Schöpferische Zerstörung  

Die geographische Ungleichheit als beweglicher Widerspruch des Kapitals  

David Harvey 

In: junge Welt online vom 06.03.2015 

 

Dem Kapitalismus eignet eine expansive Dynamik. Das zu untersuchen steht im Mittelpunkt der Untersuchungen des angelsächsischen Geographen und Marxisten David Harvey. In seiner 2001 erschienenen Schrift »Spaces of Capital« gibt er an, er habe den Großteil seiner Arbeit »dem Versuch gewidmet, den Prozess zu verstehen, wie Kapital zu einem bestimmten Zeitpunkt eine geographische Landschaft nach seinem eigenen Bild formt, nur um sie später wieder zerstören zu müssen, um in ihr die ihm eigene Dynamik endloser Kapitalakkumulation, starken technologischen Wandels und heftiger Klassenkampf unterbringen zu können«. Am heutigen Freitag erscheint im Berliner Ullstein Verlag Harveys neues Buch mit dem Titel »Siebzehn Widersprüche und das Ende des Kapitalismus«. Widerspruch Nummer Elf ist überschrieben mit »Geographische Ungleichheit«. Mit Genehmigung des Verlags veröffentlicht jW den ersten Teil dieses Kapitels. (jW) 

Das Kapital strebt danach, eine Landschaft zu produzieren, die für seine eigene Reproduktion günstig ist. Daran ist nichts Merkwürdiges oder Unnatürliches: Selbst Ameisen und Biber verändern ihre Umwelt, warum also nicht auch das Kapital? Allerdings wird unsere Lebenswelt ständig durch technische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Entwicklungen destabilisiert. Das Kapital muss sich also zwangsläufig anpassen, während es andererseits auch entscheidend an der Gestaltung dieser Welt beteiligt ist. 

Die Widersprüche zwischen Kapital und Arbeit, Konkurrenz und Monopol, Privateigentum und Staat, Zentralisierung und Dezentralisierung, Beständigkeit und Bewegung, Dynamik und Trägheit, Armut und Reichtum und zwischen verschiedenen Größenebenen manifestieren sich in der Landschaft. 

Unter all diesen verschiedenen Kräften ist die Kombination zweier Aspekte von besonderer Bedeutung: die unzähligen molekularen Prozesse der Kapitalakkumulation in Raum und Zeit und der Versuch der Staatsmacht, den Landschaftsraum zu organisieren. 

Die geographische Landschaft, die das Kapital gestaltet, ist kein rein passives Produkt. Sie entwickelt sich nach ihren eigenen Regeln und wirkt sich genauso auf die Kapitalakkumulation aus, wie sich umgekehrt die Widersprüche des Kapitals und des Kapitalismus in Raum und Zeit ausdrücken. 

Die ungleiche, widersprüchliche und partiell autonome Entwicklung der geographischen Landschaft spielt bei der Entstehung von Krisen eine entscheidende Rolle. Ohne sie wäre das Kapital schon längst versteinert und in Auflösung begriffen. Sie ist entscheidend daran beteiligt, dass sich das Kapital in regelmäßigen Abständen neu erfindet. 

Das Kapital und der kapitalistische Staat drücken den Räumen und Orten, an denen wirtschaftliche Tätigkeiten stattfinden, ihren Stempel auf. Man braucht beispielsweise eine Menge Kapital, um eine Eisenbahn zu bauen. Wenn die Bahn profitabel sein soll, muss sie benutzt werden, und zwar so lange und so intensiv wie möglich. Ist das nicht der Fall, macht die Eisenbahngesellschaft Bankrott, und das investierte Kapital ist verloren oder zumindest in seinem Wert gemindert. Daher muss das Kapital die Eisenbahn nutzen, sobald sie gebaut ist. Aber wofür braucht das Kapital eine Eisenbahn? 

