Klassenfrage Klimawandel  

Hauptverursacher der Erderwärmung sind die Konzerne des reichen Nordens – die Leidtragenden vor allem die Elenden des Südens  

Wolfgang Pomrehn 

In: junge Welt online vom 04.09.2015 

 

  Seit fast 200 Jahren wissen wir, dass bestimmte Spurengase in der Erdatmosphäre maßgeblichen Einfluss auf das Klima haben. Als erster stellte der französische Mathematiker und Naturforscher Jean Baptiste Joseph Fourier (1768–1830) in den 1820ern fest, dass irgendetwas in der Atmosphäre für ein vergleichsweise angenehmes Klima sorgen müsse. Denn eigentlich sollte die Erde, so konnte Fourier seinerzeit schon errechnen, bei dem gegebenen Abstand von der Sonne rund 30 Grad Celsius kühler sein. 

Seine Schlussfolgerung war, dass die den Planeten umgebende Lufthülle für die ausgehende Wärmestrahlung offensichtlich nicht vollständig durchlässig ist. Rund 40 Jahre später identifizierte der irische Naturforscher John Tyndall (1820–1893) erstmals die »Übeltäter« in Laborversuchen: Wasserdampf und Kohlendioxid (CO2) absorbieren die Wärmestrahlung des Erdbodens und erhöhen damit die Temperatur der unteren Luftschichten. Sie halten somit mehr Energie im System Erde zurück, als es bei einer allein aus Sauer- und Stickstoff bestehenden Atmosphäre der Fall wäre. 

  Ein paar Jahrzehnte später konnten Wissenschaftler bereits berechnen, wieviel Wasserdampf die Luft zusätzlich aufnehmen kann, wenn sie erwärmt wird. Damit konnte der Physiker und Chemiker Svante Arrhenius (1859–1927) um die Jahrhundertwende ausrechnen, wie sehr eine Verdoppelung der Kohlendioxidkonzentration in der Luft das Klima verändern würde. Die globale Temperatur würde sich um fünf bis sechs Grad Celsius erhöhen, ergaben die Berechnungen des Schweden, der Jahre später für andere Arbeiten den Nobelpreis für Chemie erhalten sollte. Damit lag Arrhenius nur knapp oberhalb der zwei bis 4,5 Grad Celsius Erwärmung, von denen die meisten Forscher heute ausgehen. 

  Natürlich war der wissenschaftliche Fortschritt nicht ganz so geradlinig, wie das in diesem kurzen Abriss erscheint. Zunächst mussten die Messinstrumente verfeinert werden, um die von der Strahlungsfrequenz abhängenden Eigenschaften des CO2 und des Wasserdampfes besser einordnen zu können. Wechselwirkungen mit den Wolken waren zu untersuchen und in mathematischen Modellen zu klären. Schließlich hat auch die Erforschung prähistorischer Klimaverhältnisse und die in den letzten 30 Jahren mittels Satelliten und Messbojen wesentlich verbesserte Beobachtung von Eiskappen, Ozeanen und Atmosphäre unser Bild vom Klimasystem Erde maßgeblich präzisiert. 

  Derweil konnten die Befürchtungen nicht zerstreut werden, sondern haben sich mehr und mehr verstärkt. Für Arrhenius war seinerzeit die Prognose einer potentiellen Erwärmung eher eine mathematische Fingerübung. Viele Jahrhunderte würde es nach seinen damaligen Berechnungen dauern, bis die Menschheit soviel Kohle und Erdöl verbrannt hätte, dass sie das Klima derartig verändert. Damals betrug die CO2-Konzentration in der Atmosphäre noch rund 280 Millionstel Volumenanteile (ppm). 

  Außerdem gingen Arrhenius und seine Kollegen seinerzeit noch davon aus, dass die Ozeane den allergrößten Teil des durch die Verbrennung von Kohle und Erdöl freigesetzten Kohlendioxids binden würden. Doch sie sollten sich täuschen. Die Meere absorbieren zur Zeit nur rund die Hälfte des CO2-Ausstoßes, und ihre Aufnahmekapazität ist außerdem von ihrer Temperatur abhängig. Je wärmer sie werden, desto weniger können sie aufnehmen. Das heißt, in Zukunft können wir uns noch weniger auf sie verlassen. 

