Vater der Revolution  

Ein abenteuerlicher Lebensweg vom Schiffsjungen zum vietnamesischen Staatspräsidenten. Zum 125. Geburtstag Ho Chi Minhs  

Hellmut Kapfenberger 

In: junge Welt online vom 19.05.2015 

 

Es war der 2. September 1945. Ein landesweiter Aufstand, die Augustrevolution, hatte gerade dem ein halbes Jahrhundert zuvor errichteten französischen Kolonialregime in Vietnam ein Ende bereitet. Auf dem Ba-Dinh-Platz im Herzen Hanois verliest ein kleiner, hagerer Mittfünfziger mit fester Stimme von einer über Nacht eilends errichteten Tribüne herab einen von ihm selbst auf einem einfachen Stück Papier mit Maschine getippten Text, der in die Geschichte eingehen sollte: die Erklärung über die Unabhängigkeit der Demokratischen Republik Vietnam (DRV). Fast eine Million Menschen, Alte und Junge, Männer, Frauen und Kinder, Arbeiter, Bauern, Soldaten, buddhistische Geistliche, auch Angehörige des betuchten Bürgertums, aus allen Vierteln der Hauptstadt am Roten Fluss (Song Hong) und den umliegenden Provinzen zusammengeströmt. Sie alle sehen und hören zum ersten Mal jenen Mann, dessen Name Nguyen Ai Quoc vielen von ihnen schon lange bekannt oder gar vertraut gewesen ist. Nun steht er als Ho Chi Minh leibhaftig vor ihnen. 

Wer ist dieser unumstritten anerkannte Führer im antikolonialen Befreiungskampf seines Volkes? Wer ist jener Mann, dessen Wort jahrzehntelang und noch gut vier Jahre zuvor nur auf geheimen Wegen aus dem Ausland nach Vietnam hatte gelangen können und dennoch Millionen zu mobilisieren vermochte? Wer ist der, dessen Gedanken und Appelle per Mundpropaganda in die entferntesten Winkel des Landes getragen worden waren, von unerschrockenen Revolutionären meist in strengster Konspiration und unter Lebensgefahr? Wo kam er her, was für ein Elternhaus hatte er, was für ein Mensch war er? 

Historiker, Schriftsteller und Journalisten hätten schon damals gern hinter die Kulissen geschaut. Weder an jenem Tag, da er auf »seiner« ersten Massenkundgebung in seiner Heimat Geschichte schrieb, noch lange danach gab es eine Biographie mit dem Blick auf den Menschen Ho Chi Minh. 

Es gab sie nicht im Land seiner Väter, nicht im eigentlich bestens informierten kolonialen »Mutterland« Frankreich, nicht sonstwo in der Welt. Und dabei blieb es bis weit nach seinem Tod 1969. Der Grund war simpel: Viel Aufhebens von sich selbst zu machen, war seine Sache nie, und so blieb es bis an sein Lebensende. Überdies: Drei Jahrzehnte selbstgewählten und dann erzwungenen Exils hinterließen kaum Aufzeichnungen zur Person. Auch ein Tagebuch fehlt. 

Sollte es um sein Privatleben gehen, war Ho Chi Minh selbst gegenüber Kampf- und Weggefährten wenig gesprächig. Bernard B. Fall, französischer Historiker und ausgewiesener Vietnam-Experte, gelang es 1962 in einem Interview mit Ho Chi Minh in Hanoi ebenfalls nicht, dem Präsidenten Einzelheiten über dessen Leben zu entlocken. »Wissen Sie, ich bin ein alter Mann, und ein alter Mann behält seine kleinen Geheimnisse gern für sich«. Pierre Brocheux, emeritierter französischer Geschichtsprofessor, resümierte 2003 in seiner Ho-Chi-Minh-Biographie nach augenscheinlich intensiven Archivstudien an mehreren Orten, dass »gewisse Zeiträume im Leben dieser Person noch im dunkeln liegen und selbst heute noch Fragen zu dem Mann bleiben«. Diese Erfahrung musste bislang noch jeder machen, der Ho Chi Minhs Leben und Wirken möglichst lückenlos skizzieren wollte. 

Lebensstationen eines RevolutionärsWenn es je eine weltbekannte Persönlichkeit, einen Politiker und Staatsmann gab, dem ein ungewollt abenteuerliches Leben bescheinigt werden muss, dann diesem Mann der vielen Pseudonyme, Deck- und Tarnnamen, derer er sich über Jahrzehnte zu bedienen wusste – meist um Geheimpolizisten zu narren. Ho Chi Minh wurde am 19. 

Mai 1890 in einem Dorf der mittelvietnamesischen Provinz Nghe An unter dem Namen Nguyen Sinh Cung als Sohn patriotisch gesinnter Eltern mit revolutionärer Familientradition geboren. Vier Jahre nach der Geburt erwirbt der Vater einen Hochschulabschluss und muss, Beamter nun, Dienst am kaiserlichen Hof in Hue tun. 1900 stirbt die Mutter. Auf Wunsch des Vaters erhält der Zehnjährige nach konfuzianischer Tradition den Namen Nguyen Tat Thanh. Seit 1905 besucht Thanh das Gymnasium und nimmt in Hue illegale Kurierdienste für patriotische Gelehrte auf. 1909 wird der Vater Kreischef der Küstenprovinz Binh Dinh und damit Mandarin. 

Ende 1910, Anfang 1911 wird der jetzt 20jährige als »Aufrührer« der Schule verwiesen; er verlässt Hue in Richtung Saigon. Wenig später fällt der Vater wegen Volksnähe in Ungnade, wird aus dem Amt gejagt und verliert seinen Beamtenstatus sowie den Titel des Mandarins. Vermutlich gegen Ende des Jahres 1911 heuert Thanh als Küchenjunge unter dem Namen Ba an Bord eines französischen Frachters mit Kurs Marseille an. Es folgen mehrere Monate Schiffsreisen als Offiziersgehilfe und Stewart nach Afrika. Ab der zweiten Hälfte des Jahres 1913 hält er sich mit Gelegenheitsarbeiten in England über Wasser und ist Ende 1914 in Paris. Darauf folgt ein längerer USA-Aufenthalt, den Thanh ebenfalls mit Gelegenheitsarbeiten bestreitet. 

