Frauen, hört die Signale!  

Barbara Kirchner rechnet mit Reformismus und neoliberalem Feminismus ab. Dumme Kerls knöpft sie sich in »Dämmermännerung« nur nebenbei vor  

Jana Frielinghaus 

In: junge Welt online vom 06.03.2015 

 

Wenn es die perfekte Lektüre zum Internationalen Frauentag gibt, dann ist es Barbara Kirchners Essay »Dämmermännerung«: In einem kämpferischen, ebenso klassisch politökonomisch wie marxistisch fundierten, schwungvollen Rundumschlag auf gerade mal 93 Seiten nimmt sie sich der Verwerfungen der Klassengesellschaft im allgemeinen und deren Folgen für Frauen im besonderen an. 

Dabei rechnet die Professorin für Theoretische Chemie nicht in erster Linie mit dem Patriarchat und fiesen Typen ab, die uns Errungenschaften wieder entreißen wollen, sondern mit dem süßen Gift des Reformismus einerseits und einem neoliberal gewendeten Feminismus andererseits. Auch um den Niveaulimbo der Männerrechtler kümmert sie sich - nicht ohne die Ursache für deren Attacken zu benennen. Die seien nichts anderes als »Angstbeißerei« einer Gruppe, die den drohenden oder realen Verlust von Privilegien und Besitzständen beklagt und als Schuldige dafür »die Feministinnen« bzw. die moderne Frau ausgemacht hat. 

Worum es ihr geht, das fasst Kirchner bestechend bündig zusammen, gleich im ersten Satz des von ihr selbst kokett als »Traktätchen« titulierten Textes: »Man kann Schlechtes verbessern, ohne das anzutasten, was am Schlechten schlecht ist. Es wird dann anders schlecht, nicht besser.« Vor allem warnt sie davor zu übersehen, dass vieles von dem, was uns als ein für allemal durchgesetzt gilt, ein Zugeständnis ist. Und das kann von den Herrschenden sehr schnell wieder »einkassiert« werden, sobald es ihnen bei der Durchsetzung ihrer Verwertungsinteressen hinderlich erscheint. 

»Kippschalter«-Strategie nennt Kirchner das, wenn das Kapital »Modernisierungen« wie die formelle Gleichstellung von Frauen, Quoten oder auch familienfreundliche Telearbeitsplätze toleriert oder gar fördert. Zum Beispiel in Zeiten des Fachkräftemangels in bestimmten Bereichen, in denen Interesse besteht, sich Arbeitskraft, Kreativität und Produktivität von Frauen anzueignen. Prinzipiell bleibt das alles aber eine Kann-Bestimmung, macht die Autorin klar. 

Antifeministen mit ihren demagogischen bis irren Argumentationsmustern, müsse man zwar nicht übermäßig ernst nehmen, meint sie. Doch man solle sich darüber im klaren sein, dass sie in gewissen Konstellationen nützlich werden können, nämlich wenn es darum geht, den Kippschalter wieder auf Position A zu drücken: »Frauen gehören ins Haus, Fremdrassige ins Ausland«. 

Und dass Bewegungen wie die der reaktionären Retter der »natürlichen« Familie auf dem »Resonanzboden« krisenhafter Entwicklungen in der Kapitalakkumulation folglich plötzlich erheblich an Einfluss gewinnen können. Hardcore-Sexisten, -Rassisten und -Homophobe dürfen sich laut Kirchner »vor allem deshalb organisieren, weil sie als eine Art letzte Verteidigungslinie auf Abruf« für die Erhaltung der »gegenwärtigen Unrechtsordnung gebraucht werden«. 

Wirkungsmächtiger als die Spielarten des »Maskulismus« ist gerade in jüngster Zeit der Biologismus, weil er uns so schön wissenschaftlich verbrämt zu Sklaven unserer Gene und der »Natur« erklärt. Seine Rolle bei der Verschleierung von Klassengegensätzen und gesellschaftlicher Ungerechtigkeit arbeitet Kirchner ebenso gekonnt heraus wie den aufklärerischen Sinn der Parole, das Private sei politisch: »Die Ausrede, irgendein sozial erzeugtes, stabilisiertes oder toleriertes Unrecht sei eigentlich individuelles Schicksal (rPech gehabt, falsches Chromosoml), sollte den Nutznießern, Förderern und Rechtfertigern solchen Unrechts genommen werden.« 

Den Reformismus macht sie für das Umsichgreifen des grundsätzlichen Einverstandenseins mit der eigenen Unterdrückung und der der Mehrheit verantwortlich - und zeigt an prominenten Beispielen, wie er funktioniert: »Wer die Prostitution angreift, aber die Ehe in Ruhe lässt, wer das Grundeinkommen fordert, aber den Mindestlohn egal findet, bereitet der ältesten aller Machtstrategien für Besitzende den Weg: Teile und herrsche (...).« 

Insgesamt schön zu lesen, wenngleich dem Büchlein etwas mehr Übersichtlichkeit zu wünschen gewesen wäre - und gelegentlich der Verzicht auf das beiläufige Fallenlassen von Insiderausdrücken und marxistischen Termini, die sich nicht jeder Rezipientin von selbst erschließen. Auch der eine oder andere halbseitige Schachtelsatz weniger wäre im Sinne der Sache. 

  

Barbara Kirchner: Dämmermännerung. Neuer Antifeminismus, alte Leier. 

