»Das ganze Afrika«  

Vor 90 Jahren wurde Patrice Émery Lumumba geboren. Mit der Ermordung des kongolesischen Ministerpräsidenten 1961 endete der Traum von einer tatsächlichen Unabhängigkeit. 

Gerd Schumann 

In: junge Welt online vom 02.07.2015 

 

Patrice Émery Lumumba wurde als Tasumbu Tawosa am 2. Juli 1925 in Kasai, Belgisch-Kongo geboren. Er absolvierte die koloniale Missionsschule und eine Ausbildung bei der Post. 1954 stieg er auf zum »Évolué«, zum »Entwickelten« – oder auch »fortgeschrittenen Neger« –, erhielt als einer der ersten und wenigen Kongolesen eine »Carte d’Immatriculation«, die ihn als »europäisch zivilisiert« und für höhere Tätigkeiten befähigt auswies. Das allerdings bedeutete nicht allzu viel: Lediglich 30 Studenten aus Kongo inklusive Ruanda-Urundi (seit 1946 UN-Treuhandgebiet unter belgischer Verwaltung) wurden (bis 1956) zu einem Studium zugelassen. 

In der Armee lag die Aufstiegsobergrenze für Einheimische beim Rang eines Sergeanten (Unteroffiziers), in der Verwaltung im unteren Bereich des Mittelbaus. Lumumba arbeitete »wie ein Berserker« (Jean-Paul Sartre) und wäre doch absehbar ein drittrangiger Postbeamter geblieben. 

Die Kolonialmacht baute nur zaghaft an der Herausbildung einer sozialen Schicht, die als Hilfskraft in Ökonomie und Verwaltung dem Machterhalt dienen sollte. Das widersprach dem Lauf der Zeit, die längst reif war für einen grundsätzlichen Politikwechsel. Wie anderswo wuchsen Aufruhr und Widerstand, es entstanden Gewerkschaften im rohstoffreichen Land am Kongo-Fluss, es kam zu Streiks gegen die verrottete Ordnung. Lumumba, ein exzellenter Rhetoriker und zudem hochintelligent, gründete 1958 mit anderen den Mouvement National Congolais (MNC) und wurde zu deren Sprecher. 

Im Dezember desselben Jahres reiste er zur Panafrikanischen Konferenz in Accra und hörte Kwame Nkrumah, Präsident des seit 1957 unabhängigen Ghana. Dessen Vision begeisterte den damals 33jährigen. Er teilte Nkrumahs Vorstellungen von einer besseren Zukunft für die Menschen von Kapstadt bis Algier, von Cap Verde bis zum Horn: »Hände weg von Afrika! Afrika muss frei sein«, so das Motto. Ziel sei es, »aus diesem afrikanischen Kontinent einen freien, glücklichen Kontinent zu machen, erlöst von Furcht und Unruhe und von jeder Kolonialherrschaft«. Das Rad der Geschichte drehte sich plötzlich sehr schnell vorwärts – überraschend schnell für das belgische Königshaus. 

ZeitenwechselNicht nur der Kongo (ab 30. Juni 1960: Demokratische Republik Kongo, von 1971 bis 1997: Zaire), weite Teile Afrikas befanden sich damals an der Schwelle zu einem Zeitenwechsel, einer Art tatsächlicher »Stunde Null« nach dem Kolonialismus, und die entscheidende Frage lautete, wer diese gestalten würde. Das System glich einer »veralteten Maschine«, so Jean-Paul Sartre, »die so starr ist, dass sie zermalmen oder zerbrechen muss«. Auf Lumumba bezogen konkretisiert der französische Philosoph seine Beschreibung der historischen Situation: »Wäre er länger an der Macht geblieben, so hätten ihn die Menschen und die Umstände vor die Entscheidung gestellt: Neokolonialismus oder afrikanischer Sozialismus.« Für Sartre stand fest: »Kein Zweifel, wofür er sich entschieden hätte.« 

Heute gilt 1960 immer noch als »Afrikanisches Jahr«. 18 Kolonien seien zwischen dem 1. Januar (Kamerun) und dem 28. November (Mauretanien) »unabhängig« geworden, heißt es. Darunter als wichtigste der Kongo: Noch 1959 plante das belgische Königreich eine gemächliche, auf Jahrzehnte ausgelegte Übergangphase – eine Illusion, wie sich innerhalb weniger Monaten herausstellte. Der im Oktober des Jahres nach Massendemonstrationen und tödlichen Übergriffen der Kolonialpolizei verhaftete und gefolterte Patrice Lumumba musste im Januar freigelassen werden. Bei Verhandlungen in Brüssel legte man fest, dass die »Cérémonie de l’Indépendance« im damals drittgrößten Flächenland des Kontinents am 30. Juni 1960 stattfinden sollten. 

