Arbeitshetze 4.0  

Das Rationalisierungsprojekt »Industrie 4.0« verschärft Überwachung und Verfügbarkeit der Beschäftigten  

Marcus Schwarzbach 

In: junge Welt online vom 24.09.2015 

 

  Das große (Zukunfts-)Forschungsprojekt von Bundesregierung und Großkonzernen heißt »Industrie 4.0«. Inzwischen ist davon auszugehen, dass die Verwirklichung der bislang vorliegenden Ideen nicht zum propagierten Quantensprung führen wird, sondern sich das Ganze vielmehr in vielen kleinen Trippelschritten entfaltet. Die anfängliche Aufbruchstimmung unter den Konzernen hat sich in verhaltenen Optimismus verwandelt. 

  Niemand kann mit Gewissheit sagen, wie »Industrie 4.0« flächendeckend aussehen wird. Bei aller Unklarheit über die konkreten Auswirkungen der digitalen Arbeit ist bereits jetzt klar: Die Arbeitsbedingungen werden sich gravierend verändern. Bei cyber-physischen Systemen (CPS) steuern sich »intelligente« Maschinen, Betriebsmittel und Lagersysteme in der Produktion eigenständig per Softwarealgorithmen. Das Thema ist nicht so fern, wie viele denken – denn das »Internet der Dinge« verspricht eine Vernetzung vieler Lebensbereiche per World Wide Web: etwa Kühlschränke, die eigenständig Lebensmittel »nachkaufen« und Waschmaschinen, die nur starten, wenn der Strompreis niedrig ist. Dieses Konzept soll die virtuelle mit der realen Welt vereinen. Dabei werden Objekte scheinbar schlau (smart) und können Informationen austauschen. Die Basis dafür sind Chips und deren Programmierung, durch die Waren oder Geräte nicht nur eine eigene Identität in Form eines Codes erhalten, sondern auch Zustände erfassen und Aktionen ausführen können. Die Übertragung dieser Logik auf Werkhallen ist die Grundidee von »Industrie 4.0«. 

  Es ist oft von »Visionen« die Rede. Für die Arbeitswelt scheint jedoch ein Negativszenario realistisch: verstärkte Kontrolle, gesenkte Löhne und zunehmend Arbeit auf Abruf, also Flexibilität nach Auftragslage. 

  Arbeitspflicht »on demand«  Stärkere Schwankungen in der Produktion sollen durch das deutsche Vernetzungskonzept besser bewältigt werden. 

»Das heißt, es geht nicht mehr nur um die Flexibilität in den acht Stunden Arbeit, die wir so gewohnt sind, sondern darüber hinaus«, sagt Professor Dieter Spath,¹ langjähriger Leiter des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), der 2013 als Vorstandsvorsitzender zur Wittenstein AG wechselte. 

  Der Zeitdruck auf die Belegschaften soll nicht nur erhöht werden, es ist sogar geplant, die Arbeitskraft so flexibel zu etablieren, dass sie rund um die Uhr und den Kalender verfügbar sein soll. Im Ergebnis steht nach Implementierung von »Industrie 4.0« ein extrem flexibler Produktionsprozess auf der Basis neuester Informationstechnologien. Heutige starre, oft nur bei hohen Stückzahlen rentable Fertigungsketten sollen in kleine, wie Bausteine kombinierbare Einheiten aufgeteilt werden, die alle über ein Netzwerk miteinander verbunden sind. In Sekundenbruchteilen tauschen sie softwaregestützt Daten über aktuelle Aufgaben, anstehende Aufträge und vorhandene Kapazitäten aus. 

  Vorteile der Massenfertigung – geringe Stückkosten und hohe Auslastung der Kapazitäten – sollen so mit denen der Kleinserienfertigung kombiniert werden. Stefan Ferber, Vizechef der Abteilung Engineering im Bosch-Konzern, benennt klare Anforderungen aus Unternehmenssicht: »Was bringt es mir, wenn ich eine Fabrik habe, die mir bei 98 Prozent Auslastung den besten Profit bringt, und ich überhaupt nicht vorhersagen kann, was im nächsten Monat verkauft werden wird.« Man müsse Fertigungsstätten bauen, die die Schwankungen bewältigen und zwar »in Echtzeit«. 

