Kollektiver Kapitalismus?  

Die Industrie-4.0-Ideologie und die Realität  

Werner Seppmann 

In: junge Welt online vom 09.01.2016 

Wochenendbeilage 

 

 Der Fortschritt der Informationstechnologien verändert unser Leben grundlegend. Arbeitswelt, Konsum, Kultur und Kommunikation wandeln sich dramatisch. Mit einem Text von Evgeny Morozov haben wir in der Ausgabe vom 27./28. Juni 2015 an dieser Stelle eine Debatte über die Chancen und Risiken der digitalen Revolution eröffnet. Die Texte erscheinen in loser Folge auf den Seiten 6/7 der Wochenendbeilage. Sie können nachgelesen werden in unserem Dossier »Digitale Revolution«. (jW)  

  Ein Gespenst bewegt sich durch das Unterholz des bundesdeutschen Medienwalds und hat große Aufmerksamkeit gefunden: Die Bundeskanzlerin hat es gesichtet, und auch die meisten Gewerkschaftsfunktionäre reden darüber. Die bürgerlichen Gazetten thematisieren diese »Entdeckung« ebenso wie die Autoren marxistischer Zeitschriften. Erstaunlicherweise gibt es in den Kernpunkten große Übereinstimmungen in den Äußerungen aus allen Lagern. Bemerkenswert an diesem Medienhype ist auch, dass die (meist positiv gestimmten) Berichterstatter um so klarer über den technologischen Charakter und die sozio-ökonomische Wirkungsweise des Gespenstes zu fabulieren wissen, je weniger sie Zuverlässiges über dessen Konturen zu berichten haben.  

  Es geht um das sogenannte Industrie-4.0-Konzept. Eingebunden ist dessen Thematisierung in die allgemeine Diskussion über die Konsequenzen einer zunehmenden Digitalisierung der Arbeitswelt und deren Auswirkungen auf die Situation der Lohnabhängigen: »Sind die Arbeitsplätze durch die Computerisierung bedroht?« ist eine naheliegende Frage, die oft gestellt wird.  

  In der Regel wird mit Hilfe des (Ober-)Begriffs einer angeblich vierten Industriellen Revolution der Eindruck erweckt, dass es bei den Industrie-4.0-Erzählungen und der wachsenden Bedeutung von Informatik, Sensorik und Robotik in der Arbeitswelt um identische Sachverhalte ginge. 

Tatsächlich sind beide Komplexe miteinander verbunden und weisen auch große inhaltliche Schnittmengen auf. Jedoch gibt es eine entscheidende Differenz: Die Digitalisierungsprozesse sind Realität, also verallgemeinernd gesagt, ist die Arbeitswelt durch einen fortschreitenden Computereinsatz und informationstechnologisch organisierte Lenkungsprozesse geprägt, die nicht selten negative Konsequenzen für die Beschäftigten haben, weil der Einsatz von IT-Systemen im betrieblichen Alltag mit stärkerer Überwachung und in der Regel einer beständigen Leistungsverdichtung verbunden ist.  

  Im Gegensatz zu dieser Realitätsebene Arbeitswelt, ist jedoch das Industrie-4.0-Konzept kaum mehr als ein Propagandacoup des BRD-Wirtschaftsministeriums in Allianz mit Einflussagenturen der IT-Industrie. Gedacht ist es als eine propagandistische Anschubinitiative zur Förderung einer informationstechnologischen »Gründerzeit« in der Bundesrepublik und der EU. Wenn auch unausgesprochen, soll die europäische Position im internationalen Konkurrenzgeflecht der Computer- und Informatikindustrien verbessert werden. Im Endeffekt handelt es sich um eine (zunächst konzeptionelle) Positionierung gegen die Vormachtstellung der US-amerikanischen Internetkonzerne, die ja selbst wiederum das industrielle Terrain als Basis für neue Geschäftsstrategien entdeckt haben.  

  Digitale Vernetzung   Wird von der Industrie-4.0-Perspektive geredet, geht es also vorrangig um Projektionen und Programme. Die Zielsetzung ist ambitioniert und umfasst mehr, als gegenwärtig durch die Computersteuerung industrieller Abläufe bewirkt wird: Auf eine Formel gebracht sollen alle Ebenen des wirtschaftlichen Geschehens miteinander verknüpft werden. Sogar Konsumentenwünsche sollen unmittelbar mit der Planung, der Produktion und der Warendistribution verbunden werden.  

  Aber zunächst geht es um eine effizientere Gestaltung betrieblicher Abläufe und die Vernetzung mit deren »Peripherie«. Es ginge, so heißt es in einem Papier des Bundeswirtschaftsministeriums um die ressourceneffiziente Modernisierung der Industrie durch die »digitale Verfeinerung der Produktionstechnik«. Industrielle Prozesse sollen auf Basis vernetzter sogenannter Cyber-physischer Systeme (CPS) »anpassungsfähiger« und »dynamischer« gestaltet werden. Eingesetzt werden sollen »intelligente Maschinen«, die alle Ebenen von Planung, Konstruktion, Produktionsvorbereitung, Zulieferung, Produktion und Distribution miteinander vernetzen, beispielsweise die Maschineneinrichtung und -steuerung, aber auch die Werkstückzufuhr und die Lagerhaltung »selbsttätig« im Modus »dezentraler Selbstorganisation« gestalten. Basis dieser programmatischen Äußerungen sind reduktionistische Vorstellungen über technologische Entwicklungen als autonome und neutrale Prozesse. Die Frage nach den Interessen und Machtdominanzen bleibt ausgeklammert.  

