Tiefgreifende Umgestaltungen durch „Industrie 4.0" 

Das Gespräch führte Bernd Wagner, Freiburg | 

In: unsere Zeit vom 18. September 2015 

 

Am 8. September sprach Uwe Fritsch auf einer Veranstaltung des DGB-Stadtverbands Freiburg und der IG Metall Freiburg zum Thema: „Was bringt uns Industrie 4.0? – Herausforderungen für Betriebsräte". Wir nutzten diesen Anlass für das nachfolgende Gespräch. 

Bernd Wagner: Industrie 4.0 wird auch als „Vierte Industrielle Revolution" bezeichnet. Was sind die Merkmale dieser Umgestaltung, die den Begriff „Revolution" begründen können? 

Uwe Fritsch: Zur Erinnerung: Die erste industrielle Revolution war die Einführung mechanischer Produktionsanlagen mit Hilfe von Wasser- und Dampfkraft; die zweite war die Einführung arbeitsteiliger Massenproduktion mit Hilfe von elektrischer Energie; die dritte war gekennzeichnet durch den Einsatz von Elektronik und IT zur weiteren Automatisierung der Produktion. 

Einschneidende technische Entwicklungen charakterisieren die vorangegangenen industriellen Revolutionen. Insofern ist es berechtigt, bei Industrie 4.0 von einer vierten industriellen Revolution zu sprechen, die einen ebenso gravierenden Grad der Komplexität darstellt wie die vorangegangenen. Diese neue Stufe wird in fernerer Zukunft etwa mit „Vernetzung aller Lebensbereiche durch umfassende Digitalisierung" beschrieben werden. 

Bernd Wagner: Werden sich derart tiefgreifende Veränderungen nur auf den Produktionsprozess auswirken oder muss man auch mit ähnlich einschneidenden Veränderungen von Abläufen und damit Arbeitsbedingungen im Dienstleistungsbereich rechnen? 

Uwe Fritsch: Ja, muss man. Dafür sind zahlreiche Beispiele denkbar bzw. bereits in der Entwicklung. Hier nur einige Stichworte zu Entwicklungen, die bereits heute möglich sind, aber nur die ersten Schritte der Realisierung von Industrie 4.0 darstellen: 

Produktion: Nur noch auf Auftrag, nicht auf Lager. 

Ärzte: Roboter übernehmen Diagnosen. 

Zahntechniker: 3-D-Drucker erstellen Zahnersatz. 

Logistik: Reduzierung der Lagerhaltung, Beschleunigung der Warenströme durch Vernetzung mit Verkehrsdaten. 

Ein-/Verkauf: Automatisierung von Bestellvorgängen, z. B. Internetbestellungen oder der Kühlschrank erkennt selber, was fehlt, und löst Bestellungen aus. 

Bernd Wagner: In einem Großkonzern wie VW sind die Betriebsräte schon seit langem mit den Auswirkungen der Internationalisierung des Konzerns und seiner Geschäftspolitik konfrontiert. Was wird sich Deiner Meinung nach mit Industrie 4.0 darüber hinaus ändern? 

Uwe Fritsch: Durch die Vernetzung sind weltweit Zulieferer angeschlossen. Es wird nur nach Bedarf produziert, ebenso die Ersatzteile. Die Informationsübermittlung löst im Produktionsbetrieb die Fertigung aus bis zur Anlieferung und Bezahlung. 

Der Druck auf festgelegte Arbeitszeiten wird dadurch zunehmen, ebenso der Druck auf die Anzahl der Arbeitsplätze, auch der qualifizierten Arbeitsplätze. Eine weitere Differenzierung der Belegschaft in „Kern"- und „Rand"belegschaften" ist möglich. 

Bernd Wagner: Es ist heute schon schwer, bei international tätigen Konzernen Strukturen, Vernetzungen und Eigentumsverhältnisse zu erkennen. Der „Gegner" im Klassenkampf wird damit immer anonymer und ist bei Großbetrieben nur noch selten einem bestimmten Land zuzuordnen. Wird mit Industrie 4.0 der bestimmende Einfluss des Finanzkapitals und der globalen Investmentfonds weiter wachsen? 

Uwe Fritsch: Die gegenseitige Abhängigkeit der Unternehmen wird zunehmen, auch weil ein Unternehmen alleine nicht mehr die immensen Investitionen für neue Techniken/Technologien tragen kann. So haben sich bereits in der Automobilindustrie neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Firmen entwickelt, z. B. zum Thema „automatisiertes Fahren" von BMW, Audi und Daimler und zum Thema „Elektromobilität" bei der geplanten Produktion von Zellen in der Bundesrepublik oder Europa. 