Die Rede des KönigsWorum es im Kern ging, hatte der Verlauf des 30. Juni 1960 wie wohl keine Unabhängigkeitszeremonie zuvor offenbart. Als habe er nichts vom Aufbruch seiner vormaligen Untertanen mitbekommen, hielt der belgische König eine Rede, »die eher im Jahr 1900 als im Jahr 1960 geschrieben zu sein schien«, so der Autor David Van Reybrouck (»Kongo. 

Eine Geschichte«). 

Dem staunenden Publikum in der großen Rotunde vom Palast der Nation in Léopoldville und den Hunderttausenden an Transistorradios lauschenden Menschen präsentierte Baudouin I. (1930-1993) noch einmal unverzagt seine elitäre Weltsicht: »Die Unabhängigkeit des Kongo stellt den Höhepunkt des Werkes dar, welches vom Genie König Léopolds II. entworfen, von ihm mit zähem Mut umgesetzt und schließlich von Belgien mit Ausdauer fortgesetzt wurde.« Baudouin verzichtete auch nicht auf die Erläuterung, was das »Mutterland« unter »Unabhängigkeit« verstand: An der neuen Regierung des Kongo sei es, »zu beweisen, dass wir recht daran taten, Ihnen zu vertrauen. (…) Wir sind bereit, Ihnen weiterhin zur Seite zu stehen und Ihnen mit unserem Rat zu helfen.« 

Seit der Zeit der Expeditionen von David Livingstone und Henry Morton Stanley im neunzehnten Jahrhundert prägte die Gier nach den natürlichen, ungeheuren Reichtümern das Leben der Kongolesen. Bis 1920 halbierten die Kolonialherren die Bevölkerung: Von den anfangs etwa 20 Millionen Einwohnern starben mehr als zehn Millionen durch Gewaltverbrechen, Hunger, Entkräftung durch Überarbeitung und Krankheiten. Der verkommene Léopold II., dem das Land 1885 auf der Berliner Konferenz von Bismarck als Puffer zwischen den großen Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien zugeteilt worden war, und dessen Nachfolger aus der blaublütigen Sippschaft derer von Sachsen-Coburg und Gotha waren keine »Genies«, sondern eine Bande von Völkermördern. 

Die Rede LumumbasNatürlich hätte der im Mai mit starker Mehrheit gewählte, allerdings zu Bündnissen gezwungene Ministerpräsident seinen Mund halten können. Ein Beitrag seinerseits war im Protokoll nicht vorgesehen. Doch der 34jährige konnte nicht schweigen. Er war mehr und mehr und trotz der Widerstände von anderen schwarzen Führern seines Landes zum Hoffnungsträger für einen afrikanischen Weg zum Sozialismus geworden. Also redete er an diesem 30. Juni und konterte nicht nur die Selbstherrlichkeit Baudouins, sondern auch die anbiedernden, unterwürfigen Signale, die Präsident Joseph Kasavubu in seiner Ansprache ausgesandt hatte, mit deutlichen Worten. 

Lumumba sagte: »Noch sind unsere Wunden zu frisch und zu schmerzhaft, um sie aus unserem Gedächtnis zu verbannen (…). Wer wird je die Massaker vergessen, in denen so viele unserer Geschwister umgekommen sind, die Zellen, in die jene geworfen wurden, die sich weigerten, sich einem Regime der Unterdrückung und Ausbeutung zu unterwerfen?« Der Premier fuhr fort: »Wir haben Spott, Beleidigungen und Schläge kennengelernt, die wir morgens, mittags und abends ertragen mussten, weil wir Schwarze sind. Wer wird vergessen, dass zu einem Schwarzen ›Du‹ gesagt wurde, bestimmt nicht als ein Freund, sondern weil das ehrenwertere ›Sie‹ allein für die Weißen reserviert war?« Nunmehr werde die Regierung die Güter des Landes kontrollieren und sie im Auge behalten, »um sicherzustellen, dass wirklich dessen Kinder davon profitieren«. 

Unter den weißen Siedlern, dem belgischen Establishment und deren – auch schwarzer – Gefolgschaft breitete sich im Laufe der Rede Entsetzen aus. 

Am Schluss rührte sich bei ihnen, König Baudouin inklusive, keine Hand. 

