Roboter Mensch?  

Thomas Wagners neues Buch dekonstruiert die Ideologien der »Robokratie«  

Christian Fuchs 

In: junge Welt online vom 13.04.2015 

 

Tony Prescott, Direktor des Zentrums für Robotik an der Universität Sheffield, schreibt in der Titelgeschichte der Märzausgabe des populärwissenschaftlichen Magazins New Scientist, dass das Selbst eine »Menge von Prozessen« sei, die wie »ein Programm auf einem Computer« abliefen. Diese Einsicht habe ihn und seine Kollegen dazu veranlasst, das Selbst in einem Roboter nachzubauen, was zur Schaffung des »humanoiden« Roboters iCub führte. 

Derartige Publikationen werfen eine Reihe von Fragen auf: Ist der menschliche Geist ein Computer? Kann das Gehirn auf einem Computer simuliert werden? Kann der Computer menschlich werden und den menschlichen Geist und Körper ersetzen? Das neue Buch »Robokratie. Google, das Silicon Valley und der Mensch als Auslaufmodell« des jW-Redakteurs und Publizisten Thomas Wagner diskutiert, warum solche Annahmen ideologisch und gefährlich sind. Untersucht werden in 15 lesenswerten Kapiteln verschiedene Dimensionen der problematischen Annahme, dass die Herrschaft der Roboter bevorstehe und dass diese die Probleme der Menschheit lösen werde. Diese Ausführungen werden durch Experteninterviews mit dem Informatikprofessor Raúl Rojas und Christoph Keese, Vizepräsident des Axel-Springer-Konzerns, ergänzt, die zuvor in gekürzter Form in dieser Zeitung erschienen sind. 

Wagner bezeichnet die Verschmelzung von Robotik, neoliberaler Ideologie, Kapitalismus, Militarismus, Technodeterminismus, Technokratie, Militarismus und instrumenteller Vernunft in treffender Weise als »Robokratie«. Das Buch verdeutlicht u. a. das militärische Interesse an der Erforschung künstlicher Intelligenz, die Verknüpfung der Roboterwissenschaft mit dem Militär sowie die Verbindungen zur neoliberalen und technikdeterministischen Kultur des Silicon Valley, wo Roboterfanatiker den Kapitalismus verherrlichen. Untersucht werden der Einfluss von Thinktanks der Robokratie wie zum Beispiel der Singularity University des bekanntesten »Transhumanisten« Ray Kurzweil oder des Future of Humanity Institutes an der Universität Oxford. Diskutiert wird ferner die Vorstellung, dass durch Big Data, intelligente Produkte und künstliche Intelligenz eine bessere Gesellschaft erzeugt werden könne. 

Wagners Buch ist eine gelungene gesellschaftskritische Studie, die die Versprechungen, Phantasien und Ideologien der Roboterwissenschaft und -industrie eingehend hinterfragt. Der Autor argumentiert, dass die Gefahr besteht, dass der Technikfetischismus entpolitisiere und »von den wirklich relevanten gesellschaftlichen Problemen und Widersprüchen, ihren Ursachen und realistischen Lösungswegen abgelenkt wird«. Wer braucht Diskussionen über Kapitalbesteuerung, Friedenspolitik und das gute Leben, wenn die Roboterindustrie verspricht, Ungerechtigkeit, Krieg und Prekarität technisch aus der Welt zu schaffen? Die Aufgabe des Staates reduziert sich in der robokratischen Ideologie darauf, staatliche Förderungen und Absicherungen für kapitalistische Technologieunternehmen bereitzustellen und ihnen Steuervorteile und billige Arbeitskräfte zu garantieren. Der Kapitalismus ist der blinde Fleck in der Ideologie von Cyborg-Utopisten wie Hans Moravec, Ray Kurzweil oder Frank Tipler. Er wird nicht hinterfragt, sondern als integraler Bestandteil der Heilsversprechungen verstanden. 

Einerseits sind die meisten robokratischen Utopien technisch unrealistisch, da sie auf der dualistischen Idee beruhen, dass der menschliche Geist vom Körper ablösbar ist. Diese Annahme übersieht, dass Geist und Körper eine unauflösbare dialektische und materielle Einheit bilden. Andererseits ist es realistisch anzunehmen, dass Robotik im realen Kapitalismus mit Klasseninteressen eingesetzt wird, um Vorteile für Eliten, Ausbeutung und Kontrolle der Massen sowie die Vernichtung der Schwächsten durchzusetzen. 

Auch Sozialisten sind immer wieder der Roboterideologie aufgesessen. Die Schriften des polnischen Futurologen Stanislaw Lem, der schon in den 1960er Jahren die Existenz von Cyborgs prophezeite, erfreuten sich großer Beliebtheit. Die Feministin Donna Haraway erhoffte sich in ihrem 1985 geschriebenen »Manifest für Cyborgs« von der Verschmelzung von Mensch und Roboter die Abschaffung des Patriarchats und des Kapitalismus. Unter Begriffen wie demokratischer Transhumanismus, Nanosozialismus oder Technoprogressivismus wurde diese Denkrichtung weiterentwickelt, um die Idee der Cyborgs von links zu besetzen. Solche Ansätze sind zwar oft kapitalismuskritisch und unterscheiden sich daher von rechter Roboter-Utopistik. Sie teilen aber mit dieser das dualistische Weltbild, das Geist und Materie trennt, die Fetischisierung der Technik als Heilsbringerin und ein antihumanistisches Weltbild. Wie bei jeder Form der Technik, kommt es für kritische Ansätze im Gegensatz dazu darauf an, die Möglichkeiten, Unmöglichkeiten, Chancen und Risiken der künstlichen Intelligenz realistisch einzuschätzen, in Bezug zu Kapitalismus und Herrschaft zu setzen und zu diskutieren, welche Technologien emanzipatorisches Potential haben und welche reine Destruktivkräfte darstellen, um dann Forderungen nach demokratischer Kontrolle und Gestaltung des technischen Fortschritts zu machen. Die Welt der Robotik ist heute vor allem von Ideologien und Utopien geprägt. Es mangelt ihr an Realismus und einem menschenorientierten Konzept demokratisch-sozialistischer Computertechnologie. Wagners Buch leistet einen wichtigen Beitrag zur Dekonstruktion dieser Ideologien. 