  Intendiert ist durch internetvermittelte Organisation produktiver Abläufe jedoch auch, die Flexibilität und die Produktivität der Arbeitenden zu steigern. Eine solche Intensivierung der Ausbeutung stand auch schon in den 90er Jahren im Zentrum des Konzepts einer »Atmenden Fabrik«. Aber beabsichtigt ist nun auch die elektronisch vermittelte Integration von Zulieferern, Dienstleistern und ebenfalls von sogenannten Solounternehmern (die zur Bewältigung einzelner Aufgaben herangezogen werden und nicht immer, aber sehr häufig einen prekären Status haben) in die unmittelbaren Organisationsstrukturen des Produktionsprozesses. Um im traditionellen Bild zu bleiben, geht es um eine »Atmende Wirtschaft« in ihrer Gesamtheit und letztlich auch darum, durch den Einsatz der kombinierten Datenverarbeitungs- und Informationstechnologien, die »Kern-« und »Randbelegschaften« mit neuer Intensität gegeneinander ausspielen zu können.  

  Realisiert werden soll das Programm durch eine Vernetzung und Automatisierung der Kommunikation, die weitgehend zwischen den Maschinen und den Rechnern aller Beteiligten stattfindet: Durch dieses sogenannte Internet der Dinge solle beispielsweise der Materialfluss dadurch optimiert werden, dass den Lieferanten automatisch signalisiert wird, welche Rohstoffe und Komponenten auf Basis der eingegangenen Bestellungen als nächstes benötigt werden und bildlich gesprochen durch von außen kommende digitale Impulse, die Maschinen in und Logistik-Infrastruktur der Zulieferer in Gang gesetzt werden.  

  Das hört sich für manche Ohren sehr vielversprechend an – jedoch haben diese Konzepte industriell-digitaler Vernetzung noch nirgends das Planungs- und Experimentierstadium hinter sich die gelassen! Davon ist allerdings in der überwiegenden Zahl der Berichterstattungen und interpretierenden Stellungnahmen nicht die Rede. Kaum ein Hinweis darauf, dass es bis zu einer möglichen Realisierung des Industrie-4.0-Konzeptes noch ein weiter Weg ist und es viele Hindernisse für die Realisierung einer umfassenden Vernetzung der industriellgesellschaftlichen Abläufe gibt. Vieles spricht beispielsweise dafür, dass der prognostizierte baldige Wechsel zu einem sich »selbstorganisierenden« Produktions- und Logistiksystem alleine schon aufgrund des gegenwärtigen technologischen Entwicklungsstandes unrealistisch ist. Denn wie gesagt, das Konzept einer digitalisierten Gesamtwirtschaft ist in wesentlichen Teilen über die Ebene der Grundlagenforschung noch nicht hinausgekommen.  

  Durchgängig erzeugen die Mediendarstellungen jedoch den Eindruck, dass das Industrie-4.0-Konzept schon für viele Bereiche der Arbeitswelt realitätsprägend wäre – oder es bald werden würde. Vernetzungs- und Automatisierungsvorgänge nach diesem Konzept funktionieren zwar, aber meist nur im Rahmen experimenteller Kontexte. In der betrieblichen Praxis wird die angestrebte Prozessstabilität so gut wie nie erreicht. Experten auf diesen Forschungsfeldern schließen auch ein grundsätzliches Scheitern nicht aus. Nicht nur aus technologischen Gründen, denn die angestrebte Vernetzung setzt eine bisher kaum vorstellbare Öffnung der Betriebe voraus, die eine regelrechte Einladung für Industriespionageaktivitäten durch die Konkurrenten bedeuten würde.  

  Kooperation und Konkurrenz   Bei vielen Industrie-4.0-Erörterungen bleibt (neben vielen anderen Problemen) vor allem die konstitutive Rolle des Konkurrenzverhältnisses zwischen den wirtschaftlichen Akteuren unberücksichtigt. Tatsächlich aber stellt es eine wesentliche Barriere für die angestrebte universelle Vernetzung der wirtschaftlichen Aktivitäten dar. Denn zur irreversiblen Notwendigkeit des wirtschaftlichen Handelns unter kapitalistischen Verwertungsbedingungen gehört die Abschottung der relevanten betrieblichen und technischen Wissensressourcen gegenüber den Konkurrenten. Was heute an konzernüberschreitenden Vernetzungen auf digitaler Grundlage existiert oder zumindest in der Planungsphase ist, hat deshalb meist nur den Charakter eines Just-in-Time-Lieferungssystems auf einer höheren Stufe. So wird gegenwärtig beim Industriegase-Lieferanten Linde ein digitales Ventil erprobt: Geht der Vorrat im Gastank eines Kunden zu Ende, soll via Internet automatisch der Lieferungs- und Nachfüllprozess in Gang gesetzt werden.  

  Wenn es zur Verallgemeinerung miteinander kommunizierender Netzwerke aus Maschinen, Lagersystemen, Produkten und Menschen kommen sollte, dann mit großer Wahrscheinlichkeit nur unternehmensintern oder in Kooperation mit einem kleinen Kreis ausgewählter Lieferanten und Zulieferer. Einer firmenübergreifenden Vernetzung, von der im Windschatten der Industrie-4.0-PR-Innitiativen in einer kaum mehr zu überbietenden Naivität sowohl bei den wirtschaftspolitischen Ideologen, jedoch auch in linken Publikationen die Rede ist, stehen die ganz elementaren Funktionsprinzipien des Kapitalismus, vorrangig also die Konkurrenzorientierung und die Orientierung an den je spezifischen Eigeninteressen aller ökonomisch Handelnden, entgegen.  

  Das Programm einer sich selbst organisierenden und vernetzten Produktion über den betrieblichen Rahmen hinaus, wird von vielen Unternehmen als sehr riskant eingestuft, denn die kapitalistischen Akteure leben mit dem Bewusstsein, dass selbst dominante Marktpositionen in kürzester Zeit verlorengehen können, wenn auf die Abschottung gegenüber Konkurrenten verzichtet wird. Die Befürchtung ist nicht unbegründet. Die Erfahrungen lehren, dass durch den leichtfertigen Umgang mit den eigenen Entwicklungs-, Wissens- und Fertigkeitspotentialen auch gegenwärtig schon bei Kooperationen eine Gefährdung der eigenen Position innerhalb der Konkurrenzfiguration existiert.  

