Imperiales Design  

Am 2. September 1945 endete mit Japans Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde offiziell der Zweite Weltkrieg (Teil I): Der Aufstieg des Inselstaates zur expansiven Großmacht. 

Rainer Werning 

In: junge Welt online vom 01.09.2015 

 

  Um 1850, nach reichlich drei Jahrhunderten kolonialer Expansion, waren Süd-, Südost- und Ostasien in europäische Einflusssphären aufgeteilt. 

Mit zwei Ausnahmen: Das Königreich Siam (Thailand) vermochte als Puffer zwischen britischen und französischen Herrschaftsansprüchen seine Unabhängigkeit weitgehend zu wahren. Und in Japan hatte sich das dort seit 1192 nahezu ungebrochen herrschende Shogunat (Shogun bedeutet »der die Barbaren bezwingende große General«) gegenüber dem Ausland weitgehend abgeschottet. Lediglich auf der eigens aufgeschütteten Insel Dejima in der Bucht von Nagasaki war niederländischen Kaufleuten von dem regierenden Tokugawa-Clan der Unterhalt einer Handelsniederlassung gestattet worden. 

  Der gesamte indische Subkontinent, einschließlich Ceylons (heute Sri Lanka) und Birmas (heute Myanmar), war zusammen mit der Kronkolonie Hongkong, der malaiischen Halbinsel und dem an deren Südspitze gelegenen »Gibraltar des Ostens«, wie Singapur auch genannt wurde, Teil des britischen Empires. Der daran angrenzende Riesenarchipel, der sich von Westen nach Osten über 5.000 Kilometer erstreckt, zählte als Niederländisch-Indien zum Imperium des Hauses Oranien-Nassau. Die andere Inselgruppe in Südostasien, die Philippinen, war eine Domäne Spaniens. 

Dessen langjähriger Rivale Portugal kontrollierte auf dem chinesischen Festland die Enklave Macau und den östlichen Teil der zu Niederländisch-Indien gehörenden Insel Timor. Die Franzosen schließlich hatten sich in Vietnam, Laos und Kambodscha festgesetzt, ein Kolonialgebiet, das sie Indochina nannten. China, in dieser Zeit politisch zu schwach, um sich wirksam gegen Übergriffe von außen zu wehren, stand im Mittelpunkt der Herrschaftskalküle sämtlicher damaligen Kolonialmächte, die allesamt gleichzeitig dort Fuß fassen und sich der Schätze des »Reichs der Mitte« bemächtigen wollten. 

  Das Deutsche Kaiserreich und die Vereinigten Staaten von Amerika verfolgten als »Spätzünder« unter den Kolonialmächten eigene Interessen. Letztere fällten nach hitzigen Kongressdebatten zwischen den sogenannten Isolationisten und den Interventionisten beziehungsweise Imperialisten erst um 1900 endgültig die Entscheidung, in China und Südostasien Flagge zu zeigen. Nach einem vorangegangenen Krieg traten sie 1898 als neue Kolonialmacht auf den Philippinen das Erbe Spaniens an. 

  Gewaltsame Öffnung  Über 300 Jahre lang hatte sich Japan gegenüber dem Ausland abgeschottet, als 1854 eine US-Flotte unter dem Befehl von Commodore Matthew C. Perry die selbst gewählte Isolation des Inselreiches gewaltsam beendete und das Land für den Außenhandel öffnete. Dies markierte den Anfang vom Ende des Feudalsystems der Tokugawa-Herrschaft, das durch eine waffentechnisch weit überlegene, neue, aufstrebende imperialistische Macht im Pazifik ins Wanken gebracht wurde. Letztlich aber zerbrach die Feudalordnung aufgrund innenpolitischer Konflikte: Bauernaufstände, Missernten, Schröpfung der Bevölkerung durch erhöhte Tributzahlungen und ein erstarrtes Gesellschaftssystem mit rigider Etikette veranlassten reformorientierte junge Samurai (Kriegeradelige) aus verschiedenen Lehnsgebieten des Landes, sich zur Abwehr der Bedrohung aus dem Westen dessen technologisches Wissen anzueignen, um es eventuell zu einem späteren Zeitpunkt gegen ihn selbst zu anzuwenden. Gleichzeitig wollten sie anstelle der Militärherrscher aus dem Hause Tokugawa die kaiserliche Macht wieder einsetzen und so erneut die zentrale politische Stellung des Tenno (Kaisers) garantieren. Nur kurz dauerten die Auseinandersetzungen, als ab 1868 mit Kaiser Mutsuhito (1852–1912) ein Regent antrat, der seine Ära unter die Devise Meiji (»erleuchtete Regierung«) stellte. Anstelle von Kioto wurde das alte Edo zur neuen Hauptstadt Tokio. 

  Was folgte, war ein beispiellos rascher und tiefgreifender Wandel in Wirtschaft, Politik und Technik. Zunächst wurden gezielt Kontakte mit dem Ausland geknüpft, um dort zu suchen, was sich daheim am besten für die Umgestaltung des Staates eignete. In diesem Prozess der japanischen Filtrierung der westlichen Moderne war es folgerichtig, dass das Land auch und gerade systematisch den Rat und die Expertise von Ausländern suchte. 

Unter den um 1890 etwa 3.000 ausländischen Fachleuten in Japan waren deutsche Sachverständige für Universitäten und medizinische Schulen, US-amerikanische für Landwirtschaft, Postverkehr und Diplomatie, britische für das Eisenbahnwesen und die Kriegsmarine, französische für Kriegführung und juristische Fragen und schließlich italienische Experten für westliche Kunst eingesetzt. Diese mit Bedacht getroffene Auswahl spiegelte einerseits die japanische Gesamtbeurteilung der damaligen Lage im Westen wider. Andererseits zeigte dies auch den, wie der japanische Politologe Maruyama Masao es formulierte, »Teufelskreis von ›Außen‹-Universalismus und ›Innen‹-Bodenständigkeitsdenken«, in dem das Land gefangen war. Für Japan beinhaltete die europäische Moderne zuallererst Maschinen und Techniken. Deren Weiterentwicklung bescherte ihm solche Industrialisierungserfolge, dass der Inselstaat später nicht nur China, sondern auch Russland militärisch besiegte und sich in Ostasien als neue hegemoniale Macht etablierte. 

