Hinrichtung durch Nichtversorgung 

Dokumentiert. Offener Brief von Mumia Abu-Jamals Ehefrau Wadiya Jamal: Über die Versuche, ihren Mann umzubringen, und die Notwendigkeit, ihn jetzt zu befreien  

Jürgen Heiser 

In: junge Welt online vom 08.04.2015 

 

Genug ist genug! Am 24. April wird Mumia 61 Jahre alt. Aber gegenwärtig befindet er sich in sehr kritischem Zustand in einer Zelle der Krankenstation des US-Staatsgefängnisses SCI Mahanoy in Frackville, Pennsylvania. Mumia muss seine Freiheit zurückerhalten und endlich nach Hause zurückkehren! 

Dieses verkommene System hat viele Anschläge auf das Leben meines Mannes versucht, dessen einziges Verbrechen es ist, dass er den Angriff der Polizei am 9. Dezember 1981 überlebt hat: Zuerst die Polizeikugel, die Lunge und Leber durchschlug, dann die brutale Prügel durch mehrere Cops auf der 13. Straße Ecke Locust Street und schließlich den Versuch, ihn endgültig umzubringen, als Polizisten sein Krankenhausbett umringten und auf seinen Urinbeutel traten, um das Gift zurück in seinen Körper zu pressen. 

Mumia trägt keine Schuld an der Ermordung des Polizeibeamten Daniel Faulkner, und alle Polizisten am Tatort wussten das. Trotzdem wurde er für einen Mord, den er nicht begangen hat, schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. 

In der Todeszelle verbrachte mein Mann mehr als 30 Jahre täglich 24 Stunden in Einzelhaft. Selbst sein »Hofgang« fand in einem Käfig statt. Nun befindet er sich im Normalvollzug, bekommt dort aber nicht die richtige Krankenkost, die er benötigt. In der Folge breitete sich über seinen ganzen Körper eine Hautkrankheit aus, die dann mit einem falschen Medikament behandelt wurde, auf das er allergisch reagiert. Zuerst bekam er eine Lungenentzündung und erlitt schließlich am 30. März 2015, dem Montag vergangener Woche, einen Zusammenbruch. Grund dafür war ein diabetischer Schock mit einem tödlich hohen Blutzuckerspiegel von 779 mg/dl (Milligramm pro Deziliter; jW). Erst dann wurde er als Notfall auf die Intensivstation einer öffentlichen Klinik verlegt und mit Insulin versorgt. 

Im Unklaren gelassenWährend der Jahre in der Todeszelle und unter den jetzigen Haftbedingungen des »Slow Death Row« hat Mumia seine Mutter, seine Schwester, einen Bruder, unseren Bruder Jahlani, meine Mutter, meinen Vater, und unsere jüngste Tochter Goldii verloren. Goldii hat bis ans Ende ihres jungen Lebens alles dafür getan, Mumias Freiheit zu erkämpfen. Jeder einzelne seiner verstorbenen Angehörigen hat bis zum Ende gehofft, Mumias Heimkehr als freier Mann zu erleben, weil sie wie wir alle von seiner Unschuld überzeugt waren. Möge Allah ihre kostbaren Seelen segnen und sich ihrer erbarmen. 

Die Gefängnisleitung ließ mich völlig im unklaren darüber, dass mein Mann als Notfall auf die Intensivstation der Klinik verlegt worden war. Ich erfuhr davon erst durch Rachel Wolkenstein (die für Abu-Jamals Haftbetreuung zuständige Anwältin; jW) und musste dann selbst herausfinden, was passiert war und wohin man Mumia verlegt hatte. Und dann verhinderte die Gefängnisleitung meinen Besuch im Krankenhaus, bis die internationale Kampagne das Gefängnis und die Gefängnisbehörde von Pennsylvania mit Protestanrufen überflutete. Vor Mumias Krankenzimmer waren Wärter postiert, und einer befand sich bei ihm im Zimmer. Ich war schockiert über Mumias Zustand. Er hatte über 40 Pfund (18,2 kg; jW) an Gewicht verloren, war schwach, kaum in der Lage zu sitzen und den Kopf hochzuhalten. Er war mit Handschellen an seinen Stuhl gefesselt, litt unter Atemnot und ausgetrocknetem Mund. Ich erzählte ihm von der Liebe, die ihm von überall her entgegengebracht wird, und dass die ganze Welt in Alarmstellung ist! 

Als ich mit Mumias Bruder Keith Cook von unserem ersten Besuch zurückkehrte, wollten die Medien vor dem Krankenhaus unseren Bericht hören. 

