Auschwitz am Oberrhein  

Gestern vor 150 Jahren wurde die BASF gegründet. Sie rettete den ersten deutschen Weltkrieg und ermöglichte den zweiten. 

Otto Köhler 

In: junge Welt online vom 07.04.2015 

 

Auf dem Spiel stand die zivilisierte Menschheit - wir, die kaukasische Rasse, die Weißen, die Europa und Nordamerika besiedeln und vom Brote leben. Allenfalls 20 Jahre noch gab uns 1898 in Bristol der Forscher Sir William Crookes in einem Vortrag vor der Britischen Gesellschaft für den Fortschritt der Wissenschaft. Dann würden Chiles Salpetervorräte erschöpft sein, mit denen der Weiße Mann den Boden düngt, um seinen Weizen zu ernten. 

Wenn es nicht gelänge, Ersatz für diesen südamerikanischen Vogelmist zu finden, dann werde »die große kaukasische Rasse aufhören, die erste der Welt zu sein und durch Rassen, für die das Weizenbrot nicht lebensnotwendig ist, aus dem Dasein verdrängt werden«. Crookes wusste nur eine Rettung: den Stickstoff der Luft zu binden, um ihn als Düngemittel nutzbar zu machen. 

Aber wie? 

»Völker Europas wahrt eure heiligsten Güter«, rief zwei Jahre später Wilhelm Zwo, »Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht.« Doch dazwischen, am 15. April 1899, hatte der 24jährige Carl Bosch seinen gehobenen Dienst bei der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF) in Ludwigshafen angetreten. Von spät bis früh - auch nach durchzechter Nacht inspizierte der Burschenschaftler (Cimbria) in der Morgendämmerung erst einmal seine Malocher in der Fabrik - dachte Bosch darüber nach, wie man den Stickstoff binden könne und, siehe, 1911 gelang es nach vielen Versuchen. 1913 wurde ein Riesenwerk im nahen Oppau aufgestellt und im Sommer 1914 war alles ausgebaut und die Menschheit, die kaukasische, war - »Brot aus der Luft« - vor dem Hungertod gerettet. 

Da aber kam - schlafwandelnd - der Krieg. Mutmaßlich, weil die Lichter ausgingen über Europa. Eigentlich war alles in Ordnung. Die deutschen Generäle wussten genau, wie man nach dem Schlieffen-Plan durch das neutrale Belgien in Nordfrankreich eindringt, Paris in die Mitte nimmt, siegt, und dann schnell die Truppen in den Osten wirft, um den russischen Koloss auf tönernen Füßen auch noch eilends zu erledigen. Denn Weihnachten - fest versprochen - sollte der deutsche Soldat im Kreise der Familie den Sieg feiern. Da aber kam schon Anfang September 1914 die völlig unerklärliche Niederlage an der Marne dazwischen. Und das Problem: Die Munitionsvorräte nahmen ab und nicht zu. Denn zur Herstellung von Munition und Sprengstoffen brauchte man ebenfalls Chilesalpeter. Doch das perfide Albion hatte gegen Deutschland die Seeblockade verhängt. Kein Schiff mit dem unentbehrlichen Chilesalpeter kam mehr durch. Wie aber soll man ordentlich Krieg führen, wenn man nichts zu schießen hat? 

Kühnheit und WagemutCarl Bosch hatte die - weiße - Menschheit vor dem Hungertod bewahrt, jetzt rettete er den Krieg vor seinem vorzeitigen Ende. 

Inzwischen stellvertretender Direktor der BASF gab Bosch das »Salpeterversprechen« ab. Er teilte der Obersten Heeresleitung in Berlin mit, dass die BASF ein Verfahren ausarbeiten könne, mit dem man Salpetersäure in großen Mengen herstellt. Boschs Biograph Karl Holdermann: »Nie zuvor ist auf dem Gebiet der chemischen Technik ein kühneres, mit größerem Wagemut verbundenes Versprechen abgegeben worden.« Aber die BASF ließ sich nicht zu ungesunder Hast antreiben. Bosch verhandelte so lange mit dem Kriegsministerium, bis alle Bedingungen stimmten: ein vielfacher Millionenkredit, ein ausbaufähiger Festpreis und Abnahmegarantien. Als das penibel ausgehandelt und unterschrieben war, ging alles sehr schnell. Die gerade erst fertiggestellte Produktionsanlage zur Herstellung von Dünger in Oppau wurde umgebaut zur Herstellung von Salpetersäure für Munition. Anfang 1915 konnte Bosch melden, dass die BASF mit der Massenproduktion synthetischer Nitrate beginnt - der Munitionsnachschub war gesichert. 

