Geld, Macht, Kriege  

Katar-Herrscher zu Besuch  

Klaus Fischer 

In: junge Welt online vom 18.09.2014 

 

Der Emir besucht einen seiner Investmentstandorte. Keinen allzu wichtigen aus seiner Sicht. Aber einen, wo Geld strategisch placiert wurde und Langzeitwirkung entfalten soll: Tamim Bin Hamad Al Thani, von Allah zum Alleinherrscher eines Salzfleckens namens Katar bestimmt, sucht Deutschland heim. Da läuft es nicht, wie gewünscht. Katar sei »erkennbar befremdet«, daß es hierzulande falsch wahrgenommen werde, zitierte das Handelsblatt einen Lobbyisten. Was ist da schiefgelaufen? 

Einiges. Das Gas- und Ölimperium der Al Thanis hatte sich bei den Kumpanen im Geiste die FIFA-Fußballweltmeisterschaft 2022 gekauft. Dieser Anfall von Größenwahn empörte nicht nur die versprengte antiimperialistische Linke Westeuropas. Er traf unbeabsichtigt ins Herz der mitteleuropäischen Konsum- und Spaßgesellschaft. Von Politik keine Ahnung, wenig Interesse an Wirtschaftszusammenhängen und null Bock auf gesellschaftliche Veränderungen spürt diese, nicht immer schweigende Mehrheit durchaus, wenn etwas nicht stimmt: Fußball in einer der heißesten Gegenden der Welt, die spinnen wohl. 

Den Medien blieb keine Wahl, sie nahmen sich des Themas an - und heraus kam Unappetitliches: »Gastarbeiter«, die wie Sklaven schuften mußten, um Fußball-Monumentalbauten aus der knochentrockenen Erde Katars zu stampfen, Bestechungsgelder, die an FIFA-Bonzen geflossen sind. Selbst eine Ikone des deutschen Fußballs wurde bei Einreise aus dem Emirat mit Luxusuhren im Gepäck erwischt, die der Betreffende am Zoll vorbeischmuggeln wollte. 

Solcherart Nachrichten werden von einem Großteil der Bevölkerung konsumiert - Sympathiewerbung geht anders. 

Ach ja, da sind noch die für Fußballkonsumenten weniger wichtigen Dinge: Katars Prinzengarde mit Milliarden-Dollar-Scheckheften steht als Strippenzieher bei der Rekrutierung und Ausrüstung islamistisch getarnter Mörderbanden am Pranger, Söldner, die Nachbarstaaten wie Syrien oder den Irak destabilisieren und in Nordafrika failed States produzieren. 

Das muß nicht automatisch ein schlechtes Verhältnis zu den Herrschenden in Deutschland bedeuten. Wenn Terroristenfinanziers auf Maidan-Faschistenversteher treffen, gibt es kaum grundlegende Meinungsverschiedenheiten. Einigendes Band ist das Machtstreben, der unbedingte Vorsatz, anderen ihren Willen aufzuzwingen - und dies dient letztlich dem Zweck, satte Profite für die Eliten zu sichern - bis in alle Ewigkeit. Der Emir hat ein gutes Verhältnis zu seinen Kompagnons bei VW - dem Porsche-Piëch-Clan. Auch ist die Sippe größter Einzelaktionär der Deutschen Bank. Und mit Kanzlerin Merkel kommt ohnehin jeder gut aus, der wie Deutschlands Regierende fest an der Leine Washingtons hängt. Nur scheint es gerade hierbei Aufklärungsbedarf zu geben. Katar beherbergt zwar das US-Oberkommando für den Nahen Osten. Aber besonders gehorsam waren die Scheichs zuletzt nicht. Da wird Frau Merkel womöglich einen Ordnungsruf ausstoßen, einen dezenten. 

 

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Merkel mit Emir Katars  

Staatsoberhaupt trifft sich mit Bundesregierung. Monarchie strebt Machtwechsel in Syrien an  

Karin Leukefeld 

In: junge Welt online vom 18.09.2014 

 

Der Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, Emir von Katar, hatte bei seinem Staatsbesuch in Berlin am Mittwoch ein volles Programm. So traf er sich insbesondere mit Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck. 

Die Regierung interessiert bei dem Treffen mit dem Emir insbesondere der staatliche Katar Investment Fonds, der über ein Vermögen von 170 Milliarden US-Dollar verfügt. In Deutschland ist der Golfstaat mit 17 Prozent an Volkswagen, mit knapp sechs Prozent an der Deutschen Bank sowie mit rund elf Prozent an Hochtief beteiligt. 

Politiker aller Parteien und Medien begleiteten den Besuch des Staatsoberhauptes, das erst im Juni 2013 von seinem Vater das Amt übernommen hatte, mit beißender Kritik. Tatsächlich unterscheidet sich das Emirat beim Umgang mit asiatischen Gastarbeitern auf Großbaustellen oder bei der Finanzierung von Kampfverbänden in Syrien und Irak nur unwesentlich von anderen Bündnispartnern der Bundesregierung im Mittleren Osten. 

Alle Staaten des Golfkooperationsrates, der sechs Länder der Arabischen Halbinsel umfaßt, sowie der NATO-Partner Türkei sind seit Beginn des sogenannten Arabischen Frühlings 2011 massiv an der Eskalation in der Region beteiligt. Ihr Handeln entspringt nationalen Machtinteressen, doch ihre westlichen Bündnispartner in den USA und Europa - auch in Berlin - haben sie dazu ermuntert und ihnen reichlich Waffen geliefert. In der Türkei überwachen Patriot-Abwehrraketensysteme aus Deutschland ein Gebiet, das dem »Islamischen Staat« (IS), der »Freien Syrischen Armee«, der »Islamischen Front«, der »Al-Nusra-Front« und anderen Brigaden als Aufmarschgebiet und Hinterland dient. 

