Weltgeldmacht  

China zielt auf die Erschließung insbesondere asiatischer Märkte und stellt mit der Gründung einer Infrastruktur-Investitionsbank die Herrschaft von Dollar und Euro in Frage  

Theo Wentzke 

In: junge Welt online vom 18.01.2016 

 

 Der vorliegende Text ist die gekürzte und überarbeitete Fassung eines Beitrags, der im Heft 4–15 der Zeitschrift GegenStandpunkt erschienen ist. Darin finden auch die geostrategischen und militärischen Implikationen des chinesischen Aufstiegs Berücksichtigung. Das Heft kann unter gegenstandpunkt@t-online.de bezogen werden. (jW)  

  Im Frühjahr des vergangenen Jahres vermeldeten die professionellen Beobachter des Weltgeschehens schlechte Nachrichten aus Fernost: »Chinas neue Entwicklungsbank spaltet den Westen« (Die Zeit, 17.3.15), »USA isolieren sich: China mischt die Weltordnung auf« (Die Presse, 30.3.), »De-Dollarisierung im Trend: USA verspielen Kredit« (telebörse.de, 25.3.), »Der zurückliegende Monat wird als jener Augenblick in Erinnerung bleiben, in dem die Vereinigten Staaten ihre Rolle als Garant des Weltwirtschaftssystems verloren.« (Die Zeit, 15.4.). Die Vorherrschaft des Dollar am Ende, die amerikanische Garantiemacht der Weltwirtschaft entzaubert, die Einheit der westlichen Staaten durch China zerstört – und das alles durch die Gründung einer Bank. Wie das?  

  »Neue Seidenstraße«   Die zweitgrößte Weltwirtschaftsmacht verkündete 2013 ein ambitioniertes Projekt zur Entwicklung des asiatischen Kontinents. Die »zwei Seidenstraßen«, so genannt in Erinnerung an die glorreiche eigene Handelsgeschichte, sollen über sechzig Nationen unterschiedlichster Couleur verbinden, reine Transitländer für Energie wie Kirgisistan, Förderländer von Öl und Gas wie die Arabischen Emirate oder Kasachstan, Anrainerstaaten des südchinesischen Meeres, die wie Indonesien maritime Transportwege kontrollieren, bis hin zu den entwickelten Schwellenländern und BRICS-Partnern Russland und Indien. Mit diesem Riesenprojekt betreibt China die Ausweitung seiner Wirtschaftszone bis an die Ränder Europas und Afrikas. Neue Transportwege für Öl, Gas und Strom sollen den Energiehunger der Wirtschaft befriedigen, die Versorgung diversifizieren und sicher machen; die Güteraus- und -einfuhr des Exportweltmeisters sollen durch den Ausbau der vorhandenen und die Schaffung neuer Verbindungen (Straßen, Eisenbahnen, Häfen, Glasfaserkabel für Telekommunikation) befördert werden. Natürlich sollen daran auch chinesische Bauunternehmen, Beton- und Stahlkonzerne verdienen, die auf dem heimischen Markt beträchtliche Überkapazitäten akkumuliert haben.  

  Entlang der beiden Seidenstraßen sollen neue Märkte für chinesische Waren erschlossen und mit Industrieparks Standorte für Unternehmer und Investoren aus der Volksrepublik geschaffen, aber auch die eigenen zurückgebliebenen Randregionen im Nordwesten Chinas kapitalistisch entwickelt werden. Neben den materiellen Infrastrukturen für die Ausweitung des grenzüberschreitenden Geschäfts bezweckt das Projekt die Beseitigung der vorhandenen Handels- und Investitionsschranken auf dem Kontinent und die Schaffung eines zunehmend einheitlichen Marktes. Durch die Vereinheitlichung von Industrienormen, den Abbau von Zöllen und anderen Hemmnissen arbeitet China an der Etablierung eines eigenen Handelsrahmens, in Ergänzung und zugleich Konkurrenz zu den »Global standards« des Weltgeschäfts. Die länderübergreifenden Geschäfte sollen von dem diese bislang beherrschenden US-Dollar befreit und in den Währungen der beteiligten Staaten, also zunehmend in der eigenen, abgewickelt werden.  

