Kalter Krieg  

Russland und der Westen im Kampf um die Arktis  

Ralf Rudolph und Uwe Markus: 

In: junge Welt online vom 26.10.2015 

 

  Während Politiker in westlichen Hauptstädten seit Ausbruch der Ukraine-Krise darüber spekulieren, welche strategischen und operativen Ziele Russlands Führung in Europa verfolgt, hat der Kreml längst andere Prioritäten gesetzt. Denn so unerfreulich das Vorrücken von EU und NATO in den ehemals sowjetischen Einflussbereich in Osteuropa für Moskau ist – auf lange Zeit sind für den Wiederaufstieg Russlands andere Regionen mittlerweile von weitaus größerer Bedeutung. Die Erschließung des Polargebiets und die Ausbeutung der dort lagernden Bodenschätze sind die Grundlage dafür, dass Russlands Führung die langfristige wirtschaftliche Konsolidierung ungeachtet der Sanktionen des Westens fortsetzen kann. 

  Vorrangig geht es um die Ausbeutung der in der Arktis vermuteten Öl- und Gasreserven, rund ein Viertel der weltweiten Vorkommen mit einem Gesamtwert von mindestens 30 Billionen US-Dollar; darüber hinaus um Nickel und Quecksilber, Antimon und seltene Erden, um Diamanten und Gold. Durch die fortschreitende Klimaerwärmung sowie durch die preistreibende weltweite Ressourcenverknappung bestehen erstmals in der Geschichte betriebswirtschaftlich attraktive Fördermöglichkeiten in der Arktis. 

  Russland hat bei der Exploration und Ausbeutung der arktischen Rohstoffvorkommen einen komfortablen Vorsprung vor allen anderen Interessenten, den Moskau weiter ausbauen und machtpolitisch absichern wird. Das ist Russlands Wettbewerbsvorteil in einer von zunehmenden globalen Verteilungskämpfen geprägten Zeit. 

  Wiederentdeckung einer Region  Die Sowjetunion hatte 1979 mit der systematischen geologischen Erforschung der Arktis begonnen. Anfang der neunziger Jahre brach diese Entwicklung jäh ab. Russland verzichtete wegen seiner politischen und wirtschaftlichen Probleme auf die weitere Erschließung der Region. Nach dem Kollaps der UdSSR schien es dauerhaft einen wichtigen Spieler weniger zu geben. Doch mit der sukzessiven ökonomischen und machtpolitischen Konsolidierung Russlands nach der Ablösung des korrupten Jelzin-Clans änderte sich das wieder. Nunmehr wandte man sich in den um Staatserhalt bedachten Moskauer Machtzirkeln auch den beinahe abgeschriebenen Gegenden nördlich des Polarkreises zu. Nach Angaben des russischen Zivilschutzes lagern in der arktischen Region des Landes Bodenschätze in einem Gesamtwert von rund 30 Billionen US-Dollar, der überwiegende Teil der Rohstoffreserven, vor allem an Platinmetallen, Diamanten, Nickel, Seltenen Erden, Silber, Aluminium, Quecksilber, Antimon, Kupfer, Zinn, Wolfram, Gold und Kobalt. Für Russland gilt die Arktis als wichtigste Ressourcenbasis im 21. Jahrhundert. 2012 wurde ihre aktive Erschließung wieder aufgenommen. Die Region trägt inzwischen mit ca. elf Prozent zum Nationaleinkommen und mit 22 Prozent zum russischen Export bei, was hauptsächlich der Gasförderung zu verdanken ist. Mehr als 90 Prozent des Gesamtaufkommens an Nickel und Kobalt, 60 Prozent des Kupfers, 96 Prozent des Platins und 100 Prozent des von der russischen Industrie benötigten Baryts und Apatits kommen aus dieser Region. 

  Die Gewinnung von Öl und Gas soll sich künftig schrittweise auf den arktischen Festlandsockel verlagern. Doch solche russischen Absichten sorgen für internationale Konflikte. Laut des im Jahr 1982 verabschiedeten UN-Seerechtsübereinkommens können Staaten vor ihrer Küste eine bis zu 200 Seemeilen breite Wirtschaftszone beanspruchen, was die Ausbeutung der dort lagernden Rohstoffe einschließt. Diese Zone kann erweitert werden, wenn der Kontinentalschelf über die 200-Seemeilen-Grenze ins Meer ragt. 