Konkret Literaturverlag, Hamburg 2014, 93 S., 12 Euro 

Heraus zum Internationalen Frauentag. Termine rund um den 8. MärzBundesweit finden in den kommenden Tagen Veranstaltungen und Kundgebungen zum Frauentag statt. Wir weisen an dieser Stelle auf einige hin. 

Berlin 

8. März, 13 Uhr, Rosa-Luxemburg-Platz: Demo des Bündnisses »Frauen*kampftag 2015« unter dem Motto »Still lovin' Feminism«, Abschlusskundgebung ca. 16 Uhr am Brandenburger Tor. www.frauenkampftag2015.de 

12. März, 19 Uhr, Rathaus Schöneberg, Foyer, John-F.-Kennedy-Platz 1: Eröffnung der Fotoausstellung »Schlaglichter - Frauen in der Kultur« (bis 29.3., Mo-Fr 8-20, Sa/So 10-18 Uhr). Die ist Teil des 30. Berliner Frauenmärz. www.frauenmaerz.de 

  

Essen 

10. März, 19 Uhr, Glaspavillon der Uni Duisburg-Essen, Universitätsstr. 12: Podiumsdiskussion zum Thema Prostitution - Regulierung, Freierbestrafung - ja oder nein? mit Manuela Schon, Mira Sigel, Mithu Sanyal, Jana Koch-Krawczak und einer Vertreterin von Madonna e. V. 

Frankfurt am Main 

8. März, 13 Uhr,Kreativwerkstatt, Hansaallee 150, Dornbusch: Lesung »Deutsche und französische Frauen gegen Militarismus und Krieg«, mit jW-Autorin Florence Hervé 

  

Hamburg 

Heute, 19.30 Uhr, Stadtteiltreff A.G.D.A.Z., Fehlinghöhe 16, Steilshoop: Worte und Musik zum Frauentag - und zur Erinnerung an Irene Wosikowski. 

Zwei Tage vor dem offiziellen Internationalen Frauentag erinnert das Kulturzentrum an die Antifaschistin. www.agdaz.de 

  

Heilbronn 

8. März, 19.30 Uhr, Wollhausstr. 49: Clara Zetkin gegen Krieg und Faschismus - Lesung mit jW-Autorin Florence Hervé 

  

Kehl 

9. März, 19 Uhr, Stadthalle, Zedernsaal, Großherzog-Friedrich-Str. 19, Eingang Jahnstraße: Veranstaltung zum Frauentag und zum 70. Jahrestag des Kriegsendes, mit einem Vortrag von Nicole Low, geboren 1931, über die Flucht ihrer Familie vor den Nazis. Eintritt frei 

  

Lüneburg 

6. bis 8. März: Feministisch-queeres, antikapitalistisches »Lady*fest« mit zahlreichen Veranstaltungen im Anna & Arthur, Katzenstr. 2, in der Uni Rotes Feld, Wilschenbrucher Weg 69, und im KonRad, Uni Campus, Scharnhorststr. Geb 28 

https://ladyfestlueneburg.wordpress.com 

  

Potsdam 

7. März, 14 Uhr Hauptbahnhof: Demo der Flüchtflingsfrauen der Gruppe »Women in Exile« gemeinsam mit den Aktivistinnen des Autonomen Frauenzentrums Potsdam, anschließend Protestaktion vor dem Landtag gegen die Unterbringung in Sammelunterkünften für Asylsuchende. www.women-in-exile.net 

8. März, 11 Uhr, primaDonna, Schiffbauergasse 4 H: Frauentagsmatinee mit Talkrunde, Ausstellungseröffnung und Musik. Gesprächsrunde über die Perspektiven von Flüchtlingsfrauen unter dem Motto »Weite Wege zur Gerechtigkeit«. Eintritt: 5 Euro 

11. März, 20 Uhr, KuZe - Studentisches Kulturzentrum, Hermann-Elflein-Straße 10:  Premiere von »Else Weil, genannt Pimbusch«, Objekttheater mit Musik über Tucholskys erste Muse, die zugleich eine der ersten Frauen war, die in Deutschland Medizin studierte. Eintritt: 8, ermäßigt 6 Euro. Weitere Vorstellungen am 14. und 15.3., jeweils 20 Uhr. 

www.mmamba.de. 

Saarbrücken 

10. März, 19 Uhr, Theater Blauer Hirsch, Saargemünder Str. 11: Frauen im Widerstand - Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen! Porträts saarländischer Antifaschistinnen; Veranstaltung der DKP zum Frauentag mit Élodie Brochier, Wollie Kaiser und Musikandes. Eintritt frei, um Spende wird gebeten 

 

__________________________ 

 

„Feminismus kann nicht unabhängig von gesellschaftlichen Problemen gedacht werden"  

Interview mit Mareen Heying zum Internationalen Frauentag und zu Frauenrechten  

In: unsere zeit online vom 27.02.2015 

 

UZ: Am 8. März findet traditionell der Internationale Frauentag statt. Dieser scheint jedoch kaum mehr von größerem öffentlichen Interesse zu sein. Sind Frauen und Männer mittlerweile tatsächlich gleichgestellt?  