  Im September 2013 erklärte der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping in Kasachstan: »Wir müssen den Zahlungsverkehr verbessern. China und Russland haben schon eine verlässliche Zusammenarbeit bei der Abrechnung des Handels in ihren lokalen Währungen, und wir haben dabei gute Fortschritte und reiche Erfahrungen gemacht. Diese Erfolge können mit anderen in der Region geteilt werden. Wenn unsere Region die lokale Währungskonvertibilität für ihren Zahlungs- und Kapitalverkehr verwirklicht, reduziert das beträchtlich unsere Zirkulationskosten, verstärkt unsere Fähigkeiten zur Abwehr finanzieller Risiken und macht unsere Region international wettbewerbsfähiger.«  

  In etlichen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas errichten chinesische Unternehmen schon seit Jahren Infrastrukturanlagen und betreiben den Export von Kapital und Know-how. In Europa besitzen sie deutsche Werften, investieren in schwedische Autokonzerne und bauen demnächst Atomkraftwerke auf den britischen Inseln. Jetzt aber soll das »Going global« des chinesischen Kapitalismus auf eine höhere Stufe gehoben werden, zunächst einmal auf dem eigenen Kontinent. Das Projekt »Der eine Gürtel und die eine Straße« ist weit mehr als die Summe der vielen einzelnen Entwicklungsvorhaben und Kapitalengagements. Bezweckt ist die Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsraums, mit China als dessen Organisator, in den sich die asiatischen Staaten einordnen sollen.  

  Das Projekt läuft unter dem bezeichnenden Titel »Konnektivität«, bietet den Staaten die Perspektive, sich in den ausgreifenden chinesischen Kapitalismus einzuklinken und an seinem Erfolg teilzuhaben. Zusammen mit der Einladung zur Kooperation übermittelt der Organisator des Wirtschaftsraums den asiatischen Staaten eine umfangreiche Liste, auf der die noch fehlenden Geschäftsvoraussetzungen vermerkt sind.  

  Was China fordert, ist nicht wenig, zugleich bietet es sich als Förderer an. Es kündigt an, keinen der asiatischen Staaten als »Failed state« abzuschreiben, sondern sich mit Investitionen in die Herstellung einer Infrastruktur und die Mobilisierung von Ressourcen einzubringen und damit allen Ländern den Zugang zum boomenden chinesischen Markt zu eröffnen. 

Die Führung in Peking kommt den Staaten Asiens auch mit dem Angebot, sich von China kreditieren zu lassen und so von den spekulativen Entscheidungen des amerikanischen und europäischen Finanzkapitals zu emanzipieren. Die Konditionen gestaltet sie zuvorkommend, so dass die Adressaten kaum nein sagen können. So will China sich zum Motor der Entwicklung der Regionen und Staaten des Kontinents machen, diese aus Abhängigkeiten von anderen Mächten »befreien« und die für es nützlichen zwischenstaatlichen Beziehungen erweitern. Peking weist dem nationalen Fortschritt der asiatischen Staaten einen Weg und setzt darauf, seine politökonomischen Interessen, für die diese Länder eingespannt werden, zum tragenden Bestandteil von deren Staatsräson zu machen.  

  Das Projekt der »zwei Seidenstraßen« ist in der Tat »äußerst ambitioniert«. »Der geplante wirtschaftliche Gürtel entlang der Seidenstraße wird von fast drei Milliarden Menschen bewohnt und ist der weltgrößte Markt mit einem gewaltigen, einzigartigen Potential für Handel und Investitionen zwischen den beteiligten Ländern.« (Xi Jinping, »Work Together to Build the Silk Road Economic Belt«, Rede in Kasachstan, 7.9.13). Das Vorhaben zielt auf nicht mehr und nicht weniger als die friedliche Eroberung eines ganzen Kontinents.  

  Den Anspruch, Asien als einen auf die Wachstumsbedürfnisse ihres Kapitalismus bezogenen Wirtschaftsraum zu organisieren, präsentiert die Staatsführung als vorbildliche »Win-win cooperation« für alle Beteiligten: »›Der eine Gürtel und die eine Straße‹ sind Wege zum wechselseitigen Nutzen, die engere wirtschaftliche Integration unter den beteiligten Ländern hervorbringen, die Entwicklung ihrer Infrastruktur und Innovation fördern, wirtschaftliches Wachstum und Beschäftigung schaffen sowie unsere Fähigkeit zu unabhängigem Wachstum stärken und uns vor äußeren Risiken schützen.« (Xi Jinping, »Promote the Silk Road Spirit«, Rede auf dem Chinesisch-Arabischen Kooperationsforum, 5.6.14)  

