Kirchenspaltung überwinden. Ketzer verbrennen. Vor 600 Jahren begann das Konzil von Konstanz 

Von Alexander Bahar 

In: junge Welt online vom 05.11.2014 

 

Heute:  

Sunnitischer Islam 

Der sunnitische Islam, das sind die »Ahl Al-Sunna Wal-Dschamaa« oder »Anhänger der Tradition und der Gemeinschaft«, die größte Fraktion unter den Muslimen, 70 bis 80 Prozent von ungefähr 1,6 Milliarden Menschen. Die »Tradition« oder »Sunna«, die ihnen ihren Namen gibt, das sind Lebenspraxis und Lehren des Propheten Mohammed und seiner Vertrauten, die der sunnitische Islam getreu zu repräsentieren und fortzuführen beansprucht. 

Nach Auffassung der Sunniten hatte der Prophet keine Anweisung hinterlassen, wer nach seinem Tod im Jahr 632 seine Nachfolge antreten sollte. Also bestimmten seine Gefährten unter sich den ersten der vier »rechtgeleiteten Kalifen«, Abu Bakr. Es folgten Omar und Uthman, der den Koran in Anordnung und Textbestand festlegte, schließlich Ali Ibn Abi Talib. Binnen weniger Jahrzehnte dehnte sich unter ihnen der Einflussbereich des Islam von der arabischen Halbinsel aus bis nach Nordafrika im Westen und Zentralasien im Osten. Nach dem Tod des Kalifen Ali wurde der sunnitische Islam unter nahezu allen großen muslimischen Staatsgebilden fortgeführt, von den Omaijaden über die Abbasiden und die Moghulreiche in Indien bis zu den Osmanen. 

Es war unter den Abbasiden, dass die sunnitische Orthodoxie Gestalt annahm. Sie stürzten 750 in einer Rebellion die Omaijaden-Dynastie in Damaskus, verlegten den Regierungssitz nach Bagdad und leiteten dort u.a. durch Gründung von Universitäten das »Goldene Zeitalter« des Islam ein. Zwei Jahrhunderte zuvor war Arabisch noch kaum geschrieben worden. Jetzt aber entstand eine reichhaltige arabische Literatur, wobei das vorrangige Interesse zunächst der Erklärung des Korans und der Erforschung der Frühzeit des Islam galt. Als maßgebliche Quelle über sie sehen die Sunniten sechs »zuverlässige« Sammlungen von »Ahadith« an, Plural von »Hadith«, das heißt Sprüchen des Propheten und seiner Gefährten, die für sie kanonischen Rang einnehmen. 

Aus der Analyse dieser Überlieferungen, aber auch anhand praktischer Beobachtungen zum Beispiel unter den Einwohnern von Medina, wo Mohammed die erste Gemeinde der Muslime gegründet hatte, leiteten die sunnitischen Rechtsgelehrten »Vorschriften« für die Gegenwart ab, in ihrer Gesamtheit die »Scharia«. Gebet, Fasten, Wallfahrt, die Weise, wie die Armensteuer zu entrichten ist, wie man sich kleidet und was man isst, im Grunde alles, was das Leben, ja den Tod betrifft, suchten sie nach dem Vorbild der ersten Muslime zu regeln und zu ordnen. Allerdings gelang ihnen das nur zum Teil. Tatsächlich bleibt die rekonstruierte Sunna durchtränkt von magischem und mittelalterlichem Denken, und die »echt islamische Kleiderordnung« zum Beispiel dürfte weit eher Gepflogenheiten der Abbasiden als der idealisierten Frühzeit widerspiegeln. Nicht zuletzt unterscheidet sich die so konservierte »Gesetzesreligion« grundsätzlich von der »charismatischen Bewegung« der Anfänge. 

Aber der sunnitische Islam hat auch die »Nahda« oder »Renaissance« Ende des neunzehnten Jahrhunderts hervorgebracht, als angesichts des Imperialismus die eigene Zukunft bedroht schien. Einflussreiche Gelehrte wie der Ägypter Mohammed Abduh glaubten, gerade mit Koran und Sunna den Schlüssel zu besitzen, die Menschheit in die Moderne zu führen, wenn man beide nur rational deute. Es gab kommunistische Muslime wie Mirsaid Sultan Galiew in Russland bzw. der frühen Sowjetunion, die im Islam eine revolutionäre Kraft gegen die europäische Vorherrschaft sahen. Solche Richtungen hatten bisher keine Chance, sich durchzusetzen. Statt dessen machen die reaktionärsten unter den Sunniten, die der Golfstaaten, mit Hilfe von Petrodollars ihren Einfluss geltend – und schüren eine gefährliche Konfrontation, den Konflikt mit den Schiiten.  

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»Die Muslime« gibt es nicht 

Wer »den Islam« kritisiert, stellt die falschen Fragen. Eine Replik auf Christian Baron 

Von Hannah Schultes und Sebastian Friedrich 

 

Christian Baron schrieb am 29. Oktober an dieser Stelle über »das linke Islam-Tabu«[1]. Sein Beitrag lässt einen mit vielen Fragezeichen zurück. Kann von einem linken Islam-Tabu die Rede sein, wenn doch seit etwa 15 Jahren innerhalb der Linken heftig darum gestritten wird, wie sich die Linke in Deutschland zum Islam verhalten soll? Hieß etwa die Beschneidungsdebatte nicht deshalb so, weil es sich um eine gesamtgesellschaftlich und auch innerhalb der Linken kontrovers geführte Auseinandersetzung handelte - oder war das alles Schein und in Wahrheit handelte es sich um einen Beschneidungskonsens? Ist es tatsächlich die Kritik an antimuslimischem Rassismus, der den strukturellen Rassismus stützt - oder ist es nicht viel mehr der strukturelle Rassismus, gerichtet gegen vermeintliche oder tatsächliche Muslime, der die antirassistische Kritik an ihm notwendig gemacht hat?  

In: Neues Deutschland online vom 07.11.2014 

Weiter unter:  

Hannah Schultes und Sebastian Friedrich sind Teil der Redaktion des Onlinemagazins kritisch-lesen.de[2] und arbeiten gemeinsam seit 2010 zu aktuellen Konjunkturen des Rassismus. 

Links: 

    1. http://www.neues-deutschland.de/artikel/950651.das-linke-islam-tabu.html
    2. http://kritisch-lesen.de/

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/951543.die-muslime-gibt-es-nicht.html 

 

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