Akzeptable Offiziere 

Das »Römische Protokoll« vom 7. Dezember 1944 gliederte die italienische Partisanenarmee in Kommandostrukturen der Alliierten ein.  

Von Gerhard Feldbauer 

In: junge Welt online vom 06.12.2014 

 

Lange Zeit hatte das angloamerikanische Kommando in Italien es abgelehnt, offizielle Beziehungen zu den italienischen Partisanen aufzunehmen. Damit sollte vor allem einer Aufwertung der kommunistischen Garibaldi-Brigaden, die die Mehrheit in der Partisanenarmee stellten, vorgebeugt werden. 1944 wuchsen deren Verbände auf über 200.000 reguläre Kämpfer an und wurden zu einer den Verlauf der Kampfhandlungen in Italien entscheidend mitbestimmenden Kraft. Vom 28. Juli bis 3. August des Jahres hatten sie in der Emilia Romagna im Gebiet von Montefiorino auf dem strategisch wichtigen Apennin den Angriff von drei deutschen Divisionen auf ein befreites Gebiet zurückgeschlagen. Im November 1944 scheiterte ein weiterer Versuch des angloamerikanischen Oberkommandierenden in Italien, General Harold Alexander, die Partisanenverbände als einen militärischen Faktor auszuschalten. In einer Rundfunkbotschaft forderte er, diese sollten ihre offensiven Kampfhandlungen einstellen und die festen Verbände und Standorte auflösen. Das wäre einer Selbstliquidierung der Partisanenarmee gleichgekommen. Die italienische Historikerin Sophie G. Alf schrieb: »Diese Rundfunkbotschaft, die auch von den Deutschen abgehört werden konnte, brachte die Widerstandsbewegung in große Gefahr. Das lag wahrscheinlich durchaus in der Absicht der Alliierten, die gemäß der Logik: ›in that way, let them kill as many as possible‹ die Dezimierung der fortschrittlichsten Antifaschisten in ihre Rechnung einbezogen.« Denn, so Alf weiter, »der Stillstand der Front entlang der ›gotischen Linie‹ (zwischen Pisa und Rimini quer durch Mittelitalien) und die nachlassenden Kampfanstrengungen der Alliierten setzten die italienischen Partisanen in verstärktem Maße dem Terror und der Repression der Deutschen aus, die auch die Zivilbevölkerung nicht verschonten«. 

Partisanenregierung 

Die Partisanenverbände lehnten das hinterlistige Ansinnen nicht nur ab, sondern stärkten ihre Positionen, was die angloamerikanischen Militärs zwang, den Vorschlägen des Nationalen Befreiungskomitees (Comitato di Liberazione Nazionale – CLN) zuzustimmen, offizielle Beziehungen mit dem Generalkommando der Partisanen aufzunehmen und in Rom eine Abordnung zu Verhandlungen darüber zu empfangen. Die alliierte Delegation leitete General Maitland Wilson, die Abordnung des Generalkommandos der Partisanen, das keinen Leiter benannte, bestand aus Ferruccio Parri (Aktionspartei – PdA), Giancarlo Pajetta (Kommunistische Partei – IKP), Alfredo Pizzoni (parteilos, Leiter des Nationalen Befreiungskomitees für Norditalien – CLNAI) und Edgardo Sogno (Monarchisten). Zunächst hatte Wilson versucht, die Vertreter der IKP und der PdA von der Teilnahme an den Gesprächen auszuschließen und nur Pizzoni und Sogno zu den Verhandlungen zu empfangen. Als die Leitung des CLN das ablehnte, gab er nach. Das Ergebnis der Verhandlungen, das »Römische Protokoll«, wurde am 7. Dezember 1944 unterzeichnet. 

Ein wichtiges und für das CLN und das Partisanenkommando positives Ergebnis war, dass im »Römischen Protokoll« das CLNAI als Organ der Regierung mit allen entsprechenden Vollmachten anerkannt wurde. Es bildete die Grundlage für CLNAI-Komitees in den von den Partisanen befreiten Städten Norditaliens, die fortan sofort als Regierungsorgane anzusehen waren. In Mailand trat am 25. April, noch während der Kämpfe um die Befreiung der Stadt, die Vollversammlung des CLNAI zusammen. Es übernahm die zivilen und militärischen Machtbefugnisse, erklärte den Ausnahmezustand, richtete Kriegsgerichte ein, erließ dazu Justizdekrete und forderte in einem Ultimatum alle italienischen Faschisten auf, bedingungslos zu kapitulieren. Die Justizdekrete bildeten die gesetzliche Grundlage für die Erschießung von insgesamt 1.732 Faschisten, die der Aufforderung, die Waffen niederzulegen und sich zu ergeben, nicht nachkamen. Darunter fiel auch am 28. April 1945 die Vollstreckung des über Mussolini verhängten Todesurteils. 

