„Ein großer Tag für die deutschen Arbeiter"  

Vor 70 Jahren wurde der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund in Aachen gegründet  

In: unsere zeit online vom 03.04.2015 

 

Am 21. Oktober 1944 um 12.05 Uhr übergab der letzte Kampfkommandant Aachens, Wilck, die Kapitulationsurkunde an die amerikanischen Truppen. Einen Tag zuvor hatte Oberst Wilck noch einen letzten Funkspruch abgegeben: „Wir kämpfen weiter, es lebe der Führer!" Damit wurde Aachen als erste deutsche Großstadt von der Naziherrschaft befreit. 

Zu diesem Zeitpunkt lebten in Aachen noch ca. 6 000 Menschen, die sich der Zwangsevakuierung durch die SS entziehen konnten. 

Die amerikanische Militärkommandantur begann eine Verwaltung aufzubauen. 

Saul K. Padover beschreibt Aachen als eine „verrückte Stadt". Dort hatte nicht der US-Kommandant das Sagen, sondern der von ihm eingesetzte Oberbürgermeister Oppenhoff. Und den größten Einfluss hatte ein Mann, der überhaupt kein politisches Amt innehatte – der Bischof von Aachen. 

„Nicht die amerikanischen Eroberer bestimmten, wo es langging, sondern die Deutschen, die zu einer Clique von Rüstungsproduzenten gehörten. Die herrschende Ideologie war nicht von Demokratie geprägt." Die Männer um Oppenhoff sind nicht demokratisch gesinnt. Sie äußern sich ausgesprochen abfällig über die Weimarer Republik und ein Mehrparteiensystem. 

„Sie plädieren für ein autoritäres Regime. … Das Wirtschaftsleben sollte streng hierarchisch nach dem Führerprinzip aufgebaut sein, die Arbeiter sollten sich nicht organisieren und keine Forderungen stellen dürfen." Gewerkschaften sollten nicht zugelassen sein. Wahlen lehnten sie ab. Oppenhoff befürchtete, „dass die Arbeiter unter den laxen Besatzern gefährliche Vorstellungen von Freiheit und Demokratie entwickelten. … Er sprach wie ein Angehöriger einer siegreichen Nation", kommentiert Padover. (Trotz dieser reaktionären Ansichten war Franz Oppenhoff ein Hassobjekt der Nazis: Am 25. März 1945 wurde er von einem SS-Kommando, das sich durch die Linien der Amerikaner geschlagen hatte, in seinem Aachener Haus ermordet.) Der Bischof von Aachen, Protegé von Oppenhoff, äußert sich in ähnlicher Weise: Der Imperialismus an sich interessiere ihn nur als Instrument im Kampf gegen den Kommunismus und zur Abwendung der roten Gefahr. Ein verarmtes Proletariat werde sich dem Kommunismus zuwenden. Allerdings war der Bischof, anders als Oppenhoff, nicht gegen die Einrichtung von Gewerkschaften – solange sie unter kirchlichem Einfluss standen. 

In der amerikanischen Militärkommandantur tobte ein Sturm hinter den Kulissen. Es ging dabei um die grundsätzliche Frage, ob Nazis und andere belastete Personen im Amt belassen werden sollten. Der Oberbürgermeister kämpfte unnachgiebig für seine Freunde und seine Prinzipien. Der amerikanische Sicherheitsdienst und der Spionageabwehrdienst (CIC) waren gegen Oppenhoff, während die Militärkommandantur ihn unterstützte. Der CIC war der Meinung, dass die unzähligen Nazis in der Aachener Stadtverwaltung mittlerweile eine Gefahr für die militärische Sicherheit darstellten. 

Nun – keine guten Voraussetzungen für die Gründung einer Gewerkschaft. 

Während das übrige Deutschland noch ein halbes Jahr auf die Befreiung vom Faschismus warten musste, formierten sich in Aachen bereits die demokratischen Kräfte. Zum Beispiel Heinrich Hollands, 70 Jahre alt, Buchdrucker von Beruf, seit 44 Jahren Sozialdemokrat. 

Er wurde am 24. Januar 1945 Verleger der ersten Zeitung der Nach-Nazizeit, den „Aachener Nachrichten". 

Bald nach der Befreiung hatten sich im November 1944 erfahrene Gewerkschaftsmitglieder, allesamt erklärte Antifaschistinnen und Antifaschisten, zusammengefunden, um den Neuaufbau der Gewerkschaften in ihre Hände zu nehmen. Die Treffen fanden zunächst wegen des bestehenden Versammlungsverbots noch illegal statt. Im Dezember erlaubte die Militärkommandantur dann die Neugründung von Gewerkschaften. 

Fünf Menschen trieben die Gründung voran: Der Weber Mathias Wilms (geb. 1893), der am 18. März 1945 die Eröffnungsrede hielt. „Unser unterbrochener Kampf gegen den Faschismus geht weiter. Von diesem Augenblick an gibt es wieder eine freie Gewerkschaft in Deutschland." 1935 musste er für 18 Monate ins Gefängnis nach Siegburg. Nach dem Krieg erinnert er sich: Die Idee einer Einheitsgewerkschaft in Aachen hatte er während seiner Haft zusammen mit einem kommunistischen Kollegen entwickelt. 