  Um an den Ländern Asiens, ihren natürlichen Ressourcen und Bevölkerungen zu verdienen, verkauft Xi die Stiftung politökonomischer Abhängigkeiten als »Hilfe«, »Entwicklung« und »wechselseitigen Nutzen«. Die Volksrepublik will nicht nur beim Bau von Straßen auf dem ganzen Kontinent, über die dann vor allem Waren »Made in China« herumgefahren werden, helfen; sie hilft auch bei der Finanzierung der Schulden, welche die um »Konnektivität« mit dem »Reich der Mitte« bemühten Staaten machen müssen – durch die Gründung einer Entwicklungsbank.  

  Internationalisierung des Renminbi   Mit der Gründung der Asiatischen Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB) verfolgt sie den Zweck, die Kapitalmacht Chinas nach außen zu wenden und die für die Infrastrukturentwicklung in den Ländern Asiens erforderlichen Kreditmassen zu mobilisieren, um die »Vision« der »zwei Seidenstraßen« zur Realität zu machen. »Der Zweck der Bank ist es, erstens nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu fördern, Reichtum zu schaffen und die infrastrukturelle Konnektivität in Asien durch Investitionen (…) zu verbessern; und zweitens regionale Zusammenarbeit und Partnerschaft zu fördern zur Bewältigung von Entwicklungsherausforderungen durch die enge Kooperation mit anderen multilateralen und bilateralen Entwicklungsinstitutionen.« (Artikel 1 der Gründungsvereinbarung, aiib.org)  

  China tritt als Kreditschöpfer auf, auf der Grundlage dessen, was diese Nation an kapitalistisch produktivem Wachstum schon zustande gebracht hat und was sie sich an zukünftigem Wachstum mit den von ihr angeschobenen Riesengeschäften verspricht. Das Geld für die Kredite, welche die AIIB vergibt, wird durch die Ausgabe von Bankanleihen und den Handel mit Wertpapieren geschaffen. Zugleich werden die asiatischen Staaten und Unternehmen ermuntert und befähigt, sich das für ihre Infrastrukturprojekte nötige Kapital durch die Ausgabe von Schuldpapieren an den internationalen Finanzmärkten zu besorgen, indem die AIIB die Haftung für die so betriebene Kreditschöpfung übernimmt: »Die Bank hat die folgenden Befugnisse: 1. Sie kann Kapital aufbringen, durch Anleihen oder auf andere Weise, in Mitgliedsstaaten oder außerhalb. 2. Sie kann Wertpapiere kaufen oder verkaufen, die sie selbst ausgegeben, die sie garantiert oder in die sie investiert hat. 3. Sie kann Wertpapiere, in die sie investiert hat, garantieren, um ihren Verkauf zu ermöglichen. 4. Sie kann für Wertpapiere haften, die von juristischen Einheiten oder Unternehmen emittiert werden und die mit der Aufgabenbestimmung der Bank übereinstimmen.« (Artikel 16 der Gründungsvereinbarung)  

  So bringt die neue Bank den unter ihrer Regie geschöpften Kredit in die Welt, zum einen für die Zahlungsfähigkeit der Partner in Asien, die damit ihre Infrastrukturprojekte finanzieren, zum anderen als Investitionsangebot für die Internationale der Finanzspekulanten. Die AIIB ist mit der Macht ausgestattet und beauftragt, die Kredite, die sie vergibt, und die Schulden, die sie macht, als Geldkapital global zu vermarkten. 

Politökonomisch gesehen soll durch Kredit die Akkumulation be- und vorangetriebenen werden: Die Mobilisierung von massenhaft Kredit soll in großem Stil echtes geschäftliches Wachstum hervorbringen. Umgekehrt soll das erwartete Stattfinden eben dieses Wachstums das Lohnen finanzkapitalistischer Investitionen verbürgen, also den Kredit mobilisieren, den die Einlösung des Versprechens auf mehr Wirtschaftsleistung braucht. Dabei lassen die chinesischen Gründungsväter keinen Zweifel daran, dass die Masse der Kredite perspektivisch in ihrer Währung, dem Renminbi, geschöpft werden soll und wird.  

