„Dieser Antrag verstößt gegen die Satzung des DGB" 

Redebeitrag von Marion Koslowski-Kuzu, IG Metall Salzgitter-Peine  

In: unsere zeit online vom 30.10.2015 

 

Der Vorstand der IG Metall möchte mit dem Antrag S.037 erreichen, dass die IG Metall der Satzung und den Beschlüssen des DGB nur insoweit folgen muss, als sie den eigenen Beschlüssen nicht im Wege stehen. Konkret geht es hier meiner Meinung nach um die DGB-Schiedsverfahren, bei denen Streitigkeiten zwischen den Einzelgewerkschaften über die Organisationszuständigkeiten entschieden werden. 

Ich bin nicht nur Metallerin, ich bin auch DGB-Stadtverbandsvorsitzende, und ich habe ein hohes Interesse an einer solidarischen Zusammenarbeit der Einzelgewerkschaften im DGB. Den Streit über die Zuständigkeiten zwischen IG Metall und ver.di können wir seit einiger Zeit in den Medien verfolgen, und er ist auch schon auf unserem Gewerkschaftstag zur Sprache gekommen. 

Die IG Metall will ihren Organisationsbereich ausdehnen. Die Stichworte dafür sind Wertschöpfungsketten und industrienahe Dienstleistungen wie Forschung, Entwicklung, Kontraktlogistik, Facility-Management und so weiter. Um diese Ausweitung auch für die IG Metall auf sichere Beine zu stellen, will der Vorstand im Antrag S.039 den Organisationskatalog um diese Bereiche ergänzen. 

Das Problem ist nur, dass wir mit dieser Ergänzung in den Organisationskatalog unserer Schwestergewerkschaft ver.di eingreifen. Der Antrag S.037 soll sicherstellen, dass Konflikte, die sich daraus ergeben und die eventuell vor die DGB-Schiedsstelle getragen werden, für uns irrelevant sind, weil wir die Beschlüsse sowieso nicht anerkennen. 

Ich weise den Vorstand und auch die Satzungsberatungskommission darauf hin, dass dieser Antrag gegen die Satzung des Deutschen Gewerkschaftsbunds verstößt. 

Das ist eine sehr ernste Angelegenheit. Mitglied des DGB kann nur sein, wer die Satzung und die Beschlüsse des DGB anerkennt. (…) 

Am 29. September ist der Kollege Detlef Wetzel auf tagesschau.de mit den Worten zitiert worden: „Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Das gilt auch für ver.di. Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott." 

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ohne zu wissen, ob dieses Zitat tatsächlich stimmt, sage ich zu der dahinterstehenden Haltung Nein. Nein, es ist eben nicht jeder für sich selbst verantwortlich. Darum organisieren wir uns in Gewerkschaften und darum organisieren sich Gewerkschaften im Deutschen Gewerkschaftsbund. Wir sind gemeinsam für uns verantwortlich. Diese Erkenntnis tragen wir seit 124 Jahren in uns. 

Diese Erkenntnis ist uns aber auch schon einmal in der Vergangenheit verloren gegangen. Wenn wir nur eine einzige gewerkschaftspolitische Schlussfolgerung aus der irrsinnigen Gewerkschaftskonkurrenz der Weimarer Republik ziehen könnten, die dem Faschismus nichts entgegenzusetzen hatte, lautet sie: Schafft die Einheit und überwindet die Konkurrenz. 

Liebe Kolleginnen und Kollegen, seit mindestens 25 Jahren wird den abhängig Beschäftigten in diesem Land massiv der Arsch rasiert. Unsere Betriebe und Tarifbindungen werden zerschlagen. Wir werden aufgespalten, outgesourct, fremdvergeben, verliehen und verlagert. Millionen stehen am prekären Rand, der kein Rand mehr ist. 

Die europäische Finanzpolitik und TTIP stehen vor der Tür, um der demokratischen Gestaltung unserer Gesellschaft den Todesstoß zu versetzen. In dieser Situation und mit dieser Zukunftsperspektive rufen wir die Konkurrenz unter den Einzelgewerkschaften aus und schwächen die einzige Waffe, die wir haben: die Solidarität. 

