Zwischen Dystopie und Euphorie  

Industrie 4.0: Arbeits- und gesellschaftspolitische Perspektiven  

Florian Butollo/Thomas Engel 

In: junge Welt online vom 25.08.2015 

 

  In diesen Tagen erscheint eine neue Ausgabe der Zeitschrift Marxistische Erneuerung mit dem Schwerpunkt »Digitale Arbeit und Gewerkschaften«. jW veröffentlicht daraus den redaktionell gekürzten Beitrag von Florian Butollo und Thomas Engel. Der komplette Artikel samt Literaturangaben steht im Heft 103, das über die Webadresse zeitschrift-marxistische-erneuerung.de bestellt werden kann. (jW) 

  Herrschte vor wenigen Jahren noch Katzenjammer über die angeblich unzureichende Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie vor, so trifft man nun allenthalben auf Euphorie. »Industrie 4.0« steht für eine Zukunftsvision, die maßgeblich von Industrieverbänden und Bundesregierung in die Welt gesetzt wurde. An ihr kommt derzeit niemand vorbei, der sich mit der Entwicklung von Produktionstechnologien und der Zukunft von Arbeit beschäftigt. 

  Nach dem auf unzähligen Tagungen vorgetragenen Mantra steht in Folge einer umfassenden Digitalisierung der Produktion ein qualitativer Umbruch in der Entwicklung der Produktivkräfte bevor. Er enthält zugleich mehrere Heilsversprechen: Eine Studie des IT Unternehmensverbandes Bitkom und des Fraunhofer Instituts errechnet in Folge der neuen Produktionstechnologien ein zusätzliches Wertschöpfungspotential von 78 Milliarden Euro bis 2025, was einem jährlichen BIP-Wachstum von 1,7 Prozentpunkten entspricht. 

Unverhohlen standortnationalistisch wird argumentiert, dass die deutsche Wirtschaft als »Ausrüster der Welt« durch Industrie 4.0 Wettbewerbsvorteile gegenüber den erstarkenden Schwellenländern erringen kann. Industrie 4.0 gilt somit auch als Chiffre für den Erhalt von industrieller Beschäftigung in Hochlohnländern. Sie drückt zugleich eine neue Wertschätzung der häufig totgesagten industriellen Produktion in Deutschland aus. 

  Obwohl die Diskussion um Industrie 4.0 bislang recht einseitig an solchen Wettbewerbsvorteilen ausgerichtet war, gibt es mittlerweile – auch als Resultat entsprechender Lobbyarbeit der IG Metall – einige Prognosen, die positive Effekte der neuen Technologien auf Arbeit prophezeien. In der »Plattform Industrie 4.0«, einer Expertengruppe aus den Industrieverbänden Bitkom, VDMA und ZVEI, heißt es beispielsweise: »vielfältige Möglichkeiten für eine humanorientierte Gestaltung der Arbeitsorganisation werden entstehen, auch im Sinne von Selbstorganisation und Autonomie«. 

  Der Begriff »Industrie 4.0« markiert zugleich einen diskursiven Coup. 

In ihm galvanisiert sich das Versprechen nach einem Ausweg aus der strukturellen Stagnationstendenz der Weltwirtschaft, und diese Vision wird mit einem sozialpartnerschaftlichen Ethos geschmückt. So ist vor allem von den enormen Chancen die Rede, die es gemeinsam zu nutzen gelte. 

Entsprechend will auch die IG Metall nicht als Modernisierungsverweigerer in der Ecke stehen und setzt auf die arbeitsinhaltliche Gestaltung des Projekts Industrie 4.0: »Ziel ist, dass die Beschäftigten gestalten und entscheiden (...), dass die Chancen genutzt werden, Belastungen zu reduzieren und monotone, stumpfsinnige Arbeiten abzulösen.« (…) Die zu erwartenden Umbrüche finden vor dem Hintergrund von mindestens zwei Dekaden der Erosion von Tarifstandards, der Verbetrieblichung sozialer Aushandlung, einem arbeitsmarktgetriebenen Prekarisierungsschub und Finanzmarktimpulsen zu dezentralisierter und marktgesteuerter Produktion statt. (…) 

