Industrie 4.0 und die Frauen 

  

Flexibilisierung der Arbeit ist eine besondere Gefahr für Frauen 

Auf Einladung der DKP-Frauenkommission trafen sich 14 Frauen in Altena, um sich einen Tag lang mit dem Thema „Industrie 4.0" und deren besondere Bedeutung für Frauen zu beschäftigen. Den Einstieg ins Thema lieferte Tina Flügge mit einem Powerpoint-Vortrag, der Chancen und Risiken der Digitalisierung in Beruf und Gesellschaft darlegte und entsprechende Fragen aufwarf. Im Anschluss wurde in drei Arbeitsgruppen gearbeitet. 

Die AG 1 beschäftigte sich mit der Frage: Was verstehen wir unter Produktivkraft/-entwicklung und welche Auswirkung von Industrie 4.0 sehen wir unter kapitalistischen Bedingungen? Neben der ausführlichen Begriffsanalyse kam die AG zu einem eindeutigen Ergebnis, welches kurz und provokativ heißt: Sozialismus oder Barbarei! Eine besondere Gefahr für Frauen wurde in der Flexibilisierung der Arbeit gesehen, die auch Entgrenzung und unbezahlte Mehrarbeit bedeutet. Bevorzugt wird die Flexibilisierung von Frauen in Anspruch genommen, um nebenbei noch Haushalt und Kinder zu versorgen. Neben drohenden gesundheitlichen Problemen (Burn-Out) verfestigt dies das konservative Frauenbild. Auch die anstehenden Rationalisierungen im Dienstleistungssektor, also Krankenhäuser, Handel usw., betreffen vor allem Frauen. 

In AG 2 wurde über die Frage diskutiert, welchen Nutzen Industrie 4.0 für die Menschen haben könnte 

und wo positive Auswirkungen gesehen werden könnten. Auch hier kam die Arbeitsgruppe zu dem Schluss, dass nahezu jeder Aspekt unter kapitalistischen Bedingungen eine Verschlechterung für die Arbeiterklasse bedeutet. Lediglich die Möglichkeit, dem Abbau von Arbeitsplätzen mit einer Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohn- und Personalausgleich zu begegnen, konnte als positiver Gesichtspunkt angesehen werden. Eine Möglichkeit, die allerdings sehr schwer durchzusetzen sein wird und mit aller Kraft gefordert werden muss. Als großes Problem wurde das Sammeln von Daten angesehen. Durch die digitale Verknüpfung wird eine Totalüberwachung ermöglicht, die alle Lebensbereiche erfasst und der Manipulation des Konsumverhaltens sowie einer umfassenden Kontrolle der Menschen Tür und Tor öffnet. Die AG kam zu dem Schluss, dass die Digitalisierung im Sozialismus durchaus eine Entwicklung zum Nutzen der Menschen bedeutet, in unserem Gesellschaftssystem allerdings ein weiteres Instrument zur Unterdrückung und Ausbeutung der Arbeiterklasse ist. 

Die AG 3 überlegte, welche Handlungsmöglichkeiten wir sehen, wo wir Einfluss nehmen können und welche Bündnispartner/innen wir sehen. Es wurde die Notwendigkeit festgestellt, überhaupt erst einmal ein Problembewusstsein zu schaffen und auf die Gefahren der zunehmenden Digitalisierung hinzuweisen. Es gibt eine Vielzahl von potentiellen Verbündeten, an erster Stelle natürlich die Gewerkschaften. Im anschließenden Plenum wurde noch einmal übereinstimmend festgestellt, wie nötig es ist, endlich etwas in Bewegung zu bringen und wie wichtig der Kampf um Arbeitszeitverkürzung und Datenschutz ist. 

Der Frauenarbeitskreis wird sich weiter mit dem Thema beschäftigen. 

Barbara Kuprat 

UZ, Zeitung der DKP, Nr. 52/2015 

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Individuelle Freiheit oder Arbeitszwang 

Lars Mörking im Gespräch mit Christina Flügge, IG-Metall-Bildungszentrum Sprockhövel | 

In: unsere zeit online vom 25. Dezember 2015  

 

UZ: Industrie 4.0, das klingt nach Fabrik und von Männern dominierten Berufsfeldern. Was verstehst du unter dem Begriff und wie wirken sich die damit verbundenen Veränderungen in der Produktion besonders auf weibliche Beschäftigte aus? 

Christina Flügge ist Betriebsratsvorsitzende des IG-Metall-Bildungszentrums Sprockhövel. 

Christina Flügge: Industrie 4.0, das heißt ja zunächst einmal in der Produktion, dass Menschen, Werkstücke und Maschinen über das Internet permanent verbunden sind. Jeder zu bearbeitende Rohling teilt der Maschine bereits mit, was mit ihm passieren soll, wie er bearbeitet werden muss usw.; Roboter arbeiten Hand in Hand mit Menschen, sind anpassungsfähig. Das verändert Industriearbeit natürlich in großem Ausmaß. 

Die Digitalisierung geht aber weiter, wird die Arbeit in Büros und Verwaltungen – und das nicht nur in den Industriebetrieben – verändern und betrifft Tätigkeiten im Dienstleistungssektor und unter anderem dort dann eben auch Bereiche, in denen mehrheitlich Frauen beschäftigt sind. 

Es fallen durch diese Entwicklung nicht nur Aufgaben und Arbeitsplätze weg, es werden sicherlich auch neue entstehen, zum Beispiel in der Softwareentwicklung, im IT-Bereich usw. Allerdings liegt der Frauenanteil hier bisher bei unter 20 Prozent. 