Mareen Heying: Das wäre schön, ist aber nicht der Fall. In der Frage steckt aber schon ein Teil der Antwort: Tatsächlich denken viele Frauen, sie seien bereits gleichberechtigt. Oft wird ihnen das Gegenteil erst nach dem ersten Kind bewusst oder im Berufsalltag – oder auch nie. Viele Diskriminierungen sind auch sehr subtil. Die ganze Gesellschaft ist sehr auf Individualismus getrimmt, das ist auch in feministischen Zusammenhängen so. Neben dieser Vereinzelung und Resignation findet weiterhin ein großer Backlash statt. Viele ältere Feministinnen sagen, „wir waren schon mal weiter, was die Emanzipation betrifft." Leider haben sie Recht. Das liegt auch daran, dass der institutionalisierte Feminismus kaum politische Ambitionen hat. Der kollektive feministische Gedanke zusammen die Verhältnisse zu ändern, wie ihn viele Kommunistinnen forderten, ist in Deutschland kaum mehr vorhanden, in anderen Ländern sind Frauen kämpferischer. 

UZ: Sie haben im letzten Jahr ein Buch zu der Kommunistin Klara Schabrod verfasst, haben Sie diese Kollektivität bei ihr erlebt?  

Mareen Heying: Ich kannte Klara Schabrod leider nicht persönlich. 

Aber aus zahlreichen Erzählungen von ihren ZeitgenossInnen habe ich gehört, dass sie eine ganz wunderbare Frau gewesen ist, mit einem großen Herzen, sehr viel Güte und zugleich konsequent in ihren politischen Einstellungen. 

Klara Schabrod hat durch den Nationalsozialismus sehr viel Leid erfahren müssen, sie war von ihrem Mann und zum Teil von ihrem Sohn räumlich getrennt, hatte große Mühen sich finanziell durchzuschlagen und hat dazu noch massive Gewalt durch Staatsbeamte erfahren müssen. 

Eine Frau wie sie hätte nach 1945 auch verbittert und argwöhnisch werden können. Stattdessen hat sie weiter für eine gerechte und kriegsfreie Welt gestritten. Sie ist zu Demonstrationen gegangen, hat sich in verschiedenen Kreisen engagiert und hat nie aufgehört zu kämpfen. Das imponiert mir sehr. Sie hat ihren Aktionismus damit begründet, dass sie es den vielen ungesühnten Opfern des Nationalsozialismus schuldig sei. Das ist eine sehr selbstlose Haltung. 

Die Stimmen von starken Frauen, die kollektiv kämpfen, müssen medial mehr transportiert werden. Ob das bereits verstorbene Vorreiterinnen wie Clara Zetkin sind oder aktive Feministinnen wie Florence Hervé. Stattdessen wird Feminismus in Deutschland medial nur durch eine Frau repräsentiert, die selbstsüchtig, egoistisch und arrogant ist. Da wundert es mich auch nicht, dass sich viele junge Frauen nicht als Feministin sehen wollen und am 8. März lieber einen Kuchen für den Freund backen. 

UZ: In welchen gesellschaftlichen Bereichen hinkt denn die Gleichstellung Ihrer Meinung noch nach?  

Mareen Heying: Na, überall! Das beginnt schon im Privaten: Fragen Sie doch mal bei heterosexuellen Paaren an, wer zu Hause mehr Reproduktionsarbeitet leistet. Das sind weiterhin die Frauen. Im Berufsleben sind sie meist schlechter gestellt als Männer, das ist auch der Grund warum Frauen sich weiter um die Kindererziehung kümmern, weil es für die Familie oft nicht tragbar wäre nur vom Einkommen der Frau zu leben. Deutsche Firmen haben kaum betriebseigene Kindergärten, das macht es vielen Paaren schwer Beruf und Familie zu vereinen. 

Aber natürlich sind auch kinderlose (Single-)Frauen und homosexuelle Frauen betroffen. Sexismus im Beruf oder im Alltag sind offensichtlich, davon kann Ihnen jede Frau ein Lied singen. Oder die Aussage „Frauen sind multitaskingfähig" finde ich unfassbar dreist. Frauen können Dinge ebenso gut oder schlecht wie Männer, sie sind nur aufgrund der gesellschaftlichen Umstände oft dazu gezwungen vieles gleichzeitig zu machen. 

Viele Frauen, die sich beruflich verwirklichen, können dies nur auf dem Rücken anderer Frauen – Putzfrauen und Kindermädchen. Es kann nicht sein, dass Emanzipation so funktioniert, wir müssen die gesellschaftlichen Rollen von Frauen und Männern komplett hinterfragen und wandeln. 

UZ: Forderungen nach einer Frauenquote in der Wirtschaft halten Sie also für Unsinn?  

Mareen Heying: Nein, Unsinn ist es nicht. Es ist ein deutliches Zeichen – vor allem an die Männerwelt. Aber es ist nur ein winziger Schritt. Die Arbeitswelt muss komplett umgekrempelt werden. 

Es kann nicht sein, dass Menschen arbeiten gehen, um noch mit Hartz IV aufstocken zu müssen. Hier wird deutlich: Feminismus kann nicht unabhängig von gesellschaftlichen Problemen gedacht werden. Wir müssen uns als kämpferische Menschen gegen das Patriarchat, Rassismus und Klassizismus stellen. Jede Form von Unterdrückung muss angegangen werden. Und ob die Top-ManagerInnen, die mal eben zahlreichen Menschen den Arbeitsplatz nehmen, da sie Sparen „müssen", nun Männer oder Frauen sind, das ist völlig irrelevant. Frauen sind nicht bessere Menschen als Männer, Arme sind nicht besser als Reiche. Aber die einen werden durch die anderen unterdrückt und das ist der Knackpunkt. 