  Neue Produktionsregime  Obwohl die Periodisierung und die Beschreibung der vierten industriellen Revolution etwas willkürlich scheint, gibt es gute Gründe für die Annahme, dass aufgrund der weiteren Durchsetzung digitaler Technologien qualitative Veränderungen in der Entwicklung der Produktivkräfte zu erwarten sind. Grundlegend dafür sind besondere Wirkungsweisen digitaler Technologien. Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee beschrieben deren Eigenschaften mit den Begriffen »exponentiell«, »digital« und »kombinatorisch«. Erstens sei die Leistungsfähigkeit digitaler Technologien seit den 1960er Jahren exponentiell gewachsen. So erreichte z.B. Sonys Play-Station III im Jahr 2012 dieselbe Rechenleistung wie der größte Supercomputer des Jahres 1995 – zu vergleichsweise niedrigen Preisen. (…) 

  Die umfassende vernetzte Digitalisierung von Informationen impliziere zweitens die kostenlose Vervielfältigung von Produkten sowie die Nutzbarmachung eines schier grenzenlosen Datenschatzes für bestimmte Anwendungen. Etwa wenn alle vorhandenen digitalisierten Übersetzungen zu einer kontinuierlichen Verbesserung des Programms »Google translate« führten. Drittens könnten auf digitaler Technologie aufbauende, modulare Innovationen verstärkt von immer vielfältigeren Verknüpfungsmöglichkeiten mit vorhandenen Technologien profitieren. 

Bahnbrechende Neuerungen entstünden so etwa, wenn Google Innovationen der Sensorik, der Fahrzeugtechnik und des Internets zur Entwicklung fahrerloser Fahrzeuge nutze. 

  Aufgrund dieser Charakteristika und des Reifegrades bestehender digitaler Technologien gehen die Autoren davon aus, dass wir uns an einem Umschlagpunkt der technologischen Entwicklung befinden. Ihn kennzeichnen bahnbrechende Neuerungen bei Produkten, in der Robotik sowie in der Organisation ökonomischer Prozesse. Diese technologische Euphorie wird durchaus mit einem skeptischen Gesellschaftsbild verknüpft. Die Autoren argumentieren, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander ginge, wenn keine einschneidenden politischen Korrekturen vorgenommen würden. Pioniere in der Produktinnovation können mit verhältnismäßig geringem Kapital- und Personalaufwand in der digitalen Ökonomie Gewinne abschöpfen – Microsoft, Apple, Google, Facebook oder jüngst Instagram, Whatsapp, Uber haben es vorgemacht. Auf der anderen Seite sinken Löhne oder gehen die Masseneinkommen aufgrund technologisch bedingter Arbeitslosigkeit zurück – eine Tendenz, die sich durch die Vorteile günstigerer Preise nicht unbedingt kompensieren lässt. (…) 

  Der engere Begriff »Industrie 4.0« beschreibt einen Ausschnitt des Einsatzes digitaler Technologien im Produktionsbereich. (…) Laut einer geläufigen Definition bezeichnet Industrie 4.0 »eine neue Stufe der Organisation und Steuerung der gesamten Wertschöpfungskette über den Lebenszyklus von Produkten [...]. Basis ist die Verfügbarkeit aller relevanten Informationen in Echtzeit durch Vernetzung aller an der Wertschöpfung beteiligten Instanzen sowie die Fähigkeit, aus den Daten den zu jedem Zeitpunkt optimalen Wertschöpfungsfluss abzuleiten. Durch die Verbindung von Menschen, Objekten und Systemen entstehen dynamische, echtzeitoptimierte und selbstorganisierende, unternehmensübergreifende Wertschöpfungsnetzwerke, die sich nach unterschiedlichen Kriterien wie beispielsweise Kosten, Verfügbarkeit und Ressourcenverbrauch optimieren lassen.« 

  Diese Definition zielt auf die Effekte digitaler Vernetzung von Produktionstechnik ab, die vor allen Dingen eine Optimierung der Prozesse und eine Maximierung der Flexibilität bewirken. Dabei scheinen nun jene Aspekte, die in den 80er und 90er Jahren in den Diskussionen um Computer-Integrated Manufacturing (CIM) und Lean Production thematisiert wurden, voll zum Tragen zu kommen. Es sind sowohl Sprünge in der Automatisierung und Selbststeuerung von Produktionsanlagen zu erwarten als auch Produktivitätsfortschritte durch die effizientere und flexiblere Prozessorganisation. Statt unflexiblen »CIM-Ruinen« stünden nun hochtechnisierte und hochflexible Produktionsanlagen in Aussicht, die an individuelle Kundenwünsche angepasste Massenproduktion (…) bewerkstelligten. 