Thomas Wagner: Robokratie. Google, das Silicon Valley und der Mensch als Auslaufmodell. PapyRossa, Köln 2015, 177 Seiten, 13,90 Euro 

Buchpremiere mit dem Autor: Donnerstag, 23.4, 19 Uhr, jW-Ladengalerie (Torstr. 6, Berlin-Mitte) 

 

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Keine Angst vor den Robotern 

Digitalisierung: Bundesregierung setzt auf »Bündnis für Arbeit 4.0« / Auch Linkspartei und DGB suchen neue Antworten auf alte Fragen 

Von Tom Strohschneider 

 

»Der neue Klassenfeind ist der Algorithmus«, titelte unlängst[1] eine Tageszeitung, in dem Text ging es um politische und gewerkschaftliche Herausforderungen der Digitalisierung. Die Schlagzeile ist natürlich falsch. So wenig, wie die Webstühle und Fertigungsbänder der industriellen Vergangenheit und Gegenwart »der Klassenfeind« sind, bleibt auch im »Zweiten Maschinenzeitalter« die Frage der privaten Aneignung entscheidend, mithin: die Eigentums- und Verteilungsstruktur der Produktionsverhältnisse. Einerseits. 

Andererseits wird man es auch nicht mit dem Hinweis bewenden lassen könnten, dass auch früher schon im Kapitalismus neue Technologien und Fertigungsmethoden eingeführt wurden – der daraus resultierende Wandel für Arbeitsbeziehungen und gewerkschaftliche Handlungsmacht sowie die Kämpfe um politische Leitplanken nur eine Art Neuaufführung früherer Auseinandersetzungen sind. Nur eben jetzt mit Internet. 

In: Neues Deutschland online vom 23.04.2015 

Weiter unter:  

Links: 

    1. http://www.rp-online.de/wirtschaft/unternehmen/digitale-wirtschaft-der-neue-klassenfeind-ist-der-algorithmus-aid-1.4797695
    2. http://www.presseportal.de/pm/67565/3001945/studie-digitale-revolution-bildet-neue-basis
    3. http://www.bmas.de/DE/Themen/Schwerpunkte/Arbeiten-vier-null/arbeiten-4-0.html;jsessionid=EF18FE7285136DC5CD9D03DF298A735F
    4. http://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/Thema-Arbeitsmarkt/arbeiten-4-0-programm-livestream.pdf;jsessionid=CA9601B71C3E4EBE2423C5F943ED3014?__blob=publicationFile
    5. http://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Publikationen-DinA4/gruenbuch-arbeiten-vier-null.pdf?__blob=publicationFile
    6. http://www.horstkahrs.de/wp-content/uploads/2014/07/2014-07-05-Ka-Weichenstellungen.pdf
    7. http://automatedinsights.com/
    8. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/automatisierter-journalismus-nehmen-roboter-allen-journalisten-den-job-weg-13542074.html

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/968807.keine-angst-vor-den-robotern.html 

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Geschöpft, verteilt, getauscht 

Klaus Müller über Bleibendes und Ungelöstes in der ökonomischen Theorie des Karl Marx 

 

Klaus Müller, Jahrgang 1944, hat Finanzökonomik und Außenwirtschaft studiert und war bis 1991 Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Technischen Universität Karl-Marx-Stadt. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht und arbeitet später als Lehrbeauftragter an der Technischen Universität Chemnitz und der Bergakademie Glauchau. Er ist Mitglied des Instituts für kritische Theorie InKrit, das seine Aufgabe in der Förderung kritischer Theorie sieht, »wie sie sich in unterschiedlichen Ausprägungen und in Wechselwirkung mit sozialen Bewegungen seit dem 19. Jahrhundert entfaltet hat«. Müller ist Autor zahlreicher Beiträge über Marx und die ökonomische Theorie – zuletzt unter anderem in »Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung«, »Marxistische Blätter «, »Argument« und im Marx-Engels- Jahrbuch…. 

Marx hat so manche These der politischen Ökonomie und Philosophie ad absurdum geführt. Die Kritik war ihm nie Selbstzweck, die Unterminierung von Gewissheiten zu wenig. Er suchte Wahrheiten, wollte Wissen schaffen. Es spricht für die Größe des Wissenschaftlers Karl Marx, dass ihn dabei Selbstzweifel plagten. Sein Lieblingsmotto »An allem zweifeln« gilt auch seiner Lehre. 

Es wäre indes fatal, ihn vor allem am offen Gebliebenen und nicht Eingetretenen zu messen, seine bahnbrechenden Erkenntnisse abzuwerten oder in Frage zu stellen. 

Marx und Engels waren überzeugt, dass der Kapitalismus nicht ewig sein wird. Über die nach ihm kommende Zeit haben sie wenig gesagt. Denen, die eine neue Gesellschaft in der Praxis probierten, wird vorgeworfen, sie hätten Marx und Engels geheiligt, und zugleich deren theoretisches Erbe deformiert. 

Baupläne für den Sozialismus gibt es von den beiden nicht. Was wäre da zu entstellen gewesen?  

In: Neues Deutschland online vom 13.04.2015 

Weiter unter:  

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/967554.geschoepft-verteilt-getauscht.html 

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