Frauen begeistern sich häufig für „mobiles Arbeiten" –, hoffen, damit Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bekommen. Allerdings hat die Medaille wie immer eine Rückseite: Arbeitsbedingungen und Arbeitsplatzgestaltung sind kaum kontrollierbar und je nach Arbeitsvolumen sind auch überlange Arbeitszeiten möglich bzw. nötig, um das gewünschte Ergebnis abzuliefern. Hinzu kommt die Tendenz, dass damit auch ständige Erreichbarkeit erwartet wird. Die jetzige Entwicklung zu Befristungen und Flexibilisierung der Arbeit, ohne festen Arbeitsplatz und ohne verlässliche Berufsperspektive könnte sich weiter verschärfen. Gleichzeitig wird gefordert, sich ständig weiterzuentwickeln, komplexer zu arbeiten, sich fort- und weiterzubilden. Eine Unterbrechung der beruflichen Tätigkeit ist da kaum noch vorstellbar. 

Das ist allerdings kein frauenspezifisches Problem, das gilt im Übrigen auch für Männer. 

UZ: Mit Industrie 4.0 wird auch ein Schub bei der Produktivität erwartet. Gibt es hier nicht die Perspektive, Arbeitszeit zu verkürzen, anstatt Stellen zu streichen und mehr Druck auf die Beschäftigten auszuüben? 

Christina Flügge: Die hohe Produktivität könnte im Sinne der Beschäftigten jede Menge Vorteile bringen, was Arbeitszeit und Entlohnung betrifft. Aber die Frage ist doch, wer den Takt vorgibt und wo welche Entscheidungen getroffen werden. Wir blicken auf zwei Jahrzehnte Abwehrkämpfe zurück. Gerade bei der Arbeitszeit geht die Tendenz immer wieder in Richtung verlängerter Arbeitszeiten. 

Um hier wieder mehr Druck zu entwickeln, brauchen wir organisierte Beschäftigte. Aber wie sieht die Zukunft aus, wenn immer mehr Tätigkeiten extern vergeben werden können oder Beschäftigte gar nicht mehr in den Betrieb kommen müssen, um ihre Arbeitsleistung zu erbringen? Kennen die Kolleginnen und Kollegen sich zukünftig möglicherweise gar nicht mehr? Was ist mit „freien" MitarbeiterInnen ohne festen Arbeitsort oder „digitalen Tagelöhnern"? Wie können Gewerkschaften diese organisieren und mit ihnen Gegenmacht entwickeln? Besonders in den Gewerkschaften müssen wir darüber reden, wie wir die betriebliche Mitbestimmung in dieser Hinsicht erweitern können. Wenn Software-Programme zukünftig darüber bestimmen, wie in den Unternehmen gearbeitet wird und somit den Arbeitstakt vorgeben, brauchen wir bereits bei der Entwicklung Regeln, die unsere Einflussnahme sichern. Das stellt die Kolleginnen und Kollegen in den Betriebsräten vor neue Herausforderungen. Wir müssen uns darüber verständigen, wie wir die Arbeitsintensität, Arbeitszeit usw. unter diesen Bedingungen mitgestalten können und wollen. Bisher habe ich allerdings den Eindruck, dass das Thema eher von Experten diskutiert wird. Bei den Kolleginnen und Kollegen im Betrieb ist es noch gar nicht richtig angekommen. 

Wohin wird die Reise gehen: individuelle Freiheit und Zeitsouveränität der Beschäftigten oder erhöhter Arbeitszwang, mehr Chancen auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder ständige Verfügbarkeit auch zu Hause? – Beides ist möglich. Es gilt noch auszuhandeln, wer Industrie 4.0 zu seinem Nutzen gestalten kann. Fest steht nur, dass wir uns einer schnellen Umwälzung unseres Arbeitsalltags gegenübersehen. 

UZ: Wie sieht es mit der Möglichkeit der (Leistungs-)Kontrolle der Beschäftigten aus? 

Christina Flügge: Auch hier ist die Frage, wer da was und wen kontrolliert. Die Dokumentation der Arbeitsleistung kann auch zu deren Begrenzung dienen. Es wäre also nicht nur möglich, jederzeit nachzuvollziehen, welcher Arbeitsschritt bereits vollzogen ist und wer welche Aufgabe in welchem Tempo erledigt, sondern es geht eben auch, dass die Arbeitszeit kontrolliert und begrenzt wird, indem zum Beispiel der Zugang auf eine bestimmte Zeit beschränkt wird. Hier gilt es insbesondere klare Regeln zu vereinbaren. 

UZ: Welche Aufgaben siehst du noch auf uns zukommen? 

Christina Flügge: Auf jeden Fall müssen wir uns darüber verständigen, welche Möglichkeiten wir, aktive Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, mit Industrie 4.0 verbinden und welche Forderungen wir aufstellen, so wie wir das auf Einladung der Frauenkommission in Altena getan haben. 

Allein die Gefahren, die mit Industrie 4.0 auf uns zu kommen, zu sehen und davor zu warnen, das wird nicht reichen. Wir müssen auch die damit verbundenen Möglichkeiten thematisieren und eigene Vorstellungen dazu entwickeln. 

Und was die Durchsetzung betrifft, da brauchen wir mehr Information und Diskussion mit den Betroffenen – und nicht zuletzt BündnispartnerInnen, die unsere Interessen unterstützen. 

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Der Körper als Ware – Sexism sells 

 

Jede Hauptstraße ist voll mit Großwandplakaten, auf denen mit nackten Frauenbrüsten geworben wird. Mit Sex wird fast jede Ware verkauft. In Wirklichkeit benutzen die Konzerne Sexismus, um ihre Profite zu sichern. Jede Frau, die sich wie auf den Plakaten halbnackt und eingeölt auf die Straße traute, würde das deutlich zu spüren bekommen. 