  Durch weitergehende Vernetzungen würde sich auch die Verletzlichkeit betrieblicher IT-Systeme durch Attacken von »außen« potenzieren. Schon heute existiert eine Anfälligkeit für Hacker-Angriffe, weil die Organisation von Produktionsabläufen und Vertriebsprozessen an die Netzanbindung gekoppelt ist und es zwischen internen und externen Systembestandteilen kaum noch wirksame Barrieren gibt. Deshalb konnten die Steuergeräte eines Hochofens in einem deutschen Stahlwerk von Hackern so manipuliert werden, dass er sich nicht mehr herunterfahren ließ und die Anlage schwer beschädigt wurde. In einem anderen Fall hatte ein Hacker einen Angriff auf ein deutsches Energieversorgungsunternehmen sogar angekündigt – und konnte dennoch alle »Schutzwälle« überwinden. Die Probleme der Computersicherheit werden mittlerweile von vielen Unternehmen als dramatisch eingestuft, obwohl die elektronische Vernetzung aller betrieblichen Abläufe mit externen Kooperationspartnern noch Zukunftsmusik ist.  

  Realkapitalistische Grenzen   Aber selbst bei einer hinreichenden Lösung der Sicherheitsprobleme wären einer digitalen Megastruktur schon deshalb Grenzen gesetzt, weil es auch innerhalb betrieblicher Organisationen nicht selten unterschiedliche Zielvorstellungen und Tätigkeitspräferenzen gibt, die nur mit großem Aufwand homogenisierbar wären. Zuerst müsste die Fragmentierung der betrieblichen Einheit durch das Profit-Center-Prinzip, nach dem jede Abteilung und jedes Organisationssegment auf »eigene Rechnung« und in Konkurrenz zu den anderen internen Akteuren zu arbeiten hat, wieder beseitigt werden. Auch in zentralen Punkten betrieblicher Organisation müßte wieder »zurückgerudert«, müssten die zellularen Strukturen mit sich weitgehend selbst steuernden Einheiten, die an Stelle einer horizontalen und vertikalen Arbeitsteilung mit ihren zentralen Elementen Kontrolle und Weisung installiert wurden, wieder entscheidend revidiert werden. Es wären also viele Hindernisse zu beseitigen, um eine mit Automatisierungseffekten verbundene Digitalisierung der betrieblichen Abläufe realisieren zu können.  

  Jenseits allen Wechsels in den Moden der Managementkonzepte und ihren konkreten Umsetzungsformen, sind Koordination und Abstimmung eine permanente Notwendigkeit auch innerhalb von Betrieben und Konzernen – und diese sind in der Regel nur ohne digitalisierte Automatismen zu leisten, weil die realen Konflikte und Interessen an konkrete Personen gebunden sind. Ein reibungsloser und kontinuierlicher Informationsfluss dürfte auch im betrieblichen Kontext jedenfalls schwieriger zu organisieren sein, als es die Industrie-4.0-Mythologie unterstellt.  

  Nur äußerst geringe Kooperations- und Vernetzungsmöglichkeiten gibt es zwischen den verschiedenen Konzernen bei der Mehrwertrealisierung. Der schon seit mindesten zwei Jahrzehnten intensivierte »Einsatz der I&K-Technologien in den wesentlichen Sektoren hat zwar bewirkt, dass die Unternehmen ihre Produktivität, Qualität, Logistik und betriebliche Wertschöpfung optimieren; aber es gibt keine Einbeziehung der Absatzmärkte, der Veränderung beim Kaufverhalten etc., so dass den Wertschöpfungsketten von dieser Seite immer wieder Schranken gesetzt werden. Unter den Bedingungen verschärfter Konkurrenz lässt sich die Idee einer Integration aller Marktdaten auch nicht realisieren.« (Joachim Bischoff)  

  Vor allem bei den unmittelbar marktbezogenen Aktivitäten ist die Möglichkeit eines kooperativen Handelns zwischen den konkurrierenden Wirtschaftsakteuren also stark eingeschränkt. Eine universale Vernetzung würde deshalb sehr schnell an ihre realkapitalistischen Grenzen stoßen. 

Denn nicht zuletzt zwischen multinationalen Konzernen herrscht ein erbarmungsloser Wettbewerb, der auf vielen Ebenen geführt wird. Angesichts einer Hyperkonkurrenz beim Kampf um Marktpositionen ist es unwahrscheinlich, dass ausgerechnet durch die Digitalisierungsprozesse und eine intensivierte Netzvermittlung ein »kollektiver Kapitalismus« entsteht, durch den die konkurrenzgeprägten Abschottungsbedürfnisse und Überbietungsstrategien neutralisiert werden könnten. Um so weniger gibt es einen plausiblen Grund für die Gewerkschaften, sich dem Kapital, wie es in der gegenwärtigen Digitalisierungsdebatte manchmal geschieht, als »verständiger« Partner zur Sicherung eines angeblich »erfolgreichen kooperativen Industriemodells« (Detlef Wetzel) anzudienen.  

