Auf Rekordniveau  

Vorabdruck. Ein Blick auf Exporte und Auslandsinvestitionen des Landes. An guten Tagen sackt die BRD-Wirtschaft 750 Millionen Euro ein  

Jörg Kronauer 

In: junge Welt online vom 15.04.2015 

 

Jörg Kronauer analysiert und kommentiert für die junge Welt seit Jahren die deutsche Außenpolitik. In diesen Tagen erscheint von ihm im Kölner Verlag Papyrossa ein Buch, das einen Überblick über die Formulierung eines deutschen Führungsanspruchs in der Welt, über die Hegemonie in der EU und die weltweiten Wirtschaftsinteressen u. a. gibt. Die Thema-Redaktion bringt einen Auszug aus seinem Werk zu Export, Auslandsinvestitionen und Einnahmen der BRD. (jW) 

Was für ein Monat! »Exportrekord in Deutschland«, jubelten die Medien, als das Statistische Bundesamt im September 2014 die Außenhandelsbilanz für Juli des Jahres veröffentlichte. Die Ausfuhren aus der Bundesrepublik waren gegenüber Juli 2013 um 8,5 Prozent gestiegen und hatten den kaum vorstellbaren Wert von rund 101 Milliarden Euro erreicht. 101 Milliarden Euro - das war mehr als das Jahres-Bruttoinlandsprodukt der Slowakei, das waren drei Milliarden Euro pro Tag; so viel hatte selbst die deutsche Wirtschaft noch nie zuvor kassiert. Zugleich waren die Importe deutlich unter den Exporten geblieben und beliefen sich auf 77,6 Milliarden Euro. 

Die deutschen Exporteinnahmen lagen also um 23,4 Milliarden Euro über den Importausgaben; die Bundesrepublik hatte demnach, wenn man so will, im Juli 2014 rund 750 Millionen Euro pro Tag verdient. Welch Reichtum, welche Wirtschaftsmacht! 

Deutschland ist im Jahr 2015 der drittstärkste Exporteur der Welt. Auf fast 1,1 Billionen Euro beliefen sich die deutschen Ausfuhren im Jahr 2013; nur China und die Vereinigten Staaten konnten Waren in höherem Gesamtwert ins Ausland verkaufen. Die Ausfuhren verhelfen dabei nicht nur deutschen Unternehmen zu erklecklichen Gewinnen; sie stärken ebenso die wirtschaftliche Macht der Bundesrepublik. Beides trifft auch auf die deutschen Direktinvestitionen im Ausland zu, mit denen deutsche Unternehmen und in ihrem Schlepptau die deutsche Politik ihren globalen Einfluss ausweiten. Dabei zeigt sich: Es gibt starke Unterschiede in der Bedeutung einzelner Weltregionen für die deutsche Wirtschaft. (...) Exporte und Investitionen bringen immense Vorteile, sie müssen jedoch auch gesichert werden; die Außenwirtschaft ist daher ein zentraler Gegenstand der Berliner Außenpolitik. (...) 

Der Kern: Die EUAbsolutes Kerngebiet der deutschen Wirtschaftsexpansion ist nach wie vor die EU. Strikt nach einheitlichen ökonomischen Standards durchnormiert, zudem - seit dem 1. Januar 1999 auf dem Papier, seit dem 1. 

Januar 2002 auch im Alltag - zum größeren Teil mit einer gemeinsamen Währung ausgestattet, ist sie für die deutsche Industrie bis heute konkurrenzlos Investitionsplatz und Absatzmarkt Nummer eins. Dabei lassen sich jedoch durchaus Verschiebungen erkennen. 