  Heute beträgt die atmosphärische CO2-Konzentration bereits 400 ppm und steigt weiter. Beim gegenwärtigen Tempo würde eine Verdoppelung (560 ppm) schon in rund 50 Jahren erreicht werden. Zum Glück gehen selbst die schlimmsten Szenarien davon aus, dass sich der Anstieg etwas verlangsamt. 

  Wo ist die Grenze?  Doch damit ist die Menschheit noch keinesfalls auf der sicheren Seite. Schon deutlich kleinere Veränderungen könnten ausreichen, das seit dem Ende der letzten Eiszeit verhältnismäßig stabile Klima aus dem Gleichgewicht zu bringen. Zu den Gefahren gehören vermehrt auftretende und intensivere Dürreperioden in wichtigen landwirtschaftlichen Regionen wie dem Mittleren Westen der USA oder Teilen Australiens, Störungen des Monsuns in Südasien, die erhebliche Verstärkung der Wasserknappheit rund ums Mittelmeer, mehr und intensivere Starkniederschläge in verschiedenen Teilen der Welt, die Ausbreitung tropischer und subtropischer Krankheiten wie der Malaria und ein Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter. Durch die fortgesetzte Aufnahme von Kohlendioxid drohen außerdem die Ozeane zu versauern, so dass noch in diesem Jahrhundert die Fischgründe und damit ein wichtiges Standbein der Welternährung wegbrechen könnten. 

  Politisch hat sich in den letzten Jahren durchgesetzt, die Grenze der gerade noch akzeptablen Klimaveränderung bei einer globalen Erwärmung von zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau anzusiedeln. Davon sind 0,8 Grad Celsius bereits erreicht – und schon die bisherigen Emissionen werden noch für einige weitere Zehntel Anstieg sorgen, selbst wenn der weitere Ausstoß sofort gestoppt würde. 

  Erschwerend kommt hinzu, dass die wissenschaftliche Basis für das Zwei-Grad-Ziel, nicht gerade felsenfest ist. Einige Wissenschaftler verweisen darauf, dass schon eine globale Erwärmung von zwei Grad ausreichen könnte, um den westantarktischen Eisschild zu destabilisieren. 

Die Folge wäre ein Anstieg des Meeresspiegels um sieben Meter bestenfalls über einige Jahrhunderte verteilt, schlimmstenfalls aber innerhalb einiger Jahrzehnte. Auch der grönländische Eisschild scheint der neuesten Forschung zufolge bei weitem nicht so stabil gelagert zu sein, wie lange Zeit angenommen worden war. 

  Entsprechend hat es, seit dem sich die Mehrheit der Staaten auf das Zwei-Grad-Ziel geeinigt hat, immer wieder Proteste eines Teils der Entwicklungsländer, insbesondere der kleinen Inselnationen der Karibik und des Pazifik dagegen gegeben. Diese Staatengruppe, der sich auch Bolivien angeschlossen hat, fordert, die Emissionen so weit zu beschränken, dass die globale Erwärmung 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau oder 0,6 bis 0,7 Grad von heute an nicht übersteigt. Um das noch erreichen zu können, müssten höchstwahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten erhebliche Mengen an CO2 der Atmosphäre wieder entzogen werden, womit die gefährliche Versauerung der Ozeane allerdings auf keinen Fall vermieden werden könnte, wie kürzlich Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung herausfanden. 

  Die Ärmsten trifft es zuerst  Als am Morgen des 29. August 2005 Hurrikan »Katrina« bei New Orleans die USA erreichte, bekam die Welt vorgeführt, wie in einer vom Turbokapitalismus und eurozentrischen Rassismus beherrschten Welt mit den Opfern von Naturkatastrophen umgegangen wird. Die meist farbigen ärmeren Bewohner der US-Metropole blieben sich selbst überlassen. Über 1.000 ältere Bürger starben. Weiße bewaffneten sich und schossen auf schwarze Überlebende, nachdem die Zeitungen und Funkmedien voll mit erfundenen oder maßlos übertriebenen Geschichten von Plünderungen waren. Mindestens elf Todesfälle durch Schussverletzungen wurden gezählt, andere Quellen sprechen gar von 18. Die Opfer waren durchweg junge Schwarze, die Täter ausnahmslos weiß. Im Nachbarstädtchen Gretna wurden zu Fuß Flüchtende von Polizisten mit vorgehaltener Waffe vom Betreten der Stadt abgehalten und ohne Hilfe zurückgeschickt. 