Nachdem ich meinen sehr kranken, schwachen Mann erlebt hatte, brauchte ich all meine Kraft und die guten Erinnerungen an unsere Tochter Goldii, um überhaupt in der Lage zu sein, zur Presse zu sprechen. Danach berichteten die Medien zwar über Mumias schwerwiegende Erkrankung, aber sie unterschlugen meine Aussagen zu der Tatsache, dass Mumia unschuldig ist und dass er niemals hätte verhaftet oder verurteilt werden dürfen. Er hätte niemals im Gefängnis sein dürfen. Dann wäre er auch niemals so schwer erkrankt. Deshalb muss Mumia endlich seine Freiheit zurückerhalten! 

Der Gefängnisdirektor hatte versprochen, dass Keith, ich und andere Angehörige Mumia am nächsten Tag, Mittwoch, den 1. April, erneut besuchen dürften. Als wir dann Einlass begehrten, wurde uns dieser jedoch verwehrt, und zwar unter der neuen »Mumia-Regel«, die besagte, dass jede Person einen Gefangenen nur noch einmal pro Woche besuchen dürfe. Nach weiteren Protesten erlaubte die Gefängnisleitung Mumias ältestem Sohn, Jamal Hart, der 650 Kilometer angereist war, und seinem jüngeren Bruder, Bill Cook, Mumia zu besuchen. Beide beschrieben seinen Zustand hinterher als verschlechtert gegenüber dem Vortag. Jamal kam zuerst heraus und sagte: »Ich konnte es nicht länger aushalten zu sehen, wie mein Vater unter Schmerzen litt. Ich habe ihn geküsst und umarmt und bin wieder gegangen.« 

Zusammen mit Jamal habe ich Gespräche mit den behandelnden Ärzten und der Krankenschwester der Intensivstation über Mumias medizinische Behandlung geführt. Sie beschrieben, wie mein Mann mit einem Blutzuckerwert von 779 mg/dl, einer abnormalen Nierenfunktion und einem gefährlich hohen Natriumwert bei ihnen eingeliefert wurde. Sie gaben Mumia eine Insulininfusion und stellten Gallensteine bei ihm fest. Auf Nachfrage erklärten die Ärzte, dass es in ihrem Krankenhaus keinen Diabetesspezialisten gab. An diesem Morgen (Mittwoch) war Mumias Blutzuckerspiegel mit 333 mg/dl immer noch sehr hoch. Der behandelnde Arzt erklärte, sie brauchten sein Bett für andere Patienten. Der Nephrologe wollte meinen Mann am nächsten Morgen erneut untersuchen, um zu sehen, ob die Nierenfunktion wieder normal sei. 

Doch dazu kam es nicht mehr. Ohne die abschließende Diagnose der medizinischen Experten oder einen Behandlungsplan abzuwarten und ohne sicherzustellen, dass der Blutzuckerspiegel unter Kontrolle war, wurde Mumia schon wenige Stunden später wieder ins Gefängnis zurückverlegt. Auch dieses Mal erfuhren wir Angehörigen nichts davon. Er wurde mit 38,9 Grad Fieber zurück auf die Krankenstation des Gefängnisses verlegt und damit wieder in die Hände derjenigen gegeben, die seit Wochen von seiner Erkrankung an »neu aufgetretener Diabetes« wussten und sie nicht behandelten, bis er unter einem diabetischen Schock zusammenbrach. 

Dies ist eine Hinrichtung durch medizinische Nichtversorgung und Fehlbehandlung. 

Am Donnerstag, dem 2. April, habe ich mit dem leitenden für medizinische Betreuung verantwortlichen Beamten des SCI Mahanoy gesprochen. Er gab mir einen Bericht und sagte, ich könne jederzeit Tag und Nacht anrufen und den aktuellen gesundheitlichen Zustand Mumias erfahren. Aber vom späten Donnerstag abend bis zum Wochenende sind alle meine Versuche gescheitert, die Krankenstation zu erreichen, weil meine Anrufe nicht weitergeleitet wurden. 

Verschlechterter ZustandAm Freitag, den 3. April, durften weitere Angehörige und Freunde Mumia besuchen. Anstatt aber den Besuch auf der Krankenstation zu erlauben, wurde Mumia im Rollstuhl in den allgemeinen Besucherraum gebracht. Er musste durch die Sicherheitskontrolle zwischen der Krankenstation und dem Besucherraum, was bedeutet, dass er wegen der Leibesvisitationen seine Anstaltskleidung mehrmals aus- und anziehen musste. 