  »Reiches Land, starke Armee«  Der Aufbau des Kaiserreichs auf industrieller Grundlage, wie die Politik in Tokio offiziell genannt wurde, war möglich geworden, weil der in der Landwirtschaft geschaffene Mehrwert gezielt in den industriellen Bereich überführt wurde. Mit Steuergeldern, die der Staat als Grundsteuer Bauern und Pächtern abverlangte, wurden Handelshäuser und Industriebetriebe in staatlicher Regie gegründet. 

Zunächst betraf das Unternehmen der Leichtindustrie, die sich auf die Herstellung von Fasern, Textilien und Kleidung verlegten. Doch schon bald investierte der Staat auch in strategische Bereiche, die den Schiffbau, die Stahl-, Schwer- und Rüstungsindustrie umfassten. Die Gewerbefreiheit wurde ebenso garantiert wie die freie Berufswahl. Träger dieses Industrialisierungsprozesses war im Gegensatz zu Europa keine aufklärerisch-moderne bürgerliche Unternehmerschicht, sondern es waren eine dem Kaiser ergebene Adelsschicht und reiche Händler. 

  Um 1890 war das neue Herrschaftssystem so weit gefestigt, dass auch eine Verfassung de jure die uneingeschränkte Macht des Kaisers als zentralstaatliche Instanz schlechthin festschrieb und dieser sich auf ein stehendes Heer mit allgemeiner Wehrpflicht stützen konnte. »Der Kaiser ist heilig und unverletzlich«, hieß es in der Verfassung. Dadurch war er legitimiert, als direkter Nachfahre der Sonnengöttin Amaterasu mit unbeschränkter Machtfülle zu regieren. Als Souverän des Landes stand der Tenno an der Spitze von Armee und Marine sowie der Exekutive und Legislative. Der Wahlspruch »Reiches Land, starke Armee« offenbarte, wie herausragend künftig die Stellung des Militärs sein würde. 

  Im Gegensatz etwa zum Westen hatte die Armee traditionell eine politische Führungsrolle inne und genoss unter den Japanern hohes Ansehen. Sie war keine Befehlsempfängerin der Regierung oder kontrolliert von einem Parlament. Dieses hatte nur sehr begrenzt Einflussmöglichkeiten, was das Budget der Streitkräfte betraf. Gemäß der japanischen Verfassung kommandierte der Kaiser Armee und Marine, während die militärische Kontrolle zu Friedenszeiten dem Kriegs- und Marineminister sowie den jeweiligen Generalstabschefs oblag, eine Stellung, die ihnen ein hohes Maß an Unabhängigkeit sicherte. Beide Minister gehörten zwar dem Kabinett an, sie konnten aber, wenn es aus ihrer Sicht notwendig erschien, jederzeit am Premier vorbei direkt beim Kaiser vorstellig werden. Darüber hinaus konnten sie mit einer Demisssion gleichzeitig den Rücktritt des Ministerpräsidenten und die Bildung einer neuen Regierung erzwingen. Denn laut Verfassung konnte es kein funktionstüchtiges Kabinett ohne einen Kriegs- und einen Marineminister existieren. Da diese in der Regel vom jeweiligen Generalstab vorgeschlagen wurden oder sich aus dessen Rängen rekrutierten, konnten sie nicht nur jede zivile Opposition in Schach halten, sondern faktisch über Fragen von Krieg und Frieden entscheiden. 

  Siegreich gegen China und Russland  Im ersten bewaffnet ausgetragenen Interessenkonflikt kämpften die japanischen Streitkräfte 1894/95 gegen das Kaiserreich China. Vorrangig drehte es sich um die dauerhafte Vormachtstellung auf der koreanischen Halbinsel. Korea war lange Zeit gegenüber dem chinesischen Kaiser tributpflichtig und das eigene Königshaus durch interne Revolten und Intrigen geschwächt. Gleichzeitig (1894) erwuchs der große Tonghak (»Östliches Lernen«)-Aufstand aus einer sich rasch zuspitzenden Zerfallskrise der seit 1392 herrschenden Yi-Dynastie, die nicht fähig war, den Erfordernissen einer Modernisierung von Staat und Gesellschaft Rechnung zu tragen, zu der die wirtschaftlich-industrielle Entwicklung in der Region und das Eindringen ausländischer, insbesondere westlicher, Einflüsse zwangen. 

  Zwar gelang es dem koreanischen Herrscherhaus, den Tonghak-Aufstand zunächst mit Hilfe herbeigerufener chinesischer Truppen und später japanischer und projapanischer Kontingente niederzuschlagen. Doch von diesen Entwicklungen profitierten letztlich die waffentechnisch haushoch überlegenen Japaner, während Peking seinen Einfluss auf der koreanischen Halbinsel dauerhaft verlor und das dortige Königshaus zur Marionette Tokios wurde. 

  Korea war aufgrund seiner geographischen Lage ein Scharnier zwischen dem ostasiatischen Festland und dem insularen Japan. Und wer es beherrschte, hatte sich nicht nur (militär-)strategische Vorteile, sondern auch die Verfügungsgewalt über die reichen Bodenschätze im Norden sowie über ertragreiche Reisanbaugebiete im südlichen Landesteil verschafft. Japan entschied den Waffengang gegen China für sich und erhielt auch noch die Insel Formosa (Taiwan) als Kriegsbeute. 