Und in Russland ist man der Auffassung, dass genau dieser Sachverhalt in der eigenen Arktisregion gegeben ist, da die unter dem Meer verlaufenden Gebirgszüge, der Lomonossow- und der Mendelejew-Rücken, als Erweiterungen des eurasischen Kontinents anzusehen seien. Im August 2007 gelangten russische Forscher nach der Auswertung von Bodenproben zu dem Schluss, dass der Lomonossow-Rücken geologisch zum russischen Festlandssockel gehört und daher Russland Rohstoffe auf einer Fläche von mehr als einer Million Quadratkilometern beanspruchen darf. Die Konkurrenten am Polarkreis – allesamt Mitgliedsstaaten der NATO – teilen diese Interpretation erwartungsgemäß nicht und stellen sich in der UNO den russischen Ansprüchen entgegen. Dänemark ist bemüht zu belegen, dass der Lomonossow-Rücken mit der grönländischen Landmasse verbunden ist: Am 15. 

Dezember 2014 erklärte die dänische Regierung am UNO-Hauptquartier in New York ihren Anspruch auf ein riesiges Seegebiet der Arktis – einschließlich des Nordpols. Mit 895.541 Quadratkilometern ist das Gebiet fast 21mal größer als das »Mutterland«. Die dänische Forderung umfasst jedoch nicht nur das Gebiet bis zum Nordpol, sondern bis zur russischen Wirtschaftszone, 200 Seemeilen (370 Kilometer) vor der russischen Küste, was Russland als Provokation wertet. Denn um Bodenschätze geht es nur auf den ersten Blick. Experten gehen davon aus, dass im Zentrum des Nördlichen Eismeers, wo das Wasser bis zu vier Kilometer tief ist, vorerst kaum Bodenschätze zu fördern sind. Hier geht es offenbar um die präventive Sicherung von Einfluss. Und das macht die Lösung des Konfliktes nicht einfacher. Der Antrag auf Anerkennung des Arktisschelfs als Teil Russlands sollte laut Moskaus Minister für Naturressourcen, Sergej Donskoji, von der zuständigen UN-Kommission im Sommer 2015 behandelt werden, was jedoch auf Grund des dänischen Antrages auf das Jahr 2016 verschoben wurde. 

  Mehr als die Hälfte der vermuteten arktischen Öl- und Gasreserven befinden sich auf russischem Hoheits- und Schelfgebiet, zumeist in der Barentssee und in der Karasee. Der größte Teil davon ist Gas. Größere Erdöllager werden auch in der Tschuktschensee nördlich der russischen Tschuktschenhalbinsel und Alaskas vermutet. Heute kennt man im gesamten Nordpolargebiet rund 60 große Öl- und Gasfelder auf dem Festland, von denen 43 Russland gehören. Doch die Zukunft der Öl- und Gasförderung liegt im Offshore-Geschäft. Russland wird in den kommenden 15 Jahren vor allem diese Vorkommen in der Barentssee, der Petschorasee, der Bucht des OB und in der Karasee ausbeuten. Bis 2030 sollen deutlich mehr Felder als die bisherigen vier erschlossen werden. Das zu großen Teilen im staatlichen Besitz befindliche Mineralölunternehmen Rosneft veranschlagt den Bedarf für die Erschließung aller Erdgasfelder in der Barentssee und Karasee auf 106 Bohrplattformen. Die Kosten werden auf 30 Milliarden Dollar geschätzt. 

