»Dankbarkeit der Nation«  

Washington interpretiert den Vietnamkrieg um. Mit einem Propagandafeldzug bis 2025 soll der Bevölkerung die größte militärische Niederlage als heldenhafter Einsatz für die moralischen Werte des Landes verkauft werden  

Hellmut Kapfenberger 

In: junge Welt online vom 05.11.2015 

 

 Vietnams Bevölkerung hatte 2015 mehrfach Grund für feierliches, ehrendes Gedenken. Der 30. April war jenem Tag vor 40 Jahren gewidmet, an dem die Befreiungsstreitkräfte nach erfolgreichem Waffengang kampflos in Saigon einmarschierten. Das war das Ende des von Washington 20 Jahre zuvor im abgespaltenen Landessüden installierten Separatregimes und damit auch das Ende des von den USA angezettelten Krieges, in dem etwa zwei Millionen Vietnamesen ermordet wurden. 300.000 Landsleute gelten als vermisst. 

Dennoch: Es war ein Sieg. Am 30. April 2015 krönte eine große Militärparade die Feierlichkeiten in Ho-Chi-Minh-Stadt. Am 19. Mai verbeugte sich Vietnam im Gedenken an Ho Chi Minh, den noch immer hochverehrten »Onkel Ho«, anlässlich seines 125. Geburtstags. Es war sein Werk und das seiner Kampfgefährten, dass am 2. September 1945 die unabhängige Demokratische Republik Vietnam (DRV) auf der Weltbühne erscheinen konnte. Ihren diesjährigen Nationalfeiertag, den 70. Jahrestag der Unabhängigkeit, konnte die Sozialistische Republik Vietnam als weltweit anerkannter und geachteter, politisch stabiler und ökonomisch expandierender Staat begehen. 

 Die USA begannen zur selben Zeit, dieses Krieges in Vietnam zu gedenken. 

Unter der Regie des Verteidigungsministeriums erfolgt das jedoch in einer Art und Weise, wie es friedliebende Menschen wohl kaum für möglich gehalten hätten. Anlass für ehrende Zeremonien, dankbares Erinnern und Stolz auf Vollbrachtes sieht man in Washington im diesjährigen »50th Anniversary of the Vietnam War«. Mit diesem 50. Jahrestag dürften jene Tage im Februar und März 1965 gemeint gewesen sein, an denen die USA mit dem Beginn der Bombardierung Nordvietnams und des Einsatzes eigener Kampftruppen im Süden direkt in den Krieg eingriffen. Dem vorausgegangen war ein zehnjähriges erfolgloses Mühen, mit dem Aufbau einer hochgerüsteten Saigoner Armee, mit der Installierung eigener Kommandozentralen und Stäbe und mit dem Einsatz von mehr als 20.000 Militärberatern bei der Armee Saigons sowie mit logistischer Unterstützung durch Hubschrauber den Süden Vietnams als antikommunistische Bastion in Südostasien fest in den Griff zu bekommen. 

 Mit dem – vom Pentagon nicht exakt benannten – »50th Anniversary of the Vietnam War« setzte 2015 eine massive, akribisch geplante Propagandaschlacht zur skrupellosen Rechtfertigung des verbrecherischen Feldzugs auf der indochinesischen Halbinsel ein. Von der internationalen Öffentlichkeit war offenkundig kaum zur Kenntnis genommen worden, dass Präsident Barack Obama mit dreistem Umschreiben der Geschichte lange vor dem tatsächlichen Jahrestag des Beginns der US-Aggression ein »Vietnam War Commemoration«, ein 2015 beginnendes Vietnamkriegsgedenken, proklamiert hatte. Bereits am 25. Mai 2012 verkündete er in einer Rede den vom US-Kongress abgesegneten Entschluss, eine das ganze Land umfassende Kampagne zu starten, wie es in Umfang und Dauer Vergleichbares wahrscheinlich noch nie auf der Welt gegeben hat. 

