Mehr als nur ein »Kitastreik«  

Nicht nur Erzieherinnen legen die Arbeit nieder. Das Berufsfeld ist vielfältig 

In: junge Welt online vom 21.05.2015 

 

In Medien dominiert hinsichtlich des Ausstands im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst das Bild vom Kitastreik, in dem Erzieherinnen die Arbeit niederlegen. Doch es geht bei weitem nicht nur um die Kitas. Neben Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen – 95 Prozent der Beschäftigten sind Frauen – haben auch Sozialarbeiter und -pädagogen, Heilerziehungspfleger und andere Beschäftigte in den städtischen sozialen Einrichtungen die Arbeit niedergelegt. Auch diese Berufe werden eher von Frauen ergriffen, allerdings nicht in dem Ausmaß wie bei den Erzieherinnen. 

Insgesamt haben sich laut ver.di bis jetzt 150.000 Beschäftigte an dem Ausstand beteiligt, etwa 220.000 Personen arbeiten im Sozial- und Erziehungsdienst der Kommunen. Laut ver.di ist dies etwa ein Drittel aller in dem Berufszweig Tätigen. Der überwiegende Teil von ihnen ist bei freien Trägern oder kirchlichen Einrichtungen angestellt. Deren Gehälter werden meist angelehnt an die Tarifabschlüsse für die städtischen Einrichtungen. 

Auch Erzieherinnen arbeiten nicht nur in Kitas, sondern etwa auch im Hort, an Schulen oder beispielsweise in Kinderkrippen. Heilerziehungspflege ist die Assistenz, Beratung und Betreuung von Menschen mit körperlicher oder psychischer Behinderung. Dies kann sowohl ambulant als auch stationär geschehen. 

Umfangreich sind auch mögliche Einsatzgebiete von Sozialarbeitern. Sie sind zum Beispiel im Jugendamt tätig und verantworten dort Inobhutnahmen oder »Hilfe zur Erziehung«. Außerdem arbeiten sie unter anderem in Jugendeinrichtungen, Heimen oder Wohngruppen und in der Schulsozialarbeit. 

Doch nicht nur junge Menschen gehören zu der Zielgruppe von Sozialarbeitern. In etlichen Teilbereichen kümmern sie sich auch um Erwachsene, etwa bei der Beratung von Kranken und ihren Angehörigen, im Gesundheitsamt bei der Arbeit mit Prostituierten oder bei der Schuldnerberatung. 

Die Beschäftigten der Branche sind meist über viele verschiedene Einrichtungen verteilt, was eine gemeinsame Kampfkraft durch den fehlenden Kontakt oft schwierig macht. In diesem Streik, so scheint es, haben sie das Problem aber überwunden. 

 

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Unverbindlicher Vorschlag 

Auch in der zweiten Streikwoche sind die Beschäftigten im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst kämpferisch. Ihnen wurde noch kein Angebot vorgelegt  

Claudia Wrobel 

In: junge Welt online vom 21.05.2015 

 

In der ver.di-Streikleitung in Hannover waren sich am Dienstag alle einig: Wenn die Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA), also der Verhandlungspartner der Gewerkschaft in der Tarifauseinandersetzung im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst, sich weiterhin weigert, überhaupt ein Angebot vorzulegen, soll der Erzwingungsstreik in den Kitas, Jugendämtern und anderen Einrichtungen auch in der folgenden Woche unbefristet weitergehen. Die Delegierten diskutierten engagiert und planten die folgenden Tage des Arbeitskampfs. Dabei ging es nicht nur um die Notbesetzungen, die die Gewerkschaft einrichtet, und Aktivitäten wie Demonstrationen und Kundgebungen, sondern auch um Weiterbildung. Am Dienstag vormittag informierten sich mehrere hundert Streikende unter anderem über die gesundheitlichen Gefahren der hohen Arbeitsbelastung in den sozialen Berufen. Sie erhielten Tips für Bewältigungsstrategien: »Tut etwas für euch«, riet die Dozentin den überwiegend weiblichen Beschäftigten der Branche. »Eines macht ihr ja jetzt schon: Ihr seid hier und streikt und kämpft für eure Rechte.« 

