Weiße Tauben über Peking  

China erinnert mit Militärparade an die Befreiung vom Faschismus. Staatschef verkündet Reduzierung der Truppenstärke  

Michael Streitberg 

In: junge Welt online vom 04.09.2015 

 

Schweres Geschütz, 12.000 Soldaten und unzählige weiße Tauben: China hat am Donnerstag in Peking mit einer großen Militärparade an den 70. 

Jahrestag des Sieges über die japanischen Besatzer erinnert. Dabei bediente sich die Staatsführung einer scheinbar widersprüchlichen Symbolik. Die Volksbefreiungsarmee paradierte unter den Augen der politischen Führung und vieler internationaler Gäste über den Platz des Himmlischen Friedens im Zentrum der Hauptstadt, zudem wurden im Zuge der großen Parade neu entwickelte Panzerfahrzeuge sowie Langstreckenraketen präsentiert. Zehntausende Tauben stiegen in den blauen Himmel auf. 

Chinas Präsident Xi Jinping betonte in einer landesweit übertragenen Ansprache die Entschlossenheit und die Opferbereitschaft der chinesischen Bevölkerung im Kampf gegen die japanische Besatzung. 35 Millionen Chinesen seien dem faschistischen Krieg zum Opfer gefallen. Der Widerstand gegen die Invasoren habe jedoch den Plan des japanischen Imperialismus vereitelt, China zu versklaven und zu kolonisieren. Die Lehre aus dem Krieg könne indes nur darin bestehen, zur Entwicklung einer friedlichen Welt beizutragen. »Vorurteile, Diskriminierung, Hass und Krieg verursachen nur Katastrophen und Leid, während gegenseitiger Respekt, Gleichheit, friedliche Entwicklung und gemeinsamer Wohlstand den Weg symbolisieren, der eingeschlagen werden muss«, so Xi. Er kündigte in seiner Rede an, dass die Volksbefreiungsarmee ihre Truppenstärke um 300.000 Soldaten reduzieren werde. 

Zahlreiche ausländische Staatschefs und andere Spitzenpolitiker nahmen an den Befreiungsfeierlichkeiten teil. Japans Staatschef Shinzo Abe, der eine offizielle Einladung erhalten hatte, war allerdings nicht nach Peking gekommen. Wegen geschichtsrevisionistischer Äußerungen hatte Abe wiederholt Empörung in China und anderen Ländern Asiens ausgelöst. 

Wie die Japan Times am Donnerstag berichtete, übte Xi implizit Kritik an Abes Sicht auf die Geschichte. Jede Leugnung des japanischen Aggressionskrieges gegen China sei »eine Beleidigung des menschlichen Gewissens« und würde unweigerlich dazu führen, das Vertrauen der Völker der Welt zu verlieren, sagte der Präsident, ohne dabei direkten Bezug auf Abe zu nehmen. 

Anwesend in Peking waren hingegen Russlands Präsident Wladimir Putin und die südkoreanische Präsidentin Park Geun Hye, deren Land ebenfalls unter der bereits 1910 begonnenen japanischen Kolonisierung gelitten hatte. An der Militärparade nahmen auch Soldaten mehrerer Staaten teil. Unter ihnen waren Armeeangehörige aus Kuba, Russland und Serbien. 

Bundeskanzlerin Angela Merkel fehlte in Peking ebenso wie US-Präsident Barack Obama. Die Absagen mehrerer geladener Staatschefs kommentierte der zuständige Militärvertreter Qu Rui mit den Worten: »Die Geschichte lässt sich durch die Haltung bestimmter Länder nicht ändern.« 

 

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Gegen neue Weltenbrände  

Vor 70 Jahren kapitulierte Japan. Während imperialistische Mächte die Nachkriegsordnung abschaffen wollen, rücken Russland und China zusammen  

Sebastian Carlens 

In: junge Welt online vom 03.09.2015 

 