Räumliche KonkurrenzDen Raum zu durchqueren kostet Zeit und Geld. Ersparnis von Zeit und Geld ist eine wichtige Voraussetzung für Profitabilität. Daher kommt technischen, organisatorischen und logistischen Innovationen große Bedeutung zu, denn sie verringern die Kosten und die Zeit, die für Bewegungen im Raum aufgewendet werden müssen. Das wissen die Produzenten neuer Technologien nur zu gut, weshalb sie ständig nach neuen Methoden forschen, mit denen sich die Kosten oder die Zeit der Kapitalzirkulation verringern lassen. Technologien, die genau das bewerkstelligen, lassen sich leicht vermarkten. Die »Vernichtung des Raumes durch die Zeit« ist ein zentrales Ziel kapitalistischer Bestrebungen. 

Es gibt zwei Möglichkeiten, die Kosten und den Zeitaufwand zu reduzieren. 

Zum einen kann man die Transport- und Kommunikationstechnologien ständig erneuern. Die Geschichte des Kapitals ist außerordentlich reich an solchen Innovationen (von Kanälen bis zu Düsenflugzeugen). Die Effektivität hängt davon ab, was bewegt werden soll. Geld in seiner Kreditform umrundet den Globus heute in einem winzigen Augenblick. Das war nicht immer so. Vielmehr ist die ungeheure Mobilität des Geldkapitals dank der Informationstechnologien eine Besonderheit unserer Zeit. Waren sind im allgemeinen weniger mobil. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen der Übertragung einer Fußballweltmeisterschaft und dem Transport von Wasserflaschen, Stahlträgern, Möbeln oder verderblichen Gütern wie Beerenobst, Milch, Weißwürsten und Brot. Aber auch die Mobilität von Waren unterscheidet sich je nach deren Eigenschaften. Die Produktion ist - von einigen Ausnahmen wie dem Transportwesen selbst abgesehen - die immobilste Kapitalform. Gewöhnlich bleibt sie längere Zeit an einem Ort, in einigen Fällen, wie etwa dem Schiffbau oder bei Stahl- oder Autofabriken, kann es sich um beträchtliche Zeiträume handeln. Nähmaschinen für Sweatshops lassen sich dagegen leichter transportieren. Die völlige Immobilität von Betrieben des primären Sektors - Land- und Forstwesen, Bergbau und Fischereiwesen - ist aus naheliegenden Gründen ein Sonderfall. 

Sinkende Kosten für Transport und Kommunikation können die Verteilung von Tätigkeiten über immer größere geographische Räume erleichtern. Wenn Transportkosten und Zeitaufwand bei Standortentscheidungen kaum noch ins Gewicht fallen, kann das Kapital an weit auseinanderliegenden Orten operieren. Die Arbeitsteilung innerhalb einer Firma kann dezentralisiert und auf verschiedene Orte verteilt werden. Mit der Möglichkeit des Offshorings wird der Hang zur Monopolbildung geschwächt. Regionale Spezialisierung und Arbeitsteilung verstärken sich, weil kleine Kostenunterschiede höhere Profite für das Kapital bedeuten. 

Transport und AgglomerationAus verschärfter räumlicher Konkurrenz erwachsen neue, geographisch geprägte Produktionsmuster. So können Start-ups in Südkorea - wo die Stahlproduktion dank billigerer Arbeitskräfte, leichterem Zugang zu Rohstoffen und Märkten kostengünstiger ist - die kostenintensiveren und weniger effizienten Industrien in Pittsburgh und Sheffield vom Markt verdrängen. Die Autoindustrie in Detroit ging nicht nur an der ausländischen Konkurrenz zugrunde, sondern auch an der Errichtung neuer Produktionsstätten in Tennessee und Alabama, wo die Löhne geringer und die Gewerkschaften schwächer waren. Im 19. Jahrhundert machte das billige Getreide aus Nordamerika der europäischen Landwirtschaft schwer zu schaffen, weil die neu erbauten Eisenbahnen und Dampfschiffe die Kosten für den Transport erheblich senkten und damit den gleichen Effekt hatten wie die Containerrevolution nach 1970 für den Welthandel. Die Deindustrialisierung (die Schattenseite der geographischen Expansion) findet schon seit langem statt. 

