Desertec gescheitert 

Das deutschdominierte Industriekonsortium Desertec wollte in der Sahara Strom für Europa und Afrika produzieren. Jetzt steht es vor dem Aus.  

Von Jörg Kronauer 

In: junge Welt online vom 13.10.2014 

 

In den höchsten Tönen ist es gelobt worden, als es 2009 gegründet wurde, jetzt aber steht es womöglich vor dem Aus: Anfang dieser Woche entscheidet sich in Rom die Zukunft des Erneuerbare-Energien-Projekts »Desertec«. Größere Dimensionen kann man sich für ein Industrievorhaben kaum vorstellen: Die Crème de la Crème der deutschen Wirtschaft war beteiligt, man sprach über Investitionen von bis zu 400 Milliarden Euro, die Bundeskanzlerin und die EU-Kommission lobten das Projekt. Kaum fünf Jahre später entscheidet der verbliebene Rest des einst so eindrucksvollen Industriekonsortiums »Dii GmbH« (Desertec Industrial Initiative), ob es zum Jahresende abgewickelt wird. 

Die Grundidee von Desertec ist bestechend einfach. Wenn man sich entschließt, wie es Berlin und die EU getan haben, den Anteil erneuerbarer Energien an der Energieversorgung zu erhöhen: Warum fördert man dann die Gewinnung etwa von Sonnenenergie ausgerechnet in Deutschland, dessen sonnenreichste Stadt Freiburg gerade einmal mickrige 1 700 Sonnenstunden im Jahr vorzuweisen hat? In der Sahara kann man bis zu 4 300 Stunden Sonne pro Jahr »ernten«. Das macht Solarprojekte erst wirklich lukrativ. Auch wer Windenergie abgreifen will, muss das nicht unbedingt auf deutschen Mittelgebirgshügeln tun: Das Sahara-Küstenplateau im äußersten Westen Afrikas gilt als windreichstes Gebiet in der näheren Umgebung Europas. Wieso zum Teufel also stellt man Sonnenkraftwerke und Windräder nicht dort auf und leitet den produzierten Strom mit Unterwasserkabeln nach Europa? Auf Initiative unter anderem des »Club of Rome« gründete sich im September 2003 ein Netzwerk aus Wissenschaftlern und Politikern namens »Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation« (TREC). Es hatte zum Ziel, die eventuelle Nutzung der nordafrikanischen Wüstengebiete als Produktionsstandort für die Versorgung Europas mit Ökoenergien zu prüfen. 

TREC hatte von Anfang an eine beachtliche deutsche Komponente. Rund ein Drittel der Mitglieder des Netzwerks kam aus der Bundesrepublik. Zwei wichtige Studien, die das Potential der erneuerbaren Energien in Nordafrika genau bestimmen und die Möglichkeit für den Aufbau von Stromleitungen nach Europa ausloteten, wurden vom Bundesumweltministerium bezahlt und vom »Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt« durchgeführt. Und als TREC bei der Analyse des Erneuerbare-Energien-Standorts Nordafrika zu einem positiven Ergebnis kam, da gründete sich aus dem Netzwerk heraus am 20. Januar 2009 zunächst die deutsche Desertec Foundation mit Sitz in Hamburg und schließlich am 30. Oktober 2009 die deutsch dominierte Dii GmbH. An dieser waren neben der Desertec Foundation Spitzenkonzerne wie E.on, RWE, die Deutsche Bank und Munich Re beteiligt. Das Konsortium mit Sitz in München machte sich umgehend daran, die Planungen für die Ökoenergieproduktion in Nordafrika unter deutscher Führung voranzutreiben. Bis zu 15 Prozent des europäischen Strombedarfs wollte man dort erzeugen. 

Mit Widerständen unterschiedlichster Art hat die Dii GmbH von Anfang an zu kämpfen gehabt. Das lag nicht zuletzt daran, dass sie mehr oder weniger als deutsches Projekt konzipiert war. Nordafrika wird traditionell von Frankreich als sein unmittelbares Interessengebiet betrachtet. Entsprechend verhandelten TREC-Vertreter im Jahr 2008 mit französischen Stellen, um im Rahmen der am 13. Juli 2008 gegründeten »Mittelmeerunion« der EU einen Solarplan zu erstellen. Dass Deutschland wenig später das Desertec-Projekt an sich zog, um die erwarteten Profite und den erhofften Einfluss ins eigene Land zu holen, das hat Reibungsverluste mit sich gebracht. Im Dezember 2010 gründete sich unter französischer Führung das Konsortium »MedGrid«, das sich ähnliche Ziele vornahm wie Desertec. Immerhin einigten sich die Dii GmbH und MedGrid am 24. November 2011 auf eine Erklärung über ihre künftige Kooperation. 