Es reicht nicht, wenn wir die Männer höflich bitten, uns ein wenig Macht abzugeben, wir müssen sie uns erkämpfen. 

Assata Shakur hat das sehr richtig analysiert als sie sagte: „Niemand hat jemals Freiheit dadurch erlangt, an die moralischen Werte der Leute zu appellieren, die sie unterdrücken!" UZ: Sie haben sich in den vergangenen Jahren sowohl wissenschaftlich als auch politisch für die Rechte von Prostituierten stark gemacht. Die Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD plant in Sachen Prostitution einige Verschärfungen. 

Wie ist es aktuell um die Rechte der Frauen bestellt?  

Mareen Heying: In der Prostitution arbeiten neben Frauen auch Männer und Transsexuelle, aber da weit über 90 Prozent weiblich sind, ist dies vornehmlich ein Frauenthema und in meinen Augen auch ein sehr bedeutendes für Feministinnen. 

Einschränkungen gegen Sexarbeiterinnen sind auch Einschränkungen des sexuellen Selbstbestimmungsrechtes jeder Frau. Ich verstehe nicht, warum die repressiven Planungen der Regierung gegen Sexarbeit so viele Menschen mit Schulterzucken hinnehmen. 

Ich glaube nicht, dass wir in einer sexuell befreiten Gesellschaft leben. Im Gegenteil. Wir werden täglich total sexualisiert, vor allem durch die Medien. 

Auf der anderen Seite wird von jeder Person gesellschaftlich erwartet neben Erfolg und gutem Aussehen auch eine grandiose Sexualität zu haben. Das führt dazu, dass auf privatem Sex ein ungeheurer Druck lastet. 

Die Grundlage der geplanten Gesetze über Prostitution ist moralisch, nicht sachlich. PolitikerInnen bewerten nach ihnen eigenen heteronormativen Vorstellungen. Das kann nicht sein. 

Sexarbeiterinnen werden viel zu selten in politische Prozesse einbezogen, dabei strebt der Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen dies an. Ich möchte an jede Person appellieren, die sich zu Sexarbeit äußert erst mal mit Sexarbeiterinnen zu sprechen, oder Texte von ihnen zu lesen, bevor sie sich für oder gegen Prostitution positioniert. 

Ich würde mir niemals das Recht rausnehmen über Migration zu debattieren ohne vorher mit MigrantInnen zu sprechen. Warum nehmen sich das in der Prostitution so viele raus? UZ: Auch in der politischen Linken gehen die Einschätzungen bezüglich der Prostitution deutlich auseinander. Können sich Frauen – und auch Männer – im Kapitalismus tatsächlich vollkommen frei für diesen Beruf entscheiden, so wie es einige Linke behaupten?  

Mareen Heying: Kann sich im Kapitalismus irgendwer wirklich frei für irgendeinen Job entscheiden? Ich denke nicht. Wir suchen uns alle eine Nische, in der wir möglichst so arbeiten können, wie wir wollen. Prostitution bietet einigen Frauen eine Möglichkeit ökonomisch unabhängig zu sein – nicht mehr und nicht weniger. 

UZ: Aber hat die politische Linke das Recht, Menschen die sich eigenen Aussagen zufolge frei für diesen Beruf entschieden haben, zu reglementieren bzw. 

diese freie Berufswahl in Frage zu stellen?  

Mareen Heying: Nein, aber sie nimmt es sich trotzdem heraus. Und ich finde es sowohl frech als auch unreflektiert. 

Ich finde viele Arbeitsplätze scheiße, viele Berufe würde ich nicht ausüben wollen oder können. Aber ich kann nicht zu Arbeitnehmerinnen gehen und ihnen sagen, was sie zu tun haben. Sondern ich sollte fragen wo ihre Probleme sind und was wir gemeinsam tun können, um diese anzugehen. 

Viele Linke sehen – wie die PolitikerInnen – die Sexarbeit nur aus ihrem eigenen Standpunkt heraus und bewerten sie emotional oder moralisch. Wie oft ich schon hören durfte: „Also nein, ich kann mir nicht vorstellen diesen Beruf zu machen." So what? Dann lass es. Davon abgesehen: Moralisch verwerflich finde ich es beim Verfassungsschutz zu arbeiten, als V-Frau jahrelang falsche Freundschaften zu führen. 

Aber für ehrlichen Sex Geld zu nehmen nicht. 

UZ: In den vergangenen Jahren haben sich in verschiedenen bundesdeutschen Städten – etwa in Berlin – linke Bündnisse zusammengefunden, die anlässlich des Frauenkampftages Demonstrationen durchgeführt haben. Ist dies eine geeignete Möglichkeit, feministische Theorie und Praxis wieder verstärkt mit Leben zu füllen?  

Mareen Heying: Jede Form kollektiver Arbeit gegen Unterdrückung ist sinnvoll, wenn sie solidarisch ist. Leider ist es zurzeit wahnsinnig schwer, gemeinsame Ziele zu formulieren, da sich so viele Frauen von anderen abgrenzen wollen. Ich glaube, wir sind noch nicht tief genug gefallen. 