Nach Frankreich kehrt er sehr wahrscheinlich Ende 1917 unter dem Namen Nguyen Ai Quoc zurück. Hier nimmt er Kontakt zur Sozialistischen Partei (SFIO) auf; es ist der Beginn seiner politischen und journalistischen Arbeit. 1919 wird er Mitglied der SFIO und hat im Dezember 1920 einen Auftritt als Vertreter Indochinas auf dem 18. Parteikongress, wo er den Kolonialismus anklagt und zudem für den Beitritt der Partei zur Kommunistischen Internationale (KI) stimmt. Der Kongress ist die Geburtsstunde der Französischen KP und Nguyen Ai Quoc eines ihrer ersten Mitglieder. 

Seit langem von der Geheimpolizei Sûreté observiert, verlässt er etwa gegen Mitte des Jahres 1923 Frankreich in Richtung Sowjetunion, diesmal unter dem Namen Chen Vang. 1924 nimmt Nguyen Ai Quoc als offizieller Delegierter der FKP am V. KI-Kongress in Moskau teil und übt dort scharfe Kritik an den Kommunistischen Parteien der kolonialen »Mutterländer«. 

Fortan arbeitet er im KI-Apparat und als Journalist. Darüber hinaus studiert er an der Universität der Werktätigen des Ostens. Im Oktober 1924 geht sein Aufenthalt in der UdSSR zu Ende, als Ly Thuy landet er wahrscheinlich im Dezember des gleichen Jahres in Südchina (Kanton). Auch hier betätigt er sich als Journalist und nimmt Kontakt zur KP Chinas auf. 

Zur gleichen Zeit, jetzt unter dem Pseudonym Vuong, agitiert er unter emigrierten jungen vietnamesischen Patrioten. Im Juni 1925 erfolgt die Gründung einer Vereinigung der revolutionären Jugend Vietnams. Im Mai 1927 muss er China verlassen und kehrt nach Moskau zurück. In den Jahren 1927/28 hielt sich der fast 40jährige als KI-Beauftragter in Westeuropa auf und traf bei dieser Gelegenheit wahrscheinlich im Frühjahr 1928 Ernst Thälmann und Wilhelm Pieck in Berlin. 

Im Sommer desselben Jahres verlässt ein Schiff Neapel in Richtung Bangkok. 

An Bord der Mann, der sich nach der Ankunft »Vater Chinh« nennt. In der Hauptstadt des damaligen Siam betätigt er sich politisch unter ansässigen vietnamesischen Landsleuten und Thanh-Nien-Mitgliedern. 1929 erreicht er als vermeintlich chinesischer Geschäftsmann die britische Kronkolonie Hongkong. Im Oktober wird »Vater Chinh« für Unruhestiftung in Mittelvietnam verantwortlich gemacht und in Abwesenheit durch den kaiserlichen Gerichtshof in Vinh (Hauptort der Heimatprovinz) zum Tode verurteilt. Am 3. Februar 1930 gründet sich unter seiner Leitung in Hongkong die KP Vietnams (im Oktober erfolgt die Umbenennung in Indochinesische KP, IKP). Am 6. Juni 1931 verhaftet die britische Polizei den vermeintlichen chinesischen Geschäftsmann Tong Van So in Hongkong und klagt ihn an, »Agent Moskaus« zu sein. Etwa eineinhalb Jahre später organisieren Freunde seine Flucht nach Südchina, im Frühjahr 1934 begibt sich der KI-Beauftragte erneut nach Moskau. 

Dort studiert er als Linow an der Lenin-Universität, arbeitet weiterhin bei der KI und wirkt unter vietnamesischen Studenten des KI-Instituts für nationale und koloniale Fragen. Jahrelang verwehrt die KI ihm seinen Wunsch einer Rückkehr nach Asien. Erst im September 1938 verlässt er die sowjetische Hauptstadt in Richtung China, wo er als Politkommissar Hu Guang in Dienste der Roten Armee der KPCh agiert. 1941 endlich erreicht er nach 30 Jahren Exil über einen geheimen Dschungelpfad Vietnam. Eine Grotte in der Grenzprovinz Cao Bang wird zum Domizil von »Vater Thu« und Gefährten. Im Mai desselben Jahres wird unter Leitung des sich nun wieder den Namen Nguyen Ai Quoc gebenden KI-Beauftragten die Liga für die Unabhängigkeit Vietnams (Viet Minh) gegründet. Am 6. Juni ergeht ein zur Tarnung als »Brief aus dem Ausland« deklarierter Aufruf zur Aufstandsvorbereitung an die Bevölkerung. Neun Monate später bezieht der Viet-Minh-Chef sein Dschungelquartier in der Provinz Cao Bang, das zum Kern des künftigen Widerstandszentrums im Nordosten Vietnams (Viet Bac) werden wird. 

Am 13. August 1942 bricht ein vorgeblich blinder Mann, der sich Ho Chi Minh nennt, nach China auf. Sein Ziel: Kontakte knüpfen und Unterstützung für den Aufstand gewinnen. Doch nur wenige Tage später wird dieser Ho Chi Minh in der chinesischen Grenzprovinz Guangxi verhaftet, als Spion verdächtigt und für 13 Monate unter elendsten Bedingungen inhaftiert. 80 Tage Marsch in Ketten durch die Provinz und die »Bekanntschaft« mit 30 Kerkern fallen in diese Zeit. Anfang August 1944 darf er nach Vietnam zurückkehren, wo er im September wieder Cao Bang erreicht. 

Dort betreibt Ho Chi Minh intensive Aufstandsvorbereitungen. Am 13. August 1945 ergeht der Aufruf der IKP zum allgemeinem Aufstand gegen das französische Kolonialregime und gegen die seit Ende 1940 im Lande weilenden japanischen Besatzer. Knapp zwei Wochen später erreichen Ho Chi Minh und Gefährten das befreite Hanoi. Am 29. August erfolgt dann die Bildung einer provisorischen Koalitionsregierung, an deren Spitze Ho steht. 

Gut ein halbes Jahr später, am 2. März 1946, wählt die Nationalversammlung auf ihrer konstituierenden Sitzung Ho zum Präsidenten der Demokratischen Republik Vietnam (DRV). Nach Beginn des von den zurückgekehrten französischen Kolonialisten entfesselten Rückeroberungskrieges wird von Dezember 1946 bis Oktober 1954 das Widerstandszentrum im gebirgigen äußersten Nordosten Vietnams (Viet Bac) zum Refugium für die Führung des Landes. Bis zu seinem Tod am 2. 

September 1969 bleibt Ho Chi Minh Präsident der DRV mit Sitz in Hanoi. 

