Auf unbequemen Wegen  

Sich gemeinsam aus dem Hamsterrad befreien: Frigga Haugs neues Buch erzählt die Geschichte des Marxismus-Feminismus und ihre eigene  

Rahel Wusterack 

In: junge Welt online vom 04.09.2015 

 

Frigga Haugs »Der im Gehen erkundete Weg« fällt aus dem Rahmen. Das Buch ist gleichzeitig Autobiographie, Begriffsgeschichte und der Entwurf einer Theorie. Diese Mischform ist nicht zufällig gewählt, im Gegenteil: Denn der von ihr propagierte Marxismus-Feminismus ist nur in seiner Historizität und in seiner untrennbaren Verknüpfung mit den alltäglichen Erfahrungen konkreter Menschen verständlich. Haug bezeichnet ihn als »ständigen Lernprozess«. 

Die Philosophin und Sozialwissenschaftlerin versammelt in dem Band eigene Texte aus den frühen 1970ern bis heute und führt daran vor, wie sich aus den verschiedenen Strängen ihrer Forschung allmählich das Projekt des Marxismus-Feminismus entwickelte. Sie reflektiert diese Dokumente – teilweise mit schonungsloser Selbstkritik –, ordnet sie zeitgeschichtlich ein und verknüpft sie mit der Schilderung persönlicher Erfahrungen. 

Ursprünglich aus der Arbeitsforschung kommend, befasste sie sich schon mit der kulturellen Konstruktion von »Geschlecht«, bevor die Trennung zwischen »Sex« und »Gender« Mainstream wurde. Als Methode zur Sichtbarmachung dieser Konstruktionen im eigenen Alltag entwickelte sie in den 70ern die Methode der »Erinnerungsarbeit«. 

Als Feministin machte Haug in den 80ern im Rahmen der Berliner Volksuni insbesondere mit ihrer These der Mittäterschaft von Frauen an der eigenen Unterdrückung auf sich aufmerksam. Ihre Feststellung, Frauen seien nicht einfach Opfer der Verhältnisse, sondern ihr Sich-Opfern sei als Aktivität zu verstehen, machte international Furore – und sie wurde dafür heftig angefeindet. Haug bezeichnet diese These als tragenden Baustein im marxistischen Feminismus. Dahinter steht die Annahme, dass in jeder Herrschaftsform ohne direkten Zwang der Beherrschte seiner Unterdrückung in gewisser Weise zustimmen muss. Frauen tun das demnach, indem sie gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen. Haug wendet diese Einsicht ins Positive: Dadurch, dass Frauen ihre Lebensumstände selbst mit produzieren, sind sie auch in der Lage, sie zu ändern. 

Die persönliche Geschichte von Frigga Haug ist die eines hartnäckigen Arbeitens gegen Widerstände. Diese erfuhr sie einerseits von seiten linker Gruppen der alten BRD, weil sie es wagte, die feministische Perspektive ins Zentrum zu rücken. Andererseits stieß sie wegen ihres Bekenntnisses zum Marxismus auch bei »Mainstream«-Feministinnen auf strikte Ablehnung. Dies spiegelt sich auch darin wieder, dass die habilitierte Sozialpsychologin nie einen Lehrstuhl im Bereich der Genderforschung erhielt. Doch sie ließ sich nicht entmutigen. Seit Jahrzehnten folgt sie unbeirrbar der Überzeugung, dass die Unterdrückung von Frauen untrennbar mit der kapitalistischen Gesellschaftsform verknüpft ist. Um diesen »Herrschaftsknoten« zu lösen, reiche es nicht, an einem Ende zu ziehen, erklärt sie. Um alle Fäden zu fassen zu bekommen, bedürfe es eines feministischen Neudenkens des Marxismus. 

Die Vernachlässigung der Frauenfrage ist denn auch ihr zentraler Kritikpunkt am traditionellen Marxismus: Der zu befreiende Arbeiter war immer männlich, die Frau unsichtbar in den häuslichen Bereich verbannt. 

An diese Leerstelle setzt Haug die These: »Geschlechterverhältnisse sind Produktionsverhältnisse«. Die kapitalistische Produktionsweise fußt demzufolge wesentlich auf von Frauen geleisteter unbezahlter Arbeit. Der Arbeiter kann sich nur auf dieser Basis voll und ganz der Lohnarbeit widmen. Haug diagnostiziert, die gesellschaftliche Trennung der Bereiche der Reproduktion und Produktion bzw. Lebens- und Lebensmittelproduktion sei auch für die großen ökologischen Probleme unserer Zeit verantwortlich. 

Die auf Profit zielende Lebensmittelproduktion gehe zunehmend auf Kosten des Lebens, das sie eigentlich erhalten soll. 

Haug wiederholt auch ihr bereits 2008 in »Die Vier-in-Einem-Perspektive« vorgestelltes Plädoyer für eine Umverteilung der Arbeit, so dass jede und jeder in die Lage versetzt wird, seine Zeit zu gleichen Teilen der Lohnarbeit, der Reproduktion, der politischen Arbeit und der Selbstentwicklung zu widmen. Denn solange das Ausfüllen des Tages mit Lohnarbeit die Norm sei, werde nicht nur Frauenunterdrückung, sondern auch »politische Unmündigkeit« und »kulturelle Unterentwicklung« reproduziert. Haug spricht von der »Verrohung der Menschheit«, da die kapitalistische Produktionsweise dem einzelnen keine Zeit für seine Entwicklung als Mensch lasse. 