  Vor 70 Jahren endete das schrecklichste Gemetzel der Menschheitsgeschichte, der Zweite Weltkrieg, in Ostasien. Für China begann der Kampf bereits am 7. Juli 1937 mit dem Überfall Japans. Erst eine Woche nach der Kapitulation des Kaiserreiches am 2. September 1945 war der Krieg auf chinesischem Gebiet schließlich vorbei. Mit deutlich über 20 Millionen Toten hatte das Land neben der UdSSR die meisten Opfer zu beklagen. Das chinesische Volk hat, gemeinsam mit dem sowjetischen, die Hauptlast an der Befreiung der Welt vom Faschismus getragen. 

  Am heutigen Donnerstag wird der Jahrestag in der chinesischen Hauptstadt Peking mit einer Militärparade begangen. Während Deutschland und die USA nur ihre Botschafter entsenden, werden der russische Präsident Wladimir Putin und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon persönlich an den Feierlichkeiten teilnehmen. Insgesamt werden die Staatschefs von 30 Ländern anwesend sein. Auch der frühere japanische Premierminister Tomiichi Murayama, der sich 1995 für den japanischen Angriff entschuldigt hatte, wird in Peking sein, nicht jedoch der aktuelle Premier Shinzo Abe. 

  Mit Putins Besuch wird eine Tradition fortgesetzt, die der chinesische Präsident Xi Jinping am 9. Mai mit seiner Anwesenheit in Moskau begonnen hatte. Nahmen zum Tag des Sieges gegen Nazideutschland auch chinesische Truppenteile an der russischen Ehrenparade teil, so werden nun 85 russische Soldaten in Peking mitmarschieren. Neben dieser symbolischen Vereinigung der Weltkriegsverbündeten geht es um aktuelle Politik. Bereits am gestrigen Mittwoch sprachen Putin und der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang über Wirtschafts- und Handelskooperationen. Insgesamt sollen rund 30 Abkommen unterzeichnet werden. Russland beteiligt sich an der von China geplanten »Neuen Seidenstraße«, beide Länder haben im Mai in Moskau den Aufbau einer euro-asiatischen Wirtschaftsunion beschlossen. 

  Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte am 24. August in einem zeitgleich in russischen und chinesischen Medien erschienenen Artikel das Zusammenrücken der beiden großen Länder als »Kooperationsmodell für das 21. Jahrhundert« bezeichnet (siehe jW vom 27.8.2015). »Russland und China stehen auf gleichen oder ähnlichen Positionen zu den wichtigsten Problemen der Gegenwart«, so in der Achtung der Souveränität von Nationalstaaten. 

  »Heute stoßen wir auf das offene Streben, die Geschichte des Krieges zu manipulieren, die Opfer und Henker gleichzustellen«, hatte Lawrow gerügt. 

Dies bringe »die Grundlagen einer gemeinsamen Weltordnung ins Wanken«. 

Die Nachkriegsordnung, die vor rund 70 Jahren festgelegt wurde, ist bedroht: Während Deutschland wieder Dominanz über Europa ausübt, ist Japan dabei, die Beschränkungen aus der bedingungslosen Kapitulation des Jahres 1945 abzuwerfen, um erneut die Konfrontation mit China zu suchen. 

Russland sieht sich Angriffen vor allem aus den USA, aber auch aus der BRD ausgesetzt. Erneut werden faschistische Kräfte, die Erben der alten Nazikollaborateure, in ehemaligen Sowjetrepubliken wie der Ukraine gegen Russland gerüstet. Die geplante, gegen russische und chinesische Warnungen durchgeführte Destabilisierung des Nahen Ostens hat ein gigantisches Bürgerkriegsgebiet hinterlassen. 

  Das imperiale Expansionsstreben der westlichen Mächte verdeutlicht die Kriegsgefahr. Dass sich Russland und China, die Verbündeten von einst, erneut finden, ist eine Reaktion darauf. Die Feiern zum Ende des Krieges sind ein Fest des Friedens – aber nur, weil sie der Abschreckung dienen. 