In der 68er-Bewegung haben Frauen in Westdeutschland dagegen gekämpft, wie ein Sexobjekt behandelt zu werden. Gleichzeitig sind sie erfolgreich für mehr sexuelle Freiheit eingetreten. Doch heute entstellt die Werbung den Wunsch von Frauen auf selbst bestimmte Sexualität und wendet ihn gegen sie. Frauenkörper preisen CDs, Autos, Kosmetik, Zigaretten oder Eiscreme an. Wenn das Gesicht der Frau zu sehen ist, hat es immer denselben Ausdruck: „Nimm mich!" 

Die Models sind meist mager mit künstlich vergrößerten Brüsten. Fotomodelle wiegen heute durchschnittlich 23 Prozent weniger als in den 50ern. Weil das Schönheitsideal aber von den untergewichtigen Models geprägt wird, haben 70 Prozent aller Frauen Essstörungen, weil sie einem unerreichbaren Ideal nacheifern müssen. Frauen haben in den letzten Jahrzehnten viele Freiheiten erkämpft, aber im Kapitalismus versuchen Konzerne alles zu erobern und aufzusaugen, um es in eine Ware zu verwandeln und an uns zurückzuverkaufen. Selbst für unseren Widerstand gegen Krieg müssen wir bezahlen, wenn wir ein T-Shirt mit einem Friedenssymbol tragen wollen. In den 60er und 70er Jahren haben Aktivistinnen als Teil der weltweiten antikapitalistischen Bewegung die moderne Frauenbewegung entwickelt, die sich mit den Jahren stark verändert hat. Frauen wollen heute meist mehr aus ihrem Leben machen, als den Haushalt sauber zu halten. Die meisten Frauen arbeiten außer Haus und immer mehr Frauen erlangen bessere Bildungsabschlüsse. Wichtig dabei ist, dass Frauen heute mit sicheren Verhütungsmitteln Schwangerschaften gezielt steuern können. 

Doch der grobe Einsatz von Frauenkörpern als Ware zeigt die nach wie vor existierende Frauenunterdrückung in Deutschland. Frauen wurden aber schon unterdrückt, lange bevor es Plakattafeln gab. Diese Unterdrückung hält bis heute an – wenn auch anders als in früheren Jahrhunderten. Beispielsweise verdienen Frauen in Deutschland durchschnittlich 20 Prozent weniger als Männer. „Doch die Unterbewertung der Frauenarbeit lässt sich nicht mit irgendwelchen biologischen Eigenschaften erklären, dahinter stecken soziale Ursachen", schrieb die russische Revolutionärin Alexandra Kollontai schon 1921. Sie war nach der russischen Revolution 1917 das erste weibliche Mitglied einer Regierung in der modernen Geschichte. Kollontai erklärte, wie die materiellen Bedingungen im Kapitalismus und die herrschenden Moralvorstellungen zwischenmenschliche Beziehungen und Sexualität zerstören. 

Diese Analyse ist so aktuell wie damals, denn auch heute ist das ausschließliche Ziel der Herrschenden im Kapitalismus die Vermehrung ihres Profits. Deshalb wird zum Beispiel die Erziehung von Kindern hauptsächlich den Eltern aufgebürdet. Je weiter der Sozialstaat gekürzt wird, umso mehr lastet die Versorgung von Kindern, Alten und Kranken zunehmend auf den Familien, die diese gesellschaftlich wichtigen Arbeiten kostenlos leisten müssen. Wegen der geringeren Löhne leiden vor allem Frauen unter dem steigenden Druck der Doppelbelastung von Beruf und Familie. 

Diesen Druck nutzen wiederum Konzerne, die uns eine glückliche Familie versprechen, wenn wir Essen von Knorr und Putzmittel von Ata kaufen. Frauen werden Diät-Mittel angepriesen, mit denen sie sich den 45 Kilo-Models entgegenhungern sollen, was angeblich Erfolg in der Liebe und im Beruf bringt. Genauso wird Männern vorgemacht, dass ihnen die Frauen nur dann zu Füßen liegen, wenn sie Deodorant von Axe benutzen. 

Doch Arbeiterinnen und Arbeiter haben organisiert nicht nur die Macht, Kürzungspolitik zurückzuschlagen, sondern auch eine Gesellschaft zu erkämpfen, in der nicht der Profit einer Minderheit sondern die Bedürfnisse der Menschen im Vordergrund stehen. In einer klassenlosen, sozialistischen Gesellschaft gäbe es keinen Grund mehr, gesellschaftliche Aufgaben in der Familie zu privatisieren. Kollontai folgerte, dass erst in einer klassenlosen Gesellschaft das traditionelle Bild von der Minderwertigkeit der Frau an Gültigkeit verlieren könne. Als Volkskommissarin für soziale Fürsorge hat sie sich nach der Revolution dafür eingesetzt. 1920 haben in Moskau in 40 Prozent aller Wohnungen entweder kollektive Wohngemeinschaften oder Hauskommunen mit individuellen Wohneinheiten gelebt. „Die notwendigen Reinigungsarbeiten werden von bezahlten Putzkräften erledigt und in einigen Wohnkommunen gibt es eine zentrale Wäscherei, eine Kinderkrippe oder einen Kindergarten." 