  Technologisch ermöglicht werden diese Effekte durch sogenannte Cyberphysische Systeme (CPS), in denen mit Sensoren und Aktoren ausgestattete Produkte und Anlagen (»embedded systems«) digital vernetzt (»Internet der Dinge«) und mit entsprechender Steuerungssoftware ausgestattet werden. Dies ermöglicht potentiell die Dezentralisierung von Entscheidungen unter den Bedingungen von Echtzeitkontrolle aller Prozesse. 

  Bemerkenswerterweise findet hier eine Vernetzung über die einzelbetrieblichen Grenzen hinweg statt. Über große Datenmengen (Big Data) und direkt vernetzte Kommunikation sollen Verbraucherinformationen in den Produktionsprozess einfließen, wobei die digitale Fabrik in permanentem Austausch mit anderen Akteuren in der Wertschöpfungskette stehen soll, um Material- und Informationsströme nach den Kriterien größtmöglicher Effizienz zu steuern. Auch nach Auslieferung können Produkte Daten an Konsumenten und Hersteller liefern, etwa um Nutzungsweisen, Abnutzung und Wartungsbedarf zu kommunizieren und diese Daten für zukünftige Produktions-, aber auch für Recyclingabläufe nutzbar zu machen. 

  Polarisierung oder Aufwertung?  In den meisten Darstellungen, die sich mit den Anforderungen der neuen Technologien an Beschäftigte befassen, wird realistisch von unterschiedlichen Szenarien ausgegangen. Die deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) schreibt: »Die Technik bietet Optionen in beide Richtungen. Die Systemauslegung kann sowohl als restriktive, kontrollierende Mikrosteuerung als auch als offenes Informationsfundament konfiguriert werden, auf dessen Basis der Beschäftigte entscheidet«. In einem »Automatisierungsszenario« werden Kontroll- und Steuerungsaufgaben auf Grundlage der in Echtzeit verfügbaren Informationen primär technologisch gelöst. Daraus abgeleitet, wird menschliche Arbeit auf ausführende Tätigkeiten reduziert – solange solche Aufgaben nicht von Robotern übernommen werden können. In einem »Werkzeugszenario« liefern digitale Systeme hingegen Entscheidungsvorlagen, die dezentral von den Beschäftigten getroffen werden. Eine solche Anwendung der Technologie eröffnet Qualifizierungspotentiale bis hin zum Facharbeiter und zur Ingenieurin. 

Gefragt sind demnach Experten sowohl hinsichtlich der Arbeitsprozesse als auch der digitalen Kontrolle der Fabrik. (…) 

  Tatsächlich sprechen bestimmte Argumente dafür, dass (hoch)qualifizierte Arbeit eine bedeutende Rolle in digitalisierten Produktionssystemen beibehält bzw. noch an Bedeutung gewinnt. Einige Darstellungen gehen von einer Zunahme der Entscheidungen auf dezentraler Ebene aus, die den Beschäftigten Problemlösungskompetenz und prozessübergreifendes Wissen abverlangen. Das Paradigma der »Schwarmintelligenz« als Inbegriff der Wissensproduktion im Internetzeitalter steht hier Pate für neue Muster der Arbeitskraftnutzung. 

Avantgardistische Internetunternehmungen dienen als Leitbild solcher Vorstellungen. Die gesamte Kreativität der Belegschaften und Nutzer soll weiter für die Kapitalverwertung nutzbar gemacht werden. Die Entstehung eines »Informationsraums«, bei dem individuelle Kreativität besser für kollaborative Zwecke genutzt werden kann, bietet hierzu neue Möglichkeiten, und es ist nicht abwegig, dass Unternehmen in Zukunft stärker darauf zurückgreifen werden. 

  Allerdings blendet die häufig geäußerte Erwartung, dass »intelligente Unternehmen« sich die Tendenz zur Aufwertung von Arbeit zunutze machen würden, einige Aspekte einer möglichen gegenläufigen Entwicklung aus. 