»Industrie 4.0 sollte man hier als Chance sehen.«² Alle Befragungen von Unternehmen zu »Industrie 4.0« fordern Flexibilität der Beschäftigten – es geht also auch wieder um das Thema »Arbeitszeit«. 

  Die Forderungen nach flexiblem Einsatz der Arbeitskräfte klingen stark nach einem Modell, das aus dem Einzelhandel bekannt ist: Kapovaz – die kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit, oder »Arbeit auf Abruf«, wie es der Gesetzgeber nennt. Je nach Bedarf des Unternehmens legt der Betrieb fest, wann und mit welcher Stundenzahl der Beschäftigte zu arbeiten hat. 

Das Teilzeit- und Befristungsgesetz schreibt hierfür nur schwache Mindestregelungen vor. Der Beschäftigungsvertrag muss eine bestimmte Dauer der wöchentlichen und täglichen Arbeitszeit festlegen. Sofern der Umfang der wöchentlichen Arbeitszeit im Vertrag nicht festgelegt ist, gelten zehn Stunden als vereinbart. Wenn die Dauer der täglichen Arbeitszeit nicht festgelegt ist, hat das Unternehmen die Leistung des Beschäftigten jeweils für mindestens drei aufeinander folgende Stunden in Anspruch zu nehmen. 

Der Unternehmer ist also allein vom Gesetz her in der stärkeren Position. 

Das Modell scheinen viele Unternehmer im Hinterkopf zu haben, wenn von »Arbeiten on demand« die Rede ist. 

  Maschine steuert Mensch?  Mit Einführung und Umsetzung digitaler Steuerung werden Arbeitsplätze verändert. Die Auswirkungen können unterschiedlich sein. Jörg Hofmann, zweiter Vorsitzender der IG Metall, betont die Chancen von »Industrie 4.0«: »Die technischen Möglichkeiten, dezentrale Steuerungsprinzipien etwa, haben etwas potentiell Emanzipatorisches. Ob beim altersgerechten Arbeiten, in der qualifizierten Gruppenarbeit in neuen – für den Beschäftigten positiven – Spielarten in der Mensch-Maschine-Kommunikation.«³ 

  Nicht jeder sieht das so positiv: Technik kann Arbeitern zur Vorbereitung, Ausführung und Entscheidungsunterstützung dienen – sie kann aber auch vorgegebene Arbeitsweisen aufzwingen und erfordert ein hohes Maß an Anpassung. Die Arbeits- und Techniksoziologin Constanze Kurz sieht durch die technologischen Veränderungen eine Aufwertung der Arbeit, also eine höhere Bedeutung der Beschäftigten im Betrieb. Aber es »kann ein gänzlich anderer Entwicklungspfad von Industriearbeit nicht ausgeschlossen werden: Die Arbeit wird weiter standardisiert, digital quantifiziert, zu Parametern innerhalb von Algorithmen (um-)strukturiert und am Ende zum geistlosen Niedriglohnjob«. Die Menschen wären »Rädchen in einer unmenschlichen Cyberfabrik, ohne nennenswerte Handlungskompetenzen, entfremdet von der eigenen Tätigkeit durch eine fortschreitende Dematerialisierung und Virtualisierung von Geschäfts- und Arbeitsvorgängen«, erläutert die IG-Metall-Expertin.⁴ 

  Ein aktuelles Forschungsprojekt am Fraunhofer Institut zeigt, wie die Kooperation zwischen Mensch und Maschine verändert wird. Die Forscher entwickelten eine Sensorhaut, die sich flexibel an die unterschiedlichsten Geometrien anpassen kann. Einerseits könne das Messsystem »Berührungen schnell und zuverlässig erkennen und damit die Sicherheit der Interaktion zwischen Mensch und Roboter erhöhen. Es signalisiert dem Roboter, dass sich der Arbeiter in unmittelbarer Nähe befindet. Der Roboter kann seine Tätigkeit stoppen oder entsprechende Ausweichbewegungen durchführen. 