Katar gehörte 2011 zu den führenden Kräften, die die Demonstrationen in Tunesien und Ägypten, in Libyen und Syrien nutzten, um der Muslimbruderschaft zum Sieg zu verhelfen. Beim Angriff auf Libyen half Katar mit Kampfjets und Waffenlieferungen an »Aufständische« in der Hafenstadt Bengasi. Der katarische Nachrichtensender Al-Dschasira fungierte quasi als Presseamt bewaffneter Gruppen, viele Journalisten verließen den Sender aus Protest. 

Das Engagement entsprach dem eigenen Interesse, da der Emir von Katar der Muslimbruderschaft zumindest nahesteht. Gleichzeitig wurden die Golfmonarchie und die Türkei vom Westen ermuntert, in den Wirren der Umbrüche eine führende Rolle zu übernehmen. Rasch erklärten Washington und Brüssel die Muslimbruderschaft in Ägypten zum neuen Bündnispartner, sofern - wie die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton erklärte - sie die Menschenrechte, »auch die der Frauen«, einhielten, und »die Sicherheit Israels gewährleisten« würde. Doha pumpte Geld nach Tunesien und Ägypten, um die Muslimbruderschaft zu stützen. 

Als der Vater des heutigen Emirs von Katar, Scheich Hamad Bin Khalife Al Thani, im Januar 2012 im Interview mit dem US-Sender CBS für den Einmarsch arabischer Truppen in Syrien plädierte, um »dem Blutvergießen ein Ende zu bereiten«, lieferten Transportmaschinen der katarischen Luftwaffe bereits tonnenweise Waffen an die Kampfverbände in Syrien. Eine Langzeitrecherche der New York Times, die im März 2013 veröffentlicht wurde, zeigte Katar an der Spitze der Waffenlieferanten, gefolgt von Saudi-Arabien, Jordanien und Kroatien, das kurze Zeit später im Juli als Mitgliedsstaat in die EU aufgenommen wurde. 

Nach dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi in Ägypten, der im Wesentlichen von Saudi-Arabien betrieben wurde, mußte Katar zurückrudern. Der Emir wurde ausgetauscht, Scheich Tamim reiste nach Riad und unterwarf sich. Erst vor wenigen Tagen gab Katar ein weiteres Mal nach und forderte führende Mitglieder der Muslimbruderschaft zur Ausreise auf, die dort Exil gefunden hatten. Die Türkei hat ihnen bereits Aufnahme zugesagt. 

Die Bereitschaft, sich an der von den USA geschmiedeten Allianz gegen die IS-Miliz zu beteiligen, ist für Katar und andere Staaten des Golfkooperationsrates die vorerst letzte Unterwerfung unter die US-Interessen in der Region. Arabische Staaten sollen nun im Kampf gegen IS Truppen und Luftwaffe einsetzen. Für Katar und die anderen Verbündeten Deutschlands in der Region - und für Berlin - könnte sich so ihr ursprüngliches Ziel doch noch erfüllen: »Regime Change« in Syrien. 

 

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Katar winkt Berlin mit Milliardenaufträgen 

Beim Besuch von Emir Tamim wurden die angekündigten kritischen Nachfragen wohl Beute der Petrodollars 

Von Roland Etzel 

 

Der Emir von Katar war am Mittwoch in Berlin zu Besuch. Im Gepäck hatte er einige Erklärungen zum Krieg in seiner Region und vor allem Milliardenversprechungen an Investitionen in Deutschland. 

Wenn ein Monarch vom Persischen Golf zum Staatsbesuch in Berlin erscheint, sind die Erwartungen hoch, ganz besonders bei den deutschen Wirtschaftsverbänden, und am höchsten, wenn es sich um den Repräsentanten Katars handelt. Das Emirat an der Ostküste Saudi-Arabiens besitzt als Staat auf Grund seiner gewaltigen Erdgas- und -öleinkünfte das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Region und und ist ständig auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten für seine Petrodollars. 

In: Neues Deutschland online vom 18.09.2014 

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Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/946317.katar-winkt-berlin-mit-milliardenauftraegen.html  

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Hohe Kunst der Schizophrenie 

Roland Etzel zum Besuch des Emirs von Katar in Deutschland 

Von Roland Etzel 

 

Vielleicht bemerken sie es gar nicht mehr, unsere höchsten Vertreter, wie selbstverständlich und locker sie uns ihre Schizophrenie offerieren. Und sie können sich immer noch steigern. So gab es beim Besuch des katarischen Emirs in Berlin gewissermaßen eine Lehrvorführung in der Disziplin Bewusstseinsspaltung. Gerade war man zurückgekehrt aus Frankreich, wo mit entschlossener Geste erklärt wurde, der Terrortruppe »Islamischer Staat« jetzt mit geballter Kraft die Stirn zu bieten. Nur zwei Tage später flocht man nun mit jenen Golfpotentaten Freundschaftsbande, die nicht wenig, wenn nicht sogar hauptsächlich für den dschihadistischen Aufwuchs in Irak und Syrien verantwortlich sind. 

In: Neues Deutschland online vom 18.09.2014 

Weiter unter:  

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/946347.hohe-kunst-der-schizophrenie.html 

 

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