Das kann nicht unser Ernst sein, liebe Kolleginnen und Kollegen. Die Geschlossenheit im Deutschen Gewerkschaftsbund, die uns der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann am Sonntagabend angepriesen hat, ist nicht da. Sie ist nicht da bei der Tarifeinheit und sie ist nicht da bei den Zuständigkeitskonflikten. Die Erfahrungen bei der Auseinandersetzung um die Kontraktlogistik, von denen der Kollege von BMW Dingolfing vorgestern berichtet hat, haben mittlerweile schon mehrere von uns gemacht. Mit ver.di um die Mitglieder konkurrieren – dieses Thema können wir hier nicht einfach für uns klären, indem wir unsere Satzung ändern. 

(…)Wenn wir die Einschätzung haben, dass das Modell der Einzelgewerkschaften nicht mehr trägt, weil unser politischer Gegner die Wirtschaftszweige und Branchen ineinander zerfließen lässt, dann müssen wir uns eben mit einem anderen Organisationsmodell des Deutschen Gewerkschaftsbunds auseinandersetzen und ihn solidarisch gestalten. Genauso wie die Vertrauensleute 1891 debattiert und den Deutschen Metallarbeiter-Verband gegründet haben, genauso müssen wir uns heute vielleicht aufstellen und eventuell auch über ein neues Organisationsmodell nachdenken, wenn das alte nicht mehr passt. (…) 

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Erfolgsfaktor Sozialpartnerschaft – für wen? 

Ein Diskussionsbeitrag des Delegierten Jürgen Brandis und Mitglied der DKP auf dem 23. ordentlichen Gewerkschaftstag der IG Metall, der am 24. Oktober endete – und die Reaktion des (jetzt) ehemaligen IGM-Vorsitzenden, Detlef Wetzel. 

Liebe Kolleginnen und Kollegen, am gestrigen Tag haben wir unseren Kongress begonnen. Aufgabe dieses Kongresses ist es, unsere Arbeit, unsere Gewerkschaftsarbeit einer positiven, aber auch einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Sind wir mit unseren Analysen, mit unseren Einschätzungen an den realen Problemen im Betrieb und in der Gesellschaft? Sind wir mit der Einschätzung unseres Noch-Vorsitzenden, dass die Sozialpartnerschaft ein Erfolgsrezept ist, auf dem richtigen Weg? 

Die Sozialpartnerschaft – so wurde gestern berichtet – ist ein wichtiger Erfolgsfaktor der deutschen Wirtschaft. Sozialpartnerschaft bedeutet nichts anderes – so wurde 

gestern ebenfalls berichtet -, als dass Arbeitgeber und Gewerkschaften gemeinsam Verantwortung tragen. Wenn dem so ist, liebe Kolleginnen und Kollegen, warum wird der prekäre Bereich in unseren Betrieben und in der Gesellschaft immer größer? 

Wenn dem so ist, liebe Kolleginnen und Kollegen, warum sinkt die Lohnquote, warum wird die Arbeitszeit immer mehr verlängert und warum wird der Druck auf unsere Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben immer schlimmer? 

Wenn dem so ist, warum werden unsere sozialen Errungenschaften immer weiter abgebaut? Heute zahlen wir für die Erhöhung von Krankenkassenbeiträgen alleine. 

Es gab mal eine Zeit, da wurde das von beiden getan. Wenn dem so ist, dass die Verantwortung auf beiden Seiten liegt, warum wird der Reichtum in unserem Land für wenige immer größer? Mittlerweile ist es ein gesellschaftlicher Skandal, in wie wenigen Händen der Reichtum konzentriert ist. 

Es mag sein, dass die Sozialpartnerschaft ein Erfolgsfaktor der deutschen Wirtschaft ist. Aber ist sie das auch für uns? 

Wenn wir nüchtern die Fakten analysieren, haben wir sicherlich einige Erfolge. Aber in Summe, im Saldo befinden wir uns doch alle in permanenten Abwehrkämpfen. 

Der Alltag in den Betrieben, auch in unserer Ortsverwaltung, ist durch Abwehrkämpfe geprägt. Von Partnerschaft kann in den Betrieben keine Rede sein. 

Kolleginnen und Kollegen, das, was wir auf diesem Kongress darstellen, hat teilweise mit der realen Welt wenig zu tun. Manchmal frage ich mich: Was geht in den 

Köpfen unserer Führung so vor? Ich nehme als Beispiel die IG Metall-Zeitung vom August dieses Jahres. In dieser Zeitung machen wir Werbung für ein Sportauto. Für 

dieses Auto, so schreiben wir, kostet ein Schlüssel in Wagenfarbe 952 Euro, eine Fußmatte kostet 1.190 Euro, ein Kofferset 17.731 Euro. Das Auto selbst schlappe 768.000 Euro. 