  Das Exklusivrecht für Offshore-Bohrungen in der russischen Arktis besitzen Rosneft und der ebenfalls staatliche Konzern Gasprom. Da es ihnen bisher an Erfahrung und Technologie mangelte, kooperierten sie mit westlichen Konzernen. So schloss Rosneft im Jahr 2012 eine Allianz mit dem größten US-amerikanischen Ölmulti Exxon zur Exploration und Ausbeutung der Öl- und Gasvorkommen in der russischen Arktis. Mit etwa 3,2 Milliarden Dollar sicherte sich Exxon die Zugangsrechte in der Barents- und in der Karasee, einem Gebiet von der Größe des US-Bundesstaates Texas. Im Gegenzug erhielt Russland die neuesten Technologien für Offshore-Bohrungen. Alle Hightech-Kooperationen mit westlichen Partnern nördlich des Polarkreises werden jedoch aktuell von enormen politischen Spannungen beeinflusst. Der Ukraine-Konflikt und die auf Betreiben der USA verhängten Wirtschaftssanktionen beeinträchtigen die gemeinsamen Erkundungs- und Förderprojekte in der Arktis. Erfreut ist man darüber in den Chefetagen der westlichen Mineralölgesellschaften keineswegs. Denn wer aus politischen Gründen auf die Kooperationsmöglichkeiten mit Russland verzichtet, verliert nicht nur Gewinnchancen, sondern hat zudem dauerhaft keinen Zugang zu den strategisch wichtigen Rohstoffvorkommen. Die verhängten Strafmaßnahmen könnten sich zudem als juristisches Risiko für die westlichen Staaten und Firmen erweisen: Der russische Ölkonzern Rosneft wird nach eigenen Angaben seine finanziellen Verluste infolge der US-Sanktionen erfassen und später auf eine Entschädigung vor Gericht klagen. Das Verfahren könnte Nachahmer finden. 

  Die russische Regierung sieht im Rückzug westlicher Energieriesen aus gemeinsamen Projekten derzeit keine größeren Probleme. Russische Ölfirmen suchen vor allem den Schulterschluss mit Unternehmen aus China und Indien, um gemeinsam langfristige Technologien für die Förderung in der Arktis zu entwickeln. 

  Rosneft kündigte an, künftig verstärkt auf Bohrausrüstungen aus russischer Produktion oder aus Staaten, die keine Sanktionen verhängt haben, zu setzen. Bislang stammten bis zu 70 Prozent des Equipments aus der EU oder aus den USA. Zwar nehme die Umstellung der Beschaffung Zeit in Anspruch. Doch die Fähigkeit des Konzerns zur Offshore-Ölförderung ist nach eigenen Angaben vorerst nicht beeinträchtigt. Gasprom brachte 2014 auch ohne westliche Partner mehr als 125.000 Meter Explorationsbohrungen und sieben Such- sowie 25 Erkundungsbohrungen in den russischen Erdöl- und Erdgas-Hauptregionen bei Irkutsk, im Schelf von Sachalin, auf der Halbinsel Jamal sowie in der Barentssee und in der Karasee nieder. Allein im Zeitraum bis 2020 sollen rund 100 Erkundungs- und Ausbeutungsbohrungen durchgeführt werden. Diese Vorhaben verlangen eine militärische Absicherung. 

  Machtdemonstrationen  Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Auflösung der russischen Verbände in der Arktis im Jahr 1993 gab es keine Militäreinheiten mehr zwischen den Inseln Nowaja Semlja im Westen und der Tschuktschensee im Osten. Und es gab kein brauchbares Einsatzkonzept für die Abwehr einer Aggression oder einer Verletzung der russischen Staatsgrenze. Auch moderne Frühwarnsysteme gegen Angriffe aus der Luft oder aus dem Orbit waren nicht vorhanden. Der hohe Norden hätte zum Einfallstor für einen Aggressor werden können. Mit dem immer weiteren Vordringen der USA und der NATO in den ehemals sowjetischen Raum wurde zudem die latente Furcht der russischen Führung vor einer westlichen Einkreisung bestätigt. So erklärte Russlands Generalstabschef, Armeegeneral Waleri Gerassimow: »Leider ist ein bewaffneter Konflikt möglich. Die US-Armee und die NATO sehen keinen anderen Feind als Russland«, und fuhr fort: »Der Kalte Krieg zwischen Russland und dem Westen hat im Grunde nie aufgehört. Auch wenn Russland alle Forderungen der USA und der NATO erfüllen würde, werden sich immer neue Vorwürfe gegen Moskau finden lassen«. Die russische Führung besann sich folgerichtig auf die Ressourcen und die einstmals vorhandenen militärischen Potentiale in der Polarregion des Landes. 