Irmgard Wurdack 

Die Freiheitsliebe 

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Sexuelle Übergriffe betreffen nicht nur Flüchtlingsfrauen 

Breite gesellschaftliche Debatte erforderlich 

 

In vielen Notunterkünften, Hallen, Zelten und Fluren müssen Frauen und Kinder sowie Minderjährige allein reisende männliche Flüchtlinge monatelang neben fremden Männern schlafen. Duschräume und Toiletten sind oft nicht nach Geschlechtern getrennt. Es fehlen Rückzugsorte, Vorhänge, abschließbare Räume. Allein das ist für viele Frauen (und auch männliche Minderjährige) unerträglich. Noch unerträglicher ist allerdings, dass diese Lebensbedingungen ihnen keinen Schutz vor körperlicher Gewalt und sexuellen Übergriffen bieten. 

Bereits im August schlugen Frauen- und soziale Verbände in Hessen Alarm wegen sich häufender sexueller Übergriffe auf Frauen und Kinder in den Massenunterkünften. Von Vergewaltigungen und sogar Prostitution war die Rede. Genaue Zahlen gab und gibt es allerdings nicht, weil niemand den Überblick hat, was in den Massenunterkünften so abläuft. So blieben beispielsweise kürzlich Hunderte Flüchtlinge in einem ehemaligen Baumarkt in Hamburg ein ganzes Wochenende völlig sich selbst überlassen, weil der Senat und die zuständigen Behörden es nicht fertig brachten, mit den Flüchtlingen auch die notwendige Infrastruktur, Betten, Decken, Nahrung und ein Betreuer-Team zu schicken. Außerdem kommt es bei Vorfällen nur in den seltensten Fällen zur Anzeige. 

Schätzungen zufolge kommen in diesem Jahr 800 000 Flüchtlinge, davon 25 Prozent Frauen, die in Deutschland bleiben wollen und untergebracht werden müssen. Das passiert fast ausnahmslos in Massenunterkünften, mehrere Hundert Menschen auf engstem Raum wild durcheinander gewürfelt. Soweit überhaupt vorhanden, befinden sich die sanitären Anlagen in separaten Containern, sind häufig nicht abschließbar, nicht selten nicht einmal nach Geschlechtern getrennt. Viele Frauen – auch in kleineren Unterkünften – veranlasst das dazu, des Nachts im Bedarfsfalle nicht auf die Toilette zu gehen, sondern irgendwelche nicht für diesen Zweck geeignete Behältnisse zu benutzen. Konflikte unter den Bewohnerinnen und Bewohnern sind dadurch verständlicherweise programmiert. 

Die Begründung für diese Zustände ist immer dieselbe: die „Masse" an Flüchtlingen überfordert ausnahmslos alle, und es gibt weder Platz noch Geld für menschenwürdige Unterbringung. Außerdem sollen sich die Flüchtlinge nicht zu wohl fühlen in unserem schönen Land, denn schließlich wird ein erheblicher Teil von ihnen nicht hierbleiben können. Die Parteien von CSU bis zur „Linken" sind sich einig, dass Asylanträge zügig bearbeitet und dann auch ebenso zügig die Entscheidung entsprechend umgesetzt werden soll: Im besten Falle bei einem positiven Bescheid Verlegung in kleinere Unterkünfte oder Wohnungen, bei einem ablehnenden Bescheid im günstigsten Falle freiwillige Ausreise, im ungünstigsten Fall zwangsweise Abschiebung. Dass sie diesen rechtsstaatlich abgesegneten menschenfeindlichen „Asyl-Kompromiss" mittragen werden, machten sowohl Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow als auch der neue Ko-Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Partei „Die Linke", Dietmar Bartsch, mehrfach deutlich, u. a. im sonntäglichen „Bericht aus Berlin". 

Belastbare Zahlen über sexuelle Übergriffe und (sexuelle) Gewalt gegen Frauen in den Flüchtlingsunterkünften gibt es nicht, Fakt ist allerdings, dass z. B. in Hamburg im ersten Halbjahr 2015, das war vor der so genannten „Flüchtlingskrise", 11 Frauen und 13 Kinder in einem der sechs Frauenhäuser Schutz suchten. Das ergab eine kleine schriftliche Anfrage der FDP-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft. Die Vorfälle scheinen sich zu häufen. Die Rede ist von Frauen, die sich wie Freiwild fühlen, begrapscht und eingeschüchtert werden, (Ehe)Frauen, die von (Ehe)Männern vergewaltigt werden. Das männliche Dominanzverhalten macht auch vor den weiblichen Beschäftigten z. B. der Trägervereine nicht halt. Informationen darüber gibt es allerdings nur hinter vorgehaltener Hand, Anzeigen sind nicht bekannt. 

Entgegen einer Antwort auf eine schriftliche kleine Anfrage der Hamburger Linksfraktion von Anfang Oktober 2015, keine separaten Unterkünfte für Frauen und Kinder schaffen zu wollen, entschied sich der Senat offensichtlich nun doch zu diesem Schritt: Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) richtet im November eine Unterkunft ein, in der etwa 100 bis 150 Menschen aufgenommen werden sollen, homosexuelle Männer, allein reisende Frauen, Frauen mit Kindern und Schwangere. Das Albertinen-Diakoniewerk stellt ab Mitte Januar 2016 vorübergehend ein Gebäude für die Versorgung von Flüchtlingen zur Verfügung: Etwa 65 Plätze für die Versorgung von allein reisenden Frauen, Schwangeren und Müttern mit kleinen Kindern. Auch in Hessen werden separate Unterkünfte eingerichtet. 

