Kriminell besetzte Zone 

Reinhard Lauterbachs Buch über den Ukraine-Konflikt.  

Von Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 04.12.2014 

 

Der Legende nach entstand die jüngste Protestbewegung in Kiew durch den 32jährigen ukrainischen Journalisten Mustafa Najem, der am 21. November 2013 auf Facebook nach der Absage des damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch an die EU postete: »Ich gehe auf den Maidan. Wer kommt mit?« Dann kamen einfach alle, und Russland begann einen Krieg. 

Reinhard Lauterbach kann mit dieser Halluzination wenig anfangen wie schon der Titel seines Buches »Bürgerkrieg in der Ukraine. Geschichte, Hintergründe, Beteiligte« besagt. jW-Leser wissen, dass er als Augenzeuge und ständiger Beobachter aufklärerisch, auf Tatsachen bestehend die Ereignisse in der Ukraine vor allem in dieser Zeitung wiedergibt. Der Historiker und Slawist verfügt, das zeigt sein Buch, außerdem über ein profundes Wissen der regionalen Geschichte, die er in den ersten vier Kapiteln skizziert. Dabei dreht sich viel um die Frage, seit wann es die Ukraine als politisch-historisches Gebilde gegeben hat, ob eine Nationbildung überhaupt stattfand. Der Autor beantwortet das nicht eindeutig, umreißt aber das Problemfeld: Die inneren Gegensätze in diesem »Grenzland« haben viele Wurzeln. 

In Galizien – seit 1772 österreichisch, seit dem Ende des Ersten Weltkrieges polnisch – radikalisierte sich danach der ukrainische Nationalismus rasch unter Anlehnung an zwei Quellen: den italienischen Faschismus und dessen Anwendung auf die Situation der Ukrainer. Der Autor zitiert die Historikerin Franziska Bruder: »Im Prinzip nannten sich die ukrainischen Nationalisten nur deshalb nicht Faschisten, weil sie die ›Originalität‹ des ukrainischen Nationalismus betonen wollten.« Aus diesem Milieu ging der Kollaborateur von Nazis, Briten, USA und BND Stepan Bandera (1909–1959) hervor. Bei Lauterbach ist zu erfahren, dass das bayerische Innenministerium auch 55 Jahre nach der Ermordung des in der Westukraine seit Jahren mit Denkmälern geehrten »Helden« »weiterhin erhebliche Teile der Vorgänge zu Bandera (…) unter Verschluss« hält. 

Die hierzulande als geheim behandelte frühere Zusammenarbeit von Ukraine-Faschisten und westlichen Diensten war auf dem Maidan im Herbst 2013 offenbar wieder lebendig. Lauterbach hält unter dem Titel »›Regime Change‹ in Aktion« fest: Der den Maidan einberufende Journalist war Mitarbeiter eines westlich gesponserten Nachrichtenportals und gründete einen Tag nach seinem Aufruf einen Fernsehsender, der zunächst sein Programm allein mit Live-Übertragungen vom Protest gestaltete. Die Stiftung des US-Milliardärs Georges Soros, die Botschaften der Niederlande und der USA in Kiew sowie unbekannte Privatleuten kamen für die Kosten auf. Lauterbach: »Die mediale Begleitung der Proteste von Anfang an kam aus einer Hand.« Dafür, dass der Euro-Maidan »keine spontane Erfindung zusammengeströmter Zivilgesellschafter« gewesen sei, spreche schon der Augenschein: die olivgrünen Steilwandzelte, die den Aktivisten Nachtquartiere boten, »waren nicht von der Sorte, die der Campingfreund im Keller liegen hat.« Die Demonstrationstechnik des Maidan gehe auf eine Aktion nationalistischer Studenten im Herbst 1990 zurück, darunter spätere rechte Führer des Euro-Maidan. Diese Technik setze nicht auf bestimmte Forderungen, sondern darauf, »auf einem bestimmten kontrollierten Territorium keine abweichenden politischen Äußerungen zuzulassen«. Das Herunterprügeln von Gewerkschaftern, Feministinnen und Linken vom Maidan sei kein Ausrutscher, die »friedliche Demonstration« vielmehr so »friedlich wie die ›national befreiten Zonen‹ deutscher Nazis in ostdeutschen Kleinstädten«. Das Kapitel »Eine Wegwerfgegend wehrt sich« enthält eine Aufstandschronik des Donbass, der abschließende »Ausblick« bilanziert den Versuch, aus der Ukraine eine kriminell besetzte Zone zu machen. Alles deute auf einen langfristig angelegten Krieg niedriger Intensität. US-Präsident Barack Obama werde seinem Nachfolger »ein geostrategisches Sprungbrett im Süden Osteuropas und einen jederzeit eskalierbaren Regionalkonflikt« hinterlassen. Keine schönen Aussichten, aber die sind auch nicht Sache eines Anatomen. 

