»Mutter war keine Spionin«  

62 Jahre nach der Hinrichtung: Die Söhne von Ethel und Julius Rosenberg fordern Gerechtigkeit für ihre Eltern  

Jürgen Heiser 

In: junge Welt online vom 28.08.2015 

 

Am 19. Juni 1953 wurde das Ehepaar Ethel und Julius Rosenberg in den USA auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Am 5. April 1951 waren die beiden Mitglieder der Kommunistischen Partei der USA wegen »Verschwörung zur Spionage für die Sowjetunion« und »Verrats des Geheimnisses der Atombombe« schuldig gesprochen worden. Ihre Exekution war ein Höhepunkt des Kalten Krieges und der Kommunistenverfolgung in den Vereinigten Staaten. 

Ihre Söhne Michael und Robert Meeropol fordern nun Wiedergutmachung für das Unrecht, das ihren Eltern angetan wurde. Am 10. August erschien ein von ihnen verfasster Artikel in der New York Times (NYT), mit dem sie sich direkt an den US-Präsidenten Barack Obama wandten. Er solle anerkennen, dass ihre Mutter Ethel Rosenberg »zu Unrecht verurteilt und hingerichtet wurde«. 

Basis des Appells war die im Juli erfolgte Herausgabe bislang geheimer Protokolle der vorgerichtlichen Aussagen von David Greenglass, dem Bruder ihrer Mutter. Er und seine Ehefrau Ruth hatten im Prozess im März 1951 als Kronzeugen ausgesagt und Julius Rosenberg beschuldigt, Informationen über die US-Atombombe an sowjetische Agenten weitergegeben zu haben. Zudem schworen beide, Ethel Rosenberg habe am 25. September 1945 an einem konspirativen Treffen teilgenommen, bei dem sie handschriftliche Notizen zum Bau der Atombombe mit der Schreibmaschine abgeschrieben habe. 

Die jetzt freigegebenen Dokumente widerlegten diese Behauptungen. »In Davids Zeugenaussage vor der Grand Jury am 7. August 1950 wird weder ein solches Treffen mit Ethel erwähnt, noch dass sie etwas abgetippt haben soll«, schreiben die Meeropols in der NYT. Laut den im Internet zugänglichen Aussageprotokollen antwortete David Greenglass auf Fragen zu seiner Spionagetätigkeit: »Ich habe zu keiner Zeit mit meiner Schwester darüber gesprochen.« 

Die Meeropols hatten schon Mitte der 1970er Jahre den Kampf um die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen ihre Eltern und um die Offenlegung aller Prozessdokumente aufgenommen. Erst im September 2008 gelang es dem National Security Archive der George Washington University in der Hauptstadt mit einer Klage, die Offenlegung von 43 der 46 Zeugenaussagen durchzusetzen (siehe jW vom 21.10.2008: www.jungewelt.de/rosenberg). Nach diesen Protokollen hatte auch Ruth Greenglass noch im August 1950 nichts über ein Geheimtreffen im September 1945 ausgesagt. Bis zum Prozess im Frühjahr 1951 machten die Aussagen des Ehepaars jedoch eine eigentümliche Wandlung durch. Das angebliche Treffen im September und Ethel Rosenbergs Schreibmaschinenarbeiten lieferten schließlich die Grundlage für das Todesurteil. 

Kronzeuge David Greenglass saß trotz seiner Verurteilung als »sowjetischer Spion« nur neuneinhalb Jahre im Gefängnis. Jahrzehnte später gab er gegenüber dem NYT-Reporter Sam Roberts zu, über die Rolle seiner Schwester gelogen zu haben, um seine Frau Ruth zu schützen. »Sie war schließlich die Mutter meiner Kinder.« Ruth Greenglass wurde niemals angeklagt, obwohl sie mit ihrem Mann zusammen nachweislich einer Agententätigkeit nachgegangen war und vom sowjetischen Geheimdienst unter Codenamen geführt wurde. Sie starb 2008. David Greenglass weigerte sich bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr, der Freigabe der Grand-Jury-Transkripte zuzustimmen. 

Wie die Meeropols erklären, begannen »die fadenscheinigen Beschuldigungen gegen unsere Mutter nach Julius’ Verhaftung im Juli 1950«. Der stellvertretende US-Justizminister habe der Bundespolizei FBI gesagt, es gebe für eine Anklage Ethel Rosenbergs nur »unzureichende Beweise«, sie könne jedoch »als Hebel gegen ihren Mann eingesetzt werden«. Im Februar 1951, einen Monat vor Prozessbeginn, hatte ein Bundesstaatsanwalt vor einem Untersuchungsausschuss des US-Kongresses ausgesagt: »Die Anklage gegen Mrs. Rosenberg steht auf schwachen Füßen. Aber zum Zweck der Abschreckung halte ich es für äußerst wichtig, dass auch sie verurteilt und hart bestraft wird.« 

»Unsere Mutter war keine Spionin«, betonen die Rosenberg-Söhne nun auf Basis der neuen Aktenlage. »Die Regierung hat sie in Geiselhaft genommen, um unseren Vater zu Aussagen zu zwingen«, und als das scheiterte, »mit Falschaussagen ihre unrechtmäßige Hinrichtung sichergestellt«. Es sei jedoch niemals zu spät, »ein ungeheuerliches Unrecht zu korrigieren«, verlangen die Meeropols von Obama. Eine Antwort des Weißen Hauses steht noch aus. 