Dann schreiben wir in der gleichen Zeitung, der Preis stört nicht. Alle 918 Exemplare 

sind bereits verkauft. Zwei stehen bei mir in der Garage. (Heiterkeit – Beifall) 

Für viele Menschen, so wird geschrieben, ist ein rasanter Sportwagen ein Traum. Ich zitiere die Metallzeitung unserer Organisation vom August. 

Liebe Kolleginnen und Kollegen, hat das noch etwas mit der realen Arbeitswelt zu tun? Dass wir die Autos bauen müssen, ist klar. Aber ist dies das, was unsere Kolleginnen 

und Kollegen bewegt? 

Liebe Kolleginnen und Kollegen, statt die Sozialpartnerschaft zu hofieren, sollten wir unsere Kolleginnen und Kollegen aufklären, dass nur eine interessenorientierte, eine gesellschaftskritische und eine systemkritische IG Metall eine Chance hat, unsere Besitzstände zu verteidigen. (Beifall) 

Auch wenn ich damit nicht auf komplette Zustimmung stoße, bleibt es eine Wahrheit: Die reale Welt ist durch den Gegensatz von Arbeit und Kapital geprägt. Ein Euro von uns muss immer gegen den Willen der anderen erkämpft werden. Dies den Kolleginnen und Kollegen zu erklären, ist unsere Aufgabe, und nicht diese Sozialpartnerschaft zu bejubeln, die es sowieso nicht gibt. (Beifall) 

Machen wir es nicht, werden wir weitere Rückschritte in unseren sozialen Standards hinnehmen müssen. Ich hoffe, dass wir auf diesem Kongress damit beginnen, diesen Widerspruch unseren Kolleginnen und Kollegen zu erläutern. Dafür ist unsere metallzeitung wichtig, und nicht für Kampagnen für Autos. – Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit. (Beifall) 

Auf diesen Beitrag reagierte Detlef Wetzel folgendermaßen: 

Liebe Kolleginnen und Kollegen, 

erst einmal ganz herzlichen Dank für die vielen Diskussionsbeiträge. 

Da soll mir noch mal jemand sagen, diese IG Metall diskutiert nicht. 

Es ist jetzt ein bisschen ungünstig, nicht weil so viele gesprochen haben, sondern weil ich jetzt nicht eine halbe Stunde Pause habe, um die ganzen Wortbeiträge ein 

bisschen zu sortieren. Insofern seht es mir nach, wenn ich das nicht systematisch mache. 

Jürgen, zur Sozialpartnerschaft: Wenn Du unterstellen würdest, dass Sozialpartnerschaft Friede, Freundschaft, Eierkuchen ist, dann hättest Du Recht. Aber ich glaube, 

Sozialpartnerschaft ist etwas anderes, insbesondere wie wir unsere Arbeit als Gewerkschaft verstehen. Wir sind mitgliederorientiert, wir sind beteiligungsorientiert, 

wir sind konfliktorientiert. Dort, wo wir mit den Arbeitgebern gemeinsame Interessen haben, wie zum Beispiel bei der Frage CO2, bei der Frage der Zukunft der Industrie 

und bei vielen anderen Themen mehr, wären wir mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn wir nicht gemeinsam mit anderen gesellschaftlichen Kräften versuchen würden, unsere Interessen durchzusetzen. Insofern teile ich das nicht. Insbesondere auch deshalb, weil beispielsweise die Selbstverwaltung der Bundesagentur für Arbeit, die Selbstverwaltung der Krankenkassen, um nur mal zwei Beispiele zu nennen, wo wir natürlich auch mit den Arbeitgebern und der öffentlichen Hand zusammensitzen, 

sozusagen die Inkarnation der Sozialpartnerschaft ist. Kein Mensch würde ja verlangen, dass wir aus der Bundesagentur für Arbeit oder aus den Verwaltungsräten der Krankenkassen ausscheiden, nur weil wir das Wort Sozialpartnerschaft nicht so mögen. 

Also, ich meine, da sollten wir nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. 