  Dabei war »Katrina« kein übermäßig starker Hurrikan. Er nahm nur einen besonders ungünstigen Kurs und traf auf eine Stadt, die hinter löchrigen Deichen zwischen Mississippi und Golf auf meist niedrigem Grund eingeklemmt liegt. Der miserable Zustand der Deiche war seit langem amtlich dokumentiert, die Hurrikan-Gefahr in der Region ebenfalls. Dennoch wurden sie nicht ausgebessert und erhöht, dennoch gab es offensichtlich weder adäquate Evakuierungspläne noch ausreichend Notrationen, Notstromgeneratoren oder Notfallpläne. 

  Doch was hat »Katrina« mit dem Klimawandel zu tun? Es ist eher unwahrscheinlich, dass der Sturm eine Folge der globalen Erwärmung war. Ob Hurrikane, Taifune und Zyklone in einem wärmeren globalen Klima häufiger auftreten, ist ungewiss und wird von Region zu Region variieren. Sicher ist bisher nur, dass die Ereignisse auf jeden Fall intensiver werden. Die Geschichte »Katrinas« ist dennoch interessant, um den Umgang mit dem Klimawandel zu verstehen. 

  Wie im Falle New Orleans sind es immer die Ärmeren, die als erste und am härtesten betroffen sind. Jene, die keine Möglichkeit haben, sich rechtzeitig zu informieren, keine Mittel, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, jene, die sich keine Nahrungsmittel mehr leisten können, wenn deren Preise aufgrund plötzlicher Verknappung nach größeren Ernteausfällen in die Höhe schießen. Viele Folgen des Klimawandels werden aussehen wie ganz normale Naturkatastrophen, und so wie die Verantwortlichen in der EU heute zuschauen, wie Jahr für Jahr Tausende Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, so werden die reichen Staaten in den kommenden Jahrzehnten zuschauen, wenn tropische Wirbelstürme das steigende Meer auf die Küsten Bangladeschs drücken oder Küstenmetropolen in Westafrika unterzugehen drohen. 

  Unnütze Verzichtsappelle  »Katrina« hat außerdem gezeigt, dass es selbst in den reichen Ländern eine Klassenfrage sein wird, wer unter den Folgen der Erderwärmung zu leiden hat. Hierzulande ist der Umgang mit Unwetterkatastrophen in den letzten Jahrzehnten meist zivilisierter abgelaufen. Doch noch bei der großen Nordsee-Sturmflut im Februar 1962 starben im Hamburger Arbeiterviertel Wilhelmsburg an die 300 Menschen, weil die hanseatischen Behörden – Helmut Schmidt war seinerzeit Innensenator – schlecht vorbereitet waren und vor allem, weil sie sich nicht um den Zustand der Deiche gekümmert hatten. 

  Oder nehmen wir das Beispiel Hitzewellen, die in Europa mit Sicherheit zunehmen und an Intensität gewinnen werden. Im Sommer 2003 haben wir gesehen, was es bedeuten kann, wenn Bevölkerung und Gesundheitsversorgung nicht rechtzeitig darauf vorbereitet werden. Über 50.000 Menschen sind damals an den Folgen der Hitze gestorben, 7.000 davon in Süddeutschland. 

Das hat man seinerzeit aus den Sterbestatistiken in Westeuropa bestimmt. 

Einige Wissenschaftler sprechen sogar von bis zu 70.000 Menschen, die aufgrund der extremen Temperaturen in jenem Sommer in der EU starben. 

Besonders hoch war die Zahl der zusätzlichen Toten in der ersten Augustwoche 2003. Namentlich das französische Gesundheitssystem zeigte sich während der dortigen Ferienzeit hoffnungslos überfordert, aber auch in Baden-Württemberg, das damals am stärksten geplagte Bundesland, waren die Einrichtungen auf den Ansturm besonders vieler alter Patienten mit Kreislaufproblemen nicht vorbereitet. 