Die Weberin Anna Braun-Sittarz (geb. 1892), Kommunistin und bis 1929 Stadträtin für die KPD, von Padover als „das einzige Mannsbild unter Aachens Sozialisten" bezeichnet, in ihrer Ansprache zur Gewerkschaftsgründung: „Die Welt ist unser Vaterland und die Welt ist unser Volk. … Alle, die zu feige waren, dem Nazismus zu trotzen, sind schuld am Elend der Unschuldigen. 

Alle Nazi-Schuldigen sollen deshalb spüren, was sie angerichtet haben. Wir müssen alle zur Rechenschaft ziehen, die daran schuldig sind." In der Zeit des Faschismus betreibt sie einen Milchkiosk, der in Aachener Widerstandskreisen als Anlaufstelle bekannt war. Wenige Wochen nach der Gewerkschaftsgründung starb sie im April 1945 bei einem Autounfall. 

Ihr Nachfolger wurde der Mechaniker Johann (Jean) Allelein (geb. 1904) mit 41 Jahren das jüngste Vorstandsmitglied. 

Bereits im Alter von 24 Jahren war er zum Betriebsrat gewählt worden. Ende der 20er Jahre organisierte er sich in der KPD und blieb ihr bzw. der DKP treu. 

Klaus Haaß, Sozialdemokrat, gelang 1933 die Flucht nach Belgien; er war der Geschäftsführer des zerschlagenen „Freien Deutschen Textilarbeiterverbandes" gewesen und hilft von Belgien aus, den Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu organisieren. 

Der Schlosser Peter Spiegelmacher (geb. 1902), Sozialdemokrat, wurde bereits mit 17 Jahren Gewerkschaftsmitglied. 

Zusammen mit Mathias Wilms und anderen organisiert er sozialdemokratischen Widerstand. Im Dezember 1933 wurde er verhaftet und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. 

Nikolaus Kreitz (geb. 1889), ebenfalls Sozialdemokrat, war vor 1933 im Textilarbeiterverband zusammen mit Wilms und Haas aktiv. Nach der Gewerkschaftsgründung 1945 wurde er der erste Kassierer. 

Am 18. März 1945, einem Sonntag, fand die Gründungsveranstaltung statt. 

„Ein großer Tag für die deutschen Arbeiter", lautete am nächsten Tag die Schlagzeile der „Aachener Nachrichten" zur Gründung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes in Aachen. 

80 Personen, SozialdemokratInnen, KommunistInnen, christliche GewerkschafterInnen waren unter der Ehrenpräsidentschaft Heinrich Hollands, des Zeitungsverlegers, zusammengekommen, um die erste Gewerkschaft nach der Zerschlagung am 2. Mai 1933 zu gründen und das erste Programm, die berühmten „13 Aachener Punkte" zu verabschieden: H Mithilfe zur Verständigung der Völker untereinander und Zusammenarbeit mit den Gewerkschaftsbewegungen der Welt H Aufklärung durch Wort und Schrift, insbesondere bei der Jugend, über die Verständigung der Völker untereinander H Kampf gegen preußischen Militarismus und Faschismus H Mithilfe an der Entfernung der Nazis aus Wirtschaft und Verwaltung H Vertretungen der Gewerkschaft in allen Zweigen des öffentlichen Lebens H Wiedereinführung des Arbeiterrechts H Regelung der Lohnfragen und der Ferien H Wiedereinführung des Achtstunden- Tages evtl. der Vierzigstunden-Woche H Wiedereinführung des Streikrechts H Unterdrückung der Werkschutzvereine H Sicherstellung der Arbeitsfrontbücher H 1. Mai gesetzlicher Feiertag Später ergänzt wurde der 13. Punkt: H Arbeiter, Angestellte und Beamte, die Mitglied der NSDAP waren, können Mitglied werden, aber keine Funktion ausüben. 

Das Aachener Modell: Zentralorgan versus Dachverband In der Weimarer Republik waren die Gewerkschaften in parteipolitisch gebundene Richtungsgewerkschaften zersplittert. Sie machten die Gewerkschaften unbeweglich und nahm ihnen die Schlagkraft. Eine Zentralorganisation sollte die parteipolitische Zersplitterung beseitigen, ohne auf politische Aussagen zu verzichten. 

Peter Spiegelmacher erläutert rückblickend: „Keine Verbände mehr wie Beamtenbund, Polizeiverbände, Lokomotivführer, Handelsgehilfen, Angestelltengewerkschaft, christliche Gewerkschaften. 

Es sollte eine Gewerkschaft sein, die stark ist in sich selbst. 

Eine Zentralorganisation sollte ihre Mitglieder nach Wirtschaftszweigen in Industrieabteilungen zusammenfassen. 

Es sollte das Prinzip ein Betrieb – eine Gewerkschaft gelten. Die wichtigen Entscheidungen sollten nicht in den Industrieabteilungen, sondern in deren Zusammenfassung, dem Gewerkschaftsbund, fallen. 

Der Zusammenschluss in einer Zentralorganisation zielte auf Schlagkraft und Geschlossenheit – oder wie Jean Allelein es plastisch ausdrückte: „Die Aachener wollten alle in einen Topf …". Dies war Vorbild für weitere Gründungen. Die Aachener waren zu Pionieren der neuen Gewerkschaftsbewegung geworden . Renate Linsen von Thenen Zusammengestellt aus: Klaus Brülls und Winfried Casteel, „Schafft die Einheit" . Aachen 1945, Die freien deutschen Gewerkschaften werden gegründet. 

Aachen 2005; Saul K. Padover, Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45. München 2001; Bernhard Poll (Hrg.), Geschichte Aachens in Daten. Aachen 2003 

 

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