Dafür entstanden neue Probleme. Einige davon waren ökonomische. So hatten die Projektplaner damit gerechnet, dass der Erdgaspreis bis 2030 um 60 Prozent steigen und dadurch andere Energien attraktiver machen würde. Das verhindert bislang jedoch der US-amerikanische Fracking-Boom. Auch hatte 2009 niemand vorausgesehen, dass die Euro-Krise ab 2010 so richtig zuschlagen und die industrielle Entwicklung in den europäischen Krisenstaaten erheblich hemmen würde. Im EU-Durchschnitt bleibt die Stromnachfrage deutlich hinter den Erwartungen zurück. Weil gleichzeitig Staaten wie Deutschland, aber auch Spanien oder Italien die erneuerbaren Energien massiv mit Subventionen gefördert haben, ist ein Überangebot entstanden. So fließt mittlerweile zwar Strom durch ein Unterwasserkabel zwischen Spanien und Marokko – allerdings nicht aus Afrika nach Europa, sondern umgekehrt. Ein Grund dafür sind Probleme mit Spanien. Das Land, das selbst auf Solarenergie setzt – Andalusien etwa verzeichnet mehr als 3 000 Sonnenstunden im Jahr, beinahe doppelt so viel wie Freiburg –, hat kein gesteigertes Interesse daran, sich in Krisenzeiten und bei relativ schwacher Nachfrage auch noch profitschädliche Konkurrenz ins Land zu holen. Wegen all dieser Probleme machte sich bereits im vergangenen Sommer bei der Dii GmbH Untergangsstimmung breit. 

Hinzu kommen mittlerweile auch noch wachsende Bedenken wegen der – vorsichtig ausgedrückt – krisenhaften politischen Entwicklung in Nordafrika. Die Region wird von Managern kaum noch als stabiler Investitionsstandort eingestuft. Das alles hat der deutschen Industrie zunehmend die Lust auf Desertec verdorben. Siemens, Bosch, E.on und die HSH Nordbank sind längst ausgestiegen. Zwar ist zuletzt mit der »State Grid Corporation of China« (SGCC) der größte staatliche Stromversorger der Welt der Dii GmbH beigetreten. Aus deutscher Sicht hat das die Attraktivität des Projekts jedoch kaum erhöht: Schließlich sollte Desertec ja gerade deutschen Konzernen den Zugang zu profitablen Vorhaben in Nordafrika bahnen, nicht der chinesischen Konkurrenz. Ob angesichts dieser Umstände die Dii GmbH komplett abgewickelt wird oder in einer ausgedünnten Form fortbestehen kann, wird an diesem Montag oder Dienstag in Rom entschieden. Das eigentliche Desertec-Konzept, das vorsah, Europa mit Ökostrom aus Afrika zu versorgen, ist jedenfalls – zumindest vorläufig – gescheitert.  

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»INTEGRATIONS- UND GEOPOLITISCHES SCHLÜSSELPROJEKT« 

In: junge Welt online vom 13.10.2014 

 

Mit »Desertec« steht nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein politisches Projekt Berlins vor einem vorzeitigen Ende. Das Vorhaben dürfe »nicht bloß unter energie- und klimapolitischen Aspekten betrachtet werden«, erläuterten im Juli 2011 Oliver Gnad (»Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit«, GIZ) und Marcel Viëtor (»Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik«, DGAP) in der DGAP-Zeitschrift Internationale Politik: Die Idee, Nordafrika als Standort für die profitable Produktion von Ökoenergie durch deutsche Firmen zu nutzen, »sollte ... zugleich als ein integrations- und geopolitisches Schlüsselprojekt diskutiert werden«. Desertec habe »das Potential zum ›Grand Design‹, zu einer ›Mediterranen Solarunion‹ supranationalen Zuschnitts«. 