Das Gespräch führte Markus Bernhardt 

 

___________________ 

 

Rotlicht: Internationaler Frauentag  

Jana Frielinghaus 

In: junge Welt online vom 04.03.2015 

 

Er ist ganz klar eine »Erfindung« der proletarischen Frauenbewegung: Der Internationale Frauentag (I.F.). Das erste Mal wurde er - und das gleich in mehreren Ländern - im März 1911 mit Demonstrationen begangen, auf denen die Teilnehmerinnen insbesondere das aktive und passive Wahlrecht einforderten. 

Im Ersten Weltkrieg wurde er für Friedenskundgebungen genutzt und war gerade deshalb 1916 in Deutschland und Österreich zeitweilig verboten. 

Vorläufer waren Streiks von Tabakarbeiterinnen sowie ein achtwöchiger erfolgreicher Ausstand von 20.000 Hemdennäherinnen 1908 in Manhattan. Die unmittelbare Anregung soll von einem Beschluss der US-Sozialistinnen ausgegangen sein, die sich 1909 dafür aussprachen, künftig jedes Jahr »am letzten Februarsonntag große Propaganda für das Frauenwahlrecht und die Idee des Sozialismus« zu betreiben. Die deutschen Sozialdemokratinnen Clara Zetkin und Käthe Duncker griffen die Idee auf, ernteten aber von den Männern in ihrer Partei zunächst nur Spott und Ablehnung ob dieser »Frauenrechtelei«. Mehr Erfolg hatten die beiden auf der zweiten internationalen Frauenkonferenz der Sozialistinnen im August 1910 in Kopenhagen, wo der von ihnen und Genossinnen aus den Vereinigten Staaten eingebrachte Vorschlag einstimmig angenommen wurde. Am 19. März 1911 kam es in Deutschland, Österreich, Dänemark, der Schweiz und den USA zu großen Frauenkundgebungen, -versammlungen und -demonstrationen für das Wahlrecht, für Arbeiterinnen- und Mutterschutz sowie für den Acht-Stunden-Tag. In den Folgejahren wurde die Zahl der Länder, in denen es Aktionen gab, immer größer. 

Seit 1921 wird der I.F. weltweit am 8. März begangen. Mit dem Setzen dieses Datums wollten Kommunistinnen an die besondere Rolle erinnern, die Frauen, namentlich Arbeiterinnen, während der 1917er Revolutionen in Russland gespielt hatten. Denn am 8. März 1917 (nach dem alten russischen Kalender war es der 23. Februar) hatten Petersburger Textilarbeiterinnen mit ihrem Streik die Februarrevolution und die folgenden Umwälzungen eingeleitet, die zum Sturz des Zaren, zum Ende des Krieges und zur proletarischen Revolution im Oktober/November desselben Jahres führte. 

Während er in den ehemals sozialistischen Ländern sehr bald zu einem Ehrentag ähnlich dem Muttertag mutierte, an dem Männer den Frauen Kaffee und Kuchen servierten und der - zumindest in der DDR - zuverlässig zum feucht-fröhlichen Gelage wurde, blieb er für eine Minderheit engagierter, meist linker Frauen in den westlichen Industriestaaten, aber auch in Entwicklungsländern, ein Kampftag für Gleichberechtigung. War er in der Bundesrepublik der 60er Jahre fast vergessen, so machten Kommunistinnen, Aktive der Demokratischen Fraueninitiative (DFI), Gewerkschafterinnen, später auch Sozialdemokratinnen und Frauen aus der autonomen Bewegung den 8. März wieder bekannt - geeint im Kampf gegen den Paragraphen 218, der Abtreibung kriminalisierte, und gegen den Krieg. Aber auch im Westen erlebte er eine zunehmende Entpolitisierung, nachdem er als »Weltfrauentag« ab 1977 im Kalender der Vereinten Nationen vermerkt worden war. In 30 Ländern ist er inzwischen sogar ein gesetzlicher Feiertag. 

Immer wieder totgesagt, erlebt er in der Bundesrepublik in der Generation der heute 20- bis 35jährigen als »Frauen*kampftag«, ermutigend intensiv mit politischen Inhalten gefüllt, eine Renaissance. Nach einer erfolgreichen Demonstration vor einem Jahr mit rund 5.000 Teilnehmerinnen ruft das gleichnamige Bündnis für den kommenden Sonntag erneut zu einem kämpferischen Event auf. Der Link zum Demoaufruf fand sich 2014 sogar auf der Website von Alice Schwarzers Zeitschrift Emma. An gleicher Stelle erneuerte die Herausgeberin allerdings ihren Aufruf »Schafft den 8. März ab!« - u.a. mit dem Hinweis, dieser sei eine »sozialistische« Veranstaltung, »wir« hätten ihn »in den 70er Jahren« nicht gekannt, und aus »der Frauenbewegung« heraus sei er jedenfalls nicht entstanden. Aktuell findet sich zum Thema Frauentag bei Emma - nichts. Die Demo am 8. März in Berlin startet um 13 Uhr am Rosa-Luxemburg-Platz und endet um 16 Uhr am Brandenburger Tor. 

www.frauenkampftag2015.de 

 

__________________________ 

 

Nicht allein die Grapscherei 

Sexuelle Belästigung hat viele Formen 

Von Simon Poelchau 

 

Laut einer Umfrage der Antidiskiminierungsstelle fühlen sich Männer am Arbeitsplatz häufiger sexuell belästigt als Frauen. Doch die Täter sind wiederum meist Männer. 