 

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Erinnern und umdeuten

China feiert den Sieg im Krieg gegen Japan

Von Olaf Matthes |

In: unsere zeit Ausgabe vom 4. September 2015

Am 2. September 1945 hatte das faschistische Japan auch offiziell kapituliert. In dieser Woche, am 3. September feiert China den 70. Jahrestag dieses Sieges. Präsident Xi Jinping unterzeichnete zu diesem Anlass eine Amnestie, mit der insbesondere inhaftierte Veteranen des Krieges gegen Japan, aber auch jugendliche Strafgefangene begnadigt werden – voraussichtlich einige Tausend Gefangene werden davon betroffen sein.

Erstmals findet zum Jahrestag des Sieges eine Militärparade auf dem Platz des Himmlischen Friedens statt. Unter anderem, so die Nachrichtenagentur Xinhua, soll bei dieser Parade ein neuer, in China entwickelter Langstreckenbomber präsentiert werden. Neben Soldaten der Volksbefreiungsarmee und Truppen aus 17 weiteren Staaten werden auch Veteranen des Krieges gegen Japan an der Parade teilnehmen.

China war der wichtigste Schauplatz des 2. Weltkrieges in Asien. Das Gedenken und die Berichterstattung zum 70. Jahrestag stellt diese Tatsache in den Mittelpunkt: Sie betonen die Bedeutung des chinesischen Kriegsschauplatzes und heben den Beitrag des chinesischen Volkes zum weltweiten antifaschistischen Krieg hervor.

Die westliche Presse deutet die Militärparade vor allem als Machtdemonstration gegen Japan und stellt sie in einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Konflikt um die Diaoyu- bzw. Senkaku-Inseln. Die chinesische Presse dagegen erinnert nicht nur an die Verbrechen, die die japanischen Aggressoren in China begangen haben, sondern benennt auch, dass Japan mit der Tradition des Militarismus nie konsequent gebrochen hat – und sie stellt die aktuelle Rechtsentwicklung in der japanischen Politik in diesen Zusammenhang. Der japanische Premierminister Abe wird nicht an den Feierlichkeiten in Peking teilnehmen.

Japan hat sich nie von seiner militaristischen Vergangenheit gelöst. In der vorherrschenden Wahrnehmung in China gibt es dazu ein positives Gegenbild: Deutschland. Zhang Haipeng, Historiker bei der Akademie für Sozialwissenschaften, bringt diese Wahrnehmung auf den Punkt: Es gebe heute zwei unterschiedliche Haltungen zu den Ergebnissen des 2. Weltkrieges. Im Gegensatz zu Japan habe „Deutschland mit dem Faschismus radikal gebrochen und ein neues Deutschland errichtet". Dieses neue Deutschland habe seine Vergangenheit gründlich reflektiert – im Gegensatz zu Japan, das sich bis heute nur halbherzig für die Verbrechen des japanischen Militarismus entschuldigt hat.

