Mit der Natur versöhnen 

Vorabdruck. Über Ökologie und Utopie, Wolfgang Harich und das marxistische Verständnis der Naturzerstörung  

Werner Seppmann 

In: junge Welt online vom 03.02.2016 

 

 In diesen Tagen erscheint im Hamburger Laika-Verlag der von Andreas Heyer herausgegebene Sammelband »Wolfgang Harich in den Kämpfen seiner Zeit«. 

Die Autoren der dort zusammegestellten Aufsätze beschäftigen sich mit je unterschiedlichen Facetten des Schaffens des eigenwilligen und widersprüchlichen DDR-Philosophen (1923–1995). An diese Stelle veröffentlicht jW vorab und stark gekürzt den Beitrag des marxistischen Soziologen Werner Seppmann, der ausgehend von Harichs Schrift »Kommunismus ohne Wachstum« Überlegungen zum Verhältnis von Ökologie und Kapitalismus bzw. Sozialismus anstellt. (jW)  

  Der Anfang der 70er Jahre erschienene erste Bericht des »Club of Rome« über die Entwicklung der ökologischen Katastrophe, hätte nicht seine aufrüttelnde Wirkung gehabt, wenn er nicht in ein allgemeines Klima der Verunsicherung hineingeplatzt wäre. Der Prosperitätskapitalismus der Nachkriegsphase war in sein Endstadium eingetreten und erste ökonomische Krisenerfahrungen hatten zu dieser Verunsicherung geführt, aber auch das Bewusstsein dafür geschärft, dass es so wie bisher nicht weitergehen könne. Es war vor allem die Erfahrung der ersten Ölkrise, die manchen Zeitzeugen nicht ohne Berechtigung von einer »Epochenwende« sprechen ließ: Die bewusst gewordene Endlichkeit des Ölreichtums wurde auch als ein Hinweis auf das mögliche Ende einer prosperitären Wirtschaftsentwicklung verstanden. Da kamen die Warnungen des »Club of Rome« über die fortschreitende Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen gerade recht, auch wenn sie den Problemen nicht auf den gesellschaftlichen Grund gingen.  

  Die Linke reagierte auf die beginnende Ökologie-Diskussion gespalten – und zwar in Ost und West. Von ihren westlichen Vertretern wurden in den 70er Jahren die Problemszenarien als weitgehend interessengeleitete Panikmache abgetan, die neue ökologische Nachdenklichkeit als Versuch gewertet, von fundamentalen Vergesellschaftungsproblemen des Kapitalismus abzulenken (was ganz so abwegig auch nicht war, jedoch nichts an den sich aufdrängenden Problemen änderte). In die gleiche Richtung zielten auch die Argumente der meisten Ökonomen, Gesellschafts- und Politikwissenschaftler in den sozialistischen Ländern: Ihnen galt die Ökologie-Problematik ausschließlich als Ausdruck einer allgemeinen Krise des Kapitalismus.  

  In der Auseinandersetzung mit diesen Positionen betonte Harich, dass die industriegesellschaftliche Dynamik mit ihren Wachstumsparadigma eine systemübergreifende Erscheinung sei. Er hielt zwar die sozialistischen Länder mit ihren vergesellschafteten Produktionsmitteln für prädestiniert, der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen Einhalt zu gebieten; jedoch wies er auch darauf hin, dass sie ihren Möglichkeiten, ebenso wie den unabweisbaren Notwendigkeiten hinterherhinkten: Die in den letzten 200 Jahren von Kapitalverwertungsprinzipien geprägten Technologien, jedoch auch die Konsummuster einer prosperitären kapitalistischen Entwicklungsphase, hatten auch noch einen Einfluss auf die Formen des Stoffwechsels von Mensch und Natur unter den Bedingungen einer sozialistischen Gesellschaftsformation. Ökonomisches Wachstums wurde als unabdingbar angesehen, und zwar nach dem Motto: Je mehr, um so besser.  

  Kommunismus ohne Wachstum?   Weil zum damaligen Zeitpunkt die Gesellschaftstheoretiker in den sozialistischen Ländern mehrheitlich als Bündnispartner in der Ökologiefrage ausfielen, verwies Harich mit Nachdruck auf ein entwickeltes Problembewusstsein vor allen Dingen bei sowjetischen Naturwissenschaftlern. So war Anfang der 70er Jahre auf einem Moskauer Symposium zum Thema »Mensch und Umwelt« als Zusammenfassung präziser Analysen aktueller Prozesse der Zerstörung der Biosphäre zu hören: »Erstmalig ist in der Geschichte eine Situation entstanden, in der die Existenz des Homo sapiens als biologische Art in Frage gestellt ist.« Diese Äußerungen fielen übrigens zu einer Zeit, als – aus durchaus nachvollziehbaren Gründen – die Kommunisten in Westeuropa die Kernkraft verteidigten. Es gab noch eine dritte Gruppe innerhalb des linken Lagers, die durchaus die Sprengkraft der Ökologiefrage erkannte, sie jedoch mit ihrem Marxismusverständnis nicht in Übereinstimmung zu bringen wusste.  

  Diese diffuse Lage ist der Ausgangspunkt für Wolfgang Harichs theoretische Intervention, wie er sie in dem Band »Kommunismus ohne Wachstum?« vorgelegt hat. Obwohl sie kaum als fundamentale Kritiker einer Kapitalverwertungsökonomie auftraten, konnte Harich mit diesen Autoren darin übereinstimmen, dass eine Kehrtwende und eine globale Selbstbesinnung um des Überlebens der Menschheit willen unabdingbar sei. 

Wer aber, so lautete die daraus resultierende Frage, kann diese Wende bewirken? Harich war berechtigterweise skeptisch, dass auch nur ansatzweise die kapitalistischen Länder dazu in der Lage seien, denn sie brauchen das Wachstum um seiner selbst willen (»Verwertung des Werts«, heißt das in den Begriffen der Kritik der politischen Ökonomie), um sich eben als kapitalistische Gesellschaft reproduzieren zu können. Durch jede ernsthafte, ökologisch motivierte Intervention, würden sie sich nur selbst in Frage stellen. Aber Harich ging noch einen Schritt weiter und fragte, ob die realsozialistischen Länder dazu in der Lage seien. Im Prinzip ja, so betonte er, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Sie müssten mit den produktivistischen Orientierungen brechen, die bei ihnen aus anderen Gründen als im Kapitalismus existierten, aber kaum geringere Negativwirkungen hervorbrachten. In ihrem praktischen Umgang mit der Natur sind die sozialistischen Gesellschaften ihren Ansprüchen nur unzureichend gerecht geworden. Das in vielen Fällen bedenkenloses Verhalten gegenüber der Natur stand im Gegensatz zu den impliziten Möglichkeiten des Sozialismus, »der sich auf einer bestimmten Stufe seiner historischen Entwicklung bewusst die Aufgabe [stellt], die Natur und die natürliche Vielfalt zu bereichern, da er dies als eine der wichtigsten Bedingungen für die Entwicklung des ganzheitlichen Menschen betrachtet« (so der russische Revolutionär und marxistische Theoretiker Nikolai Bucharin in seinen »Gefängnisschriften«).  

