Mogelpackung  

Gleichstellungspolitik Lilly Lent und Andrea Trumann kritisieren »Staatsfeminismus« im Dienste des Kapitals  

Mechthilde Vahsen 

In: junge Welt online vom 18.12.2015 

 

Gleichstellung der Geschlechter? Läuft! Vereinbarung von Familie und Beruf? Läuft ebenfalls! – Zu diesem Ergebnis könnte ein junger Mann kommen, der in der Ausbildung steckt und sich überlegt, wie er seinen Kinderwunsch später mit seinem Beruf vereinbaren kann. Er möchte ein aktiver Vater sein und hat dafür die Möglichkeit, Elternzeit zu nehmen. 

Sogar viele Monate lang. Da der Staat sehr viel Geld in Kitas investiert, glaubt der junge Mann, dass es easy ist, den künftigen Arbeitsalltag mit dem Großziehen des Nachwuchses in Einklang bringen zu können: Um sieben Uhr das Kind in die Einrichtung bringen und abends irgendwann wieder abholen. Später dann Ganztagsbetreuung in der Grundschule. 

Nun kommt die junge Frau ins Spiel. Sie überlegt ebenfalls, wie sie ihren Kinderwunsch mit ihrem Beruf vereinbaren kann. Sie will stillen, denn das ist das Beste für ein Kind. Das bekommt sie von allen Seiten zu hören. 

Also will sie auf jeden Fall das erste Jahr nach der Geburt zu Hause bleiben und dann in den Job zurückkehren. Vollzeit, denn sie möchte finanziell unabhängig sein. Betreuungsmöglichkeiten sind ja genug vorhanden. Dafür sorgt der Staat mit seiner auf Gleichstellung zielenden Familienpolitik. Der Vater wird mitmachen, wenn seine Arbeitszeiten das zulassen. 

Versuch macht klug, lautet ein Sprichwort. In diesem Fall trifft es zu. 

Denn die beiden jungen Menschen würden recht schnell von der Realität eingeholt werden, wie Lilly Lent und Andrea Trumann in ihrem Buch »Kritik des Staatsfeminismus« erläutern. Sie beschreiben an vielen Beispielen, was die als »Gleichstellungspolitik« verkauften Reformen in der Bundesrepublik im Bereich der Familienpolitik bewirken. Um es gleich vorwegzunehmen: Wer sich bisher Haushaltshilfe und Au-Pair-Mädchen leisten konnte, bekommt zusätzlich was oben drauf. Allen anderen nützen die als Schritte zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie gefeierten Maßnahmen kaum oder gar nicht. Beispiel Elterngeld: Es sei »weder dazu geeignet, Kinderarmut zu verringern, noch dazu, Geringverdienenden den Arbeitsalltag mit Kind zu erleichtern«, konstatieren die Autorinnen. 

Menschen, die Hartz IV beziehen, bekommen kein Elterngeld, es wird mit ihrem Regelsatz verrechnet. Und wenn beide wenig verdienen, reißen die Gebühren für einen Kitaplatz ein großes Loch in die Familienkasse. 

Was also ist das Ziel hinter Ausbau der Betreuung von Kleinkindern und Elterngeld? Mütter so schnell wie möglich wieder in den Arbeitsmarkt zu bringen. Damit sie Steuern zahlen. Es handelt sich also um Zurichtungsmaßnahmen im Zeichen eines Kapitalismus, der alles nur unter der Prämisse von Profit und Wachstum sieht. Das habe mit Gleichstellung im feministischen Sinn nichts zu tun, werde aber als solche verkauft, so Lent und Trumann. 

Auf der anderen Seite die »alte« Familienpolitik, die noch immer, unter anderem mit dem Ehegattensplitting, das traditionelle Modell mit dem männlichen Ernährer und der Hausfrau bzw. Zuverdienerin zementiert. In diese Richtung wirkt auch das Betreuungsgeld. Beides führt für Frauen in die »Teilzeitfalle« mit künftiger Altersarmut. Noch immer arbeite fast jede zweite Frau in Teilzeit, aber nur jeder zehnte Mann, stellen die Autorinnen fest. Allerdings reicht ein Vollzeitjob heute nur noch selten, um eine Familie zu ernähren. 

Lent und Trumann wenden sich vor allem gegen die in Deutschland noch immer auch in den staatlichen Förderprogrammen präsente Ideologie von der »guten Mutter«, die sich um die Kinder, aber auch um zu pflegende Angehörige kümmert, selbstverständlich unentgeltlich. Sie plädieren für neue Ansätze, Arbeit, Liebe, Familienleben anders zu denken und die verschiedenen Lebensbereiche Frauen und Männern in gleicher Weise zugänglich zu machen. Sie glauben nicht, dass der Staat dafür sorgen wird. 

 

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