An der Militärparade am 3. September werden nicht nur Veteranen der Armeen teilnehmen, die unter der Führung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) gegen die japanischen Angreifer kämpften. Auch ehemalige Angehörige der Regierungstruppen der Guomindang (GMD) sollen in der Parade mitfahren. Darin drückt sich eine Umdeutung der Geschichte des Widerstandskrieges aus: Die Führung der GMD unter Tschiang Kai-shek hatte sich nur unter Druck der Front gegen die japanische Aggression angeschlossen und nicht einmal für die Dauer des Krieges auf antikommunistische Angriffe verzichtet. Die KPCh hatte dagegen, um alle Kräfte Chinas gegen die Aggression zu mobilisieren, bereits während des Krieges gegen Japan in den von ihr kontrollierten Gebieten weitreichende Veränderungen im Interesse besonders der armen Bauern durchgeführt und für demokratische Reformen im ganzen Land gekämpft. Dadurch war es ihr gelungen, die Volksmassen für den nationalen Befreiungskrieg zu mobilisieren und eine entsprechende militärische Strategie des Volkskrieges zu verwirklichen. Mit dieser Politik, die Führung im Befreiungskrieg nicht den herrschenden Klassen zu überlassen, legte sie die Grundlage für den Sieg im folgenden Bürgerkrieg gegen die GMD und den Aufbau des neuen, sozialistischen Chinas. Dieser Gegensatz zwischen GMD und KPCh erscheint in den aktuellen Darstellungen nicht als Gegensatz von Klassenkräften, sondern nur als Unterschied zwischen dem regulären Kriegsschauplatz und dem Krieg, den die kommunistisch geführten Truppen hinter den feindlichen Linien geführt hatten. Damit sendet die chinesische Regierung auch ein Signal an das von der GMD regierte Taiwan. In der staatlichen „China Daily" findet der niederländische Sinologe und Militärhistoriker van de Ven deshalb die „inklusive Natur des Gedenkens" „bemerkenswert", eine Hongkonger Zeitung lobt diese „positivere Einschätzung" der Rolle der GMD.

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»China kämpfte hart für den Sieg«  

Vor 70 Jahren endete mit der Kapitulation Japans auch für China der Zweite Weltkrieg. Heute muss Peking die Remilitarisierung des Landes kritisieren. Gespräch mit Botschafter Shi Mingde  

Sebastian Carlens 

In: junge Welt online vom 03.09.2015 

 

Interview mit Shi Mingde, Botschafter der Volksrepublik China in Deutschland 

Für China begann der Zweite Weltkrieg schon zwei Jahre vor dem deutschen Überfall auf Polen, nämlich 1937 (»Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke«), und endete erst über drei Monate nach der deutschen Kapitulation, am 9. September 1945 (Kapitulation der japanischen Armee in China, offizielle Kapitulation Japans am 2.9.1945). Welchen Stellenwert nimmt das Gedenken zum 70. Jahrestag des Endes des Krieges gegen japanische Aggression in der Volksrepublik ein, wie gehen die Chinesen mit der Erinnerung daran um? 

Dieses Jahr jährt sich der Sieg des chinesischen Volkes im Krieg gegen die japanische Aggression und im Kampf gegen den weltweiten Faschismus zum 70. 

Mal. Der Krieg gegen die japanische Aggression ist ein wichtiger Bestandteil des Krieges gegen den Faschismus gewesen; China war der Hauptkriegsschauplatz im Osten, und Chinas Widerstandskrieg begann schon sehr früh, er dauerte am längsten und forderte die meisten Opfer. China kämpfte hart und entschlossen für den Sieg und leistete einen enorm großen Beitrag zur Niederschlagung des Faschismus. In diesen bedeutungsvollen Tagen halten Regierung und verschiedenste gesellschaftliche Kreise Chinas eine Reihe von Gedenkveranstaltungen ab. Am 3. September findet in Peking eine Militärparade zur 70-Jahr-Feier des Sieges im Widerstandskrieg statt, zu der ausländische Staatsoberhäupter und Regierungschefs sowie auch ausländische Truppenteile eingeladen sind. 

Das Ziel der Militärparade ist die Erinnerung an die Geschichte, das Gedenken an die Märtyrer, die Wertschätzung des Friedens, die Gestaltung einer neuen Zukunft, die Bewahrung der Ergebnisse des Sieges im weltweiten antifaschistischen Krieg und der internationalen Nachkriegsordnung, sowie der Erhalt eines dauerhaften Friedens für die Menschheit. 

Die Verbrechen der Japaner, zum Beispiel das Massaker von Nanjing, sind mit den Massenmorden der deutschen Faschisten in Osteuropa und der UdSSR vergleichbar. Sie selbst haben in den 70er Jahren in der Deutschen Demokratischen Republik studiert, in der die Aufarbeitung des Hitlerfaschismus und das Bekenntnis zum Antifaschismus einen zentralen Stellenwert einnahmen. Findet Ihrer Meinung nach in Japan genügend Aufarbeitung und Aufklärung über diese historischen Verbrechen statt? 