  Grundsätzlich war Harich davon überzeugt, dass, wenn es noch eines Beweises für die Notwendigkeit des Sozialismus bedurft hätte, sie die ökologische Katastrophenentwicklung geliefert hat, weil nur eine am Gemeinwohl orientiert Ökonomie in der Lage ist, die notwendigen Selbstbeschränkungen zu organisieren. Harich ging fraglos davon aus, dass der reale Sozialismus zur Selbstbesinnung kommen könne.  

  »Rohe Gleichmacherei«   Die Forderung nach ökonomischer Selbstbeschränkung als Leitmotiv sozialistischer Vergesellschaftung ist natürlich gewöhnungsbedürftig. Denn bisher gehörte es fraglos zu den Eckpfeilern eines marxistischen Verständnisses der Produktivkraftentwicklung, dass gerade ein grenzenloses ökonomisches Wachstum als Garant umfassender Bedürfnisbefriedigung Basis und Kennzeichen einer neuen Gesellschaft sei, »d. h. die Mittel für einen schöpferischen Genuss an der Arbeit und die Mittel eines sinnlich-materiellen Genusses ins Unermessliche« (Bucharin) gesteigert würden. Solche Auffassung kann sich durchaus auf Marx berufen, woraus aber nicht zu schließen ist, dass er unreflektiert jede technische Progression als zukunftsfähig angesehen hätte. Warnende Hinweise auf eine gesellschaftlich bedingte Deformation des Technischen finden sich bei ihm zur Genüge: »In der Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte.«  

  Dieser Hinweis sollte gegen einen allzu naiven Fortschrittsoptimismus immunisieren, vor dem ja auch Marx und Engels selbst nicht ganz gefeit waren. Die Entwicklung der letzten hundert Jahre hat der gleichzeitigen Skepsis über die kapitalistische Präformierung der Technik recht gegeben; diese müsste aber, viel deutlicher, als das in der Regel geschieht, zu einem kritischen Verständnis der Produktivkraftentwicklung führen. Denn faktisch ist es keineswegs so, wie Ernst Bloch noch in »Erbschaft dieser Zeit« gemeint hat, dass über die jeweils letzte Maschine Freude aufkommen muss. Erinnert sei an die Atomkraft oder die unkalkulierbaren Folgen der Gentechnologie. Es trifft nicht mehr bedingungslos zu, was Marx noch für den Kapitalismus in seiner Aufstiegsphase konstatierte, dass die Produktion um der Produktion halber »nichts heißt als Entwicklung der menschlichen Produktivkräfte, als Entwicklung des Reichthums der menschlichen Natur als Selbstzweck«.  

  Unter Verkennung der Dramatik der entstandenen Situation herrscht jedoch auch bei großen Teilen der Marxisten noch immer die Haltung vor, dass Sozialismus kaum mehr als die verbesserte Fortsetzung des Alten wäre. Für eine unbeschränkte Ausdehnung der Produktion ist es im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Planeten zu »eng« geworden: Die Rohstoffe werden knapp, und die Grenzen einer natürlichen Regenerationsfähigkeit sind längst überschritten. Auch die jahrhundertealte Praxis, toxische Abfälle im öffentlichen Raum zu entsorgen, ist (auch aufgrund einer dramatischen Zunahme ihrer Menge und Gefährlichkeit) kaum noch möglich.  

  Harich hatte angesichts der Zuspitzung der ökologischen Probleme recht, dass die Zukunftsgesellschaft keinen Überflusscharakter im Sinne des bürgerlichen Konsumismus haben kann. Über die Einsicht hinaus, dass kommunistischer Reichtum vorrangig mit qualitativen Maßstäben zu messen sei, scheint materielle Selbstbeschränkung nötig – und sinnvoll. Seiner Einschätzung, dass »eine im Überfluss lebende, eine aus dem vollen schöpfende kommunistische Gesellschaft«, wie sie die Marxisten bisher erwartet haben, wohl niemals geben wird, scheint kaum zu widersprechen zu sein. Jedoch ist seine alternative Vorstellung einer »asketischen Variante des Kommunismus« problematisch und der Vielschichtigkeit der Problemlage unangemessen.  

  Gegen ihn ist der Begriff des »Öko-Stalinisten« gebraucht worden – und ich denke, ihm wird das gar nicht so unangenehm gewesen sein. Jedoch genau darum geht es – ob eine administrative Verfügung der gesellschaftlichen Selbstbeschränkung der politischen Weisheit letzter Schluss ist. Sie würde auf das hinauslaufen, was Marx und Engels als »rohe Gleichmacherei« bezeichnet und ausdrücklich abgelehnt haben: die Vorstellung des Sozialismus als eine der Askese verpflichteten Gesellschaftsformation. Bucharin hat in dieser Traditionslinie recht, wenn er betont, dass »Askese (...) dem Sozialismus ebenso wie der puritanische Geist der Epoche der ursprünglichen kapitalistischen Akkumulation prinzipiell fremd« ist. Aber schließt das Selbstbeschränkung aus? Verzichtet jemand auf kulinarischen Genuss, wenn er Gänsebraten mag, jedoch keine zwei Kilo davon verzehrt?  

  Grundsätzlich ist es fraglich, ob die Art der Selbstbeschränkung, die sich aus der Ökologieproblematik ergibt, überhaupt etwas mit Askese im konventionellen Sinne zu tun hat: Ist es Askese, wenn ich eine Wanderung mache, statt mit dem Auto zu fahren? Versuche, die Lebens- und Konsumgewohnheiten den Reproduktionserfordernissen der Natur wieder anzunähern, müssen nicht automatisch als Einschränkung erlebt werden. 