Bernd Wagner: Der „Mangel" an konkret benennbaren Personen als Vertreter der Kapitalinteressen stellt neue Anforderungen an Betriebsräte und Gewerkschaften, um Belegschaften für Abwehr- oder Durchsetzungskämpfe zu motivieren. Fördert die wachsende Undurchsichtigkeit von Entscheidungsstrukturen und ihren Hintergründen nicht die Haltung, man könne ja doch nichts ändern? 

Uwe Fritsch: Diese Undurchsichtigkeit erschwert den Gegnerbezug schon heute. Die Vorstände treten als Unternehmensvertreter auf, haben die Verfügungsgewalt, aber nicht das Eigentum an den Produktionsmitteln. 

Bei aktuellen Zukunftsdiskussionen treten weitere Unsicherheiten zutage. 48 Prozent haben Angst vor dem, was mit Industrie 4.0 auf sie zukommt. Diese Ängste müssen wir berücksichtigen. 

Es muss zum heutigen Zeitpunkt aber klar gesagt werden, dass sich die Wirkung von Industrie 4.0 nur so schnell entfalten wird, wie die Vernetzung voranschreitet. Diese Vernetzung aller Bereiche ist jetzt in weiten Teilen noch Zukunftsmusik. 

Aber: Wir müssen trotzdem jetzt anfangen, uns damit zu beschäftigen, da ein enormer Rationalisierungsschub zu erwarten ist. Die Produktivkräfteentwicklung macht es den Unternehmen aktuell möglich, zu neuen Produktionsweisen zu kommen, die u. a. durch die Individualisierung von Produkten und die Vereinzelung, d. h. der Beschäftigten, gekennzeichnet sind. 

Bernd Wagner: Welche Aufgaben ergeben sich für Kommunistinnen und Kommunisten aus der global wirksamen Umgestaltung von Produktion und Handel infolge von Industrie 4.0? 

Uwe Fritsch: Wir müssen jetzt in die Gestaltung eingreifen, uns aktiv einmischen in die Entwicklung, Arbeits- und Datenschutzrechte verteidigen bzw. erweitern. Dabei spielen die betrieblichen Vertrauensleute eine wesentliche Rolle. Deren Position muss unterstützt und gestärkt werden. Und vor allem müssen die Vertrauensleute in die Gestaltungsprozesse einbezogen werden. Wichtige Grundlage für unser Eingreifen sind gesetzliche Mitbestimmungsrechte, besonders in allen öffentlichen Betrieben und Unternehmen mit staatlicher Beteiligung (ähnlich dem VW-Gesetz). 

Genauso wichtig wird die Verteidigung und der Ausbau allgemeiner demokratischer Rechte. Entscheidend wird sein, über die Gewerkschaften hinaus weitere gesellschaftliche Gestaltungskräfte zu mobilisieren und zu bündeln. 

Bernd Wagner: Welche Kräfte siehst Du, die diese Entwicklung im Sinne der Arbeiterklasse beeinflussen können? Welche Anforderungen stellen sich Kommunistinnen und Kommunisten für die Förderung einer Bündnispolitik, die natürliche und potentielle Bündnispartner gewinnen hilft? 

Uwe Fritsch: Die durch Industrie 4.0 zu erwartenden Änderungen umfassen das persönliche Leben, alle Lebensbereiche. Daraus ergeben sich natürliche Bündnispartner in allen gesellschaftlichen Bereichen. In den Betrieben geht es nicht nur um „Gute Arbeit", sondern um ein „Gutes Leben" insgesamt. Hier ist ein Ansatzpunkt für Diskussionen um gesellschaftliche Veränderungen. Eine Frage wird sein, passen sich die Lebensbedingungen, die Dauer der Arbeitszeit den Lebensbedürfnissen der Menschen an oder entscheidet der Maximalprofit darüber. Diese Frage nicht untergehen zu lassen ist die Aufgabe von Kommunistinnen und Kommunisten ebenso wie das Anregen zum Nachdenken über alternative Zukunftskonzepte, die wir Sozialismus nennen. 

