»Die männliche Dominanzrolle ist von vorgestern«  

Statt Abschiebungen zu fordern, sollte Sexualstrafrecht verschärft werden, um Frauen zu schützen. Ein Gespräch mit Christian Pfeiffer  

Gitta Düperthal 

In: junge Welt online vom 16.01.2016 

 

Herr Pfeiffer, was ist aus kriminologischer Sicht nach den Kölner Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht wichtig, um künftig sexueller Gewalt präventiv zu begegnen? 

Die näheren Umstände, was in Köln vorgefallen ist, sind noch nicht geklärt. Wir müssen aber die Fakten anschauen. Etwa 300.000 oder 400.000 junge Männer aus arabischen und nordafrikanischen Ländern sind vor dem Krieg nach Deutschland geflüchtet oder aus wirtschaftlichen Gründen gekommen. Sie sind hier sozial noch nicht integriert und in Ländern aufgewachsen, in denen die Frauen den Männern gehorchen müssen. Hier müssen sie registrieren, sich in unserem System hinten anstellen zu müssen; was nicht leichtfällt. Wenn die deutsche Mehrheitsgesellschaft nun präventiv etwas dagegen tun will, dass sie in inadäquate Verhaltensmuster fallen, sollten wir die muslimisch geprägten Menschen als Partner gewinnen. 

Befürchten Sie nicht, mit Ihrem Ansatz den Zulauf zu rassistischen Bewegungen zu fördern? 

Nein, ich bin der Meinung, dass Menschen, die dies verschweigen und unter den Teppich kehren wollen, das Geschäft von Pegida betreiben. Seit 1998 habe ich zur Machokultur bei jungen Männern aus diesen Ländern geforscht, es stets offen angesprochen und damit nur gute Erfahrungen gemacht. Ein Beispiel: Damals waren unsere größten Sorgenkinder türkische Jugendliche, die von ihren Eltern häufig geschlagen wurden. Ihre Gewaltrate war dreimal so hoch wie bei Deutschen. Diese Forschungsresultate hatten wir in der türkischen Zeitung Hürriyet publiziert, wo ich die Probleme schilderte, die so entstehen. Später bat mich ein Göttinger Imam, meinen Vortrag in der örtlichen Moschee zu wiederholen. Ich sagte zu – aber nur unter der Bedingung, dass auch Frauen teilnehmen. Der Imam hatte also ermöglicht, in seiner Gemeinde zu sagen, dass Frauen und Männer gleichrangig und anderslautende Traditionen überholt sind. Nach zunächst angespannter Atmosphäre hatte es dort untereinander eine lebendige Debatte gegeben, die mir ein Dolmetscher übersetzte. 

Es gibt also positive Entwicklungen? 

Ja, bei einer ersten Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover (KFN) 1998 waren türkischstämmige Jugendliche zu 41 Prozent überzeugte Machos; deutsche zu sieben Prozent. 2013 dann zehn Prozent türkische, zwei Prozent deutsche. 

Sie sind kein Repräsentant derer, die nach sofortigen Gesetzesverschärfungen rufen. Was halten Sie davon, dass die Bundesregierung aus Union und Ihrer Partei, der SPD, schneller abschieben will? 

Vor allem ist es an der Zeit, eine längst vorbereitete Reform durchzusetzen, um das Sexualstrafrecht zu verschärfen – unabhängig von den Ereignissen in Köln. Damit in unserer Gesellschaft eine Vorstellung davon entsteht, was strafbar sein muss, und entsprechende Übergriffe als sexuelle Nötigung geahndet werden können. Das Androhen von Ausweisungen ist dagegen verbale Kraftmeierei von Politikern, um zu beruhigen. Noch sind keine Täter überführt oder gar verurteilt. 

Könnte Pegida solche Ankündigungen von Politikern nutzen, um Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen? 

Deren Anhänger sind oft Brüder im Geiste von gleichermaßen rechts außen orientierten Männern anderer Kulturen: ebenso gewaltorientiert, sie spielen häufig dieselben Computerspiele, haben eine ähnliche Überzeugung davon, was »ein richtiger Kerl« ist. Das Machoproblem ist das größte Integrationshindernis in eine demokratische Kultur, egal aus welcher Nation jemand stammt. Die männliche Dominanzrolle ist von vorgestern, dagegen müssen wir angehen. 

Wie denn? 