 »Die edelsten Traditionen« Für den Auftakt zur mehrjährigen Vorbereitung des »Gedenkens« war der 28. Mai jenes Jahres 2012 auserkoren, der »Memorial Day«, der »Heldengedenktag«, ein jeweils auf den letzten Montag im Mai fallender offizieller Feiertag in den USA, der schon seit 1868 jährlich den »für das Vaterland Gefallenen« gewidmet ist. 2015 nun mit viel Pomp zelebriert und von medialem Trommelfeuer begleitet, soll der von traditionell schwülstigem Patriotismus geprägte Propagandafeldzug mit Kundgebungen und Versammlungen, Ausstellungen, Veteranenaufmärschen, -zusammenkünften und -ehrungen, mit feierlichen Kranzniederlegungen an Soldatengräbern, Gedenkzeremonien der ehemaligen Kriegsgefangenen und vielen anderen Aktivitäten nach zehn Jahren, im November 2025, enden. Zur Koordination der heute schon unzähligen Aktivitäten ist eine umfangreiche, stets aktualisierte Internetpräsentation in Verantwortung des Pentagon eingerichtet worden.1 

 Wie begründete Obama 2012 seinen Entschluss? »Wenn wir den 50. Jahrestag des Vietnamkrieges begehen, dann denken wir mit feierlicher Ehrfurcht an den Heldenmut einer Generation, die in Ehren ihre Pflicht erfüllt hat. Wir gedenken der mehr als drei Millionen Männer und Frauen, die ihre Familien verließen, um mutig Dienst zu tun, fern von allem, was sie kannten und liebten. Von Da Nang nach Khe Sanh, von Hue nach Saigon, und in den unzähligen Dörfern dazwischen, kämpften sie sich durch Dschungel und Reisfelder, Hitze und Monsunregen, um die Ideale zu verteidigen, die wir hier als Amerikaner hochhalten. In mehr als einem Jahrzehnt des Kampfes – in der Luft, an Land und auf See – repräsentierten diese stolzen Amerikaner die edelsten Traditionen unserer Streitkräfte.«2 Robert McNamara, von 1961 bis 1968 im Amt des US-Verteidigungsministers, der im Gegensatz zu Obama sehr wohl wusste, wovon er sprach, sah es anders: »Wir, die Mitglieder der Regierungen Kennedy und Johnson, die an den Entscheidungen über Vietnam teilhatten, handelten entsprechend dem, was wir für die Prinzipien und Traditionen unseres Landes hielten. Wir trafen unsere Entscheidungen anhand dieser Wertvorstellungen. Aber wir haben uns geirrt, schrecklich geirrt.«3 

 Auf der Grundlage von Obamas Entscheidung wurde der Chef des Pentagons »ermächtigt, ein Programm zum Gedenken an den 50. Jahrestag des Vietnamkrieges zu leiten«, informiert das Ministerium im Internet. Dabei »soll der Minister andere Programme und Aktivitäten der Bundesregierung, der Bundesstaaten- und Lokalregierungen sowie anderer Personen und Organisationen koordinieren, unterstützen und befördern«. Es entstand ein Plan, dem das Pentagon den Titel »The United States of America Vietnam War Commemoration« gab, das US-Vietnamkriegsgedenken. Es soll dazu dienen, »der amerikanischen Öffentlichkeit korrektes historisches Material und interaktive Erfahrungen zu vermitteln, was den Amerikanern helfen wird, den Dienst unserer Vietnamkriegsveteranen und die Geschichte des US-Engagements im Vietnamkrieg besser zu verstehen und zu würdigen«. 