Alle anderen klatschten begeistert Beifall. Sie hatten den »Schlüsseltext der Entkolonisierung Afrikas« (Van Reybrouck) gehört, mit dem Lumumba die Herzen der »Verdammten dieser Erde« (Frantz Fanon) erreichte. Er setzte – wie sieben Jahre zuvor Fidel Castro (»Die Geschichte wird mich freisprechen«) und vier Jahre danach Nelson Mandela (»Ein Ideal, für das ich zu sterben bereit bin«) – der Geschichtsschreibung der Herrschenden die Wahrheit der Unterdrückten entgegen. 

»Fehlende Demut«Aus der Analyse der kolonialen Repression leitete er die Notwendigkeit einer eigenständigen, afrikanischen Entwicklung ab: Nicht Belgien schenkte dem Kongo die Unabhängigkeit – sie wurde vielmehr erkämpft. »Welch eine Anmaßung«, empörte sich die belgische Presse und nannte den Premier fortan »sale nègre« (»dreckiger Neger«). Im Weißen Haus, wo »man fehlende Demut in der Dritten Welt umgehend als Ausdruck kommunistischer Tendenzen deutete, wähnte man den Kongo nun in den Händen eines unberechenbaren »Negers«, der auch noch einen »Goatee« trug, einen Ziegenbart« (Peter Scholl-Latour). 

Hatten Castro und Mandela ihre historischen Plädoyers als Angeklagte gehalten, wurde Lumumba erst durch den Auftritt zum Angeklagten, zum Gejagten. »Weil seine Gegner die Zündkraft seiner Rede fürchteten, sahen sie keinen anderen Ausweg als seine Beseitigung. Sie machten ihn im wahrsten Sinne des Wortes »mundtot«, schrieb Scholl-Latour in »Afrikanische Totenklage«. 

Der Journalist zitiert die »Congo Cables« genannten geheimen Anweisungen der CIA von 1960. Demnach war ein »Joe from Paris« vom US-Geheimdienst nach Kongo entsandt worden, um Lumumba in enger Zusammenarbeit mit Larry Devlin, dem lokalen CIA-Residenten in »Léoville«, zu beseitigen. Das misslang. Später rühmte sich der Agent, gemeinsam mit einem belgischen Geheimdienstkollegen, vor laufender Kamera, an der schließlich doch erfolgreichen Liquidierung Lumumbas beteiligt gewesen zu sein. 

Das Kesseltreiben»Die Belgier«, berichteten laut Scholl-Latour Zeitzeugen, »seien ihm zum Verhängnis geworden, doch vor allem die CIA hatte den Untergang Lumumbas beschlossen, weil er sich nicht in amerikanische Dienste zwingen ließ (wie Kasavubu und Joseph-Désiré Mobutu, G. S.) und zur Absicherung seiner Unabhängigkeit die Unterstützung des Ostblocks in Anspruch nahm«. Auch die UN hätten sich »an diesem Kesseltreiben, an dieser ›chasse à l’homme‹ schamlos beteiligt«. 

Der Name Lumumba stand ganz oben auf den Todeslisten Brüssels und Washingtons. Das Imperium zog alle ihm zur Verfügung stehenden Register, das freie Kongo zu schwächen. Die ethnische Karte wurde gespielt. Kurz nach der Unabhängigkeit erklärte der belgophile Moïse Tschombé die Abspaltung der rohstoffreichen Bergbauprovinz Katanga im Südosten als »Staat Katanga«. »Es ging darum, die reichen Kupfer-, Uran- und Goldminen der Kontrolle der nationalrevolutionären Zentralregierung von Patrice Lumumba zu entziehen und die Monopole der westlichen Konzerne zu sichern«, wertet Jean Ziegler den Vorgang (»Der Hass auf den Westen«). 

Spezialtruppen der Armee Belgiens intervenierten – angeblich zum Schutz von Zivilisten. 

Lumumba bat die Vereinten Nationen um Hilfe, die zwar »Blauhelme« schickten, sich jedoch zunächst nicht in Katanga engagierten. Tschombé hielt sich unter dem Schutz der belgischen Truppen schadlos, derweil der Premier weiter unter Druck geriet. UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld fühlte sich zwar den »Kapitalinteressen eines skandinavisch-amerikanischen Grubenkonsortiums« verpflichtet, das »ein begehrliches Auge auf die immensen Mineralvorkommen Katangas geworfen hatte und dem der probelgische Separatist Tschombé im Wege stand« (Scholl-Latour), doch blieb Lumumba unstrittig der Hauptgegner. Erst nach dessen Ermordung würden die »Blauhelme« in zwei Feldzügen die Sezession der Provinz beenden. 

