Fressmesse  

Grüne Woche zieht immer mehr Gegner an  

Jana Frielinghaus 

In: junge Welt online vom 17.01.2015 

 

Wenn am Samstag die Grüne Woche zum 80. Mal ihre Tore für den Besucherverkehr öffnet, wird auch wieder gegen den Status quo in Lebensmittelindustrie und Landwirtschaft mit dem Zwang zu immer mehr Produkten in immer größeren Mengen - und den Folgen für Mensch, Tier und Umwelt - protestiert. Es ist bereits die fünfte Demonstration in Folge, ins Leben gerufen wurde die Aktion von der Initiative »Meine Landwirtschaft«. 

Erneut werden dazu rund 20.000 Teilnehmer erwartet. 

Partnerland der nach Veranstalterangaben »weltgrößten Verbraucherschau  für Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau« ist in diesem Jahr Lettland. 1.660 Aussteller aus 68 Ländern präsentieren Produkte aus aller Welt. 

Erneut wird auch die Bundeswehr mit einem Stand vertreten sein, deren Sanitätsdienst vorgeblich insbesondere über gesunde Ernährung referieren will. Die Marschverpflegung der Rekruten müsse »sowohl unter extremen klimatischen Bedingungen wie auch bei Frosttiefen bis minus 40 Grad Celsius oder tropischen Temperaturen eine lange Lagerfähigkeit aufweisen als auch noch genussvoll schmecken«, heißt es dazu auf der Webseite der Jugendoffiziere der Truppe. Im vergangenen Jahr war auch ein Sanitätspanzerfahrzeug vor Ort. 

Wie das Onlineportal sputniknews berichtet, ist Russland trotz des Wirtschaftskrieges zwischen Moskau und der EU wegen der Ukraine-Krise erneut der größte Aussteller. 170 Unternehmen aus 15 Regionen sind derzeit in Berlin vertreten. Sie wollen während der Messe Geschäftsvereinbarungen »mit einem Gesamtvolumen von 102 Millionen Euro« unterzeichnen, wie das russische Landwirtschaftsministerium mitteilte. 

Im Vorfeld der Grünen Woche fand vom 15. bis 17. Januar auf dem Messegelände auch das siebte »Global Forum for Food and Agriculture« (GFFA) statt, von den Veranstaltern als das »Davos der Land- und Ernährungswirtschaft« gepriesen. Gründungsmitglieder sind u. a. die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, der Deutsche Bauernverband und der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (OA). 

Leitthema des Forums: »Die Agrarproduktion steigern und die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten« - alles selbstredend »nachhaltig«. Auf dem GFFA vertretene Firmen waren u. a. die Südzucker AG, der US-Maschinenhersteller John Deere, Weltmarktführer bei Landtechnik, und der Agrochemiekonzern Bayer CropScience. Zum Abschluss des GFFA findet am Samstag zudem der »Berliner Agrarministergipfel« statt, an dem 70 Ressortchefs aus aller Welt teilnehmen werden. 

www.wir-haben-es-satt.de 

 

__________________________ 

 

»Wir brauchen regionale Kreisläufe«  

Zur Grünen Woche wird in Berlin wieder für eine ökologische und soziale Agrarwende demonstriert. TTIP bedroht Umwelt- und Verbraucherschutz. 

Gespräch mit Kirsten Tackmann Jana Frielinghaus 

In: junge Welt online vom 17.01.2015 

 

Kirsten Tackmann ist agrarpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag 

  

Zum Auftakt der Grünen Woche findet an diesem Sonnabend zum fünften Mal eine Großdemonstration für eine soziale und ökologische Agrarwende und gegen »Tierfabriken« statt. Die Organisatoren wenden sich aber auch gegen das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP. Sind denn Warnungen vor Hormonfleisch, vor Chlorhühnchen und der Invasion der Genpflanzen im Zusammenhang mit TTIP noch begründet? 