Anmerkung der Redaktion: Die Redaktion des DKP-Nachrichtenportals merkt zu dieser Reaktion Wetzels an, dass der Kollege Wetzel hier einem Missverständnis erliegt: Das Problem mit der Sozialpartnerschaft besteht nicht im Mitarbeiten von Gremien der Bundesagentur für Arbeit oder den Krankenkassen, um zwei Beispiele aufzugreifen. Das Problem besteht darin, dass – um bei den Beispielen zu bleiben – die Erhöhungen der Krankenkassebeiträge allein von den Lohnabhängigen gezahlt werden und die ALG-II-Sätze inkl. Sanktionen Menschen ohne Arbeit in die Verelendung treiben. Übrigens auch die Kolleginnen und Kollegen mit einem Leiharbeitsvertrag bei eienem Vorzeige-Konzern in Sachen „Sozialpartnerschaft" wie Volkswagen, die  jetzt vor die Tür gesetzt werden im Zuge des VW-Skandals – ein Skandal, den allein das VW-Management und die Konzernführung zu verantworten haben. Das Problem mit der Sozialpartnerschaft ist kurzum, dass von Wetzels „unsere Interessen durchzusetzen", (leider) nicht die Rede sein kann. 

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Gewerkschaftstag der IG Metall geschlossen 

IG Metall stellt sich für die Zukunft auf 

Presserklärung der IG Metall 

24.10.2015 

Der 23. Ordentliche Gewerkschaftstag der IG Metall ist zu Ende. Die 485 Delegierten haben die Schwerpunkte der nächsten vier Jahre beschlossen: Mehr Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit, Reformen bei der Alterssicherung, sowie gute Arbeit auch für Werkvertragsbeschäftigte. 

Die Arbeitszeit und wie die Beschäftigten souveräner und selbstbestimmter damit umgehen können – das wird in den nächsten vier Jahren im Fokus stehen. Dies haben die 485 Delegierten des 23. Ordentlichen Gewerkschaftstags in Frankfurt beschlossen. Bei der Arbeitszeit ist in der jüngsten Vergangenheit einiges aus den Fugen geraten. Klar ist den Delegierten, dass ein neues Leitbild der Arbeitszeit notwendig ist. Dazu wird die IG Metall eine Kampagne starten. 

Arbeitszeit modernisieren 

Arbeitszeiten müssen sich nach den Menschen richten. Das bedeutet: Geleistete Arbeitszeit muss erfasst und vergütet werden. Arbeitszeit muss gesundheitsverträglich sein und Flexibilität darf nicht zu Lasten der Arbeitnehmer gehen. Auch die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben muss möglich sein und die Beschäftigungsverhältnisse müssen sicher sein. Gerade für junge Menschen ist die Gestaltung der Arbeitszeit ein wichtiges Thema. Mit ihrer arbeitszeitpolitischen Kampagne will die IG Metall dazu beitragen, den jungen Beschäftigten zeitliche Freiräume zu schaffen. Zudem brauchen Jugendliche eine qualitativ hochwertige Ausbildung: Notwendig sind klare, verlässliche Bedingungen und eine existenzsichernde Ausbildungsvergütung. Außerdem hat der Gewerkschaftstag beschlossen, eine Reform des Berufsbildungsgesetzes zu fordern. 

Die Arbeitswelt darf nicht in zwei Hälften zerfallen. Eine, in der gute Arbeit und Mitbestimmung selbstverständlich ist und einen anderen Teil, in der Arbeitsverhältnisse schlecht bezahlt und unsicher sind. Die Kampagne der IG Metall gegen den Missbrauch von Werkverträgen soll verstärkt werden. Die Delegierten beauftragen die IG Metall, im Bereich der industrienahen Dienstleistungen Tarifverträge abzuschließen, die über dem branchenüblichen Niveau liegen. 

Tarifverträge – Schlüssel zum Erfolg 

Die IG Metall sieht es als eine der zentralen Aufgaben an, die Tarifbindung insgesamt zu stärken. Denn Tarifverträge sie sind die Garanten für gute Arbeit und faire Entgelte. Damit dies auf alle Beschäftigten angewendet wird, muss ein neues Normalarbeitsverhältnis etabliert werden. Faire und sichere Arbeitsverhältnisse sowie ein ausreichendes und gerechtes Einkommen müssen zum Standard werden. 

Alterssicherung neu justieren 

Die Rentenpolitik war einer der Schwerpunkte des 23. Ordentlichen Gewerkschaftstages. Die Delegierten fordern, dass die Alterssicherung neu justiert und aufgebaut wird. Knackpunkt dabei ist das Rentenniveau. Wenn nichts geschieht, sinkt es bis zum Jahr 2030 auf 43 Prozent. Selbst langjährig Versicherte geraten so in die Nähe der Armutsgrenze von derzeit 970 Euro. Vor allem die junge Generation könnte diese Entwicklung schmerzlich zu spüren bekommen. Die IG Metall wird das nicht hinnehmen. Wer sein Leben lang gearbeitet und Sozialbeiträge gezahlt hat, sollte auch im Alter genug Geld haben, um seinen Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Daher setzt die IG Metall ihre Kampagne „Gute Arbeit – gut in Rente" fort. 