  Denn das ist das Ziel: Die souveräne Herrschaft stiftet kraft ihrer Geldhoheit und mittels ihrer Zentralbank universell anerkannten und als Geschäftsmittel benutzten Kredit, ausschließlich in Wahrnehmung eigener Verantwortung und gemäß eigenem Bedarf. Die internationale Finanzkundschaft, immer auf der Suche nach Sicherheit und Rendite versprechenden Investments, soll bei den von der neuen Bank emittierten Wertpapieren zugreifen, durch die Anlage in Renminbi-Schuldpapieren deren Qualität als sich vermehrendes Geldkapital beglaubigen und damit die chinesischen Schulden für das asiatische Erschließungsprogramm zum international anerkannten Geldkapital machen. Die Regierung baut dabei auf das Interesse einer globalen Geschäftswelt, deren Investitionen sich schon längst nicht mehr auf die chinesische »Realwirtschaft«, die viel billiges Arbeitsvolk als Erfolgsgarantie zu bieten hat, beschränken, sondern vermehrt in die Wertpapierschöpfungen der chinesischen »Finanzindustrie« gehen.  

  Auf diese Weise treibt der chinesische Staat die Internationalisierung seines Kreditgeldes zielstrebig ein weiteres Stück voran. In den Handel mit immer mehr Staaten führt er seit längerem die heimische Währung als das vorrangige Kauf- und Zahlungsmittel ein und macht es zum Maßstab international berechneter Preise und zum Stoff zwischenstaatlicher Zahlungen und kommerzieller Kredite. Swap-Abkommen der Zentralbanken über die wechselseitige Abrechnung des Zahlungsverkehrs in Landeswährung sichern diesen grenzüberschreitenden Verkehr des chinesischen Kreditgeldes ab. In mehr und mehr Ländern findet es direkte Anwendung durch chinesische Unternehmen und Staatsfonds, aber auch durch diese Partnerländer selbst und ihre Geschäftswelt. Mit der neuen Infrastruktur-Investitionsbank erhält der internationale Gebrauch des chinesischen »Volksgeldes« einen neuen Schub, quantitativ und qualitativ: Zur Erschließung und zum Ausbau des asiatischen Wirtschaftsraums wird Renminbi-Zahlungsfähigkeit länderübergreifend in neuen Größenordnungen geschaffen. Und die von Anfang an betriebene Vermarktung der Bankschulden als weltweites Wertpapierangebot macht aus einer Handels- jetzt auch eine Anlagewährung, ein alternatives Spekulationsobjekt für die internationalen Finanzmärkte. 

In dem Maße, in dem diese die Wertpapiere in chinesischer Währung kaufen, geschäftlich verwenden und verwerten, beglaubigen sie die Kreditschöpfungen Chinas als Geldkapital und sein Kreditgeld als internationales Geschäftsmittel – von im Prinzip gleichem Rang wie die bislang den Weltkreditmarkt dominierenden Währungen Dollar und Euro.  

  Und das ändert die Kräfteverhältnisse zwischen den Weltfinanzmächten. 

Die systematische Vergrößerung der international gehandelten Masse von chinesischem Geld und Kredit bewirkt, dass es jetzt perspektivisch eine neue Weltwährung gibt, d.h. ein alternatives Weltgeld, dessen Verwendung nicht nur zu einer Reduktion des Anteils der etablierten Weltgelder Dollar und Euro am globalen Geschäft führt, sondern auch die Freiheit von deren politischen Hütern beschränkt, mit dem eigenen Kreditgeld globale Zahlungsfähigkeit zu schaffen. Dies hat darüber hinaus den Effekt, vielleicht sogar den Zweck, das mehr als dreitausend Milliarden Dollar-Devisen-Guthaben, über das der chinesische Staat verfügt, von der Funktion einer Garantie für die eigene Währung zu befreien. In dem Maße, wie die Massen an Dollar-Schuldpapieren im Besitz der chinesischen Nationalbank zur Unterfütterung des Renminbi nicht mehr gebraucht werden, repräsentieren sie nur noch Forderungen Chinas gegenüber den USA. Die Notwendigkeit, um der eigenen Zahlungsfähigkeit und damit internationalen Geschäftsfähigkeit willen Dollars zu horten, diese – zwecks Sicherung und Vermehrung des Dollardevisenschatzes – in amerikanischen Staatsschuldpapieren anzulegen und damit gewissermaßen unfreiwillig, aber im eigenen Interesse als Finanzier der amerikanischen Weltmacht und ihres Gewaltbedarfs zu fungieren, entfällt. Als Gläubiger gewinnt der chinesische Staat eine ganz neue Freiheit gegenüber dem Schuldner; unabhängig davon, ob und wie er diese Freiheit ökonomisch und politisch nutzen will. Zunächst einmal verwendet Peking Teile seiner Dollarmilliarden für die Förderung seiner Geld- und Kapitalmacht, um auch damit all die (multi-)nationalen Fonds auszustatten, mit denen das Ausgreifen des chinesischen Kapitalismus nach Asien und darüber hinaus finanziert werden soll.  