Insbesondere die Unionsparteien sind hier sehr um Entwarnung bemüht. Und auch EU-Kommissar Phil Hogan, mit dem die Agrarpolitiker im Bundestag am Donnerstag ein Gespräch hatten, meinte, wir müssten uns da gar keine Sorgen machen. Möglicherweise stimmt es sogar, dass TTIP zunächst keine Nivellierung geltender Standards bringen wird. Die viel größere Gefahr liegt aber in den zugleich geplanten privaten Schiedsgerichten. Vor denen könnten Konzerne künftig zum Beispiel gegen neue Gesetze zu Umweltauflagen klagen. Sie können dann entweder verlangen, dass die Standards nicht erhöht werden oder dass die Staaten den erwarteten Profitausfall bezahlen, also letztlich die Bürger. Deshalb finde ich, dass TTIP generell gestoppt werden muss, weil es ein Angriff auf den Rechtsstaat ist. 

Tierhaltung in großen Beständen bleibt ein Problem, gerade für die Umwelt. 

Am Mittwoch hat der von der Bundesregierung berufene Sachverständigenrat für Umweltfragen ein Gutachten vorgelegt, in dem wegen der wachsenden Stickstoffbelastung von Böden und Grundwasser Alarm geschlagen wird. Unter anderem wird die Einführung einer Abgabe für Agrarbetriebe bei Überschreitung bestimmter Grenzwerte hinsichtlich der Stickstoffemissionen gefordert. Wie stehen Sie zu diesem Vorschlag? 

Wir müssen auf jeden Fall was machen. Stickstoff hat die Eigenschaft, dass er sich nicht abbaut, dass wir also sehr lange etwas davon haben. Es gibt zum Beispiel Altlasten, die schon 40 Jahre lang existieren, andererseits kommen immer neue Einträge hinzu. Wir tendieren als Linke dazu, solche Forderungen zu unterstützen. 

Die Situation ist dabei aber regional sehr unterschiedlich. In Brandenburg haben wir zum Beispiel viele Gebiete, in denen organischer Dünger fehlt, weil kaum noch Tiere gehalten werden - und wo teilweise auch zu viel mineralischer Stickstoff eingesetzt wird. Andererseits fehlen in Niedersachsen Hunderttausende Hektar, um die durch die vielen gewerblichen Mastbetriebe anfallende Gülle auszubringen. Deshalb muss die Tierhaltung sinnvoll verteilt und flächengebunden organisiert werden - so, dass man nicht über »Entsorgung« redet, sondern über wertvollen Dünger, der wieder in den betrieblichen Kreislauf zurückgeht. Wir brauchen solche regionalen Stoffkreisläufe, die Entkopplung von Ackerbau und Tierhaltung muss wieder aufgehoben werden. 

Was wäre aus Ihrer Sicht von seiten der Bundespolitik möglich und nötig, um eine tier- und umweltgerechte Erzeugung tierischer Lebensmittel zu fördern bzw. zu sichern? 

Uns ist wichtig, dass bei den Profiteuren angesetzt wird. Die Landwirtschaft muss ihre Verantwortung übernehmen, aber der Lebensmitteleinzelhandel hat durch seine Preispolitik einen wesentlichen Anteil an schlechten Haltungsbedingungen und am Druck auf die Landwirte, immer mehr Tiere zu halten. Da werden Fleisch und Milchprodukte regelrecht verramscht, und trotzdem werden dicke Gewinne eingefahren. 

Interessanterweise hat gerade die niederländische Agrarministerin angekündigt, dass die Regierung ihres Landes dafür sorgen will, dass Fleisch eben nicht mehr als Lockangebot zu extrem niedrigen Preisen verkauft werden darf. Denn gerade dadurch bekommen immer mehr Landwirtschaftsbetriebe nicht einmal mehr die Produktionskosten vergütet. 

Auch in der Schlachtindustrie nimmt durch die Dumpingpreise im Handel der Druck, vor allem auf die Arbeiter, zu. 

Aber natürlich muss auch über Maßnahmen hinsichtlich der Tierhaltung nachgedacht werden, zum Beispiel über eine deutliche Begrenzung der Tierbestände. Die Linke hat schon im vergangenen Jahr einen Antrag zur Deckelung von Beständen vorgelegt. Denn es wird insgesamt in Deutschland zu viel Fleisch produziert. Die Landwirtschaft muss auf ihre regionale Versorgungsfunktion zurückgeführt werden und nicht mehr den Weltmarkt mit Billigware überschwemmen. 