Die USA bauten im Kampf gegen den Premier auf Staatspräsident Kasavubu, derweil Lumumba die Sowjetunion um Hilfe bat. Die erklärte sich solidarisch und half mit Lebensmitteln, Lastwagen und Waffen, beteiligte sich mit Flugzeugen am Kampf um Katanga. Für Washington und Belgien war der Regierungschef wegen seines Hilfeersuchens an Moskau hingegen »erledigt«, nun erst recht als »Kommunist« abgestempelt. Der Boden in Léopoldville wurde zu heiß, Lumumba flog nach Stanleyville (seit 1966: Kisangani) in der Provinz Orientale, der Hochburg des »afrikanischen Sozialismus«. Eine gewaltige Menschenmenge empfing ihn dort. »Das Volk von Stanleyville schrie ›Uhuru‹ – Freiheit – in einem leidenschaftlichen Chor, der vom Grollen der Tamtam untermalt war«, schreibt Scholl-Latour. »Dann wurde er auf den Schultern seiner Anhänger davongetragen.« Für diese Menschen war er ein Prophet. 

Hausarrest und FluchtEs folgte der Putsch. Oberst Mobutu paktierte mit Kasavubu. Die Botschafter der sozialistischen Staaten wurden des Landes verwiesen. Mit seiner illegitimen Absetzung begann die Menschenjagd – Beginn einer Tortur, die weltweite Empörung auslöste: Zwischen September 1960 und Januar 1961 zunächst unter Hausarrest gestellt, entkommen auf dem Boden eines Chevys, fast in Sicherheit am Sankuru-Fluss, von seinen Anhängern kontrolliertes Territorium, fiel er Ende November Mobutus Soldaten in die Hände. »UN-Blauhelme sehen mit an, wie sie Lumumba mit Gewehrkolben traktieren, und schreiten nicht ein«, schrieb Andrea Böhm in der Zeit vom 14.1.2011. 

Trotzdem war die Entscheidung über die Zukunft des Kongo noch nicht gefallen. Im Militärcamp Thysville schien der Premier noch ein »gebrochener Mann ohne Zukunft« zu sein, doch dann erhoben »in der ganzen Republik die Lumumba-Anhänger wieder das Haupt« (Scholl-Latour). 

Wer konnte schon garantieren, dass er nicht von meuternden Soldaten befreit und als triumphierender Volksheld nach Léopoldville zurückgebracht würde? Wieder keimte die Hoffnung auf, dass Kongo doch noch in eine tatsächliche Unabhängigkeit geführt werden könne. Fotos vom zusammengeschlagenen Ministerpräsidenten gingen um die Welt. 

Demonstrationen und Proteste folgten. Afrikanische und asiatische Delegationen warfen der UNO vor, dass sie Lumumba nicht beschützt habe. 

Dem Gefangenen gelang es, »Briefe nach draußen zu schmuggeln und Soldaten auf seine Seite zu ziehen. Es droht die Meuterei« (Böhm). Unter den Blauhelmen wuchs die Unruhe. Lumumbisten erklärten Stanleyville zum Sitz der Zentralregierung. Belgien reagierte, Kasavubu und Mobutu ordneten die Verschleppung des Gefangenen sowie seiner Gefährten Maurice Mpolo und Joseph Okito nach Katanga an. 

»Die Marterszenen waren so unerträglich, dass die beiden belgischen Piloten drohten, an ihren Ausgangspunkt zurückzufliegen.« Lumumba blutüberströmt. In Elisabethville (seit 1966: Lubumbashi), Katangas Hauptstadt, wurde der 35jährige Freiheitskämpfer als »blutiges, zuckendes Bündel auf den Beton geworfen« (Scholl-Latour). Ein LKW der Katanga-Gendarmerie brachte die Todgeweihten fort zur Exekution. 17. Januar 1961, 21.43 Uhr: Der Körper des ersten Ministerpräsidenten eines freien Kongo fällt in die Grube, wird kurze Zeit später wieder ausgegraben, zersägt und in einem Fass mit Schwefelsäure aufgelöst. Gerard Soete, der belgische Vizegeneralinspekteur der katangesischen Polizei, übernimmt den Drecksjob. Keine Spur darf bleiben von Lumumba. 

»Unabhängigkeit« ist nur ein Wort. Der Zerfall des Kolonialsystems führte nicht zu dessen Beseitigung. Jahrzehntelang hatte der Imperialismus mitansehen müssen, wie sich das Selbstbewusstsein der Unterdrückten entwickelte; wie das antikapitalistische Konkurrenzsystem mit der Sowjetunion als dessen Gründerin an Boden gewann; und wie sich dessen ideologische Wurzeln zunehmend auch im Süden verfestigten. Die Gefahr, profitträchtiges Terrain zu verlieren, wurde größer. Und nicht nur Lumumba hatte dazu beigetragen. 