n Reinhard Lauterbach: Bürgerkrieg in der Ukraine. Geschichte, Hintergründe, Beteiligt. edition berolina, Berlin 2014, 157 Seiten, 9,99 Euro, ISBN 978-3-95841-001-5 

Der Autor stellt sein Buch am heutigen Donnerstag um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie vor (Torstraße 6, 10119 Berlin) 

___________________ 

 

Überholt und doch aktuell  

Ralf Rudolph und Uwe Markus über Russlands neue Militärpolitik.  

Von Reinhard Lauterbach 

In: junge Welt online vom 01.12.2014 

 

Dieses Buch ist heute schon überholt. Die Entwicklungen, die mit dem Euromaidan in der Ukraine einsetzten, sind noch nicht berücksichtigt, ebensowenig das westliche Sanktionsregime gegen Russland. Jedes Buch hat einen Redaktionsschluss, und bei diesem lag er offenbar im Sommer 2013. 

Dass es nicht den aktuellen Stand abbildet, ist trotzdem kein Argument, dieses Buch nicht zu lesen. Denn was die Autoren Ralf Rudolph und Uwe Markus ohne den Vorteil dessen, der weiß, wie es ausgegangen ist, an Entwicklungen etwa im russisch-ukrainischen Verhältnis zusammengetragen haben, lässt verstehen, dass es zwischen Moskau und Kiew irgendwann »krachen musste«. Auf die Spitze getrieben, könnte man sogar sagen: Aus Sicht dieses Buches erscheint der Umstand, dass der Westen die Maidan-Revolte gegen den zum Ausgleich mit Russland bereiten oder auch durch praktische Notwendigkeiten genötigten Präsidenten Wiktor Janukowitsch unterstützte, schon beinahe als Notbremse gegen ein in der längerfristigen Perspektive unaufhaltsam wachsendes Übergewicht Russlands im Verhältnis zu Kiew. Notbremse in dem Sinne, dass aus westlicher Sicht das Fenster der Gelegenheit, die Ukraine aus einer wachsenden finanziellen und industriepolitischen Abhängigkeit von Russland herauszubrechen, nicht mehr lange offen sein würde und dass der Bruch jetzt ins Werk gesetzt werden musste oder nicht mehr gelingen würde. Gleichzeitig zeigen Rudolph und Markus, wie die Ukraine ihrerseits, unabhängig davon, wer in Kiew gerade regierte, Russland schon lange mit ständigen kleinen Nadelstichen auf der Krim herausgefordert hatte, so dass man mit einiger Gewissheit vermuten kann, dass in Moskau die Pläne für eine Ausschaltung dieses Störpotentials schon geschmiedet waren, so dass sie im März 2014 nur aus der Schublade geholt zu werden brauchten. 