Unerschütterliche ÜberzeugungAls wissensdurstiger und patriotisch erzogener 21jähriger Schiffsjunge war er ausgezogen, um – wie er später sagte – in die westlichen Länder zu gelangen und zu sehen, wie sich starke und unabhängige Länder hatten herausbilden können. In die Heimat zurückgekehrt, so sein Vorsatz, werde er seinen Landsleuten helfen, die französischen Kolonialisten zu verjagen. 35 Jahre später wurde er mit der ehrenvollen Bürde betraut, in seiner Heimat das höchste Amt im Staate zu bekleiden. Ho Chi Minh blieb stets seiner Lebensmaxime treu. Sie hieß: Nicht ich bin wichtig. Führerhabitus, Prunk, Privilegien, Landesorden? In sämtlichen Lebensbeschreibungen Fehlanzeige. Wie kein anderer Großer seiner Zeit war er ein Mensch, der sich – wie Augenzeugenberichte und viele Bilddokumente belegen – nur inmitten seiner Landsleute sichtlich wohlfühlte. Er war eben einer, dem selbst der voreingenommene Chronist bescheinigen musste, nicht einfach mit dem Volk und für das Volk gelebt, sondern auch mit ihm gelitten zu haben. 

Ho Chi Minh machte sich national und international einen Namen, ohne durch herausragendes theoretisches Werk in Erscheinung getreten zu sein. Die beispiellosen Bedingungen des Befreiungs- und Unabhängigkeitskampfes Vietnams und seiner eigenen Existenz, ob im Exil oder in der Heimat, ließen dafür keinen Raum. Stützen konnte er sich auf fundiertes, durch praktische Erfahrungen untermauertes Wissen über Kapitalismus und Kolonialismus, auf einen scharfen analytischen Verstand und eine im Laufe der Jahrzehnte gereifte unerschütterliche Überzeugung. Wenngleich leidenschaftlicher Kämpfer gegen koloniales und imperialistisches Unrecht, so war Ho Chi Minh doch – wie auch prominente Stimmen von Gegners Seite bescheinigen – im reiferen Alter im Gegensatz zu seiner frühen Jugend jeglicher Hass fremd. Weder lebte noch predigte er ihn. Das galt trotz aller Verbrechen für Frankreich und das französische Volk ebenso wie später für die USA und die Menschen in den Vereinigten Staaten. 

»Liberté-Égalité-Fraternité« (Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit) war für ihn keine bloße Losung. Beseelt vom Gedanken an ein friedvolles Zusammenleben der Völker, an ein Leben des eigenen Volkes in Frieden und Glück wie an das Gute im Menschen überhaupt, blieb er sich in dieser Frage bis an sein Lebensende treu. 

Was auch immer sie dazu antreiben mag – seit Jahrzehnten orakeln bürgerliche Biographen, Historiker und andere Experten darüber, was Ho Chi Minh denn nun für ein Mensch gewesen sei. Einen »vietnamesischen Nationalisten und Kommunisten« machte der österreichische Historiker Professor Rolf Steininger in der Person Ho Chi Minhs aus. »War Ho Chi Minh mehr Kommunist oder mehr Patriot?« fragt der westdeutsche Autor Hans-Jörg Keller, um postwendend eine plausible Antwort zu geben: »Das ist eine westliche Frage(ein)stellung. Onkel Ho war Pragmatiker, dem es um die Befreiung seines Volkes ging. Gleichzeitig glaubte er an eine weltweite Solidarität der Unterdrückten und an eine zukünftige klassenlose Gesellschaft und nahm sensibel die Bedürfnisse der einzelnen Menschen wahr. Ganz in der Tradition des Konfuzianismus sah er sich gleichzeitig als Vorbild und Lehrer der Massen und lebte Tugenden wie Bescheidenheit, Demut, Bedürfnislosigkeit und Selbstdisziplin.« Bei aller Fragwürdigkeit der von manchen Schreibenden so beliebten Schubladenbewertung einer Persönlichkeit kann Ho Chi Minh nicht abgesprochen werden, aus Überzeugung Kommunist und Patriot im besten Sinne gewesen zu sein. 

Jeder kennt seinen NamenPersönlichkeiten des Auslands sparten in ihrer Erinnerung an Begegnungen mit Ho Chi Minh nicht mit Anerkennung und Bewunderung. Bertrand Earl of Russell, britischer Mathematiker und Logiker, Philosoph und Sozialkritiker, entschiedener Gegner des Vietnamkrieges der USA, der Atomrüstung und der 1968 erfolgten Intervention der Staaten des Warschauer Vertrags in die CSSR, äußerte 1969: »Präsident Ho Chi Minhs selbstloses Trachten nach Unabhängigkeit und Einheit Vietnams im Laufe von mehr als einem halben Jahrhundert hat ihn sowohl zum Vater der Nation als auch zu einem führenden Gestalter der nachkolonialen Welt gemacht.« 

Jean Sainteny, im Oktober 1945 von Frankreichs Präsident General Charles de Gaulle als Unterhändler mit dem Ziel nach Hanoi entsandt, Ho Chi Minh für einen vietnamesischen Staat unter französischen Kontrolle zu gewinnen, in den Folgejahren wiederholt dessen Verhandlungspartner und schließlich mit ihm so gut wie befreundet, schrieb bereits 1953: »Seit meiner ersten Begegnung mit Ho Chi Minh hatte ich den Eindruck, dass dieser asketische Mann, dessen Gesicht zugleich Intelligenz, Scharfsinn und List widerspiegelte, eine hervorragende Persönlichkeit sei. Seine umfassende Bildung, sein Wissen, seine unglaubliche Aktivität und seine Uneigennützigkeit hatten ihm bei der Bevölkerung außergewöhnliche Achtung und Beliebtheit eingetragen. Was er sprach und tat, seine ganze Haltung zeigten deutlich, dass er einer Gewaltlösung abgeneigt war. Es besteht kein Zweifel, dass er in dieser Periode den Vorsatz hatte, der Gandhi Indochinas zu werden.« 

Auf einer Pressekonferenz in Peking tat Indiens Premierminister Jawaharlal Nehru im Oktober 1954 nach einem offiziellen Besuch in Hanoi kund: »Ich hatte sehr freundschaftliche Gespräche mit Ho Chi Minh. (…) Es war mein erstes Treffen mit dem Präsidenten, und ich bin überzeugt, dass er Frieden will.« Auch wolle er, so Nehru, »trotz der jüngsten Geschichte Kontakte mit Frankreich aufrechterhalten«. 