  Die Nordflotte, der lange Jahre vernachlässigte Prestigeverband der sowjetischen Marine, erhielt modernste Technik, um sie wieder zur stärksten Seestreitmacht Russlands aufzurüsten. Ehemals sowjetische Militärstützpunkte werden nun reaktiviert und ausgebaut. Zur Zeit errichtet Russland 16 Häfen, 13 Flugplätze und zehn Flugabwehrstationen in der Arktis. Russische Langstreckenbomber patrouillieren regelmäßig über der Region. Speziell ausgebildete und ausgerüstete Einheiten der russischen Armee sollen zukünftig auch zu aktiven Kampfhandlungen in der Arktis in der Lage sein. Die Nordflotte ist die größte der fünf russischen Flotten und momentan auch die strategisch wichtigste. Ihre Kräfte sind an den Küsten des Nördlichen Eismeeres von der finnischen Grenze im Westen bis zur Beringstraße im Osten stationiert. 

  Nach der im Dezember 2014 in Kraft getretenen neuen russischen Militärdoktrin unterzeichnete Präsident Putin am 27. Juli 2015 auch eine neue Marinedoktrin. Das 46 Seiten umfassende Dokument benennt vier Prioritäten: militärische Präsenz, Sicherung der Seewege, Erforschung und Erschließung von Bodenschätzen. Außerdem sollen die Grenzen im Kontinentalschelf des Nordpolarmeeres gesichert werden. Die neue Doktrin betont den defensiven Charakter der russischen Marineaktivitäten und sieht keinen atomaren Erstschlag vor. Jedoch behält sich die Russische Föderation das Recht vor, einen Überfall mit Massenvernichtungswaffen auf Russland oder seine Verbündeten durch den Einsatz von Nuklearwaffen abzuwehren. Das gilt auch für eine Aggression unter Einsatz herkömmlicher Waffen, falls dabei die Existenz des russischen Staates bedroht wird. Es ist die Rückkehr zur Strategie der Abschreckung aus der Zeit des Kalten Krieges, die immer auch eine präventive Handlungsoption beinhaltete. 

  Auch institutionell reagiert Moskau auf die zunehmende Konfrontation im hohen Norden: Im Dezember 2014 wurde das Außerordentliche Strategische Kommando Nord mit der Nordflotte als Kern gebildet, sein Stab befindet sich in Murmansk. Der Verantwortungsbereich umfasst nicht nur das russische Territorium hinter dem Polarkreis sowie die Nordostpassage und die Russland vorgelagerten Schelfgebiete, sondern auch das gesamte Gebiet bis zum Nordpol. 

  Die Aufgaben des Kommandos Nord sind sehr umfangreich: Es geht um die Abwehr von ballistischen Raketen und Marschflugkörpern, die von gegnerischen U-Booten im Konfliktfall gestartet werden könnten, ebenso wie um die Verteidigung der ökonomischen Interessen Russlands im Schelfgebiet der Arktis. 

  Konflikte und Drohgebärden  Die rasante Entwicklung der militärischen Kapazitäten Russlands in der Arktisregion kam für US-Strategen überraschend. Bei den Entscheidern der in viele kostspielige Kriegsabenteuer verwickelten USA haben die arktischen Sicherheitsinteressen bisher nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Mit erheblicher zeitlicher Verzögerung begann die Umsetzung jener Präsidentendirektive (»National Security Presidential Directive 66« oder »Arktische Politische Direktive«), die der damalige US-Präsident George W. Bush bereits am 9. 

Januar 2009 – unmittelbar vor dem Ende seiner Amtszeit – erlassen hatte. Dort heißt es: »Durch die zunehmende Aktivität in der Arktis sehen sich die USA gezwungen, ihre Präsenz und ihren Einfluss in der Region auszuweiten, um ihre dortigen Interessen zu wahren und den Zugang der US-Seestreitkräfte in der gesamten Region zu gewährleisten«. 