Die zweite Methode zur Verringerung von Transportkosten und -zeiten besteht in einer Standortwahl, die die Beschaffung der Produktionsmittel (einschließlich der Rohstoffe), die Versorgung mit Arbeitskräften und den Vertrieb verbilligt. Wenn viele verschiedene kapitalistische Unternehmen eng zusammenrücken (wenn sich etwa Autozulieferer und Reifenhersteller in der Nähe von Autofabriken ansiedeln), kommt es zu einer sogenannten »Agglomerationswirtschaft«, bei der sich verschiedene Firmen und Branchen Arbeitsmärkte, Informationen und Infrastrukturen teilen. Die Vorteile können allen Firmen zugute kommen (beispielsweise wenn ein Unternehmen Arbeiter ausbildet, die andere Firmen einstellen können, oder Arbeiter von den vielfältigen Berufschancen in diesen dynamischen Zentren angelockt werden). Urbane Agglomerationsräume dieser Art sind erbaute räumliche Umwelten, die kollektiv der Förderung einer Reihe von Produktionstätigkeiten dienen. 

Agglomeration produziert geographische Zentralisierung. Die molekularen Prozesse der Kapitalakkumulation verdichten sich in bestimmten Wirtschaftsregionen. Die Grenzen dieser Räume sind immer unscharf und durchlässig, doch die ineinandergreifenden Produktionsströme eines Gebietes weisen genügend strukturierte Kohärenz auf, um es von anderen abzugrenzen. 

Baumwolle bedeutete im 19. Jahrhundert Lancashire (Manchester), Wolle bedeutete Yorkshire (Leeds), Edelstahl Sheffield und Metallverarbeitung Birmingham. Die strukturierte Kohärenz betrifft dabei nicht nur die wirtschaftlichen Austauschprozesse, sondern auch Einstellungen, kulturelle Werte, Überzeugungen und sogar religiöse und politische Identitäten. Die enge Zusammenarbeit verlangt nach irgendeiner Form der Lenkung, meist in Gestalt von Verwaltungssystemen innerhalb der Region, um die kollektiven Bedingungen für Produktion und Konsum zu fördern und zu sichern. 

Herrschende Klassen und Klassenallianzen können sich bilden und den politischen wie wirtschaftlichen Aktivitäten in der Region einen besonderen Charakter verleihen. 

Regionale Wirtschaften bilden die lose verbundenen Mosaikstücke einer ungleichen geographischen Entwicklung, die dazu führen kann, dass einige Regionen immer reicher und arme Regionen noch ärmer werden. Verantwortlich ist ein Phänomen, das Gunnar Myrdal zirkuläre und kumulative Verursachung nennt. Dank besserer Märkte, effektiverer materieller und sozialer Infrastrukturen und der Möglichkeit, die erforderlichen Produktionsmittel und Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen, sind die fortgeschritteneren Regionen für das Kapital attraktiver, was zu größeren Steuereinnahmen führt, die wiederum in die Infrastruktur (etwa das Bildungswesen) gesteckt werden - was noch mehr Kapital und Arbeitskräfte in die Region zieht. 

Dagegen führt in anderen Regionen der partielle Verfall der wirtschaftlichen Aktivität in eine fatale Abwärtsspirale. Das Ergebnis ist eine ungleiche regionale Konzentration von Reichtum, Macht und Einfluss. 

Die fortgesetzte Zentralisierung durch Agglomeration hat allerdings auch ihre Grenzen. Überbevölkerung und wachsende Umweltverschmutzung, Verwaltungs- und Unterhaltungskosten (durch höhere Steuern und Gebühren) fordern ihren Tribut. Steigende Lebenshaltungskosten führen zu Lohnforderungen, die einer Region unter Umständen die Konkurrenzfähigkeit nehmen. Durch die regionale Konzentration können sich die Arbeiter in ihrem Kampf gegen Ausbeutung besser organisieren. Die Immobilienpreise ziehen an, da eine Rentierklasse aus dem Besitz des immer knapper werdenden Grund und Bodens Profit schlägt. New York City und San Francisco sind dynamische, kostenintensive Standorte, Detroit und Pittsburgh dagegen längst nicht mehr. Heute sind die Arbeiter in Los Angeles besser organisiert als in Detroit (in den sechziger Jahren war es umgekehrt). 