Bernd Wagner: Marx sagte, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse dann umgestoßen werden können, wenn sie zum Hemmnis für die Entwicklung der Produktivkräfte werden. Die Kunst marxistischer Analysen ist es, diesen Wendepunkt zu erkennen. Deutet Deiner Meinung nach die Umsetzung von Industrie 4.0 auf einen solchen Wendepunkt hin, oder zeigt dieses Konzept uns, dass der Kapitalismus noch beachtliche Möglichkeiten zur Entwicklung der Produktivkräfte zu haben scheint? 

Uwe Fritsch: Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjew z. B. hat herausgefunden, dass der Kapitalismus in langen Zyklen es bisher immer wieder geschafft hat, sich zu regenerieren. Die technische Entwicklung schafft zwar die ökonomischen Voraussetzungen für ein besseres Leben, macht durch die automatische Steuerung auch das angebliche Know How des Kapitals überflüssig, aber automatisch wird sich dieses Gesellschaftssystem nicht überleben. Darum müssen wir die anstehenden Fragen aufgreifen und im Sinne der Arbeiterklasse weiterentwickeln. Die Widersprüche zwischen Produktivkraftentwicklung, Produktionsverhältnissen, wissenschaftlich-technischer Revolution und Arbeitsbedingungen geben uns die Möglichkeiten, auf die Gesetzmäßigkeiten im Kapitalismus hinzuweisen und die Schritte zur Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise gemeinsam zu beschreiben und dann uns auf den Weg zu machen! 

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Was uns fehlt ist Zeit 

Ein Kommentar von Oliver Wagner | 

In: unsere Zeit vom 18. September 2015 

 

Es ist absurd: Trotz einer beschleunigten Entwicklung der Produktivkräfte müssen die Lohnabhängigen immer mehr von ihrer Lebenskraft und Lebenszeit zur Absicherung ihrer sozialen Existenz aufwenden. Daher ist es höchste Zeit für eine Kampagne zur allgemeinen Verkürzung der Wochen- und Jahresarbeitszeit. 

Erste Kämpfe um die Verkürzung der Arbeitszeit wurden bereits von der Mitte des 14. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts geführt, als sich die Arbeiter gegen Zwangsgesetze zur Verlängerung des Arbeitstages zur Wehr setzten. Doch erst als sie zu Beginn der Industrialisierung begannen, ihre Zersplitterung durch die Gründung von Gewerkschaften aufzuheben, änderte sich etwas. Die Verkürzung der Arbeitszeit wurde zum Mittelpunkt des gewerkschaftlichen Kampfes. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts heißt es in Kongressbeschlüssen deutscher Gewerkschaften, Arbeitsniederlegungen zum Zweck der Verkürzung der Arbeitszeit hätten Vorrang. Im Statut des Deutschen Metallarbeiterverbandes von 1891 wird sogar der Verbandszweck mit folgendem, an erster Stelle stehendem Passus konkretisiert: „Möglichste Beschränkung der Arbeitszeit, Beseitigung der Sonntagsarbeit, der Überstunden und der Akkordarbeit, unter Zugrundelegung eines Lohnes, welcher für die Befriedigung der Bedürfnisse der Arbeiter und deren Familien ausreichend ist." 

Es waren die englischen Arbeiter, die sich 41 Jahre zuvor als erste den Normalarbeitstag erkämpften. 1850 wurde er durch das als „10-Stunden-Bill" bekanntgewordene Fabrikgesetz gesetzlich festgelegt. Im ersten Band seines Hauptwerks „Das Kapital" beschreibt Karl Marx den „Kampf um die Schranken des Arbeitstags", schildert die damals vorliegenden Erfahrungen aus England, Frankreich und den USA und kommt zu dem Schluss: 

„Die Geschichte der Reglung des Arbeitstags in einigen Produktionsweisen, in andren der noch fortdauernde Kampf um diese Reglung, beweisen handgreiflich, dass der vereinzelte Arbeiter, der Arbeiter als ‚freier‘ Verkäufer seiner Arbeitskraft, auf gewisser Reifestufe der kapitalistischen Produktion, widerstandslos unterliegt. Die Schöpfung eines Normalarbeitstags ist daher das Produkt eines langwierigen, mehr oder minder versteckten Bürgerkriegs zwischen der Kapitalistenklasse und der Arbeiterklasse." 

Marx empfiehlt den Arbeitern deshalb, sich zusammenzurotten und als Klasse ein Staatsgesetz zu erzwingen – „ein übermächtiges gesellschaftliches Hindernis, das sie selbst verhindert, durch freiwilligen Kontrakt mit dem Kapital sich und ihr Geschlecht in Tod und Sklaverei zu verkaufen." 

