Privatsphäre als Privileg  

Der US-Rechtswissenschaftler Frank Pasquale ist dem Klassenwiderspruch in der digitalen Gesellschaft auf der Spur  

Thomas Allmer 

In: junge Welt online vom 03.09.2015 

 

Durch das Aufkommen von neuen Informations- und Kommunikationstechnologien wurde in immer größerem Umfang die Privatsphäre der Nutzer verletzt. In einer vorrangig praktisch orientierten und auf Fallbeispiele ausgerichteten Abhandlung »The Black Box Society: The Secret Algorithms That Control Money and Information« untersucht Frank Pasquale, wie Konzerne der Internet- und der Finanzwirtschaft sogenannte Black Boxes verwenden, um Profit zu generieren. 

Der Schwerpunkt seiner Analysen, die bislang nur in englischer Sprache vorliegen, sind die Aktivitäten, die US-amerikanische Konzerne wie Facebook, Apple und Goldman Sachs seit der Finanz- und Bankenkrise im Jahr 2007 entfaltet haben. 

Was versteht der Professor für Rechtswissenschaft an der University of Maryland (USA) unter »Black Boxes«? Gemeint sind Komplexe von Daten und Algorithmen, deren Zusammenwirken mysteriös und geheimnisvoll erscheint, da nicht nachvollzogen werden kann, welche Daten wann wo gespeichert werden und wohin sie fließen. 

Wir leben, so die These des Autors, in einer »Black-Box- Gesellschaft«, in der Konzerne und Regierungen Informationen über Individuen speichern, diesen aber verschweigen, was mit den Daten passiert. 

Das Buch ist schon deshalb eine wichtige Neuerscheinung, weil es sichtbar macht, wie sich der Klassenwiderspruch im Kontext der Privatsphäre zeigt. 

Pasquale fragt, wer in unserer Gesellschaft die Möglichkeit besitzt, seine Privatsphäre zu schützen und wer nicht. 

Während viele abhängig Beschäftigte permanent Disziplinierungs- und Überwachungsmechanismen ausgesetzt sind, genießen bestimmte politische und ökonomische Akteure das Privileg, ihre Handlungen geheim und privat zu halten. Wo Daten lediglich in eine Richtung fließen, bezeichnet Pasquale dies als »One-way mirror«. »Privatsphäre« ist in der kapitalistischen Gesellschaft als ein asymmetrisches Verhältnis zu begreifen. 

In der Überwachungsdiskussion ist immer wieder das Argument zu hören, dass Internetnutzer an der Verletzung ihrer Privatsphäre selbst schuld seien, wenn sie persönliche Informationen online stellten und ihr Daten freigäben. Die plausibelste und einfachste Lösung für das Problem wäre demzufolge, weniger oder besser überhaupt keine Daten auszutauschen. 

Pasquale lehnt es ab, die Schuld auf die Konsumenten und andere Internetnutzer zu schieben. Es handele sich nicht um individuelle, sondern um politisch-ökonomische Probleme, die nach eben solchen Lösungen verlangten. 

An mehreren Stellen seines Buches schreibt der Autor ausdrücklich von »Profit« und »Kapital«. Seine Vorstellung von Prozessen der Mehrwertproduktion und der Kapitalakkumulation scheint allerdings vage und ungenau zu sein. Welche ökonomischen Prozesse im Informationskapitalismus vonstatten gehen, hätte eine genauere Analyse verdient. Unbeantwortet bleiben Fragen wie diese: Wie lässt sich das Phänomen von personenspezifizierter Werbung in ein ökonomisches Model integrieren? Welchen Stellenwert haben die von Karl Marx eingeführten Begriffe »Kommodifizierung«, »Ware«, »Fetisch«, »Arbeit«, » Ausbeutung« und »Wert« für die Erklärung von ökonomischen Prozessen im Internet? 

In den letzten beiden Kapiteln schlägt Pasquale vor, politische Regelungen und Gesetze zu schaffen, die es Konzernen verbieten oder zumindest erschweren, Nutzerdaten auf legalem Weg zu sammeln und zu speichern. 

Zugleich plädiert er für mehr Transparenz in der ökonomischen Sphäre. 

Die Erbringung von Internetdienstleistungen durch öffentliche statt private Unternehmen ist ein weiterer, aber nur angedeuteter Vorschlag. 

In Zeiten von Deregulierung und neoliberaler Politik sind diese Vorschläge fortschrittlich. Sie reichen jedoch nicht hin, denn während solche Gesetze nach wie vor auf nationaler Ebene beschlossen werden würden, agiert das Kapital in der Internetwirtschaft längst global. Die Einführung internationaler Regulierungen ist jedoch schwer durchsetzbar. So wie das internationale Finanzkapital Steueroasen aufsucht, wenn es in Bedrängnis gerät, steht es dem Internetkapital frei, nach entsprechend vorteilhaften Standorten zu suchen. 

Pasquales Vorschläge tendieren dazu, auf nationaler Ebene zu verharren und die progressive Rolle des Staates im kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu überschätzen. Alternative Konzepte für das Internet wie die Peer-to-Peer Produktion, Copyleft und Creative Commons sowie gegen die kapitalistische Produktionsweise gerichtete Projekte wie Freie Software, die Wikimedia Foundation oder selbstorganisierte »Soziale Medien« spielen bei ihm nur eine untergeordnete Rolle. Auch wenn ein gesetzlich reguliertes Internet wünschenswerter wäre, sollten die politischen Forderungen weiter reichen. Ein vergesellschaftetes Internet im Rahmen einer nichtkapitalistischen Gesellschaft ist möglich. 

Trotz der genannten Schwächen ist Pasquale mit »The Black Box Society« eine lesenswerte Studie gelungen, die als ein wichtiger Beitrag in der Debatte um die Folgen der digitalen Transformation der kapitalistischen Gesellschaft betrachtet werden kann. 

  

Frank Pasquale: The Black Box Society: The Secret Algorithms That Control Money and Information. Harvard University Press 2015, 260 Seiten, ca. 33 Euro 

 

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