Absorption der ÜberschüsseWenn die lokalen Kosten zu rasch steigen, suchen die Kapitalisten nach anderen Räumen, um ihren Geschäften nachzugehen. Das gilt in besonderem Maße, wenn neue Technologien auftauchen und die Arbeitskämpfe heftiger werden. So hat das Silicon Valley seit Ende der sechziger Jahre Detroit als Zentrum der kapitalistischen Wirtschaft in den USA abgelöst - genauso wie Bayern das Ruhrgebiet und die Toskana Turin abgelöst hat, während neue Global Player wie Singapur, Hongkong, Taiwan, Südkorea und schließlich China bei bestimmten Produkten eine führende Rolle übernahmen. Diese Entwicklungen erzeugten regionale Krisen, die auch in andere Bereiche der globalen Wirtschaft ausstrahlten. Der Abstieg des »Rust Belt« im Mittleren Westen korrespondierte mit dem Aufstieg des »Sun Belt« im Süden der USA. Regionale Beschäftigungs- und Produktionskrisen verweisen in der Regel auf Machtverschiebungen der Kräfte, die die geographische Landschaft des Kapitals produzieren. Das wiederum lässt meist auf einen radikalen Wandel des Kapitals selbst schließen. 

Das Kapital muss den Schock über die Zerstörung der alten Räume aushalten und bereit sein, eine neue geographische Landschaft auf der Asche der alten zu erbauen. Zu diesem Zweck müssen Überschüsse an Kapital und Arbeitskräften zur Verfügung stehen. Glücklicherweise liegt es im Wesen des Kapitals, ständig solche Überschüsse zu erzeugen, häufig in Form von Massenarbeitslosigkeit und Kapitalüberakkumulation. Die Absorption dieser Überschüsse durch geographische Expansion und räumliche Reorganisation trägt dazu bei, das Problem der Überschüsse zu lösen, für die es sonst keine profitable Verwendung gibt. Verstädterung und regionale Entwicklung werden autonome Sphären kapitalistischer Aktivitäten. Sie verlangen große (gewöhnlich schuldenfinanzierte) und sehr langfristige Investitionen. 

Besonders in Krisenzeiten macht das Kapital von diesen Möglichkeiten Gebrauch, die Folge sind staatlich finanzierte Infrastrukturprojekte, die das Wirtschaftswachstum ankurbeln. In den dreißiger Jahren versuchte die US-Regierung, den Überschuss an Kapital und Arbeitslosen dadurch aufzufangen, dass sie zukunftsorientierte Bauvorhaben in bislang unerschlossenen Gebieten auf den Weg brachte. Rund acht Millionen Menschen waren in diesen Arbeitsförderungsprogrammen des New Deal beschäftigt. Aus ähnlichen Gründen bauten die Nazis zur selben Zeit die Autobahnen. Nach dem Finanzcrash von 2008 investierten die Chinesen Milliarden Dollar in städtische und infrastrukturelle Projekte, um Überschüsse an Kapital und Arbeitskräften abzubauen und die Verluste auf den Exportmärkten zu kompensieren. Vollkommen neue Städte entstanden. Dadurch wurde die chinesische Landschaft radikal umgestaltet. 

Auf diese Weise entwickelt das Kapital das, was ich als »räumlich-zeitlichen Fix« für das Überschussproblem bezeichne. Fix hat hier eine Doppelbedeutung. Ein Teil des Gesamtkapitals wird für einen relativ langen Zeitraum buchstäblich fixiert, also festgelegt. Doch »Fix« bezeichnet auch die »Lösung« für Überakkumulationskrisen des Kapitals. 

Die Organisation neuer territorialer Arbeitsteilungen, neuer Ressourcenkomplexe und neuer Regionen als dynamische Räume der Kapitalakkumulation eröffnet neue Gelegenheiten, Profite zu erzielen und Überschüsse an Kapital und Arbeitskräften abzuschöpfen. Häufig gefährden solche geographischen Erweiterungen allerdings die Werte, die bereits an anderen Standorten festgelegt sind. Dieser Widerspruch ist unausweichlich. 