Ich bin beeindruckt davon, wie Deutschland in den 70 Jahren seit Kriegsende die Vergangenheit aufgearbeitet und mutig seine Verantwortung übernommen hat. Deutschland hat sich das Vertrauen und den Respekt der Welt und besonders seiner europäischen Nachbarländer erworben, es hat für den Frieden und die Entwicklung nach dem Krieg und für die Integration Europas eine bedeutende Rolle gespielt. Eine wichtige Voraussetzung dafür war, dass es sich mutig seiner Geschichte gestellt und sich mit ihr auseinandergesetzt hat, und dass damit eine Versöhnung mit den anderen Ländern erreicht wurde. Beim Umgang mit der Geschichte sollte Japan von Deutschland lernen. Es sollte sich gewissenhaft seiner eigenen Aggressionsgeschichte stellen und eine tiefgehende Selbstprüfung vornehmen, um so wirklich zu erreichen, dass die Vergangenheit als Warnung für die Zukunft dient, dass der Wiederholung solcher Fehler vorgebeugt wird, dass Friede und Entwicklung bewahrt werden, und dass das Vertrauen der Nachbarländer erworben wird. 

Regelmäßig pilgern japanische Ministerpräsidenten zum shintoistischen Yasukuni-Schrein, in dem auch den zum Tode verurteilten Kriegsverbrechern des Zweiten Weltkrieges ehrend gedacht wird. Auch der aktuelle Premier Shinzo Abe war bereits dort. Was bezweckt die heutige japanische Regierung Ihrer Meinung nach mit derartigen kriegsverherrlichenden Ritualen? 

Der Yasukuni-Schrein ist ein geistiges Instrument und das Symbol des vom japanischen Militarismus entfesselten Agressionskrieges. Bis heute werden dort immer noch 14 Kriegsverbrecher der ersten Kategorie (führende japanische Politiker und Militärführer aus der Zeit des Krieges, die später zum Tode verurteilt wurden, jW) geehrt. Ob die japanische Führung zum Yasukuni-Schrein pilgert, zeigt an, wie das Land mit der Geschichte der Aggression und der Kolonialherrschaft des Militarismus umgeht. Wir sind entschieden gegen Besuche von Führungspersönlichkeiten Japans in diesem Schrein und hoffen, dass Japan in dieser wichtigen Stunde der siebzigjährigen Wiederkehr des Endes des Zweiten Weltkrieges mehr Handlungen unternimmt, die der Versöhnung mit seinen asiatischen Nachbarländern und der Stärkung des gegenseitigen Vertrauens dienen, und nicht solche, die das Gegenteil bewirken. 

In diesem Jahr hat die japanische Regierung eine neue Militärdoktrin beschlossen, die Auslandseinsätze erlaubt – trotz einer gültigen Nachkriegsverfassung, die dem Land eigentlich jedes Militär verbietet. Ist Japan dabei, die Potsdamer Beschlüsse, also auch die asiatische Nachkriegsordnung, auszuhebeln? 

Aus historischen Gründen wird es von den asiatischen Nachbarländern und der internationalen Gemeinschaft immer höchst aufmerksam verfolgt, wenn sich in Japan in militärischer Hinsicht etwas bewegt. Die Abe-Regierung treibt derzeit eine neue Sicherheitsgesetzgebung voran, Japans Verteidigungspolitik durchläuft gegenwärtig einen schwerwiegenden Wandel, was nicht nur in Japan selbst auf heftigen Widerstand trifft, sondern auch Besorgnis in den Nachbarländern hervorruft. Wir hoffen, dass Japan ernsthaft Lehren aus der Geschichte zieht, auf dem Gebiet des Militärs und in der Sicherheitspolitik besonnen handelt und an dem Weg einer friedlichen Entwicklung festhält. Es sollte die schwerwiegenden Sicherheitsbedenken seiner asiatischen Nachbarländer ernst nehmen und nichts tun, was dem Frieden und der Stabilität der Region und der Völkergemeinschaft nicht dienlich ist. 