 Das Pentagon weiter: »Das Gedenkprogramm wird Aktivitäten und Feierlichkeiten zum Erreichen der folgenden Ziele umfassen: 

 1. den Veteranen des Vietnamkrieges, einschließlich derer, die Kriegsgefangene (prisoners of war, POW) waren oder als im Kampf vermisst (missing in action, MIA) registriert sind, für ihren Dienst und ihre Opfer im Interesse der Vereinigten Staaten zu danken und sie zu ehren sowie den Familien dieser Veteranen Dank zu sagen und Ehre zu erweisen; 

 2. den Dienst der Streitkräfte während des Vietnamkrieges sowie den Beitrag der Bundesbehörden, von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, die mit den Streitkräften dienten oder sie unterstützten, besonders hervorzuheben; 

 3. den Beiträgen Anerkennung zu zollen, die das Volk der Vereinigten Staaten während des Vietnamkrieges an der Heimatfront geleistet hat; 

 4. die mit während des Vietnamkrieges durchgeführter militärischer Forschung verbundenen Fortschritte in Technik, Wissenschaft und Medizin hervorzuheben; 

 5. die Beiträge und Opfer anzuerkennen, die von den Verbündeten der Vereinigten Staaten während des Vietnamkrieges erbracht wurden.« 

 Umerziehung der Gesellschaft Die Kampagne gewinnt seit einigen Monaten deutlich an Fahrt. Dabei kann sich das Pentagon auf Heerscharen von »Partnern« stützen, mobilisiert durch feierliche Auftaktproklamationen der Gouverneure aller 50 Bundesstaaten. Am 4. November verwies die spezielle Pentagon-Website schon auf 3.262 inzwischen durchgeführte oder zu diesem Zeitpunkt geplante »Commemorative Events« und 8.960 Partner. 

Eine bereits mit Markierungspunkten übersäte Karte gibt Auskunft darüber, dass Obamas Proklamation nicht nur in allen Ecken der Staaten auf äußerst fruchtbaren Boden gefallen ist. Auch das Ausland wird einbezogen. 

Solche »Dots« lassen auf Events beispielsweise in Großbritannien, Deutschland, Polen, Italien, Spanien und der Türkei, in Irak, Afghanistan, Japan, auch in Afrika schließen – offenbar überall dort, wo sich US-amerikanisches Militär aufhält. 

 Die Liste der Commemorative-Partner ist kaum überschaubar. Man findet zentrale, regionale und örtliche Veteranenvereine und -vereinigungen aller Waffengattungen, von Dienstzweigen und Militärbehörden, aktive Einheiten, museale Einrichtungen, in irgendeiner Form mit dem Militär in Sachen Vietnam verbundene zivile Instanzen, militärische und zivile Bildungsstätten. In großer Zahl präsent sind »Chapter« (Ortsgruppen) der National Society Daughters of the American Revolution (NSDAR), einer 1890 gegründeten »patriotischen« Frauenvereinigung. Die derzeit 177.000 zu einem erheblichen Teil jungen »Töchter der amerikanischen Revolution« sind in 3.000 Chapters in allen Bundesstaaten und im Ausland organisiert. 

In gleicher Weise präsentiert sich die »American Legion«, eine 1919 gegründete, 2,4 Millionen Mitglieder zählende Veteranenorganisation der US-Streitkräfte. Mitglieder der Legion können alle sein, die am Ersten oder Zweiten Weltkrieg, am Koreakrieg (1950–1953) oder Vietnamkrieg (1955–1975), an der Libanon-Intervention (1982–1984), der Grenada-Invasion (1983–1984), am Überfall auf Panama (Dezember 1989/Januar 1990) oder an den Feldzügen der jüngsten Zeit (Irak, Afghanistan), dem »Kampf gegen den Terror«, teilgenommen haben.4 

 Ein vom Pentagon vorgegebenes Programm trägt »Bund, Bundesstaaten und örtlichen Organen, Veteranenorganisationen und anderen Nichtregierungsorganisationen« auf, »einer dankbaren Nation beizustehen, unseren Vietnamveteranen und ihren Familien zu danken und sie zu ehren. 