  Die japanische Wirtschaft erlebte um 1900 eine Boomphase. Bis 1905 war der Prozess der Konzentration und Zentralisierung von Kapital zu Oligopolen so weit vorangeschritten, dass sich nahezu sämtliche Großbanken, Industriebetriebe und Verkehrsmittel des Landes im Besitz von nur einem halben Dutzend staatlich protegierter Großfamilien befanden – darunter Mitsui, Mitsubishi, Satsume und Okura. Von diesen Unternehmen war eine Vielzahl kleiner und mittlerer Zulieferfirmen extrem abhängig. Vom weiteren Aufbau der Schwerindustrie profitierten wiederum die Streitkräfte. Neue Interessenkonflikte in Korea und der Mandschurei, diesmal zwischen Russland und Japan, führten 1904/05 zum Russisch-Japanischen Krieg, aus dem Tokios Heer und Marine wiederum siegreich hervorgingen. Auch bei dieser kriegerischen Auseinandersetzung war Korea der Zankapfel. Es ging um die dauerhafte Kontrolle auf der Halbinsel. Einige Gesandte des schwachen koreanischen Königshauses hatten als Gegengewicht zur wachsenden japanischen Präsenz in Korea versucht, das zaristische Russland als Verbündeten zu gewinnen, das seinerseits Ambitionen in Fernost hegte. Mit dem Sieg Japans über die russischen Streitkräfte und damit über ein starkes europäisches Land rückte im Westen erstmals ins öffentliche Bewusstsein, dass Tokio zur Regionalmacht in Ost- und Nordostasien aufgestiegen war. 

  »Große Gerechtigkeit«  Als der Meiji-Kaiser im Juli 1912 starb, bestieg mit Kronprinz Yoshihito ein Mann den Thron, der seine bis Ende 1926 währende Amtszeit unter die Devise »Taishō« (»Große Gerechtigkeit«) stellte. So schwach und körperlich gebrechlich der neue, in seiner Kindheit an Hirnhautentzündung erkrankte Kaiser war, so turbulent und widersprüchlich gestalteten sich die innenpolitischen Prozesse während seiner Ära. Es gab Machtverschiebungen von den Traditionalisten und oligarchisch agierenden Beamten hin zu demokratischen Parteien, die sich trotz häufiger, teils chaotischer Regierungswechsel politisch einmischten und Teilhabe forderten. Das Proletariat war im Wachsen begriffen, eine kommunistische Partei entstand und zahlreiche Intellektuelle und Künstler, die teils in den USA oder Europa gelebt hatten, ließen sich in ihren Werken gleichermaßen von den Ideen des Sozialismus, Anarchismus und Humanismus inspirieren. Und eine bis dahin nicht gekannte Presse- und Redefreiheit führte zur sogenannten Taishō-Demokratie, wenngleich die Kaiserliche Armee hinter den Kulissen zielgerichtet und erfolgreich ihre politische Machtposition ausbaute und außenpolitische Ereignisse den Nationalismus im Land befeuerten. »Mitten in der so bezeichneten Periode«, konstatiert der Japanologe Sven Saaler, »liegen die Wurzeln der verhängnisvollen Entwicklung, die Japans Politik in den dreißiger Jahren nahm.« 

  Der Erste Weltkrieg bescherte Japan einen ungeheuren Aufschwung, da unter anderem Europas Großmächte auf Kriegswirtschaft umgestellt und die asiatischen Märkte vernachlässigt hatten. Da Japan auf der Seite der Jahre zuvor zwischen Großbritannien und Frankreich geschlossenen Entente stand, trat es zwangsläufig in Konkurrenz zum deutschen Kaiserreich. Am 23. August 1914 hatte Japan dem Deutschen Reich den Krieg erklärt und bereits am 7. November das »Deutsche Schutzgebiet Kiautschou« im Süden der chinesischen Halbinsel Shandong mit der Festung Tsingtau eingenommen. 

»Des Deutschen Abrechnung« hatte zuvor eine deutsche Propagandapostkarte aus dem selben Jahr großmäulig getönt, die ein Reim zierte, in dem es in derbst rassistischer Manier zur Sache ging: „Heran, heran, du kleiner Jap!!! Mit deutschen Fäusten schwipp und schwapp – Eins hinters Ohr, doch nicht zu knapp!!! Dir geht es wie den andern hier, Du tückisches Mongolentier!« 

  Wenngleich die deutsch-japanischen Beziehungen Ende des 19. Jahrhunderts sich eng und gut gestaltet hatten, ja sogar deutsche Juristen an der Formulierung der Meiji-Verfassung beteiligt gewesen waren, hatte sich vor allem unter Kaiser Wilhelm II. das bilaterale Verhältnis dramatisch verschlechtert. Dieser hatte mehrfach öffentlich die »Gelbe Gefahr«, die Angst vor einer heraufziehenden Bedrohung in Form eines modernisierten Japans im Bund mit dem bevölkerungsreichen China, die Angst vor den asiatischen Massen« oder »Horden«, beschworen. 

  Bei den Friedensverhandlungen 1919 in Versailles wurden Japan außer Tsingtau auch die übrigen deutschen Kolonien im Pazifik nördlich des Äquators – die Marianen-, Marshall- und die Karolinen-Inseln (außer Guam) – als Treuhandmandat des Völkerbundes zugesprochen. Doch das gleichzeitige Ansinnen, in Versailles auch gegen internationale Rassendiskriminierung anzugehen, scheiterte. Ein entscheidender Faktor in den Zwischenkriegsjahren, in Tokio einen zunehmend chauvinistischen Kurs zu steuern. 

  Militärische Expansion  Mit der Unterzeichnung des Washingtoner Flottenvetrags 1922 wurde der Status quo im Pazifik festgeschrieben, was im Kern hieß: Anerkennung der Souveränität und territorialen Integrität Chinas, Verbot des Baus zusätzlicher Befestigungsanlagen auf einigen pazifischen Inseln und Beschränkung bei der Schiffsproduktion. Doch bereits zu Beginn der 1930er Jahre hatte sich die Lage grundlegend geändert. Die weltweite Wirtschaftskrise verschonte auch Japan nicht. 

