Attraktiver Deal  

Kooperation im Erdgasgeschäft: Ungeachtet der Russland-Sanktionen intensivieren BASF und Gasprom ihre Zusammenarbeit  

Jörg Kronauer 

In: junge Welt online vom 09.09.2015 

 

Die Nachricht schlug hohe Wellen. Am vergangenen Freitag teilten Gasprom und BASF mit, sie würden ihre Zusammenarbeit intensivieren und noch vor Jahresende einen weitreichenden Asset-Swap, also den Tausch von Vermögensgegenständen, vollziehen. Die BASF-Tochtergesellschaft Wintershall bekomme direkten Zugriff auf große Erdgasvorräte in Sibirien; Gasprom erhalte im Gegenzug die Kontrolle über Erdgasleitungen und -speicher in der Bundesrepublik. Die deutsch-russische Kooperation gewinnt damit auf einem ihrer zentralen Felder neuen Schwung: auf dem Erdgassektor. 

Es handelt sich um die erste bedeutende Annäherung zwischen beiden Seiten seit der Eskalation des Konflikts um die Ukraine. 

Zunächst hatte es danach ausgesehen, dass der jetzt geschlossene Deal der schärfer werdenden Auseinandersetzung zwischen Russland und dem Westen zum Opfer fallen würde. Im Kern hatten sich beide Seiten bereits im Dezember 2013 auf den Asset-Tausch geeinigt; Ende 2014 sollte er formell beschlossen werden. Kurz zuvor kam es jedoch zum großen Knall. Gasprom, der stetigen Sticheleien überdrüssig, mit denen die EU das für Moskau wichtige Pipelineprojekt »South Stream« verzögerte, teilte Anfang Dezember 2014 mit, man beende die Arbeiten daran und sehe sich nach einer Alternative um. 

Daraus wurde »Turkish Stream«. Gasprom-Chef Alexej Miller erklärte zudem, die bisherige Konzernstrategie, das Geschäft mit Deutschland auf allen Stufen der Wertschöpfungskette zu intensivieren, ergebe unter den Bedingungen des Konflikts keinen Sinn; sie werde daher nicht weiterverfolgt. Zu den Konsequenzen gehörte, dass Gasprom kein Interesse mehr an dem Tausch hatte und ihn Mitte Dezember kurzerhand absagte. Bei Wintershall fiel man aus allen Wolken. Der Widerruf bedeute »einen harten Einschnitt«, erläuterte die Süddeutsche Zeitung: »Für den Konzern wird damit nichts aus dem Plan, in die erste Liga der weltweiten Gasproduzenten aufzusteigen.« 

Keine erste Liga? Nun – Wintershall expandiert kräftig, fördert Öl und vor allem Gas in Norwegen, den Niederlanden und Großbritannien, in Libyen, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Argentinien. Doch einen echten Durchbruch im globalen Geschäft kann nur ein direkter Zugriff auf Quellen in einem der wirklich bedeutenden Erdgasländer bringen. Die Russische Föderation, das Land mit den größten Erdgasvorräten weltweit, ist für den deutschen Konzern der Kandidat Nummer eins. Entsprechend jubilierten die Wintershall-Manager, als sie 2003 endlich ein Jointventure mit Gasprom schließen konnten, das die gemeinsame Erdgasförderung aus Block I der Achimow-Formation des riesigen Erdgasfeldes Urengoi vorsah. 2013 erreichte die Jahresförderung daraus rund 2,4 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Eine Steigerung auf ein Jahresvolumen von acht Milliarden Kubikmetern wird angestrebt. Doch reicht das für die ehrgeizigen deutschen Pläne nicht aus. Der Asset-Tausch sah nun die Ausweitung der gemeinsamen Förderung auf die Achimow-Blöcke IV und V vor, an denen Wintershall einen Anteil von 25,01 Prozent erhalten sollte. Aus beiden Blöcken könnten schon bald mindestens weitere acht Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr gefördert werden, hieß es bei Wintershall. Dies wäre immerhin ein gutes Zehntel des gesamten deutschen Jahresverbrauchs. 