Die Frauenhäuser nehmen grundsätzlich alle Frauen auf. Die Unterbringung von Schutz suchenden weiblichen Vertriebenen stellt sie aber vor besondere Probleme. Die Unterbringung im Frauenhaus ist auf eine zeitlich begrenzte Verweildauer ausgelegt. So schnell als möglich sollen die betroffenen Frauen in Wohnungen vermittelt werden. Das ist aber mit Asylbewerberinnen ohne Aufenthaltstitel nicht möglich. Außerdem sind die Frauenhäuser sowieso total überlastet. 

Das deutet auf ein ganz anderes Problem hin: Nämlich, dass (sexuelle) Gewalt gegen Frauen kein durch Flucht bedingtes Problem ist, sondern auch hierzulande ein gesellschaftliches. Und zwar ein weit verbreitetes: Laut Terre de Femmes ist fast jede siebte Frau in Deutschland von sexueller Gewalt betroffen. 13 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen haben seit dem 16. Lebensjahr strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erlebt. Das heißt Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung oder unterschiedliche Formen von sexueller Nötigung. Rund 25 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen ist körperliche oder sexuelle Gewalt (oder beides) durch aktuelle oder frühere Beziehungspartnerinnen oder -partner widerfahren. Nur 5 Prozent der Sexualstraftaten werden angezeigt. Laut der Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen" haben nur 8 Prozent der Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, die Polizei eingeschaltet. Von 100 angezeigten Vergewaltigungen enden im Schnitt nur 13 mit einer Verurteilung. 

Untersuchungen belegen, dass sexuelle Gewalt bis zu 99 Prozent von Männern verübt wird; der Anteil von Frauen als Täterinnen beträgt unter 1 Prozent. Ein ähnliches Verhältnis ergibt sich bei sexueller Belästigung: In 97 Prozent der Fälle gehen die Belästigungen von männlichen Personen und in nur zwei der Fälle von weiblichen Personen aus. „Entgegen der weit verbreiteten Stereotype, wonach die Quote der Falschanschuldigungen bei Vergewaltigung beträchtlich ist, liegt der Anteil bei nur drei Prozent", so Terre de Femmes. 

Was wir also brauchen sind schnelle, praktikable Lösungen für Frauen in den Massenunterkünften und eine generelle, nachhaltige, breite gesellschaftliche Debatte über das Thema (sexuelle) Gewalt gegen Frauen sowie Opferschutz für alle Betroffenen. 

Birgit Gärtner 

UZ, Zeitung der DKP, Nr. 44/2015 

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Frauen fordern Rechte  

»Jasminrevolution« in Indien: Teepflückerinnen wehren sich gegen männliche Dominanz und gründen eigene Gewerkschaft  

K. S. Harikrishnan/IPS 

In: junge Welt online vom 29.12.2015 

 

Lissie Sunny ist eine indische Teepflückerin. Mehr als 25 Jahre lang arbeitete sie auf Teeplantagen in den Bergen im südindischen Bundesstaat Kerala, ohne besonders Aufheben darum zu machen. Doch vor drei Monaten stellte sie sich an die Spitze einer Protestbewegung gegen Ausbeutung, niedrige Löhne und die Unterdrückung von Frauen. In Indien spricht man – in Anlehnung an den Umsturz in Tunesien vor fünf Jahren, der mit der Selbstvebrennung eines Straßenhändlers begann – bereits von einer eigenen »Jasminrevolution«. 

Gemeinsam mit 6.000 weiteren Teepflückerinnen demonstriert sie seitdem vor allem gegen den indischen Konzern Tata, dem die Kanan-Devan-Hills-Plantagen im Idukki-Distrikt in Kerala gehören. Gegen die Übermacht der männlich dominierten etablierten Gewerkschaften gründete Sunny die Frauengewerkschaft »Pompilai Orumai« (PO) und wurde zu deren Präsidentin gewählt. Drei Mitglieder der Gewerkschaft wurden zudem kürzlich in die Lokalregierung gewählt. 

Die Proteste begannen, als die etablierten Gewerkschaften einen Bonus, den die meist weiblichen Teepflückerinnen regelmäßig erhalten, beschneiden wollten. »Aber die eigentlichen Probleme liegen viel weiter zurück«, sagt Lissie Sunny. »Die Gewerkschaften nehmen uns Arbeiterinnen seit Generationen aus. Sie haben heimliche Absprachen mit den Vorstandsetagen der Teefirmen getroffen, und ihre Anführer leben selbst ein luxuriöses Leben. Die Teefirmen zahlen den Gewerkschaftsbossen ihre Wohnhäuser, ihre Kinder bekommen eine gute Ausbildung, und sie selbst bekommen dank ihrer guten Beziehungen zu den Plantagenbesitzern gute Jobs.« 

Die Teeindustrie ist arbeitsintensiv. Die Blätter müssen von Hand gepflückt werden, was die Hände der Pflückerinnen ruiniert. In bergigen Regionen ist die Arbeit noch schwieriger, und die Gefahr, sich zu verletzen, steigt. Dennoch sind die Löhne fast durchweg gering, während die Frauen meist von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang arbeiten müssen. Ein Tageslohn liegt durchschnittlich bei 233 Rupien, umgerechnet etwa 3,20 Euro. »Das ist die Hälfte dessen, was ein Arbeiter in Kerala bekommt«, erläutert Sunny. Auch die übrigen Lebensbedingungen sehen kaum besser aus: »Die Arbeiterinnen leben alleine in kleinen Hütten ohne Toiletten.« 

Für Sunny und ihre Mitstreiterinnen geht es bei ihrem Kampf auch um Geschlechtergerechtigkeit. Die meist männlichen Gewerkschaftsführer würden die Rechte von Frauen ignorieren. Menschenrechtsaktivisten kritisieren, der Teesektor leide noch immer unter kolonialen Strukturen. 