  

Frigga Haug: Der im Gehen erkundete Weg. Marxismus-Feminismus. Argument Verlag, Hamburg 2015, 384 S., 24 Euro 

 

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Die beharrliche »Gleichstellungsbeauftragte«  

Als Frauenforscherin befasst mit den Mühen der Ebene in der DDR: Herta Kuhrig zum 85. Geburtstag  

Gisela Notz 

In: junge Welt online vom 04.09.2015 

 

Es gibt Augenblicke im Leben, die man nicht vergisst. Ein solcher war der unseres Kennenlernens. Es war 1989, die »Wende« warf ihre Schatten voraus. Auf der Suche nach einer Wissenschaftlerin, die über die Situation der Frauen in der DDR referieren sollte, war mir Herta Kuhrig als »renommierteste Frauenforscherin« des Landes empfohlen worden. Also rief ich in ihrem Büro an und fragte sie, ob sie zu der von mir vorbereiteten Tagung kommen könne. Ihre erste Reaktion war einigermaßen schroff: »Dürfen Sie mich denn überhaupt einladen?« Meine Antwort: »Sonst würd’ ich Sie doch nicht anrufen!« führte dann aber doch zu einer längeren Unterhaltung. Und sie kam tatsächlich. Herta Kuhrig war damals Professorin an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Sie leitete dort die Forschungsgruppe »Die Frau in der sozialistischen Gesellschaft« und war Vorsitzende des gleichnamigen wissenschaftlichen Rates, außerdem Mitglied der Frauenkommission beim Politbüro des Zentralkomitees der SED. 

Auf der Tagung war für sie vieles fremd oder überraschend: die sich duzenden Frauen, die Erfahrung, dass auch »Westwissenschaftlerinnen« ihrem System kritisch gegenüberstanden und manches andere. In der Pause trug sie nur eine Beschwerde an mich heran: Sie fand das Hotel, in dem sie untergebracht war, zu vornehm. Darauf erklärte ich knapp, die Alternative wäre, bei mir zu Hause zu übernachten. Das gefiel ihr besser, und so sollte es auch künftig sein, denn es gab noch viele Treffen. 

Herta Kuhrig wurde am 5. September 1930 in Thierbach nahe Karlsbad (heute Karlovy Vary, Tschechien) in eine kommunistische Arbeiterfamilie hineingeboren. Vom Großvater und vom Vater übernahm sie die Hoffnung auf eine friedliche und sozial gerechte Gesellschaft. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wollte sie an der Erfüllung dieser Hoffnung arbeiten. Sie trat in die SED ein und war die erste in ihrer Familie, die studieren konnte. 

Sie lernte die Grundzüge der materialistischen Dialektik kennen und entwickelte die Überzeugung, dass die Welt erklärbar und veränderbar ist. Nach dem Studium arbeitete sie als wissenschaftliche Assistentin an der Hochschule für Ökonomie und Planung in Berlin. Die Konflikte einer berufstätigen Mutter erlebte sie auch in der DDR. Nicht zufällig wählte sie das Dissertationsthema »Probleme der Entwicklung sozialistischer Familienbeziehungen in der DDR«. 

1990 konnte sie in den »Ruhestand« gehen. Das sozialistische Haus, in dem ihre Hoffnung wohnte, war wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Wirklich Ruhe hat sie aber bis heute nicht gegeben. Sie kann sich nicht zurückziehen, »weder in Küche und Haushalt noch in den Schmollwinkel, noch sonstwohin«, sagte sie einmal. Die tiefe Kluft zwischen Arm und Reich, die Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern und die Heuchelei, die sie an so vielen Orten erleben muss, machen ihr zu schaffen. Sie versteht es perfekt, die Widersprüchlichkeiten und die Errungenschaften ebenso wie die Risiken der DDR-Frauen- und -Familienpolitik zu erklären und zu kritisieren, ohne sich von ihrer eigenen Arbeit zu distanzieren. Und es gelingt ihr auf lebendige Art und Weise, ihre Erfahrungen an jüngere Frauen zu vermitteln. Am Samstag wird Herta Kuhrig 85 Jahre alt – Grund genug, herzlich zu gratulieren. 

 

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Erinnerungen einer Revolutionärin 

In: junge Welt online vom 04.09.2015 

 

Berlin. Das Leben von Hilde Kramer (1900–1974) steht im Mittelpunkt einer Lesung in der jW-Ladengalerie in Berlin-Mitte am kommenden Dienstag (8.9., 19 Uhr, Torstraße 6). Die Veranstaltung »Rebellin in München, Moskau und Berlin« findet in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung statt. Die Schauspielerin Rike Eckermann wird Auszüge aus den 2011 vom BasisDruck-Verlag veröffentlichten autobiogaphischen Fragmenten der Akteurin der Münchner Räterepublik 1918/1919 (siehe auch Rezension in jW vom 5.7.2013) vortragen. 

Die Aufzeichnungen der Frau, die in Revolutionszeiten als »Rote Hilde« bekannt war, umfassen die Jahre 1901 bis 1924. Sie schildert darin ihre Kindheit, die das Waisenkind zum großen Teil im Landschulheim einer sozialdemokratischen und pazifistisch eingestellten Familie am Ammersee verbrachte, die Jugendjahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in München, in denen sie bei der Familie Erich Mühsams wohnte, ihre Begegnungen mit Liebknecht in Berlin und Lenin in Moskau. In der Hauptstadt der Sowjetunion war sie 1920 und 1923 als Sekretärin und Übersetzerin für die Komintern tätig. Ihre Erinnerungen sind ein beeindruckendes Dokument selbstbestimmten Frauenlebens. (jW) 

Egon Günther (Hrsg.): Hilde Kramer. Rebellin in München, Moskau und Berlin. Autobiographisches Fragment 1900–1924. BasisDruck Verlag, Berlin 2011, 259 S., 16,80 Euro 

 

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