Das Bio-Musterland

Ökonomie u Kuba baut seine Landwirtschaft um. Die Erfolge sind beachtlich, aber vom Ziel – Ernährungssouveränität – ist das Land noch weit entfernt

Volker Hermsdorf, Havanna

In: junge Welt online vom 14.02.2013

Wenn wir das nicht hinbekommen, können wir untergehen!« Mit diesen Worten beschrieb der kubanische Präsident Raúl Castro Ende letzten Jahres die Situation der Landwirtschaft. Zwar hatte es leichte Zuwächse bei der Produktion wichtiger Grundnahrungsmittel wie Reis, Bohnen und sogar Milch gegeben, in der Viehwirtschaft, beim Obst- und Gemüseanbau waren die Planvorgaben dagegen nicht annähernd erreicht worden. Es sei »unhaltbar«, kritisierte Castro, daß Kuba sogar Kaffee importieren müsse.

Trotz jahrelanger Anstrengungen kommt der Agrarsektor in Kuba nicht wie gewünscht auf die Beine. Der einst größte Rohzuckerproduzent der Welt hat seine Anbaufläche seit 2003 um mehr als die Hälfte reduziert. 2010 fielen die Zucker- und Kaffeeernte historisch schlecht aus. In der gleichen Zeit verringerte sich die Nachfrage nach anderen traditionellen Exportprodukten wie Langusten, Rum und Zitrusfrüchten. Auch sonst übertrafen die Importe oft die Exporterlöse. Kubanische Ökonomen haben errechnet, daß es zwischen den Jahren 1997 und 2009 allein durch die Preisentwicklung auf den Weltmärkten für Kuba einen Nettoverlust von mehr als zehn Milliarden US-Dollar gegeben hat.1

Für die Ungeduld des kubanischen Präsidenten gibt es weitere Gründe: Rund 50 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche liegen brach. Und trotz einiger ermutigender Erfolge in den letzten Jahren muß der größte Teil der Lebensmittel noch immer importiert werden. Reis kommt aus Vietnam, Gebäck aus der Volksrepublik China, Fruchtsäfte aus dem Iran, Butter aus Deutschland, Rindfleisch aus Uruguay, Getreide und Hähnchen aus den USA.

Das kostet Devisen, die in anderen Bereichen fehlen. Durch die seit fünf Jahren dramatisch steigenden Weltmarktpreise waren Kubas Ausgaben für Lebensmittelimporte allein in den Jahren 2007/2008 um mehr als 53 Prozent gestiegen. Und jede neue Preissteigerung trifft das sozialistische Land empfindlich. Der Ersatz teurer Importe durch Nahrungsmittel aus heimischer Produktion wird für Kuba immer mehr zu einer existentiellen Frage.

Objektive Schwierigkeiten

Die grüne Insel mit dem tropischem Klima und einer mehrere Monate dauernden Regenzeit verleitet zu der Annahme, daß dort alles sprießt und gedeiht.

Westliche Medien verbreiten deshalb oft, daß die Probleme im dortigen Agrarsektor auf die »mangelnde Effizienz der sozialistische Planwirtschaft« zurückzuführen sind. So einfach ist es allerdings nicht.

Schon in deutschen Schulbüchern ist nachzulesen, daß »die Böden Kubas vorwiegend stark verwitterte, wenig fruchtbare und nährstoffarme Ferralite« sind. »Wintertrockenheit und Wirbelstürme im Herbst erschweren die sonst günstigen Bedingungen für die agrarische Nutzung und verursachen große Produktionsschwankungen«, heißt es in Dierckes Weltatlas, dem geografischen Standardwerk westdeutscher Schülergenerationen.2

Die tropische Lage fordert zudem einen weiteren Tribut. Allein in den Jahren von 1998 bis 2008 verursachten 16 tropische Wirbelstürme Schäden in Milliardenhöhe. Und im Oktober letzten Jahres verwüstete Hurrikan »Sandy« große Teile der Agrarflächen in den östlichen und zentralen Provinzen.