Anderseits kann das gleiche System auch als Eingabegerät, eine Art Touchpad am Roboterarm, zur Programmierung benutzt werden«, weiß Steffen Wischmann vom Berliner Institut für Innovation und Technik. All das hat Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen. 

  Im »Team« mit dem Roboter  Mit Einführung der Technik ist die wesentliche Frage zu klären, ob die letztendliche Entscheidungsgewalt beim Menschen bleibt. Auch dies sollte Inhalt der Vereinbarung sein, ebenso wie Umstände der Qualifizierung von Beschäftigten und deren Vorbereitung auf die Neuerungen. 

  Es können Einzelarbeitsplätze entstehen, bei denen die Technik den Menschen steuert, und zur Isolation des Beschäftigten und zu Monotonie führen. Dabei kann der Wechsel von Arbeitstätigkeiten entfallen. Das Gegenteil ist aber auch möglich: Es entstehen neue Formen der Teamarbeit, da Arbeiter um Roboter oder »smarte Maschinen« gruppiert werden. Dabei ergibt sich Regelungsbedarf für den Betriebsrat. »Die Kontaktaufnahme zwischen Menschen und Maschinen wird immer enger (vom Knopfdruck zur Gesten-, Sprachen- oder sogar Atemsteuerung) und die Art der Interaktion intelligenter – bei gleichzeitig zunehmender Vernetzung von Sensoren, RFID-Funkchips, Aktuatoren und mobilen Rechnern«, erläutert die Expertin Kurz in ihrem bereits zitierten Beitrag. Interessant ist die Reaktion des Personalchefs des Maschinenbauers Trumpf, Stefan Gryglewski, auf eine Äußerung von IG-Metall-Funktionär Jörg Hofmann in einem Streitgespräch: »Meine stille Hoffnung ist, dass wir aus der Logik der Routine und der geringen Taktzeiten ausbrechen und mehr Gestaltungsspielräume für Arbeitsanreicherungen und damit verbunden die Nutzung von Produktionsintelligenz eröffnen.« Gryglewski stellt daraufhin fest: »Solange gilt, dass Standardisierung zu Effizienzvorteilen führt, wird das Hoffnung bleiben.«⁶ 

  Lohnkürzungen  In der Praxis kann dies zur Abqualifizierung erhaltener Arbeitsstellen führen. »Auch mit Industrie 4.0 wird es nicht zu einer durchgängigen Automatisierung kommen. Die Unternehmen sind vorsichtig wegen der dafür notwendigen Investitionen und der Einschränkung der Flexibilität«, betont Trumpf-Manager Gryglewski in den VDI Nachrichten. 

»Es wird also weiter Mitarbeiter in Automatisierungslücken geben.« Diese Arbeiten zählen in der Regel zu den einfachsten und monotonsten Tätigkeiten – und werden auch entsprechend entlohnt. 

  Das Beispiel der Firma DMG Mori Seiki in Bielefeld zeigt, wie Technik Arbeit erleichtern kann. Die Interaktion zwischen Mensch und Maschine erfolgt »menügeführt«, wie Christian Thönes, Vorstand bei DMG erläutert. So könne jeder »innerhalb von vier, fünf Stunden eine Werkzeugmaschine bedienen. Auch Untrainierte können schnell an komplexe Aufgaben herangeführt werden.« Daraus ergibt sich die Frage nach der korrekten Eingruppierung. Eine niedrigere Entlohnung auf Grund von kurzen Anlernzeiten wird sicher bald Forderung der Unternehmen sein. Die betrieblichen Diskussionen bei Einführung des Entgeltrahmenabkommens ERA haben darauf einen Vorgeschmack gegeben. 