Wie viele Mastschweine oder Hähnchen sollten denn zum Beispiel nach Ihrer Vorstellung an einem Standort maximal gehalten werden dürfen? 

Hier haben wir uns ausdrücklich noch nicht auf Zahlen festgelegt, weil das auch einer wissenschaftlichen Bewertung bedarf. Wir haben aber ganz klar gesagt: 40.000 Schweine oder 400.000 Hähnchen an einem Standort sind deutlich zu viel. Das ist auch eine ethische Frage. Denn wenn zum Beispiel Tierseuchen ausbrechen, dann muss immer der gesamte Bestand getötet werden. 

Stichwort Gentechnik: Das EU-Parlament hat vor wenigen Tagen eine Richtlinie beschlossen, die nationale Anbauverbote für genmanipulierte Sorten erleichtern soll. Sie haben in diesem Zusammenhang die Bundesregierung kritisiert. Warum? 

Grundsätzlich hatten wir die Position, dass solche Pflanzen EU-weit gar nicht erst zugelassen werden. Aber die Möglichkeit nationaler Verbote ist ein kleiner Fortschritt. Die Frage ist jedoch, wie das in Deutschland umgesetzt wird. Da habe ich große Sorge, dass es keine einheitliche Lösung geben wird, sondern einen Flickenteppich, wenn die Aufgabe, über Verbote zu entscheiden, an die Länder delegiert wird. 

Mit der neuen Richtlinie ist aber auch die Gefahr verbunden, dass Sorten auf EU-Ebene viel schneller zugelassen werden - und dass auch die Bundesregierung mit dem Verweis darauf, dass man ja national verbieten kann, dort für die Genehmigung stimmt. Auf eine kleine Anfrage hin hat uns die Regierung gerade bestätigt, dass sie genau so vorgehen wird. 

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hat angekündigt, sie wolle ein für die gesamte Bundesrepublik geltendes generelles Zulassungsverbot durchsetzen ... 

Das wäre auch aus meiner Sicht die einzige vernünftige Lösung. Denn die sogenannte Koexistenz gentechnikfreier und genetisch veränderter Kulturen ist faktisch nicht möglich. Pollen werden über große Entfernungen durch Insekten weitergetragen. Die machen nicht an Ländergrenzen halt, Verunreinigungen von konventionellen Kulturen wären programmiert. 

Allerdings entscheidet darüber letztlich Agrarminister Christian Schmidt. 

Sie haben Verunreinigungen erwähnt. Die spielen auch bei der aktuellen Debatte um eine von der EU-Kommission vorangetriebene sogenannte Totalrevision der Ökoverordnung der Europäischen Union eine Rolle, gegen die Biolandbauverbände und -lebensmittelwirtschaft Sturm laufen ...  

Das liegt daran, dass der noch vom ehemaligen EU-Agrarkommissar Dacian Cioloş eingebrachte Vorschlag für eine neue Verordnung ein Paradigmenwechsel bei der Charakterisierung von Produkten als »bio« wäre. 

Bislang gilt, dass ein Produkt das EU-Biosiegel bekommt, das auf bestimmte Art und Weise, also ohne Einsatz leichtlöslicher mineralischer Dünger und von Pestiziden zum Beispiel, erzeugt wurde. Definiert ist also der Prozess der Herstellung. 

Der neue Verordnungsentwurf sieht nun vor, dass fast ausschließlich das Produkt selbst bestimmte Kriterien erfüllen und sehr niedrige Grenzwerte zum Beispiel bei Pestizidrückständen nicht überschreiten darf. Das kann dazu führen, dass Biobauern aufgrund erhöhter Werte, die nicht sie, sondern Nachbarbetriebe verschuldet haben, ein Siegel aberkannt wird. Für die Aberkennung soll es dann zwar Entschädigungen geben, aber die fangen in keiner Weise die Verluste und die mit den neuen Regelungen verbundenen erheblich höheren Kosten für Produktkontrollen auf. 

