Sexkauf unter Strafe  

Neues Gesetz in Nordirland: Kunden von Prostituierten müssen mit Haft und Geldbußen rechnen. Hurenorganisationen fürchten mehr Unsicherheit im Gewerbe  

Florian Osuch 

In: junge Welt online vom 05.06.2015 

 

Seit dem 1. Juni wird in Nordirland mit Gefängnis von bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafen von bis zu 1.000 Pfund bestraft, wer für sexuelle Dienstleistungen bezahlt. Frauen und Männer, die im Gewerbe tätig sind, befürchten in der Folge eine weitere Stigmatisierung. Kate McGrew von der gesamtirischen »Sex Workers Alliance Ireland« (SWAI) sagte der Irish Times, mit der Neuregelung würden die Rechte von Sexarbeiterinnen eingeschränkt. So sei es schwieriger, mit Freiern etwa über gerechte Bezahlung oder die Verwendung von Kondomen zu verhandeln. Die 36jährige sieht sogar das Leben ihrer Kolleginnen und Kollegen gefährdet. Die SWAI vertritt Sexarbeiter in der Republik Irland und im zu Großbritannien gehörenden Norden der Insel. In England, Schottland und Wales gibt es derartige Regelungen bislang nicht. 

Die Abstimmung über das Gesetz fand bereits im Herbst statt. 81 Abgeordnete des nordirischen Regionalparlaments – darunter auch alle anwesenden Abgeordneten der Linkspartei Sinn Féin – votierten für eine Bestrafung von Freiern. Sinn Féin bildet mit 29 Mitgliedern die zweitgrößte Fraktion. Die Partei ist seit dem Friedensprozess in der ehemaligen Unruheprovinz an einer Allparteienregierung beteiligt, wie es 1998 in einem Friedensabkommen vereinbart worden war. Die Haltung von Sinn Féin überrascht, weil sie etwa in puncto Rechte für Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle fortschrittliche Positionen vertritt. 

Prominenter Gegner des »Gesetzes gegen Menschenhandel und Ausbeutung« war der Justizminister von Nordirland, David Ford von der liberalen Alliance-Party, deren achtköpfige Fraktion als einzige geschlossen dagegen votierte. Auch zwei Abgeordnete von den Grünen und der kleinen probritischen Partei NI21 votierten gegen die Verschärfung. Vor dem Parlamentsgebäude in Stormont nahe Belfast hatten zur Abstimmung am 20. 

Oktober 2014 Frauen gegen die Kriminalisierung von Prostitution demonstriert. Die SWAI-Aktivistin Laura Lee kündigte gegenüber der BBC an, vor dem Obersten Gericht in Belfast Klage gegen das Gesetz zu erheben. 

Sie behält sich zudem vor, auch vor den Europäischen Gerichtshof zu ziehen. 

Laut einer Studie der Queens University in Belfast bezahlen in Nordirland jährlich etwa 17.500 Männer für sexuelle Dienste, das sind knapp zwei Prozent der männlichen Bevölkerung. Nach einer anderen Umfrage unterstützten bis zu 80 Prozent der Einwohner des Landesteils die Strafverfolgung von Freiern. 

Am 2. Juni wurde in vielen europäischen Ländern der Internationale Hurentag mit Kundgebungen begangen. Seit mittlerweile 40 Jahren treten Sexarbeiterinnen weltweit an diesem Tag für ihre Rechte ein. Deren Interessenverbände, aber auch Politikerinnen warnten aus Anlass des Aktionstages vor einer »Welle der Kriminalisierung« von Sexarbeiterinnen in Europa. Regelungen zur Freierbestrafung, wie es sie auch in Schweden und Frankreich gibt, führten »zu Kriminalität, Gewalt und Illegalität auf Kosten der SexarbeiterInnen« sowie zu »bedrohlichen und prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen«, sagte Berivan Aslan von den österreichischen Grünen am Montag in Wien. 