 

__________________________ 

 

»Die Regierung fürchtet die Wahrheit«  

Parallelen zwischen den 1950er Jahren und heute in den USA. Gespräch mit Robert Meeropol 

In: junge Welt online vom 28.08.2015 

 

Das Internetportal Indymedia Puerto Rico veröffentlichte am 24. August ein Interview mit Robert Meeropol, einem der Söhne von Ethel und Julius Rosenberg. 

Warum entlasten die jüngst freigegebenen Dokumente Ihre Mutter Ethel? 

Der Schlüssel dazu ist die unter Eid gemachte erste Aussage von David Greenglass, dem Bruder meiner Mutter und Kronzeugen gegen unsere Eltern. 

Sie ist das glatte Gegenteil von dem, was er später vor Gericht ausgesagt hat. Seit Jahren gab es Analysen, die vermuten ließen, dass meine Mutter wahrscheinlich unschuldig war. Durch die eidliche Aussage wurde nun bestätigt, dass Ethel Rosenberg zu Unrecht verurteilt und hingerichtet wurde. 

Wenn Sie sagen, Ihre Mutter sei eine Geisel des Staates gewesen, warum wurde auch sie zum Tode verurteilt? 

Wäre sie nicht exekutiert worden, hätte sie im Gefängnis eine Berufung nach der anderen eingelegt. Früher oder später wäre also die Wahrheit herausgekommen, und die Regierung hätte schlecht ausgesehen. Deshalb sah man in ihr so etwas wie einen »Kollateralschaden«. 

Einige sagen, nach vorliegenden KGB-Dokumenten habe Ihre Mutter doch für den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet. Wie bringen Sie das in Einklang mit Ihrer Position?  

Meine Mutter soll laut KGB-Akten gesagt haben: »Ihr müsst vorsichtig sein, ihr wollt doch keine Probleme bekommen.« Leute haben daraus gemacht, sie sei »Teil der Verschwörung« gewesen. Das Problem dabei ist, dass die Leute so tun, als hätte Ethel das wirklich gesagt. Wir wissen aber nicht, was Ethel gesagt hat. Wir haben es mit Dokumenten zu tun, die eine englische Rückübersetzung einer doppelt chiffrierten russischen Übersetzung eines englisch verfassten Berichts über das sind, was Ethel gesagt haben soll. Damit soll dann ihre Schuld bewiesen werden. Im Unterschied dazu können wir bei dem neuen Material absolut sicher sein, dass die Transkripte sorgfältig angefertigt wurden. 

Sagen die KGB-Dokumente nicht dennoch aus, dass Ihre Mutter sich der Aktivitäten Ihres Vaters voll bewusst war? 

Ich leugne nicht, dass meine Mutter generell wusste, was mein Vater tat. 

Ich denke nicht, dass sie diese Art von Geheimnissen voreinander verbergen konnten. Aber von etwas zu wissen und damit einverstanden zu sein, ist etwas anderes als selbst eine »Atomspionin« zu sein. Niemand sagt, dass Julius und Ethel Rosenberg unschuldige Engel waren. Es geht darum, welche Beweise es gegen sie gab. War ihre Verurteilung gerechtfertigt? War die Todesstrafe gerechtfertigt? Auf beide Fragen kann es nur ein klares Nein geben! 

Welche »beunruhigenden Schatten« wirft die Hinrichtung Ihrer Mutter in unsere heutige Zeit, wie Sie in der New York Times sagten? 

1950 hatte die US-Regierung ein simples Bild der Realität gezeichnet: Die »internationale kommunistische Verschwörung« sei dabei, unseren Way of Life durch den Diebstahl nuklearer Geheimnisse zu zerstören und uns vom Planeten zu bomben. Deshalb hätten die Bürger- und Menschenrechte und die Verfassung hinter den Belangen der nationalen Sicherheit zurückstehen müssen. Wenn wir »internationale kommunistische Verschwörung« durch »internationale terroristische Verschwörung« ersetzen, dann kommen wir in der heutigen Realität an: der Außerkraftsetzung der Verfassung in den Gerichten, der Akzeptanz von Folter und der generellen Verschärfung der Sicherheit. Wie Edward Snowden und Julian Assange gezeigt haben, fürchtet die Regierung die Wahrheit. Das sind die Schatten, die ich gemeint habe. 

Was würde es bedeuten, wenn Präsident Obama zugeben würde, dass Ihre Mutter zu Unrecht verurteilt und hingerichtet wurde? 

Es würde die Aufmerksamkeit auf den Missbrauch der Todesstrafe lenken, was ich ungeheuer wichtig finde. Außerdem würde dadurch eine Diskussion über staatliche Verfehlungen in Gang gesetzt. Ich muss jedoch sagen, dass ich nicht wirklich damit rechne. 

Übersetzung: Jürgen Heiser 

 

__________________________