Obamas Heldentaten  

Pentagon prahlt mit 150 Todesopfern eines Luftangriffs in Somalia. Rebellen dementieren  

Knut Mellenthin 

In: junge Welt online vom 09.03.2016 

 

Die somalische Kampforganisation Al-Schabab hat Berichten des Pentagons über einen Luftschlag gegen einen ihrer Stützpunkte widersprochen. Zwar habe an dem angegebenen Ort wirklich ein Angriff stattgefunden, aber die vom US-Verteidigungsministerium behauptete Opferzahl sei stark übertrieben, sagte Schabab-Militärsprecher Abdulasis Abu Musab am Dienstag in einem Telefongespräch mit dem arabischen Sender Al-Dschasira. 

Vertreter des US-Verteidigungsministeriums hatten der Presse am Montag mitgeteilt, bei einer kombinierten Operation von Drohnen und Kampfflugzeugen sei ein 195 Kilometer nördlich der Hauptstadt Mogadischu gelegenes Ausbildungslager der Al-Schabab zerstört worden. Nach einer ersten Einschätzung seien mehr als 150 »Terrorkämpfer« getötet worden. 

Insgesamt hätten sich rund 200 Angehörige der Organisation in dem Lager befunden, das schon seit mehreren Wochen aus der Luft observiert und am Boden ausgespäht worden sei. Der Angriff sei angeordnet worden, weil Erkenntnisse vorgelegen hätten, dass die Kämpfer das Lager verlassen wollten. Damit hätten sie eine »unmittelbare Gefahr« für die in Somalia befindlichen US-Kräfte und für die dort seit 2007 stationierte afrikanische Friedenstruppe Amisom dargestellt. Die Operation sei demzufolge »in Selbstverteidigung« erfolgt. Unverständlich ist in diesem Zusammenhang, dass keiner der Pentagonsprecher auch eine Gefahr für die nationalen Streitkräfte Somalias unterstellte. Es fällt außerdem auf, dass die Sprecher sich nicht einig waren, ob der Angriff schon am Sonnabend oder erst am Sonntag stattgefunden habe. 

Schabab-Vertreter Musab kommentierte die Behauptungen aus Washington sarkastisch: »Die Amerikaner träumen. Wir versammeln niemals so viele unserer Kämpfer an einem einzigen Ort. Wir kennen die Sicherheitslage.« 

Das Pentagon wollte auf Anfragen nicht mitteilen, was für Flugzeuge an der Operation beteiligt waren. Auch zur Frage, wo diese gestartet waren, wurde nicht Stellung genommen. Drohnenangriffe gegen Ziele in Somalia und im Jemen werden im allgemeinen von der NATO-Basis in der früheren französischen Kolonie Dschibuti aus geflogen. Das wird von den meisten Medien auch in diesem Fall angenommen. Die Flugentfernung zum Zielort beträgt ungefähr 1.100 Kilometer. Nur 130 Kilometer von dem angegriffenen Lager entfernt hat die Amisom in Belidogle einen Luftstützpunkt, auf dem sich laut Al-Dschasira auch US-Soldaten befinden. Es ist nicht auszuschließen, dass die Vereinigten Staaten dort auch eine Basis zum Starten und Landen unbemannter Flugkörper eingerichtet haben. Insgesamt sollen nach offiziellen Angaben seit 2013 ungefähr 50 US-Soldaten als Berater von Amisom im Einsatz sein. 

Das Londoner Bureau of Investigative Journalism machte am Montag darauf aufmerksam, dass noch nie zuvor seit dem Beginn des »Kriegs gegen den Terror« 2001 so viele Menschen bei einem einzigen US-Luftschlag getötet wurden wie diesmal – sofern die Behauptung des Pentagons stimmt. Die bisher höchste Zahl von Todesopfern, nämlich 81, habe es im Oktober 2006 bei einem Drohnenangriff in Pakistan gegeben. Das bezieht sich offenbar auf die Zerstörung einer Religionsschule im Dorf Chenagai am 30. Oktober 2006. 

Die Opfer waren überwiegend Kinder und Jugendliche. Ob wirklich die USA oder die pakistanische Luftwaffe dafür verantwortlich waren, ist umstritten. 

Die US-Regierung hat bisher nur in sehr wenigen Ausnahmefällen Opferzahlen genannt. In der Regel wird nicht einmal das Stattfinden eines Angriffs bestätigt. Nach Aussagen von Lisa Monaco, der wichtigsten Beraterin von Barack Obama in Fragen der inneren Sicherheit, soll sich das »in den nächsten Wochen« ändern. Dann solle erstmals ein Überblick über die Opfer aller Drohnenschläge seit Obamas Amtsantritt 2009 veröffentlicht werden, der jährlich aktualisiert werde. Versprochen hatte der Präsident das allerdings schon 2013. 