Das betrifft zunächst das schiere Ausmaß der Automatisierung, die eine drastische Reduktion von Beschäftigung wahrscheinlich macht, die keineswegs nur auf einfache Routinetätigkeiten beschränkt bleibt. Eine Studie, die die Tätigkeitsprofile von verschiedenen Berufen mit jenen Funktionen vergleicht, die bis 2025 von digitalen Systemen gewährleistet werden können, kommt zu dem Schluss, dass 47 Prozent der Berufe in den USA akut durch Automatisierung gefährdet seien, für Deutschland spricht eine analog durchgeführte Untersuchung sogar von 59 Prozent. Aufgrund der erwähnten exponentiellen Steigerung der Leistungsfähigkeit digitaler Systeme sind davon auch qualifizierte Tätigkeiten betroffen, so wie gegenwärtig auch schon Steuerberater einer Substitution durch preiswerte Software ausgesetzt sind. Je umfassender und variabler die Funktionen von Robotern, künstlicher Intelligenz und digitalen Systemen werden, so die naheliegende Schlussfolgerung, desto mehr kommen auch qualifizierte Tätigkeiten in technologieintensiven Branchen unter Druck. 

  Neuere arbeitssoziologische Beiträge widersprechen solchen Katastrophenszenarien. Sabine Pfeiffer und Anne Suphan weisen darauf hin, dass ein hoher Anteil von Tätigkeiten in verschiedenen Industriezweigen auf Erfahrung der Beschäftigten basiert, die nicht einfach mit »Routine« gleichgesetzt werden könne: »Erfahrung als dynamische Schwester statischer Routine zeigt ihre Bedeutung gerade in komplexen und stark automatisierten sowie digitalisierten Arbeitsumgebungen«. Hartmut Hirsch-Kreinsen macht zudem auf »langwierige Einführungs- und Anfahrphasen von Industrie-4.0- Systemen« aufmerksam, deren Endzustand ohnehin kaum definierbar sei – ein weiterer Grund, warum eine Nachfrage nach gutausgebildeter menschlicher Arbeitskraft und nach Organisationsmustern im Stil der Schwarmintelligenz entsteht. 

  Dennoch sollte die Möglichkeit einer auf systemischer Ebene automatisierten Fabrik mit stark polarisierten bzw. reduzierten Belegschaften ernst genommen werden, denn die neuen technologischen Möglichkeiten zielen gerade auf jenen Bereich ab, der in den vergangenen Automatisierungswellen problematisch blieb: die flexible Selbststeuerung automatisierter Systeme. Die hohe Fehleranfälligkeit automatisierter Systeme, so die kanonisierte Lehre aus der CIM-Debatte, begründe die Notwendigkeit des menschlichen Eingreifens im Störfall bzw. zu deren Vermeidung. Die auf das Netzwerk bzw. den Prozess gerichteten Innovationen zielen aber gerade auf eine verbesserte Selbstregulierung technischer Systeme. Das Leitbild der sie entwickelnden Ingenieure und Techniker sind Systeme, die sich im Störungsfall »selbst frei fahren«, wie es auf einer Maschinenbaumesse in Erfurt 2015 ein Verbandsvertreter formulierte. 

Echtzeitkontrolle durch eine Vielzahl von Sensoren bis zur Werkzeugspitze und Machine-to-Machine-Communication sollen eine neue Qualität der Selbststeuerung und die (teil-)automatisierte Fehlerkorrektur ermöglichen. 

  Noch ist unklar, ob eben jene technologischen Optionen unterschätzt werden, wenn die Erwartung formuliert wird, dass qualifizierte Facharbeit eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung von Industrie 4.0 haben werde. 

Die Wissensträger in den Betrieben und die sie beratenden naturwissenschaftlich-technischen Experten sprechen derzeit lieber von »dezentraler Intelligenz« des Produktionssystems, »intelligenten Produkten« und sogar von der »Smart factory«. »Die Intelligenz in der Produktion steht erst am Anfang«, heißt es in einer euphorischen Videobotschaft des Unternehmens Wittenstein AG, ein Hersteller von Antriebstechnik. Diese Aussage wirkt fast wie eine Drohung, wenn man im selben Video beobachten kann, wie ein Packer vom digital-vernetzten Produktionssystem »ständig Hinweise bekommt, was zu tun ist«. Optische Signale machen den jeweiligen Arbeitsschritt dabei unmissverständlich klar. Sie helfen zwar »Sprachbarrieren zu überwinden« (ebd.), verlangen einer Arbeitskraft aber nichts weiter ab, als einer in Piktogrammen vorgegebenen Tätigkeitsfolge zu entsprechen – letztlich als verlängerter Arm der Maschinen. 