Vor sechs Monaten meldete sich eine junge Frau bei ihrer Behörde, erzählt die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), Christine Lüders: Die Frau sei noch in Probezeit gewesen und bereits mehrmals von einem Vorgesetzten sexuell belästigt worden. Als sie im Betrieb um Rat suchte, merkte sie, dass sie nicht die einzige war, die belästigt wurde. Eine Mitarbeiterin der Personalabteilung bestätigte ihr sogar: »Der hat auch mich schon mehrmals angetatscht«. Doch es gab ein Problem: Der übergriffige Vorgesetzte war im Vorstand und einer der mächtigsten Männer im Betrieb. 

In: Neues Deutschland online vom 04.03.2015 

Weiter unter:  

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/963720.nicht-allein-die-grapscherei.html 

___________________ 

 

Immer mehr Frauen arbeiten in Teilzeitjobs 

Zuwachs seit 2001 um 2,5 Millionen / Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf Anfrage der Linken / Zimmermann warnt vor Frauenarmut 

 

Berlin Immer mehr Frauen arbeiten einem Zeitungsbericht zufolge in Teilzeitjobs - und immer weniger auf Vollzeitstellen. Das gehe aus der Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervor, schreibt die »Passauer Neue Presse«. 

Die Zahl der vollzeitbeschäftigten Frauen ging demnach zwischen 2001 und 2014 um knapp eine Million auf 7,5 Millionen zurück. 2014 arbeiteten 6,3 Millionen Frauen in sozialversicherungspflichtigen Teilzeitjobs - ein Zuwachs von 2,5 Millionen. 5,3 Millionen weibliche Beschäftigte hatten ausschließlich einen Minijob. 

In: Neues Deutschland online vom 02.03.2015 

Weiter unter:  

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/963500.immer-mehr-frauen-arbeiten-in-teilzeitjobs.html 

___________________ 

 

Trauriger Europarekord zum Frauentag  

Deutsche Frauen bekommen 45 Prozent weniger Rente als Männer Frauen verdienen weniger als Männer – und das nicht nur seit gestern. 

In. unsere zeit online vom 06.03.2015  

 

Im europäischen Durchschnitt liegen die Löhne um 15 Prozent auseinander. 

Das hat die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, in ihrer neuesten Studie wieder einmal bestätigt. 

Die neuen Daten zeigen aber auch, dass diese Ungerechtigkeit nicht nur lohnabhängige Frauen betrifft. Auch selbstständige Frauen verdienen signifikant weniger als Männer. Liegt der OECD-Durchschnitt bei einer Lücke von 35 Prozent, so ist die Diskrepanz in Deutschland noch größer: 40 Prozent! Auch die skandalöse Tatsache, dass Frauen beträchtlich niedrigere Renten beziehen als Männer, wurde durch die aktuelle Studie bekräftigt. Im Durchschnitt der europäischen OECD-Länder und der USA liegen sie um 28 Prozent niedriger. 

Deutschland hat die rote Laterne: Der Unterschied der Rentenhöhe zwischen Männer und Frauen ist hierzulande am höchsten: geschlagene 45 Prozent! Das bestätigen auch Zahlen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung (WSI): „Die durchschnittliche Rentenzahlung bei Renten wegen Alters lag 2012 bei Frauen mit ca. 550 Euro nur etwas mehr als halb so hoch wie die der Männer", wird im Gender- Daten-Portal des WSI nüchtern festgestellt. 

Diese Diskrepanz lässt sich nicht mehr allein durch Kindererziehung, Pflege von Angehörigen, vermehrte Teilzeitarbeit erklären. Jedoch lassen sich die Zahlen der OECD ergänzen durch Feststellungen wie: Frauen – vor allem alleinerziehende – sind überdurchschnittlich im ALG-II-Bezug, Teilzeit ist vor allem Frauensache, der Lohnabstand zu Männern beträgt etwa 20 Prozent usw. 

Selbst in der Bildung, wo sich die Lücke am ehesten zu schließen scheint, bleibt der Geschlechterunterschied. In den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) wird er besonders deutlich. Während in Mexiko Frauen mit 35 Prozent in diesen zukunftsträchtigen Feldern vertreten sind, sind es in Deutschland gerade 15 Prozent. 

Das OECD-Genderportal ergänzt diese klassischen Indikatoren mit neuen Erkenntnissen, darunter Zahlen zum Internetverhalten von Frauen, zur Freiwilligenarbeit oder zu den Unterschieden im Finanzwissen bei Jungen und Mädchen. 

Georges Hallermayer Linktipp: www.oecd.org/gender; www.boeckler.de/wsi_38 957.htm 

___________________ 

 

Gedanken zum Internationalen Frauentag 2015

In: unsere zeit online vom 06.03.2015  

 

Nahezu 105 Jahre sind vergangen, seit die II. Internationale Sozialistische Frauenkonferenz in Kopenhagen auf Vorschlag von Clara Zetkin und Käte Duncker den Beschluss fasste, jährlich einen Frauentag als einheitliche internationale Aktion der Frauen durchzuführen. In diesem Jahr fällt der Internationale Frauentag 2015 mit einem bedeutenden Ereignis zusammen: dem 20. Jahrestag der Pekinger Weltfrauenkonferenz 1995. Frauen in der ganzen Welt werden diesen Frauentag nutzen, um die Umsetzung der in Peking beschlossenen Aktionsplattform unter die Lupe zu nehmen. 

189 Staatenvertreterinnen und –vertreter haben sich im Konsens über die Aktionsplattform geeinigt und sich verpflichtet, sie in ihren Ländern in die Tat umzusetzen. 