Darüber hinaus verschont der globale Klimawandel auch Kuba nicht. In den vergangenen Jahren litt das Land unter mehreren extremen Dürreperioden.

Schließlich trifft die von den USA seit über 50 Jahren gegen Kuba verhängte Finanz-, Wirtschafts- und Handelsblockade die Landwirtschaft und die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung hart. Das ist von den früheren Kolonialherren beabsichtigt. Ein Memorandum der US-Regierung vom Jahr 1960 definiert als Ziel der Blockade »das Provozieren von Enttäuschung und Entmutigung durch wirtschaftliche Not«. Die Sanktionen sollen »die Ökonomie schwächen, zu sinkenden Einkommen führen, Hunger, Elend und Verzweiflung erzeugen und so zum Sturz der Regierung beitragen«. Diese Ziele bestimmen bis heute die Kuba-Politik der USA.

Erhebliche Schäden in der Landwirtschaft haben nicht zuletzt die von militanten Anti-Castro-Gruppen in Miami organisierten und von den US-Behörden geduldeten Sabotage- und Terroranschläge angerichtet. So sind aus Florida regelmäßig Kleinflugzeuge gestartet, die über den Anbauflächen Pflanzenschädlinge oder Giftstoffe versprüht haben, aus den USA bezahlte Saboteure zerstörten Produktionsanlagen und Landmaschinen. In den letzten Jahren heuerten Diplomaten der US-Interessenvertretung vor allem in ländlichen Gebieten verstärkt Handlanger an, die Unruhe in den Dörfern stiften und darüber als »unabhängige Journalisten« dann selbst fabrizierte Falschmeldungen an kubafeindliche Medien wie den Propagandasender »Radio Marti« in Miami übermitteln.

Hausgemachte Probleme

Obwohl Kubas Landwirtschaft sich größeren objektiven Problemen gegenübersieht als die seiner Nachbarländer, sind viele Schwierigkeiten hausgemacht. Etliche davon waren auf dem 6. Parteitag der Kommunistischen Partei Kubas (PCC) im April 2011 offen benannt worden.

Neben brachliegenden Nutzflächen gilt die Landflucht als Herausforderung.

Während der »Guajiro« in der traditionellen kubanischen Musik romantisch verklärt und den Bauern - als aktivsten Kämpfern der Revolution - die gebührende Ehre erwiesen wird, ist das Landleben heute für viele Menschen unattraktiv geworden. Harte Arbeit, niedriges Einkommen, geringes Ansehen, schlechtere Versorgung mit Konsumgütern und die oft fehlenden Möglichkeiten für Unterhaltung und Freizeit machen die Arbeit auf dem Land nicht gerade zum bevorzugten Traumjob der jungen Leute. Die Chancengleichheit im Bildungswesen hat der Landbevölkerung Alternativen ermöglicht, die viele genutzt haben.

Eine Steigerung der Nahrungsmittelproduktion dürfte auch davon abhängen, ob es gelingt, den Beruf für junge Menschen attraktiver zu machen. Außer materiellen Anreizen könnte dazu auch ein modernes Berufsbild des Agrotechnikers, der mit beispielhaften Projekten im nachhaltigen biologischen Landbau weltweite Anerkennung findet, beitragen.

Hausgemacht sind auch Probleme durch offensichtliches »Mißmanagement«. Seit Jahren wird zum Beispiel in kubanischen Zeitungen und im Fernsehen immer wieder über Mißstände beim Transport berichtet, die für die Verbraucher und das Land kostspielige Folgen haben. Der Ökonom und Agrarspezialist Armando Nova vom Forschungsinstitut der kubanischen Wirtschaft (CEEC) kritisiert zum Beispiel die Gesellschaft »Acopio«, die die Lebensmittel einkauft und deren Transport organisiert: »Diese Gesellschaft hat eine Flotte von Lastwagen, doch in der Realität kommt es immer wieder dazu, daß die Ware nicht abgeholt wird und in Lagern verschimmelt.«3

Belastendes Erbe

Neben objektiven Ursachen und eigenen Fehlern sind für etliche Probleme der kubanischen Landwirtschaft auch traditionelle historische Strukturen verantwortlich, wie ein Rückblick auf die Geschichte der letzten 100 Jahre bestätigt.4

Seit dem 19. Jahrhundert baut Kuba Tabak und vor allem Zuckerrohr für den Weltmarkt an. Während der US-Kolonialzeit wurde der Anbau intensiviert und die landwirtschaftliche Produktion auf Monokulturen ausgerichtet, was die Grundlage für einige der noch heute existierenden Probleme schuf. Durch den monokulturellen Anbau mußte bereits in dieser Zeit der größte Teil der benötigten Nahrungsmittel importiert werden.