  China bewegt sich mit dem Projekt der Internationalisierung des nationalen Geldes – noch nicht mit dessen Erfolg – auf dem Niveau der Finanzmächte USA und Europa, deren Verschuldung in heimischer Währung dasselbe ist wie die Schöpfung des Geldkapitals der Welt und deren Kreditzeichen die international anerkannte Materie des Reichtums verkörpern. Und in noch einer anderen Hinsicht begibt sich der chinesische Staat auf eine Stufe mit den etablierten Weltfinanzmächten: Die AIIB, gegründet neben und in Konkurrenz zu den von den USA, Japan und Europa beherrschten internationalen Weltfinanzinstitutionen Internationaler Währungsfonds, Weltbank sowie Asiatische Entwicklungsbank (ADB), repräsentiert den Anspruch Chinas, sich in die Position einer Garantiemacht des Weltfinanzsystems zu bringen und damit auf Augenhöhe mit den etablierten Kreditverwaltern und -zuweisern zu agieren. Diesen Anspruch sollen die USA, EU und Japan durch die Annahme des Angebots der AIIB zur »engen Kooperation mit anderen multilateralen und bilateralen Entwicklungsinstitutionen« ebenso anerkennen wie durch ihre praktische Beteiligung an der Bank selbst.  

  Imperialistische Konkurrenz   Die USA lehnen das Angebot strikt ab. Für sie ist die AIIB die Herausforderung, als die sie von China auch gemeint ist: ein Angriff auf ihre Zuständigkeit für die Geschäftsordnung des Weltkredits. Als dessen Garantiemacht haben die USA bislang noch immer in den von ihnen dominierten Institutionen des etablierten Weltfinanzsystems – IWF, Weltbank und ADB – die chinesische Forderung nach mehr Einfluss aufs Regelwerk und mehr Regime über die dort verfügbar zu machenden Finanzmittel erfolgreich abgeblockt. Sie haben China den Status einer im Prinzip gleichrangigen Garantiemacht des Weltfinanzsystems verweigert, den sie jetzt durch die Beteiligung an der neuen multinationalen Bank anerkennen sollen. Der Einladung Chinas zu folgen und sich als haftendes Mitglied in die AIIB einzukaufen, wäre politökonomisch die Beglaubigung der chinesischen Schulden als Geldkapital der Welt, organisatorisch wäre es ihre Unterordnung ausgerechnet unter das vom chinesischen Staat bestimmte Regelwerk der Bank.  

  Spätestens das, die Anerkennung Chinas als administrativ zuständige Macht für einen neuen Pfeiler des Weltfinanzsystems, kommt für die USA definitiv nicht in Frage. Das verdeutlichen sie den Herren der neuen Bank nach allen Regeln der diplomatischen Kunst mit dem Vorwurf, sich um die anerkannten Prinzipien und hohen Standards einen Teufel zu scheren, wie sie von den etablierten Garantiemächten des Weltkredits in ihren Institutionen so vorbildlich praktiziert werden – bekanntlich finanzieren IWF und Weltbank nur für Mensch und Natur bekömmliche Projekte, die sich das Prüfsiegel »frei von Ausbeutung und Umweltzerstörung« verdient haben: »Unsere Haltung zur AIIB ist eindeutig und begründet (…) Wir sind der Überzeugung, dass jede neue multinationale Institution sich die anspruchsvollen Standards von Weltbank und regionalen Entwicklungsbanken zu eigen machen sollte. Infolge vieler Diskussionen haben wir Zweifel, ob die AIIB diesen hohen Standards entspricht, insbesondere in Hinblick auf Governance, Umweltschutz und soziale Rechte.« (Statement des Nationalen Sicherheitsrates der Vereinigten Staaten, 13.3.15)  