Entweder wird das Kapital abgezogen und hinterlässt eine Spur der Verwüstung und des Wertverfalls. Oder es bleibt, wo es ist, und erstickt an den Überschüssen, für die es keine profitable Verwendung findet. 

Kredite und KapitalflussKredite, die vorübergehende Linderung versprechen, verschärfen diesen Widerspruch noch. Das spekulative Kapital kann die kapitalistische Entwicklung nämlich nicht nur anregen, sondern auch untergraben. Nach 1980 wurde die nationale Verschuldung zu einem globalen Problem, und viele der ärmeren Länder (auch einige Großmächte wie Russland 1998 und Argentinien nach 2001) sahen sich außerstande, ihre Schulden zurückzuzahlen. Länder wie Ecuador wurden dazu gebracht, sich als »Deponien« für überschüssiges Kapital zur Verfügung zu stellen, nur um anschließend für den Wertverlust des Kapitals haftbar gemacht zu werden. 

Unter den drakonischen Bedingungen der Schuldentilgung wurden dann die Ressourcen der Schuldnerländer geplündert. Die Geschehnisse in Griechenland zeigen auf schreckliche Weise, wie dieser Prozess im Extrem aussehen kann. 

Die Bond-Inhaber sind bereit, ganze Staaten, die leichtsinnig genug waren, ihnen auf den Leim zu gehen, in Stücke zu reißen und sich an ihren Resten zu mästen. 

Im Vergleich zu den »heißen« Kreditgeldern hat der Kapitalexport längerfristige Effekte. Überschüsse an Kapital und Arbeitskräften werden verlagert, um die Kapitalakkumulation in neuen regionalen Räumen anzuregen. 

Als Großbritannien im 19. Jahrhundert Überschüsse erzeugte, wurden sie in die Vereinigten Staaten und in Siedlerkolonien wie Südafrika, Australien und Kanada exportiert, wo sie neue, dynamische Akkumulationszentren und damit eine Nachfrage nach britischen Gütern schufen. 

Da es viele Jahre dauern kann, bis diese neuen Gebiete selbst so weit sind, Kapitalüberschüsse zu produzieren, kann das Herkunftsland darauf hoffen, während eines beträchtlichen Zeitraums von diesem Prozess zu profitieren. 

Das gilt insbesondere für Investitionen in Schienennetze, Straßen, Häfen, Dämme und andere Infrastrukturen, deren Fertigstellung viel Zeit in Anspruch nimmt. Letztlich hängt die Rendite einer Investition von der Entwicklung der Akkumulation in der betreffenden Region ab. Im 19. 

Jahrhundert verlieh Großbritannien Geld auf diese Weise an die Vereinigten Staaten. Sehr viel später schufen die Vereinigten Staaten den Marshallplan für Europa (vor allem Westdeutschland) und für Japan, weil sie klar erkannten, dass im Interesse ihrer eigenen wirtschaftlichen Sicherheit die kapitalistische Aktivität in diesen anderen Räumen wieder in Gang gebracht werden musste. 

Widersprüche entstehen, weil neue dynamische Räume der Kapitalakkumulation letztlich ebenfalls Überschüsse produzieren und Möglichkeiten finden müssen, sie mittels weiterer geographischer Expansion zu absorbieren. Das kann geopolitische Konflikte und Spannungen auslösen. In jüngerer Zeit haben wir eine Fülle solcher räumlich-zeitlichen Fixes erlebt - vor allem in Ost- und Südostasien. In den siebziger Jahren floss japanisches Kapital auf der Suche nach profitablen Anlagemöglichkeiten um den Globus. Wenig später war es Überschusskapital aus Südkorea und Mitte der achtziger Jahre aus Taiwan. Während diese Fixes als Beziehungen zwischen Territorien oder Nationen wahrgenommen werden, handelt es sich tatsächlich um Beziehungen zwischen Regionen innerhalb der Staaten. Die offiziellen Territorialstreitigkeiten zwischen Taiwan und Kontinentalchina wirken im Vergleich zur wachsenden Verflechtung der Industrieregionen Taipeh und Schanghai anachronistisch. 