Wie aber sieht es damit aus? Vieles hat sich in den vergangenen Jahren getan. Historisch betrachtet, haben Frauen in ihrem Ringen für gleiche Rechte für Frauen schon einiges erreicht. Das Bewusstsein, dass Gleichstellung zwischen Frauen und Männern nicht nur ein Grundrecht, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit ist, hat sich zunehmend durchgesetzt. Einen wesentlichen Beitrag dazu hat das Internationale Jahr der Frau, das auf Initiative von Frauenverbänden 1975 von der UNO proklamiert wurde und deren Höhepunkte der Weltkongress in Berlin und die UN-Weltfrauenkonferenz in Mexiko waren, geleistet. Die sich anschließende UNO-Dekade für die Frau „Gleichberechtigung, Entwicklung und Frieden" mit ihren beiden Weltfrauenkonferenzen in Kopenhagen 1980 und Nairobi 1985 und schließlich die Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking sind weitere markante Punkte. Erwähnt werden soll in diesem Zusammenhang auch das einzige völkerrechtlich verbindliche Dokument, das Übereinkommen für die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau CEDAW, das 1979 von der UNO-Generalversammlung angenommen wurde und dem bis heute 188 Staaten beigetreten sind. 

Trotz vieler gesetzlicher Regelungen in den Mitgliedsstaaten der UNO und auch in Deutschland, der Schaffung von Mechanismen institutionalisierter Gleichstellungspolitik und Umsetzung von „zeitweiligen Sondermaßnahmen zur beschleunigten Herbeiführung der De-facto-Gleichberechtigung von Mann und Frau", wie es in Artikel 4 von CEDAW gefordert wird, haben wir die Gleichstellung von Frauen und Männer immer noch nicht erreicht. 

Wir leben in einem Staat, der im Artikel 3 des Grundgesetzes formal Frauen und Männern gleiche Rechte garantiert. 1994 wurde diesem Artikel ein Zusatz hinzugefügt, in dem der Staat aufgefordert wird, für die „tatsächliche Durchsetzung" der Gleichberechtigung und die „Beseitigung bestehender Nachteile" Sorge zu tragen. 

Auch in der Europäischen Union ist die Gleichstellung der Geschlechter ein Grundprinzip ihrer Politik und des Gemeinschaftsrechtes. Bereits in den Römischen Verträgen von 1957 wurde der Grundsatz der Entgeltgleichheit von Frauen und Männern bei gleicher oder gleichwertiger Arbeit festgeschrieben. 

Im Vertrag von Lissabon wird die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern als Grundwert und Ziel der Europäischen Union festgeschrieben. 

Wahre Gleichbehandlung der Geschlechter macht es zwingend notwendig, die grundlegenden Ursachen der sozialen, politischen und wirtschaftlichen geschlechterspezifischen Unterschiede anzugehen. 

In den vergangenen Jahren wurden häufig nur die Symptome der Ungleichstellung bekämpft. 

Wenn die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten sich nicht intensiv mit den der Ungleichbehandlung von Frauen und Männern zugrunde liegenden Mechanismen, mit den Ursachen ungleicher Ressourcen- und Machtverteilung beschäftigen und diesbezüglich radikale Veränderungen in Angriff nehmen, wird auch in den nächsten Jahrzehnten keine völlige Gleichstellung von Frauen und Männern erreicht werden. Die Europäische Kommission hat in ihrem Jahresbericht zur Gleichstellung zwischen Frauen und Männern festgestellt, dass es bei Beibehaltung des jetzigen „Tempos" zur Umsetzung von Geschlechtergleichstellung 30 Jahre dauern wird, bis das Ziel einer 75-Prozent-Vollzeitbeschäftigungsrate von Frauen erreicht sein wird. 70 Jahre werden vergehen, bevor das Lohngefälle beseitigt sein wird. 

20 Jahre wird es dauern, bis Parität in den Parlamenten erreicht wird, und 40 Jahre, bis Hausarbeit zu gleichen Teilen wahrgenommen wird. 

Der diesjährige Internationale Frauentag wird auch in diesem Jahr deutlich machen, dass Frauen auch in Zukunft ihre Rechte einfordern müssen. 

Schon Louise Otto-Peters hat 1849 gemahnt: „Mitten in den großen Umwälzungen, in denen wir uns alle befinden, werden sich die Frauen vergessen sehen, wenn sie an sich selbst zu denken vergessen". 

Brigitte Triems, Vorsitzende des Demokratischen Frauenbundes e. V. 

 

___________________ 

 

Von Putzmännern und Ministerinnen

„Wenn wir zusammen gehen, geht mit uns ein neuer Tag. 

In: unsere zeit online vom 06.03.2015  

 

Her mit dem ganzen Leben - Brot und Rosen!" Ein ganzes Jahr lang haben sie demonstriert und gestreikt, haben gekämpft und verloren – die 500 griechischen Putzfrauen von Athen. Zwar hatte die neue Syriza- Regierung als eine ihrer ersten Maßnahmen ihre Wiedereinstellung verfügt. Doch machte ihnen das oberste Gericht, der Areopag, jetzt einen Strich durch die Rechnung. Erst im Oktober soll der Fall dort verhandelt werden. 