So zeigt sich: Der gewaltige Anstieg der deutschen Auslandsinvestitionen seit den 1990er Jahren hat zunächst - bedingt durch Vertiefung und Vergrößerung der EU - zu einer gewissen Europäisierung des deutschen Kapitalexports geführt. Der allgemeine Anstieg der Investitionen war in der Tat rasant. War den einschlägigen Statistiken im Jahr 1989 noch ein Bestand bundesdeutscher Direktinvestitionen im Ausland von umgerechnet rund 100 Milliarden Euro zu entnehmen, so stieg er bis 1995 auf knapp 200 und bis 1999 auf gut 400 Milliarden Euro an. Ende 2012 bezifferte die Deutsche Bundesbank die Summe der unmittelbaren und mittelbaren deutschen Direktinvestitionen im Ausland mit fast 1,2 Billionen Euro. Die Angaben zu den Direktinvestitionen sind nicht ganz einheitlich; zudem muss berücksichtigt werden, dass so manche faktisch deutsche Investition nicht aus Deutschland, sondern technisch - etwa aus steuerlichen Gründen - von einem anderen Land aus getätigt wird. (...) Lag der Bestand deutscher Direktinvestitionen im europäischen Ausland Anfang der 1990er Jahre noch bei gut 50 Prozent der gesamten Auslandsinvestitionen, so stieg er bis 2009 auf rund 63 Prozent. Legt man Angaben der Bundesbank zugrunde, dann ging er bis Ende 2012 allerdings wieder auf etwa 60 Prozent zurück - die Euro-Krise erschütterte die EU. 

Die ökonomische Bedeutung Europas und vor allem der EU für die Bundesrepublik zeigt sich auch beim Handel. Die deutschen Gesamtexporte stiegen seit Anfang der 1990er Jahre rasant - von einem Wert von 348 Milliarden Euro im Jahr 1990 auf fast 1,1 Billionen Euro 2013. Dabei hielt sich der Anteil der Ausfuhren in die EU, berechnet auf die EU-27 ohne Kroatien, bei knapp unter zwei Drittel: Er belief sich 1995 auf 64,1 Prozent, 2008 auf 63,3 Prozent. Bereits damals zeigte sich jedoch: Der Anteil der Ausfuhren, die von der heutigen Euro-Zone aufgenommen wurden, ging zurück - von 51,6 Prozent im Jahr 1991 über 46,5 Prozent 1995 auf 42,6 Prozent 2008. Dann kam die Euro-Krise. Die deutschen Exporte in die von ihr am schlimmsten getroffenen Länder im Süden Europas gingen deutlich zurück, im Falle Italiens etwa von 64 Milliarden Euro im Jahr 2008 auf 53,3 Milliarden 2013, im Falle Spaniens im selben Zeitraum von 43,7 Milliarden Euro auf 31,3 Milliarden, im Falle Griechenlands immerhin von fast 8,3 Milliarden Euro auf 4,7 Milliarden - während der deutsche Gesamtexport dank starker außereuropäischer Absatzmärkte weiter boomte. Die Folge lag auf der Hand: Die deutschen Ausfuhren in die Euro-Zone sanken - auf 36,8 Prozent im Jahr 2013 -, diejenigen in die EU ebenfalls - auf 57 Prozent im selben Jahr. »Deutschland emanzipiert sich von der Euro-Zone«, titelte Anfang 2013 die Tageszeitung Die Welt, und auch für die EU insgesamt lässt sich feststellen: Ihre Bedeutung für den deutschen Export ist zwar noch immer dominant, doch geht sie seit Beginn der Euro-Krise erkennbar zurück. Es handelt sich um dasselbe Phänomen wie im Falle der deutschen Auslandsinvestitionen. 

Europäische Union schwächeltSehr stark hat sich die Euro-Krise, was die deutsche Außenwirtschaft betrifft, beim Exportüberschuss ausgewirkt. Die Bundesrepublik erzielt seit Jahren ein deutliches, immer weiter wachsendes Außenhandelsplus; die Einnahmen durch Exporte übersteigen die Ausgaben für Importe immer mehr. Anfang 2014 teilte das Münchner ifo-Institut mit, laut seinen Berechnungen sei Deutschland jetzt sogar sozusagen Exportüberschussweltmeister: Der Wert seiner Ausfuhren habe 2013 den Wert der Einfuhren um rund 200 Milliarden Euro überstiegen; auf eine solche Summe bringe es kein anderes Land der Welt. Möglich geworden ist dies letztlich durch die »rot-grüne« Austeritätspolitik der »Agenda 2010«, die auf Kosten der Arbeitenden in Deutschland die Exporte relativ verbilligte und der deutschen Industrie damit zu neuen Erfolgen auf dem Weltmarkt und zu neuen Profiten verhalf: Es lohnte sich international eben immer öfter, bei deutschen Angeboten zuzugreifen. Dort jedenfalls, wo man noch Geld für Einkäufe welcher Art auch immer hatte. Das aber war - auch dank Deutschland - ab etwa 2010 nicht mehr überall der Fall, und zwar wegen der Euro-Krise. 