Denn es bedeutet ja kein wirkliches Opfer, nur im Sommer die jahreszeitlichen Früchte zu verspeisen, statt auch im Januar die Erdbeeren mit Flugzeugen aus den entferntesten Weltregionen zu importieren. Dazu ist natürlich eine gesellschaftliche Atmosphäre der Selbstbesinnung nötig, die sich am ehesten einstellt, wenn die Menschen vom Existenzdruck der Konkurrenzgesellschaft befreit sind und ein selbstbestimmtes Verhältnis zu ihren Existenzgrundlagen besitzen. Pointiert gesagt: Selbstbestimmung und ökologische Selbstbesinnung bedingen einander. Soll sie den Problemkonstellationen angemessen sein, müsste Selbstbeschränkung vorrangig als ein qualitatives Problem verstanden werden, als Priorität essentieller Bedürfnisbefriedigung im Gegensatz zu einem aufzehrenden Konsumismus, der Befriedigung nur verspricht, sie jedoch niemals gewährt.  

  Neue Bedürfnisse   Das Gegenprinzip emanzipatorischer Selbsttätigkeit ist der Zwang, falsch zu produzieren und zu konsumieren: Ein Leben mit »Ramsch und Reklame« (Hacks) zu führen als die Kehrseite aufzehrender und fremdbestimmter Berufstätigkeit. »Jene Bedürfnisse sind die Male eines Zustandes, der seine Opfer zur Flucht zwingt und sogleich so fest in der Gewalt hält, dass die Flucht stets in die krampfhafte Wiederholung des Zustandes ausartet, vor dem geflohen wird.« (Adorno) Die Befriedigung manipulierter Bedürfnisse ist gleichzeitig Betrug, weil der Genuss an Entsagung gekoppelt ist.  

  Der von Marx zu Recht hervorgehobene Zusammenhang von Produktion und Konsum sollte nicht unbedacht bleiben. Er gilt allemal auch für die Zukunftsgesellschaft: Die gemeinwirtschaftlich orientierte Produktion wird auch die Konsumbedürfnisse und ihre Formen ändern. »Wenn es einmal kein Monopol mehr gibt, wird sich rasch zeigen, dass die Massen den Schund, den die Kulturmonopole (...) ihnen liefern, nicht ›brauchen‹.« (Adorno)  

  Den alten Bedürfnissen müssen neue entgegengesetzt werden, oder besser gesagt: Sie müssen sich aus der Vielfalt widersprüchlicher Bedürfnisstrukturen entwickeln. Das erfordert mehr, als »den Konsum der Individuen zu kontrollieren« (Harich), sondern bedingt einen kulturrevolutionären Prozess, durch den die äußere Befreiung durch eine »innere« komplettiert wird. Er müsste auch zur Befreiung von selbstunterdrückenden Bedürfnissen und psychische Deformationen beitragen, die in einer langen klassengesellschaftlichen Entwicklungsgeschichte entstanden sind. Qualitative Vorstellungen über den Reichtum menschlicher Wesenskräfte, die dazu einen Kontrast bildeten, fänden ihren Ausdruck ebenso in einem schöpferischen Weltverhältnis, wie in der Universalität der gesellschaftlichen Beziehungen der Individuen. 

Erst dann könnte, wie Engels es genannt hat, eine »Versöhnung der Menschheit mit der Natur und mit sich selbst« stattfinden.  

  Die Entwicklung einer Fähigkeit zum bereichernden Genuss setzt natürlich die Überwindung einer Gesellschaft voraus, in der diverse Formen des Mangels, um ihres Fortbestandes willen, künstlich am Leben erhalten werden. Beispielsweise der Mangel an existenzieller Sicherheit und sozialer Kohärenz – eingesetzt, um die Leistungsbereitschaft zu steigern und die Konkurrenzorientierung zu forcieren. Seinem Anspruch nach impliziert Kommunismus dagegen eine Arbeits- und Lebensweise nach Menschenmaß: Es muss nicht mehr alles automatisch größer und schneller werden, wenn die konsequente Gebrauchswertorientierung die Priorität des Tauschwerts und den Akkumulationszwang verdrängt hat. Eine zentrale Rolle innerhalb des historisch gewachsenen Möglichkeitshorizontes müsste die radikale Verkürzung der Arbeitszeit, also die Reduktion von Tätigkeiten mit Notwendigkeitscharakter spielen. Schon heute könnten die Arbeitszeiten, aufgrund des technologischen Entwicklungsniveaus und bei Fortfall der extremen Konkurrenzorientierung, so radikal abgesenkt werden, dass sie in ihrer notwendigen Form nicht mehr im Mittelpunkt, sondern nur noch am Rande des Lebens stünden. Schon dadurch würden Ressourcen im nennenswerten Umfang eingespart, wenn beispielsweise das Bedürfnis und die Notwendigkeit nach einer immer schnelleren Fortbewegung (die realkapitalistisch im Gleichschritt mit der erhöhten Verwertungsgeschwindigkeit des Kapitals wächst) verschwinden wird.  

  »Grüner Kapitalismus«   Der unter Druck geratene Kapitalismus hat sich ja durchaus (auch unter dem Gesichtspunkt neuer Anlagestrategien für das Kapital) auf den Weg gemacht, naturverträgliche Technologien zu entwickeln. Das Profitinteresse, aber auch die Dominanz des Verwertungsinteresses resourcenverschleißender »alter« Branchen, steht jedoch deren konsequentem Einsatz im Wege. Es gibt die eine oder andere Einschränkung, die aber einen zunehmenden Raubbau an der Natur nicht verhindert. Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache: Der Schaden, den die 3.000 weltweit größten Konzerne verursachen, beläuft sich jährlich auf 1,3 Billionen Dollar. Es ist keinesfalls so, dass durch die Zunahme »immaterieller« Ökonomiebereiche die Bedeutung der materiellen Produktion abgenommen hätte, wie von einer Vielzahl von Legitimationsrednern behauptet wird. Denn kaum ein industrieller Arbeitsplatz der in den kapitalistischen Hauptländern abgebaut wurde, ist verschwunden, sondern meist in den aktuellen Freibeuterzonen des Kapitals neu entstanden. In seinen wesentlichen Teilen ist das »Immaterielle« Bestandteil der materiellen Produktion (ganz gleich, auf welchem Punkt des Planeten sie stattfindet), sichert ihren Bestand und ihre Funktionsfähigkeit.  