  Überwachung durch Technik  Wenn die Produktion der »Industrie 4.0« als großes Netzwerk organisiert wird, zielt das klar auch auf die Beschäftigten. Die Vernetzung der IT-Systeme ermöglicht es dem Unternehmen, eine dauernde Überwachung der Arbeitsleistung und des Verhaltens der Beschäftigten vorzunehmen. Bei mobiler Assistenz kann der Mensch mit der Produktionssteuerung interagieren – und ist per iPad jederzeit verfügbar. Ein solches System soll die Arbeiter bei Entscheidungen unterstützen, wird in einer Studie des Frauenhofer-Institutsverklausuliert prognostiziert : »Damit der Mensch mit der Produktionssteuerung oder der Maschine interagieren kann, muss die mobile Assistenz zunehmen. Bei einer Fehlermeldung einer Maschine kann sich das ›iProductionPad‹ vor Ort vernetzen und den Fehlerspeicher auslesen und interpretieren. Das ›iProductionPad‹ kann Temperaturen oder Frequenzen der Maschine messen, Anweisungen geben und deren Zustand sehr schnell analysieren und diagnostizieren.« Möglich wird so die totale Überwachung des Arbeiters, der jederzeit zu orten ist und dessen Verhalten dokumentiert wird. 

  »Call-Centrifizierung« der Arbeitswelt  In vielen Betrieben sind technisch-organisatorische Veränderungen durch digitale Arbeit im Gange, die seit langem aus Callcentern bekannt sind. Die Technik ermöglicht es, die Beschäftigten ständig zu überwachen, zu bewerten und zu steuern. Die gleichen Erfahrungen machen Kollegen in anderen Unternehmen: in Verkaufs- und Serviceabteilungen, im stationären Einzelhandel, in Versicherungen oder etwa Banken. Von einer »Call Centrifizierung« spricht deshalb Klaus Heß von der Technologie-Beratungsstelle des DGB in Nordrhein-Westfalen im Periodikum Computer und Arbeit, Heft 9/2014. Eine solche qualitativ neue Kontrolle bedeutet: 

  Automatisierte Arbeitsverteilung: In Bereichen mit Kundenkontakt haben die Beschäftigten keinen Einfluss mehr auf die Entscheidung, welche Arbeitsvorgänge sie übernehmen. Statt dessen wird die eingehende Arbeit automatisiert durch Workflowsysteme in persönliche Arbeitskörbe verteilt und gesteuert. 

  Kontrolle durch Monitoring: Über das Monitoring werden Beschäftigte sowie Kunden ausgespäht, jeder Kundenkontakt wird dokumentiert, durch das Kundenbeziehungsmanagement nachverfolgt und ausgewertet, also transparent gemacht. Die Aufgaben von Führungskräften werden auf das Führen durch Kennzahlen verengt, sie sollen die Beschäftigten unter Druck setzen und so auf die Ergebnisse einschwören. 

  Druck durch Personalreduzierung: Geschäftsprozessoptimierung wird mit Nachdruck vorangetrieben und führt verstärkt zur Einrichtung von standardisierten kundenserviceorientierten Strukturen und Prozessen. Der Geschäftsprozess beginnt mit der Kundenanfrage und reicht bis zur Feststellung der Kundenzufriedenheit. Gemessen werden etwa die Bearbeitungsdauer, Gesprächsdauer, Wartezeiten, Antwortzeiten, Prozessdurchlaufzeiten oder Servicelevel. Auf dieser Basis werden die Prozesse ständig gemessen, standardisiert und durch Zeitvorgaben kontrolliert. 

  Flexibilisierung des Arbeitskräfte-Managements: Das Ziel hierbei ist es, »Luft in den Prozessen« zu finden. Es sollen die Aufgaben mit weniger Personal erledigt werden können. Mit Hilfe statistischer Erhebungen und Vorhersagen des Arbeitsanfalls und Kundenverhaltens sollen stundentaktgenaue Vorgaben des Arbeitsvolumens ermittelt werden, um Personalkapazitäten, Dienstpläne und die Verteilung der Arbeitszeiten bis hin zur Lage der Pausen zu steuern. 