  Verkürzte Sichtweisen  Insgesamt kreist die Debatte in der Rolle von Arbeit in der Industrie 4.0 – gemäß ihrem Fokus auf die Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie – um den (meist männlichen) Facharbeiter in der Metallindustrie. Dabei wird übersehen, dass CPS zu neuen Formen von Hochtechnologie und Niedriglohn führen können. So ist in Deutschland vor allem die Logistikbranche Vorreiter in Sachen Industrie-4.0-Technologien. Unternehmen wie Amazon und Zalando sind in letzter Zeit immer wieder aufgrund niedriger Entlohnung, hoher Anteile prekärer Beschäftigung und autoritärer Betriebsführung in die Kritik geraten. Hierin zeigen sich die Schattenseiten der digitalen Produktionsmodelle, die eben auch absolute Transparenz über die Arbeitsverausgabung in Echtzeit ermöglichen und hohe Flexibilitätsanforderungen an die meist gering qualifizierten Beschäftigten stellen. 

  Eine weitere Engführung in der Industrie-4.0-Diskussion ist der Fokus auf den Einzelbetrieb und dessen internen Produktionsprozess. Dies ist paradox, als doch genau die Wirkungen auf die Interaktionen in der gesamten Wertschöpfungskette als Charakteristikum der neuen Produktionsregime genannt werden. Nimmt man eine solche weitere Perspektive ein, so zeigen sich alarmierende Problemfelder, auf die Arbeitnehmervertretungen noch unzureichend vorbereitet sind. In Folge von Crowdsourcing können beispielsweise externe Soloselbständige und interne Mitarbeiter in Konkurrenz zueinander gesetzt werden. Die erbrachte Leistung wird erst vergütet, nachdem der Auftragszuschlag erfolgt. Alle Tätigkeiten vorher gelten als aufzubringende »Werbungskosten«, die sich nur für den tatsächlich beauftragten Dienstleister als Gewinner im Ausschreibungswettbewerb auszahlen. Die unternehmensübergreifende Steuerung von Material- und Wissensströmen macht die einzelbetriebliche Regulierung von Arbeit zunehmend porös und dient als Einfallstor für eine weitere Marktsteuerung. Schwarmorganisation wäre in diesem Sinn eher als Chiffre für entgrenzte und deregulierte Arbeit zu verstehen denn als Aufwertung oder Upgrading von Arbeit. 

  Schließlich muss auch die Wirkung der digitalen Technologien auf globale Wertschöpfungsketten thematisiert werden. Droht hier eine weitere »Amazonisierung« der Arbeit, bei der die führenden Unternehmen in Wertschöpfungsketten einen Dumpingwettlauf unter flexibel austauschbaren Zulieferern in Gang setzen? Zum Amazon-Modell gehört, dass die Beschäftigten einen Großteil der Flexibilitätsrisiken z. B. durch den massenhaften Einsatz von Leiharbeit abfedern. Dass diese kundengerechten Angebote wirkmächtige Standards setzen, ist mit Blick auf die zahlreichen Nachahmer bei Händlern von Alternate über Redcoon bis Zalando leicht erkennbar. 

  Im unternehmensnahen Dienstleistungsbereich wie der Logistik im Automobilbau funktioniert das Dumping auf ähnliche Weise, indem in Zweijahresfrist durch Ausschreibungen die günstigsten Anbieter gesucht werden. Angesichts solcher preisgetriebenen Wettbewerbe stellt sich die Frage, ob auf gleichberechtigte Zusammenarbeit abzielende Modelle der Schwarmorganisation auch innerhalb der Lieferkette realistische Perspektiven sind? Oder ob nicht eine weitere Abwertung von Arbeit, insbesondere in den unteren Stufen der Lieferketten, zu erwarten ist? 