Arbeitslosigkeit in Stadt und Land grassierten, es gärte in den Dörfern, da zahlreiche Bauern über Nacht zu mittellosen Pächtern herabgesunken waren. Wachsende Armut und Unzufriedenheit boten faschistischen und chauvinistischen Kräften einen Nährboden, ihre Ziele lautstark zu propagieren. Wasser auf die Mühlen dieser Kräfte lenkte die Entscheidung in den USA, ab 1924 keine japanischen Immigranten mehr ins Land zu lassen. 

  1931 war es China gelungen, einen Teil seiner an Japan verlorenen Hoheitsrechte in der Mandschurei wiederzuerlangen, was im Inselstaat, vor allem in der Armee, Besorgnis auslöste. Schließlich war das Gebiet nicht nur reich an Bodenschätzen (Kohle- und Gasvorkommen), sondern auch mit Blick auf Russland von strategischer Bedeutung. Ohne die politisch verantwortlichen Kräfte in Tokio konsultiert zu haben, schlug die in der Mandschurei stationierte japanische Kwantung-Armee eigenmächtig zu und besetzte im September 1931 mehrere Großstädte in der Region. Mehr noch: Diese militärische Einheit brachte den Rest der Mandschurei unter ihre Kontrolle, installierte dort ein Marionettenregime des Vasallenstaates »Mandschukuo« und rüstete sich für den weiteren Vormarsch in die angrenzenden Provinzen Chinas. Als das im Völkerbund auf Unmut und Ablehnung stieß, ignorierte Tokio die Kritik und verließ 1933 die internationale Staatengemeinschaft. 

  Die Ereignisse in der Mandschurei markierten einen Wendepunkt in der japanischen Politik. Die Armee war fortan wieder die bestimmende Kraft in der Politik, da sie sowohl inner- wie außerhalb des Kabinetts auf keine nennenswerte Opposition stieß. Faktisch wurde auch das Parteiensystem wirkungslos, als Mitte Mai 1932 junge Marineoffiziere Tokio einige Stunden lang terrorisierten und Premierminister Inukai Tsuyoshi ermordeten. Was folgte, war die Verletzung zweier wichtiger international eingegangener Verpflichtungen, nämlich die Marine nicht weiter aufzurüsten und Chinas Souveränität und territoriale Integrität zu achten. Zwar regte sich 1935 noch einmal Protest gegen den Kriegskurs der Streitkräfte, als eine Bewegung gegen Faschismus und Militarismus die Rückkehr zur parlamentarischen Regierungsform forderte. Liberale Kräfte im Diet, dem Parlament, attackierten öffentlich den Kriegsminister, ein Signal für Extremisten innerhalb der Armee, auf Revanche zu drängen. Ende Februar 1936 kam es zur offenen militärischen Revolte gegen die Regierung, an der sich etwa 1.500 Soldaten beteiligten. Wenige Tage darauf übernahm eine armeefreundliche Regierung das Zepter, die Meuterer kamen glimpflich davon, und fortan bestimmten ausschließlich militärstrategische Kalküle die Politik Tokios. 

  In vier programmatischen Leitlinien beschloss die japanische Regierung, das Land in die Lage zu versetzen, zur unangefochtenen hegemonialen Macht in Asien aufzusteigen. Und zwar erstens mit der Stärkung der Schwer- und Rüstungsindustrie. Zweitens mit der Integration der Mandschurei in die japanische Kriegswirtschaft. Drittens durch die »harte Position«, die kompromisslose Durchsetzung japanischer Interessen auf dem asiatischen Kontinent. Viertens schließlich mit der Sicherung strategischer Rohmaterialien, um das Land autark zu machen. Die zur Selbstversorgung benötigten Ressourcen waren hauptsächlich im insularen und kontinentalen Südostasien – vorrangig Ostindien (Indonesien) und Malaya sowie in Indochina – zu finden. 

  Dieses von der Armeeführung entworfene Programm bestimmte seit Mitte der 1930er Jahre die Politik Tokios. Der Begriff »harte Position« war ein beschönigender Ausdruck dafür, sich dauerhaft in China zu etablieren, sich der Rohstoffquellen in Südostasien zu bemächtigen und die UdSSR in Schach zu halten. Letzteres schloss die enge Kooperation beziehungsweise ein Bündnis mit Nazideutschland und dem faschistischen Italien ein, was durch die Unterzeichnung des Antikominternpakts Ende November 1936 realisiert wurde, der explizit gegen die UdSSR gerichtet war. 

  Wie bereits im Falle der Mandschurei nahm die japanische Armee einen Vorfall in der Nähe Pekings im Juli 1937 zum Anlass, in Nordchina einzumarschieren. Die USA und Großbritannien reagierten darauf mit ersten Sanktionsmaßnahmen und stoppten den Export von Flugzeugen, Flugzeugausrüstungen und später auch die Ausfuhr von Waffen, Munition, Aluminium, Eisen und Öl nach Japan. Außerdem unterstützten Washington und London die chinesische Regierung mit Darlehen, die ihren Sitz nach dem japanischen Überfall auf Nanking (1937/38) nach Chungking verlegt hatte. 

    

  Rainer Werning, Sozialwissenschaftler und Publizist mit dem Schwerpunkt Südost- und Ostasien, schrieb auf diesen Seiten zuletzt am 17. August über die neue US-Besatzungsmacht in Japans vormaliger Kolonie (Süd-)Korea. 

 

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Restauration auf Raten  

Am 2. September 1945 endete mit Japans Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde offiziell der Zweite Weltkrieg (Teil II und Schluss): Ein imperialistisches Projekt und sein Untergang  

Rainer Werning 

In: junge Welt online vom 02.09.2015 

 

  Von 1930 bis 1940 erlebte Japan ein phänomenales Wachstum seiner Wirtschaft. In diesem Jahrzehnt wuchs die Industrieproduktion um das Fünffache. Im selben Zeitraum war die jährliche Stahlerzeugung von anfänglich 1,8 auf 6,8 Millionen Tonnen und die Fertigung von Automobilen und Flugzeugen von 500 beziehungsweise 400 im Jahre 1930 auf 48.000 bzw. 