Mit der jetzt ausgebrochenen Jasminrevolution wehren sich Frauen gegen jahrzehntelange Ausbeutung und die männliche Dominanz in der Branche. 

Für den Menschenrechtsaktivisten K. Sahadevan ist die Revolte der Teepflückerinnen Teil eines seit längerem zu beobachtenden Trends: Immer mehr Frauen gingen für bessere Löhne auf die Straße. Sie würden es immer weniger einsehen, dass ihre Rechte mit Füßen getreten werden. »In der Vergangenheit hat es immer mehr Streiks gegeben, die Frauen angeführt haben. Die etablierten Gewerkschaften waren daran allerdings in der Regel nicht beteiligt«, so Sahadevan. Frauen hätten den Glauben an Gewerkschaftsvertreter verloren, die von politischen Parteien gesponsert werden. »Die Frauen haben ihre eigenen innovativen Mobilisierungsstrategien entwickelt.« 

Genderforscherin Sreelekha Nair bezeichnet den Streik als Meilenstein, bei dem vor allem die Aspekte der Geschlechterdifferenz beachtet werden müssten. »Der Aufstand ist ein Indikator dafür, dass die weiblichen Beschäftigten nun auch den Kampf für ihre Rechte aufnehmen. Die etablierten Gewerkschaften haben in Kerala eine Atmosphäre geschaffen, in der gestreikt werden konnte. Das hat durchaus Arbeiter angezogen. Nun fordert eine andere Gruppe, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie ein anderes Geschlecht hat, dieselben Rechte ein. Das schockiert das Establishment und bringt die eingespielten Abläufe rund um den Streik durcheinander«, erklärt Nair. 

Rund 33 Millionen Menschen leben in Kerala, dem am dichtesten besiedelten Bundesstaat Indiens. Obwohl das dortige Pro-Kopf-Einkommen mehr als ein Drittel über dem indischen Durchschnitt liegt und die Armut wesentlich niedriger ausfällt als im Rest des Landes, ist die offizielle Arbeitslosenquote relativ hoch, da es hier kaum Industrie gibt. 

Wie aus einem Anfang März dieses Jahres vom Internationalen Währungsfonds (IWF) veröffentlichten Bericht hervorgeht, ist die Arbeitsmarktpartizipation von Frauen in Indien so niedrig wie in kaum einem anderen Schwellenland. Nur 33 Prozent aller Frauen im erwerbsfähigen Alter gehen demnach einer Arbeit nach oder suchen einen Job. Im Durchschnitt ist der Anteil in Ostasien mit 63 Prozent fast doppelt so hoch. Der globale Durchschnittswert bewegt sich bei 50 Prozent. Nicht einmal fünf Prozent der Mitglieder von Führungsetagen in Unternehmen sind weiblich. Das ist ein niedrigerer Prozentsatz als in allen anderen Mitgliedsstaaten der sogenannten BRICS-Gruppe, der Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika angehören. 

2013 wurde in Indien ein neues Gesetz verabschiedet, das alle an der Börse notierten Unternehmen verpflichtete, ab August 2014 jeweils mindestens eine Frau in den Vorstand zu berufen. Da nur wenige Firmen diese Auflage fristgerecht erfüllt hatten, wurde der Zeitraum bis April 2015 verlängert, doch auch bis dahin war nichts Wesentliches geschehen. 

 

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Frauenpolitik 

Arbeiterinnen united 

Arbeiterinnen united: Zu diesem Netzwerk gehören Näherinnen aus dem Süden und Verkäuferinnen aus dem Norden der Welt 

Von Gudrun Giese 

publik 

 

Was verbindet die Näherin einer Textilfabrik in Bangladesch mit einer Verkäuferin bei H&M in Deutschland? Nicht nur die Billigklamotten, die die eine herstellt und die andere verkauft. Auch die Arbeitsbedingungen beider sind schlecht, ihr Lohn reicht hier wie dort kaum zum Leben, und gewerkschaftliches Engagement wird vom Arbeitgeber äußerst ungern gesehen. Umso wichtiger ist es, die Gemeinsamkeiten entlang der Produktions- und Lieferkette im Textilhandel deutlich zu machen, heißt es bei ver.di und dem von der Gewerkschaft mitgetragenen Netzwerk „ExChains". 

Die Wortkreation spielt mit dem Doppelsinn. Das englische „Exchange" heißt zu Deutsch Austausch, „ExChains" meint so viel wie „Fort mit den Ketten". Das Netzwerk steht für beides. Anfang November wurden wieder die katastrophalen Arbeitsbedingungen in Textilfabriken Bangladeschs und Indiens in den Mittelpunkt gerückt: Anlässlich einer Betriebsrätekonferenz beim Textilhändler Zara in Hannover waren Prathiba Ramantha von der indischen Gewerkschaft Garment and Textile Workers Union und Hira Biswas von der National Garments Workers Federation in Bangladesch eingeladen, um der Geschäftsleitung von Zara Deutschland einen Forderungskatalog zu überreichen. Im Mittelpunkt der Forderungen stehen die Vereinigungsfreiheit in den Zulieferbetrieben von Zara, Zugangsrechte für Gewerkschaften in den Firmen und die Einrichtung von Komitees, die gegen sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz vorgehen. Außerdem sollen multinationale Bekleidungsketten wie Zara, Primark, H&M die Namen ihrer Zulieferer und der Subunternehmen der Zulieferer offenlegen. Die Beschäftigten und ihre Vertretungen in den Zulieferbetrieben sollen über Bestellmengen, Preise und Lieferzeiten ebenso informiert werden wie über die Abwicklung der Aufträge. 