Nikita Chruschtschow, nach Stalins Tod ab September 1953 Erster Sekretär des ZK der KPdSU, von 1958 bis 1964 Vorsitzender des UdSSR-Ministerrats, fand 1970 außergewöhnliche Worte der Würdigung: »Religiöse Menschen haben früher oft von heiligen Aposteln gesprochen. Durch die Art, wie Ho Chi Minh lebte und andere Menschen beeindruckte, war er einer dieser ›heiligen Apostel‹. Er war ein Apostel der Revolution. Ich werde nie den Ausdruck seiner Augen vergessen, wie sein Blick in einer besonderen Art von Aufrichtigkeit und Reinheit glänzte. Es war die Aufrichtigkeit eines unbestechlichen Kommunisten und die Reinheit eines Mannes, der der Sache im Grundsatz und in der Praxis treu ist. (…) Jedes seiner Worte schien seinen Glauben zu bekräftigen, dass alle Kommunisten Klassenbrüder sind und daher im Umgang miteinander aufrichtig und ehrlich sein müssen. Ho Chi Minh war wirklich eine ›Heiliger‹ des Kommunismus.« 

Auch manch einer auf gegnerischer Seite vermochte Ho Chi Minh gewissen Respekt nicht zu versagen. William Fulbright, einst Vorsitzender des außenpolitischen Ausschusses des US-Senats, urteilte 1966 nach elf Jahren intensiver Bemühungen Washingtons, in Südvietnam ein Staatsgebilde unter US-amerikanischer Kuratel dauerhaft zu etablieren: »Sogar heute, nach allem, was die USA getan haben, um die südvietnamesische Regierung zu stützen, gibt es nur einen Politiker, dessen Namen die Bauern überall in Vietnam kennen: Ho Chi Minh.« 

Ho Chi Minh ist von all jenen Menschen, die Taten dieses bescheidenen und aufrechten Mannes bewusst erlebt haben, nicht vergessen. Als beispielgebend sollen er und sein Vermächtnis den jüngeren Generationen der Linken nahegebracht werden. 

 

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940.000 Tonnen Bomben  

Im Frühjahr 1965 eröffneten die USA ihren Luftkrieg gegen den Norden Vietnams und entsandten Truppen in den Süden. 

Hellmut Kapfenberger 

In: junge Welt online vom 09.02.2015 

 

Im Morgengrauen des 7. Februar 1965 beginnt mit der »Operation Flaming Dart« (Operation Flammender Speer), was späterhin von vietnamesischer Seite als »Zerstörungskrieg« charakterisiert werden wird: der Angriff der USA aus der Luft und von See her auf den nördlichen Teil der infolge der »Augustrevolution« im Jahr 1945 gegründeten Demokratischen Republik Vietnam (DRV). Wenig später, am 6. März, folgt, was die Vereinigten Staaten zur direkten Kriegspartei nun auch im 1954 völkerrechtswidrig abgespaltenen Süden Vietnams macht. Im Hafen des zentralvietnamesischen Da Nang gehen als erste amerikanische Kampfeinheiten zwei Bataillone der Marineinfanterie an Land. Was hat Präsident Lyndon B. Johnson auf Drängen der Falken in Militär und Politik bewogen, die entsprechenden verhängnisvollen Befehle zu erteilen, die nichts weniger bedeuteten als den Übergang von immer massiverer Unterstützung des illegalen Saigoner Regimes zur offenen Aggression? 

1964 musste Washington zur Kenntnis nehmen, dass sein bisheriges, schon äußerst kostspieliges Agieren in Südvietnam nicht den erhofften Erfolg gebracht hatte und mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht bringen würde. 

Weder war es gelungen, das unter Bruch der Genfer Indochina-Abkommen von 1954 im Folgejahr als »Republik Vietnam« installierte Marionettenregime in der Südhälfte des Landes politisch zu stabilisieren (siehe jW-Thema vom 21.7.2014), noch hatte dem aus anfänglichem sporadischen Widerstand erwachsenen bewaffneten Befreiungskampf im Süden Einhalt geboten werden können. Entsprechende Strategiepapiere - der Collins-Plan, der unter Präsident John F. Kennedy als neues strategisches Spezialkriegskonzept erarbeitete Taylor-Staley-Plan von 1962/63 und schließlich ein gelegentlich »McNamara-Plan 1964/65« genanntes Papier - setzten zunächst auf eine hochgerüstete Saigoner Armee und deren Unterstützung durch amerikanische Militärberater. 

»Tongking-Zwischenfall«Ende 1964/Anfang 1965 befanden sich fast 24.000 Militärangehörige der USA als »Berater« in Südvietnam. Washington hatte sich den Krieg gegen Nordvietnam bis dahin bereits 3,6 Milliarden Dollar kosten lassen. Saigon waren zudem rund 1,2 Milliarden Dollar als direkte Finanzhilfe zugeflossen. Die Bilanz aber war ernüchternd. Die zahlenmäßig starken Truppen Saigons, inzwischen eine der bestausgerüsteten Armeen der Welt, waren den ihnen in den diversen Strategiepapieren zugedachten Aufgaben nicht gewachsen. Die stetig erstarkende Force Armée populaire de Libération (FAPL), die Volksbefreiungsstreitkräfte im Süden des Landes, inzwischen zunehmend personell und materiell vom Landesnorden unterstützt, erwiesen sich ihnen nicht nur moralisch überlegen. Die Militärstrategen und Politiker der USA aber sahen den Ausweg aus der verfahrenen Situation statt im einzig sinnvollen schrittweisen Abschied von ihrem Abenteuer in Indochina nur in direkter Intervention mit Waffengewalt, die bis dahin aus triftigen innen- und außenpolitischen Gründen unterlassen worden war. Im Klartext hieß das eben Einsatz von Kampftruppen im Süden und Luftschläge gegen den Norden. 

Der Entschluss dazu fußte auf teils schon Jahre vorher abgehaltenen Strategieberatungen und Planspielen. 1971 bekanntgewordenen Geheimdokumenten, den Pentagon Papers,¹ war zu entnehmen, dass schon Ende 1961 in Washington die Entsendung von Kampftruppen und Angriffe auf den Norden erörtert worden waren. So plädierten dafür Außenminister Dean Rusk und Verteidigungsminister Robert McNamara in einem Memorandum an Präsident Kennedy. Sie folgten damit den gleichlautenden Forderungen der Vereinigten Stabschefs, also der obersten Befehlshaber aller Teilstreitkräfte. Noch wagte man es aber nicht, den Norden offen zu attackieren. Vor intensiven Bemühungen, diesen Landesteil zu destabilisieren, schreckte man jedoch nicht zurück. So kam durch die Pentagon Papers auch ans Licht, dass die Bevölkerung Nordvietnams bereits seit Jahren Kommandoaktionen, Sabotage, Morden und anderen feindlichen Handlungen ausgesetzt war - unter amerikanischer Regie von südvietnamesischen Spezialkräften ausgeführt. 