5.000 im Jahre 1940 gestiegen. 

  Kriegs- und Kommandowirtschaft  Ebenso rasant stieg die Schiffsproduktion – von einer Tonnage bei Handelsschiffen von 92.093 (1931) auf über 405.195 im Jahre 1937. Die Militärausgaben wuchsen ebenfalls überproportional. Gemessen am Gesamthaushalt Japans beliefen sie sich auf knapp 30 Prozent im Jahre 1931, erreichten ihren Höhepunkt 1938 (ein Jahr nach der großangelegten Invasion gegen China) mit 75,4 Prozent, um sich danach bei mindestens zwei Dritteln einzupendeln. Gleichzeitig stockte Japan seine Streitkräfte drastisch auf. Allein von 1936 bis 1941 verdoppelte sich die Zahl der Wehrpflichtigen und die der Divisionsstärke von 24 auf 50, von denen 27 Divisionen in China, 12 in der von China abgetrennten Mandschurei und der Rest auf der koreanischen Halbinsel stationiert waren. Die Zahl der einsatzbereiten Soldaten überschritt bald die Marke von sechs Millionen. 1941 verfügte Japan im Pazifik über eine Kriegsmarine, die stärker war als die Streitmacht der USA und Großbritanniens in der Region. 

  Die Wirtschaft war unter dem Kommando des Militärs in eine Kriegswirtschaft umgewandelt worden, wobei alles unternommen wurde, um ausreichend Vorräte strategisch bedeutsamer Rohstoffe anzulegen, die wesentlich aus China und Korea sowie aus Niederländisch-Indien und Indochina bezogen wurden. Im August 1940 hatte das Vichy-Regime in Frankreich der Forderung Japans zustimmen müssen, Flugplätze und Marinebasen der Kolonialmacht in Indochina zu nutzen, von denen aus Japan den noch über die Birmastraße laufenden Nachschub für Tschiang Kai-tschek und die chinesische Regierung in Chungking unterbinden wollte. 

Bis zum Sommer 1941 war Indochina mitsamt seinen bedeutsamen Rohstoffvorkommen (Gummi, Zinn, Kohle, Mangan, Bauxit und Nickel) ohne nennenswerten Widerstand Japan überlassen worden, wo seine Truppen jetzt nach Belieben schalten und walten konnten. Je mehr die USA und Großbritannien ihren Druck auf Japan verstärkten, sich aus China und Indochina zurückzuziehen, desto vehementer warf Tokio ihnen vor, mit ihrer Embargo- und Sanktionspolitik das Land in die Knie zwingen zu wollen. 

  Belebung des Panasianismus  Mit Blick auf die Regionen Ost- und Südostasien reaktivierte und beschwor Japan seine panasiatische Vision – diesmal in Gestalt der »Größeren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssphäre« (GOGW), die sich aus dem religiös-ideologischen Konstrukt des Staats-Shinto (»Weg der Götter«) nährte. Demnach bestand keine Trennlinie zwischen mythisch verklärter und wirklicher Geschichte: Die Größe der eigenen Nation wurde ebenso beschworen wie der unerschütterliche Glaube an eine seit Menschengedenken bestehende Großfamilie – geführt von einem Tenno mit göttlicher Aura, Ahn einer ununterbrochen regierenden Herrscherdynastie. 

  Offiziell verkündete die Regierung in Tokio ihr Konzept der GOGW auf einer Pressekonferenz am 1. August 1940 durch Außenminister Matsuoka Yosuke. Japans Außenpolitik, so Matsuoka, ließe sich von dem Gedanken leiten, »die Größere Ostasiatische Gemeinsame Wohlstandssphäre mit Japan, der Mandschurei und China als ihrem Kern zu errichten«. 

  »Die Welt«, so beginnt die japanische Regierungserklärung, »ist an einem Wendepunkt angelangt, da neue Formen der Regierung, Wirtschaft und Kultur entstehen (…) Um in dieser Lage unsere nationale Politik in Übereinstimmung mit dem hehren Geist, in dem unser Land gegründet wurde, durchzusetzen, stellen wir uns der bedeutsamen Aufgabe und dringlichen Notwendigkeit, den unausweichlichen Entwicklungen der Weltgeschichte Rechnung zu tragen, zügig grundlegende Erneuerungen in allen Bereichen der Regierung einzuleiten und die Vervollkommnung einer Staatsstruktur anzustreben, die für die nationale Verteidigung entsprechend gewappnet ist«. 

  Als vorrangiges Ziel enthielt die Erklärung vom 1. August 1940 die Schaffung des Weltfriedens im Gründergeiste Japans. Als erster Schritt in diese Richtung »dient der Aufbau einer neuen Ordnung im Größeren Ostasien, dessen Fundament die Solidarität von Japan, Mandschukuo (des nach der Besatzung der Mandschurei 1931 im Frühjahr 1932 dort ausgerufenen Marionettenstaates, R. W.) und China ist.« Die nationale Verteidigung und Außenpolitik Japans müssten so gestaltet werden, dass das Land den neuen Herausforderungen – darunter »eine vollständige Beilegung der China-Angelegenheit« – gemäß seiner Stärke vollauf gewachsen ist. 

Sämtliche internen Strukturen sollten so weit verändert und erneuert werden, dass sie sich »in Harmonie mit den fundamentalen Prinzipien der nationalen Politik befinden«. Landesweit galt es, solche ethischen Grundsätze zu verankern, »die den Dienst für den Staat über alles stellen und selbstsüchtige und materialistische Gedanken ausmerzen«. 

Staat, Gesellschaft und das Kaiserhaus sollten im nationalen Einklang und Interesse künftig enger zusammenarbeiten. 