 

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Fünf Präsidenten auf Crashkurs 

Fabio De Masi über Pläne zur Reform des Euros 

 

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD), warnten die Griechen vor dem Referendum über die Troika-Diktate: Ein Oxi (Nein) sei mit dem Euro unvereinbar. Der portugiesische Präsident, Aníbal Cavaco Silva, wollte gar die Demokratie abschaffen. Sein Credo: Wer den Fiskalpakt, die Kürzungspolitik oder den Euro kritisiere, dürfe nicht regieren. Dumm nur, dass es in der EU noch Wahlen gibt. Zudem stehen nicht alle Staaten unter Troika-Aufsicht. Aber die EU hat auch dafür eine Lösung, den »Fünf-Präsidenten-Plan« zur Reform des Euros - benannt nach den Chefs von Kommission, Rat, Europäischer Zentralbank (EZB), Euro-Gruppe und Parlament. Bis 2025 sollen dafür die EU-Verträge überarbeitet werden. Damit auch Wahlen nichts mehr ändern. 

Wettbewerbsräte sollen in die Wirtschafts- und Lohnpolitik eingreifen. Die Lohnentwicklung soll sich dabei an der Produktivität und den »wettbewerbsfähigsten« Ländern orientieren. Mit Produktivität ist jedoch nicht die goldene Lohnregel gemeint, wonach die Löhne mit der durchschnittlichen Produktivität und der Zielinflationsrate der EZB von jährlich etwa zwei Prozent wachsen sollen. Das sichert eine stabile Verteilung zwischen Unternehmern und Beschäftigten sowie die Nachfrage nach Gütern. Das ist auch die Voraussetzung, um den noch produktiveren Unternehmen Extra-Gewinne zu bescheren und so Innovation statt Lohndumping zu belohnen. Weil Deutschland diese Regel viele Jahre verletzte und riesige Exportüberschüsse gegenüber Handelspartnern anhäufte, ist die private und öffentliche Verschuldung in Ländern wie Spanien explodiert. 

Die Zielinflationsrate wird von den fünf Präsidenten gar nicht mehr erwähnt. 

In: Neues Deutschland online vom 14.01.2016 

Weiter unter:  

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/997886.fuenf-praesidenten-auf-crashkurs.html 

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Ferngesteuert 

Chancen und Risiken der Digitalisierung sind eine Frage des Kräfteverhältnisses  

Von Rainer Perschewski 

In: unsere zeit online vom 22. Januar 2016  

 

Die Arbeitswelt ist in Folge einer zunehmenden Digitalisierung von weitreichenden Veränderungen geprägt. Nicht auf einen Schlag, nicht in der Zukunft, sondern schrittweise, Tag für Tag und hier und jetzt. In den letzten Jahren hat die Entwicklung neuer Hard- und Software überproportional zugenommen. Was in den Medien unter der Überschrift „Industrie 4.0" oder „Arbeit 4.0" für effekt-heischende Schlagzeilen genutzt und mit fernen Visionen belegt wird, ist in den Betrieben längst angekommen. In der betrieblichen Realität erleben die Betriebsräte und Gewerkschaften zunehmend kürzere Intervalle, in denen neue Systeme in die betrieblichen Abläufe integriert werden. Das hat schon heute deutliche Auswirkungen auf die konkrete Tätigkeit und die damit einhergehende Veränderung von Berufsbildern. 

Eisenbahnen ohne Lokführer? 

Wie konkret sich diese allgemeingehaltenen Darstellungen im Alltag nachweisen lassen, soll an einigen Beispielen in der Deutsche Bahn AG deutlich werden: 

Beim Rangieren von Güterzügen ist es Realität, dass dieses nicht aus der Lok heraus erforderlich ist. Der Rangierlokführer kann getrost neben der Lok herlaufen oder an der Zugspitze stehen und mit einen „Joystick" das Rangieren übernehmen. 

Auf der ICE Neubaustrecke Leipzig – Erfurt übernimmt ab Tempo 230 Km/h das European Train Control System (ETCS) die Sicherung der Zugfahrt. Die Signale erhält der Lokführer ständig aktuell auf sein Display per Funk. Bremst er nicht oder überschreitet Geschwindigkeiten wird dieser Zug aus der Ferne gesteuert. 

Der Bahnkunde wird sich beim Kauf der Fahrkarte nach Fahrkartenautomat und Internetbuchung auf weitere Veränderungen einstellen müssen. Ab jetzt werden bundesweit beispielsweise etwa 400 Videoschalter installiert, an denen der Kunde dann via Bildschirm mit dem Mitarbeiter verbunden ist. 

Die Beispiele sind zwar vereinfacht dargestellt und lassen sich um viele ergänzen. Jedoch wird deutlich, dass es keine langfristige oder ferne Vision des Unternehmens ist, diese Tätigkeiten nur noch von zentralen Standorten aus durchzuführen. Zusammengenommen ändern sich Arbeitsabläufe in einem Ausmaß und innerhalb einer Zeit wie es bisher nicht möglich erschien. 

Flexible Arbeitszeiten – ein Fluch? 

Im Bereich der Verwaltungstätigkeiten sind ebenso stetige Veränderungen zu beobachten. Auch hier ein konkretes Beispiel aus einer Zentrale eines Bahnbetriebes: Die Tätigkeit des Mitarbeiters ist nicht mehr an die Anwesenheit im Büro gekoppelt. Das Unternehmen und der Betriebsrat legten auf Initiative der Mitarbeiter fest, dass die tägliche Arbeit auch von anderen Orten erledigt werden kann. Ob von zu Hause oder der Strandbar die Arbeitsergebnisse erreicht werden, ist dabei nicht mehr relevant. Organisationseinheiten legen ihre speziellen Arbeitserfordernisse in einem Rahmen selbst fest, den eine Betriebsvereinbarung vorgibt und „verabreden" ihre Anwesenheitszeiten für gemeinsame Absprachen. 

Widerstände kommen in der Regel von Vorgesetzten. Es ist auch keine geschlechtsspezifische Inanspruchnahme festzustellen, wie gemeinhin flexiblen Arbeitsformen unterstellt wird. Trotz Arbeitszeiterfassung sinkt die Anzahl der Mehrleistungsstunden. 