Dass Wintershall nach der Gasprom-Absage vom Dezember 2014 hartnäckig am Ball geblieben ist und den Deal, der mit acht Monaten Verzögerung nun doch noch unverändert abgeschlossen werden konnte, gebührend feiert, versteht sich von selbst: Will die Tochter des weltgrößten Chemiekonzerns ihrerseits in die Weltspitze aufsteigen, führt an einer engeren Zusammenarbeit mit dem international führenden Förderunternehmen kein Weg vorbei. Die Bundesregierung hat dementsprechend keinerlei Einwände. Man habe den Asset-Tausch bereits 2013 geprüft, hieß es aus dem Bundeswirtschaftsministerium: »Einer erneuten Prüfung bedarf es nicht.« Ebenso kühl teilte das Ministerium mit, der Tausch sei nicht von den Sanktionen gegen Russland betroffen. Das stimmt: Bundeskanzlerin Merkel hat im vergangenen Sommer durchgesetzt, dass der westliche Boykott den Erdgassektor komplett ausspart. Ganz anders sieht es beim Erdöl aus: Der US-Konzern Exxon Mobil gab im Februar bekannt, der Abbruch seiner Kooperation mit Rosneft, den die Sanktionen erzwungen hätten, habe ihm bereits Verluste von bis zu einer Milliarde US-Dollar eingebrockt. 

Nicht ganz klar ist, was Gasprom dazu veranlasst hat, seinen Strategiewechsel von Ende 2014 rückgängig zu machen und nun doch wieder auf die Kooperation mit Deutschland zu setzen. Die russische Aktiengesellschaft übernimmt im Rahmen des Asset-Tauschs das Jointventure im Gashandel, Wingas, komplett, das es bisher gemeinsam mit Wintershall betrieben hatte. Wingas gehört mit einem Marktanteil von 20 Prozent zu den größten Erdgasversorgern Deutschlands und ist in sieben weiteren EU-Staaten tätig, unter anderem in Frankreich, Großbritannien und Österreich. Gasprom wird nach der Übernahme zudem den größten Erdgasspeicher Westeuropas im niedersächsischen Rehden kontrollieren sowie 50 Prozent an der Wintershall Noordzee B.V. erhalten, die in der südlichen Nordsee Öl und Gas fördert. All dies verspricht nicht nur Profit, sondern auch Einfluss. 

Doch die Frage bleibt, wieso sich der Deal für Gasprom Ende 2014 nicht zu lohnen schien, jetzt aber plötzlich wieder attraktiv ist. Sind womöglich auf politischer Ebene Absprachen im Gange, die die Lage für Insider heute anders aussehen lassen als noch vor acht Monaten? Immerhin hat die EU im Mai offiziell erklärt, Gespräche mit Russland über dessen Einwände gegen das EU-Assoziierungsabkommen mit der Ukraine aufnehmen zu wollen. Im Juni berichtete der Vorsitzende des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Eckhard Cordes, hinter den Kulissen werde sogar wieder ernsthaft über eine umfassende Freihandelszone »von Lissabon bis Wladiwostok« diskutiert. Öffentlich ist von alledem bislang nicht viel zu sehen. Im Gegenteil: Gerade erst sind die Sanktionen gegen rund 150 Personen aus dem russischen Establishment verlängert worden. 

 

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Deutsch-österreichischer Zugriff auf sibirisches Erdgasfeld  

Jörg Kronauer 

In: junge Welt online vom 09.09.2015 

 

Nicht nur Wintershall, auch der österreichische Erdöl- und Erdgaskonzern OMV hat am Freitag einen aufsehenerregenden Deal mit Gasprom geschlossen. 

Dabei handelt es sich, ganz wie im Fall der BASF-Tochtergesellschaft, um einen Asset-Tausch, durch den die OMV einen Anteil von 24,98 Prozent an den Blöcken IV und V der Achimow-Formation des sibirischen Erdgasfeldes Urengoi erhalten wird. Was Gasprom dafür bekommt, ist noch nicht bekannt. 

Experten vermuten, es könne sich um Erdgasspeicher handeln, die sich bislang im Besitz der OMV befinden. Aus dem deutschen Zugriff auf das Achimow-Gas wird damit ein deutsch-österreichischer. Allerdings erhält Wintershall mit 25,01 Prozent die Sperrminorität, die der OMV fehlt. 