  Es ist Skepsis angebracht, ob ein »grüner Kapitalismus« prinzipiell überhaupt möglich ist. Wenn die »ökologische Orientierung« mehr als nur Fassade sein soll, drängt sich die Frage auf, ob ohne erweiterte Reproduktion (letztlich also »Wachstum«) Kapitalismus sich nicht selbst in Frage stellt. Den Sozialistinnen und Sozialisten mag das ja nur recht sein, aber es ist zu vermuten, dass der Wille zu ökologischer Veränderung nicht mit der Bereitschaft einhergeht, Konsequenzen zu ziehen, die der Reproduktion des Kapitalverhältnisses gefährlich werden könnten. 

Zuallererst will »der Kapitalismus (...) nicht die Naturbasis der Gesellschaft retten, er will sich selber retten, und dazu braucht er Wachstum, d. h. Kapitalakkumulation, die aus den Schwierigkeiten der ökologischen Krise Profit herauswirtschaftet, und wenn die Gesellschaft dabei zugrunde geht« (Harich). Es erodiert der gesellschaftliche Zusammenhang, wenn sich das Kapital nicht beständig durch Mehrwert vermehren kann. In der realen Geschichte existierte »einfache Reproduktion« nur in »stationären«, urzeitlichen Gesellschaften. Jede Weiterentwicklung setzte ein Mindestmaß der Produktionsausdehnung über das notwendige Maß unmittelbarer Existenzsicherung hinaus. Deshalb stellt sich auch einer sozialistischen Gesellschaftsformation die Frage, ob ohne eine erweiterte Reproduktion ein humanes gesellschaftliches Entwicklungsniveau langfristig aufrechterhalten werden kann. Man mag das im Sinne Harichs für möglich halten, aber mit einem bloßen Appell zur Selbstbeschränkung ist es nicht getan.  

  Für den Kapitalismus ist die Hoffnung auf ein Reproduktionsprogress »mit Augenmaß« deplaziert. »Grüne« Aktivitäten und Konzepte haben Hochkonjunktur – und dennoch schreitet die Naturzerstörung in den entscheidenden Bereichen weiter voran. Trotz eines vorhandenen Problembewusstseins sind überzeugende Lösungskonzepte nicht in Sicht: Versuche einer Reduktion des klimaverändernden Schadstoffaustoßes sind über ein Anfangsstadium nicht hinausgekommen. Die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen gleicht einem verzehrenden Flächenbrand, dem die Feuerwehr weitgehend hilflos gegenübersteht. Faktisch wird mittlerweile der Produktionismus kaum noch als Problem wahrgenommen. Auch »Lösungskonzepte« bleiben ihm nur zu oft verpflichtet: Der Individualverkehr soll durch Elektroautos, weitgehend jedoch durch Hybridfahrzeuge, die immer noch einen beträchtlichen Energieanteil fossilen Ursprungs benötigen, gerettet werden, während die kollektiven Personentransportsysteme stagnieren oder gar regelrecht verkommen. Ihre Privatisierung ist eine demonstrative Entscheidung gegen ökologische Veränderungsperspektiven. Zwar steigt der Anteil »alternativer Energien« an der Gesamterzeugung, jedoch wächst insgesamt der Energiebedarf global in einem rasanten Tempo. Gesamtwirtschaftlich gesehen wird der Konkurrenzdruck weiter ein entgrenztes und bedenkenloses »Innovationsstreben« bewirken, das vielleicht mit geringerem »materiellen« Einsatz auskommt, dafür aber um so mehr Lebensenergie der Beschäftigten verschlingt, intellektuelle Kapazitäten und schöpferische Phantasie auf die Tauschwertproduktion konzentriert: Es ist die angeblich »leichte« und »immaterielle« Ökonomie, die von Hetze geprägt ist und bei den Beschäftigten ein permanentes Gefühl der Überforderung erzeugt. 

Mag sich auch unter kapitalistischen Bedingungen die Intensität des Naturzerstörung verringern, der Raubbau am Menschen wird zunehmen.  

  Zukünftiges   Es wird Aufgabe der kommunistischen Sozietät (aber viel drängender natürlich noch der ihr vorausgehenden Übergangsgesellschaften) sein, die gesellschaftlichen Verständigungsprozesse über das Mögliche und Wünschenswerte zu organisieren. Auf der Basis des schon heute erreichten technologischen Entwicklungsniveaus wird die gesellschaftliche Grundversorgung mit einem für den einzelnen sehr geringem Aufwand an Arbeitszeit möglich sein. Denn wenn die zum gesellschaftlichen Fortbestand notwendige Arbeit auf alle Arbeitsfähigen verteilt und auf vieles Überflüssige (und mittlerweile oft auch Absurde) verzichtet wird und wenn der aus dem Konkurrenzkampf resultierende Verschleiß ökonomischer Kapazitäten ebenso nicht mehr anfallen würde wie die aus der kapitalistischen Widerspruchsdynamik resultierenden Kosten durch Arbeitslosigkeit, psychische Ausplünderung der Menschen oder Naturzerstörung, bräuchte der individuelle Einsatz für die gesellschaftlich notwendige Reproduktionsarbeit monatlich kaum den Umfang übersteigen, der heute wöchentlich nötig ist.  

  Die Gewährleistung einer effektiven Grundversorgung wäre Aufgabe zentraler Strukturen, die man jedoch nicht zum Hyperstaat, gar einer »diktatorischen Weltregierung« wie Harich sagt, aufbauschen muss. In diesem Begriff liegt nämlich ein logischer Widerspruch: Wäre die Entwicklung so weit vorangetrieben, dass eine »Weltregierung« Realisierungschancen hätte, wäre wahrscheinlich ein solch übergestülpter Staatspanzer überflüssig. Denn Voraussetzung ihrer Installierung wäre die Überwindung imperialistischer Konkurrenzverhältnisse und zumindest die Beseitigung monopolistischen Privateigentums.  

  Dennoch: In einem allgemeinen Sinne ist Harichs Definition plausibel, dass »Kommunismus (...) gerechte Verteilung, konsequent, radikal durchgeführt« heißt. Leider hört sich das so an, als ob staatlicher Interventionismus und nicht gesellschaftliche Selbstverwaltung notwendig wäre. Aber ist das dann wirklich Kommunismus? Ist dessen Substanz nicht eben die gesellschaftliche Selbstverwaltung? Verstehen wir den Kommunismus als eine Gesellschaft, in der die Menschen die Gestaltung ihrer Lebensbedingungen in die eigenen Hände genommen haben, ist auch zu vermuten, dass viele Dinge, die heute »professionalisiert« und kommerzialisiert sind, wieder in die unmittelbaren Lebenszusammenhängen reintegriert und zu Alltagsangelegenheiten werden.  