Wie das? Ganz einfach: »Wie seinerzeit die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl als integrationspolitischer Kern des im ökonomischen und politischen Wiederaufbau befindlichen Westeuropa, so könnte heute der grüne Energiesektor als Instrument zur Gestaltung gegenseitiger Abhängigkeiten der Länder diesseits und jenseits des Mittelmeers dienen«, fahren Gnad und Viëtor fort. Die »Green-Tech-Industrien in der EU« und die nordafrikanischen »Wachstumsgesellschaften« könnten »komparative technologische und geographische Vorteile zu gegenseitigem Gewinn nutzen, wenn sie ihre Energiepolitiken miteinander verflechten«. »Umfassende Wertschöpfungsketten mit lokalen Produktions- und Entwicklungsindustrien« könnten aufgebaut werden. Komme es auch zu Verbesserungen der Lebenssituation in Nordafrika, dann lasse sich sogar der »Migrationsdruck auf die EU« verringern. »Derart betrachtet, wird Desertec zum Schlüsselprojekt einer umfassenden Nachbarschaftspolitik«, heißt es weiter, es werde »zu einer gesamtgesellschaftlichen Gestaltungsaufgabe europäischen Ranges«. 

Wann, wenn nicht jetzt? »Die Gelegenheit könnte kaum günstiger sein«, schrieben die Autoren Gnad und Viëtor im Juli 2011: »Die Umbruchsituation in Nordafrika« eröffne Chancen, die Kooperation mit Europa neu zu gestalten. Und wer, wenn nicht wir? Desertec, von Anfang an deutsch dominiert, ist Teil des Berliner Versuchs, mit der Neugestaltung der Beziehungen zu Nordafrika einen stärkeren deutschen Einfluss dort durchzusetzen. Wahrscheinlich muss man in Kürze etwas genauer sagen: Desertec ist Teil dieses Versuchs gewesen. Dann nämlich, wenn die Dii GmbH, wie zu erwarten steht, wirklich abgewickelt wird. 

Jörg Kronauer  

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DESERTEC 

»Koloniale Praktiken« 

In: junge Welt online vom 13.10.2014 

Chakib Khelil, Energieminister Algeriens (Foto), nahm im Oktober 2009 kein Blatt vor den Mund. In Deutschland war die Dii GmbH in Gründung begriffen. Das Unternehmen hatte vor, Nordafrika – auch Algerien – als Produktionsstandort für Ökoenergien zu nutzen. Khelil klagte, manche EU-Staaten, darunter Deutschland, übten starken Druck auf die Länder Nordafrikas aus, sich mehr für europäische Produkte zu öffnen, unter anderem für die Solarenergiebranche. Seine Regierung sei damit nicht um jeden Preis einverstanden. »Wir wollen nicht, dass die Ausländer kommen, um ihre Kraftwerke bei uns zu installieren, und von uns verlangen, den Strom zu ihren Preisen zu kaufen«, erklärte der algerische Energieminister. Seine Beschwerde über das neokoloniale Gehabe der Desertec-Planer saß. 

Koloniale Praktiken hat selbst EU-Energiekommissar Günther Oettinger den Verantwortlichen von Desertec vorgeworfen. Das Projekt sei faktisch in Europa entwickelt worden, hielt Oettinger im Juni 2010 fest; den Menschen in Afrika aber habe man es nicht einmal näher vorgestellt: Dies sei schlicht »Kolonialstil«. Tatsächlich sind in Nordafrika immer wieder Bedenken gegenüber Desertec laut geworden. »In nahezu allen potentiellen Exportstaaten der arabischen Welt« bestehe »die Sorge vor neokolonialen Asymmetrien«, berichtete im Juli 2009 die »Stiftung Wissenschaft und Politik« (SWP): »Es wird befürchtet, dass vor allem europäische Unternehmen profitieren, während für den südlichen Mittelmeerraum letztlich nur überteuerter Solarstrom herausspringt.« Dies kann tatsächlich auch im Falle eines vorzeitigen Endes von Desertec geschehen. Um im Norden Afrikas Kraftwerke zu bauen, benötige man »kein Konstrukt« wie die Dii GmbH, erläuterte Gerhard Knies, der oft als »geistiger Vater« von Desertec bezeichnet wird, vergangene Woche in einem Interview: »Das können auch einzelne Projektkonsortien regeln.« Eben. (jk)  

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