Die japanische Wirtschaft steckt seit vielen Jahren in einer tiefen Krise. 

Das Handelsvolumen zwischen China und Japan nimmt jedoch stets weiter zu, seit 2012 rechnen beide Länder ihren Handel nicht mehr in US-Dollar, sondern in den eigenen Landeswährungen ab. Gefährdet Japan mit seinen politischen Manövern nicht einen sehr wichtigen Markt? 

Die Volkswirtschaften von China und Japan rangieren als Nummer zwei bzw. 

Nummer drei in der Welt, und die Weiterentwicklung ihrer Wirtschaftsbeziehungen liegt in ihrem wechselseitigen Interesse. 2014 war China der größte Handelspartner Japans und sein größtes Export-Zielland, während Japan umgekehrt Chinas fünftgrößter Handelspartner und eines der bedeutendsten Herkunftsländer für Investitionen war. Seit 2012 sind die chinesische Währung Renminbi und der japanische Yen direkt konvertierbar, was die Zusammenarbeit beider Länder im Banken- und Finanzsektor weiter gefördert hat und für die Internationalisierung des Renminbi einen wichtigen Schritt darstellt. Im Mai 2015 hat China bereits mit 32 Staaten bzw. Regionen Abkommen zur gegenseitigen Konvertierbarkeit der Währungen abgeschlossen, in 15 Ländern bzw. Regionen wurden Clearing-Zentren für den Renminbi eingerichtet. Ich vertrete stets die Meinung, dass sich die politischen und die Wirtschaftsbeziehungen gegenseitig beeinflussen und befruchten, und die chinesische Seite hält stets an ihrer guten Absicht fest, die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen auszubauen. Sie hofft, dass Japan im selben Sinne handelt. 

Der unter anderem von China gegründeten Asiatischen Infrastrukturinvestitionsbank (AIIB) will Japan nicht beitreten, die USA boykottieren die Entwicklungsbank ebenfalls. Andererseits haben sich über 50 Nationen, darunter Indien und Pakistan, an der AIIB beteiligt. Spaltet sich die Welt in einige wenige Großmächte auf der einen und die Entwicklungsländer Afrikas, Asiens und Lateinamerikas auf der anderen Seite? 

Die AIIB ist eine multilaterale internationale Institution, sie ist eine nützliche Ergänzung und keine Konkurrenz für die bereits bestehenden Entwicklungsinstitutionen. Nach Schätzungen der Asiatischen Entwicklungsbank (Asian Development Bank) wird Asien in der Zeitspanne bis 2020 einen jährlichen Infrastruktur-Investitionsbedarf von 730 Milliarden US-Dollar haben, den die derzeit vorhandenen Institutionen wie die Weltbank und die Asiatische Entwicklungsbank nicht decken können. Vor diesem Hintergrund hat China die Gründung der neuen Bank initiiert. Vor kurzem haben 57 prospektive Gründungsländer die Statuten der AIIB unterzeichnet und festgelegt, dass die Zentrale ihren Sitz in Peking haben wird. 

Entsprechend der zukünftigen Entwicklung der Arbeit der AIIB werden auch an anderen Orten Einrichtungen oder Büros der Bank geschaffen. China ist bereit, zusammen mit allen anderen Mitgliedern gemäß den Prinzipien von Öffnung, Inklusivität und Transparenz aktiv eine komplementäre und effektive Zusammenarbeit der AIIB mit den bereits bestehenden multilateralen Entwicklungsinstitutionen zu verfolgen, um so die konkrete Zusammenarbeit zum wechselseitigen Nutzen und zum gemeinsamen Gewinn kontinuierlich zu verstärken und für die regionale und globale Wirtschaft neue Triebkräfte zu schaffen. 