  Bei diesen Fragen muss bedacht werden, dass die Erhöhung der Konkurrenzfähigkeit durch Fortschritte in der Produktivität und der Flexibilität den Imperativ der Umtriebigkeit auf Kapitalseite bilden. Zwar sind die neuen Technologien nicht per se zu verdammen, doch darf man vermuten, dass sie auch dazu genutzt werden können, um verbleibende arbeitsrechtliche Regulierungen zu unterminieren. Es ist anzunehmen, dass das Erreichen von Rentabilitäts- und Flexibilitätszielen durch die Reduktion der Belegschaften und die weitere Deregulierung von Arbeit erkauft wird. Hierbei entstehen unter Umständen Regulierungslücken, da die Initiative für technologische Neuerungen aus einem technisch geprägten Managementdiskurs erfolgt, bei dem Betriebsräte und Gewerkschaften oft nur nachbessern können oder außen vor bleiben. In einer einflussreichen Studie der acatech heißt es entsprechend: »Über die Qualität der Arbeit entscheiden nicht die Technik oder technische Sachzwänge, sondern Wissenschaftler und Manager, welche die Smart Factory modellieren und umsetzen.« 

  Die Kampagne »Industrie 4.0« wurde zunächst von Unternehmerverbänden und Bundesregierung lanciert, während die Gewerkschaften am Katzentisch saßen. Zwar ist die IG Metall nunmehr in die relevanten Entscheidungsstrukturen einbezogen und konnte erreichen, dass, wie sie schreibt, »der ursprünglich rein ingenieurwissenschaftliche Diskurs inzwischen für Fragen der Arbeitswelt geöffnet wurde«. Doch die Umsetzung der neuen Technologie- und Produktionsregime wird nach wie vor von Kapitalinteressen dominiert, wobei das Primat des Standortvorteils von den Gewerkschaften nicht in Frage gestellt wird. 

  Zukunft des Kapitalismus  Bedenklich ist weiterhin, dass die Konzentration auf den künstlich geschaffenen Begriff »Industrie 4.0« die Perspektive auf die Umgestaltung des industriellen (Einzel-)Betriebs verengt und weitergehende gesellschaftliche Folgewirkungen des digitalen Umbruchs kaum Gegenstand der deutschen Diskussion sind. Außerdem werden Veränderungen im Finanzsektor, im Dienstleistungsbereich und unverständlicher Weise sogar mögliche Umbrüche in Folge des 3-D-Drucks zu wenig zur Kenntnis genommen, obwohl auch sie gravierende Folgen für die Geographie und die Wertschöpfungsmodelle im produktiven Bereich haben dürften. 

  Das betrifft zunächst einmal das Wachstumsversprechen aufgrund von digitalen Innovationen. Die Erwartung starker Effizienzsteigerungen, wie jüngst von McKinsey für den Maschinenbau berechnet, ist nicht von der Hand zu weisen und stellt regulationstheoretische Annahmen nach einer Abschwächung des Produktivitätszuwachses im Postfordismus in Frage. 

  Allerdings wird bei diesen Berechnungen die Nachfrageseite außen vor gelassen. Wenn man Analysen folgt, dass es sich bei den Krisenerscheinungen der letzten Jahre um Anzeichen einer Überakkumulation handelt, so sind optimistische Wachstumsprognosen nicht glaubhaft. Schließlich schaffen Effizienzgewinne und auf individuelle Kundenwünsche zugeschnittene Produktpaletten an sich keine neuen Märkte, sondern verleihen Unternehmen Konkurrenzvorteile auf Kosten anderer. 

  Hinzu kommt, dass die kostenlose Vervielfältigung digitaler Produkte und neue Technologien wie der 3-D-Druck, in dessen Folge Komponenten in einfacher Weise dezentral hergestellt und einfach reproduziert werden könnten, für die Produzenten mit massiven Problemen der Wertaneignung einhergehen. Im Grunde weisen die neuen Netzwerktechnologien über die Form privater Wertaneignung hinaus, auch wenn versucht wird, die flüchtigen Produkte mit intellektuellem Eigentum zu versehen. 

  All dies macht eine weitere Verschärfung internationaler Konkurrenz wahrscheinlich. Insofern erscheint es nur konsequent, dass Industrie 4.0 als rein nationales Programm konzipiert ist, bei dem, auch wenn einzelne strategische Partnerschaften (vor allem mit China) angestrebt werden, nicht einmal die europäische Ebene mitgedacht ist. In seinen rohesten Ausdrucksformen ist Industrie 4.0 eine Kampfansage an andere Industrie-, aber auch die aufsteigenden Schwellenländer, die Produktionsanteile an die industriellen Zentren zurückgeben sollen. Das Versprechen grenzenlosen Wachstums der deutschen Weltmarktanteile ist die Hauptantriebskraft der Industrie-4.0-Initiative. (…) 

  Florian Butollo und Thomas Engel sind Wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Soziologie, Arbeitsbereich für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 

 

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