Der Bundeshaushalt hat 2015 mehr als zehn Milliarden Überschuss erwirtschaftet. Genug Geld, um Integration von Flüchtlingen zu leisten, damit sie nicht passiv in Unterkünften herumsitzen, Frust und Langeweile schieben. Migranten, die länger hier leben, könnten dabei – tarifgerecht bezahlt – als Dolmetscher behilflich sein. 

 

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Wider den 
#Geschlechterkampf 

Zur Debatte nach den Übergriffen auf Frauen in Köln 

Sarah Liebigt 

 

Menschen, die »sexuelle Belästigung« für ein lustiges Trinkspiel am Stammtisch hielten, plustern sich »wegen Köln« zu Frauenrechtlern auf. Ihnen gilt der Hinweis auf die zahllosen Beispiele alltäglicher sexueller Gewalt. 

Es ist immer einfach, zur Bestätigung der eigenen Meinung Gegenargumente auszublenden oder ihnen schlichtweg die Existenz abzusprechen. Auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen: In der seinerzeit von Rainer Brüderles sexistischem Verhalten ausgelösten Aufschrei-Debatte wurde nicht ein einzelnes Ereignis aufgeblasen. Dem einen Beispiel folgten zahllose weitere. Natürlich war das eine Kampagne. Sie richtete sich gegen die Weltanschauung und das Menschenbild jener, die sich heute als neue Frauenrechtler gerieren. Nichts anderes sind nun, in der monströs groß gewordenen Debatte um Köln, die wiederholt angebrachten Hinweise auf Oktoberfest, Karneval, »Sexismus ist Alltag« und »sexuelle Gewalt gab’s schon vorher«. Hinweise also auf eine bereits existierende sexuelle Gewalt, die - wirklich und wahrhaftig - unabhängig vom Pass existiert. 

In: Neues Deutschland online vom 22.01.2016 

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Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/998931.wider-den-geschlechterkampf.html 

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Sich wehren ist der beste Schutz  

Godela Lindes Ratgeber gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist hochaktuell  

Mechthilde Vahsen 

In: junge Welt online vom 22.01.2016 

 

Blöde Sprüche, taxierende Blicke, Grapschen – welche Frau kennt das nicht. Grenzüberschreitungen durch Männer sind nicht erst seit den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln ein Thema – allerdings meist keines für die Massenmedien. Es ist schon drei Jahre her, dass hierzulande die Aktion »#aufschrei« der Journalistin Anne Wizorek für Schlagzeilen sorgte. Sie hatte zunächst anzügliche Bemerkungen des FDP-Politikers Rainer Brüderle ihr gegenüber publik gemacht. International machte 2014 der Videoclip »10 Hours of Walking in NYC as a Woman« Furore, in dem die Schauspielerin Shoshana Roberts in unauffälliger Kleidung durch die Stadt läuft und dutzendfach belästigt wird. 

Nun meldet sich unter dem Titel »Basta!« die Juristin Godela Linde mit einem engagierten, klugen und verständlich geschriebenen Buch zu Wort. Das Thema: sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz – also dort, wo sie am häufigsten vorkommt. Das Ziel: »gegen die Scham der Belästigten« zu argumentieren, »weil Schämen Belästigte blockiert und kleinmacht«. 

Auf der Grundlage von mehr als 700 ausgewerteten Gerichtsurteilen bietet die im gewerkschaftlichen Rechtsschutz versierte Autorin »juristische und praktische Ratschläge zur Durchsetzung der Rechte der Belästigten« – dies können übrigens sowohl Männer als auch Frauen sein, wobei Frauen mehr als deutlich in der Überzahl sind. Das Besondere an dem Buch ist der intensive Bezug zur juristischen Praxis. Was ist in diesem Sinne eigentlich sexuelle Belästigung? Wie argumentieren Gerichte? Was sagen die entsprechenden Gesetze? Welche Pflichten haben Arbeitgeber? Was bietet das Allgemeine Gleichstellungsgesetz an Möglichkeiten? 

Linde diskutiert aber auch Handlungsmöglichkeiten von Betroffenen. Ihre Antwort auf die Frage »Was tun?«: sich wehren, die Situation entsexualisieren, sich vorsorglich einen platten Spruch überlegen, Verbündete suchen. Ein weiteres Kapitel widmet sich dem, was »Mann« noch darf. Soviel sei verraten: Es ist nicht viel, »sobald sexuelle Absicht erkennbar ist«. 