Es gab zwar dann da und dort Hunger in Deutschland. Aber das war nicht so schlimm: Man konnte endlich die Feinde weiter totschießen. Der Krieg, gerettet, seine Ausweitung zum Weltkrieg, ermöglicht. Die BASF hatte geholfen. Denn sonst hätte Deutschland spätestens im Frühjahr 1915 aufhören müssen, weil keine Munition mehr da war. Bis dahin konnten nur 142.000 Tote erzielt werden. Das Endergebnis 1918 sah - dank der Sodafabrik - sehr viel besser aus: allein zwei Millionen gefallene deutsche Soldaten und insgesamt mit Verbündeten, Feinden und Zivilisten 42 Millionen Tote - unmöglich ohne Kühnheit und Wagemut der BASF. Sie konnte bis zum Kriegsende vom Tod des Feindes eine Traumdividende von 25 Prozent an ihre Aktionäre zahlen. 

Solch erfolgreicher Erfindergeist durfte auch nach der unverdienten - Dolchstoß! - Niederlage von 1918 nicht auf Dauer ruhen. Schon 1916 hatte sich die BASF mit Bayer, Hoechst und einigen kleineren Chemiefirmen zur Interessen-Gemeinschaft Farben zusammengetan, aus der dann 1925 der IG-Farben-Konzern erwuchs, mit Carl Bosch als Vorstandsvorsitzendem. Der machte sich in den zwanziger Jahren wieder einmal Sorgen um den Bestand der Menschheit. Jedenfalls der autofahrenden. Er hatte damals gelesen, dass die Ölquellen der Erde in absehbarer Zeit versiegen. 1927 wurde in Leuna die Produktion von künstlichem Benzin aus Kohle angefahren. 1932 lagen die Gestehungskosten für den Liter Kunstbenzin bei 20 Pfennigen. Der Weltmarkpreis für richtiges Benzin aber - immer neue Ölquellen wurden gefunden - sank und sank auf schließlich fünf Pfennige. Und man wusste nicht, ob die Regierung Brüning vielleicht auch noch den Schutzzoll gegen Benzin vom Weltmarkt aufheben würde. 

»Gestatten, dass ich stehenbleibe«Der IG-Farben-Konzern geriet in Not. Und Streit. IG-Aufsichtsratsvorsitzender Carl Duisberg (von der Bayer AG) forderte die sofortige Einstellung der Benzinproduktion. Aber IG-Vorstandsvorsitzender Carl Bosch (von der BASF) wollte sein Kind nicht verstoßen. Sie einigten sich darauf, das Orakel anzurufen. Unter dem Vorwand, sich über Angriffe der Nazipresse auf die IG Farben zu beschweren, schickten sie zwei Abgesandte zu Adolf Hitler nach München. 

Die Auswahl des einen machte den Vorwand glaubhaft: Heinrich Gattineau, ehemaliger persönlicher Referent von Bosch, jetzt Pressechef der IG, vor allem aber damals, 1923, Mitglied jenes Bundes Oberland, der beim Hitler-Putsch mitmarschiert war auf die Feldherrnhalle. Die Auswahl des zweiten aber verriet, um was es wirklich ging: Heinrich Bütefisch, Betriebsleiter von Leuna, wo das zu teure Kunstbenzin produziert wurde. 

Mitten im Wahlkampf, am Samstag, den 25. Juni 1932, suchten sie Hitler in seiner Wohnung auf. 

Der begriff sofort, wie wichtig das Anliegen dieser IG-Leute für die Zukunft Deutschlands war - für seine Zukunft. »Meine Herren«, sagte er »gestatten Sie, dass ich stehen bleibe.« Er sei durch den Wahlkampf sehr beansprucht. »Aber das Treibstoffproblem halte ich für so wichtig, dass ich mich durch das Stehenbleiben zwingen möchte, die natürliche Ermüdigung zu überwinden.« Dann trug der kommende Reichskanzler klar und überzeugend sein Ziel vor: »Die Wirtschaft in einem Deutschland, das politisch unabhängig bleiben will, ist heute ohne Öl nicht denkbar. Der deutsche Treibstoff muss daher selbst unter Opfern verwirklicht werden. Es besteht für die Kohlehydrierung die zwingende Notwendigkeit, weiter zu arbeiten.« Das war kein Orakel. Das war ein Befehl. In gegenseitigem Einvernehmen. Hitler: »Die technische Durchführung muss ich Ihnen überlassen. Dafür sind Sie da. 