Vorläufig erfolglos endete seinerzeit auch der Streik der (vorwiegend) weiblichen Reinigungskräfte in Los Angeles, dokumentiert in dem bekannten Film von Ken Loach aus dem Jahr 2000. Trotz des Mutes der illegal eingewanderten Maya, trotz der Spaltungsversuche der Bosse und trotz dynamischen Beistands durch den jungen Gewerkschaftsorganizer unterliegt die tapfere Putzkolonne – geschlagen, aber nicht entmutigt. 

„Brot und Rosen" heißt dieser Film, in Anspielung auf die gleichnamige Hymne der Frauen- und Gewerkschaftsbewegung, die während des legendären Erzwingungsstreiks der Näherinnen in Lawrence (Massachusetts) vor über 100 Jahren „geboren" wurde. Seitdem hat dieses Lied von den „Frauen, die sich wehren" Erfolge und Niederlagen begleitet; Fortschritte und bittere Rückschläge. 

„Brot und Bildung und Freiheit" – das skandierten die Studierenden am Athener Polytechnikum im November 1973. Daran erinnerte in einem Interview anlässlich des 40. Jahrestags der blutigen Niederschlagung dieses Aufstands die griechische Ökonomin und Publizistin Nadia Valavani. Die damals 19-Jährige hatte am Widerstand gegen die Obristen- Diktatur teilgenommen. Wie viele wurde sie eingekerkert und gefoltert. Ein gutes halbes Jahr später war es vorbei mit der faschistischen Junta, nach sieben langen Jahren. 

Nie und nimmer, sagt Valavani, hätte sie sich vorstellen können, dass vier Jahrzehnte danach die Forderung nach „Brot, Bildung, Freiheit" noch so brennend aktuell sein würde. Dass es wieder Massenarbeitslosigkeit und Hunger geben könnte; Säuglingssterblichkeit und Kinderhandel, Prostitution und Selbstmorde, Tag für Tag mehr; Schließungen von Schulen und Krankenhäusern und und und … Protestierende erweitern heute diese Parole oft um den Zusatz „Die Militärjunta hat nicht 1973 geendet." Die Schocktherapie der EU-Sparkommissare und -Kommissarinnen (!), im Bunde mit den großen Konzernen und Banken sowie deren Kumpanen in der eigenen Regierung hat Griechenland ein weiteres Mal gründlich verheert. 

Diesem Elend ein Ende zu setzen, dafür haben die linken Parteien mit ihren zusammengezählt 42 Prozent Wählerstimmen ein überwältigendes Mandat erhalten. Schon zieht die herrschende Klasse alle Register, um die Glaubwürdigkeit der leider ohne Beteiligung der KKE gebildeten Syriza-Regierung zu unterminieren. Auch das jüngste Gerichtsurteil verheißt da nichts Gutes. Jedwede Hoffnung auf ein durchschlagendes Comeback der Linken – nach der Niederlage der sozialistischen Länder 1989 in Europa – soll im Keim erstickt werden. Denn von der griechischen „Wiege der Demokratie" könnte ja tatsächlich „ein Wechsel beginnen, der die Entwicklung in ganz Europa beeinflusst", so Nadia Valavani im Interview. Seit Januar ist sie stellvertretende Finanzministerin. 

Ministerin? Feministinnen äußern Misstrauen gegenüber dieser „Männerbund"-Regierung (nachzulesen in „TAZ" und „Missy"). Nur sechs Frauen im Kabinett, das ist schon weng wenig, und dann lediglich als Vize-Ministerinnen. Welch ein Rückfall hinter erkämpfte Quotierungsstandards! Demgegenüber vorbildlich wäre also die Gro- Ko-Regierung, angefangen bei Angela Merkel und Ursula von der Leyen bis hin zu Schwesig und Hendricks? Eine Kanzlerin, die nicht nur in Athen die Hassfigur Nummer Eins ist, und eine Verteidigungsministerin, die fast überall in der Welt Bundeswehrpanzer auffahren lässt? Mit der demokratischen Frauenbewegung haben doch diese Damen – und wenn sie noch so viele Kitas eröffneten – nicht einmal einen Besenstiel gemeinsam! Selbst die erhoffte Wiederkehr der kämpferischen Putzfrauen stößt auf feministische Kritik: Sollen sich die Frauen wirklich danach drängen, nun aufs Neue den Männern im Parlament hinterherzuputzen? Moment – da ist was dran! Vorschlag zur Güte: Vielleicht sollten sich die Reinigungsdamen mit den übrigens ähnlich streikfreudigen Männern von der Athener Müllabfuhr zusammentun, um gemeinsam für mehr Gender-Gerechtigkeit zu kämpfen? Spaß beiseite. Freie Berufswahl, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Frauen in Leitungsfunktionen – solche grundlegenden Frauenrechte waren zwar in der sozialistischen DDR weitgehend garantiert. 

(Und das allgemeine Recht auf Arbeit obendrein.) Im real existierenden Kapitalismus jedoch werden wir uns weiterhin danach abstrampeln müssen. 

Heute allerdings muss es uns um weit mehr gehen: Die Demokratie in Europa ist bedroht und der Frieden schon lange. „Wohl bedarf auch die Proletarierin der sozialen Gleichberechtigung als Geschlechtswesen", befand Clara Zetkin, die spätere KPD-Reichstagsabgeordnete, bereits 1899, „aber vor allem zu dem Zwecke, um mit aller Wucht gegen die kapitalistische Ordnung kämpfen zu können." Vorwärts zu einem kämpferischen und solidarischen 8. März! Eva Petermann 

 

___________________