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Diskussionsbeitrag  

Industrie 4.0 

Die digitale Offensive der Bourgeoisie  

Von Helmut Woda | 

In: unsere zeit online vom 02.10 2015 

 

Was ist Industrie 4.0? Dazu gibt es folgende Angaben von Uwe Fritsch zu Industrie 4.0 in der UZ vom 18.9.2015. 

Bei Industrie 4.0 geht es, so Uwe Fritsch, 

1. um den gravierenden Grad der Komplexität der vierten industriellen Revolution mit „Vernetzung aller Lebensbereiche durch umfassende Digitalisierung"; 

2. die Produktion nur noch auf Auftrag und ohne Lager für Fertigprodukte; 

3. die Verteilung der immensen Investitionen für neue Techniken/Technologien auf mehrere Unternehmen; 

4. Die durch Industrie 4.0 zu erwartenden Änderungen umfassen alle Lebensbereiche. 

5. Die neuen Produktionsweisen mit Vereinzelung der Beschäftigten; 

6. Der Druck auf festgelegte Arbeitszeiten, Druck auf die Anzahl der Arbeitsplätze, auch der qualifizierten Arbeitsplätze und eine weitere Differenzierung der Belegschaft in „Kern"und „Rand"belegschaften". 

Die Arbeiterklasse soll also weiter „differenziert", im Klartext gespalten werden. Natürlich verpackt das Monopolkapital sein Interesse an der Verschärfung der Ausbeutung hinter einem „gravierenden Grad der Komplexität der vierten industriellen Revolution" und einer „Vernetzung aller Lebensbereiche durch umfassende Digitalisierung", das heißt der schrankenlosen Ausdehnung der Unterwerfung der Gesellschaft unter die Verwertungsinteressen des Monopolkapitals mit Hilfe der Digitaltechnik. 

Das Verwertungsinteresse hat absolute Priorität. Dafür wird jeder Skandal in Kauf genommen. Mit raffinierter Digitaltechnik hat der VW Konzern die gültigen Vorschriften für den Umweltschutz gewissenlos unterlaufen. Da war dann schon ein Wechsel an der Konzernspitze unumgänglich, aber an der Priorität des Verwertungsinteresses wird und darf nicht gerüttelt werden. Diese kriminelle Perversion der Möglichkeiten der Digitaltechnik gibt uns nur einen kleinen Vorgeschmack, was der Arbeiterklasse und der breiten Bevölkerung durch die „Vernetzung aller Lebensbereiche durch umfassende Digitalisierung" als Folge von Industrie 4.0 drohen kann. 

Natürlich interessiert sich das Verwertungsinteresse für die Rationalisierung der Produktion durch Produktion nur noch auf Auftrag und ohne Lager für Fertigprodukte; durch die Verteilung der immensen Investitionen für neue Techniken/Technologien auf mehrere Unternehmen; durch zu erwartende Änderungen aller Lebensbereiche durch Industrie 4.0 und durch die durch die neuen Produktionsweisen ermöglichte Vereinzelung der Beschäftigten. 

Die Bourgeoisie hat unmittelbares Verwertungsinteresse an der Rationalisierung der Produktion mit Hilfe der Anwendung der Digitaltechnik: durch Produktion nur noch auf Auftrag zur Minimierung des Marktrisikos; durch die Bündelung der Investitionen mehrerer Unternehmen für neue Techniken/Technologien; durch die Durchdringung aller Lebensbereiche infolge von Industrie 4.0 und durch die Vereinzelung der Beschäftigten mit Einführung der neuen Produktionsweisen. 

Dem Charakter der kapitalistischen Ausbeutung entsprechend soll der Standort Deutschland mit Industrie 4.0 auf Kosten der Belegschaften durch Druck auf festgelegte Arbeitszeiten, durch Druck auf die Anzahl der Arbeitsplätze, auch der qualifizierten Arbeitsplätze und eine weitere Differenzierung sprich Spaltung der Belegschaft in „Kern"und „Rand"belegschaften" gegenüber der Konkurrenz in Übersee ausgebaut werden. Bezüglich Industrie 4.0 sagte Reinhard Clemens, Chef von T-Systems, auf einer Tagung des „Vereins Deutscher Ingenieure" (VDI) am 10. Februar 2015 in Düsseldorf: „Den ersten Teil des Spiels haben wir verloren, wir müssen uns jetzt in der zweiten Halbzeit besser positionieren", vor allem gegen die US-Initiative „Industrial Internet Consortium" (IIC) in den USA. 