Sein Bruder Keith Cook, der Mumia bereits am Dienstag gesehen hatte, berichtete nach diesem erneuten Besuch, Mumias Zustand habe sich verschlimmert. Auch Rachel Wolkenstein sagte, Mumia sei sehr krank. Er sei so schwach gewesen, dass er kaum in der Lage war, einen Stift zu halten, um ein juristisches Dokument zu unterzeichnen. Mumia erzählte den Besuchern, darunter auch Mike Africa, Abdul John und Johanna Fernández, sein Blutzuckerspiegel habe am Morgen bei 186 mg/dl gelegen und sei dann wieder auf rund 330 mg/dl angestiegen, nachdem er mittags Spaghetti zu essen bekommen hatte. Mumia war körperlich sehr müde, geistig aber wach und wollte mehr über den Verlauf der Gerichtsverhandlung wegen des »Maulkorbgesetzes« wissen und fragte, ob schon eine Entscheidung gefallen sei. 

Seitdem haben wir keine neuen Informationen über Mumias Gesundheitszustand erhalten. Pam Africa und Johanna Fernández wollten ihn am Montag, den 6. 

April, besuchen. Mein nächster Besuch soll am Donnerstag stattfinden. 

Diabetes ist eine Krankheit, die einen tödlichen Verlauf nehmen kann. Meine Mutter hatte Diabetes. Er erfordert eine ständige medizinische Behandlung und eine entsprechende Diät. Bei Nichtbehandlung kann der Diabetes zum Verlust des Sehvermögens, zu Nervenschädigungen, Amputationen und Nierenversagen führen. Mumia hat schon seit Jahren Probleme mit seinen Füßen und Beinen, die nicht angemessen behandelt werden. 

Ich bitte alle Menschen rund um die Welt, die Mumia über all die Jahre liebevoll und solidarisch unterstützt haben, schreibt ihm und bitte, bitte, bitte HANDELT JETZT! 

Mumia soll leben! Er braucht eine angemessene medizinische Versorgung und Pflege. Wir müssen jetzt darum kämpfen, dass er diese Pflege erhält. Vor allem aber müssen wir dafür kämpfen, Mumia jetzt aus dem Gefängnis zu holen und ihn nach Hause zu bringen! 

5. April 2015, Wadiya Jamal, geschrieben mit großem Stolz 

Übersetzung: Jürgen Heiser 

 

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Free Mumia Druck machen 

In: junge Welt online vom 08.04.2015 

 

Wadiya Jamal ruft dazu auf, die Verantwortlichen für die Haftsituation Mumia Abu-Jamals weiter unter Druck zu setzen, um die Türen für Besuche seiner Angehörigen, Freunde und Anwältinnen aufzustoßen. 

Außerdem muss zum Schutz Mumia Abu-Jamals dafür gesorgt werden, dass er umgehend durch Ärzte seines Vertrauens untersucht werden kann. Die am Ende dieser Spalte genannte Spendensammlung der Indiegogo-Kampagne dient diesem Zweck. 

  

Adressaten für Proteste 

  

Hauptverantwortliche Gefängnisbehörde von Pennsylvania 

John Wetzel, Secretary 

PA Department of Corrections 

1920 Technology Parkway 

Mechanicsburg, PA, USA Tel. 001 (717) 728-4109 

E-Mail: ra-crpadocsecretary@pa.gov 

  

Christopher Oppman 

Director of Health Care Services 

PA Department of Corrections Tel. 001 (717) 728-5309 

  

Staatsgefängnis SCI Mahanoy Frackville 

Gefängnisleitung Superintendent John Kerestes 

301 Morea Drive 

Frackville, PA 17932, USA Tel. 001 (570) 773-2158 

E-Mail: ra-contactdoc@pa.gov 

  

Chief Health Care Administrator Steinhardt Tel. 001 (570) 773-2158 

Englische Textvorschläge für Protestschreiben und -anrufe: 

https://linksunten.indymedia.org/de/node/139605 

  

Dringend notwendige Spenden für die medizinische Versorgung 

Online über die Spendenseite der Indiegogo-Kampagne möglich 

(Stand 7. April nach fünf Tagen: 16.126 US-Dollar) 

https://www.indiegogo.com/projects/mumia-abu-jamal-needs-medical-care-now 

  

  

Briefe und Karten an Mumia Abu-Jamal 

Mumia Abu-Jamal 

#AM 8335 

SCI Mahanoy 

301 Morea Drive 

Frackville, PA 17932, USA 

Zuschriften an Wadiya Jamal 

Wadiya Jamal 

PO Box 19404 

Kingsessing Station 

Philadelphia, Pa. 19143-9998, USA 

https://www.facebook.com/wadiya.jamal 

(jh) 