 

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Sanders siegt in Michigan: »Die Revolution ist stark« 

Sozialist holt 20-Prozent-Rückstand in Umfragen auf und überrascht gegen Clinton / Ex-Außenministerin gewinnt in Mississippi mit deutlichem Abstand 

 

Berlin. Der linke Senator Bernie Sanders hat überraschend die Vorwahl der US-Demokraten in Michigan gewonnen. Der Sozialist setzte sich mit 50 Prozent gegen die frühere Außenministerin Hillary Clinton durch, diese kam auf 48 Prozent. Der Vertreterin des Parteiestablishments hatten Meinungsforscher eigentlich einen Sieg vorausgesagt. Sanders hatte noch vor wenigen Tagen in Umfragen in Michigan mehr als 20 Prozent zurückgelegen. 

In: Neues Deutschland online vom 09.03.2016 

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Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/1004521.sanders-siegt-in-michigan-die-revolution-ist-stark.html 

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Versuchskaninchen  

Kolumne von Mumia Abu-Jamal  

In: junge Welt online vom 07.03.2016 

 

Anlässlich des »Black History Month« im jetzt zu Ende gegangenen Februar erzählten wieder viele Schwarze großartige Geschichten über großartige Heldinnen und Helden, über schwarze Krieger, die gegen niederträchtige Rassisten für die Freiheit kämpften. Was ich heute erzählen möchte, ist keine Geschichte dieser Art. 

Als ich vor vielen Jahren noch als Reporter für Public Radio arbeitete, rief mich eines Tages ein Mann an, den ich aus der schwarzen Freiheitsbewegung kannte. Er wollte mich treffen, wollte aber am Telefon nicht über den Grund reden. Als ich ihn dann abends zu Hause aufsuchte, begrüßte mich seine Frau an der Tür, und er rief mich zu sich ins Schlafzimmer. Als er bei schwachem Licht sein Hemd auszog, fuhr ich erschreckt zurück. Vom Hals bis hinunter zu seinen Oberschenkeln breiteten sich Hautverfärbungen aus, wie ich sie noch nie zuvor bei einem Menschen gesehen hatte. Sein Körper war gefleckt wie das Fell eines Leoparden, pockennarbig, mit abblätternden dunklen und hellen Hautfetzen, sein Oberkörper wie ein verwittertes Schachbrett. Aus seinen dunklen Augen sprachen Zorn und Scham. 

Als junger Mann hatte er vor Jahren im Staatsgefängnis Holmesburg gesessen und sich freiwillig zur Teilnahme an einer medizinischen Studie der University of Pennsylvania bereit erklärt, um sich ein paar Dollars zu verdienen. Er musste einen sogenannten Patch-Test machen, mit dem Kontaktallergien erforscht werden. Dazu wurden Pflaster auf seine Haut aufgebracht, die mit Chemikalien versetzt waren. Diese bewirkten, dass unter den Pflastern das rohe Fleisch hervortrat. Die offenen Wunden wurden anschließend mit Mullbinden bandagiert. 

Die Gefangenen erhielten dafür zwischen zehn und 25 US-Dollar auf ihrem Gefängniskonto gutgeschrieben, wovon sie sich Schokoriegel, Zigaretten und Lebensmittel kaufen konnten. Es waren zumeist Schwarze, die an diesen medizinischen Tests teilnahmen und sich keine Gedanken über die Folgen machten, die sich erst Jahre später zeigten. Dann war der Hungerlohn schon längst vergessen, aber die Wunden und Narben aus den Versuchsreihen blieben ihnen noch für lange Zeit. Der Name des Exhäftlings war Leodus Jones, und ich werde niemals seine Worte vergessen: »Ich kann nicht mal mehr mit meiner Frau zusammensein, Mann – sie darf den Scheiß nicht sehen.« 

In den 1950er bis 1970er Jahren nahmen Tausende Häftlinge an diesen Experimenten teil, die aufgrund ihrer Gefangenschaft unfreiwillig zu potentiellen Probanden geworden waren. Manche von ihnen wurden verrückt, andere litten viele Jahre körperlich unter den Folgen. Die Projektleitung hingegen schlug ebenso wie die Universität Millionenprofite aus den Erkenntnissen, die sie aus den Experimenten gewannen. Beispielsweise wurde daraus »Retin-A« entwickelt, ein Kosmetikum. Es verhalf seinen Entdeckern Albert Kligman und James Fulton zu großem Reichtum. Für die armen Kerle jedoch, die ihre Haut dafür zu Markte trugen und mit ihrer Gesundheit und ihrem Wohlbefinden bezahlten, blieben nur Pennys – und Schmerzen. Kerker und Kapitalismus – und Ausbeutung – ergänzen sich perfekt. 

Wenn ich also an den »Black History Month« denke, dann fallen mir die Schicksale dieser Männer ein, die heute vielleicht schon Großväter sind, fürs Leben gezeichnet, manche von ihnen wie gefoltert, deren Leiden anderen große Gewinne gebracht hat. 

Übersetzung: Jürgen Heiser 

 

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