  Natürlich müssen derartige Krisen, die sich in einer wärmeren Welt mit Sicherheit häufen werden, nicht als Naturkatastrophen betrachtet werden. 

Meteorologen können sie mit einigen Tagen Vorlauf vorhersagen, Krankenhäuser, Ärzte, Altenheime und Kindergärten könnten langfristig auf sie vorbereitet und besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen, das heißt, insbesondere alte Menschen und Kinder, aufgeklärt werden. Die Frage ist allerdings, was davon in Zeiten von Fallkostenpauschalen, Privatisierung und Bettenabbau umgesetzt werden wird. 

  Ähnlich wie das potentielle Betroffensein ist auch die Verantwortung ungleichmäßig verteilt. Dabei gilt, und das macht die Ungerechtigkeit überdeutlich, dass im allgemeinen die am meisten Gefährdeten und am wenigsten Geschützten auch zugleich jene sind, die am wenigsten zur Verursachung des Problems beigetragen haben. 

  Das fängt schon in den Industriestaaten an. Eine gewisse individuelle Verantwortung der meisten Bürger kann hierzulande zwar nicht abgestritten werden, denn der von der Mehrheit genutzte Pkw- und Luftverkehr ist in einem Maße rohstoff-, energie- und emissionsintensiv, dass er solcherart weder von den künftigen Generationen fortgesetzt noch von der gesamten Menschheit betrieben werden kann. Trotzdem laufen alle Verzichtsappelle an den Einzelnen schon deshalb ins Leere, weil das Gros der Emissionen sich der individuellen Einflussnahme entzieht. 

  Etwas über 60 Prozent des deutschen Treibhausgasausstoßes entstehen in der Industrie und in den Kraftwerken – wobei nur rund ein Viertel des Stroms in Privathaushalten verbraucht wird – und jeweils etwas weniger als 20 Prozent im Verkehr und in den Haushalten, dort vor allem durchs Heizen. Generell lässt sich sagen, je geringer das Einkommen, desto weniger Einfluss haben die Menschen auf ihren Energieverbrauch. Mieter können den Hausbesitzer meist nicht zwingen, effizientere Heizungen einzubauen oder die Gebäude besser zu dämmen. Außerdem zeigen die Erfahrungen aus Sozialberatungsstellen, dass die vielen Stromsperren aufgrund nicht bezahlter Rechnungen meist das Ergebnis des Gebrauchs von elektrischen Durchlauferhitzern sind, die extrem viel Energie benötigen. 

Die Mieter haben in der Regel keine andere Wahl, als die vom Hausbesitzer eingebauten Geräte zu nutzen, wenn sie warm duschen oder baden wollen. 

  Historische Verantwortung  Noch drastischer ist das Missverhältnis zwischen Verursachern und potentiellen Opfern im globalen Maßstab. Am anschaulichsten zeigen das die aktuellen Werte für die jeweiligen Emissionen pro Kopf der Bevölkerung. In den USA wurden nach Angaben der Internationalen Energieagentur 2012 pro Einwohner 16,1 Tonnen Treibhausgase freigesetzt. In Australien waren es 16,7, in Deutschland 9,2 und in Japan 9,6 Tonnen pro Jahr und Kopf. In China hingegen 6,1, in Indien 1,6, in Äthiopien 0,1, in Bangladesch 0,4 und in Vietnam 1,6 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr.¹   Im weltweiten Durchschnitt wurden 2012 pro Erdenbürger 4,51 Tonnen CO2 emittiert, wovon etwas über die Hälfte von den Ozeanen und der Biosphäre aufgenommen wurde. Mit anderen Worten: Jedem stehen Emissionen von rund zwei Tonnen pro Jahr zu. Der Vergleich der Zahlen macht deutlich, wie sehr insbesondere Europäer und Nordamerikaner über ihre Verhältnisse leben, während viele Entwicklungsländer ihren Anteil am Gemeingut Atmosphäre nur unvollständig nutzen und damit bisher Schlimmeres verhindern. 