Die industrielle Revolution brachte die Tendenz hervor, dass, wie Marx es beschreibt, der Mensch aus der Produktion heraustritt (heraustrat). Aber nicht verbunden mit einem besseren Leben sondern mit Massenverelendung, Weltwirtschaftskrisen und zwei Weltkriegen. 

Je höher sich Automatisierung und Technisierung entwickeln desto größer wird der Anteil des konstanten (toten) Kapitals im Produktionsprozess zu Lasten des (lebendigen, einzig wertschaffenden) variablen Kapitals, desto mehr sinkt tendenziell die Profitrate, desto mehr steigt der Zwang des Kapitals dieses Absinken der Profitrate durch Erhöhung der Ausbeutungsrate (der Mehrwertrate) zu kompensieren, desto mehr verschärft sich der Widerspruch zwischen Produktivkraft und Massenkaufkraft. 

Die Tatsache, dass die massenhafte Einführung von Elektronik und IT nicht unmittelbar zur Entfaltung der nächsten Weltwirtschaftskrise führte, war der Systemkonkurrenz geschuldet, die dem Imperialismus Fesseln anlegte, ihn zeitweilig an der Entfaltung seines Wesens hinderte. Und der Tatsache geschuldet, dass nach dem Sieg der Konterrevolution große Kapitalmengen in die Nutzung der nun entstandenen machtpolitischen Möglichkeiten der Neuaufteilung der Welt flossen, also profitabel angelegt werden konnten, auch wenn der Massenkonsum nicht mit der Produktivitätssteigerung Schritt halten konnte. 

Diese Phase relativer Krisenfreiheit ist seit 2008 vorbei, und spätestens mit „Industrie 4.0" wird sich der Widerspruch noch mehr zuspitzen, dass einerseits die Produktivkraft zur Lösung globaler Menschheitsfragen, zur Abschaffung von Hunger und Armut, für ein gutes Leben aller Menschen vorhanden ist und dass der Mensch in nie gekanntem Umfang aus der Produktion heraustritt (herausgetreten wird), aber eben andererseits nicht automatisch in ein gutes Leben. Die Gefahr einer erneuten Apokalypse droht. 

Dazu sagen wir in unserem Leitantrag: 

„Wir erleben zugleich rasante Entwicklungen der Produktivkräfte, die neue Veränderungen in der Klassen- und Sozialstruktur zur Folge haben. Dies und die Krisenfolgen haben enorme Auswirkungen auf die Bewusstseinsentwicklung der Arbeiterklasse, ihre Organisations- und Kampfkraft. Der Grundwiderspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital verschärft sich weiter". 

„Konzerne und Kapital wollen die Wettbewerbsvorteile, die ihnen die Prekarisierung gebracht hat, ausbauen. Sie treiben die Deregulierung weiter voran. … Wesentliche Angriffe auf soziale und demokratische Rechte, wie die Agenda 2010, wurden durch die Gewerkschaften kaum bekämpft. Wurde die Einbindung der Arbeiterklasse noch bis in die 80er Jahre, auch angesichts der Existenz des Sozialismus in Europa, teilweise mit sozialen Zugeständnissen „erkauft", so hat sich das Kräfteverhältnis gewandelt, die herrschende Klasse ist in der Offensive". 

„In der Arbeiterklasse muss die Erkenntnis der Notwendigkeit des Sozialismus heranreifen. Es bedarf der Hegemonie der revolutionären Weltanschauung in der Arbeiterklasse, damit sie sich von der Klasse an sich zur Klasse für sich formieren kann. Ein solches revolutionäres Klassenbewusstsein zu entwickeln, in der Klasse zu verankern und mehrheitsfähig zu machen, das ist die zentrale Aufgabe der kommunistischen Partei. Das erfordert von den Kommunistinnen und Kommunisten die Entwicklung und Propagierung einer Politik, durch die die Arbeiterklasse befähigt wird, ihre Interessen selbst in die Hand zu nehmen. Nur im Kampf wird sie lernen, die gesellschaftlichen Zusammenhänge zu erkennen, die ihre Lage bestimmen. Dies ist untrennbar mit der Aufgabe verbunden, reformistische Illusionen über den Kapitalismus, die das Denken eines großen Teils der Klasse dominieren, zurückzudrängen und zu überwinden" 

 

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