Das Wirken der CLNAI-Komitees als Regierungsorgane beschränkte sich dann jedoch auf wenige Monate, oft auch nur Wochen. Denn in dem Protokoll stimmte das Generalkommando zu, »sämtliche Weisungen des Oberkommandierenden der alliierten Streitkräfte in Italien auszuführen« und an seine Spitze einen »akzeptablen Offizier« zu stellen. Man einigte sich auf General Raffaele Cardorna. Er hatte als Befehlshaber eines Armeekorps am 8. September 1943 Widerstand gegen die deutschen Truppen geleistet, dabei mit Luigi Longo zusammengewirkt und Waffen an die ersten Partisanen der IKP ausgegeben, die mit seinen Soldaten ins Gefecht zogen. Er arbeitete mit dem CLNAI zusammen und wurde als »Beauftragter der Regierung für Norditalien« bezeichnet. 

Entwaffnung 

Das CLNAI verpflichtete sich weiter, in den von den Partisanen besetzten Gebieten »sämtliche provisorisch übernommene Autorität und Gewalt« nach dem Einrücken der alliierten Truppen deren Militärregierung (Allied Military Government of Occupied Territory) zu übertragen. Nach Abzug der Deutschen sollten alle bewaffneten Einheiten direkt dem alliierten Kommando unterstellt werden sowie jegliche Weisungen ausgeführt werden, einschließlich solcher »zur Auflösung oder Übergabe der Waffen«. 

Als es auf der Sitzung des CLNAI am 12. Januar um die Zustimmung zum »Römischen Protokoll« ging, sprach sich Sandro Pertini von der sozialistischen Partei (ISP) dagegen aus und nannte es »eine Unterwerfung unter die britische Politik«. Er sicherte jedoch zu, diese Meinung nicht öffentlich zu vertreten. Die IKP stimmte mit der Begründung zu, dass es andernfalls zu einer Spaltung des CLN wie auch des CLNAI gekommen wäre, was sich auf die Partisanenarmee ausgewirkt und das Ende des Kampfes gegen die Hitlerwehrmacht verzögert hätte. Das CLNAI stimmte dem Protokoll schließlich auf der Grundlage eines Vorschlages von Pajetta zu, eine Demobilisierung der Partisanen nur unter der Bedingung durchzuführen, dass die Partisanen in »reguläre Streitkräfte« eingegliedert würden. Äußerungen Longos ist zu entnehmen, dass die IKP darauf setzte, die Alliierten durch den bewaffneten Aufstand vor vollendete Tatsachen zu stellen und zu erreichen, dass die Partisanenverbände in ein Volksheer übernommen würden. Im Verlaufe des Aufstandes, der mit einem Generalstreik dann am 18. April begann, wurden über 200 Städte befreit. 

IKP und ISP mögen sich bei ihrer Zustimmung auf ein Ereignis gestützt haben, das sich in Florenz zugetragen hatte. Die Stadt wurde am 11. August 1944 bereits vier Wochen vor dem Eintreffen der alliierten Truppen von Partisanen befreit. Das CLN setzte den Sozialisten Gaetano Pieraccini als Bürgermeister ein. Nachdem die Alliierten eingetroffen waren, empfing er sie in seinem Amtssitz im Palazzo Vecchio. Als sie ihn ablösen und einen von ihnen ernannten Bürgermeister einsetzen wollten, entgegnete er: »In diesen Palast bin ich eingezogen, als die Deutschen vor der Tür standen; aus diesem Palast werdet ihr mich nur mit Bajonetten verjagen.« Die Alliierten gaben nach. 

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Die Resistenza-Verbände 

In: junge Welt online vom 06.12.2014 

 

Als die Hitlerwehrmacht nach dem Ausscheiden Italiens aus der faschistischen Achse am 8. September 1943 Nord- und Mittelitalien besetzte, begann die kommunistische Partei Italiens (IKP) noch am selben Tag, Partisaneneinheiten aufzustellen. Am Abend zogen kommunistische Partisanen an der Porta San Paolo im Zentrum von Rom in den Kampf, zusammen mit italienischen Soldaten, die der Wehrmacht Widerstand leisteten. Die Partisanentruppen wuchsen zu einer schlagkräftigen, nach regulären militärischen Grundsätzen aufgebauten Armee an. An ihre Spitze berief das Nationale Befreiungskomitee (CLN) als gleichberechtigte Befehlshaber Luigi Longo von der IKP und Sandro Pertini von der sozialistischen Partei Italiens (ISP). Im November 1943 wurde ein Generalkommando gebildet, dem alle Einheiten unterstellt wurden. Es nahm seinen illegalen Sitz in Mailand ein. Das Kommando verfügte über einen Aufklärungs- und Sicherheitsdienst, eine Militärgerichtsbarkeit und ein Polizeikorps. Bereits Anfang 1944 führten die Partisanen in den besetzten Gebieten Operationen durch, gegen die die Wehrmacht 15 Divisionen einsetzen musste. In der Endphase des Befreiungskrieges zählte die Partisanenarmee 256.000 Mann, von denen die IKP mit ihren Garibaldi-Brigaden 155.000 Kämpfer stellte. Mit der Zustimmung zur Abgabe der Waffen gab die IKP jedoch im Frühsommer 1945 diese starke Position aus der Hand und konnte danach ihre Forderung nach Aufnahme der Partisanenverbände in die republikanischen Streitkräfte nicht durchzusetzen. 

Gerhard Feldbauer 

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