Die Plantagen waren überwiegend im Besitz von Großgrundbesitzern und nordamerikanischen Unternehmen. Dorthin flossen auch die Exporterlöse. Acht Prozent der Landeigentümer kontrollierten 70 Prozent des Landes. In ganz Kuba existierten dagegen nur 45000 Kleinbauern mit jeweils bis zu 100 Hektar Land. Die sich aus diesen Besitzverhältnissen ergebenden Probleme waren erdrückend. Die Landarbeiter wurden drei Monate in Saisonarbeit beschäftigt und hatten für den Rest des Jahres kein Einkommen. Auf dem Land gab es weder Strom noch fließend Wasser, keine Gesundheitsversorgung und keinen Zugang zu Schulen, geschweige denn zu weiterführenden Bildungseinrichtungen.

Fünf Monate nach dem Sieg der Revolution unterzeichnete Fidel Castro am 17.

Mai 1959 das Gesetz zur ersten Agrarreform. Danach wurden die großen Plantagen verstaatlicht und der private Landbesitz auf 405 Hektar pro Person begrenzt. 44 Prozent des Weide- und Ackerlandes wurden an Pächter, Landarbeiter und Kleinbauern verteilt. Die Saisonarbeiter wurden ganzjährig eingestellt, erhielten höhere Einkommen, soziale Absicherung, Unfallversicherungen und freien Zugang zu Gesundheitseinrichtungen und Schulen.

In den folgenden Jahren brachten weitere Agrarreformen zusätzliche Verbesserungen wie Strom- und Wasserversorgung bis in die Bauernhäuser, Einrichtung kultureller Angebote, garantierte Grundversorgung über Lebensmittelkarten und subventionierte Versorgung der Landbevölkerung mit Haushaltsgeräten wie Kühlschränken, Ventilatoren und Radios.

In den 1970er Jahren folgte das sowjetische Agrarmodell mit großflächigen Staatsgütern und hohem Mechanisierungsgrad. Kuba baute hauptsächlich Zuckerrohr für den gemeinsamen Markt an. Zur Steigerung der Produktion wurden große Mengen importierten chemischen Düngers eingesetzt. Diese Produktionsweise war - ebenso wie der auch zu dieser Zeit vorherrschende Import der meisten notwendigen Lebensmittel - nur durch generöse Tauschkurse der UdSSR möglich.

Das Verschwinden der Sowjetunion und der sozialistischen Staaten in Osteuropa war für Kuba eine Katastrophe. In den Jahren 1989/90 verlor das Land von heute auf morgen 80 Prozent seines Exportmarktes und 80 Prozent seiner Importe. Durch den Verlust der bisherigen Absatzmärkte mußte die Karibikinsel ihren Zucker zu Weltmarktpreisen anbieten. Gleichzeitig sank die Produktion aufgrund von Rohstoffmangel zwischen 1989 und 1993 auf die Hälfte, so daß nicht einmal die Lieferverträge mit Rußland erfüllt werden konnten, das daraufhin seine Erdöllieferungen einstellte. Während Kuba im Jahr 1989 mit über acht Millionen Tonnen zu den wichtigsten Zuckerproduzenten und -exporteuren der Welt gehörte, mußte das Land nach 2002 über 70 der 156 Zuckermühlen schließen. Im Jahr 2010 war die Produktion auf 1,1 Millionen Tonnen zurückgegangen. Weitere Produktionseinbrüche gab es seit den 1990er Jahren auch bei Getreide, Reis, Früchten, Milch oder Fleisch.