  Weiter heißt es in dem Dokument vom 1. August 1940: »Der Aufbau der nationalen Verteidigungswirtschaft basiert auf der autonomen Entwicklung der Wirtschaften von Japan, Mandschukuo und China mit Japan als ihrem Zentrum.« Anschließend ist in elf Punkten skizziert, wie Japans Kriegswirtschaft zu organisieren sei. Dazu zählten beispielsweise die Einführung staatlicher Planung und Regelung, die stärkere Einbindung der Bevölkerung sowie die Perfektionierung eines vereinheitlichten Kontrollsystems in den Bereichen Produktion, Verteilung und Konsum lebensnotweniger Güter, um die Selbstversorgung des Landes zu garantieren. 

Das Finanzwesen sollte effektiver gestaltet und der Bankensektor unter staatliche Aufsicht gestellt werden. Avisiert wurde in diesem Zusammenhang eine »epochale Ausweitung solch lebensnotwendiger Industrien wie der chemischen, Maschinen- und Schwerindustrie, gekoppelt mit einer ebenso bahnbrechenden Förderung der Wissenschaft und der Rationalisierung der Produktion«. 

  »Asien den Asiaten«  Das GOGW-Konzept zielte im Innern auf die Umgestaltung von Staat, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, um für die bevorstehenden Kriegshandlungen in der Region gewappnet zu sein. 

Gleichzeitig versuchte man den antikolonialen und antiimperialistischen Geist, der zahlreiche Länder Ost- und Südostasiens erfasst und zum Widerstand gegen die westlichen Kolonialmächte getrieben hatte, für japanische Interessen zu instrumentalisieren. Diese Bestrebungen wurden in der Losung »Asien den Asiaten« zum Ausdruck gebracht. Schließlich war das GOGW-Konzept auch Teil der Strategie Tokios, im Westen die Allianz mit den faschistischen Regimen in Deutschland und Italien zu festigen, um: a) in China den Rücken frei zu bekommen, wo sich Japans Feldzug aufgrund der Zusammenarbeit zwischen Nationalisten und Kommunisten schwieriger und verlustreicher als ursprünglich angenommen erwies; b) als rohstoffarmes Land die Invasion des insularen und kontinentalen Südostasien vorzubereiten, um sich dessen Bodenschätze anzueignen (beispielsweise Öl aus Niederländisch-Indien und Kautschuk aus Indochina) und die eigene Kriegsindustrie auszuweiten sowie c) dort jene Kolonialmächte (England, Frankreich und die Niederlande) zu schwächen, die mittlerweile in Europa in den Krieg hineingezogen worden waren. 

  In Japan selbst stießen diese Ideen auf keinerlei nennenswerten Widerstand. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung konnte sich damit identifizieren, stärkte dies doch die Binnensolidarität, den Glauben an die eigene herausragende Stellung in Asien und die »Mission« ihrer Regierung in der Region – nämlich einen von Japan dirigierten autarken Block asiatischer Nationen, frei von Einflüssen westlicher Mächte, zu schaffen. Entsprechend wurden die Invasionen der japanischen Truppen in Ostasien, Südostasien und im Pazifik in Tokio als der Große Ostasiatische Krieg zur Befreiung Asiens vom Joch des europäischen und US-amerikanischen Kolonialismus bezeichnet. 

  Kernanliegen der GOGW war, die ost- und südostasiatischen sowie pazifischen Regionen in die ökonomische und politische Abhängigkeit des japanischen Zentrums zu bringen. Aus der Sicht Tokios wähnte man sich als Mittelpunkt, sozusagen als Krone der Schöpfung von des Kaisers Gnaden und als natürlicher »Führer der asiatischen Rassen«. Um dieses Zentrum herum sollten sich – in Form kleinerer und größerer konzentrischer Kreise – unterschiedliche Länder gruppieren, aus denen Tokio die für den Unterhalt seiner Kriegsmaschinerie benötigten Ressourcen bezog – von Bodenschätzen bis hin zu »Menschenmaterial«. Zum engsten Kreis zählten das östliche China, Korea und die Insel Formosa (Taiwan), die als Reiskammern Japans dienen sollten. Ein größerer Kreis umfasste neben den Kernlanden Chinas Kontinentalsüdostasien (im Westen bis einschließlich Thailand) und mit den Philippinen einen Teil des insularen Südostasien. 

Schließlich wurden als äußere Peripherie die pazifische Inselwelt (einschließlich Indonesien, Papua-Neuguinea, Nordaustralien) und der indische Subkontinent mit Birma als Brücke zwischen Südost- und Südasien betrachtet. Aus diesen Regionen sollten jeweils strategisch wichtige Rohstoffe (von Erdöl, Kupfer, Kautschuk und Bauxit bis hin zu Baumwolle) bezogen werden, die sowohl zivilen wie militärischen Zwecken dienten. Sie sollten Tokio befähigen, sich gänzlich unabhängig vom Handel mit anderen Ländern und Regionen zu machen und Embargomaßnahmen des Westens zu unterlaufen. Gleichzeitig wollte sich Japan in diesen Regionen Absatzmärkte für seine Produkte und Land für Siedlungsprogramme sichern. 

  »Erstklassiges Land«  Das GOGW-Konzept knüpfte in dieser Ausprägung an frühere Vorstellungen an, die in den 1920er und 1930er Jahren konkretere Gestalt annahmen. Die Überzeugung, dass Japan »allen anderen asiatischen Rassen« kulturell überlegen sei, war bereits im späten 19. 