Wirklich überraschend ist die von der Autorin dokumentierte hohe Zahl männlicher Opfer, vor allem in Männerbünden wie Bundeswehr und Polizei. 

Auch hier sind die Täter überwiegend männlich. Der in vielen Studien nachgewiesene Zusammenhang zwischen Machtmissbrauch und sexueller Belästigung wird einmal mehr vor Augen geführt. 

Der Ratgeber besticht durch gute Recherche, klare Sprache, Praxisbezug und umfassende Informationen. Zielgruppe: alle. 

 

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Verurteilungsquote: Viele Vergewaltiger bleiben straflos 

Bericht: Nur 7,7 Prozent der angezeigten Fälle enden mit Bestrafung des Täters / Kriminologe: Das Provoziert die Täter geradezu 

 

Berlin. Die Quote der Verurteilungen wegen Vergewaltigung ist in der Bundesrepublik von einem ohnehin niedrigen Niveau noch einmal gesunken. Wie die »Bild am Sonntag« unter Berufung auf Zahlen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen berichtet, endeten im vergangenen Jahr nur noch 7,7 Prozent aller angezeigten Vergewaltigungen mit einer Bestrafung des Täters. 2012 habe die Quote noch bei 8,4 Prozent gelegen, so das Blatt. 

Der Kriminologe Christian Pfeiffer nannte die geringe Verurteilungsquote eine fatale Botschaft. »Die sinkende Verurteilungswahrscheinlichkeit provoziert Vergewaltiger geradezu, ihre Tat zu wiederholen«, zitiert ihn das Blatt. »Wir müssen dringend aufklären, woran die niedrige Quote liegt und wie man sie erhöhen kann.« 

In: Neues Deutschland online vom 17.01.2016 

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Links: 

    1. http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung4/Pdf-Anlagen/langfassung-studie-frauen-teil-eins,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf
    2. https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/das-geht-ausnahmslos-alle-etwas-an
    3. http://fra.europa.eu/sites/default/files/fra-2014-vaw-survey-factsheet_de.pdf

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/998307.verurteilungsquote-viele-vergewaltiger-bleiben-straflos.html 

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Viele flüchtende Frauen sexueller Gewalt ausgesetzt 

Befragung von Amnesty International: Syrerinnen und Irakerinnen von Schmugglern, Sicherheitspersonal oder anderen Flüchtlingen unter Druck gesetzt 

 

Berlin. Auf ihrer Flucht aus Syrien und dem Irak sind viele Frauen nach Angaben von Amnesty International Gewalt, Ausbeutung und sexueller Belästigung ausgesetzt. Dies gelte »für jede Station ihrer Reise, einschließlich auf europäischem Boden«, berichtete die Menschenrechtsorganisation am Montag. Sie rief Regierungen und Hilfsorganisationen auf, für die Sicherheit der Frauen zu sorgen.  

In: Neues Deutschland online vom 17.01.2016 

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Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/998440.viele-fluechtende-frauen-sexueller-gewalt-ausgesetzt.html 

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 Unter dem antisexistischen Deckmantel 

Rechte Frauengruppe will Ängste nach den Silvesterübergriffen für sich nutzen 

Peter Nowak 

 

Auf den ersten Blick wirkt »Frieda« wie eine Hilfegruppe für Frauen. Doch hinter dem Projekt stehen rassistische Aktivisten, die mit ihrem Angebot verunsicherte Frauen in ihre Falle locken wollen. 

»Wir sind Frauen jeden Alters, unterschiedlicher politischer Herkunft und Nationalität.« So lautet der erste Satz im Selbstverständnis der Frauengruppe »Frieda«, die sich vergangene Woche in Köln gegründet hat. Geplant sind Seminare zum Notwehr- und Nothilferecht, Selbstverteidigungskurse für Frauen sowie politische Vorträge und Schulungen. Dabei dürfte es jedoch kaum um feministische Theorie gehen. Die Gründung ist nämlich ein Versuch der extrem rechten Szene, nach den sexistischen Angriffen in der Kölner Silvesternacht die berechtigten Ängste von Frauen auszunutzen. 

In: Neues Deutschland online vom 23.01.2016 

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Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/999130.unter-dem-antisexistischen-deckmantel.html 

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