Die USA nutzten die Krise der kubanischen Wirtschaft skrupellos aus und hofften, mit einer Verschärfung ihrer Blockade auch dort einen Systemwechsel provozieren zu können. 1992 wurde die Blockade als »Cuban Democracy Act« in einem Bundesgesetz festgeschrieben. Danach kann sie nur nach »Beseitigung des Sozialismus« auf Kuba ausgesetzt oder aufgehoben werden. Mit dem »Helms-Burton-Gesetz« werden seit 1996 auch ausländischen Bürgern und Firmen Sanktionen angedroht, wenn sie in Wirtschaftsgüter investieren, auf die US-Bürger Besitzansprüche erheben.

Die Krise als Chance

Die Auflösung des ehemaligen sozialistischen Lagers, die verschärfte Blockade der USA und zusätzlicher Druck aus anderen kapitalistischen Staaten (zum Beispiel die Nichterfüllung langjähriger Verträge mit der DDR durch die BRD) brachten Kuba Anfang der 1990er Jahre an den Rand einer Hungerkrise. Die Landwirtschaft stand gleichzeitig vor mehreren Herausforderungen: Das Land mußte mit einem Bruchteil zugekaufter Ressourcen mehr Nahrungsmittel produzieren, trotz Blockade neue Absatzmärkte erschließen und trotz Devisenmangels in die veralteten Produktionsanlagen investieren. Doch die sozialistische Karibikinsel hat es in der größten Krise ihrer Geschichte verstanden, aus der Not eine Tugend zu machen. Trotz Mangels verhungerte niemand, die sozialen Leistungen für die Bevölkerung wurden nicht in Frage gestellt, und in der Landwirtschaft gelang ein nachhaltiger und ökologischer Umbau, der weltweit als vorbildlich anerkannt wird.

Als Reaktion auf die Krise wurden zwischen 1991 und 1993 - im Rahmen eines »Alternativen Modells für die Sonderperiode« - Maßnahmen eingeleitet, die das Überleben sichern, neue Anreize schaffen und die ökonomischen Spielräume erweitern sollten. In der Landwirtschaft fand eine Umorientierung zur Selbstversorgung aus eigenen Mitteln statt.

Im Jahr 1993 wurde damit begonnen, staatliche Großbetriebe in kleinere landwirtschaftliche Genossenschaften (Unidades Básicas de Producción Cooperativa/UBPCs) von durchschnittlich 600 Hektar Fläche aufzuteilen.

Dabei wird das im Staatsbesitz verbleibende Land unbefristet an die Kooperativen verpachtet, die mit dem Staat Verträge über Produktionsquoten abschließen. Die Genossenschaften gehören ihren Mitgliedern. Diese wählen ihre Leitung selbst und werden je nach Beteiligung an der Arbeit entlohnt.

Als Vorteil gilt die größere Eigenverantwortung der Produzenten, an die etwaige Gewinne zu gleichen Teilen ausgeschüttet werden. Außer ihrem vertragsgemäß an den Staat zu liefernden Hauptprodukt erzeugen viele dieser Genossenschaften weitere Lebensmittel für den eigenen Verkauf. Mit einem Anteil von rund 28 Prozent an der bewirtschafteten Nutzfläche sind die UBPCs heute die Hauptproduzenten der kubanischen Landwirtschaft.5

Neben diesen größeren Kooperativen tragen auch die seit Beginn der 1990er Jahre gegründeten »Organopónicos« (städtische Gärten) zur Versorgung der Bevölkerung bei. Sie wurden aus der Idee entwickelt, Obst und Gemüse direkt dort zu produzieren, wo die Verbraucher leben. In vielen Städten wurden auf ungenutzten Freiflächen Beete angelegt. Der Verkauf findet auf Märkten und an kleinen Verkaufsständen direkt bei den Gärten statt. Die lokale Erzeugung spart Treibstoff und Transportkosten und garantiert frische Ware zu günstigen Preisen. In rund 30000 »Organopónicos« produzieren über 320000 Beschäftigte etwa 60 Prozent des frisch konsumierten Obst und Gemüses. Das kubanische Modell gilt mittlerweile als größte städtische Agrikulturbewegung Amerikas.