Verteidigungsminister McNamara ließ später in seinen Memoiren² deutlich werden, dass schließlich mit direkten Provokationen der CIA und amerikanischer Militärs gezielt auf einen Luftkrieg gegen den Norden hingearbeitet worden ist. Anfang August 1964 erfand Washington den »Zwischenfall im Golf von Tongking« (siehe jW-Thema vom 31.7.2014). Der angebliche Angriff zweier Torpedoschnellboote der vietnamesischen Volksmarine am 4. August auf den provokatorisch im Golf vor Nordvietnams Küste operierenden US-Zerstörer »Maddox«, ein Vorfall, den es selbst nach McNamaras Zeugnis nie gab, diente als Vorwand für den jahrelangen Luftkrieg gegen Nordvietnam. Gestützt auf die ungeheuerliche Kriegslüge und eine so skrupellos erschwindelte Kongressresolution, flogen auf Befehl Johnsons am 5. August (Ortszeit) Maschinen zweier Flugzeugträger die ersten »64 Einsätze« gegen Gebiete im äußersten Süden Nordvietnams. Die Kongressresolution, so McNamara, kam »einer Kriegserklärung der Vereinigten Staaten an Vietnam gleich«. Auf sie habe sich die Johnson-Administration berufen, »um ihre militärischen Operationen in Vietnam von 1965 an als verfassungsmäßig zu rechtfertigen«. 

Gewaltige LuftstreitmachtVor Vietnams Küste bezog die im Pazifik operierende 7. US-Flotte Position. Zwischen August 1964 und Februar 1965 zogen die USA eine gewaltige Luftstreitmacht in Thailand, auf mehreren Flugzeugträgern, auf den Philippinen, in Japan auf dem südlichen Eiland Okinawa und den Hauptinseln zusammen. Sie wurde durch starke Fliegerkräfte in Südvietnam ergänzt. Das Strategic Air Command (Strategisches Luftkommando; SAC) verlegte achtstrahlige B-52-Bomber »Stratofortress« auf die Marianen-Insel Guam. In Washington meldete sich Exgeneral Curtis LeMay³ zu Wort. Er verlangte »eine anhaltende strategische Bombardierungskampagne gegen nordvietnamesische Städte, Binnen- und Seehäfen, die Schiffahrt und andere strategische Ziele«. Er forderte, »Nordvietnam in die Steinzeit zurückzubomben«. Es müsse »jede Fabrik, jede industrielle Basis zerstört« werden, und man dürfe »nicht innehalten, solange hier noch ein Stein auf dem anderen steht«. 

Nordvietnam stand in dieser Lage nicht allein. Im Januar 1965 verurteilte der Politische Beratende Ausschuss des Warschauer Vertrages die »gefährlichen Provokationen der USA«. Bereits im August 1964 hatte die UdSSR die USA darauf hingewiesen, dass sie eine schwere Verantwortung übernähmen. Jetzt, an eben jenem 7. Februar, traf eine vom Ministerratsvorsitzenden Alexej Kossygin geleitete sowjetische Delegation in Hanoi ein, der auch Vertreter des Generalstabs der Sowjetarmee angehörten. Die Gäste sicherten der politischen und militärischen Führung der DRV jede erforderliche Hilfe zu. Beide Seiten vereinbarten »Maßnahmen zur Festigung der Verteidigungsfähigkeit der DRV«. Einzelheiten wurden zunächst nicht bekannt. Bereits im April kam es in Moskau zu einer weiteren Beratung. Die Sowjetunion erklärte, dass sie im Falle eines Ersuchens der Regierung in Hanoi sowjetischen Bürgern, die »für die gerechte Sache des vietnamesischen Volkes und für die Erhaltung der sozialistischen Errungenschaften der Demokratischen Republik Vietnam kämpfen« wollen, die Ausreise dorthin gestatten werde. 

Im Mai/Juni 1965 kam DRV-Präsident Ho Chi Minh in China mit dem KPCh-Vorsitzenden Mao Tse Tung und anderen hohen chinesischen Funktionären zu vertraulichen Gesprächen zusammen. Vermutlich im Ergebnis dieser Treffen bildete die chinesische Führung 1965 eine militärische »Vietnam-Hilfsgruppe« und eine ministerielle »Gruppe zur Unterstützung Vietnams«. In den folgenden Jahren sollen angeblich etwa 80.000 Pioniere der chinesischen Volksbefreiungsarmee im hohen Norden Vietnams eingesetzt gewesen sein und zwei Flakdivisionen mit 15.000 Mann dort Stellung bezogen haben.⁴ Diese von 1995 stammenden Angaben aus chinesischer Quelle können als höchst unwahrscheinlich bezweifelt werden. Hatte doch Mao kurz nach Beginn der Bombenangriffe Anfang 1965 in einem Interview mit einem US-Journalisten ausdrücklich versichert, dass die »chinesischen Truppen nicht außerhalb der chinesischen Grenzen kämpfen« werden. Zudem besagte eine Vereinbarung zwischen Peking und Washington aus den frühen 60er Jahren, dass sich China nicht in den Vietnam-Krieg einmischen wolle und die USA bei möglichem Bodenkrieg gegen den Norden »nicht in das Territorium der Volksrepublik China einfallen werden«.⁵ 

Ab Anfang März bis Mitte 1965 konzentrierten sich die Luftangriffe, nun als »Operation Rolling Thunder« (Operation Rollender Donner), neben der südlichen Region Nordvietnams auch auf die weiter nördlich gelegenen Provinzen bis etwa 60 Kilometer südlich der Hauptstadt Hanoi. Parallel dazu begannen Schiffe der 7. Flotte mit dem massiven Beschuss der Küstengebiete. 

Im März wurde vom Pentagon der Einsatz von Napalmbomben gegen den Norden »freigegeben«. Im November dehnten die USA mit dem ersten Raketen- und Bombenangriff von Jagdbombern auf den für den Norden lebenswichtigen Hafen Hai Phong dann den Luftkrieg auf ganz Nordvietnam aus. Am 12. April 1966 wurde die südlichste DRV-Provinz Quang Binh zum Ziel des ersten B-52-Flächenbombardements. In der Folgezeit traf der verheerende Bombenkrieg mit einigen Unterbrechungen bis Ende 1972 den gesamten Norden. 

Das erfolgte in Kombination mit der Verminung der Häfen und Flussmündungen ganz Nordvietnams aus der Luft. In den Jahren 1965 bis 1972 gingen auf den Norden fast 940.000 Tonnen Bomben und Tausende Tonnen Granaten nieder. 