Der Betrieb steht jetzt vor der Einführung eines Desk-Sharing-Systems. Möglich wird es durch die technologische Entwicklung – jeder Arbeitsplatz ist mit Laptop ausgestattet. Darüber kann telefoniert, gechattet oder von jedem Ort auf die Systeme zugegriffen werden. Auch ein Diensthandy gehört zur Ausstattung. 

Die Mitarbeiterzufriedenheit ist in der Organisationseinheit, die vor mehreren Jahren als Pilotprojekt gestartet ist, deutlich gestiegen. Sowohl das soziale Miteinander als auch – für das Unternehmen sehr erfreulich – die Kundenzufriedenheit hat sich verbessert. 

Dieses Pilotprojekt wird schrittweise auf alle ausgedehnt. In Einführungsveranstaltungen erläutert der Betriebsrat dabei die Regeln zur Einhaltung gesetzlicher und tarifvertraglicher Bestimmungen und begleitet und reflektiert in Teilbetriebsversammlungen die Entwicklung, um möglichen Gefahren – wie der Entgrenzung von Arbeitszeit – zu begegnen. 

Gewerkschaften auf Positionssuche 

Die Mitgliedsgewerkschaften des DGB versuchen mit den Interessensvertretungen Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Hierzu werden Kongresse, Workshops und Fortbildungen durchgeführt, um den neuen Entwicklungen etwas entgegenzustellen. Die Diskussionen konzentrieren sich dabei im Wesentlichen auf die Situation der Beschäftigten in Großbetrieben, was mit dem Organisierungsgrad zusammenhängt. In den Mittel- und Großbetrieben ist die Möglichkeit des Eingreifens aufgrund von Tarifverträgen und vorhandener gewerkschaftlich orientierter Interessensvertretungen wesentlich einfacher. 

Im Umkehrschluss bedeutet es aber nicht, dass die Wirkungen der Digitalisierung in kleinen Betrieben nicht vorhanden sind. Die große Gefahr ist hier, dass sie auf Gutdünken des Unternehmens durchgeführt werden. 

In der Fachliteratur, wie auch in gewerkschaftlichen Veröffentlichungen wird viel darüber fabuliert, welche Chancen diese Entwicklung hat. Dabei ist die Gefahr groß Illusionen aufzuliegen, da wie in vielen aktuellen Fragen nicht vom Interessensgegensatz von Arbeit und Kapital ausgegangen wird. In der Folge ist es daher nicht überraschend, wenn vor Ort Vereinbarungen abgeschlossen werden, die sich negativ auf die Situation der Beschäftigten auswirken können oder zur Aufweichung bestehender sozialer Standards oder Arbeitsschutzbestimmungen führen. Die beschäftigtenorientierte Gestaltung dieser Entwicklungen ist eine Frage des Kräfteverhältnisses vor Ort. 

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Die billigste Lösung  

Die Digitalisierung nutzen große Unternehmen, um Arbeit auszulagern. Zum Thema führt das Arbeitsministerium einen Dialog, mit dabei sind auch die Gewerkschaften. Doch ihnen fehlt nach wie vor eine Strategie  

Marcus Schwarzbach 

In: junge Welt online vom 19.01.2016 

 

 Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) lässt in einer Kommission von Wissenschaftlern, Unternehmensvertretern und Gewerkschaftern Eckpunkte für Gesetzesänderungen erstellen. Ende April 2015 rief sie bei der Vorstellung des »Grünbuchs Arbeiten 4.0« zum Dialog auf – es sollen Vorschläge zur Beschäftigung in der Zukunft gemacht werden. Nahles will so Trends und wichtige Handlungsfelder der digitalen Arbeit aufzeigen. Vergleichbar dem Vorgehen der Hartz-Kommission unter der Regierung Schröder/Fischer sollen Leitlinien für Veränderungen geschaffen werden. Ende 2016 soll dazu ein »Weißbuch Arbeiten 4.0« veröffentlicht werden.  

  Eine Definition der sogenannten Arbeit 4.0 bzw. der digitalen Arbeit legte der Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, Thorben Albrecht (SPD), dar. In der Gegenblende, dem Onlinemagazin des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), nannte er im November 2014 vier Merkmale:  

  »1. Die umfangreiche Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien (z.B. PC, Laptop, Smartphone, Breitband-Internet) und Anwendersoftware,  

  2. die grundlegende Unterstützung der Arbeitsprozesse durch computerisierte, vernetzte Maschinen (z. B. Fertigungsroboter),  

  3. die Gestaltung digitaler Produkte durch Programmierungen etc. und  

  4. die Vermittlung von Dienstleistungen über Onlineplattformen (z. B. 

Cloud-Working).«  

  Verschärfte Konkurrenz   Unter diese Definition fällt auch das große Forschungsprojekt des Kabinetts: Industrie 4.0. Vordenker zum Thema gibt es bei der Deutschen Bank in der Abteilung Deutsche Bank Research. Mit der Entwicklung ließe sich, so ihre Annahme, etwas an den Personalkosten ändern: Unternehmen mit hohem Automatisierungsgrad in der Produktion vermindern »eher ihren Bedarf an gering qualifizierten Mitarbeitern«.¹ Weitere Vorteile sieht die Großbank in folgenden beiden Punkten:  

  – Anpassung an den Kundenbedarf auch bei kleinen Produktionsmengen: Durch Industrie 4.0 können individuelle kundenspezifische Lösungen »bei Design, Konfiguration, Bestellung, Planung, Produktion und Betrieb einschließlich kurzfristiger Änderungswünsche« angeboten werden.  

  – Gesteigerte Flexibilität: Produktionsvorgänge können flexibler auf kurzfristige Änderungen reagieren. Fertigungslinien organisieren sich »selbständig bedarfsgerecht. Fällt eine Maschine in dieser Linie aus, organisiert sich die Fertigung über einen alternativen Weg selbständig neu«.  