Die IG Metall setzt in Zukunft noch stärker auf die Beteiligung ihrer Mitglieder. Das schafft Legitimität und stärkt die gewählten Gremien. Die IG Metall will die Beschäftigten verstärkt dazu einladen, gemeinsam etwas zu erreichen. So stellt sich die IG Metall den Anforderungen einer modernen Arbeitswelt. 

IG Metall 

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Eine Frage der Verteilung 

Delegierte des Gewerkschaftstages zur Diskussion um Arbeitszeit  

In: unsere zeit online vom 30.10.2015 

 

„Es geht darum, das was aktuell an Problemen in den Belegschaften vorhanden ist, und die verschiedenen Interessen, die es in der Frage der Arbeitszeit in den unterschiedlichen Teilen der Belegschaften gibt, für die IG Metall nutzbar zu machen und über die Mitbestimmung zu regeln. Die grundsätzliche Frage ist, dass man an Grenzen stößt und Arbeitslosigkeit nicht mehr mit mehr Wachstum bekämpft werden kann – aber das wird nicht gesehen. Es ist noch nicht soweit. Was wir eigentlich fordern, die 30-Stunden-Woche und dass wir aus den Erfahrungen auch bei uns – bei VW – lernen, das ist nur selten Bestandteil der Diskussion." 

„In der IG Metall ist der Gedanke der Sozialpartnerschaft tief verwurzelt – da brauchen wir gar nicht dran vorbeireden – aber an einigen Punkten knackt es natürlich auch. Wenn du einen Teil der Republik abgehängt hast von der 35-Stunden-Woche, dann fällt die Forderung nach der 30-Stunden-Woche schwer. Aber mit der hier beschlossenen Kampagne zur Arbeitszeit – die ja auch als eine Diskussionskampagne angesetzt ist – können wir uns in der Frage der Arbeitszeitverkürzung und des neuen Normalarbeitsverhältnisses mit der Forderung nach der 30-Stunden-Woche einbringen, sowohl innerhalb der IGM als auch in der Diskussion mit den anderen Gewerkschaften." 

„Ich kenne die Diskussion, wie sie beispielsweise derzeit im IGM-Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen geführt wird. Da spielt das Thema Arbeitszeit eine ganz entscheidende Rolle. Nämlich auch um erst einmal auf einen einheitlichen Level zu kommen, und da wird das auch unter der Frage der Verteilung von Arbeitszeit und Bekämpfung der Arbeitslosigkeit diskutiert. Deshalb sind dazu auch Anträge zur 35-Stunden-Woche hier zum Gewerkschaftstag formuliert worden." 

„Etwa drei Millionen Arbeitslose – offiziell – und eine nicht genannte Zahl von stiller Reserve drücken auf unsere Löhne, auf unsere Gehälter und auf unsere Arbeitsbedingungen. Sie werden permanent als Druckmittel gegen unsere Standards eingesetzt.  

Ich behaupte: Viele der Probleme, die wir in den Betrieben haben – Verlängerung der Arbeitszeit, Überstunden, die gemacht werden, ohne bezahlt zu werden, Überstundenprozente spielen oft keine Rolle –, haben hiermit zu tun. 

Welche Möglichkeiten haben wir als Gewerkschaften, um gegen Arbeitslosigkeit vorzugehen? Alle Ideen, alle Vorschläge, die wir in dem Leitantrag erwähnen, sind sinnvoll, richtig und wichtig. Aber das wichtigste Instrument, um gegen Arbeitslosigkeit vorzugehen, ist die kollektive – ich betone: kollektive! – Verkürzung und Verteilung der Arbeitszeit auf mehr Schultern. Alles andere wird uns in dieser Frage nicht wesentlich weiterbringen. 

Wo wären wir heute in der Frage der Arbeitslosigkeit, wenn die Auseinandersetzung um die 35 Stunden nicht einigermaßen erfolgreich geendet hätte? Dass Arbeitszeitverkürzung wirtschaftlich zu verkraften ist, ist bekannt. Unsere Produktivität ist enorm. Nicht umsonst sind wir Weltmeister im Export." 

