Bündnispflicht erfüllt 

Der russische Präsident Wladimir Putin sprach am Freitag bei der Einweihung eines Denkmals für die gefallenen Soldaten Rußlands im Ersten Weltkrieg in Moskau: 

In: junge Welt online vom 04.08.2014 

 

An diesem Tag vor einem Jahrhundert war Rußland gezwungen, in den Ersten Weltkrieg zu ziehen. Heute weihen wir ein Denkmal für seine Helden ein - für die russischen Soldaten und Offiziere. Wir weihen dieses Denkmal auf dem Poklonnaja-Hügel ein, einer Stätte, die dankbare Erinnerung an den Ruhm russischen Militärs bewahrt und an alle, die in verschiedenen Zeitabschnitten der Geschichte unseres Landes seine Unabhängigkeit, Würde und Freiheit verteidigt haben. 

Ihren Ehrenplatz haben hier auch der Soldat des Ersten Weltkrieges und seine Kameraden. Vielen von ihnen fiel es zu, später im Großen Vaterländischen Krieg zu kämpfen. Diese erfahrenen Veteranen brachten das Beste in den jungen Kämpfern hervor und überlieferten ihnen die Traditionen militärischer Kameradschaft, Brüderlichkeit, die Traditionen militärischer Ehre. 

Im geistigen und moralischen Aufstieg unseres Volkes spielen auch heute die großartigen Werte der russischen Armee, die heldenhafte Erfahrung der Generation des Ersten Weltkrieges eine bedeutende Rolle. Sie durchschritten nicht nur lange die harten Erfahrungen des ersten globalen Weltkrieges, sondern auch die revolutionäre Umwälzung, den brudermörderischen Bürgerkrieg, der das Schicksal Rußlands zerriß. 

Ihre Heldentaten, ihre Opfer im Namen Rußlands schienen für lange Jahre in Vergessenheit geraten zu sein. Der Erste Weltkrieg selbst, den die gesamte Welt den Großen nennt, war aus der Geschichte unseres Landes gelöscht und einfach »imperialistisch« genannt worden. 

Heute stellen wir die historische Wahrheit über den Ersten Weltkrieg wieder her, und uns eröffnen sich ungezählte Beispiele persönlichen Mutes und militärischer Kunst, des wahren Patriotismus russischer Soldaten und Offiziere und der gesamten russischen Gesellschaft. Enthüllt wird die Rolle Rußlands selbst in dieser komplizierten, die Welt umwälzenden Zeit, besonders in der Vorkriegszeit. Das spiegelt deutlich einen bestimmten Charakterzug unseres Landes, unseres Volkes wider. 

Im Verlauf vieler Jahrhunderte stand Rußland für feste und vertrauensvolle Beziehungen zwischen den Staaten. So war es auch am Vorabend des Ersten Weltkrieges, als Rußland alles tat, um Europa zu überzeugen, eine friedliche, unblutige Lösung des Konflikts zwischen Serbien und Österreich-Ungarn zu finden. Aber Rußland wurde nicht gehört, und es hatte auf die Herausforderung zu antworten, indem es ein brüderliches slawisches Volk verteidigte und sich selbst, seine Bürger gegen die äußere Bedrohung schützte. 

Rußland erfüllte seine Bündnispflicht. Seine Offensiven gegen Ostpreußen und Galizien zerrissen die Pläne des Gegners, erlaubten es den Verbündeten, die Front zu halten und Paris zu verteidigen, zwangen den Feind, einen bedeutenden Teil seiner Streitkräfte nach Osten zu werfen, wo russische Truppen erbittert kämpften. Rußland konnte diesem Druck standhalten und ging dann zum Angriff über. Die ganze Welt hörte von der legendären Brussilow-Offensive. 

Aber dieser Sieg wurde unserem Land gestohlen. Gestohlen durch jene, die zur Niederlage des eigenen Vaterlandes und seiner Armee aufriefen, die innerhalb Rußlands Zwietracht säten, an die Macht strebten und die nationalen Interessen verrieten. 

Heute stellen wir die Verbindung der Zeiten wieder her, die Kontinuität unser Geschichte, in der die Heerführer des Ersten Weltkrieges und die Soldaten ihren würdigen Platz einnehmen (wie man bei uns im Volk sagt: »Lieber spät als nie«), in unseren Herzen ist das geheiligte Andenken an sie aufbewahrt, das sie sich zu Recht während des Ersten Weltkrieges erwarben. 

Das  muß fortgesetzt werden. Nötig sind eine breite aufklärerische Arbeit und seriöse Forschung in den Archiven. Sie erlaubt uns, die genauen Ursachen zu erkennen, den Verlauf dieses Krieges zu rekonstruieren, Namenslisten seiner Teilnehmer aufzustellen, damit jüngere Generationen vom Schicksal ihrer Vorfahren erfahren, die Geschichte ihrer Familien. 

Prinzipiell wichtig ist, die Erinnerung an die russischen Kämpfer zu verewigen, Grabstätten des Ersten Weltkrieges, von denen es Hunderte in Rußland gibt, zu finden und deren Erhaltung zu gewährleisten. Dort ruhen Militärs verschiedener Länder, die für immer durch diese gemeinsame Tragödie verbunden sind. 

Sie erinnert uns daran, wohin Aggression und Egoismus führen, maßlose Ambitionen von Staatsführern und politischer Eliten, die den gesunden Menschenverstand beiseite werfen und statt des Erhalts des wohlhabendsten Kontinents der Welt - Europa - ihn in Gefahr bringen. Es wäre gut, sich daran auch heute zu erinnern. 

In der Weltgeschichte gibt es so viele Beispiele dafür, welch furchtbaren Preis der Unwille kostet, aufeinander zu hören, die Mißachtung der Rechte und Freiheiten anderer, ihrer rechtmäßigen Interessen zum Nutzen eigener Interessen und Ambitionen. Es wäre nicht schlecht, das zu sehen, und zu wissen, was ein Schritt nach vorn wäre. 

Seit langem ist es Zeit für die Menschheit, eine einzige große Wahrheit zu begreifen und anzunehmen: Gewalt gebiert Gewalt. Und der Weg zu Frieden und Wohlstand ist auf guten Willen, Dialog und die Erinnerung an die Ursachen der vergangenen Kriege gebaut, auf das Wissen, wer sie begann und warum. 

Das Denkmal für die Kämpfer des Ersten Weltkrieges - es gilt nicht nur ihren Heldentaten. Es ist eine Warnung, daß der Frieden brüchig ist, eine Erinnerung für uns alle. Auch wir sind verpflichtet, den Frieden zu wahren, daran zu erinnern, daß das Wertvollste auf der Welt ist - ein friedliches, ruhiges, stabiles Leben! 

Leuchtendes Angedenken den Helden des Ersten Weltkrieges! Ruhm den russischen Waffen und unseren heldenhaften Soldaten! 

Übersetzung: Arnold Schölzel 

 

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