 

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»Hinrichtung durch die Hintertür«  

USA: Mumia Abu-Jamal trotz Lebensgefahr in Gefängnis zurückverlegt. Solidaritätsbewegung wirft Behörden Gefährdung seines Lebens vor 

In: junge Welt online vom 04.04.2015 

 

Wie das US-Fernsehprogramm »Democracy Now!« am Freitag auf seiner Internetseite berichtete, ist der politische Gefangene Mumia Abu-Jamal am Mittwoch abend (Ortszeit) trotz weiter bestehender Lebensgefahr aus der Intensivstation zurück in das Gefängnis verlegt worden. Den Berichten zufolge befindet er sich derzeit auf der Krankenstation des Gefängnisses SCI Mahanoy in Frackville, Nord-Pennsylvania. Wie schon Anfang der Woche, als Abu-Jamal nach einer plötzlichen Bewusstlosigkeit in ein öffentliches Krankenhaus in der Nähe des Gefängnisses, das Schuylkill Medical Center in Pottsville, überstellt worden war, erfuhren sowohl Angehörige als auch Verteidiger erst am Donnerstag mittag von seiner erneuten Verlegung. 

Der weltbekannte Journalist, dessen Kolumnen wöchentlich in der jungen Welt zu lesen sind, hatte einen diabetischen Schock erlitten, was unbehandelt Lebensgefahr bedeuten kann. In den Monaten zuvor war Abu-Jamal offenbar bereits einmal ohnmächtig geworden. Trotz dieses Vorfalls und trotz mehrerer Bluttests erkannte das Gefängniskrankenhaus offenbar nicht die schwere Diabetes, an der Abu-Jamal erkrankt zu sein scheint. 

Johanna Fernandez von Mumias Verteidigungsteam erklärte dazu: »Diese Krise macht deutlich, dass die Gesundheitsversorgung in amerikanischen Gefängnissen eine Menschenrechtsverletzung ist. Wäre er rechtzeitig behandelt worden, wäre diese Lage gar nicht erst eingetreten. Damit steht er leider absolut nicht allein.« In einer Telefonschaltung zu einer Solidaritätskundgebung, die am gestrigen Donnerstag in Berlin stattfand, sprach Suzanne Ross von der New Yorker »Free Mumia Coalition« von einer »Hinrichtung durch die Hintertür«. Sie rief dazu auf, bei den zuständigen Behörden mit Anrufen, Faxen und E-Mails zu protestieren. Wichtigster Adressat dabei sei Gefängnisleiter John Kerestes (Telefon: 001-717-728-2573 / E-Mail: ra-contactdoc@pa.gov

Mumia Abu-Jamal gehört zu den bekanntesten politischen Gefangenen weltweit. 

Er wurde 1981 in einem von Unregelmäßigkeiten überschatteten Prozess wegen Mordes an dem Polizisten Daniel Faulkner zum Tode verurteilt. Nach jahrelangen internationalen Protesten wurde das Urteil 2011 endgültig in eine lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt. Die Solidaritätsbewegung fordert seine Freilassung. (jW) 

 

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Mumia aus Klinik ins Gefängnis zurückverlegt 

In: junge Welt online vom 04.04.2015 

 

Frackville, Pennsylvania. Wie Noelle Hanrahan von Prison Radio am Karfreitag mitteilte, ist der US-amerikanische politische Gefangene Mumia Abu-Jamal am Mittwoch abend (Ortszeit) aus dem Krankenhaus wieder in das Staatsgefängnis SCI Mahanoy in Frackville zurückverlegt worden. Seine medizinische Versorgung solle künftig ausgerechnet von der Krankenstation des Gefängnisses geleistet werden, die seinen akuten Diabetes nicht erkannt und ihm falsche Medikamente verabreicht hatte, erklärte Hanrahan. Abu-Jamal war zuvor im Hospital von seinem jüngeren Bruder Bill Cook und seinem ältesten Sohn Jamal Hart besucht worden. Beide hatten nach ihren jeweils 30minütigen Besuchen mitgeteilt, Abu-Jamal sei mit Handschellen ans Bett gefesselt gewesen, habe »schwer geatmet und gezittert« und unter »Schmerzen und Durst« gelitten. Nach wie vor erlauben die Justizbehörden keine Besuche seiner Anwälte. Jürgen Heiser 

  

 

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