Man kann dies im Detail an einzelnen Ländern nachvollziehen. Italien zum Beispiel kaufte im Jahr 2008 Waren im Wert von 64 Milliarden Euro in Deutschland, konnte zugleich aber nur Waren im Wert von 46 Milliarden dort absetzen. Das Ergebnis? Ein Minus von 18 Milliarden Euro - wahrlich kein Pappenstiel. Oder Spanien: Deutsche Exporteure verscherbelten in dem Land Produkte im Wert von 43,7 Milliarden Euro, deutsche Importeure kauften aber nur Produkte im Wert von 21,6 Milliarden. Letztlich flossen damit netto 22,1 Milliarden Euro aus Spanien in die Bundesrepublik ab. Und das alles nicht nur einmal, sondern jährlich in ähnlicher Höhe - durch den Euro begünstigt, denn weder Italien noch Spanien oder andere Euro-Länder konnten ihrer Industrie, die natürlich heftig zu leiden begann, noch per Währungsabwertung helfen. Die Folgen konnte man in der Euro-Krise mit ihren ökonomischen und vor allem sozialen Katastrophen bestaunen. Die schweren Schäden der Volkswirtschaften Südeuropas hatten eben nicht nur hausgemachte Ursachen, sondern verdankten sich auch der Konkurrenzwut der exportorientierten Zentralmacht der EU. 

Nun kann man andere Länder nicht endlos im großen Stil aussaugen, jedenfalls nicht ohne offene Gewalt. Die Euro-Krise, die vor allem die Länder Südeuropas fürchterlich traf, führte dazu, dass die Einkäufe der Krisenstaaten zurückgingen - darunter unvermeidlich auch die Einkäufe in Deutschland. Entsprechend schrumpften die deutschen Exportüberschüsse (...). Und wenngleich einige Länder der Euro-Zone immer noch starke Handelsbilanzdefizite gegenüber Deutschland aufweisen - im Fall Frankreichs belief sich das Defizit 2013 sogar auf 36 Milliarden Euro -, so zeigt die Statistik doch deutlich, dass die immensen Überschüsse, mit denen die Bundesrepublik Reichtum und Wirtschaftsmacht anhäuft, immer weniger aus dem Handel innerhalb der Euro-Zone kommen. Hatten die EU-Staaten im Jahr 2008 noch für 92 Prozent der deutschen Exportüberschüsse gesorgt - die Länder der Euro-Zone allein für 59 Prozent -, so stammten 2013 nur noch 55 Prozent der deutschen Exportüberschüsse aus der gesamten EU und nur noch 30 Prozent aus der Euro-Zone. Auf der Rangliste der Staaten, aus denen die höchsten Exportüberschüsse der Bundesrepublik kamen, schoben sich andere Länder nach vorn - die Schweiz, die Türkei, Saudi-Arabien und ganz besonders die Vereinigten Staaten. 

Welche Folgen die Entwicklung hat, ist gegenwärtig noch nicht klar zu erkennen. Mit massivem Austeritätsdruck versucht Berlin gegenwärtig, die Krisenstaaten - um welchen sozialen Preis auch immer - ökonomisch halbwegs zu konsolidieren. Falls dies gelingen sollte, werden sie dann ihre Rolle als Absatzmärkte deutscher Exporte und als Finanziers deutscher Exportüberschüsse wieder in größerem Umfang einnehmen? Werden sich Investitionen dort wieder wirklich lohnen? In den letzten Jahren sind weithin Zweifel entstanden. Dabei sind derlei Fragen auch für die deutsche Außenpolitik ziemlich wichtig, denn sie drehen sich um den ökonomischen Nutzen der Euro-Zone und der EU für die Bundesrepublik; diesen - größeren oder kleineren - Nutzen aber kann Berlin (ungeachtet der Tatsache, dass die EU machtpolitisch für die deutsche Weltpolitik eine zentrale Rolle spielt) bei der Konzeptionierung seiner Außenpolitik nicht außer acht lassen. Ein erster deutlicher Hinweis auf ernstzunehmende Uneinigkeiten im deutschen Establishment über den Nutzen des Euro zeigte sich Anfang 2013 in der Gründung der »Alternative für Deutschland« (AfD), die sich ursprünglich gerade auch aus Teilen der deutschen Wirtschaftselite rekrutierte. Die inzwischen durchaus breite mediale Front gegen die AfD zeigt allerdings auch, dass Positionen, die den Nutzen des Euro ganz prinzipiell in Frage stellen, im deutschen Establishment noch nicht wirklich stark und schon gar nicht auch nur ansatzweise mehrheitsfähig sind. 