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Stiller als bei ver.di 

Kolumne von Lars Mörking | 

In: unsere zeit online vom 30.10.2015 

 

Letzte Woche in Frankfurt a. M.: Als die Kanzlerin den Gewerkschaftstag der IG Metall verließ, wurde sie eingerahmt von der neuen Spitze der größten aller noch verbliebenen DGB-Gewerkschaften. Jörg Hofmann war gerade mit 91,3 Prozent zum Ersten Vorsitzenden gewählt worden, Christiane Benner mit 91,9 Prozent zur Zweiten Vorsitzenden. Mit Ausnahme des Themas Freihandelsabkommen war die große Harmonie mit der Großen Koalition angesagt – die IG Metall lobte Merkel, und Merkel lobte die IG Metall zurück. Dass ihr die IG Metall lieber ist als die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) ist kein Wunder. Bei Themen wie Industrie 4.0 sitzt man am gleichen Tisch und überlegt, wie der Standort Deutschland gestärkt werden kann. Und selbst beim Thema TTIP, wo die IG Metall eine deutliche Kritik formuliert hat, konnten sich die Delegierten nicht zu einer Forderung nach Abbruch der Verhandlungen durchringen. Man wollte sich nicht „aus der Debatte herauskatapultieren", wie es Uwe Meinhardt, 1. Bevollmächtigter der IGM Stuttgart, formulierte. Bei der IG Metall macht man große Politik am runden Tisch. 

Zu den erfreulichen Themen, Debatten und Beschlüssen gehörten die Forderung nach Verbot der NPD, die „Refugees are welcome"-Aktion der IG-Metall-Jugend und der Beschluss „Rehabilitierung der von Berufsverbot Betroffenen" (siehe dazu den Beitrag auf Seite 3). 

Die ernsthafte und ehrliche Diskussion zum Thema Friedenspolitik und Rüstungskonversion war insofern aufschlussreich, weil deutlich wurde, dass konkrete Vorhaben gegen Teile der IG Metall und vor allem gegen betroffene Belegschaften kaum zu haben sind. Wie die Kolleginnen und Kollegen bei Heckler & Koch, bei Rheinmetall oder Airbus Defence and Space in eine solche Debatte geführt werden können, blieb offen. Dass der Umbau der Rüstungsindustrie nicht zu Lasten der Beschäftigten gehen darf, war Konsens. 

Mit der vom neuen Vorsitzenden Jörg Hofmann angekündigten Kampagne zum Thema Arbeitszeit soll die Debatte an Schwung gewinnen und es ist wohl wesentlich der Stimmung in den östlichen Verwaltungsstellen geschuldet, dass sich diese Gewerkschaft, die manchmal den Eindruck erweckt, als könne sie vor Kraft kaum noch laufen, wieder an ein Vorhaben wie die 35-Stunden-Woche als gesamtdeutsches Projekt herantraut. 

Auf eines sind die Kolleginnen und Kollegen jedenfalls zu Recht stolz: Die IG Metall wächst, gerade bei Jugendlichen und im Bereich der Angestellten. Bei den gewerkschaftlichen Bildungsangeboten wurde festgestellt, dass das vorhandene Personal und die ehrenamtlichen Kräfte lange nicht mehr ausreichen, um die Nachfrage zu decken. Bisher greift die IG Metall gerne auf Honorarkräfte zurück, zukünftig sollen die eigenen Kapazitäten aber wieder ausgebaut werden. 

Dass der „23. Ordentliche Gewerkschaftstag der IG Metall" die Unterstützung für das Tarifeinheitsgesetz bekräftigte, gehörte zu seinen unrühmlichen Höhepunkten. Die Argumentation der Antragskommission, das Tarifeinheitsgesetz schränke das Streikrecht nicht ein, ist sachlich nicht nachvollziehbar. Sie entspricht wohl eher dem Selbstbild der IG Metall als durchsetzungskräftigste aller Gewerkschaften. 

Dass selbst sie in bestimmten Situationen zur Minderheitsgewerkschaft im Sinne des Gesetzgebers werden könnte, „da der Arbeitgeber den Betriebsbegriff von sich aus selbstständig ändern kann", wie Wolfgang Räschke (IGM Salzgitter-Peine) es formulierte, konnte und wollte sich die Mehrheit der Delegierten wohl nicht vorstellen. 

Aber soviel müssen wir der IG Metall zugestehen: Offensichtlich falsche Beschlüsse haben eine gute Chance wieder zur Sprache zu kommen – spätestens auf dem 24. Gewerkschaftstag. 

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