Umbau zum Biolandbau

Einer der größten Erfolge im Zuge der Diversifizierungsbemühungen ist die Einführung des biologischen Landbaus. Er eröffnete der kubanischen Landwirtschaft neue Chancen und die Möglichkeit, eine autarke Agrarökonomie aufzubauen. Denn im Biolandbau ist es möglich, mit weniger Dünger, Pestiziden und anderen Hilfsmitteln mehr zu produzieren. In wenigen Jahren hatte Kuba ein Netz von über 200 Forschungs- und Produktionsstationen (CREE) aufgebaut, in denen Agrarwissenschaftler und Bauern die natürlichen Feinde von Pflanzenschädlingen reproduzierten und neue Verfahren entwickelten.6 In einem Land wie Kuba, wo Fachwissen besser verfügbar ist als landwirtschaftliche Technik, bedeutet Biolandbau angepaßte Technologie.

Innerhalb eines Jahrzehnts hat Kuba es geschafft, eine hochspezialisierte und exportorientierte Landwirtschaft, die auf dem massiven Einsatz importierter Chemikalien basierte, in ein Modell zu überführen, das auf agroökologischen Prinzipien beruht. Kuba gilt inzwischen als »Musterland nachhaltiger landwirtschaftlicher Produktion«. Dazu haben Zigtausende engagierte, doch unbekannte Ökobauern, aber auch Pioniere wie die 2010 verstorbene Tabaklegende Antonio Robaina beigetragen. Der berühmte Tabakpflanzer hatte es geschafft, in den schwersten Zeiten der Sonderperiode ohne irgendwelche Zusätze die besten Tabakblätter der Welt zu kultivieren und war dafür vom kubanischen Staat als Namensgeber einer exklusiven Zigarrensorte geehrt worden. Internationale Anerkennung erfuhr der kubanische Weg auch durch die Verleihung des »Alternativen Nobelpreises« an die »Gruppe Organische Landwirtschaft« (GAO) unter ihrem Direktor Fernando Funes im Jahr 1999 und des »Grünen Nobelpreises« an den Koordinator für Lokale Landwirtschaftliche Innovation, Humberto Rios Labrada, im Jahr 2010. 7

Der Umbau der kubanischen Agrarwirtschaft zeigt beachtliche Resultate. Nach Statistiken der Welternährungsorganisation (FAO) lag die Eigenproduktion der wichtigsten Grundnahrungsmittel in den Jahren 2002 bis 2005 um das Zwei- bis Dreifache höher als von 1991 bis 1994. Die tägliche Kalorienversorgung, die zu Beginn der Sonderperiode auf 2300 Kilokalorien abgesunken war, liegt seit gut zehn Jahren stabil bei über 3200 Kilokalorien pro Person und Tag.8

Doch trotz aller Erfolge ist Kuba von seinem Ziel der Ernährungssouveränität, das Präsident Raúl Castro als eine »Frage der nationalen Sicherheit« bezeichnete, noch weit entfernt. Solange das Land weiterhin jährlich rund 1,5 Milliarden US-Dollar für Lebensmittelimporte ausgeben muß, steht das Thema auf der Agenda ganz oben. Auf dem 6.

Parteitag der Kommunistischen Partei Kubas (PCC) erklärte Castro die Landwirtschaft zur Chefsache.

Aktuelle Herausforderungen

In 313 Leitlinien (Lineamentos) hatte der Kongreß die Eckpunkte für einen Prozeß grundlegender Veränderungen der Sozial- und Wirtschaftspolitik beschlossen. Absolute Priorität haben dabei die Landwirtschaft und besonders jene Bereiche, die zur Substitution der Lebensmittelimporte beitragen.9 Ein weiterer Schwerpunkt sind Sektoren, die hohe Exportgewinne und Deviseneinnahmen versprechen. Im Agrarbereich gehört dazu vor allem die Zuckerindustrie.