Welche Chancen billigen Sie den sogenannten BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika als aufstrebenden Entwicklungsländern zu? 

Die BRICS-Staaten stehen für 42 Prozent der Weltbevölkerung, ihre Landfläche steht für 26 Prozent der globalen Landfläche, ihr Wirtschaftsvolumen umfasst 27 Prozent des global erwirtschafteten Werts. In den letzten zehn Jahren trugen sie zu mehr als der Hälfte des globalen Wirtschaftswachstums bei. Damit bilden sie einen wichtigen Motor für die Erholung und die nachhaltige Weiterentwicklung der Weltwirtschaft. Seit dem offiziellen Start des Kooperationsformats der BRICS-Staaten 2009 ist dieses zu einer wichtigen Plattform für die Zusammenarbeit zwischen den Schwellenländern und den Entwicklungsländern geworden. Alle BRICS-Länder sind wichtige Mitglieder von internationalen Organisationen und multilateralen Mechanismen wie den Vereinten Nationen und der G 20. Die fünf Staaten stimmten und stimmen sich in wichtigen internationalen Fragen wie der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise und beim Klimawandel sowie einigen regionalen Brandherden ab und arbeiten eng zusammen, mit dem Ziel, die Gesamtinteressen der Entwicklungsländer zu wahren und die Präsenz und das Mitspracherecht der Schwellen- und Entwicklungsländer in den internationalen Angelegenheiten zu stärken. 

70 Jahre nach Ende des Krieges sind die Beziehungen zwischen China und Russland, dem größten Nachfolgestaat der UdSSR, wieder deutlich enger geworden. Der russische Präsident Putin hat jüngst angekündigt, eine weitergehende Kooperation mit der VR China auch in militärischen Belangen einzugehen. Warum rücken diese beiden Siegermächte des vergangenen Weltkrieges nun wieder enger zusammen? 

Im letzten halben Jahrhundert sind die Beziehungen zwischen China und Russland bzw. der Sowjetunion einen nicht gewöhnlichen Weg gegangen. Vom Freundschaftsbündnis über die Verschlechterung der Beziehungen hin zu gutnachbarschaftlichen Beziehungen und zur strategischen Kooperationspartnerschaft durchliefen sie mehrere Wandlungsphasen. Derzeit befinden sich die chinesisch-russischen Beziehungen in ihrer historisch besten Phase, die beiden Länder haben eine umfassende strategische Kooperationspartnerschaft geschlossen, bei der es sich um bündnisfreie, nichtkonfrontative und nicht gegen eine dritte Seite gerichtete zwischenstaatliche Beziehungen neuen Typs handelt. Diese Kooperationen sind von Nutzen für beide Seiten, sie sind auch von Nutzen für den Weltfrieden, die Entwicklung und die Stabilität. 

In der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) sind Russland und China, aber auch die Länder Pakistan und Indien vertreten. Zu den Zielen der Organisation zählt die Beilegung von Konflikten, es werden auch gemeinsame Militärmanöver abgehalten. Soll aus der SOZ ein neues Militärbündnis entstehen? 

In den 14 Jahren ihres Bestehen hat sich die SOZ zu einem effektiven Mechanismus und zu einer konstruktiven Kraft für die Wahrung von Sicherheit und Stabilität in der Region und für die gemeinsame Entwicklung der Mitgliedsländer entwickelt. Sie ist eine Organisation für die regionale Zusammenarbeit in der Politik, Wirtschaft und Sicherheitspolitik, sie wird nicht zu einem Militärbündnis werden. 