ExpansionsschwerpunkteGanz unabhängig von solcherlei Fragen haben interessierte Kreise sich schon immer auch jenseits Europas um Absatzmärkte und um Gelegenheiten zum Kapitalexport bemüht. Dabei lassen sich für die Bundesrepublik unterschiedliche Schwerpunkte mit unterschiedlicher strategischer Bedeutung ausmachen. 

Zu den traditionellen Schwerpunktgebieten der deutschen Wirtschaftsexpansion gehören zwei Staaten auf dem lateinamerikanischen Subkontinent: Brasilien und Mexiko. Bei ihnen handelt es sich um die ökonomisch stärksten Länder Süd- bzw. Mittelamerikas, denen jeweils auch das Potential zum weiteren wirtschaftlichen Aufstieg zugeschrieben wird. 

Die britische Großbank HSBC sah sie im Januar 2011 in einer Prognose für das Jahr 2050 auf den Plätzen sieben (Brasilien) und acht (Mexiko) der Länder-Weltrangliste nach Bruttoinlandsprodukt. Symbolisch stehen Volkswagen de México (1964 gegründet) und VW do Brasil (1953 gegründet, eines der größten Industrieunternehmen Brasiliens) für die bundesdeutschen Direktinvestitionen in den beiden Ländern, die Ende 2012 einen Bestand von 9,2 Milliarden Euro (Mexiko) bzw. knapp 24 Milliarden Euro (Brasilien) aufwiesen. Trotz aller Förderbemühungen kommen die deutschen Exporte noch nicht über neun Milliarden Euro (Mexiko) bzw. 11,5 Milliarden Euro (Brasilien, Stand: jeweils 2013) hinaus; das ist weniger als die Ausfuhren nach Dänemark (15,7 Milliarden Euro) oder Südkorea (14,5 Milliarden Euro). 

Immerhin aber gilt São Paulo wegen der deutschen Direktinvestitionen dort als größte deutsche Industriestadt außerhalb der Bundesrepublik. Sowohl Brasilien als auch Mexiko gelten Experten als mögliche »neue Führungsmächte« in der Weltpolitik. Beide spielen deshalb auch in den außenpolitischen Strategien Berlins eine gewisse Rolle. 

Traditionelle Schwerpunkte der deutschen Wirtschaftsexpansion finden sich auch in Ost- und in Südostasien. Zum einen sind deutsche Unternehmen schon lange in Japan, dem Frontstaat des Westens vor den Toren Chinas, aktiv; allerdings kommen sie dort trotz wiederkehrender politischer Initiativen längst nicht so voran, wie sie gerne würden: Ein Investitionsvolumen von 15,3 Milliarden Euro (Ende 2012) und ein Exportvolumen von 17,1 Milliarden Euro (2013) sind für die deutschen Wirtschaftsbeziehungen mit der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt wirklich nicht viel. 

Neben Japan sind einige Staaten Südostasiens, insbesondere Singapur, schon lange ein gewisses Schwerpunktgebiet deutscher Firmen. Der winzige Stadtstaat ist für die gesamte Region sowohl wichtige Handelsdrehscheibe wie auch zentrales Finanzzentrum und besitzt darüber hinaus strategisch, wegen seiner Lage an der Straße von Malakka, hohe Bedeutung. In Singapur haben deutsche Unternehmen denn auch immerhin 13,2 Milliarden Euro investiert (Ende 2012); 2013 wurden Waren im Wert von 6,3 Milliarden Euro dorthin exportiert. 