 

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Freundschaft als Sozialversicherung  

Susanne Lang über die Vorzüge nichtsexueller Zweierbeziehungen  

Gisela Notz 

In: junge Welt online vom 05.06.2015 

 

Wissen Sie, was ABFEL heißt? In den digitalen Netzwerken ist damit gemeint: »allerbeste Freundinnen fürs Leben«. Jedenfalls, wenn man Susanne Lang glaubt, die ein Buch über »ziemlich feste Freunde« geschrieben hat. Sie zitiert den Spiegel, der einen regelrechten Kult um die beste Freundin registriert hat. Die vermeintliche Liebesbeziehung sei jedoch nur ein Konstrukt, um online Aufmerksamkeit zu bekommen, heißt es dort. Offensichtlich gibt es bereits Forschungen zu diesem Phänomen, das angeblich vor allem durch die Möglichkeiten der »sozialen« Netzwerke verursacht sei. Lang bezweifelt das und verweist auf eigene Erfahrungen aus den frühen 90ern, in denen das Internet noch keine Bedeutung hatte. Schon »damals« habe es diese Beziehungen zwischen Mädchen und jungen Frauen gegeben, die keine Konkurrenz duldeten. 

Und natürlich gab es dergleichen auch noch viel früher: Ich habe soeben das Tagebuch eines »Kleeblattes« gelesen, das meine Mutter und ihre drei besten Freundinnen hinterlassen haben. Es handelte von den »goldenen« 1920er Jahren und von vier jungen Frauen aus Arbeiterfamilien. »Neid, Konkurrenz, Eifersucht« waren auch damals schon Bestandteil von Frauenfreundschaften, egal, ob es sich um Zweier-, Dreier- oder Viererbeziehungen handelt. Und damals wie heute waren sie oft zu Ende, wenn ein Teil der Gruppe bzw. des unzertrennlichen Paares den ersten »festen Freund« hatte. Bei Lang geht es aber nicht nur um das Ideal der »wahren Freundschaft« zwischen Frauen, sondern um die romantische Freundschaft allgemein, auch um die zwischen Männern. Die Autorin spart nicht mit der Schilderung eigener Erlebnisse und eigener Betroffenheit. 

Angesichts des Untertitels »Warum der Freundeskreis heute die bessere Familie ist« könnte man auf die Idee kommen, dass Susanne Lang Alternativen zur bürgerlichen Kleinfamilie aufzeigen will. Doch weit gefehlt: Es geht um Familie und Freundeskreis als deren Ergänzung. Damit bleibt die Autorin traditionell und anschlussfähig. Die Pflege von Freundschaften hält sie zudem »für ein ebenso gutes Zukunftsfundament« wie ihre Riester-Rente. Man könnte entgegnen: Dann wären sie ein ebenso miserables. 

Das Thema liegt im Trend: Auch die Wissenschaft hat den »Wert der Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit« wiederentdeckt. Vor allem für das Alter würden gute langjährige Sozialkontakte immer wichtiger, heißt es. Und tatsächlich funktionieren die traditionellen familialen Verbindungen nicht mehr so gut wie früher, etwa wenn es etwa um die Pflege älterer Angehöriger geht. Denn immer mehr Frauen sind berufstätig. So setzt man eben auf »gute langjährige Sozialkontakte«: Wer diesbezüglich vorsorgt, ist später nicht auf die Familie als »Pflegedienst der Nation« angewiesen, meint Lang. Im großen und ganzen aber kann ihrer Ansicht nach alles bleiben, wie es ist. 

  

Susanne Lang: Ziemlich feste Freunde. Warum der Freundeskreis heute die bessere Familie ist. Blanvalet Verlag, München 2014, 192 S., 16,99 Euro 

In Kürze erscheint im Stuttgarter Schmetterling Verlag das neue Buch von Gisela Notz »Kritik des Familismus. Theorie und soziale Realität eines ideologischen Gemäldes« 

 

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