  Die bereits vorhandene militärische Infrastruktur in Alaska und besonders die gemeinsame Luft- und Weltraumverteidigung der USA und Kanadas werden nunmehr erweitert und modernisiert. Auch sollen gemeinsame Militärstützpunkte in der Arktis, besonders für die Stationierung von Atom-U-Booten, und Flughäfen für strategische Bomber geschaffen werden. 

Die Kontrolle von Bewegungen russischer U-Boote unter dem Eis des Polargebietes und der Patrouillenflüge russischer strategischer Bomber über der Arktis und dem Nordatlantik soll ausgebaut werden. 

  Die Anwesenheit von amerikanischen Atom-U-Booten in der Barentssee, die ihre operativen Aufgaben auch unter dem Eis fortsetzen können, wurde verstärkt. So spürten zum Beispiel diensthabende Kräfte der russischen Nordflotte am 7. August 2014 ein U-Boot der Virginia-Klasse der US-Navy in russischen Grenzgewässern auf. 

  Die Entschlossenheit, ihre Interessen in der Arktis wahrzunehmen, demonstrieren die USA und andere westliche Anrainerstaaten durch umfangreiche Militärmanöver. Neben den USA und Kanada sind auch die skandinavischen Länder Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark in der Nordpolarregion aktiv. Diese Entwicklung deutet einerseits darauf hin, dass die Bedeutung militärischer Einsatzfähigkeit in der Arktis auch in Skandinavien erkannt wurde. Doch zugleich wird deutlich, wer als potentieller Hauptgegner auf diesem Schauplatz gilt: Unter dem Vorwand der politischen Spannungen mit Russland wegen des Ukraine-Konfliktes treibt vor allem Schweden die Militärkooperation der skandinavischen Länder voran. 

Dazu soll die Nordic Defence Cooperation, dessen Vorsitz Stockholm innehat, genutzt werden. Dem Bündnis gehören neben Schweden auch Finnland, Norwegen, Dänemark und Island an. Begonnen werden soll mit der Verbesserung der Radarfrühwarnsysteme und einer engeren Luft- und See-Kooperation. Stockholm möchte auch gern – ergänzend zur EU-Kampfeinheit Nordic Battle Group (NBG) eine Nordic Baltic Battle Group (NBBG) unter schwedischer Leitung bilden. 

  Die NBG wird seit dem 1. Januar 2008 jeweils für ein halbes Jahr aufgestellt und ist eine Einheit der Krisenreaktionskräfte der EU, an der 18 Staaten beteiligt sind. Sie besteht aus ungefähr 2.500 Soldaten. Um die Nachbarländer von der Notwendigkeit einer NBBG zu überzeugen, wurde im Dezember 2014 das Phantom eines russischen U-Bootes in den Gewässern vor Oslo immer wieder ins Spiel gebracht. Am 8. April 2015 verständigten sich Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark und Island in einer gemeinsamen Deklaration auf die Verstärkung ihrer militärischen und militärtechnischen Zusammenarbeit. Anders als in der Vergangenheit ist die Kooperation dieser Länder im Verteidigungsbereich nunmehr gegen Russland ausgerichtet. In Moskau ist man besorgt, dass die neutralen Staaten Schweden und Finnland eine Annäherung an die NATO vollziehen. Während es zwischen Schweden und den USA bereits in der Zeit des Kalten Krieges eine verdeckte militärische und nachrichtendienstliche Kooperation gab – etwa bei der Ausspähung der sowjetischen Ostseeküste –, ist Helsinkis außen- und militärpolitischer Kurs für russische Militärs ein Novum. 

  Besonders die Vereinigten Staaten und Deutschland drängen auf eine stärkere Integration Finnlands in die NATO. So wird das Land im Jahr 2016 einen Teil seiner militärischen Neutralität verlieren und sich dann, obwohl es kein Mitglied ist, an der NATO Response Force (NRF) beteiligen. 