Commemorative-Partner werden darin bestärkt, durch Planung und Durchführung von Events und anderen Aktivitäten teilzunehmen, mit denen Dienst, Tapferkeit und Opferbereitschaft ehemaliger Soldaten und ihrer Familien anerkannt werden. Die Veranstaltungen und andere Aktivitäten sollen würdige, unvergessliche Ereignisse sein, die Einfühlungsvermögen und Verständnis für den Ernst des Krieges und für die Verluste bezeugen, die viele erlitten.« Auch die Jüngsten bleiben nicht verschont. »Schulen werden ermuntert, Commemorative-Partner zu werden, um Dienst, Tapferkeit und Opfer der Vietnamkriegsveteranen ihres Heimatortes wertzuschätzen.« Ihnen wird »zusätzliches Bildungsmaterial« zugestellt. »Künftige Initiativen werden webgestützte Geschichtsinterviews mit Vietnamveteranen und eine Wanderausstellung einschließen.« 

 Mit der »Sternenbanner« genannten US-Flagge konkurriert bei der Kampagne allerorten eine eigens vom Pentagon kreierte, nicht frei verkäufliche »United States of America Vietnam War Commemoration Flag«. Das blaue Tuch trägt in der Mitte – von einem Lorbeerkranz sowie der Inschrift »50th Anniversary Vietnam War Commemoration« umrahmt, die siegelförmige »Vietnam Service Medal«, die Vietnam-Verdienstmedaille. Am unteren Fahnenrand wird gelobt: »Eine dankbare Nation dankt und ehrt euch«. Dem 50. Jahrestag ist zudem ein »United States of America Vietnam War Commemoration Seal« gewidmet, ein Erinnerungssiegel ähnlich der erwähnten Medaille. Eine Posterserie zeichnet in Zeittafelart von 1945 bis 1975 »The United States Road to War in Vietnam« nach; Landkarten sollen einen Eindruck von den Örtlichkeiten ausgetragener Kämpfe vermitteln. Im Netz angeboten wird der Blick auf Primärquellen wie Präsidentenmemogramme, Verträge, Telegramme des Außenministeriums für Informationen aus »erster Hand« zum »Verstehen der Geschichte«. 

 Lügen, Halbwahrheiten, Verdrehungen Über Beginn und Verlauf des Vietnam-Einsatzes von Army (1954–1972), Air Force, Navy (1950–1972), Marine Corps und Coast Guard (1965–1972) wird in verharmlosender und teils verlogener Art knapp informiert. Ein Datenblatt über die Army beginnt gleich mit der alten faustdicken Lüge, die Genfer Indochina-Abkommen von 1954 hätten Vietnam »in einen kommunistischen Staat im Norden und einen antikommunistischen Staat im Süden geteilt«. 

Tatsächlich hatte Washington den in Genf fixierten Weg zur Wiederherstellung der Einheit Vietnams nach dem Ende des französischen Feldzugs sabotiert und das Land 1955 gespalten.5 

 Der U. S. Air Force, die einen »hervorragenden Beitrag« im Krieg geleistet habe, wird auf solchem Blatt attestiert, während der »Linebacker I« genannten Bombardierungskampagne von Mai bis Oktober 1972 mit mehr als 150.000 Tonnen Bomben in Nordvietnam »zumeist Ziele des Verkehrswesens, Flugplätze, Kraftwerke und Funkstationen« attackiert zu haben. Jeder, der seinerzeit dort war, auch der Autor, weiß um die Ungeheuerlichkeit dieser Lüge, versuchte man doch gerade 1972 seitens der USA alles, um mit Terror aus der Luft die Bevölkerung zu demoralisieren und endgültig »Nordvietnam in die Steinzeit zurückzubomben«.6 Dabei kann das Eingeständnis nicht überraschen, dass die Air Force fortwährend daran arbeitete, »ein umfangreiches Angebot an für den Konflikt geeigneten Waffen zu entwickeln«, so ein »neues Arsenal radar- und lasergelenkter Bomben«. Im Datenblatt zur Navy wird bilanziert, dass sie mit ihren Flugzeugträgern »der Hauptpartner der U. S. Air Force während der (…) Luftkampagnen gegen Nordvietnam und bei anderen Luftoperationen in Laos und Kambodscha« war. 