Die beiden Autoren, der eine ehemaliger Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR, der andere Politologe, wählen einen »Top-Down-Ansatz«. Sie fangen ganz global an: bei den US-amerikanischen Weltherrschaftskonzepten nach dem Ende der Sowjetunion, die die Ausweitung der NATO und den Bau immer neuer US-Stützpunkte immer dichter an den Grenzen Russlands vorsehen. Die Geschichte des Syrien-Konflikts wird ausführlich erörtert. Es zeigt sich, wie die Lieferung eines effizienten und modernen russischen Luftabwehrsystems an Damaskus womöglich die westlichen Pläne zur Einführung einer »Flugverbotszone« (welche Arroganz spricht schon aus diesem Begriff!) praktisch verhindert hat, genauso wie das von Moskau lancierte Abrüstungskonzept für Assads Chemiewaffen den schon geplanten Angriff der USA auf Syrien politisch unmöglich machte. Wer sich für die Geschichte der sowjetischen Peripherie seit 1990 und die Kämpfe um nie vorher und nie mehr danach ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gerückte Weltgegenden wie Berg-Karabach und Gorno-Badachschan interessiert, findet in diesem Buch eine Menge mit Fleiß zusammengetragenes Archivmaterial, das die Anschaffung des Buches schon allein als Nachschlagewerk über die Konflikte der postsowjetischen Welt lohnt. 

Erst nach mehr als der Hälfte ihrer Studie gehen die Autoren auf das ein, was laut Titel ihr eigentliches Thema ist: die russische Militärpolitik unter Wladimir Putin. Sie ziele darauf ab, jene nach Angaben der Autoren zehn bis fünfzehn Jahre Entwicklungsrückstand im weltweiten Rüstungswettlauf aufzuholen, die das Land durch die Perestroika und die Jelzin-Jahre erlitten habe. Militärfachleute werden hier eine Menge Material finden, das für den Laien schwer zu beurteilen ist, vieles wirkt wie aus Katalogen russischer Rüstungsfirmen abgeschrieben; spaßig ist aber die Geschichte, wie die Erprobung eines für die Lizenzfertigung vorgesehenen italienischen Gefechtsfahrzeugs im Winter 2012 in der Nähe von Moskau ausging: »Bei nur minus zehn Grad konnten die Motoren nicht mehr gestartet werden. (…) Bei minus 15 Grad fror die Hydraulik ein, die Heizungssysteme fielen aus. (…) Schon nach dem ersten Schuss der Kanone blieb der vom Boden aufgewirbelte Schnee an der Optik kleben, weil die Wischer überfordert waren. (…) Die Kampffahrzeuge, die das russische Militär in Lizenz bauen wollte, waren schließlich bei nur minus 20 Grad völlig kampfunfähig« (S. 229 f.). Die Erfahrungen der Wehrmacht 1941 lassen grüßen. Unter anderem diese Pleite soll dafür gesorgt haben, dass Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow, der die Armee betriebswirtschaftlich betrachtete und sie daher mit schon vorhandener westlicher Technik modernisieren wollte, entlassen wurde. 

Die Autoren äußern Zweifel daran, dass Russland es schaffen werde, das politische Programm, seine Streitkräfte auf ein den künftigen Auseinandersetzungen angemessenes Niveau zu bringen, in die Praxis umzusetzen. Sie begründen dies mit dem Paradox aller Reformen von oben: Wenn sie autoritär vorangetrieben werden, lähmen sie das autonome Mitdenken und die Kreativität, derer sie bedürfen, um zu gelingen. Andererseits hat der NATO-General Hans-Lothar Domröse vor kurzem im Deutschlandfunk den auf der Krim eingesetzten russischen Verbänden widerwillig bescheinigt, »verdammt schnell« gewesen zu sein. Insofern können auswärtige Patrioten Russlands aus diesem Buch trotz allem Hoffnung schöpfen; wer mit größerer emotionaler Distanz an es herangeht, findet eine Menge nützlicher Informationen zu einem Thema, das seine Aktualität behalten wird, ob es einem gefällt oder nicht. 

Ralf Rudolph/Uwe Markus: Renaissance einer Weltmacht. Russlands Militärreform und exterritoriale Militärstützpunkte. Mit zahlreichen Fotos und Karten, Phalanx Verlag, Berlin 2013, 337 S., 19,20 Euro  

(auch im jW-Shop erhältlich) 

___________________