  Wie das Leben in der Zukunftsgesellschaft sich konkret organisiert, kann nicht präzise erörtert werden. Jedoch wird es mit großer Sicherheit in anderen Formen geschehen, als ein kapitalistisch geprägter Geist es sich vorzustellen vermag, denn auch in den Bildern grüner »Idyllen« macht »kapitalistischer Geist« sich noch bemerkbar, nicht zuletzt, weil sie von einer spezifischen Form von Weltfluchtbedürfnissen geprägt sind. Das Neue kann nicht einfach die Fortsetzung des Alten sein; es entfaltet sich erst nach dem Bruch mit ihm.  

 

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Rationale Naturzerstörung  

Der Mensch lebt im »Anthropozän« – oder eher im »Kapitalozän«? Zum Streit um einen Namen für das Zeitalter eines kaputten Planeten  

Elmar Altvater 

In: junge Welt online vom 01.02.2016 

 

 Wir leben, lieben und leiden in einer kapitalistischen Gesellschaft, oder, wie einige vorziehen zu sagen, in und unter der »imperialen Produktions- und Lebensweise«.1 Wir tragen Verantwortung für deren Schlamassel, für Krisen und Arbeitslosigkeit, für den Terror des Kriegs gegen den Terror, für globalisierten Datenklau, Massenflucht aus Not und Elend, den drohenden Klimakollaps oder auch den Raketen- und Satellitenmüll, den wir im erdnahen Weltall um den Planeten kreisen lassen. In der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft haben nicht nur wir Menschen, wir Herren (und Damen) der Schöpfung, uns verändert, wir haben auch den Planeten in einem Maße umgewandelt, das in der viereinhalb Milliarden Jahre zählenden Geschichte dieses Himmelskörpers bisher nicht vorgekommen ist, jedenfalls nicht durch das Werk seiner Bewohner. Die bisherigen großen Katastrophen der Erdgeschichte wurden durch Einschläge von Meteoriten verursacht.  

  Die Spur des Menschen   Nun aber lassen uns die Geologen erahnen, in welchem Ausmaß die Menschen, die manchmal noch verniedlichend als »Erdenwürmer« bezeichnet werden, in der nicht lebendigen Na tur (ebenso wie unter den Lebewesen) ihre Spuren hinterlassen haben. Geologische Pfadfinder können eine unverkennbare Signatur der ökologischen Zerstörung in den Gesteinsschichten der Erde, sozusagen in der von den Menschen hinterlassenen Müllhalde, lesen. Evolutionsbiologen beklagen bereits das in der Erdgeschichte »sechste Artensterben«. »Der Mensch schreibt Naturgeschichte«2, denn er hat es ausgelöst.  

  Die Gesteinsschichtenleser, das sind die Stratigraphen unter den Geologen, wollen nun überprüfen, in welchem Ausmaß die Menschen bereits die Erde umgewälzt haben. Eine Kommission für Stratigraphie in der Internationalen Union für Geowissenschaften wird im Herbst 2016 auf einer Tagung in Kapstadt bilanzieren und darüber entscheiden, in welchem Erdzeitalter wir leben: »noch« in der Warmzeit des Holozän oder schon in einem neuen, vom Menschen gestalteten Erdzeitalter.  

  Der Anspruch, die äußere Natur und andere Menschen zu beherrschen und auszubeuten, ist nicht auf dem Mist der gegenwärtigen Generationen gewachsen. Er existiert schon seit langer Zeit, wie das biblische Gebot aus dem Ersten Buch Moses, 1. Kapitel, Vers 28 verrät: »Seid fruchtbar und mehret euch, und füllet die Erde, und macht sie euch untertan«. Diese (monotheistische) Weltsicht wird nicht von allen Religionen geteilt, nicht vom Konfuzianismus, nicht vom Buddhismus, nicht vom Hinduismus.  

  Den Auftrag des biblischen Gottes haben seine Ebenbilder trotz aller Anstrengungen bis heute nicht vollständig erfüllen können. Dabei waren die klimatischen Bedingungen seit dem Ende der Eiszeit und dem Beginn der Warmzeit des sogenannten Holozän vor etwa 11.700 Jahren so günstig für die Entstehung und Verbreitung der Hochkulturen auf Erden wie in den Milliarden Jahren zuvor niemals. Die Bibel und ihre Gebote gibt es folglich erst seit einigen tausend Jahren. Oder, wie Geologen uns in Erinnerung rufen, indem sie die gesamte Erdgeschichte mit 100 Prozent ansetzen: das Holozän macht gerade einmal 0,00026 Prozent der Erdgeschichte aus.  

  Unter den günstigen Umständen des Holozän sind auch interkontinentale Migrationsbewegungen ausgelöst worden, ohne die weder Europa noch die beiden Amerikas bevölkert wären. Das Menschengeschlecht hätte sich lediglich endemisch in Ostafrika verbreitet. Inzwischen aber ist der Planet den Menschen untertan, und zwar mit allem, was im Meer schwimmt, unter dem Himmel fleucht und auf Erden kreucht. Und die Menschen haben sich auf allen Kontinenten ausgebreitet, mit den erwähnten Folgen, dass ihre Spuren in den Gesteinsschichten, aber auch in der Erdatmosphäre und daher an den Änderungen der Strahlenbilanz des Planeten nachgewiesen werden können. 

Die Erde wird nämlich, wie inzwischen jedes Schulkind weiß, wärmer.  

  Daher ist die Frage gerechtfertigt, ob wir noch in dem für menschliche Evolution so günstigen Holozän leben, aus dem die Moses-Erzählung von der Schöpfung unserer Erde stammt, oder »schon« in einem möglicherweise noch wärmeren neuen Erdzeitalter, dessen Naturbedingungen von den Menschen mitgeschaffen worden sind. Die Kommission der Stratigraphen wird dann auch darüber zu befinden haben, welchen Namen das vom Menschen zu verantwortende Erdzeitalter haben sollte. Der Name Paradies taucht in der Nomenklatura nicht auf.  