  Ihre engen Partner in der Asien-Pazifik-Region und Europa konfrontieren die USA mit dem Anspruch, ihrem Beispiel zu folgen und, wenn schon das chinesische Bankprojekt nicht zu verhindern ist, zumindest seinen Erfolg durch Fernbleiben zu entwerten. Nur Japan und Kanada unterwerfen sich der amerikanischen Strategie. Südkorea und Australien treten der AIIB als Gründungsmitglieder ebenso bei wie auch die wichtigen europäischen Staaten. Die Verbündeten lassen die Gleichung nicht gelten, dass die in vielfältigen Wirtschafts- und Militärbündnissen formalisierte Allianz mit den USA mit ihrer Unterordnung unter den amerikanischen Monopolanspruch bei der Kontrolle der Weltwirtschaftsordnung identisch sei. Wenn sich in Asien ein neues Zentrum des Weltkapitalismus entwickelt, dann sieht sich insbesondere Europa herausgefordert, alles dafür zu tun, um sich dort eigene Geschäftsfelder zu erobern. Und wenn die Amerikaner die Gelegenheiten, welche die AIIB bietet, auslassen wollen, umso besser! Die europäischen Staaten, allen voran das auf seine »Special relationship« mit der Weltmacht so stolze Vereinigte Königreich, wollen sich die Aussicht auf Gewinne nicht vermiesen lassen. Sie wollen das große fernöstliche Wachstumsprojekt und die chinesische Finanzmacht für die eigene Reichtumsentwicklung nutzen und den strategischen Einfluss in Asien vergrößern. Nur in und mit China können noch Wachstumsraten erzielt werden, die das Kapital in den alten Zentren der Weltwirtschaft schon lange nicht mehr erreicht.  

  Deutschland, das als zweitgrößte Warenexportnation einen Großteil seines Wachstums auf dem chinesischen Absatzmarkt erzielt, will vom »Wachstumsmotor China« ebenso profitieren wie Großbritannien, das mit seinem von der globalen Krise schwer gebeutelten Weltfinanzzentrum auf die Rolle des Renminbi als zukünftige Weltwährung spekuliert. Schon heute ist London der größte Standort außerhalb Chinas für den Devisenhandel und die Vermarktung chinesischer Schulden. In Zukunft will der Finanzplatz noch mehr am Aufstieg des Renminbi zum Weltgeld verdienen, den er so befördert. 

Für die europäischen Mächte passt also bestens zusammen, was für die USA eine einzige imperialistische Fahrlässigkeit im Umgang mit einer aufstrebenden Weltmacht ist: Chinas Aufstieg zu fördern, um ihn für den Auf- und Ausbau eigener Positionen im internationalen Konkurrenzkampf auszunutzen, also durch Geburtshilfe für die neu geschaffene Kreditinstitution zugleich Einfluss auf ihre Ziele und ihr Wirken zu nehmen.  

  China selbst jedenfalls verbucht die Gründung der AIIB als Erfolg und Ausweis seiner gewachsenen Potenz: Es kann aus eigener Machtvollkommenheit neben und in Konkurrenz zu den etablierten Einrichtungen des Weltkredits eine multinationale Finanzinstitution beschließen, das Regelwerk vorgeben, die Kreditbasis stiften, die Staatenwelt dann zur Beteiligung einladen – und davon ausgehen, dass die meisten Staaten, auch und gerade die europäischen Nutznießer und Mitgaranten des herrschenden Finanzsystems, es sich nicht mehr leisten können und auch nicht mehr wollen, bei einem solchen Projekt abseits zu stehen, selbst dann, wenn die amerikanische Weltmacht das von ihren Verbündeten zur Verteidigung des westlichen Monopols auf die Geschäftsordnung des Weltkredits einfordert. So kann die Regierung als Kollateralnutzen ihrer Bankgründung verbuchen, einen Keil zwischen die USA und Europa wie auch deren südpazifische Alliierte getrieben zu haben.  

  Theo Wentzke ist Redakteur der Zeitschrift Gegenstandpunkt. Zuletzt schrieb er auf diesen Seiten am 16.10.2015 über die Schweiz als sicheren Geldhafen.  

 

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