Die TotenlisteWenn es den Kolonialisten zeitweise wie in Mosambik, Angola, Kongo, Burkina Faso, Südafrika doch ans Leder ging, ließen sie Waffen sprechen. Eduardo Mondlane, Gründer der mosambikanischen Befreiungsbewegung Frelimo – getötet von einer explodierenden Briefbombe. Chris Hani, Generalsekretär der Kommunisten Südafrikas und Chef der ANC-Guerilla »Speer der Nation« – niedergestreckt durch drei Kopfschüsse. Thomas Sankara, Burkina Fasos sozialistischer Präsident – durchlöchertet von MP-Salven in Ouagadougou. Kongos Premier Lumumba – gefoltert und hingerichtet. Ghanas Präsident Nkrumah – gestürzt in einem von London angezettelten Militärputsch. Amical Cabral, Kommandant der Befreiungsbewegung von Guinea-Bissau, – umgebracht von einem portugiesischen Agenten. Und auch der 2011 bestialisch ermordete Muammar Al-Ghaddafi, Staatsoberhaupt Libyens,  passte letztlich nicht ins westliche Konzept, sondern gehörte eher zum panafrikanischen Projekt. 

»Es galt, um jeden Preis die wahren nationalistischen Anführer zu beseitigen, um die ›Macht‹ auf präparierte ›Eliten‹ übertragen zu können, die die Kolonialherren in den Sattel gehoben hatten und kontrollierten«, so Jean Ziegler (»Ändere die Welt«). Sartre schrieb 1963: »Tot hört Lumumba auf, Person zu sein, und wird das ganze Afrika, mit seinem Einigungswillen, (…) seiner Kraft und seiner Machtlosigkeit.« Und weiter: »Er wurde nicht der Held des Panafrikanismus und konnte es nicht werden, er wurde sein Märtyrer.« Sein Tod sei »ein Alarmsignal: In ihm stirbt der ganze Kontinent, um neu zu erstehen«. 

Resolution 15141960 – ein »Afrikanisches Jahr«? Zur Geschichte gehören immer mindestens zwei konkurrierende Seiten, und als die Generalversammlung der UNO schließlich Ende 1960 ihre epochale Resolution 1514 »über die Gewährung der Unabhängigkeit an koloniale Länder und Völker« mit 89 Ja-Stimmen beschloss, widersetzten sich immer noch neun Staaten von einigem Gewicht. Mit Frankreich, Großbritannien, Belgien, Portugal, Spanien und den USA sowie in ihrem Gefolge Australien, die Dominikanische Republik und Südafrika enthielten sich eben jene allseits bekannten Kolonialstaaten, die auf der Südhalbkugel eine Epoche lang als Plünderer und Peiniger aufgetreten waren. Der mächtige Westen und Norden eines bipolaren Planeten gab dem Rest aus dem Süden und Osten zu verstehen, dass er sich nicht einfach den Hungerleidern und Aufbegehrenden ergeben würde und keinesfalls gedachte, sich von seiner seit Jahrhunderten praktizierten Hegemonie zu trennen. 

Zwar war nunmehr UN-amtlich festgeschrieben, dass »die Unterwerfung von Völkern unter fremde Unterjochung, Herrschaft und Ausbeutung« völkerrechtswidrig sei. Und dass alle Völker »das Recht auf Selbstbestimmung« besäßen, kraft dessen sie frei über »ihren politischen Status, ihre Staats- und Regierungsform und ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung zu entscheiden« hätten. Doch Lumumba überlebte die Resolution keinen Monat, und das Sterben hält bis heute an, wie in den Kivu-Provinzen des Südostens: Dort, wo 1965 Ernesto Che Guevara den Traum von einem befreiten Afrika als Guerillakommandant unterstützte, bedienen sich wie eh und je fremde Mächte am Coltan. 

Das neokoloniale Konzept des kapitalistischen Machterhalts setzt, wenn möglich, nach Ende der Bipolarität auf die überkommenen kolonialen Methoden, auf Krieg, abgesteckte Einflusssphären, demontierte oder zerteilte Staaten, auf weiße Spezialisten in allen Bereichen von Wirtschaft, Armee und Politik Afrikas, auf Rekolonisierung. 

Gerd Schumann ist Journalist und lebt in Berlin. 

 

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