Von Zeit zu Zeit werden Kapitalflüsse von einem Raum in einen anderen umgeleitet. Als Ganzes bleibt das kapitalistische System relativ stabil, obwohl die Teile regelmäßig in Schwierigkeiten geraten (Deindustrialisierung hier und Entwertungen dort). Vorübergehend verringert die Volatilität des Kapitals die Gefahr von Überakkumulation und Entwertung, obwohl immer wieder örtlich begrenzte Notlagen auftreten. Die regionalen Krisen und Booms, die seit 1980 zu beobachten sind, scheinen weitgehend von dieser Art zu sein. 

Dynamische ZentrenJedes Mal stellt sich die Frage, in welchen Profit verheißenden Raum das Kapital als nächstes fließen kann und welcher Raum als nächstes aufgegeben und entwertet wird. Der allgemeine Effekt kann irreführend sein: Da das Kapital immer irgendwo floriert, wird die Illusion geweckt, dass es überall gut laufen wird, wenn man das Kapital so organisiert wie in Japan und Westdeutschland (achtziger Jahre), in den USA (neunziger Jahre) oder China (ab 2000). Statt sich mit seinen systemischen Schwächen auseinanderzusetzen, bewegt sich das Kapital einfach weiter. 

Ein zweites mögliches Ergebnis ist jedoch eine Verschärfung des Wettbewerbs im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung. Mehrere dynamische Zentren der Kapitalakkumulation konkurrieren weltweit, während vielfach Überakkumulation (fehlende Märkte für die Realisierung) oder Mangel an Rohstoffen und anderen unentbehrlichen Produktionsmitteln herrscht. Da nicht alle diese Zentren Erfolg haben können, geben die schwächeren das Rennen verloren, oder es kommt zu geopolitischen Kämpfen zwischen Regionen und Staaten. Letztere nehmen die Form von Handels-, Währungs- und Ressourcenkriegen an, die immer mit der Gefahr militärischer Konfrontationen einhergehen (von jener Art, die uns im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege zwischen kapitalistischen Mächten bescherte). In diesem Fall gewinnt der räumlich-zeitliche Fix eine noch viel finsterere Bedeutung, denn nun wird nicht Kapital, sondern Kapitalvernichtung exportiert (wie es 1997/98 während der Asienkrise und kurz darauf in Russland der Fall war). 

Wie und wann dies geschieht, hängt jedoch ebenso sehr von den staatlichen Maßnahmen wie den Bewegungen des Kapitals ab, also von einer Dialektik zwischen territorialer und kapitalistischer Logik. (...) 

Von Zeit zu Zeit muss sich das Kapital aus den Einschränkungen befreien, die ihm die von ihm erbaute Welt auferlegt. Ihm droht eine lebensgefährliche Erstarrung und Verkalkung. Eine geographische Landschaft, die in einer bestimmten Phase der Kapitalakkumulation dienlich ist, kann in der nächsten zur Fessel werden. Daher muss ein Großteil des Kapitals, das dort festgelegt ist, entwertet werden. Für bestimmte Regionen kommt das einer Katastrophe gleich, doch in allen fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern (aber nicht nur dort, denken wir an Nordchina und Bombay) mussten sich viele ältere Industriestädte von Grund auf erneuern, weil ihnen durch die internationale Konkurrenz ihre wirtschaftliche Basis entzogen worden war. Das Prinzip ist immer dasselbe: Das Kapital schafft eine geographische Landschaft, die seine Bedürfnisse deckt, und zerstört sie später wieder, um seine weitere Expansion und Wandlung zu erleichtern. Es setzt die Menschen einer stetigen »schöpferischen Zerstörung« aus, bei der es immer Gewinner und Verlierer gibt. Das führt unweigerlich zu Ungleichheit. 

David Harvey: Siebzehn Widersprüche und das Ende des Kapitalismus. Aus dem Englischen übersetzt von Hainer Kober. Ullstein Verlag, Berlin 2015, 384 Seiten, 22 Euro  

 

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