  Das ist die Momentaufnahme aus dem Jahre 2012. Interessant ist auch ein Blick auf die sogenannten historischen Emissionen, das heißt, auf die über die Jahrzehnte aufsummierten Daten, den das »Carbon Dioxide Information and Analysis Center« in den USA gewährt. Demnach haben die Vereinigten Staaten zwischen 1903 und dem Jahre 2000 rund 286 Milliarden Tonnen CO2 aus der Verbrennung fossiler Kraftstoffe und der Zementproduktion emittiert. In Deutschland waren es im gleichen Zeitraum 67,8 Milliarden Tonnen in Indien 21,87 und in China 71,46 Milliarden Tonnen Kohlendioxid. Die Volksrepublik hat inzwischen in absoluten Zahlen gegenüber den USA deutlich aufgeholt, ist aber umgerechnet auf die Bevölkerung noch immer weit von deren oder auch vom deutschen Niveau entfernt. 

  Angesichts dieser Verhältnisse sprachen schon in den 1990er Jahren Intellektuelle aus den Entwicklungsländern wie der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel von einer ökologischen Schuld des Nordens gegenüber dem Süden. Inzwischen sind die ersten negativen Auswirkungen des Klimawandels in vielen Regionen des Planeten spürbar, und es fragt sich, wer für die Schäden aufkommt. 100 Milliarden US-Dollar wären jährlich nötig, um sie zu beheben und den ärmsten Ländern bei der notwendigen Anpassung an die Folgen der Erderwärmung helfen, hatte schon 2009 die Hilfsorganisation Oxfam berechnet. 

Entsprechende Zahlungen der Industriestaaten sind seit rund fünf Jahren Gegenstand der Verhandlungen über einen neuen internationalen Klimaschutzvertrag, doch getan hat sich bisher wenig. Die Bundesregierung hat zum Beispiel nicht viel mehr angeboten, als einen Teil der Entwicklungshilfegelder umzudeklarieren. 

  Faustrecht  Das andere große Thema der Verhandlungen bleibt weiter die Verminderung der Emissionen. Auch hier hinken die Industriestaaten Lichtjahre hinter dem Notwendigen her. Das soll am Beispiel der deutschen Klimaschutzziele vorgerechnet werden, für die sich die Bundesregierung so gerne selbst lobt. 

  Wissenschaftler können ziemlich gut berechnen, wie viele Emissionen wir uns noch leisten können. Soll das oben erwähnte Zwei-Grad-Ziel eingehalten werden, dann dürfen noch rund 600 Milliarden Tonnen CO2 und andere Treibhausgase in die Luft geblasen werden. Dann könnte das Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent eingehalten werden. Man sieht daran und an den schon erwähnten Bedenken, dass es besser wäre, deutlich unter dieser Marke von 600 Milliarden Tonnen zu bleiben. 

  Doch gehen wir einmal von dieser Menge aus, und verteilen wir sie auf die neun Milliarden Erdenbürger, die wir 2050 sein werden. Das wären dann rund 67 Tonnen pro Nase, die wir uns noch leisten können. Doch die Bundesregierung ist offensichtlich der Meinung, dass Deutschland sich ein wesentlich größeres Stück vom Kuchen abschneiden kann. Bis 2050 sollen die jährlichen Emissionen auf 65 bis 250 Millionen Tonnen reduziert sein. 

Je nachdem, wie schnell dieses Ziel erreicht wird, läuft es darauf hinaus, dass auf jeden der 82 Millionen Bundesbürger noch mindestens 208 Tonnen Treibhausgasemissionen bis 2050 kommen. Und dann wäre der Ausstoß immer noch nicht zum Stillstand gekommen. Derlei Rechtsauffassung ist das Gegenteil von Klimagerechtigkeit und lässt sich wohl am besten als Faustrecht bezeichnen. 

  Anmerkung   (1) In den Zahlen ist nur das CO2 aus fossilen Brennstoffen enthalten. 

Unter Berücksichtigung anderer Treibhausgase wären die Werte für die Industriestaaten noch um rund ein Drittel höher. Aus den Entwicklungsländern liegen über diese Gase keine Informationen vor. 

 

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