Organisiert in Asien 

„Die Unternehmen in Deutschland müssen die Gewerkschaften in der Produktion als direkte Verhandlungspartnerinnen anerkennen", sagte Festim Lezi, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats bei Zara und aktives Mitglied im gewerkschaft- lichen Arbeitskreis „Junge Mode". „Nur so können wirkliche Verbesserungen erreicht werden. Dafür werden wir Druck machen." Der Forderungskatalog soll in nächster Zeit an weitere Textilhändler überreicht werden, so an H&M. 

Vorausgegangen war der Aktion in Hannover eine Organisierungskampagne in Textilfabriken Indiens, Bangladeschs und Sri Lankas, die Gewerkschaften vor Ort mit Unterstützung des ExChains-Netzwerks initiiert hatten. „Uns geht es darum, durch Vernetzung und Austausch die Beschäftigten in den Textilfabriken bei ihrem gewerkschaftlichen Engagement zu unterstützen", sagt Damiano Quinto, der in der ver.di-Bundesfachgruppe Einzelhandel auch für Zara und H&M zuständig ist und zuvor Betriebsratsvorsitzender bei H&M in Trier war. 

Das Netzwerk wolle nicht nur die miserablen Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten Südostasiens anprangern. „Bei ExChains steht die Aktivität im Mittelpunkt: Wir wollen Gewerkschaftsarbeit stärken, denn die Beschäftigten können am Ende ihre Probleme nur selbst lösen", sagt Quinto. Und das gelte in einer Textilfabrik in Dhaka/Bangladesch genauso wie in einer Berliner Filiale von Zara, H&M oder Primark. Darauf zielte auch Saskia Stock, Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats bei H&M und im Arbeitskreis „Junge Mode" aktiv, mit ihren Worten auf der Betriebsrätekonferenz in Hannover: „Wir begreifen uns als Kolleginnen und Kollegen einer Branche in Nord und Süd und arbeiten gleichberechtigt zusammen." 

Das ExChains-Netzwerk gibt es bereits seit 2002, es wird unter anderem von TIE Global (Transnational Information Exchange) und dem TIE Bildungswerk, dem DGB-Bildungswerk Bund, von ver.di sowie Textilgewerkschaften in Bangladesch, Indien und Sri Lanka getragen. Sein Ziel ist, „es Arbeiterinnen überall in der globalen Bekleidungsindustrie zu ermöglichen, die Kontrolle über ihr eigenes Arbeiten und Leben zu erlangen". Dazu gehörten das Recht sich in unabhängigen Gewerkschaften zu organisieren sowie die Vermittlung von Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge – sowohl über den globalen Kapitalismus allgemein als auch über die globale Bekleidungsindustrie. 

„Der Besitzer der ursprünglich spanischen, inzwischen längst globalen Bekleidungskette Zara, die zur Inditex-Gruppe gehört, ist einer der reichsten Männer der Welt", sagt Quinto. „Wir wollen mit unseren Forderungen und Kampagnen klar machen, dass dieser Reichtum auch durch die Ausbeutung von Beschäftigten in Süd wie Nord zustande gekommen ist, indem den Kolleginnen die Möglichkeit genommen wird, etwas an ihrer Situation zu ändern." Sinn und Zweck der ExChains-Kampagnen ist es, hier anzusetzen und die Beschäftigten in ihren Handlungsmöglichkeiten zu stärken. 

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Nicht nur an Silvester

(Sexuelle) Gewalt gegen Frauen ist global und allgegenwärtig

Von Birgit Gärtner

In: unsere zeit online vom 12. Februar 2016

Nein, (sexuelle) Gewalt gegen Frauen ist kein Privileg nordafrikanischer Männer. Die 30 Tatverdächtigen, gegen die die Kölner Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit den Vorfällen von Silvester ermittelt, haben offiziellen Angaben zufolge die marokkanische, albanische, tunesische syrische, libysche, iranische, türkische, somalische und algerische Staatsangehörigkeit. Bei zwei Personen war die Herkunft nicht feststellbar. Von den 30 Verdächtigen sind 15 Asylbewerber (davon elf, die erstmals nach Anfang September 2015 in Deutschland registriert wurden) und elf Personen, die sich ohne Status in Deutschland aufhalten, zwei unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sowie zwei Personen mit Aufenthaltsgenehmigung.

Allerdings wird nur gegen sechs von ihnen im Zusammenhang mit Sexualstraftaten ermittelt. Obwohl nicht bekannt ist, welcher Nationalität diese sechs angehören, lässt sich feststellen: sexuelle Gewalt ist weder an Nationalität noch an Religionszugehörigkeit gekoppelt – die Anzeigen wegen Sexualstraftaten z. B. beim Oktoberfest bestätigen dies, sondern sie ist männlich.

Weltweites Pick-up-event wurde abgeblasen.

Sexuelle Gewalt gibt es nicht nur in Köln, Hamburg, Bielefeld oder München, sondern rund um den Globus. Nicht selten endet Gewalt gegen Frauen tödlich, sei es durch die gezielten Abtreibungen in Indien, Albanien, Armenien oder Dänemark von weiblichen Föten – also schon vor ihrer Geburt, durch Jagdunfälle vom bayrischen Wald bis zur Lüneburger Heide, bei denen häufig „versehentlich" der weibliche Teil der Familie reduziert wird, in Russland – 12 000 tote Frauen pro Jahr durch häusliche Gewalt, eine tote Russin alle 40 Minuten – und in der Türkei, wo allein im vergangenen Jahr 305 Ehrenmorde registriert wurden.

