladung unter das Gebäude unserer Staatlichkeit gelegt wurde. Was habe ich damit gemeint? Ich meine konkret die Diskussion zwischen (Josef) Stalin und Lenin darüber, wie man den neuen Staat, die Sowjetunion, aufbauen solle.  

  Wenn Sie Historiker sind, müssen Sie wissen, dass Stalin damals für die Idee einer weitreichenden Autonomie der Bestandteile der künftigen Sowjetunion eintrat. Auf dieser Grundlage sollten alle übrigen Subjekte des künftigen Staates Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) auf Grundlage weitgehender Autonomierechte beitreten, ausgestattet mit weitgehenden Vollmachten. Lenin hat diese Konzeption Stalins als unzeitgemäß und falsch kritisiert. Er ging noch weiter und argumentierte für die Idee, dass die künftigen Subjekte dieses Staates – es waren damals nur vier: Russland, die Ukraine, Belarus und übrigens der Süden Russlands, die Transkaukasische Föderation oder wie sie damals hieß – Sie werden das besser wissen als ich – (unvollständiger Satz – jW)  

  (…) die Idee war die einer völligen Gleichberechtigung einschließlich des Rechts auf Austritt aus der Sowjetunion. Das war genau dieser Sprengsatz mit Zeitzünder unter dem Gebäude unserer Staatlichkeit. Nicht nur, dass die Ethnien des großen, multinationalen Staates auf die Grenzgebiete festgelegt wurden, irgendwelche Territorien, deren Grenzen vollkommen willkürlich festgelegt wurden, und nicht immer mit guten Begründungen. Warum ist zum Beispiel der Donbass der Ukraine zugeschlagen worden? Um dort den Anteil des Proletariats an der Bevölkerung zu erhöhen und mehr soziale Unterstützung zu finden. Verstehen Sie, was das für ein Gewäsch ist? Und das ist nicht das einzige derartige Beispiel.  

  Eine Kulturautonomie ist das eine, gut und schön. Eine Autonomie mit weitgehenden staatlichen Vollmachten ist etwas zweites, und das Recht zum Austritt aus dem Staat noch etwas anderes. Schlussendlich hat neben der ineffizienten Volkswirtschaft und Sozialpolitik auch dies zum Zerfall des Staates geführt. Das war die Zeitbombe, die Lenin gelegt hat.  

  (...) So müssen wir unter Berücksichtigung der heutigen Möglichkeiten alles, was früher gewesen ist, sehr aufmerksam analysieren. Man darf weder mit einheitlicher schwarzer Farbe alles überschmieren, was es früher gegeben hat, noch in den höchsten Tönen von dem reden, was heute geschieht. Wir müssen das alles sehr sorgfältig und ausgewogen analysieren, um die Fehler der Vergangenheit in der Zukunft nicht zu wiederholen, und um unseren Staat und unsere soziale Sphäre so zu gestalten, dass der Staat davon nur immer stärker wird.  

  Übersetzung aus dem Russischen: Reinhard Lauterbach  

 

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