 Umfangreichster Bestandteil der Website ist eine »Interactive timeline«, eine Zeittafel für die Periode von 1945 bis 1975. Auch die rund 500 Einträge zu Truppenbewegungen, Kriegsverlauf, Auszeichnung von Militärs und Vorgängen in den Staaten bieten Beispiele der Geschichtsklitterung: So wird die Lüge vom »Zwischenfall im Golf von Tonkin«, einer angeblichen Attacke nordvietnamesischer Schnellboote auf den US-Zerstörer »Maddox« am 4. August 1964, aufgewärmt.7 Da es an dem Tag einen solchen »Zwischenfall« aber nicht gegeben hat, wird der kurzerhand auf den 2. 

August vorverlegt. Dumm nur, dass damals ausdrücklich das angebliche Geschehen vom 4. August zum Vorwand für den Beginn der Bombardierung Nordvietnams genommen worden war. 

 Bekannt und weltweit gebrandmarkt worden war das Massaker am 16. März 1968 im Dorf Son My (My Lai). Dazu liest man: »Elemente der 23. 

Infanteriedivision (Americal) töteten bis zu 500 Zivilisten in dem Hamlet My Lai, Provinz Quang Ngai. 14 Mann wurden schließlich beschuldigt, dieses Verbrechen begangen zu haben. Einer, Leutnant William Calley, wurde des Kriegsverbrechens angeklagt und zu lebenslangem Gefängnis verurteilt.« Calley, Zugführer in einer von drei eingesetzten Kompanien, war das Bauernopfer. Aus lebenslanger Haft für ihn wurden binnen kurzem 20, dann zehn Jahre, etwas später drei Jahre Hausarrest mit Bewährung, schließlich Begnadigung durch Präsident Richard Nixon, ehrenhafte Entlassung und Beförderung zum Oberleutnant. So »sühnte« man das Massaker an 504 wehrlosen Greisen, Frauen und Kindern. In der »Interactive timeline« ist davon nichts zu lesen. 

 Die Propagandastrategen des Pentagon und seine PR-Spezialisten haben sich noch mehr einfallen lassen. »Um den Militärveteranen der Vereinigten Staaten Anerkennung zu zollen, Dank zu sagen und Ehre zu erweisen«, soll jeder Einzelne zum 50. Jahrestag mit einer »Lapel pin« als »ein bleibendes Andenken an die Dankbarkeit der Nation« bedacht werden, einer Anstecknadel mit den Floskeln von Mut, Ehre, Sieg und Stärke. Die amtliche Regieanweisung: »Diese Anstecknadel wird allen Veteranen in würdiger Weise während öffentlicher Events an ihrem Wohnort von Commemoration-Partnern überreicht. Begleitende Worte sollten den Dank der Nation für ihren Dienst und ihre Opfer reflektieren. In den seltenen Fällen, da ein Geehrter nicht an einem öffentlichen Event teilnehmen kann, soll ihm die Nadel in einer privaten Zeremonie überreicht werden.« 

 Veterans for Peace Ob man damit auch jene heute noch lebenden Militärangehörigen bedenken möchte, die damals als Demobilisierte oder noch Aktive gegen das Morden und Sterben in der Ferne aufbegehrten, darf bezweifelt werden. Als in der zweiten Hälfte der 60er Jahre Hunderttausende US-Amerikaner für Frieden auf die Straße gingen, erhoben auch Tausende demobilisierte Vietnam-Veteranen ihre Stimme. Exsoldaten entledigten sich vor dem Weißen Haus in Washington demonstrativ ihrer Kriegsauszeichnungen. In den Reihen der Streitkräfte selbst, in Vietnam, auf Stützpunkten im Ausland und in der Heimat, entwickelte sich ab 1969/70 eine zunehmend an Einfluss gewinnende Antikriegsbewegung. Es entstanden Organisationen wie »Vereinte GI’s gegen den Krieg« und »GI’s für den Frieden«. Im Laufe der Zeit zirkulierten in der Truppe rund 300 von Soldaten trotz der Gefahr harter Strafen hergestellte entsprechende Zeitungen. Insgesamt hatten die US-Streitkräfte in den Jahren des Vietnamkrieges, wie das Pentagon einmal eingestand, rund 500.000 Fälle von Desertion zu verzeichnen. 