  Dialektik der Aufklärung   Statt dessen schallt es aus dem Elfenbeinturm: Anthropozän sollst du heißen! Viele Seminare, Kongresse und sogar Ausstellungen wie im Berliner »Haus der Kulturen der Welt« 2013/14 haben sich mit dem Anthropozän geheißenen Neuling unter den Erdzeitaltern beschäftigt. Auch Sozialwissenschaftler folgen dem Trend, nicht selten ohne nachzudenken, was dies für ihr Kategoriensystem bedeutet. Sind Kapitalismus und die imperiale Lebensweise out, wenn doch der Mensch, der Anthropos, nicht nur die Geschichte der Produktions- und Lebensweise, sondern im Anthropozän Erdgeschichte schreibt? Müssen sich Sozialwissenschaftler nicht nur mit der Gesellschaft, den politischen Herrschaftsprozessen, der Politischen Ökonomie und ihrer Kritik auseinandersetzen, sondern auch mit der Geologie und anderen Naturwissenschaften, also mit den anderen mehr als 99 Prozent der Erdgeschichte, wo sie doch schon große Mühe haben, die weniger als ein Prozent von deren Existenz zu verstehen.  

  Die zivilisatorische Entwicklung im Holozän hat nach mehr als 10.000 Jahren auch die Moderne des kapitalistischen Weltsystems hervorgebracht. 

Seine Anfänge ereigneten sich im menschheitsgeschichtlich »langen 16. 

Jahrhundert« mit der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals, zunächst in England, dann auf dem europäischen Festland und schließlich als Globalisierung auf der gesamten Erdkugel. Dabei ist häufig übersehen worden, dass die Ausbreitung des kapitalistischen Weltsystems mit der Rationalität in die Wege geleitet worden ist, die später den Namen »Aufklärung« als Epochenbezeichnung erhalten hat. Macht euch die Erde untertan, aber die rationalen Methoden, die manichäischen Unterscheidungen von gut und böse, die ihr dabei verwendet, haben zur Folge, dass ihr des Todes seid, warnt »der liebe Gott« die ersten Menschen. Der Sündenfall war der Verzehr der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis. Im ersten Buch Mose kommen wir bereits mit der Mehrdeutigkeit der Aufklärung, mit ihrer Dialektik in Kontakt.  

  Ist nicht die Bezeichnung »Nekrozän« angesichts des von Menschen zu verantwortenden Massensterbens von Arten und der Verwandlung von einst lebendigen Landschaften in gigantische Friedhöfe, in eine riesige Nekropolis, angemessener als Name des neuen Zeitalters, fragt Justin McBrien in einem Sammelband, der gerade von dem Umwelthistoriker Jason Moore unter dem Titel »Anthropocene or Capitalocene?« herausgegeben wird?3 Sollten wir es nicht »Chthulucene« nennen, provoziert ironisch die Feministin Donna J. Haraway in ihrem Beitrag zu dem zitierten Sammelband. 

Namen sind alles andere als Schall und Rauch. Sie sind für unsere Wahrnehmung von Problemen, für unsere Kommunikation über sie und für die Perspektive, in der wir über Problemlösungen kollektiv nachdenken, von großer Bedeutung. Leugnen wir das neue Erdzeitalter und befinden, dass Klimawandel, Artensterben, Versauerung der Ozeane oder Vermüllung und Vergiftung der Böden, der Gewässer und sogar des erdnahen Weltalls für unsere Existenz als Menschen nichts grundlegend ändern, könnten wir so weitermachen wie bisher; irgendwie wurschtelt der Mensch sich durch.  

  Verzicht oder Geoengineering   Nennen wir das neue Erdzeitalter Anthropozän, dann ist der Mensch, der Anthropos, individuell oder kollektiv, im Großen wie im Kleinen für die Lösung der auf Erden von ihm als gesellschaftlichem Wesen angerichteten Probleme verantwortlich. Dann kann der zerstörerischen »imperialen Lebensweise« mit Konsumverzicht begegnet werden. Der individuelle oder kollektiv organisierte Verzicht setzt immer eine Entscheidung voraus, und verzichten kann man, auch ohne die gesellschaftlichen Verhältnisse umzuwälzen. Zur Bewältigung der ökologischen Probleme beim Übergang vom Holozän zum Anthropozän trägt die nette Geste des Verzichts allerdings so gut wie nichts bei.  

  Der Urheber der Bezeichnung Anthropozän, der Atmosphärenchemiker und Nobelpreisträger Paul Crutzen will dem menschengemachten Klimawandel hingegen mit Technologie, mit Geoengineering zu Leibe zu rücken, mit »Radiation management«, oder »Carbon capturing and storage«. Die Sonne könnte verdunkelt werden, indem Licht absorbierende Substanzen in die oberen Schichten der Atmosphäre gesprüht werden. Man könnte auch die dorthin gelangten Treibhausgase wieder »einfangen« und dann in die Kavernen verpressen, die wir beim Brechen der Kohlenflöze oder beim Abpumpen von Öl und Gas in den Böden hinterlassen haben. Die Technologien des Kapitalismus, mit denen Treibhauseffekt und andere ökologische Probleme verursacht wurden, sollen also das auf dem Planeten Erde angerichtete Unheil wiedergutmachen. Von solchem Vorhaben hat schon Albert Einstein gesagt, es sei verrückt. Doch diese Verrücktheit ist bereits der Art und Weise eingeschrieben, wie die ökologischen Probleme begrifflich erfasst und wie politisch Lösungsmuster entworfen werden.  

  Die Weichen sind in dem für die menschliche Entwicklung so günstigen Holozän falsch gestellt worden, so dass wir im Anthropozän ankommen, obwohl wir gar nicht dorthin wollten. Es geht uns wie Kolumbus, der 1492 aufgebrochen ist, den Seeweg nach Indien zu finden und Amerika entdeckte. 

Das deutsche Bahnnetz verfügt über etwa 77.000 Weichen, die Evolution der lebendigen Natur über unendlich viel mehr, durch die ihre Richtung, ihre Wege, ihre Um- und Abwege bestimmt werden. Die handelnden Subjekte haben diesen Gesamtkomplex, dieses »Web of life«, wie Jason Moore es nennt4, nicht im Blick. Sie folgen der begrenzten Rationalität der Moderne, die auf Beschleunigung zielt, wenn nötig, wie in Deutschland, mit einem »Wachstumsbeschleunigungsgesetz« plus »Schuldenbremse«.  

  Zur Beschleunigung wird Energie benötigt, fossile Energie. Also folgte während des Holozän nach der Geburt des kapitalistischen Weltsystems im 16. Jahrhundert ein zweiter qualitativer Sprung mit dem Übergang zur Industrie und der systematischen Nutzung der fossilen Energieträger – der Kohle, des Öls, des Erdgases – seit dem frühen 19. Jahrhundert und der Kernkraft seit etwa der Mitte des 20. Jahrhunderts.  