Auch in der zweiten Woche des Ausstands ist die Stimmung überwiegend kämpferisch. Den Beschäftigten ist wichtig zu betonen, dass sie nicht nur für eine reine Lohnerhöhung kämpfen, sondern es ihnen um eine Aufwertung ihrer Berufe geht. »Vielleicht sollten wir uns Sozialingenieure nennen, denn in den technischen Berufen ist es doch auch kein Problem, dass Wertschätzung über den Lohn ausgedrückt wird«, witzeln zwei Sozialarbeiterinnen am Rande des Vortrags über das Problem, dass von ihnen erwartet wird, ihren Beruf nicht nur engagiert und mit Hingabe zu machen, sondern dafür auch keine Gegenleistung zu erwarten. »In typischen ›Männerberufen‹ gibt es solche Diskussionen nicht«, sind sie sich sicher. 

Dabei ist die Arbeitsbelastung im Berufsfeld hoch, und die Ausbildung ist akademisch oder daran angelehnt. Eine Sozialarbeiterin aus Hannover, die ihren Namen nicht gedruckt wissen will, erläuterte im Gespräch mit jW, dass durch die schulische oder akademische Ausbildung die Kolleginnen Abstriche bei der Rente machen müssen: »In der Ausbildung im Betrieb werden schon Rentenpunkte gesammelt, das haben wir nicht, und auch das muss durch eine bessere Eingruppierung aufgewogen werden.« Eine bessere Bezahlung wäre für sie außerdem eine Möglichkeit, dem grassierenden Nachwuchsmangel zu begegnen. »Hinzu kommt, dass wir nicht nur unser Gegenüber vertreten müssen, manchmal sind wir die Vertretung der Vertretung der Vertretung«, so die junge Sozialarbeiterin. 

Denn schon jetzt sind viele Stellen nicht besetzt. Heidrun Dittrich, Sozialarbeiterin im Jugendamt Hannover, erklärte auf Nachfrage von jW, dass nach einer Befragung zur Arbeitsbelastung in den kommunalen sozialen Diensten in den vergangenen Jahren zwar etwa 40 Stellen wieder geschaffen wurden, die zuvor im Zuge von Kürzungen gestrichen worden waren. »Diese bestehen allerdings nur auf dem Papier. Für uns bedeutet das, dass wir alle Überstunden machen«, so Dittrich. 

In den Kindertageseinrichtungen ist die Situation ähnlich. Zwar gebe es nicht so viele unbesetzte Stellen, wie eine Erzieherin gegenüber jW erklärte, allerdings umso mehr Ausfälle durch Krankheit: »In der Kita gibt es sowieso sehr viele krankmachende Faktoren, wenn dazu noch die Überlastung kommt, weil die Kollegin nicht arbeitsfähig ist, kann man sich leicht ausrechnen, wer als nächstes ausfällt.« Viele der Streikenden sind zurückhaltend im Umgang mit der Presse, denn auch Befristungen sind weitverbreitet in dem Berufsfeld. Die Stimmung bei den Eltern sei gut und in weiten Teilen unterstützend, erläuterte die Kitamitarbeiterin. Die Notdienstpläne in Hannover seien nicht ausgelastet, was für sie neben mutmachenden Gesprächen mit Eltern ein Zeichen dafür ist, dass diese solidarisch seien. 