 Für all diese Kriegs- und Kriegsdienstgegner gibt es auf der kaum überschaubaren Vietnam-War-Commemoration-Website keinen Platz, auch nicht für den unter den GI’s in Vietnam üblichen Drogenkonsum oder für jene Demobilisierten, die sich in der Heimat im Zivilleben nicht mehr zurechtfanden. 500.000 bis 800.000 von ihnen litten oder leiden weiter, ohne je irgendwelche Hilfe erhalten zu haben, an einem posttraumatischen Stressyndrom. Anfang der 90er Jahre waren von den damals rund 750.000 Obdachlosen im Land ein Drittel bis ein Viertel Vietnam-Veteranen, zu einem großen Teil Kriegskrüppel, Teil der 153.363 registrierten Verwundeten. 

Wie es heißt, haben mehr Veteranen Selbstmord begangen, als Soldaten im Krieg gefallen sind. Das waren offiziell immerhin 58.253. 

 Die gewaltige Propagandakampagne bleibt in den USA nicht unwidersprochen. 

»Veterans for Peace« haben sich mit einer Gegenaktion »Vietnam Full Disclosure« (Volle Aufklärung über Vietnam) zu Wort gemeldet. Die Vereinigung zu Kriegsgegnern gewordener Vietnam-Veteranen erklärt auf ihrer Website: »Um den 50. Jahrestag des Krieges zu markieren, führt das Pentagon eine zehnjährige 65-Millionen-Dollar-Kampagne, um die Geschichte des Krieges in Südostasien umzuschreiben und zu beschönigen.« Die »Full Disclosure Campaign« sei »eine klare Alternative zu den derzeitigen Bemühungen des Pentagon, den Vietnamkrieg zu rechtfertigen und zu verklären und damit weitere unnötige und zerstörerische Kriege zu legitimieren«. In einem »Offenen Brief an das amerikanische Volk« erklären sie: «Die Erfahrung des Krieges sollte zur Vorsicht gemahnen gegenüber der Phantasie von der Weltherrschaft, von der viele unserer politischen und militärischen Führer besessen sind.« Die Kriegsveteranen erinnern: »Seit 1776 war Amerika 222 von 239 Jahren im Krieg. Möge man sich dessen einen Moment bewusst sein.«.8 

 Anmerkungen 

 1 www.vietnamwar50th.com 

 2 Michael D. Yates in: Monthly Review, 29.5.2015; zitiert in: Vietnam Kurier 1/2015, S. 66 

 3 Robert McNamara: Vietnam – Das Trauma einer Weltmacht. Hamburg 1966 

 4 Wikipedia, abgerufen am 26.9.2015 

 5 In Genf war vereinbart worden, für die Separierung der Streitkräfte Frankreichs und der DRV die südliche und die nördliche Landeshälfte zu Umgruppierungszonen mit einer zeitweiligen militärischen Demarkationslinie etwa am 17. Breitengrad zu erklären. 1956 sollten im ganzen Land allgemeine Wahlen stattfinden. Das wurde von Saigon und den USA verhindert. 

 6 Forderung von General Curtis LeMay, von 1961 bis Februar 1965 Chief of Staff (Generalstabschef) der U. S. Air Force 

 7 Den behaupteten Angriff von Torpedoschnellbooten der Demokratischen Republik Vietnam auf den US-Zerstörer »Maddox« im Golf am 4. August 1965 hat es – auch nach dem Eingeständnis des damaligen Verteidigungsministers Robert McNamara – nicht gegeben. Am 6. März waren im südvietnamesischen Da Nang als erste Kampfeinheiten zwei Bataillone des Marine Corps gelandet. So begann der Aggressionskrieg der USA. 

 8 www.vietnamfulldisclosure.org 

 

__________________________