  Der Übergang zum vollständig ausgebildeten Kapitalismus war mithin ein langwieriger Prozess, der schon im 14. Jahrhundert (in Europa) begann und der sich mit der industriellen Revolution und dann nochmals nach den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts beschleunigte. »Four cheaps« (Jason Moore) sorgten zunächst für den Antrieb: billige Arbeitskraft aus den kolonialen Eroberungen und der Versklavung von Millionen Menschen vor allem aus Afrika; billige Rohstoffe aus den Bergwerken Lateinamerikas, Afrikas und Asiens; billige Nahrungsmittel aus den Kornkammern der globalisierten Welt und nicht zuletzt billige Energie. Die Plünderung der Natur und die Ausbeutung der Menschen waren günstig für die Profite und daher für Kapitalakkumulation und Wachstum.  

  Produktiv- bzw. Destruktivkräfte   Allerdings müssen Energieträger nicht nur billig sein, sie müssen eine hohe Energiedichte und einen hohen »Energy return on energy invested« (EROEI) aufweisen. Mit fossilen Energieträgern und geeigneten technischen Systemen der Energiewandlung kann der Feuergott Prometheus die Langsamkeit der Menschen, wenn sie auf ihre körpereigenen, »endosomatischen« Kräfte angewiesen sind, beenden und ungeahnte »exosomatische« Kräfte entfalten. So können die Produktivität der Arbeit um ein Vielfaches gesteigert und das Wachstum der Wirtschaft stimuliert werden. Tatsächlich zeigen die Datenreihen der »longue durée« (dt. lange Dauer, nach dem französischen Historiker Fernand Braudel), dass mit der industriellen Revolution des ausgehenden 18. 

und beginnenden 19. Jahrhunderts das Wachstum der Wirtschaft einen Schub bekommt. Seitdem hat sich in den Industrieländern das Pro-Kopf-Einkommen von einer Generation zur nächsten verdoppelt.  

  Es vervielfacht sich auch die Destruktivkraft durch die Nutzung der fossilen und nuklearen Energien, am furchtbarsten verdeutlicht durch die Atombomben, die nuklearen Tests seit 1945 und die Katastrophen in den Kernkraftwerken seit den 1950er Jahren. Der Eintrag von Radionukleiden in die Erdsphären gilt vielen Geologen als Indikator für den Beginn des Anthropozän.  

  Es vervielfacht sich seit der industriellen Revolution aber auch der sonstige Schadstoffeintrag in die Sphären der Erde. Anders als in der Ökonomie mit ihren Zyklen von Konjunkturen und Krisen haben in der Natur die Prozesse der Stoff- und Energietransformation kumulative Auswirkungen. 

Die Schadstoffe reichern sich an: in der Atmosphäre als Treibhausgase, in der Pedosphäre als Umweltgifte (Pestizide, Fungizide etc.), in der Hydrosphäre als zu feinen Partikeln zerriebener Plastikmüll.  

  In einem geschlossenen System wird irgendwann der Punkt erreicht, an dem das System instabil wird und umkippt. Das befürchten Metereologen für das Klimasystem, und dann bestätigt sich der bereits erwähnte Vorbehalt aus dem Buch »Genesis« gegenüber der Fähigkeit der Menschen, mit den Früchten der Erkenntnis umgehen zu können. Sie können es nicht.  

  Das ist die Stunde von Geologen, z.B. aus der international zusammengesetzten Gruppe um Johan Rockström. Sie definieren »Planetary boundaries« für die wichtigsten Stoff- und Energiezyklen (von der Ressourcenentnahme bis zur Schadstoffemission) und deren Rückkopplungen, also die Spielräume, in denen sich die heutige Menschheit »sicher« vor ökologischen Überraschungen bewegen könnte.5 Diese für einzelne Länder, Regionen und Kommunen genauer auszuloten, das hat sich eine neue Forschungsrichtung zur Aufgabe erkoren: die »Resilienzforschung«, mit der inzwischen nicht wenige junge Sozialwissenschaftler ihre Brötchen verdienen.  

  Auf dem Weg zur Selbstabschaffung   Doch erst wenn auch in der Bezeichnung für das neue Erdzeitalter zum Ausdruck gebracht wird, dass es die Menschen in der Gesellschaftsformation des Kapitalismus waren und sind, die ihre eigene Gesellschaft und die Natur des Planeten zugrunde richten, können überhaupt Lösungen jenseits des bornierten kapitalistischen Horizonts ausgelotet und in den Fokus des Handelns gerückt werden.  

  Mit Worten lässt sich trefflich streiten, sagt Mephisto im »Faust«, doch erst wenn sie in Begriffe verwandelt worden sind, eignen sie sich als Wurfgeschoss in politischen Auseinandersetzungen, wie sich Marx vom »Kapital« erhoffte.6 In diesem Fall geht es bei der Begriffsbildung darum, dass der »gesellschaftliche Gesamtzusammenhang« der historischen Dynamik von Erdformation und Kapitalakkumulation erfasst wird, so wie es Marx in den »Exzerpten und Notizen zur Geologie, Mineralogie und Agrikulturchemie« und Friedrich Engels in seiner nicht fertiggestellten Schrift zur »Dialektik der Natur« gezeigt haben.7 Wir müssen dann aber auch bereit sein, Marx und Engels neu zu lesen und neben den philosophischen Schriften und der Kritik der Politischen Ökonomie auch die naturwissenschaftlichen Fragestellungen und Studien dazu in einen »modernen Marxismus« integrieren.  

  Marx benutzte den Ausdruck der Gesellschaftsformation, und zwar in Anlehnung an den aus der Geologie entlehnten Begriff der Erdformation. Er hat sich intensiv mit geologischen Fragen beschäftigt und viele naturwissenschaftliche Publikationen gelesen und exzerpiert.8 In einer Fußnote in der »Deutschen Ideologie« aus dem Jahr 1845/46 hielt Marx als Merkposten fest: »Hegel. Geologische, hydrographische etc. 

Verhältnisse«. Er wollte also den Kapitalismus als eine gesellschaftliche und zugleich als eine Formation von Natursystemen bestimmen und analysieren. Darauf verweisen die im Band 31 der (vierten Abteilung) der Marx-Engels Gesamtausgabe (MEGA) auf etwa 1.000 Seiten gesammelten naturwissenschaftlichen Exzerpte und Notizen von Marx. Sie zeigen jedenfalls, wie ernst Marx den von ihm im erste Band des »Kapital« als »Springpunkt« der Kritik der Politischen Ökonomie bezeichneten Doppelcharakter der Arbeit genommen hat.  