Diese 2002 aufgestellte schnelle Eingreiftruppe besteht aus 22.000 Soldaten der Infanterie und Marineeinheiten bis zur Stärke einer Flugzeugträgerkampfgruppe. Die Einbeziehung finnischer Einheiten war bereits im Mai 2008 beschlossen worden. 

  Die Neutralität Schwedens und Finnlands gehört mit der im Jahr 2014 in Wales unterzeichneten Vereinbarung über militärische Hilfe in Krisensituationen ohnehin der Vergangenheit an. Denn entsprechend dieses Abkommens werden der NATO viele Möglichkeiten zur militärischen Nutzung der Territorien beider Länder, des Luftraumes und der Küstengewässer eröffnet. Schweden und Finnland müssen demnach die Bereitstellung von Lebensmitteln, Treibstoff und Munition gewährleisten. Ob eine Krisensituation besteht, entscheidet die NATO – ohne notwendige Zustimmung der beiden Länder. Finnland hat diese Vereinbarung vor der Öffentlichkeit verheimlicht und nicht im Parlament beraten. 

  In Reaktion auf die Bildung neuer russischer Truppenteile in der Arktis kündigte nunmehr auch Norwegen die Aufstellung eines entsprechenden Bataillons an. Unter Federführung Oslos fand zudem vom 12. bis 19. März 2014 auf seinem Territorium das bislang größte arktische Militärmanöver der NATO mit 16.300 Soldaten aus 14 westlichen Ländern satt. 

Hauptübungsgebiete waren die Region um die Stadt Narvik hinter dem Polarkreis und die Barentssee an der Grenze zu Russland. Den Großteil der Soldaten stellte Norwegen mit rund 7.000 Mann. Beteiligt waren auch 336 Soldaten der Bundeswehr und die Korvette »Magdeburg« der Bundesmarine. 

  Die Luftwaffen der NATO-Staaten begannen Ende Mai 2015 die bisher umfangreichste Übung in Skandinavien. An dem Manöver »Challenge Exercise 2015« nahmen bis zum 5. Juni 2015 Norwegen, die USA, Frankreich, Deutschland, die Niederlande aber auch die formal als neutral geltenden Länder Finnland, Schweden und die Schweiz teil. Ziel der Übung war das Training des Zusammenwirkens der Luftwaffen etwa beim Betanken in der Luft, beim Luftkampf und bei der Vernichtung von Bodenzielen. 

  Um auch auf See Flagge zu zeigen, fand direkt im Anschluss im nordischen Luftraum das NATO-Marinemanöver »Baltops« in der Ostsee statt. Hauptziel beider Übungen, so der schwedische Generalmajor Karl Engelbrektson, sei es gewesen, die operativen Fähigkeiten zu erhöhen, »aber auch ein klares sicherheitspolitisches Signal zu senden, dass wir diese Dinge zusammen mit anderen tun«. 

  Russland reagierte. Am 16. März 2015 löste Präsident Wladimir Putin eine Alarmübung der russischen Streitkräfte aus, in deren Verlauf auch ein groß angelegtes Manöver der Nordflotte stattfand. Eine unangekündigte Überprüfung der Gefechtsbereitschaft der russischen Armee war seit dem Ende der Sowjetunion bisher nur einmal durchgeführt worden. 

In Alarmbereitschaft versetzt wurden die Kräfte der Nordflotte, die Stäbe des neu gebildeten Militärbezirkes Nord und Teile des Militärbezirkes West. 

  An der mittlerweile in der Arktisregion installierten russischen Macht kommen die westlichen Staaten nicht vorbei. In dieser Region herrscht damit zur Zeit ein militärisches und politisches Gleichgewicht. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die unterschiedlichen Interessen in der Region friedlich verhandelt und ausgeglichen werden. 

  Ralf Rudolph, Uwe Markus: Kampf um die Arktis – Warum der Westen zu spät kommt. Phalanx-Verlag. Berlin 2015, 245 Seiten, 16,95 Euro 

  Buchpremiere in der jW-Ladengalerie, Torstraße 6 in Berlin-Mitte, am 3.11. um 19 Uhr. 

 

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