In der Frage der EU-Ökoverordnung herrscht aber im Bundestag ausnahmsweise in allen Parteien Einigkeit darüber, dass es zu dieser grundlegenden Änderung nicht kommen darf. Es bleibt abzuwarten, wie das auf EU-Ebene entschieden wird. 

 

__________________________ 

 

»Landwirtschaft muss wieder versorgen« 

Kirsten Tackmann fordert weniger Marktkonzentration bei Lebensmitteln 

 

Kirsten Tackmann ist agrarpolitische Sprecherin der LINKEN im Bundestag. Haidy Damm sprach anlässlich der Internationalen Grünen Woche mit der Tierärztin über die Zukunft der Landwirtschaft, regionale Lebensmittel und verbesserten Tierschutz. 

Am Wochenende demonstrierten rund 40 000 Menschen für eine Agrarwende. Was hat die Bewegung Ihrer Meinung nach erreicht? 

Nachdem sie lange ignoriert wurde, ist es ein Erfolg, dass heute eingestanden wird, wir haben ein Problem. Gleichzeitig hat sich noch zu wenig geändert. Mir fehlt allerdings in der Debatte, an den Ursachen anzusetzen statt Symptome zu bekämpfen. 

In: Neues Deutschland online vom 21.01.2015 

Weiter unter:  

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/959071.landwirtschaft-muss-wieder-versorgen.html 

___________________ 

 

Discounter-Opfer  

Landwirt Kritischer Agrarbericht: Bündnis wendet sich gegen Preiskampf auf dem Rücken der Bauern. Neuausrichtung der Förderpolitik gefordert  

Jana Frielinghaus 

In: junge Welt online vom 16.01.2015 

 

Klare Worte zu den Ursachen nicht artgerechter Tierhaltung in immer größer werdenden Mastanlagen in der Bundesrepublik fand am Donnerstag der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes: »Der Landwirt hat schlicht keine Luft, um in mehr Tierschutz zu investieren«, sagte Thomas Schröder bei der Vorstellung des aktuellen Kritischen Agrarberichts zum Auftakt der Grünen Woche in Berlin. Denn die »aggressive Preispolitik des Discounters Aldi-Süd, der andere Ketten und Handelsunternehmen meist folgen«, führe zu den Dumpingpreisen für Fleisch. Wenn Schweinemäster wie derzeit nur noch 1,30 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht erhalten, könne niemand mehr kostendeckend produzieren, betonte Georg Janßen, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die federführend bei der Erarbeitung des Berichts ist. Herausgegeben wird er seit mehr als 20 Jahren vom AgrarBündnis, einem Zusammenschluss von 25 Verbänden aus Umwelt- und Tierschutz, alternativer Land- und Ernährungswirtschaft sowie der Entwicklungszusammenarbeit. 

Die großen Discounter haben Schröder zufolge inzwischen einen Anteil von 40 Prozent am gesamten Lebensmitteleinzelhandel und bestimmen damit die Preise - nicht nur bei Fleisch, sondern auch bei Milchprodukten und den anderen Nahrungsmitteln. Auch der Milchpreis ist wieder stark gefallen. Der Bund Deutscher Milchviehhalter macht in erster Linie die völlige Abschaffung der Mengenbegrenzung durch Quoten dafür verantwortlich. Derzeit bekommen deutsche Landwirte je Liter Milch 27 bis 28 Cent. Zum Vergleich: 2013 wurden zeitweilig deutlich mehr als 40 Cent gezahlt. 

Tierschützer Schröder forderte von der Politik gesetzliche Verbote von Preisen, die unter den Produktionskosten liegen. Weiter verlangte er von der Bundesregierung eine schärfere Gesetzgebung hinsichtlich der Vorgaben zur artgerechten Haltung und eine »Schärfung des Vollzugs«. Der Protest gegen »Tierfabriken« ist am morgigen Samstag bereits zum fünften Mal eines der Hauptthemen der Großdemonstration »Wir haben es satt!«, die wie in den vergangenen Jahren zum Auftakt der Grünen Woche um 12 Uhr auf dem Potsdamer Platz in Berlin starten wird. Dieses Jahr ruft der Deutsche Bauernverband gemeinsam mit der »Agrarwirtschaft«, zu der u.a. die großen Futtermittel-, Saatgut- und Maschinenhersteller zählen, erstmals zu einer Gegendemo »für eine moderne Landwirtschaft« unter dem Motto »Wir machen euch satt!« auf. 

