Bitterarme Kolonie  

Das Leben im „unabhängigen" Kosovo treibt Flüchtlinge nach Deutschland  

In: unsere zeit online vom 20.03.2015 

 

Das Kosovo hat mit 1,8 Millionen ungefähr so viele Einwohner wie Wien. 

Davon waren zuletzt 274 000 arbeitslos, etwa ein Drittel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. 

Das BIP liegt bei 6,8 Milliarden USDollar. 

Damit rangiert das Amselfeld zwischen Kirgistan und Guinea. Gut ein halbes Dutzend albanischer Mafiaclans nutzt das Kosovo als Drehscheibe für den europäischen Heroinhandel. 

Zudem grassiert der Krebs hier 16 Jahre nach dem Einsatz von Uranmunition durch NATO-Luftstreitkräfte wie nirgendwo sonst aud dem Balkan. 

Im Januar kam das Gerücht auf, jeder Asylbewerber in Deutschland erhalte 1 500 Euro Begrüßungsgeld. Die Mär verbreitete sich rasend schnell. Sie ist der Auslöser der aktuellen Fluchtwelle. 

So kamen 2 002 Menschen nach Österreich und 27 000 nach Deutschland. 

Die Kosovaren hofften, in jenen Ländern Hilfe zu bekommen, die 1999 ihre Heimat aus dem jugoslawischen Territorium wegbombten. Zynische Sprüche aus Berlin und Wien begleiten die nun folgenden Deportationen. 

Die genannten Städte und Brüssel haben nämlich kein ernsthaftes Interesse daran, den Kosovaren zu helfen. Das hat zwei maßgebliche Gründe. 

Offiziell hat das Kosovo eine eigene Verfassung, die alle Ethnien gleichberechtigt behandelt, eine Gerichtsbarkeit sowie ein Parlament, welches das Staatsoberhaupt wählt. Allerdings können alle politischen Entscheidungen von einer einzigen Person widerrufen werden: dem UNMIK-Kommissar. 

Dessen Behörde ist – ebenso wie die EU-Polizei- und Justizmission EULEX – seit jeher Korruptionsvorwürfen ausgesetzt. In 16 Jahren wurde daher nichts getan, um die Verwaltung vor Ort substanziell voranzubringen. 

Dann gibt es noch die NATO-geführte UN-Truppe KFOR. Gegenwärtig zählt sie 6 000 Soldaten, kann aber bei Bedarf auf über 50 000 Mann aufgestockt werden. Allein die USA unterhalten mit dem Camp Bondsteel bei Ferizaj eine Basis für bis zu 53 000 Mann. Hier soll sich ein CIA-Folterknast befinden. 

Dank der geostrategischen Lage bleibt die Basis auch nach dem Scheitern diverser Pipelines wichtig: Der Pachtvertrag für das Camp gilt 99 Jahre. Die Kolonie Kosovo bietet bessere Bedingungen für so einen Stützpunkt als eine souveräne Nation. 

Die politische Macht liegt tatsächlich in den Händen dieser Kolonialbehörden, auch in der Wirtschaft dominieren ausländische Konzerne. Hier gibt es Dörfer ohne asphaltierte Straßen – aber mit sauberen, aufgeputzten Filialen der österreichischen Raiffeisenbank International. Raiffeisen machte 2011 einen Profit von über 12 Millionen Euro in der bitterarmen Kolonie. 

Allein der ungeregelte Finanzspielplatz Kosovo muss daher erhalten bleiben. Das gelingt dann, wenn die kleine Bevölkerung auch im Zaum gehalten wird. Die Kolonialbehörden und Konzerne nutzen die ethnischen Spannungen in der Provinz und müssen sie gleichzeitig soweit eindämmen, dass ihre Geschäfte nicht gestört werden. 

Dabei hilft es, wenn die Arbeitslosen im Kosovo den Versprechen von einem besseren Leben im reichen Deutschland glauben. 

Zoran Sergievski 

 

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