  Zwar wird der Begriff »Callcenter« vermieden, es ist von Kunden- oder Servicecentern die Rede. Es handelt sich aber nichtsdestotrotz um das Callcenter-Prinzip, wenn es um die Einführung solcher organisatorischer und technischer Arbeitssysteme geht und Umstrukturierungen anstehen. Die digitale Arbeit kann nämlich eine weitere Spaltung der Gesellschaft bedeuten, indem 

  – eine reduzierte Stammbelegschaft aus hochqualifizierten Experten besteht, also IT-Spezialisten oder qualifizierten Facharbeitern, die ordentlich nach Tarifvertrag bezahlt werden; 

  – eine Randbelegschaft etabliert wird, die unsichere Arbeitsverhältnisse in Leiharbeit oder durch Befristung hat – und auf Abruf zur Verfügung stehen muss, wenn von Unternehmensseite Bedarf besteht; 

  – und indem Menschen, die durch diese Raster fallen, wegen verstärkten Technikeinsatzes ihre Arbeit verlieren oder keinen Ausbildungsplatz erhalten und so zu »Überflüssigen« werden, die als Erwerbslose von sozialen Sicherungsmechanismen abhängig sind und durch Hartz-IV-Regelungen unter Druck gesetzt werden. 

  »Zum gegenwärtigen Zeitpunkt können wir bei der Digitalisierung der Arbeitswelt allenfalls erahnen, wohin die Reise geht. Dementsprechend ist es schwer, belastbare politische Handlungsoptionen zu entwickeln«, vermeidet Thorben Albrecht, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, klare politische Aussagen. »Industrie 4.0« ist keine Science-Fiction aus dem Labor. Sie hält längst Einzug in der Wirtschaft. Bosch, Siemens, Festo, Daimler, Volkswagen, und viele andere Unternehmen haben sich mit der Wissenschaft in gemeinsamen Projekten zusammengeschlossen. Die Bundesregierung fördert die Vorhaben bislang mit mehr als 120 Millionen Euro und hat weiteres Geld in Aussicht gestellt. 

Auch wenn unklar ist, wie viele Betriebe von diesen Veränderungen betroffen sind, zeigen Beispiele, wie weit die Entwicklung teilweise schon ist. Das Siemens-Elektronikwerk in Amberg ist komplett digitalisiert, beim Audi-Werk in Ingolstadt sind intelligente Roboter in Arbeitsabläufe der Teams integriert. 

  Unternehmensvertreter betonen immer wieder, es werde keine menschenleeren Fabriken oder Büros geben. »Auch von Arbeitgebervertretern ist mitunter zu hören, dass man schließlich heute nicht mehr so laut sagen kann, dass es am Ende des Tages um Kostenersparnis im Sinne von Stellenabbau geht – und um Planungssicherheit (also Kontrolle)«, so Peter Brandt, gewerkschaftsnaher Berater in Arbeitsorganisationsfragen.¹ Deshalb sind Beschäftigte, Betriebsräte und Gewerkschaften gefordert: Ohne klare Gegenwehr, verbindliche Regelungen über Tarifverträge wird die »neue« Arbeitswelt eine der extrem verschärften Kontrolle. 

  Anmerkungen 

  1 Frauenhofer-IAO: Produktionsarbeit der Zukunft – Industrie 4.0, S. 71 (www.produktionsarbeit.de) 

  2 Ebd., S. 69 

  3 Alfons Botthof/Ernst A. Hartmann (Hg.): Zukunft der Arbeit in Industrie 4.0. Springer Verlag, S. 35 

  4 www.gegenblende.de, Constanze Kurz: Industrie 4.0 verändert die Arbeitswelt 

  5 Botthof/Hartmann (Hg.): a. a. O., Anm. 3, S. 158 

  6 VDI-Nachrichten vom 4.4.2014: Was passiert mit der Fabrikarbeit?, im Internet: www.vdi-nachrichten.com/Technik-Gesellschaft/Was-passiert-Fabrikarbeit 