Kurzum: (sexuelle) Gewalt gegen Frauen ist männlich und international – und die Täter sind in Zeiten des WorldWideWeb global vernetzt. Das stellten die für vergangenen Samstag geplanten heimlichen Treffen von sich selbst „Aufreißkünstler" nennenden Männern eindrucksvoll unter Beweis: in 165 Städten in 43 Ländern, darunter auch Aachen, Berlin, Frankfurt, Hamburg, München, Nürnberg und Würzburg, wollten die „Aufreißkünstler" sich an geheimen Plätzen treffen, um ihrer Forderung nach Legalisierung von Vergewaltigungen im privaten Rahmen Nachdruck zu verleihen.

Hintergrund der Aktion war ein Blogbeitrag des US-Amerikaners Roosh V. (Daryush Valizadeh), in dem er im Februar vergangenen Jahres eine einfache Lösung für das Problem Vergewaltigung vorschlug: diese sollten seiner Ansicht nach legalisiert werden. Zumindest sofern es sich um Vergewaltigungen auf privatem Grund handele. Schließlich fänden Statistiken zufolge Vergewaltigungen primär im privaten Umfeld statt. Frauen würden dann besser auf sich aufpassen, beispielsweise in Gegenwart von Männern, die sie nicht einschätzen können, auf Alkohol verzichten. Oder junge Frauen sich nur in Gegenwart von Daddy mit Vertretern des anderen Geschlechts verabredeten.

Das klingt erst einmal so, als schlüge Roosh V. vor, dass jeder Mann mit „seiner" Frau machen könne, was er wolle. Aber „privater Grund" ist ein weiter Begriff. Schließlich hat die eigene Partnerin mal Besuch von Schwestern oder Freundinnen. Außerdem ist letztendlich auch eine Disco ein „privater Grund", sofern der Besitzer einverstanden ist. Abgesehen davon, dass natürlich auch die eigene Partnerin kein Freiwild ist – mit oder ohne Trauschein – ist es nicht Aufgabe der Frauen aufzupassen, dass sie nicht vergewaltigt werden. Sondern es ist Aufgabe der Männer, nicht zu vergewaltigen, und auch sonst keine (sexuelle) Gewalt auszuüben. Apropos Trauschein: In der BRD ist die Vergewaltigung in der Ehe nach §177 Strafgesetzbuch (StGB) erst seit 1997 strafbar.

Doch zurück zu den Aufreiß„künstlern", die sich „Return of the Kings" (Rückkehr der Könige) nennen: Die Kommunikation fand über das Internet statt. Was genau dort passieren sollte, war nicht klar. Aber weltweit befürchteten Frauen, dass Horden von Männern in den genannten Städten sich aufmachen würden, um regelrechte Frauenjagden zu veranstalten. Befürchtet wurde sowohl, dass Frauen sozusagen in freier Wildbahn angequatscht und zum Mitkommen in private Räume bewegt würden, als auch Anmache in Diskotheken, z. B. durch heimliche Verabreichung von Drogen, um die Frauen willenlos zu machen und abschleppen zu können.

Die Berichte von der Silvesternacht – möglicherweise organisierte Banden, die in Dutzenden Städten Hunderte von Frauen sexuell belästigen, nötigen und z. T. vergewaltigen und ganz nebenher noch berauben – stellte ein reines Horrorszenario auch für nicht-betroffene Frauen dar. Das allerdings von der Vorstellung Frauen jagender Männerhorden in 165 Städten weltweit bei weitem übertroffen wird. Entsprechend formierte sich in vielen Städten Protest. In Hamburg z. B. gab es Anzeigen gegen Roosh V., das LKA hatte indes schon eigenständig gegen ihn, beziehungsweise in der Sache, zu ermitteln begonnen. In Toronto hatte ein Frauen-Boxclub angekündigt, sich der Herren anzunehmen. Aufgrund der Proteste wurde die Aktion zwei Tage vorher überraschend abgeblasen.

Nun scheint der Zeitraum von Februar 2015, wo Roosh V. seinen Vorschlag unterbreitete, bis Februar 2016, wo die globale Frauenjagd stattfinden sollte, ein langer Zeitraum zu sein. Doch stellen wir uns mal vor, es sollte eine globale, dezentrale Friedensaktion, oder Protest gegen TTIP organisiert werden. Weltweit an einem Tag zur selben Zeit. Alle Aktiven wissen: nach dem Ostermarsch ist vor den Ostermarsch. Insofern ist es nicht ein langer Zeitraum zur Vorbereitung eines Events, sondern eine eindrucksvolle Demonstration männlicher Machtansprüche – eine globale Kriegserklärung an das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Frauen.

Roosh V. erklärte inzwischen in sozialen Netzwerken im Internet, sein Vorschlag sei lediglich „ein satirisches Gedankenexperiment" gewesen. Doch er und die „wiedergekehrten Könige" sind Aktivisten der so genannten Pick-Up-Artists: manipulative, frauenfeindliche Aufreißer, die einem mehrstufigen Plan vom ersten Ansprechen bis zum Sex folgen, und eine große Zahl von einstudierten Verhaltensmustern und Tricks nutzen, um möglichst viele Frauen ins Bett zu kriegen. Da scheint es doch mehr als fraglich, dass er seinen Vorschlag nicht ernst gemeint haben soll.

Wie dem auch sei: der Testballon, den Roosh V. startete, ob bewusst oder tatsächlich unabsichtlich, nahm erstaunlich schnell Fahrt auf. Und sieben bekannte bundesdeutsche Orte, an denen solche geheimen Treffen stattfinden sollten, sprechen eine deutliche Sprache. Nämlich die, dass hierzulande Gewalt gegen Frauen nicht nur an Silvester ein Thema ist.

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