Zu nennen wäre in diesem Zusammenhang noch Südafrika. Die deutsche Kollaboration mit dem Apartheidregime ist legendär. »Daimler ist ein lebensnotwendiger Partner der südafrikanischen Kriegsindustrie«, urteilte Ende der 1980er Jahre der Antiapartheid-Aktivist Abdul Minty, als die globalen Proteste gegen das Rassistenregime immer heftiger wurden und die Bundesrepublik sich zu Pretorias wichtigstem Direktfinanzier entwickelte. 

Den Apartheidopfern hat es geschadet, dem bundesdeutschen Geschäft hat es genutzt: Mercedes-Benz South Africa, gegründet 1954, konnte seinen Umsatz auch dank seiner Zuarbeit für das Apartheidmilitär binnen kurzer Zeit von 540 Millionen D-Mark 1978 auf 1,7 Milliarden D-Mark (870 Millionen Euro; jW) 1984 verdreifachen. Der aktuelle Jahresumsatz des Unternehmens liegt bei vier Milliarden US-Dollar (2,93 Milliarden Euro; jW) im Jahr 2013. 

Insgesamt haben deutsche Firmen laut Bundesbank-Statistik sechs Milliarden Euro in Südafrika investiert (Afrika insgesamt: 9,7 Milliarden); 2013 gingen deutsche Exporte im Wert von 8,5 Milliarden Euro ans Kap (Afrika insgesamt: 22 Milliarden). Experten zählen auch Südafrika zu den »neuen Führungsmächten«, und es spielt entsprechend eine Rolle in den Berliner Politstrategien. 

China und RusslandZu den - relativ gesehen - neuen Schwerpunkten der deutschen Wirtschaftsexpansion gehört vor allem China. Glaubt man der Weltbank, dann ist das Land inzwischen die größte Volkswirtschaft der Welt; glaubt man manchen anderen Ökonomen, dann fehlte zumindest Ende 2014 noch ein wenig dazu. Derlei Haarspaltereien spielen jedoch überhaupt keine Rolle. Niemand zweifelt daran, dass die Volksrepublik, wenn sie es nicht schon ist, doch zumindest bald die Nummer eins der Weltwirtschaft sein wird. Es ist der Bundesrepublik tatsächlich gelungen, am unglaublichen Boom des Landes in den vergangenen 30 Jahren spürbar teilzuhaben. Man sieht es auch hier an der Automobilindustrie: Volkswagen, nach ersten Vereinbarungen aus dem Jahr 1978 dann 1985 mit einem Jointventure in Shanghai eingestiegen, erzielt in China Rekord um Rekord und hat 2014 ohne seine beiden Lkw-Töchter MAN und Scania sowie ohne Seat 3,67 Millionen Fahrzeuge in der Volksrepublik verkauft - 12,4 Prozent mehr als 2013. China ist damit der größte Einzelmarkt des Konzerns. Unter den Abnehmern deutscher Exporte liegt die Volksrepublik mittlerweile mit 67 Milliarden Euro auf Platz fünf; unter den Lieferanten der Bundesrepublik steht sie mit Waren im Wert von 73,5 Milliarden Euro sogar auf Platz zwei. Die deutschen Direktinvestitionen in China waren Ende 2012 auf knapp 45 Milliarden Euro angestiegen - und das Ende der Fahnenstange ist wohl noch längst nicht erreicht. 

Zu einem zweiten, vergleichsweise neuen Schwerpunkt deutscher Außenwirtschaftstätigkeit ist nach dem Kollaps der Sowjetunion Russland geworden. Neben den dominanten Rohstoffgeschäften mit dem Land ist der Export dorthin deutlich gestiegen; 2012 rückte Russland auf der Rangliste der Abnehmer deutscher Produkte mit einem Volumen von 38 Milliarden Euro auf Rang elf. Auch mit den Investitionen ging es voran: Ende 2012 verzeichnete die Deutsche Bundesbank einen Wert von rund 23 Milliarden Euro - mit deutlich steigender Tendenz. Eine der Investitionen war die Gründung der Volkswagen Group Rus im Jahr 2006 - in Kaluga, gut 180 Straßenkilometer südwestlich von Moskau -, die in der Hoffnung auf eine glänzende Zukunft geschah. Anfang 2015 jedoch stecken die Volkswagen Group Rus und die deutschen Russland-Geschäfte insgesamt in einer schlimmen Lage. Russland ist bereits 2013 ökonomisch in eine Krise geraten, die dann 2014 durch den Ukraine-Konflikt und die folgenden Wirtschaftssanktionen des Westens dramatisch zunahm und zu schweren ökonomischen Einbrüchen und dem Absturz des Rubels führte. Der Absatz von VW in Russland ist (...) 2014 um rund ein Fünftel geschrumpft; die VW-Tochterfirma Seat musste sich Anfang 2015 sogar gänzlich aus dem Land zurückziehen. Eine Besserung der Lage ist vorerst nicht in Sicht. Und sollte der Ukraine-Konflikt weiter eskalieren und der Graben zwischen Moskau und dem Westen sich damit vertiefen, dann wäre es mit dem neuen Russland-Schwerpunkt der deutschen Industrie womöglich bald vorbei. 