Jahrhundert virulent. Fukuzawa Yukichi (1835–1901) beispielsweise, ein einflussreicher Autor, politischer Theoretiker, Pädagoge und Gründer der renommierten Keio-Universität, vertrat in seiner 1882 veröffentlichten Schrift »Japans Mission in Asien« die Idee einer asiatischen Leitkultur unter japanischer Führung, welche vor allem nach Japans Sieg über das zaristische Russland (1904/05) an Konturen gewann. In diese Zeit fiel auch die Gründung mehrerer ultranationalistischer Gruppierungen wie der Schwarzer-Drachen-Gesellschaft, die geheimdienstliche Tätigkeiten in Russland, den USA und einigen Ländern Südostasiens (z. B. im Süden der Philippinen) mit messianischem Sendungsbewusstsein »der einzigartigen, moralisch reinen, auf die Sonnengöttin Amaterasu zurückgehenden Yamato-(japanischen) Rasse« und eigenen Herrschaftsansprüchen verknüpften. 

  Kolonialbesitz sah Japan als eine Vorbedingung dafür an, international Ansehen zu erlangen und in die Phalanx der »erstklassigen Länder« (ittô koku) vorzustoßen. Durch eine Reihe politischer Maßnahmen seitens des Westens wähnten sich Tokios Diplomaten indes in die Enge gedrängt und auf provokante Art gedemütigt. 1919 war auf der Versailler Friedenskonferenz Japans Ansinnen, in das Regelwerk des Völkerbundes eine Klausel über die Rassengleichheit aufzunehmen, brüsk abgelehnt worden. Als es 1921/22 auf der Washingtoner Flottenkonferenz darum ging, in Marineverträgen die Höchstgrenze von Kriegsschiffen festzulegen, fühlte sich Tokio benachteiligt; es wurde eine Regelung im Verhältnis von 5:5:3 für die USA, Großbritannien und Japan getroffen. Und im Jahre 1924 wurde in Washington ein Gesetz erlassen, dass Japanern die Immigration in die Vereinigten Staaten verwehrte. 

  »Licht, Beschützer, Führer Asiens«  Alle diese Maßnahmen begünstigten in Japan eine Politik, die in eben der GOGW ihren Ausdruck fand. Um sie den Nachbarn akzeptabel erscheinen zu lassen, propagierte Tokio als eines seiner Ziele, den noch vom westlichen Kolonialismus unterdrückten Ländern beizustehen und ihnen zur Unabhängigkeit zu verhelfen. Flankiert wurde dies von einer offensiven Aktion, in der sich »das japanische Kaiserreich als Zentrum und Pionier der östlichen Moral und des kulturellen Wiederaufbaus, als Licht Asiens, Beschützer Asiens und Führer Asiens« wähnte. 

  Doch schon bald musste die Bevölkerung in den besetzten Ländern am eigenen Leib erfahren, wie wenig die Wirklichkeit der neuen japanischen Ordnung mit den hehren Idealen der Gemeinsamen Wohlstandssphäre gemein hatte. Die von Japan in zahlreichen Ländern der Region eingesetzten lokalen Regierungen waren Marionettenregimes – vollkommen abhängig von der Gnade Tokios und der eigenen Bevölkerung entfremdet. In jenen Ländern zeigten die neuen Kolonialherren eine Verachtung lokaler Sitten, Bräuche und Glaubensvorstellungen und strebten statt dessen eine umfassende »Japanisierung« an. Die Folge: Hunderttausende in den Ländern Ost- und Südostasiens wurden als Widerstandskämpfer gefoltert und hingerichtet oder starben als Zwangsarbeiter wie beim Bau der Thailand-Birma-Bahn. Die großspurig verkündete GOGW entpuppte sich früher oder später als zumindest ebenso repressiv wie die Regime der westlichen Kolonialmächte. 

  Schutz des Tenno  Unter dem Besatzungsregime von US-General Douglas MacArthur, des Oberbefehlshabers der Alliierten im Fernen Osten und Pazifik, wurde unmittelbar nach der Kapitulation Japans das Land von der Außenwelt abgeriegelt: Die japanische Währung (Yen) war nicht konvertierbar, und den Japanern waren Auslandsreisen untersagt. Die USA stellten etwa zwei Drittel aller japanischen Importe, während sie selbst weniger als ein Viertel seiner Exporte abnahmen. Auf politischer Ebene erwirkte MacArthur die Durchsetzung einer nach amerikanischem Vorbild modellierten Verfassung, die am 3. Mai 1947 in Kraft trat. Ihre Kernpunkte waren die Kompetenzbeschneidung des Kaisers sowie das im Artikel 9 festgeschriebene Wiederaufrüstungsverbot: »Das japanische Volk verzichtet auf ewig auf Verwendung von Waffengewalt als Mittel zur Beilegung von internationalen Auseinandersetzungen. Um den Zweck des obigen Abschnittes zu erreichen, werden keine Land-, See- und Luftstreitkräfte oder sonstiges Kriegsmaterial unterhalten. Das Recht auf Kriegführung durch den Staat wird nicht anerkannt.« 

  Gemäß einer am 27. Dezember 1945 in Moskau getroffenen Vereinbarung wurden zwei internationale Körperschaften zur Überwachung des besetzten Nachkriegsjapan aus der Taufe gehoben. Der Fernostkommission (FEC) in Washington fiel die Formulierung und Bestimmung der für Japan fortan geltenden politischen Richtlinien zu. Der von Repräsentanten der vier Siegermächte zusammengesetzte Alliierte Rat für Japan (ACJ) mit Sitz in Tokio wachte unter Federführung MacArthurs über die Durchführung der Festlegungen. Auffällig an Washingtons Okkupationspolitik war der milde Umgang mit den Architekten des japanischen Militarismus: Eine mit Deutschland vergleichbare »Entnazifizierung« gab es nicht. Aufgrund des vom Alliierten Kriegsgericht für den Fernen Osten, dem ostasiatischen Pendant zum Nürnberger Tribunal, verkündeten Urteils wurden Ende 1948 lediglich sieben vormals hochrangige Politiker und Militärs gehängt. 

Kaiser Hirohito, dessen über 60jährige Regentschaft (1926–1989) als Showa-Ära (»Weg des Friedens«) in die Geschichtsannalen einging, blieb unangetastet, wenngleich er für Japans militaristische Politik mitverantwortlich und in diese verstrickt war. 