  7 »Wo bleibt der Mensch?«, www.igmetall.de/industrie-4-0-die-rolle-der-beschaeftigten-in-der-intelligenten-13994.htm 

  8 Siehe Frauenhofer-IAO: a. a. O., Anm. 1, S. 155 

  9 In: Gute Arbeit im digitalen Zeitalter, bei www.gegenblende.de 

  10 Peter Brandt: Zukunft der Arbeit in der Industrie 4.0, in: Computer und Arbeit, Januar 2015, S. 14 

  Marcus Schwarzbach ist Berater in Mitbestimmungsfragen. Er referiert in Seminaren von Personal- und Betriebsräten sowie von Jugend- und Auszubildendenvertretungen. 

 

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Arbeitszeit muss runter  

Digitalisierung könnte Millionen Jobs kosten. Eine Antwort ist laut ver.di die Umverteilung der Arbeit. Darüber, wie das geschehen soll, wird beim Bundeskongress gestritten  

Daniel Behruzi/Leipzig 

In: junge Welt online vom 24.09.2015 

 

  Ein zentrales Thema beim in Leipzig stattfindenden ver.di-Bundeskongress sind die Digitalisierung der Arbeitswelt und ihre Folgen für die Beschäftigten (siehe jW vom 19. und 21. September). Gewerkschaftschef Frank Bsirske betonte am Mittwoch in seinem Grundsatzreferat, die Verhältnisse würden sich infolge der technologischen Entwicklung »fundamental und umfassend« verändern. »Sich diesem Strukturwandel zu verweigern, wäre ein fataler Fehler«, mahnte er. Die Gewerkschaften müssten sich einmischen und mitgestalten. 

  Das gelte mit Blick auf digitale Transparenz und Kontrolle, »mit Daten als Herrschaftsinstrument«, ebenso wie in Bezug auf die Herausforderungen »digitaler Prekarisierung« und »digitaler Massenarbeitslosigkeit«. 

Gemeint sind Prognosen, wonach hierzulande 18 Millionen Jobs – 59 Prozent aller Arbeitsverhältnisse – durch den Einsatz von Robotern gefährdet sind. Insbesondere Büroangestellte, Hilfskräfte in den Post- und Zustelldiensten, Lagerarbeiter, Verkäufer, Hilfskräfte in der Reinigung sowie Servicekräfte in der Gastronomie sind Studien zufolge gefährdet. 

  Die »gewaltigen Zugewinne an Produktivität und Reichtum«, die mit dieser Entwicklung einhergehen sollen, müssten zur Förderung gesellschaftlich sinnvoller Dienstleistungen genutzt werden, forderte Bsirske. Die Erschließung zusätzlicher Beschäftigung in der erforderlichen Größenordnung werde »nicht im marktwirtschaftlichen Selbstlauf vonstatten gehen, sondern bedarf der politischen Steuerung«. 

  Im Zuge des digitalen Umbruchs müsse auch das Thema Arbeitszeit wieder größere Bedeutung erlangen, sagte der ver.di-Vorsitzende. »Dass kürzere Arbeitszeiten ein hilfreiches Instrument sind, um Produktivitätsschübe auch den abhängig Beschäftigten zugute kommen zu lassen und Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken, das ist in der Geschichte schließlich vielfach unter Beweis gestellt worden.« Ver.di-Bundesvorstandsmitglied Lothar Schröder hatte bereits am Vorabend unter dem Beifall der Delegierten erklärt: »Die Arbeitszeit muss runter.« Als Beispiel nannte er Vereinbarungen bei der Deutschen Telekom, die unter anderem eine Reduzierung der Arbeitszeiten bei schlechter Schichtlage ermöglichen. »Es gilt, innerhalb der Betriebe Arbeitszeitverlängerungen, wie sie die Arbeitgeber wollen, zurückzudrängen und gleichzeitig auf Arbeitszeitverkürzung zu dringen«, so Schröder. »Ich glaube, wir brauchen den Streit darüber, wie wir das machen. Aber das Ob darf nicht in Frage gestellt werden.« 