Durch eine Steigerung der Investitionen von bisher drei Millionen auf künftig zehn Millionen US-Dollar pro Jahr soll dieser Sektor völlig neu strukturiert und modernisiert werden, kündigte der Direktor der staatlichen Unternehmensgruppe Azcuba, Wilson Morel, Ende letzten Jahres an. Auch ausländische Firmen werden im Rahmen von Joint Ventures beteiligt. Als einer der ersten Schritte waren im vergangenen Jahr rund 100 neue Erntemaschinen importiert worden. Von den stillgelegten Zuckerfabriken sind in der letzten Erntesaison 46 wieder in Betrieb genommen worden. Bis 2015 sollen weitere zehn komplett modernisierte Anlagen dazukommen. Ein erster sichtbarer Erfolg der Maßnahmen war die Steigerung der Erträge um 16 Prozent in der Saison 2011/2012 nach einem Tiefststand im Jahr 2010.

Eine weitere Maßnahme, die langsam erste Ergebnisse zeigt, ist die Vergabe von bisher brachliegendem Land an Menschen, die als kleine Privatbauern Landwirtschaft betreiben wollen. Das Brachland wird den Interessierten zur Pacht angeboten. Die Erträge können frei verkauft werden. Neben der Beschäftigungswirkung soll dadurch die Versorgung der Bevölkerung verbessert und die Nahrungsmittelsouveränität erhöht werden. Die gleiche Zielsetzung verfolgen mehrere Gesetzesänderungen durch die den Kleinbauern mehr Rechte eingeräumt werden. Sie dürfen jetzt mehr Land bearbeiten, die Pachtzeit wurde von zehn auf 25 Jahre erhöht, und die in Genossenschaften oder Bauernverbänden zusammengeschlossenen Produzenten dürfen ihre Erträge auch direkt im Tourismussektor anbieten.

Im September letzten Jahres wurde schließlich in Umsetzung der Leitlinien ein neues Gesetz für die landwirtschaftlichen Genossenschaftsbetriebe (UBPCs) verabschiedet, das ihnen mehr Eigenständigkeit beim Aushandeln der Bedingungen mit staatlichen Zulieferern einräumt. Außerdem dürfen Überschüsse, die über den mit dem Staat vereinbarten Handelsverträgen liegen, künftig frei gehandelt werden. Andererseits sollen rund 300 unrentable Betriebe, die gepachtetes Land teilweise brach liegen lassen und deshalb Verluste machen, mit anderen fusioniert oder geschlossen werden.

Alle Maßnahmen skizzieren den mühevollen Weg Kubas, das Nahrungsmittelsouveränität herstellen und dabei sein alternatives Modell zu den ökologischen und sozialen Zerstörungen des kapitalistischen Wirtschaftssystems erhalten will. Auch wenn erste Erfolge Anlaß zu Optimismus geben, ist das Ergebnis der Veränderungsprozesse offen.

Präsident Raúl Castro appellierte deshalb auf dem 6. Parteitag der PCC an die Disziplin und das Selbstbewußtsein seiner Landsleute: »Das Einzige, was die Revolution und den Sozialismus in Kuba scheitern lassen und die Zukunft der Nation in Gefahr bringen kann, wäre unsere Unfähigkeit, Fehler zu überwinden.«

Anmerkungen

1 Vgl. Heinz Langer: Aktuelle Situation in Kuba, in: Cuba Libre, Nr. 3/2012

2 Vgl. »Kuba - Rohstoffwirtschaft«, Dierckes Weltatlas, Seite 209

3 Interview mit Armando Nova, Neues Deutschland vom 22.12.2011

4 CubaSi: Die Geschichte der kubanischen Landwirtschaft,

cuba-si.org/72/landwirtschaft

5 Ebd.

6 Wolfgang Mix: Kubas Vision für die Zukunft, Zeitschrift Sozialismus, Nr.

2/2010

7 Vgl. Peter Clausing: »Kubas grünes Projekt«, junge Welt vom 5.5.2010

8 Ebd.

9 Vgl. Heinz Langer: Eine Bilanz des 1. Halbjahres 2012, in: Cuba Libre, Nr. 4/2012

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