Unser Weg aber deckt sich, und hoffentlich führt dieser Weg bald zu einer gewaltigen Stärkung unseres Deutschland.« 

1941 erinnerte sich Bütefisch im Manuskript für eine geplante, des Krieges wegen aber nicht mehr gedruckte Festschrift »Leuna - 25 Jahre im Kampf um Deutschlands Freiheit« sehr genau: »Dieses Ergebnis der Unterredung mit dem Führer bedeutete für Leuna damals eine große Stütze. Jetzt konnte die Hydrierung bedenkenlos durchgehalten werden, auch wenn die untergehenden Mächte der Systemzeit noch im letzten Augenblick eine andere Zollpolitik einschlagen sollten. Die führenden Leute der IG-Farben-Industrie fassten nunmehr den entscheidenden Entschluss, den Betrieb in Leuna auch unter Opfern aufrechtzuerhalten.« 

Sie - vielleicht nicht alle - wussten, warum. Bütefisch: »Die Männer, die zwischen 1926 und 1932 das Leuna-Benzin schufen, handelten so, als wenn jemand hinter ihnen stünde, der sie zu höchster Eile antrieb. Das war in Wirklichkeit nicht der Fall. Alle Stellen, die ihnen etwas zu sagen gehabt hätten, wirkten eher als Bremse. Weder der Aufsichtsrat, der alles genehmigte, noch die Systemregierung, welche jedes Kilo hergestellten Benzins mit einer besonderen Mineralölausgleichsabgabe belastete, hätten etwas gegen ein ruhigeres Tempo einzuwenden gehabt.« 

Doch mindestens zwei Vorstandsmitglieder kapierten, worauf es ankam: »Geheimrat Bosch und Direktor Krauch schienen wie von einer inneren Unruhe besessen zu sein. Sie setzten alle Termine so kurz, dass Leute, die nur den kaufmännischen Gesichtspunkt kannten, den Kopf schüttelten.« Und Bütefisch verstand es 1941 noch besser: »Wir wissen heute, dass die Eile historisch notwendig war. Die Geschichtsschreiber ruhigerer Zeiten werden sich einmal ausmalen, wie die Weltgeschichte abgerollt wäre, wenn die noch unfertige Benzinanlage in Leuna, von der Weltwirtschaftskrise überrascht und als Projekt fallengelassen worden wäre. Die Männer, die damals zur Eile drängten, konnten jedoch selber nicht ahnen, dass sie dadurch in nicht allzu ferner Zukunft einmal dem Erneuerer des deutschen Volkes, dem Führer Adolf Hitler, einige seiner wichtigsten Entschlüsse erleichterten.« Vor allem wäre, so Bütefisch, die »beruhigende Gewissheit, in der Treibstoffversorgung für die Luftwaffe und die wichtigsten Teile der übrigen Wehrmacht in Deutschland von fremder Zufuhr unabhängig zu sein«, mit Sicherheit »ohne diese Eile in Frage gestellt gewesen«. 

Tatsächlich beschloss die IG-Führung gleich im Juli, nach der Aussprache mit Hitler, die für Deutschlands Zukunft so wichtige Treibstoffproduktion aus Kohle fortzusetzen - koste es, was es wolle. Zuvor hatte Bosch, zufrieden mit der Reise zum Führer, seinen Abgesandten gesagt: »Der Mann ist vernünftiger, als ich dachte«. 

Hitler verschwundenWie wichtig der Treff mit Hitler vom 25. Juni 1932 für die IG Farben, vor allem für die BASF, war, beweist eine hervorragende Studie aus dem Jahr 2002, herausgegeben von dem bedeutenden Bielefelder Historiker Werner Abelshauser, die gut honoriert wurde (siehe jW-Thema vom 18.9.2007). Schlichter Titel: »Die BASF. Eine Unternehmensgeschichte«. Auf den insgesamt 734 Seiten ist das zukunftsweisende Gespräch mit Hitler mit keinem Wort erwähnt. Das ist erklärlich. Ein Foto, mit dem die BASF-Pressestelle das Abelshauser-Unternehmen ankündigte, zeigt einen überdimensionalen Federhalter der BASF. Gehalten wird der mächtige Spieß von - zwei links, zwei rechts - Abelshauser und seinen drei Koautoren. In der Mitte des Schreibinstruments aber lenkt, griffsicher, der BASFeigene Projektleiter Dr. Lothar Meinzer. Ein ehrliches Foto, das sich die vier beteiligten Professoren - offensichtlich ohne Fisimatenten zu machen - gefallen ließen. Wissenschaft. 

