Arm bleibt arm – Reich wird reicher  

Oxfam Studie: 2016 besitzt ein Prozent der Weltbevölkerung mehr als alle anderen zusammen  

In: unsere zeit online vom 30.010.2015 

 

Unmittelbar vor Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos veröffentlichte die englische Entwicklungsorganisation Oxfam eine Studie, die belegt: Der weltweite Reichtum konzentriert sich in immer weniger Händen. 

Besaß das reichste Prozent der Weltbevölkerung – etwa 70 Millionen Menschen – vor fünf Jahren bereits 44 Prozent des weltweiten Vermögens, waren es im vergangenen Jahr schon 48 Prozent. Hält dieser Trend an, könnten es im nächsten Jahr schon mehr als die Hälfte sein. Eine weitere Berechnung in der Studie besagt, dass die reichsten 80 Personen ihr Vermögen von 2009 bis 2014 verdoppeln konnten. Sie besitzen so viel wie die ärmsten 3,5 Milliarden Menschen. 

Auch die Analysten der Nachrichtenagentur Bloomberg haben sich die Vermögensentwicklung der Milliardäre angeschaut. Die 400 reichsten Menschen haben demnach ihr Vermögen im vergangenen Jahr um – zusammengerechnet – 92 Milliarden Dollar vergrößert. 

Ende Dezember summierte es sich auf sage und schreibe 4,1 Billionen Dollar. 

Reichster Mann weltweit bleibt Bill Gates, Mitgründer des Softwarekonzerns Microsoft. 87,6 Milliarden Dollar kann er sein Eigen nennen. Allein im letzten Jahr wuchs sein Reichtum um 9,1 Milliarden Dollar. Der Spekulant Warren Buffet schaffte es im Bloomberg Milliardäre-Index auf Platz 2. Im letzten Jahr flossen ihm 13,7 Milliarden Dollar in die Taschen. 

Eine Hauptursache der sozialen Ungleichheit sieht Oxfam in der neoliberalen Politik, die auf das freie Spiel der Marktkräfte setzt und den staatlichen Einfluss zurückfahren will. So würden öffentliche Ausgaben gekürzt, öffentliches Eigentum privatisiert, und über das Steuersystem werde das nationale Einkommen großzügig von unten nach oben umverteilt. Auch wenn diese Politik einen erheblichen Anteil an der Entstehung der jüngsten globalen Finanz- und Wirtschaftskrise habe, bliebe sie auch weiterhin die weltweit vorherrschende Ideologie. 

Wirtschaftliche Eliten verstünden es, schreibt Oxfam, ihre Macht zu nutzen und politische Entscheidungen zu ihren Gunsten zu beeinflussen. In reichen wie in armen Ländern würden sie mit den Regierungen Vergünstigungen aushandeln auf Kosten der anderen. 

So geben allein in der EU die Finanzinstitute und ihre Lobbyvertretungen jährlich 120 Milliarden Euro aus und beschäftigen rund 1700 Lobbyisten, um die Politik der EU auf Linie zu bringen. Gewerkschaften, Verbraucher- und Umweltschützer können dabei nicht mithalten. Bei einem Etat von etwa vier Millionen Euro im Jahr ist es kein Wunder, dass die EU-Bürokratie kein Ohr für die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung hat. 

Weiter stellt Oxfam fest: Lohnarbeit bestimme die wirtschaftliche Lage, Zukunftschancen und –risiken der meisten Menschen. Seit 1990 nehme jedoch der Anteil der Lohnarbeit am nationalen Reichtum ab. Das gelte für reiche wie arme Länder. Weltweit tragen Arbeiter und Angestellte also ein kleiner werdendes Stück vom Kuchen nach Hause, während jene „an der Einkommensspitze mehr und mehr bekommen". Wer in Armut lebt, bleibt meist arm – unabhängig von der geleisteten Arbeit. 

Deshalb fordert Oxfam, dass in jedem Land ein Mindestlohn in existenzsichernder Höhe eingeführt wird. Außerdem sollen Vermögen und daraus erzielte Einkünfte stärker besteuert sowie Schlupflöcher im Steuersystem geschlossen werden. 

Adressat der Forderungen sind die Regierungen. Nimmt Oxfam die eigenen Erkenntnisse ernst, müssten sie allerdings feststellen: Uns fehlt das Nötige Kleingeld, um uns dort Gehör zu verschaffen. 

Bernd Müller 

 

 

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