Georg Janßen von der AbL sieht diese »Konkurrenz« ebenso gelassen wie Differenzen innerhalb seines Demobündnisses, etwa über das Ob und Wie von Tierhaltung und Fleischkonsum. In den wesentlichen Punkten herrsche große Einigkeit im Bündnis, sagte er auf jW-Nachfrage. Weitere Schwerpunkte der Demo sind der Widerstand gegen das geplante transatlantische Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA sowie gegen Gentechnik, aber auch die Forderung, die nationalen Spielräume bei der Verteilung der EU-Agrarsubventionen stärker als bisher zugunsten einer Förderung der »bäuerlichen« und ökologischen Landwirtschaft zu nutzen. Die seien nach der letzten Brüsseler Reform »so groß wie nie«, sagte Janßen. 

Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) ging am Donnerstag insbesondere auf die von TTIP ausgehenden Gefahren für in der EU geltende Umwelt- und Lebensmittelstandards ein. »Entgegen regierungsoffiziellen Verlautbarungen ist auch beim Verbraucherschutz mit Kompromissen auf niedrigstem Niveau zu rechnen«, sagte er. Die Zulassung von Hormonen in der Tiermast in der EU sei ebensowenig vom Tisch wie eine Ausweitung der Vermarktung und des Anbaus von genmanipulierten Produkten und Kulturen. Zudem werde durch Verträge wie TTIP die bäuerliche Landwirtschaft weltweit bedroht. 

www.kritischer-agrarbericht.de 

www.wir-haben-es-satt.de 

 

__________________________ 

 

Das Tier in dir 

Hoher Fleischverbrauch und Protest gegen Riesenställe / Grüne Woche in Berlin 

 

Berlin. Wenn es um die Wurst geht, herrschen in Deutschland nach wie vor klare Verhältnisse: Fast drei Viertel - genau: 71 Prozent - stellen beinahe täglich Fleisch oder Wurst auf den Tisch. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Magazins »Stern« legen Männer größeren Wert darauf als Frauen. Nur ein Viertel der Befragten isst höchstens einmal pro Woche Fleisch oder Wurst. 

In: Neues Deutschland online vom 15.01.2015 

Weiter unter:  

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/958524.das-tier-in-dir.html 

___________________ 

 

Bund treibt Bodenpreise hoch  

Treuhand-Nachfolgerin privatisierte auch 2014 rund 47.000 Hektar ehemals volkseigener Flächen - zu weit über Durchschnitt liegenden Beträgen  

Jana Frielinghaus 

In: junge Welt online vom 10.01.2015 

 

Die 1992 als eine Nachfolgerin der Treuhandanstalt gegründete Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG) verkauft und verpachtet seit mehr als 20 Jahren im Auftrag des Bundesfinanzministeriums Äcker, Wälder und Seen, die sich im DDR-Staatseigentum befanden. Sie hat dem Bund mit ihrer Tätigkeit einige Milliarden Euro Reinerlös erwirtschaftet - auch durch dessen Vorgabe, die Privatisierung, wo möglich, zu aktuellen Marktpreisen zu bewerkstelligen. Angesichts der rasant steigenden Preise für das stabile Renditen abwerfende Anlageobjekt Boden, das zugleich Hauptproduktionsmittel für die Lebensmittelerzeugung ist, ein sehr einträgliches Geschäft. 

Am Freitag präsentierte die BVVG ihre Bilanz für 2014. Sie hat auch im vergangenen Jahr 33.700 Hektar Landwirtschafts- und 13.400 Hektar Forstflächen verkauft und kann erneut 507 Millionen Euro Überschuss an den Bund abführen. Obwohl das weniger Ackerland und Wald als im Vorjahr war, stieg der Reinerlös um 71 Millionen Euro an. 