US-ConnectionDie deutsche Gesamtwirtschaft bringen die Einbrüche im Russland-Geschäft jedoch bislang nicht in Gefahr: Es gibt genügend Ersatz in anderen Weltgegenden. Neuen Aufschwung gab es Anfang 2015 bei den Geschäften mit dem Land, das nach dem Zweiten Weltkrieg zum wohl wichtigsten Schwerpunkt der deutschen Außenwirtschaft wurde: die Vereinigten Staaten. Die Deutsche Bundesbank beziffert den Bestand der unmittelbaren und mittelbaren deutschen Direktinvestitionen dort für Ende 2012 mit rund 266 Milliarden Euro; das ist weit mehr als in jedem einzelnen EU-Land. Aktuell bringt der Frackingboom in den USA frischen Wind: Mit dem billigen Schiefergas in Kombination mit teilweise miserablen Löhnen hat sich den Vereinigten Staaten die Möglichkeit eröffnet, Industriebetriebe wieder im Land anzusiedeln, die einst in Niedriglohnländer abwanderten. Die »Reindustrialisierung« der USA, von der inzwischen manche reden, bringt Aufträge auch für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau, sie lässt Chemiekonzerne den Bau neuer Fabriken planen - etwa BASF und Bayer -, und sie hat unter anderem auch Volkswagen veranlasst, die Kapazitäten seines Werks im US-Bundesstaat Tennessee zu verdoppeln. Die deutschen Exporte nahmen von 65,5 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf 88,5 Milliarden Euro 2013 zu, also um rund ein Drittel in lediglich drei Jahren; und in den ersten neun Monaten 2014 stiegen sie im Vergleich zum Vorjahreszeitraum erneut um 7,6 Prozent an. 

Mit Ukraine-Konflikt und Frackingboom zeichnet sich für Deutschland eine Verschiebung der außenwirtschaftlichen Gewichte ab, die - sollte sie anhalten - die Beziehungen zu Russland weiter schwächt und die alten Bindungen an die USA wieder stärkt. Ökonomisch ist übrigens für die Bundesrepublik besonders vorteilhaft, dass die deutschen Exportüberschüsse aus dem transatlantischen Handel sich von 2010 bis 2013 von 20,5 Milliarden Euro auf 40 Milliarden Euro fast verdoppelt und ein gigantisches Ausmaß angenommen haben - kein Wunder, dass sich inzwischen auch Washington über die deutsche Austeritätsfixiertheit beschwert. Kommt es nun auch noch zum Abschluss der Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP), dann dürfte sich die ökonomische Bindung an die USA weiter verstärken. 

Jedenfalls erhoffen sich Befürworter des Abkommens einen deutlichen Anstieg von Handel und Investitionen zwischen EU und USA. »In der Weltwirtschaft« seien beide zusammen »noch immer dominant genug« und könnten »die Standards setzen, die weltweit und vor allem in den sich entwickelnden Märkten übernommen werden«, urteilte im Frühjahr 2013 die Zeitschrift Internationale Politik : Das könne helfen, »im globalen Wettbewerb mit aufstrebenden Ökonomien« - gemeint war vor allem China - »besser zu bestehen«. 

Jörg Kronauer: Allzeit bereit. Die neue deutsche Weltpolitik und ihre Stützen. Papyrossa Verlag, Köln 2015, 214 Seiten, 14,90 Euro - auch im jW-Shop erhältlich 

 

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