Doch der kämpferische Ausstand hat noch nicht dafür gesorgt, dass die VKA der Gewerkschaft überhaupt ein Angebot vorgelegt hat. Am Mittwoch schob die Organisation statt dessen den schwarzen Peter den Erzieherinnen und Sozialarbeiterinnen zu. »Die Streiks bringen keinerlei inhaltliche Bewegung für die Verhandlungen«, äußerte VKA-Hauptgeschäftsführer Manfred Hoffmann laut Pressemitteilung. Er beharrte darauf, dass die Gewerkschaft von ihren »Maximalforderungen« abrücken und »ernsthaften Verhandlungswillen« zeigen müsse. Als Begründung für die »ausgestreckte Hand« der VKA nannte er einen Vorschlag, den seine Organisation schon vor Wochen unterbreitet habe. In Tarifverhandlungen gilt ein »Vorschlag« allerdings wenig. Das Prozedere ist einheitlich: Die Gewerkschaft stellt eine Forderung auf, über die sie in der folgenden Verhandlung nicht hinausgeht. Die Unternehmensvertreter unterbreiten ein Angebot, das in den Gesprächen das Minimum markiert und nicht mehr unterboten wird. Eine Einigung wird sich in der Regel dazwischen finden, wenn die Verhandlungspartner in den unterschiedlichen Bereichen Zugeständnisse machen. Sollte es zu einer Schlichtung kommen, ist mit der Forderung und dem Angebot der Spielraum abgesteckt, innerhalb dessen diskutiert wird. Ein »Vorschlag« ist für die VKA allerdings unverbindlich. Und selbst dieser ist für die Gewerkschaft noch völlig unzureichend. Ver.di-Sprecher Christoph Schmitz erklärte im Gespräch mit jW, dass lediglich einzelne Berufe von der VKA berücksichtigt würden. 

»Uns geht es aber darum, ein ganzes Berufsfeld aufzuwerten, also muss es auch komplett einbezogen werden.« 

 

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»Richtig gut – aufwerten jetzt«  

Claudia Wrobel 

In: junge Welt online vom 21.05.2015 

 

Die Beschäftigten im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst fordern keine Lohnerhöhung im eigentlichen Sinn. Ihre Kritik entfacht sich an der Einstufung ihres Berufsfeldes in den Tarifvertrag öffentlicher Dienst. Sie fordern unter anderem eine höhere Eingruppierung und begründen dies mit den gestiegenen Erwartungen und höheren Arbeitsbelastungen der Branche. So sei etwa durch Evaluation und eine Bewertung von Kindern in Kitas mittlerweile so viel mehr Bürokratie hinzugekommen, dass der Beruf kaum noch mit den Anforderungen vor einigen Jahrzehnten vergleichbar sei. Die höhere Eingruppierung würde laut ver.di und Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die beide Beschäftigte der Branche vertreten, zu Gehaltssteigerungen von im Durchschnitt zehn Prozent führen. Außerdem wollen sie etwa eine Bezahlung nach Berufserfahrung und nicht nach Betriebszugehörigkeit, damit ein Jobwechsel nicht mit Einkommensverlusten verbunden ist, und eine andere Berechnung der Gehälter für Personen in Leitungsfunktion. 

Die Gewerkschaften stellen ihre Kampagne unter das Motto »Richtig gut – aufwerten jetzt« und verbinden mit der Forderung nach einer höheren Eingruppierung eine Debatte über mehr Anerkennung in Berufen, die größtenteils von Frauen ergriffen werden. Dabei werden sie von Gewerkschaften anderer Branchen unterstützt. So ordnete die Frauenkonferenz der IG Metall die niedrige Bezahlung als Zeichen fehlender gesellschaftlicher Wertschätzung der Tätigkeiten ein. Der DGB mahnte die Bundesregierung mit Blick auf den Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD, »für mehr Entgeltgleichheit zu sorgen und die Arbeit in Pflege, Betreuung und frühkindlicher Bildung aufzuwerten«. 

Verhandlungspartner der Gewerkschaften ist die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA). Sie regelt die Arbeitsbedingungen für die städtischen Beschäftigten und schließt Tarifverträge des öffentlichen Dienstes ab. Bis jetzt hat sie noch kein Angebot vorgelegt, sondern den Gewerkschaften einen Vorschlag zur höheren Eingruppierung einzelner Gruppen vorgelegt. (cwr) 

 

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