Die Hektarpreise für zum Verkehrswert verkaufte Flächen stiegen gegenüber 2013 um satte zwölf Prozent an, berichtete BVVG-Geschäftsführer Stefan Schulz, eine ähnliche Größenordnung wie in den Jahren zuvor. 2014 wurde bei Direktveräußerungen an bisherige Pächter, also Landwirte, die die Flächen bewirtschaften, ein durchschnittlicher Preis von 18.800 Euro pro Hektar erzielt, bei freier Ausschreibung war der Betrag mit 15.900 Euro sogar geringer. Dies habe aber nichts mit einer Schlechterstellung der Landwirte gegenüber Bietern in Ausschreibungen zu tun, sondern mit der unterschiedlichen Zusammensetzung und Qualität der Lose, versicherte Schulz. Auffällig ist jedoch die starke Differenz der von der BVVG ausgehandelten Preise gegenüber dem Durchschnitt aller Agrarland- und Waldverkäufe in Ostdeutschland. Der lag nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2013 bei 10.500 Euro. Der für die ehemals volkseigenen Flächen erzielte Durchschnittspreis lag aber schon damals bei 15.400 Euro, und selbst in Brandenburg, wo die Bodenwerte am geringsten sind, verlangte die BVVG 2013 mehr als 12.000 und im vergangenen Jahr 13.700 Euro je Hektar. 

Für Geschäftsführer Schulz ist das alles ein Resultat von »Angebot und Nachfrage«, zudem seien in die allgemeine Statistik auch die Geschäfte zwischen Privatleuten ohne Ausschreibungen eingeflossen. Die ökonomische Lage der Landwirte, insbesondere derer, die nur Ackerbau betrieben, sei »recht gut«, meinte der BVVG-Chef. Deshalb hätten sie trotz der gepfefferten Preise Interesse am Erwerb. Zudem sei in den alten Bundesländern noch weitaus mehr hinzublättern. Laut Statistischem Bundesamt kostete 2013 ein Hektar Acker in Westdeutschland mehr als 25.000 Euro - aus dortiger Perspektive erscheinen die Preise im Osten also noch attraktiv. 

Begehrlichkeiten hat auch das 2011 in Kraft getretene Zweite Flächenerwerbsänderungsgesetz ausgelöst, mit dem Erben sogenannter Alteigentümer, also im Zuge der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone 1945/46 enteigneter Grundbesitzer, zu sehr günstigen Preisen im Schnitt 30 Hektar Land kaufen dürfen. Begünstigt sind nach diesem Gesetz selbst Verwandte vierten Grades. Von diesem Angebot haben gut 3.000 Nachfahren Gebrauch gemacht. 2.700 dieser Anträge hat die BVVG bereits abschließend erledigt, im vergangenen Jahr gingen 10.500 Hektar Acker- und Grünland an diesen Personenkreis - zu Hektarpreisen von im Schnitt lediglich etwa 2.500 Euro. Denn dem Gesetz zufolge bekommen sie die Flächen für 60 Prozent des Verkehrswerts von Anfang 2004. Außerdem wurde 2014 mit 10.000 Hektar der Löwenanteil der Forstflächen vergünstigt an Erben von »Alteigentümern« verkauft. 

15 Jahre nach Erwerb dürfen diese ihre Schnäppchen übrigens weiterveräußern - schon heute würden sie das Siebenfache des Kaufpreises dafür bekommen, und es steht nicht zu erwarten, dass Ackerland wieder billiger wird. 

Auch der Pachtzins, den die BVVG für die noch von ihr verwalteten Ländereien verlangt, hat erneut kräftig zugelegt. Bei den sogenannten Bestandspachten lag er bei 347 Euro pro Hektar gegenüber 311 im Vorjahr, bei Neuverpachtungen betrug er 433 Euro gegenüber 389. 

Die BVVG selbst verkleinert sich mit dem Herannahen der für das Jahr 2020 geplanten Selbstabwicklung weiter. 2015 werden die Niederlassungen in Neubrandenburg, Cottbus, Halle und Erfurt geschlossen, die Zahl der Mitarbeiter weiter von derzeit 582 auf 536 reduziert. Bislang hat die Gesellschaft knapp 1,47 Millionen Hektar privatisiert. Derzeit verfügt sie noch über gut 191.000 Hektar Acker- und Grünland sowie knapp 20.000 Hektar Forst. 

 

__________________________