Dem Benzinpakt mit Hitler - noch in der Weimarer Republik -, folgte im Nazistaat der Benzinvertrag zwischen der IG Farben und dem Deutschen Reich. 

Er sicherte Hitler eine Treibstoffversorgung für den Krieg und den Leuna-Leuten einen guten Profit aus ihrem bisher sehr gewagten Unternehmen. 

Und da kam noch mehr. Carl Krauch, Vorstandsmitglied seit 1933 und von 1940 bis 1945 Vorsitzender des Aufsichtsrats der IG Farben, wurde zugleich in den Staat abgestellt, um die Interessen des Konzerns voranzutreiben. 

Dieser zweite Mann hinter Carl Bosch hatte sich schon 1916 bewährt. Im zuvor noch friedlichen Leuna zog er mit hohen staatlichen Krediten - zurückgezahlt 1923 in der Inflation für einen Apfel und kaum noch ein Ei - eine weitere riesige Stickstoffanlage zur Munitions- und Sprengstoffherstellung hoch. Die Bauern, denen das Land bei Leuna gehörte, standen an der Front und erfuhren erst später, was so eine Landnahme aus dem westdeutschen Ludwigshafen bedeutet. 

Am 20. April 1916 lagen die Baupläne und die Beschlagnahmewünsche der BASF auf dem Tisch des Kommandierenden Generals in Magdeburg. Drei Tage später - zum Osterfest vor 99 Jahren - trugen die Postboten die Enteignungsbescheide aus. Freie Wahl: Wer sofort zustimmte, bekam eine Mark für den Quadratmeter besten Ackerbodens, der mindestens das Fünffache wert war. Wer ablehnte, wurde entschädigungslos enteignet. 

Krauch zog den Bau unter Heranziehung von belgischen Zwangsarbeitern in kürzester Zeit durch und verlängerte so den von der BASF geretteten Krieg. 

Das war sein Gesellenstück im Kaiserreich. Jetzt, im von Hitler errichteten neuen Reich, vertritt er die Interessen der IG Farben im Nazistaat - er wurde Herrscher im Innersten der Macht. Schon im Juni 1933 wurde der Konzern am Aufbau einer illegalen Luftwaffe beteiligt, einem der geheimsten Unternehmen des Dritten Reichs. Im März 1935 verfasste Krauch eine Denkschrift für das Reichswehrministerium »zur Vorbereitung der Industrie auf den Krieg«. Er verlangte eine »wehrwirtschaftliche Neuorganisation«, die »den letzten Mann und die letzte Frau, die letzte Produktionseinrichtung und Maschine sowie den letzten Rohstoff der Erzeugung von kriegswichtigen Produkten zuführt und alle Arbeitskräfte, Produktionseinrichtungen und Rohstoffe in einen straff militärisch geführten wirtschaftlichen Organismus eingliedert«. Die gesamte Planung für Rohstoffragen müsse »unter einheitlicher zentraler wehrwirtschaftlicher Leitung« stehen. Bei aller »straffen Zentralisation der Planung« sei aber »private Entwicklungsfreudigkeit zu fördern«. 

In vier Jahren kriegsfähigUm dies zu garantieren, übernahm ganz einfach IG-Vorstandsmitglied Carl Krauch in Personalunion die Abteilung Forschung und Entwicklung des von Hermann Göring geleiteten Rohstoff- und Devisenstabs. Dank dieser genialen Lösung hatte die IG Farben jetzt alles in der Hand. Die geheime Denkschrift Adolf Hitlers vom 26. August 1936 über den Vierjahresplan (»Die deutsche Armee muss in vier Jahren kriegsfähig sein«) beruhte voll auf den Unterlagen und Vorgaben, die eine IG-Farben-Kommission unter Leitung von Carl Krauch bereitgestellt hatte. 