Sozialistische SolidaritätEs war das Verdienst der Sowjetunion und einiger anderer sozialistischer Staaten, dass neben effektivem Küstenschutz, der dem Aggressor erhebliche Verluste bescherte, schnell ein wirksames System der Luftverteidigung geschaffen werden konnte. Flugabwehrraketen, die ersten MiG-19-Jagdflugzeuge, denen MiG-21 folgten, Flugabwehrkanonen aller Kaliber und Flugabwehr-Maschinengewehre traten in Aktion. Den Soldaten standen überall gut ausgebildete Milizen und Selbstverteidigungseinheiten von Arbeitern und Bauern, Frauen und Jugendlichen zur Seite, die auch Fliegerabwehrkanonen mittleren Kalibers zu bedienen wussten. Wohl kamen die Waffensysteme und Mittel zur rechtzeitigen Flugzeugerfassung so wie die Militärspezialisten zur Unterweisung vietnamesischer Kräfte zum überwiegenden Teil aus der UdSSR, doch stand zum Beispiel auch die DDR nicht abseits. Sie kam der Bitte Hanois nach, Ausbildungshilfe zu leisten, Spezialisten für Aufbau und Organisation des Luftverteidigungssystems zu entsenden und setzte 1965 für den Einsatz vor Ort Berater nach Nordvietnam in Marsch, darunter Flugabwehrraketen-Spezialisten. Parallel dazu wurden vietnamesische Offiziere in der DDR ausgebildet. 

Nach Einschätzung westlicher Militärexperten verfügte die DRV nach kurzer Zeit über das zweitdichteste System der Luftverteidigung auf östlicher Seite, das dichteste befand sich in der DDR. US-amerikanische Piloten fürchteten nach eigenem Bekunden bald das »mörderische Feuer«, die »Hölle« an Nordvietnams Himmel, wie Gefangene gegenüber einheimischen und ausländischen Journalisten gestanden. »Die Bombardierung Nordvietnams war der gefährlichste Job, den ein Amerikaner in Vietnam ausüben konnte«, resümierte der britische Autor Jonathan Neale. »Auf 40 Einsätze (Flüge eines einzelnen Bombers) kam ein Abschuss.«⁶ Der Krieg gegen Nordvietnam kostete die USA nach vietnamesischen Angaben 3.243 Flugzeuge. 

Washington gestand nur 922 Verluste bei 304.000 Einsätzen von Jagdbombern und anderen Kampfflugzeugen sowie 2.380 Angriffen mit B-52-Bombern ein. 

Im Süden des geteilten Vietnams gingen die USA sofort sehr massiv zu Werke. 

Nach der Landung der ersten Marines-Bataillone in Da Nang am 6. März 1965 machten in südvietnamesischen Häfen in dichter Folge Truppen- und Waffentransporter fest. Bis Mitte Juli waren bereits mehr als 80.000 Soldaten herangeschafft worden. Noch 1965 trafen auch die ersten Truppen aus Südkorea sowie aus Thailand, Neuseeland, von den Philippinen und aus Australien, Mitgliedsländer des Südostasienvertrags SEATO, ein.⁷ Mit Beginn der Trockenzeit im November 1965 trat das Gros der US-amerikanischen Einheiten zusammen mit den anderen ausländischen Truppen und einigen hunderttausend Mann der Saigoner Armee in vielen Gebieten Südvietnams zur ersten Offensive an. Mitte November fand dabei, wie McNamara in seinen Memoiren vermerkt, im mittelvietnamesischen Raum »die erste große Schlacht zwischen Streitkräften der USA und Nordvietnams« statt. Trotz enormen Aufwands an Menschen und Material, massiver Artillerieschläge, erster B-52-Flächenbombardements sowie des Einsatzes von chemischen Kampfstoffen und Napalm war die verlustreiche Offensive quasi erfolglos geblieben und wurde im April 1966 abgebrochen. 

Endgültiges ScheiternMit Beginn der Trockenzeit 1966 begannen neue Offensivoperationen in mehreren Landesteilen, denen durchschlagende Erfolge ebenfalls versagt blieben. Anfang 1967 stand bereits eine US-amerikanische Streitmacht von 486.000 Mann im Süden. An ihrer Seite kämpften inzwischen rund 48.000 Südkoreaner, 2.200 Thailänder (1969 waren es dann mehr als 11.000) sowie über 11.000 Mann aus Australien, Neuseeland und von den Philippinen. Die finanziellen Aufwendungen der USA für den Krieg beliefen sich Ende jenes Jahres auf schon rund 35 Milliarden Dollar. Der Regierung in Saigon waren als direkte Finanzspritze rund 2,7 Milliarden zugeflossen. 

Im Laufe des Jahres tobte der Krieg im Süden mit unverminderter Härte weiter. Befreite Gebiete lagen im Bomben- und Granathagel. Bei »Säuberungsoperationen« in partisanen-»verseuchten« Gebieten wurden zahllose Dorfbewohner umgebracht. 

Unterdessen wurden die US-Truppen weiter verstärkt. Zu Beginn des Jahres 1968 befanden sich 536.000 Mann im Süden. Zusammen mit anderen ausländischen Truppen und der Saigoner Armee stand 1968 den FAPL und den Einheiten der Volksarmee der Demokratischen Republik eine auf das Modernste ausgerüstete Streitmacht von rund 1,2 Millionen Mann gegenüber. Die Ereignisse des Frühjahrs sollte dennoch für das Oberkommando in Saigon wie für die politische und militärische Führung in Washington zu traumatischen Erlebnissen führen. Mit Aufstandsaktionen der Bevölkerung in vielen Landesteilen verbunden, traten FAPL, Volksarmee, Partisanen und örtliche Kräfte zu einer landesweiten, allerdings verlustreichen »allgemeinen Offensive« an, in der Militärgeschichte als Tèt-Offensive bezeichnet. Sie erschütterte das ohnehin morsche Saigoner Regime in seinen Grundfesten. 

Saigon, Hue, Da Nang und die anderen großen Hafenstädte, zahlreiche Provinz- und Dutzende Kreisstädte wurden zeitgleich attackiert. Viele davon wurden zeitweilig von den Befreiungskräften kontrolliert. 

Johnson reagierte auf das militärische wie moralische Debakel noch einmal mit der Aufstockung der amerikanischen Truppen auf rund 550.000 Mann. Die hoffnungslose militärische Lage im Süden, große Verluste der eigenen Truppen an Menschen und Material, die ungebrochene Widerstandskraft des Nordens, eine politisch immer wichtiger werdende Antikriegsbewegung in den USA und geharnischter internationaler Protest veranlassten Johnson am 31. 