  Die Deutsche Bank fordert auch eine Verschärfung des Konkurrenzkampfes gegenüber Chinas Bestrebungen in diesem Feld. »China hat die mit Industrie 4.0 verbundene Chance für sich erkannt«, erklärten die Banker am 26. Juni 2015. Sie registrieren eine steigende Zahl von Patentanmeldungen Pekings. Fast 60 Prozent der weltweit befragten Führungskräfte bezeichnen »China als führenden Anwender von Industrie 4.0«, schildert die Studie der Analysten.  

  Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) verlangt mehr Einsatz. In der jährlichen Studie »Innovationsindikator«, herausgegeben von der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) und dem BDI, schneiden hiesige Unternehmen nicht gut ab. Sie belegten bei der Innovationskraft 2015 weltweit Platz fünf, hinter der Schweiz, Singapur, Finnland und Belgien. Dies sei ein »Alarmsignal«, bemängelt Henning Kagermann, der Präsident von Acatech. »Der Aufbruch in die Industrie 4.0 gelingt uns nur, wenn kleine und mittlere Unternehmen mitziehen«, zitierte ihn am 22. Dezember das Onlineportal computerwoche.de.  

  Durch die hohen Investitionskosten wird die Industrie 4.0 zu einer weiteren Unternehmenskonzentration in der Maschinenbaubranche führen. 

Gerade das World Wide Web ist ein gutes Beispiel für die Konzentration wirtschaftlicher Macht. Zur Jahrtausendwende wurden noch große Hoffnungen in eine Internetökonomie gesetzt, die von kleinen Anbietern und dezentralen Strukturen geprägt sein sollte. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Einige international tätige US-Konzerne dominieren einen Großteil monopolartig:  

  Der Internethandel ist die Domäne von Amazon. Von den zehn größten Internethändler in den USA erwirtschaftete Amazon im Jahr 2013 weltweit einen höheren Umsatz als die nachfolgenden neun Konzerne zusammen.  

  – Im Bereich der Suchmaschinen herrscht Google. In den ersten fünf Monaten von 2014 entfielen weltweit 70 Prozent aller Suchanfragen auf dem Desktop und 91 Prozent auf Tablets und Smartphones auf den Marktführer.  

  – Im Bereich der sogenannten sozialen Netzwerke hat sich Facebook zum weltweit dominierenden Unternehmen entwickelt. Ehemals führende Plattformen wie MySpace oder StudiVZ in der Bundesrepublik wurden bedeutungslos.  

  – Auch der schnell wachsende Markt für Internetreklame ist hochkonzentriert. In den USA entfallen etwa 70 Prozent des gesamten Werbungsumsatzes im Netz auf zehn Unternehmen, allein der Marktführer Google erhielt in den USA gut 50 Prozent der entsprechenden Einnahmen.²  

  Die Entwicklung veränderter Arbeitsabläufe und neuer Produkte erfordert erhebliche Kapitalvorschüsse. Diese können in zentralen Bereichen oft nur noch durch die Kooperation von Konzernen und Staaten aufgebracht werden. 

Und die Vorschüsse können nur dann amortisiert werden, wenn anschließend erhebliche Weltmarktanteile erreicht werden. »Deswegen investieren große Konzerne hierzulande viel Geld in die Entwicklung neuer Technologien: Bei Bosch sind es 500 Millionen Euro pro Jahr. Bei Siemens beschäftigt sich mittlerweile mehr als die Hälfte der rund 30.000 Mitarbeiter der Forschungsabteilung mit Softwareentwicklung«, berichtete die Journalistin Jennifer Fraczek im Freitag vom 10. Juni 2015.  

  Von solchen Möglichkeiten können viele Mittelständler nur träumen. 

Sie bilden das Rückgrat der deutschen Ökonomie, fast zwei Drittel aller Beschäftigten sind in kleinen und mittleren Betrieben tätig. Aber ihre Zurückhaltung gegenüber der Industrie 4.0 ist groß. Für die Zukunft kann das bedeuten: Unternehmen verschwinden vom Markt, Stellen werden abgebaut und Aufgaben von Großkonzernen übernommen werden, die durch die neue Technik effektiver sind und so den Markt noch mehr dominieren. Die verschärfte Konkurrenz der Unternehmen erhöht den Druck auf die Beschäftigten.  

  Nahles handelt auch ohne Dialog   Nun zum Dialog, den Arbeitsministerin Nahles anregen will. Sie betont, dass niemand »ein Gestaltungsmonopol« habe. »Deshalb kann es am Ende nur einen Kompromiss geben. Wir werden uns dafür einsetzen, dass es ein guter, ein sozialer Kompromiss wird.« So steht es noch immer auf der eigens vom Ministerium eingerichteten Seite arbeitenviernull.de. Wie der Dialog aber tatsächlich aussehen dürfte, verdeutlicht der Umgang mit einer digitalen Neuerung namens Crowdsourcing.  

  Christian Papsdorf schrieb das Buch »Wie Surfen zu Arbeit wird«. Darin erklärt er Crowdsourcing als die »Strategie des Auslagerns einer üblicherweise von Erwerbstätigen entgeltlich erbrachten Leistung durch eine Organisation oder Privatperson mittels eines offenen Aufrufes an eine Masse von unbekannten Akteuren«. Die Arbeit wird also nicht mehr im Betrieb erledigt, sondern im Netz ausgeschrieben. Sogenannte Crowdworking-Plattformen wie »Clickworker« sind die Vorboten dieser neuen Tagelöhnerei. Bezahlt wird oft nur, wer zuerst eine Lösung einreicht, die den Anforderungen des Auftraggebers entspricht. Bei Amazon Mechanical Turk, einer der ersten und bekanntesten Crowdsourcing-Webadressen, liegt deshalb der durchschnittliche Stundenlohn bei nur 1,25 Dollar.  