  Die menschliche Arbeit im Kapitalismus erzeugt zugleich ökonomische Werte, denen eine bestimmte kapitalistische Formbestimmtheit zukommt, und sie transformiert Stoffe in Gebrauchswerte. Dabei sind die Gesetze der Evolution für die lebendige Natur und die der Thermodynamik für die unbelebte Natur so entscheidend wie die Gesetze der Akkumulation des Kapitals in der Ökonomie, in Wertbildung und Verwertung. 

Gesellschaftsgeschichte ist also Naturgeschichte, weil bei aller Naturveränderung deren Gesetzmäßigkeiten zu berücksichtigen sind. In der »Deutschen Ideologie« heißt es: Voraussetzung ist, »dass die Menschen imstande sein müssen zu leben, um ›Geschichte machen‹ zu können. […] Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse, die Produktion des materiellen Lebens selbst, und zwar ist dies eine geschichtliche Tat, eine Grundbedingung aller Geschichte …«  

  Beim Einwirken des Menschen auf die Natur steigt die Entropie. Das ist unvermeidlich, weil das gegenüber der einstrahlenden Sonnenenergie offene solare Energiesystem seit der industriellen Revolution von einem geschlossenen fossilen Energiesystem ergänzt worden ist. Die energetischen Inputs stammen aus der Erdkruste, und der Output landet als Treibhausgas in der Lufthülle der Erde. Dies geschieht zum Nutzen der Menschen, deren Bedürfnisse erfüllt werden. Diese können sehr weit gestreut sein, von der Stillung des Hungers oder dem Bedürfnis nach Wärme bis zur Befriedigung ästhetischer Ansprüche. Dabei sind Emissionen unvermeidlich, die nicht durch Energiezufuhr von einer Quelle außerhalb des Planeten Erde kompensiert werden können.  

  Mit dem Kapitalismus entsteht auch der Weltmarkt; »den Weltmarkt zu schaffen ist unmittelbar im Begriff des Kapitals selbst gegeben«.9 Diese »propagandistische Tendenz« führt dazu, dass in der kapitalistischen Produktionsweise von den Metropolen Kolonien erobert, militärisch und politisch beherrscht und ökonomisch ausgebeutet worden sind, dass sich Kolonialmächte zu Imperien fortentwickelten, die miteinander in Konflikt gerieten und Kriege gegeneinander führten, die im 20. Jahrhundert Weltkriege wurden. Auch dass die Ressourcen der Welt geplündert und die Sphären der Erde überlastet werden, ist dieser Tendenz geschuldet.  

  In einem Zeitraum von weniger als zehn Jahrtausenden, während eines Wimpernschlags in der Erdgeschichte also, haben sich die Menschen im Verlauf des warmen Holozän den Planeten tatsächlich untertan gemacht und dies seit der »Genesis« mit einer Rationalität, die den Gesamtzusammenhang des »Web of life« nicht zu erfassen vermag und daher ausgesprochen rationale Naturzerstörung betreibt. »Der Traum der Vernunft gebiert Monster« hat Francisco de Goya in seinen »Caprichos« gezeichnet. 

Der Umfang der Naturzerstörung hat im industriellen Zeitalter Ausmaße einer »Selbstverbrennung« in der menschengemachten Klimakrise angenommen.10 Die Menschen verwandeln also das für Evolution und Zivilisation so günstige Holozän in das ihm und dem Leben auf Erden überhaupt feindliche Anthropozän.  

  Doch ist es nicht »der Mensch«, der die Unbill von Klimawandel und Naturzerstörung zu verantworten hat, sondern der Mensch in der kapitalistischen Produktionsweise, im Kapitalozän. Dieses gilt es zu überwinden, durch den radikalen Ausstieg aus der fossilen, imperialen Produktions- und Lebensweise. Vor genau 500 Jahren, zu Beginn des Kapitalismus, veröffentlichte Thomas Morus seine Schrift Utopia. Darin deutet er an, dass das Zusammenleben der Menschen besser mit Gemeinschaftsgütern, solidarisch, geschlechtergerecht, unter Nutzung aller Möglichkeiten der Arbeitszeitverkürzung und im Frieden mit der Natur gestaltet werden kann. Das wäre die Alternative zum Kapitalozän. 

Alternativen sind in Realpolitik umgesetzte Utopien.  

  Anmerkungen  

  1 So Ulrich Brand und Markus Wissen (2013): »Crisis and Continuity of Capitalist Society-Nature Relationships: The Imperial Mode of Living and the Limits to Environmental Governance.« Review of International Political Economy, Vol. 20, Heft 4: 687–711  

  2 Das ist der Titel des Buches von Elizabeth Kolbert, Das sechste Sterben, Berlin 2015  

  3 Jason Moore (Hg.): Anthropocene or Capitalocene? Nature, History, and the Crisis of Capitalism, London 2016  

  4 Eine kurze deutschsprachige Zusammenfassung des Ansatzes von Jason Moore ist unter dem Titel: Endlose Akkumulation? Die nicht bezahlten Quellen des kapitalistischen Reichtums, in Lunapark 21, Heft 32, Winter 2015/16 zu finden  

  5 Rockström, Johan et al. (2009): Planetary Boundaries: Exploring the Safe Operating Space for Humanity, in: Ecology and Society, Vol. 14, Heft 2 (http://www.ecologyandsociety.org/vol14/iss2/art32/)  

  6 Das »Kapital« sei das »furchtbarste Missile, das den Bürgern … noch an den Kopf geschleudert worden ist«. So Marx in einem Brief an Johann Philipp Becker vom 17. April 1867, in: MEW, Bd. 31, S. 541  

  7 Karl Marx: Exzerpte und Notizen zur Geologie, Mineralogie und Agrikulturchemie, März bis September 1878, Bd IV/26 der MEGA, Berlin 2011; Friedrich Engels: Dialektik der Natur, in: MEW, Bd. 20; vgl. auch Elmar Altvater, Engels neu entdecken, Hamburg 2015  

  8 Dazu vgl. die Ausführungen von Martin Hundt: Wie und zu welchem Ende studierte Marx Geologie? In: Sitzungsberichte der Leibniz-Societät der Wissenschaften, Band 121, Jahrgang 2014, S. 1117–1134  

  9 Karl Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie (Rohentwurf 1857/58), S. 311, Berlin 1953  

  10 Das ist der reißerische Titel des Buches von Hans Joachim Schellnhuber: Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff, München 2015  

 

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