März, mit Blick auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen die partielle Einstellung der Bombenangriffe auf den Norden zu verkünden und Gespräche zwischen der nord- und der südvietnamesischen Regierung zuzulassen. So konnten am 12. Mai in Paris vorbereitende Konsultationen zwischen beiden Seiten für offizielle Friedensverhandlungen aufgenommen werden. Am 31. 

Oktober 1968 verkündete Johnson - es war seine letzte maßgebliche Amtshandlung - die Einstellung aller Feindseligkeiten gegen den Norden Vietnams. 

Wahlsieger Richard Nixon aber wollte keinen Frieden. Er verkündete am 14. 

Mai 1969 die »Vietnamisierung« des Krieges durch schrittweise Herauslösung der amerikanischen Bodentruppen und ausländischen Verbündeten. Wohl wurde in Paris inzwischen zäh verhandelt, doch im Süden tobte der Krieg mit massiver amerikanischer Luft- und Artillerieunterstützung unvermindert weiter. Weit von einem Erfolg der Vietnamisierungsstrategie entfernt, befahl Nixon im März 1972 noch einmal Bombardements gegen Nordvietnam. Am 16. April fielen B-52 über Hai Phong her, im Dezember folgte eine bis dahin beispiellose Bombardierung des gesamten Nordens. Dennoch: Washington konnte ein Abkommen über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam nicht mehr verhindern. Es wurde am 27. Januar 1973 in Paris unterzeichnet. Seine letzten 24.000 US-Militärs hatten sich zu verabschieden. Es sollte sich bitter rächen, dass man Saigon das Abkommen nach Kräften sabotieren ließ. Am 30. April 1975 war der Traum der USA, in Indochina eine antikommunistische Bastion bewahren zu können, endgültig ausgeträumt. 

Anmerkungen1 Dabei handelte es sich um eine Sammlung von Geheimakten, die Dr. Daniel Elsberg, ab 1964 Mitarbeiter in McNamaras Ministerium, insgeheim kopiert und aus Gewissensgründen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. 

2 Robert McNamara: Vietnam - Das Trauma einer Weltmacht, Spiegel Buchverlag, Hamburg 1996 

3 LeMay war von 1961 bis Februar 1965 Generalstabschef (Chief of Staff) der US Air Force; er galt als "Vater" des SAC und hatte ab Ende 1944 den Befehl im Luftkrieg mit strategischen B-29-Bombern gegen Japan. 

4 Pierre Brocheux: Ho Chi Minh - A Biography, Cambridge University Press, New York 2007 

5 Autorenkollektiv der UdSSR: Sozialistische Diplomatie, Staatsverlag der DDR, Berlin 1974 

6 Jonathan Neale: Der amerikanische Krieg - Vietnam 1960-1975, Atlantik Verlag/Neuer ISP-Verlag, Köln 2004 

7 An der Spitze der am 8. September 1954 in Manila gegründeten SEATO standen die USA, Großbritannien und Frankreich; zu den Mitgliedern gehörte auch Pakistan. 

Hellmut Kapfenberger ist Autor des Buchs Berlin-Bonn-Saigon-Hanoi. Zur Geschichte der deutsch-vietnamesischen Beziehungen. Verlag Wiljo Heinen, Berlin 2013, 510 Seiten, 19,80 Euro (auch im jW-Shop erhältlich). 

 

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Der Motor siegreicher Kämpfe 

Vor 85 Jahren wurde die Kommunistische Partei Vietnams gegründet  

Von Gerhard Feldbauer  

In: unsere zeit online vom 06.02.2015 

 

Oft müssen wir uns in dieser schweren Zeit mit den Ursachen von Niederlagen im revolutionären Kampf befassen. Bei Vietnam sind wir in der komfortablen Lage, die Faktoren einer siegreichen Revolution und ihrer Verteidigung darzulegen. 

Die entscheidende Bedingung dafür war am 3. Februar 1930 die Gründung einer kommunistischen Partei durch Ho Chi Minh, die auch 1989 und den folgenden Jahren nach der schweren Niederlage des Sozialismus in Europa und dem Verlust wichtiger Verbündeter allen Versuchen widerstand, den Weg der osteuropäischen „kommunistischen und Arbeiterparteien" zu gehen und den Pfad der Sozialdemokratie einzuschlagen. Die Partei Ho Chi Minhs und seiner Nachfolger hat sich nicht „gewendet" oder dem von bürgerlichen Reformisten gepredigten „Zeitgeist" angepasst. Während in Osteuropa die kommunistischen Parteien zerfielen, stieg die Mitgliederzahl der vietnamesischen in dieser Zeit um rund 500 000 auf 2,5 Millionen an. Der 85. 

Gründungstag der KPV sollte deshalb nicht nur historisch gewürdigt werden, sondern Anlass sein, darüber nachzudenken, was man heute von ihr lernen kann. 

Gründung und Wirken der KPV sind untrennbar mit der herausragenden Rolle Ho Chi Minhs verbunden und das über seinen Tod hinaus. Er war vor allem Leninist, aber das von echtem Schrot und Korn. Er entwickelte schöpferisch eine nationale Strategie, war ein Mann der revolutionären Praxis, der die Theorie beherrschte. Zu seinen herausragenden Fähigkeiten gehörte revolutionäre Geduld, die Kräfteverhältnisse real einzuschätzen, darunter auch die internationalen Faktoren. 

In den Auseinandersetzungen mit Frankreich nach der Gründung der Demokratischen Republik Vietnam 1945 ging er bis an die Grenze der Kompromissbereitschaft und war sogar bereit, die unabhängige DRV in der Französischen Union zu belassen. Als die USA 1954 die Genfer Indochina-Abkommen wie einen Fetzen Papier zerrissen, Südvietnam okkupierten und mit der Liquidierung des Sozialismus im Norden drohten, wollte eine starke Strömung in der Partei den bewaffneten Kampf im Süden sofort wieder aufnehmen. Ho Chi Minh mahnte zu Geduld und zum Abwarten. 

Ins internationale Rampenlicht war er bereits 1920 getreten, als er auf dem sozialistischen Parteitag in Tours als Delegierter der Emigranten der französischen Kolonien mit dem die Mehrheit stellenden linken Flügel für die Konstituierung der PCF und für ihre Aufnahme in die III. Internationale stimmte. Unter seiner Führung bewies die KP Vietnams von Anfang an, dass man die Mehrheit des Volkes in der revolutionären Aktion gewinnt und nicht erst begonnen werden kann, wenn diese zum Kampf bereit ist- was heute unter Linken eine weit verbreitete Illusion ist. 