  Über das »Wie« wird es in den kommenden Tagen bei der Antragsberatung gehen. In einem Leitantrag heißt es, ver.di halte daran fest, »Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich durchzusetzen«. Dabei werde allerdings »ein arbeitszeitpolitisches Einheitsmodell den Wünschen und Bedürfnissen der Beschäftigten immer weniger gerecht«. Eine konkrete Aussage über die Länge der angestrebten Arbeitszeiten enthält der Text nicht. Ein Änderungsantrag, der die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich zum Ziel setzt, ist von der Antragskommission zur Ablehnung empfohlen. 

 

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Bündnispartner gesucht

Ver.dis Digitalisierungsstrategie

Thomas Wagner

In: junge Welt online vom 21.09.2015

Ist die Betreuung von Vorschulkindern eine Aufgabe für Maschinen? Soll die Altenpflege künftig Robotern überlassen werden? Wer solche Fragen heute stellt, gerät schnell in Verdacht, ein Fortschrittsfeind zu sein.

Geregelte Arbeitszeiten, Schutz der Privatsphäre? Schnee von gestern. Die Entwicklung sei zwar bedauerlich, die Digitalisierung jedoch nicht aufzuhalten. Jüngere Zeitgenossen würden sich an der alltäglichen Datenspionage schon nicht mehr stören, Mensch und Maschine zunehmend verschmelzen, heißt es immer häufiger in Kommentaren. »Demokratie ist eine veraltete Technologie«, lautet die Losung aus dem Silicon Valley.

Dass der Einsatz von Technologie in der Arbeitswelt demokratisch gestaltet werden soll, ist hingegen die Auffassung der Gewerkschaft ver.di, die am Sonntag abend ihren Bundeskongress eröffnete. Die Digitalisierung müsse den Menschen dienen und nicht umgekehrt. Das ist nicht anachronistisch, sondern eine Selbstverständlichkeit, die vom politischen Establishment in der Regel ignoriert wird.

Wer annimmt, der technische Fortschritt verlaufe autonom, sitzt einer Ideologie auf. Denn wir haben es nicht mit einem Naturgesetz zu tun, sondern mit Menschenwerk. Die gegenwärtige Digitalisierungswelle wird angetrieben von konkurrierenden Technologiekonzernen, von denen einige nach Monopolmacht streben, manche sie bereits ausüben. Während der Unternehmerverband BDA fordert, die Arbeitsverhältnisse der Lohnabhängigen weiter zu deregulieren, setzt ver.di auf einen verstärkten Arbeits- und Datenschutz, die Mitsprache der Beschäftigten bei der Einführung technischer Innovationen, die soziale Absicherung von prekär beschäftigten Clickworkern sowie eine »demokratische Technikfolgenabschätzung«.

Dreh- und Angelpunkt der gewerkschaftlichen Zukunftsstrategie könnte die Forderung nach »intelligenten Arbeitszeitverkürzungen« werden, wie sie der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske am Wochenende in seinem Beitrag zur jW-Debatte über die »digitale Revolution« stellte. Für die nächsten Jahre wird infolge des rasant vorangetriebenen Einsatzes immer intelligenterer Maschinen ein massiver Abbau von Arbeitsplätzen prognostiziert. Die Furcht vor dem Verlust des eigenen Jobs könnte der gewerkschaftlichen Mobilisierung nützen.

Die Forderung nach Umverteilung muss in den Kampf um die Veränderung der Eigentumsverhältnisse eingebunden werden. Anbieter elementarer Kommunikationsdienstleistungen wie Facebook, Google und Co. verfügen über ungeheure ideologische Macht. Sie müssen demokratisch kontrolliert werden.

Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) spielt die Gefahren kapitalistischer Digitalisierung herunter. Sie hat sich als Bündnispartnerin der Gewerkschaften disqualifiziert. Höchste Zeit, dass die Partei Die Linke aus ihrem digitalen Dornröschenschlaf erwacht.

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