  Washington mied bewusst eine öffentliche Demontage des Tenno, was politisch und sozial mit großen Unwägbarkeiten verbunden, wenn nicht letztlich sogar kontraproduktiv gewesen wäre. MacArthur und seinem Stab ging es vielmehr um die Entflechtung von Mythos und Wirklichkeit. So wurde per Direktive vom 15. Dezember 1945 der Staats-Shinto untersagt und in der kaiserlichen Neujahrsbotschaft vom 1. Januar 1946 hieß es denn auch, dass die zwischen dem Kaiser und seinem Volk bestehenden »Bande stets durch gegenseitiges Vertrauen und beiderseitige Verehrung geknüpft waren. Sie hatten ihren Ursprung weder in einem Mythos noch in der Legende. Sie beruhten nicht auf den fiktiven Ideen, dass der Kaiser ein menschgewordener Gott (akitsu mikami) und das japanische Volk eine höherwertige Rasse darstellt, dazu auserkoren, die Welt zu beherrschen.« 

  Restauration unter US-Aufsicht  Wie die Westzonen in Deutschland wurde auch Japan im eskalierenden Kalten Krieg ein zunehmend geschätzter Juniorpartner der USA, deren stramm antikommunistisch ausgerichtete Kooperation an Intensität gewann, je mehr sich auf dem chinesischen Festland ein Sieg der Kommunisten unter Mao Tsetung abzeichnete. In Japan selbst wurde gegen linke Organisationen und Politiker ein Kesseltreiben entfesselt und große Arbeiterstreiks, die seit 1946 auf einen grundlegenden sozialen Wandel abzielten, wurden von der Besatzungsmacht niedergeknüppelt. Am 1. Februar 1947 wurde schließlich ein Generalstreik gewaltsam aufgelöst und im Juli 1948 das generelle Streikverbot im öffentlichen Dienst erwirkt. 

  Den im April 1949 von der Dodge-Mission – benannt nach dem Detroiter Bankier Joseph M. Dodge – ausgearbeiteten Wirtschaftsempfehlungen folgten unverzüglich entsprechende Schritte: Die Yen-Dollar-Parität wurde auf 360:1 festgesetzt, eine Niedrigzinspolitik stattete die weitgehend intakt gelassenen und nicht von Entflechtungen oder gar Demontagen bedrohten Großunternehmen mit benötigten Krediten aus und gewerkschaftliche Aktivitäten blieben untersagt. Überhaupt: Die industrielle Basis Japans blieb nach dem Kriege weitgehend unangestatet – mit Ausnahme von Handelsgesellschaften und Kriegsgewinnlern während des China-Feldzuges wie Mitsui. Ferner wurden die Großbanken, die in der Vorkriegsperiode als Schaltstellen der Oligopole fungiert hatten, gänzlich verschont. Mittels niedrig verzinster Kredite im Zuge einer staatlich gelenkten Politik des billigen Geldes vermochten die notorisch hochverschuldeten und mit einer vergleichsweise dünnen Eigenkapitaldecke ausgestatteten Unternehmen wie beispielsweise Fuji, Mitsubishi, Sanwa, Sumitomo und Mitsui Dai-Ichi durch eigene Konzernbanken schon recht bald in neuem Glanz zu erstrahlen. 

  Rascher als erwartet entwickelte Washington eine rege diplomatisch-politische Offensive, um mit Tokio zu einem normalen Modus vivendi zu gelangen, der es erlaubte, die Souveränität dieses Landes wiederherzustellen und seine Rolle in der Region als enger Verbündeter der USA zu festigen. Grundvoraussetzung dafür war der Abschluss eines Friedensvertrages, der allerdings Sache sämtlicher Siegermächte war und zumindest ihrer gemeinsamen Konsultationen bedurft hätte. 

  Im April 1949 wurde der spätere US-Außenminister John Foster Dulles unter Umgehung der Sowjetunion mit den Vorbereitungen eines – notfalls – separaten Friedensvertrages mit Tokio betraut. Die Eile, mit der das Zustandekommen dieses Abkommens forciert wurde, resultierte aus den grundlegend geänderten Machtkonstellationen in der Region. Am 1. Oktober 1949 hatte Mao die Volksrepublik China ausgerufen, während das politische Konfliktpotential auf der koreanischen Halbinsel stetig wuchs. In dieser Situation durfte Japan kein unsicherer Kantonist sein; es musste – auch nach außen hin sichtbar – souverän sein und als Bollwerk gegen das neue China und die UdSSR dienen. 

  Am 8. September 1951 wurde schließlich der Friedensvertrag mit Japan in San Francisco unterzeichnet, der am 28. April 1952 in Kraft trat. Noch am selben Tag schlossen die USA und Japan einen bilateralen Sicherheitspakt, der die Aufrechterhaltung der US-Basen und den Verbleib von GIs auf japanischem Boden (einschließlich Okinawa) ausdrücklich festschrieb. 

  Rainer Werning ist Sozialwissenschaftler und Publizist mit den Schwerpunkten Südost- und Ostasien. 

 

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Massenproteste in Japan gegen neue Militärdoktrin 

Zehntausende fordern in Tokio die Rücknahme des neuen Sicherheitsgesetzes / Regierung will Auslandseinsätze für Armee ermöglichen 

 

Tokio. Bei einem der größten Massenproteste in Japan haben Zehntausende Menschen am Sonntag gegen die Sicherheitspolitik von Regierungschef Shinzo Abe demonstriert. Allein in Tokio zogen nach Angaben der Organisatoren rund 120 000 Menschen trotz Regens vor das nationale Parlament und forderten lautstark eine Rücknahme geplanter Sicherheitsgesetze. 

In: Neues Deutschland online vom 30.08.2015 

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Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/982836.massenproteste-in-japan-gegen-neue-militaerdoktrin.html 

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