  Firmen stellen Aufträge ins Netz »und warten nur noch, bis die Dienstleistung geliefert wird«. So schildert Ralf Kronig, Betriebsratsmitglied, die Situation bei der SAP AG. Seine Erfahrungen veröffentlichte Kronig am 26. Februar 2013 auf der Seite labournet.de. 

Dort schrieb er auch: »Die beste und billigste Lösung erhält den Zuschlag. Alle anderen haben umsonst gearbeitet. Im Internet konkurrieren dann fachliche Experten aus der ganzen Welt um den Auftrag, selbstverständlich unter der Leistungs- und Verhaltenskontrolle des Auftraggebers.«  

  Die Arbeit wird dabei in kleine und zumeist einfache Tätigkeiten zerlegt. Das ermöglicht es den Auftraggebern, auf eine Unmenge an Anbietern zurückzugreifen, die sich weltweit unterbieten. Crowdsourcing ist aber nicht nur bei kleinen Nebenjobs oder einfachen Aufgaben bedeutsam. 

Auch bislang abgesicherte und hochqualifizierte Beschäftigte sind von einschneidenden Veränderungen betroffen. Bei den Internetmarktplätzen für Arbeit ist die Macht klar auf seiten der Auftraggeber. Der Software-Riese IBM nutzt Crowdsourcing bereits. Das Konzept dazu heißt »GenO – Generation Open«: Große Projekte werden in viele kleine Pakete zerlegt, die geschätzt 40 bis 80 Stunden Arbeitsaufwand erfordern. Freie Programmierer oder Angestellte aus dem weltweiten IBM-Verbund sollen sich auf Onlineausschreibungen bewerben.³  

  Diese neue Organisationsweise wird von Unternehmern genutzt, um aus Arbeitsverträgen Werkverträge zu machen. Bei letzterem zählt nur noch ein bestimmtes Ergebnis. Wieviel Arbeitszeit dafür anfällt, bleibt Risiko des Werkvertraglers.  

  »Um den Missbrauch besser nachzuweisen, ist die Umkehr der Beweislast wichtig. Und wir brauchen eine rechtzeitige und umfassende Informationspflicht an den Betriebsrat, die auch empfindliche Folgen nach sich zieht, wenn sie verletzt wird«, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach in der Zeitschrift Die Mitbestimmung (Ausgabe 7/8 2015). Würden Betriebsräte Indizien vortragen, dass Angestellte praktisch per Werkvertrag beschäftigt werden, müsse dann der Unternehmer das Gegenteil beweisen. Diese Regelung solle per Gesetz festgelegt werden, verlangen Gewerkschafter.  

  Die Praxis sieht anders aus: Der von Ministerin Nahles in den vergangenen Wochen vorgelegte Gesetzesentwurf zu Werkverträgen nimmt diese Anliegen nicht auf. Crowdsourcing bleibt uneingeschränkt möglich, der Nachweis zum Werkvertragsmißbrauch muss weiterhin durch Gewerkschaften oder Betriebsräte erfolgen. Den Abschluss des »Dialogs« wollte die Bundesregierung hier nicht abwarten.  

  Fehlende Mitbestimmungsrechte   Im Positionspapier »Chancen der Digitalisierung nutzen« vom Mai 2015 äußert sich die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) eindeutig. Durch Digitalisierung sollen Werk- und Dienstverträge »an Bedeutung« zunehmen, deshalb dürfe ihr »Einsatz nicht in Frage gestellt werden«. Auch die Abschaffung des Achtstundentages und der täglichen Höchstarbeitszeit von zehn Stunden wird verlangt. Die Möglichkeiten der Beschäftigten zur Mitbestimmung müssten sich überdies dem Tempo der Digitalisierung anpassen. Geht es nach dem BDA, müssten hier »Verzögerungspotentiale abgebaut, bestehende Regelungen auf ihre Zukunftsfähigkeit hin überprüft werden«.  

  Die Forderungen der Gewerkschaft sind hingegen eher vorsichtig. »Wir gehen davon aus, dass die Digitalisierung der Industrie gerade in Deutschland große Chancen und enormes Potenzial bietet«, sagte Jörg Hofmann, mittlerweile Vorsitzender der IG-Metall, Mitte des Jahres bei einer Robotik-Konferenz in Wien. Auch die gewerkschaftliche Hans-Böckler-Stiftung bleibt vage. In einer Studie werden als Konsequenz aus der »Arbeit 4.0« erleichterte gesetzliche Möglichkeiten zur Gründung von Betriebsräten verlangt. »Die Sozialpartner und der Staat müssen das System der Mitbestimmung stärken, indem tarifvertrags- und betriebsratsfreie Zonen verringert werden. Denn es gibt keine Alternative zur Mitbestimmung als gestaltendes Strukturelement in der sozialen Marktwirtschaft«, so die Verfasser der Studie.4 Deren Schlussfolgerung: »Voraussetzung für gute Betriebsvereinbarungen ist ein verbindlicher Rahmen, der Gestaltungsspielräume eröffnet, geschaffen durch Tarifverträge der Sozialpartner.«  

  Katja Nebe, Professorin an der Universität Bremen, formuliert es bestimmter. In einem Vortrag beschreibt sie die Probleme von Gewerkschaften etwa durch das Crowdworking. Die Wissenschaftlerin mahnt deshalb mehr Mitbestimmungsrechte bei der Personalplanung und eine »Betriebsverfassung 4.0« an. Zu dem Thema hielt sie einen Vortrag auf dem Rechtspolitischen Kongress am 25. März 2014 in Berlin.  