Dieser Deal ist umso bemerkenswerter, als es sich um einen Wechsel in der Konzernstrategie handelt. Die OMV hatte sich in den 1990er Jahren, als die Wintershall ihren Einstieg in die russische Erdgasförderung in die Wege leitete, ebenfalls um einen solchen bemüht, hatte damit aber keinen Erfolg. Daraufhin initiierte sie 2002 die Pläne zum Bau der »Nabucco«-Pipeline, die Erdgas aus dem Kaspischen Becken unter Umgehung Russlands nach Europa leiten sollte. Das Projekt, das strategisch auf eine Schwächung Russlands zielte, scheiterte letztlich, so dass die OMV wieder umschwenkte und im Juni 2014 einen Vertrag mit Gasprom zum Bau des österreichischen Teils der »South Stream«-Pipeline unterschrieb. Ein erneuter Kurswechsel hin zu Russland kündigte sich damit an, auch wenn »South Stream« letztlich von Gasprom abgeblasen wurde. 

Ende März dieses Jahres vollzog die OMV dann den vielleicht entscheidenden Schritt und kürte den bisherigen Wintershall-Chef Rainer Seele zu ihrem neuen Generaldirektor. Seele verkörpert wie nur wenige die Erdgaskooperation mit Russland: Im Jahr 2000 wurde er Geschäftsführer des deutsch-russischen Erdgashändlers Wingas, 2002 trat er zudem als Verantwortlicher für den Erdgashandel in den Vorstand von Wintershall ein; 2009 wurde er schließlich dessen Chef. Er hat die Zusammenarbeit von Wintershall mit Gasprom über lange Jahre an führender Stelle mitgestaltet. »Er ist unser bester Mann in Europa«, zitierte die österreichische Tageszeitung Die Presse kurz vor Seeles Amtsantritt zum 1. 

Juli einen Gasprom-Manager: »Mit Seele kann die OMV neben Wintershall unser wichtigster Partner in Europa werden.« Genau dies ist nun offenbar der Fall. 

 

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Pipeline »Nord Stream« wird ausgeweitet 

In: junge Welt online vom 09.09.2015 

 

Alle reden von Sanktionen – die Erdgasbranche aber nicht. Gasprom und fünf weitere europäische Öl- und Gaskonzerne haben sich am vergangenen Freitag darauf geeinigt, die Pipeline »Nord Stream«, die Erdgas aus Russland direkt nach Deutschland transportiert, zu erweitern. Die beiden bereits bestehenden Pipelinestränge können 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich liefern. Das genügt nach Angaben des Betreiberkonsortiums, um den Bedarf von mehr als 26 Millionen Haushalten in der EU zu decken. Die beiden jetzt zusätzlich geplanten Leitungen sollen weitere 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas transportieren können und Ende 2019 in Betrieb gehen. Das stärkt die Bedeutung der Bundesrepublik als Verteiler russischen Erdgases in der Europäischen Union. Zudem vereinfacht es Pläne Moskaus, die Durchleitung von Gaslieferungen in die EU durch die Ukraine zu beenden: Mit »Nord Stream 2« wird Gasprom selbst dann auf ukrainische Röhren verzichten können, wenn »Turkish Stream«, das Ersatzvorhaben für die geplatzte »South Stream«-Pipeline, nicht zustande kommt. Beobachter halten letzteres derzeit für denkbar. 

Bemerkenswert ist, dass zu den Aktionären von »Nord Stream 2« neben der federführenden Gasprom nicht nur Wintershall, E.on und Engie (ehemals GDF Suez) gehören, die sämtlich bereits an »Nord Stream« beteiligt sind. 

Neu hinzugekommen sind die österreichische OMV und die britisch-niederländische Shell. Shell hat, wie Gasprom-Chef Alexej Miller im Juni mitteilte, eine engere Zusammenarbeit mit dem russischen Konzern vereinbart, die weiter ausgebaut werden soll und in Moskau sogar als »strategische Allianz« eingestuft wird. Sie umfasst nicht nur die »Nord Stream«-Erweiterung, sondern – soweit bislang bekannt – auch den Ausbau der Flüssiggasanlagen auf der Pazifikinsel Sachalin. Das könnte noch Ärger geben: Die Vereinigten Staaten haben am 7. August ihre Russland-Sanktionen auf das Sachalin-Gasfeld Juschno Kirinskoje ausgedehnt, das für den Ausbau wichtig ist. Shell hält jedoch an seinen Plänen fest – und erweitet sie sogar: Der Konzern führt inzwischen auch Verhandlungen mit Gasprom über Bau und Betrieb einer gemeinsamen Gasverflüssigungsanlage in Ust-Luga an der russischen Ostsee. (jk) 

 

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