Sicherheit und Stabilität sind die wichtigsten Vorbedingungen für die Zusammenarbeit zum wechselseitigen Nutzen, für die gemeinsame Weiterentwicklung der Beziehungen zwischen den Ländern in jeder Weltgegend. Die polizeiliche und sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit dem Schwerpunkt Terrorismusbekämpfung war immer schon ein Arbeitsschwerpunkt der SOZ. Die deutlichen Erfolge, die seit vielen Jahren auf Seiten aller Beteiligten bei der Bekämpfung von Terrorismus, Radikalismus und Separatismus sowie bei der Wahrung von Sicherheit und Stabilität in den Mitgliedsländern und in der Region erzielt wurden, haben durch die internationale Gemeinschaft breite Anerkennung gefunden. 

Beim letzten Gipfeltreffen in Ufa haben die beteiligten Staatschefs die »SOZ-Entwicklungsstrategie bis 2025« unterzeichnet und eine detaillierte Blaupause für die Kooperation innerhalb der Organisation im nächsten Jahrzehnt geschaffen. Ich bin der Überzeugung, dass eine lebenskräftige und kontinuierlich erstarkende SOZ für den Frieden und die Stabilität in ihrer Region und in der Welt noch größere Beiträge leisten wird. 

 

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Peking demonstriert Stärke 

Parade auf dem Tiananmen zum 70. Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg nicht nur mit militärischer Botschaft 

Von Werner Birnstiel 

 

Die Parade der Streitkräfte auf dem Tiananmen-Platz in Peking ist eine der wichtigsten überhaupt in der 66-jährigen Geschichte der Volksrepublik. Sie will mehr als nur militärische Stärke demonstrieren. 

Über dem Platz am Tor des Himmlischen Friedens, dem Tiananmen im Herzen der chinesischen Hauptstadt ist für gut zwei Wochen strahlend blauer Himmel erwünscht und gesichert. Alles soll passen. Seit Anfang Juni wurde im Süden Pekings für die Parade trainiert. Auch über Veranstaltungen der Leichtathletik-Weltmeisterschaft strahlte seit dem 22. August bis zur Gedenkparade am heutigen Donnerstag die Sonne. Deutlich weniger Schadstoffe verdunkelten die Luft, weil radikal der Verkehr eingeschränkt und Fabriken heruntergefahren wurden. 

Historischer Anlass ist der 70. Jahrestag des »Sieges im antifaschistischen II. Weltkrieg und im antijapanischen Widerstandskrieg«. Der endete am 2. September 1945 in der Bucht von Tokio. Auf dem dem Schlachtschiff USS Missouri unterzeichnete Japan die Kapitulation.  

In: Neues Deutschland online vom 03.09.2015 

Weiter unter:  

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/983319.peking-demonstriert-staerke.html 

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Peking demonstriert Stärke 

Parade auf dem Tiananmen zum 70. Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg nicht nur mit militärischer Botschaft 

Von Werner Birnstiel 

 

Die Parade der Streitkräfte auf dem Tiananmen-Platz in Peking ist eine der wichtigsten überhaupt in der 66-jährigen Geschichte der Volksrepublik. Sie will mehr als nur militärische Stärke demonstrieren. 

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Historischer Anlass ist der 70. Jahrestag des »Sieges im antifaschistischen II. Weltkrieg und im antijapanischen Widerstandskrieg«. Der endete am 2. September 1945 in der Bucht von Tokio. Auf dem dem Schlachtschiff USS Missouri unterzeichnete Japan die Kapitulation. Sieben Jahrzehnte und einen Tag später war auf dem Tiananmen die Parade von 70 Minuten angesetzt, bei der über den Platz 12 000 Soldaten aller Waffengattungen paradieren und 40 verschiedene Arten technischer Ausrüstung anhand von 500 Mustern gezeigt werden sollten. 200 Flugzeuge 20 unterschiedlicher Typen standen bei der Luftparade auf dem Programm und in allen Bereichen die Präsentation neuer Bewaffnungen - zu 84 Prozent in China produziert. 17 ausländische Ehrenformationen waren zur Teilnahme an der Gedenkparade eingeladen. 

In: Neues Deutschland online vom 03.09.2015 

Weiter unter:  

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/983319.peking-demonstriert-staerke.html 

 

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