  Derzeit hat der Betriebsrat bei der Personalplanung lediglich ein Beratungsrecht. Zu fehlenden Stellen kann er sich äußern. Es steht ihm auch frei, den Einsatz von Werkverträgen oder Leiharbeit zu kritisieren und Alternativen zu erarbeiten. Aber umsetzen muss der Unternehmer diese Vorschläge nicht.  

  In manchen Branchen gewinnen Überlastungsanzeigen zunehmend an Bedeutung. Waren sie anfangs nur im Gesundheitswesen üblich, sind sie inzwischen im Dienstleistungsbereich bei Banken oder IT-Firmen ein Thema. 

Eine solche Meldung zeigt dem Unternehmer an, dass trotz Sorgfalt die Gefahr besteht, dass Aufgaben nicht mehr ordnungsgemäß erfüllt werden können. Es wird damit auf unakzeptable Arbeitsbedingungen hingewiesen, etwa Stress durch neue Technik. Kommt der Unternehmer der Forderung nicht nach, muss er bislang aber keine rechtlichen Konsequenzen fürchten.  

  Die Bedeutung der Überlastungsanzeigen wird durch digitale Arbeit sicher zunehmen. Vorschläge von Betriebsräten für ihre Neuregelungen liegen bereits vor: So könnte das Betriebsverfassungsgesetz um das Recht des Beschäftigten auf eine Überlastungsanzeige ergänzt werden. Sollte der Unternehmer diesen nicht nachgehen, kann der Betriebsrat Maßnahmen zur Beseitigug des Missstandes verlangen. Sollte es dann nicht zu einer Einigung kommen, ist eine externe Schlichtung angedacht. So bestünde auch eine Pflicht, über Veränderungen zu verhandeln.5  

  Gewerkschaften ohne Plan   Noch besteht viel Unklarheit über die Auswirkungen der digitalen Arbeit. Sicher ist jedoch, dass die neue Technik das Verhältnis von Arbeit und Freizeit verändert. Die Klagen der Beschäftigten über die ständige Erreichbarkeit häufen sich bereits. In einer AOK-Studie gaben bereits 2012 34 Prozent der Befragten an, dass sie »häufig oder sehr häufig« außerhalb der Arbeitszeit Mail- oder Telefonkontakt mit dem Unternehmer hatten. Die Trennung zwischen Beruf und Privatleben wird so in Frage gestellt. Nach einer Untersuchung der Deutschen Angestellten-Krankenkasse haben Angestellte, die in hohem Maße erreichbar sein müssen, häufiger Depressionen als andere. In eine ähnliche Richtung tendieren Befunde der AOK und des »DGB-Index Gute Arbeit«.  

  Der Wissenschaftler Hannes Strobel hat Ursachen und Folgen der Erreichbarkeit infolge der digitalen Arbeit untersucht.6 Häufig ist damit ständiger Erreichbarkeit ein Gefühl der Unkontrollierbarkeit verbunden. 

Viele Betroffene leben in der Erwartung, jederzeit kontaktiert werden zu können. Damit geht eine hohe psychische Beanspruchung einher.  

  Die Forschungsergebnisse machen deutlich: Statt einer Ausweitung der Arbeitszeit ist eine Begrenzung und Reduzierung angebracht. Doch eine klare gewerkschaftliche Haltung, die Produktivitätsfortschritte durch Industrie 4.0 mit der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung zu beantworten, fehlt.  

  Auf der Auftaktveranstaltung zum »Dialog Arbeiten 4.0« im April 2015 hat VW-Vorstand Horst Neumann eine Prognose getroffen. Er schätzt, dass vor allem durch die Robotisierung mittelfristig taktgebundene Arbeit, die etwa die Hälfte in der Produktion ausmacht, wegfällt. Ver.di will hier auf Innovationen setzen, erläuterte Nadine Müller, Referentin beim ver.di-Bundesvorstand. »Solche beschäftigungswirksamen Innovationen sind auch über ein Umlenken von Produktivitätsgewinnen der Digitalisierung in Bedarfsfelder zu finanzieren, so dass insbesondere gesellschaftlich notwendige und soziale Dienstleistungen vorangebracht werden«, sagte sie der Fachzeitschrift Computer und Arbeit (Juni 2015). Es bleibt offen, ob durch neue Technik dann so viele neue Arbeitsplätze entstehen wie abgebaut werden.  

  Doch noch gibt es innerhalb des DGB keine abgestimmte Strategie. Auch die Entwicklung von Forderungen nach neuen Tarifverträgen und Verbesserungen im Betriebsverfassungsgesetz unterbleibt bislang. Die Kapitalverbände warten hingegen mit deutlichen Postulaten auf. Wie ein Dialog unter solchen Bedingungen abläuft, ist absehbar. Erinnert sei an die Hartz-Kommission. 

  1 Siehe hierzu auch die Analyse der Deutschen Bank Research aus dem Februar 2014: kurzlink.de/DB-Industrie4  

  2 Siehe die Studie von Ulrich Dolata, »Märkte und Macht der Internetkonzerne«: kurzlink.de/Internetkonzerne  

  3 Auch die IG Metall befasste sich mit Crowdsourcing. Ihre Erfahrungen hielt sie in einer Broschüre fest: kurzlink.de/IGM-Crowdsourcing  

  4 Die Studie im Netz: kurzlink.de/Boeckler_Industrie4  

  5 Siehe dazu auch: Marcus Schwarzbach: Work around the clock? Industrie 4.0, die Zukunft der Arbeit und die Gewerkschaften. Papyrossa-Verlag, Köln Februar 2016 (Vorbestellung), etwa 130 Seiten, 11,90 Euro  

  6 Die Studie von Hannes Strobel »Auswirkungen von ständiger Erreichbarkeit und Präventionsmöglichkeiten« lässt sich hier nachlesen: kurzlink.de/Erreichbarkeit  

 

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