Ho Chi Minhs erster Zirkel zur Vorbereitung der Parteigründung zählte 1925 ganze 20 Genossen. Mit ihnen bildete er in Kanton mit vietnamesischen Emigranten die Liga der Revolutionären Jugend Vietnams, die zum wichtigsten Vorläufer der KPV wurde. Als Vertreter der Komintern, in der er die Südostasien-Abteilung leitete, delegierte er Mitglieder der Jugendliga zum Studium nach Moskau an die Internationale Leninschule und an die kommunistische Universität der Völker des Ostens. Die Frage des bewaffneten Kampfes im Auge, aber auch an die Militärakademie der Roten Armee sowie an die während der Periode der Einheitsfront gemeinsam von der KP Chinas und der Guomindang gebildete militärische Lehranstalt Huang Pu bei Kanton, an der sowjetische Militärs Offiziere der Volksbefreiungsarmee wie auch der Truppen Chiang Kai-sheks ausbildeten. Diese Absolventen formieren später im Bauernaufstand von 1930 die Roten Garden, die die vietnamesischen Sowjets verteidigen. 

„Der revolutionäre Weg" Neben der organisatorischen Sammlung legte Ho Chi Minh großen Wert auf die ideologische Seite der Parteigründung. 

Dazu schrieb er 1926 die Schrift „Der revolutionäre Weg", in der er in volkstümlicher verständlicher Weise die politische und sozialökonomische Situation analysierte, die Klassenkräfte einschätzte und aufzeigte, dass die Volksmassen im nationalen Befreiungskampf eine revolutionäre Partei brauchten, deren Ideologie, um Erfolg zu haben wie in Russland, nur der Marxismus-Leninismus sein könne: So wie das Schiff nur fahren kann, „wenn ein sicherer Steuermann es steuert", der einen Kompass braucht. Über Auseinandersetzungen und Spaltungen – es entstanden, bedingt durch die koloniale Dreiteilung des Landes, drei regionale kommunistische Parteien – führte Ho Chi Minh am 3. Februar 1930 den Zusammenschluss in einer einheitlichen Kommunistischen Partei Vietnams herbei. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Kommunistische Internationale, die im Oktober 1929 eindringlich appellierte, die Trennung zu überwinden. 

Bereits ein halbes Jahr später bestand die junge Partei ihre erste große Bewährungsprobe. Im Ergebnis der ungeheuren sozialen Folgen der Weltwirtschaftskrise, in der über 100 000 Menschen verhungerten, bricht in Zentralvietnam spontan ein Bauernaufstand aus. Die KPV stellt sich an seine Spitze, schickt viele ihrer 1 828 Mitglieder an der Spitze von 500 Arbeitern zu den Aufständischen, die Sowjets bilden und 30 000 Mann Rote Garden aufstellen, die sich über ein Jahr gegen eine erdrückende Übermacht von 100 000 Mann der Kolonialtruppen verteidigen. Unter den Zehntausenden Aufständischen, die von der Kolonialsoldateska gemeuchelt werden, befindet sich ein Großteil der Parteimitglieder, fast die ganze Parteiführung mit Generalsekretär Tran Phu und dem Führer der Sowjets, ZK-Mitglied Nguyen Phong Sac. Ho Chi Minh, der im Oktober in Saigon die illegale Tagung des Zentralkomitees leitete, gelang es nach China zu fliehen. Er wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. 

Die Lehren dieser Massenbewegung werden zu einer entscheidenden Grundlage für den Sieg des bewaffneten Aufstandes in der Augustrevolution von 1945, aus der die DRV hervorgeht. 

Vor allem schmieden sie das unzerstörbare Bündnis der werktätigen Bauern mit der Arbeiterklasse. Befragt, warum sich die Partei an die Spitze eines zu dieser Zeit doch aussichtslosen Kampfes stellte, sagte Ho Chi Minh: Hätten wir die Bauern im Stich gelassen, hätten sie sich im weiteren Kampf niemals an unsere Seite gestellt. Ein weiterer Grundstein des erfolgreichen nationalen Befreiungskampfes, dessen Führung seit der Sowjetbewegung die Arbeiterklasse übernahm – wofür die KP-Gründung Grundlage war – wurde am 19. Mai 1941 die Bildung einer die verschiedenen Volksschichten zusammenschließenden Liga für die Unabhängigkeit Vietnams. 

Die Einheitsfront ging unter dem legendären Namen Viet Minh in die Geschichte ein. 

Unter Bruch geschlossener Verträge, welche die Unabhängigkeit der DRV anerkannten, fiel die französische Kolonialmacht 1946 erneut in Vietnam ein. Am Ende eines achtjährigen Widerstandskrieges stand der Sieg des vietnamesischen Volkes und seiner Volksarmee bei Dien Bien Phu. Während sich Paris aus Vietnam zurückzog, wollten die USA das Kolonialerbe Frankreichs antreten. Sie errichteten in Saigon ein Marionettenregime, schickten über eine halbe Million eigene Truppen, unterjochten den Süden und wollten ihre neokoloniale Herrschaft dann auf den Norden ausdehnen. 

Als Ho Chi Minh während des erbitterten Kampf gegen die US-Aggressoren im September 1969 starb, spekulierten seine Feinde, ohne diese Integrationsfigur könnten sie das Land nunmehr in die Knie zwingen. 

Es war ein Trugschluss. Ho war ein Kämpfer gewesen, der die Aufmerksamkeit der Massen nicht auf seine Person bezog, sondern auf die Partei lenkte. So hinterließ er kein Vakuum, sondern eine im Kampf gestählte Vorhut mit einem starken Führungskollektiv, das sein Werk fortsetzte und zum Sieg führte. 

Der 20-jährige Eroberungskrieg der USA endete am 30. April 1975 mit einer vernichtenden Niederlage. Das vietnamesische Volk siegte über die stärkste Militärmacht der westlichen Welt. Die große Hilfe des damals existierenden sozialistischen Lagers, darunter modernste konventionelle Waffen aus der UdSSR und Lieferungen aus der VR China, die weltweite Solidarität der Völker und ihrer Friedenskräfte, eingeschlossen die in den USA selbst, waren entscheidende Grundlagen dieses Sieges. Aber die letztlich ausschlaggebende Bedingung, dass diese Faktoren zur Geltung kommen konnten, bildete der nicht zu brechende Widerstandswille des Volkes, der in den Traditionen nationalen und antikolonialen Widerstandes wurzelte, die zu mobilisieren eine kommunistische Partei verstand, gegründet von ihrem legendären Führer Ho Chi Minh, die heute zu seinem Erbe steht. 

 

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