Sie diente nicht zuletzt der privaten Entwicklungsfreudigkeit des Konzerns auf dem Gebiet der Herstellung von synthetischem Öl und Gummi. Denn Hitler durfte klagen: »Es sind jetzt fast vier kostbare Jahre vergangen. Es gibt keinen Zweifel, dass wir schon heute auf dem Gebiet der Brennstoff-, der Gummi- und zum Teil auch in der Eisenerzversorgung vom Ausland restlos unabhängig sein könnten.« Und dann durfte Hitler aufgrund der Unterlagen von IG-Farben-Krauch sagen, was die IG Farben gern hätte: »In diesem Sinne ist die deutsche Brennstoffversorgung nunmehr im schnellsten Tempo vorwärtszutreiben.« Und: »Es ist ebenso augenblicklich die Massenfabrikation von synthetischem Gummi zu organisieren« - ein phantastisches Geschäft für die IG-Leuna-Werke und für die Buna-Erzeugung der IG Farben, vor allem da Hitler entsprechend der Vorlage hinzufügte: »Die Frage des Kostenpreises dieser Rohstoffe ist nicht von Belang.« 

Zum Schluss stellte Hitler nach Krauchs Entwurf folgende Forderungen: »I. 

Die deutsche Armee muss in vier Jahren einsatzfähig sein. II. die deutsche Wirtschaft muss in vier Jahren kriegsfähig sein.« Krauch war nun Chef der rüstungswirtschaftlichen Kommandozentralen mit umfassenden Vollmachten - er konnte dem Reich alles liefern lassen, was die IG Farben produzieren wollte. 

Und dann sind wir im Krieg. Am Donnerstag, den 6. Februar 1941 traf der IG-Aufsichtsratsvorsitzende Carl Krauch eine Anordnung, die Millionen Menschen das Leben kosten wird. Er wusste wohl selbst nicht gleich, in welcher Eigenschaft er da entscheidet. Als Präsident des Reichsamtes für Wirtschaftsausbau, als Wehrwirtschaftsführer, als Generalbevollmächtigter für Sonderfragen der chemischen Erzeugung oder doch als alter Fachmann von der BASF? Egal, er beschloss an diesem Tag, dass ein viertes Buna-Werk der IG Farben im luftgesicherten Raum von Auschwitz errichtet werden müsse. 

Mutter von Auschwitz war die BASF in Ludwigshafen, die Oberrheingruppe, wie das Unternehmen seit dem Zusammenschluss zur IG Farben im Jahr 1925 hieß. 

Heute ist es umstritten, aber im Grunde gleichgültig, ob dieses IG-Werk in Auschwitz errichtet wurde, weil dort schon ein - noch kleines - Konzentrationslager stand (siehe jW-Thema vom 25.2.2015). Oder ob, das Konzentrationslager genau an diesem Standort eingerichtet wurde, um die IG Farben mit Sklavenarbeitern zu bedienen. Der BASF-Zweig der IG hat mit der Standortwahl der deutschen Vernichtungskultur zu einer in der Geschichte der Menschheit noch nie erfahrenen Blüte verholfen. 

Auch das Zyklon B, mit dem die unbrauchbaren oder nicht mehr für die Interessengemeinschaft benutzbaren Häftlinge beseitigt wurden, kam von ebenderselben IG. Die hielt 42,5 Prozent an der Produktionsfirma Degesch. 

Zu den fünf Aufsichtsratsmitgliedern der IG, die sich nicht über explodierenden Verbrauch in Auschwitz wundern konnten, gehörte Carl Wurster, 1952 Vorstandsvorsitzender und 1965 - die Erfahrung hatte er - Aufsichtsratsvorsitzender der BASF. Immerhin hat die wiedererstandene BASF mutmaßlich keine neuen Menschenopfer gefordert, wenn man von denen absieht, die durch ihre Produkte ums Leben kommen. Die Nordwest-Zeitung aus Oldenburg meldete am Ostersamstag über das jubilierende Unternehmen: »Am 6. 

April vor 150 Jahren wurde sein Grundstein gelegt. Passend zu der Erfolgsstory liegt der Aktienkurs des im Leitindex Dax notierten Riesen aktuell auf so hohem Niveau wie nie in der Firmengeschichte - über 90 Euro.« 

Otto Köhler erinnerte auf diesen Seiten am 2.3.2015 an die Gründung der Treuhandanstalt vor 25 Jahren. 

 

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